Leseprobe - STARK Verlag

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Grundkurs Deutsch (Schleswig-Holstein) – Übungsaufgabe 1:
Interpretation eines literarischen Textes
Arbeitgrundlage:
Clemens Brentano, In der Fremde
Bertolt Brecht, Finnische Landschaft
Aufgaben:
Erschließen Sie die beiