Mit Yusuf noch mal jung sein - Vogtland

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Mit Yusuf noch mal jung sein - Vogtland
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Mit Yusuf noch mal jung sein
35 Jahre ist es her, da
verabschiedete sich Cat Stevens, schwarzgelockt und braunäugig, von seinen
Anhängern. Am Samstag gab es in der Berliner O 2-World ein Wiedersehen mit dem
inzwischen vollbärtigen und grauhaarigen Sänger, der nun auch eine Brille trägt.
Berlin/Plauen – Amiga brachte ein Album heraus, dessen Covertext geißelte die kommerziellen
Abgründe des imperialistischen Musikgeschäftes und lobte Stevens als Friedenskämpfer
(Peacetrain!). Wer einst die LP ergattern konnte, war trotzdem überglücklich. Privilegierte mit
Westbeziehungen ließen sich seine Songs schicken; so die unvergessliche „Foreigner Suite“, die
zu hören an langen, heißen Sonntagvormittagen geradezu obligatorisch war.
Fast auf die Minute genau des für 20 Uhr angekündigten Konzertbeginns kommt Cat Stevens
auf die Bühne. Allein. Nur mit Gitarre und seiner Stimme, singt „Lilywhite“. Nach und nach
kommen die Mitmusikanten, und schon bei „First Cut“ ist das Publikum nicht mehr zu halten.
Der Sänger wird getragen von einem jubelnden, begeistert klatschenden, mitsingenden
Publikum. Viele gibt es, die sich nicht schämen, dass ihnen das Wasser in die Augen steigt und
unterschiedlichste Erinnerungen lebendig werden. Cat Stevens, das ist der Sänger auch einer
langhaarigen, bärtigen DDR-Generation, die Jesuslatschen trug, im Sommer nach Polen trampte,
Parka bevorzugte und eine Levi’s solange anhatte, bis sie in Fetzen von den Beinen fiel. Eine
Generation, die alternativ zu leben versuchte und – wenn sie nicht in den Westen ausreiste –
auch irgendwann ihre Träume begrub. Und die es sich nicht im Traum hätte vorstellen können,
im Jahre 2011 (für 75 Euro) in einem Konzert mit Cat Stevens zu sitzen.
Faszinierend ist, dass Cat mit der gleichen Stimme singt, die einst so tiefe Gefühle weckte und
unvergesslich blieb. Was er sich erspart, sind ekstatische stimmliche Ausbrüche; nur leicht
variiert er teilweise die bekannten Hits wie „Father& Son“, „Morning Has Broken“ oder „Wild
World“. Neu ist nach der Pause eine beeindruckende Komposition, die der Komponist nach den
aktuellen Ereignissen in Nordafrika schrieb: „My People“.
Ein jubelndes und pfeifendes Publikum, das es nicht mehr auf den Stühlen hält, schafft es, dass
ein gerührter und sich sichtbar freuender Cat Stevens noch vier Mal auf die Bühne
zurückkommt. Dann ist Schluss. Die Tausende gehen langsam nach draußen. Kaum ein Gesicht,
das nicht verklärt ist vom Konzert, kaum jemand, der nicht dieses stille, glückliche Lächeln vor
sich herträgt. Wer dann noch im Auto von Berlin bis ins Vogtland fährt, hat die großartige
Gelegenheit, über drei Stunden lang Cat Stevens rauf und runter zu hören: von „Where Do The
Children Play“ über „Hard Headed Women“ bis zu „How Can I Tell You“. Immer wieder, weil
man nie genug davon bekommen kann.
Von Lutz Behrens
2011-05-18