Wir rücken die kreativste aller Designdisziplinen

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Wir rücken die kreativste aller Designdisziplinen
TREND
„Eames Plastic Arm
Chair DAW“, 458 Euro (Vitra)
„Vega Chair“ von Jasper
Morrison, 778 Euro (Artifort)
„Morris“, 805 und 756 Euro
(Gebrüder Thonet Vienna)
„8250 Volpino“, 372 Euro
(Kusch + Co)
„FH429 Signature Chair“,
3993 Euro (Carl Hansen & S�n)
Chaiselongue „Genni“,
2618 Euro (Zanotta)
Reedition „Plumy“,
ab 1428 Euro (Ligne Roset)
Lounge Chair „Popsi“,
1708 Euro (Lema)
Klassiker „Frame“ in neuem
Gewand, ab 605 Euro (Arco)
Bitte setzen!
Wir rücken die kreativste aller Designdisziplinen
zurecht – alles, worauf wir uns gerne niederlassen
T E X T U N D R E DA K T ION : F R I E DE R I K E M ECH L E R
„Purkersdorf“ aus der
Recreation Josef Hoffmann,
2337 Euro (Wittmann)
„1085 Edition“,
1967 Euro (Kristalia)
„Marilyn“, ab 1340 Euro
(Bodema)
Schaukelsessel „DS 900“,
ab 4940 Euro (De Sede)
Frank Gehry entwarf „Cross
Check“, 7080 Euro (Knoll)
„Cubica“ in Trendfarbe
Serenity, 1468 Euro (Verzelloni)
„Paper Planes“,
ab 2142 Euro (Moroso)
Stuhl „Bramham“, 5331 Euro
(Promemoria)
„Steelwood Chair“,
ab 405 Euro (Magis)
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verbringen wir so viel Zeit wie im Sitzen.
Doch das war nicht immer so: In vergangenen Jahrhunderten galt das Sitzen als
Privileg und war dem Herrscher vorbehalten,
der auf einem seiner Stellung entsprechend
pompösen Möbelstück thronte. Die Bevölkerung saß lediglich zum Essen und Beten
auf groben Holzbänken. Erst im 18. und
19. Jahrhundert wurde der Stuhl zum stillen
Star gesellschaftlicher Zusammenkünfte.
Technischer Fortschritt und Pioniergeist der
Bauhaus-Ära rückten ihn in den Fokus der
Designer. Heute sitzen wir beim Frühstück,
im Auto, das uns Richtung Bürostuhl fährt,
und abends lehnen wir uns auf dem Loungesessel oder Sofa entspannt zurück. Unsere
Sitzmöbel haben sich ergonomisch wie optisch mit uns weiterentwickelt, sind vom
reinen Funktionsobjekt zum Ausdruck von
Zeitgeist und Lebensgefühl geworden.
Alle Preise unverbindlich
DESIGNEVOLUTION In kaum einer Haltung
Ohrensessel „Gabo“,
ab 3694 Euro (Palau)
Armlehnsessel „Paimio“ von
Alvar Aalto, 2869 Euro (Artek)
„Miller Lounge Chair“,
1599 Euro (Functionals)
„Hug Chair“,
1554 Euro (Arflex)
JUBILÄUM
3
„Costanza“,
986 Euro (Hamilton Conte)
Lounge Chair „Load“,
565 Euro (Billiani)
DINGE, DIE SIE BEIM
KAUF EINES
POLSTERMÖBELS
BEACHTEN MÜSSEN
1.
Überlegen Sie vorab,
wo und wie oft Sie
das Möbel benutzen. Die
Anforderungen sollten
den Preis bestimmen.
Entscheidend ist ein
gutes Beratungsgespräch: Werden meine
Wünsche und Bedürfnisse
berücksichtigt?
Fragen Sie nach
den Materialien und
ihrer Herkunft – sie
bestimmen die Qualität
eines Produkts.
2.
3.
OBEN: Die traditionelle Grundfederung mit Stahlschlangenfedern ist bei den
meisten neuen Modellen noch zu finden. Jedes Kissen wird hinsichtlich Sitzkomfort, Optik und Pflegeeigenschaften nach Kundenwunsch gefertigt und bezogen.
GANZ OBEN: Daunen, Federkern oder Kaltschaum, die Wahl der Materialien entscheidet über den Komfort
HIER WIRD NOCH HAND ANGELEGT
Bis heute verwendet die Möbelmanufaktur Bielefelder Werkstätten handgeflochtene Zylinderfederkerne für die Unterfederung
ihrer Traditionsmodelle. Als Krönung folgt ein Daunenkissen,
denn früher saß man im Polstermöbel und nicht darauf. Weil Daunen Pflege benötigen und täglich aufgeschüttelt gehören,
sind heute meist festere Kissen gefragt. In Bielefeld beherrscht
man beide Varianten. Der Zeitgeschmack mag sich wandeln,
doch auch 60 Jahre nach seiner Gründung steht das Unternehmen für solide handwerkliche Fertigung. Wir gratulieren!
Sofa „Polo Lounge“, ab 3900 Euro
(BW Bielefelder Werkstätten)
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Stelzensofa „David“, ab 1425 Euro (Moya)
INTERVIEW
OBEN UND RECHTS:
Werner Aisslinger
und Partnerin Tina
Bunyaprasit entwarfen für den Stand
des Polsterstofflabels
Kvadrat in der Kölner
Designpost eine
eigene Polstermöbelserie. UNTEN: Designer Werner Aisslinger
Schlafsofa „Veda“, 4152 Euro (Signet)
STÜHLE SCHREIBEN
DESIGNGESCHICHTE
Klären Sie uns auf: Warum möchte jeder Designer
einen erfolgreichen Stuhl entwickeln?
Mein erster Stuhl, der „Juli Chair“ für Cappellini,
war eigentlich der Anfang meiner Karriere. Er kam
1998 ins MoMA. Es war der erste deutsche Stuhl
seit 1964, der dort ausgestellt wurde. Davor gab es
praktisch nur Bauhaus-Stühle. Es ist einfach das
Masterpiece eines Designers.
Sie haben eigens für den Kvadrat-Stand auf der
IMM Cologne Sitzmöbel entworfen. Was ist dabei
die Herausforderung des Designers?
Die Museen sind voller Stühle. Die Kulturgeschichte
und auch die Designgeschichte werden meist am
Sitzen festgemacht. Grundsätzlich am Wohnen, weil
es nach der Mode die zweite Schale des Menschen
ist. Und beim Sitzen ist der Mensch am nächsten
am Alltagsprodukt. Sich damit zu beschäftigen, hat
eine Relevanz. Daher reiben sich die Designer seit
hundert Jahren am Thema Stuhl.
Warum sitzt alle Welt auf Stoffen von Kvadrat?
Weil Kvadrat mittlerweile einfach ein eigener
Qualitätsstandard geworden ist.
Haben Sie einen Lieblingsstuhl?
Ich würde sagen der „Bertoia Chair“. Der ist durch
seine Gitterstruktur praktisch transparent und
bei näherem Hinsehen trotzdem eine Skulptur. Das
ist schon ein tolles Teil.
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Sitzball „Velt“ mit MerinoWollfilz, 349 Euro (VLUV)
Modulsystem „Add“,
ab 1723 Euro (Lapalma)
TREND
Modell „Richard“, 16 473 Euro (B & B Italia)
MIX AND MATCH Mit
Pouf „Softsquare“, ab 131 Euro (Softline)
Um die Ecke: „Palais“, ab 9785 Euro (Wittmann)
Loveseat „Moony“, ab 3720 Euro (Fendi Casa)
der zunehmenden Vielfalt
unserer Lebensmodelle und
dem damit verbundenen
Abschied von der traditionellen Familienkonstellation durchläuft auch
unser Wohnzimmer eine
Metamorphose. Der Salon
galt früher vornehmlich
repräsentativen Zwecken
und war meist mit einem
Ensemble aus Sofa samt
passenden Sesseln bestückt,
komplettiert von einem
niedrigen Tischchen. Heute
sehen wir die Sache lockerer. Auch im Wohnzimmer
darf inzwischen mit Hocker,
Ottomane und Solitärsessel
nach Belieben gepatchworkt werden. Gefragt sind
vor allem Modelle mit
Wandlungspotenzial und
solche, die halb liegende
Positionen begünstigen.
Das klassische Überecksofa
meistert die Trendwende
mittels An- und Umbaumöglichkeiten. Denn der
Wohnbereich gilt als familiäres Wellness-Reich, in
dem nach Lust und Laune
entspannt, gelümmelt
oder gechillt werden darf.
Ledersofa „DS 21“,
ab 5810 Euro (De Sede)
Modulsofa „Thea“, ab 4420 Euro (MDF Italia)
Dreisitzer „Weldon“, 4700 Euro (Marie’s Corner)
Ottomane „Linwood“, 1750 Euro (Marie’s Corner)
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TREND
„Teddy Bear Chair“ von Hans Jørgensen
Wegner, 10 500 Euro (The Box Shop)
Sofa und Sessel „Newtone“,
ab 3230 und 1770 Euro (Moroso)
„Hideout“, ab
3017 Euro (Gebrüder
Thonet Vienna)
RUHEZONE GESUCHT
Offene Raumkonzepte, in denen Küche,
Essplatz und Sofalandschaft ineinander übergehen, setzen architektonische
Maßstäbe. Während sich der Kochbereich zur Eventlocation mausert, der
Essplatz zur Kommunikationsplattform, wächst proportional das Bedürfnis
nach einem Rückzugsort. Die Antwort
sind Sitzmöbel mit hohen Rückenlehnen
und Seitenteilen, die ihre Besitzer nicht
nur abgrenzen, sondern regelrecht in die
gepolsterten Arme schließen.
Schlafsofa „Jason“,
ab 1969 Euro (Softline)
Loveseat „Hug“,
ab 3301 Euro (Arflex)
HANDWERK
SO VIEL HANDARBEIT
STECKT IN DIESEM
BAUHAUS-KLASSIKER
Mit dem „WeißenhofStuhl“ entwarf Mies van
der Rohe den ersten
Freischwinger. OBEN: Für
das Flechten der Sitz- und
Rückenfläche sowie die
Ummantelung der Armlehnen
braucht Hansgert Butterweck
neben Händen und Muskelkraft lediglich Schere, Ahle,
Schlageisen und Messer
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Plötzlich war das Sitzen nicht mehr
starr. Mit einem Gestell aus gepresstem Stahlrohr war Mies van
der Rohes Kragstuhl eine technische Revolution, die ein Gefühl des
Schwingens und Schwebens hervorbrachte. Ein helles Rohrgeflecht
unterstreicht seine Leichtigkeit.
Schon 40 Jahre reeditiert Möbelhersteller Tecta den „Weißenhof-Stuhl“ mit und ohne Armlehnen. Wir haben einem der
letzten deutschen Korbflechtmeister bei der Fertigung über
die Schulter geschaut. Seit Beginn der 90er-Jahre stattet
Hansgert Butterweck dieses Modell mit Naturgeflecht aus.
Pro Stück braucht er einen halben Tag. Die gleichmäßig
abgeschälte Außenhaut der Rotang-Palme wird in Wasser
biegsam gemacht. Bevor er mit dem Flechten beginnt, werden die 15 Längsfäden an einem Rattansteg angebunden.
Für die Bauhaus-Modelle wird die Naturrohrschiene doppelt
verwendet. Das erhöht die Haltbarkeit. Mehr dazu im Kragstuhlmuseum Lauenförde. www.tecta.de/kragstuhlmuseum
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ezugsquellen
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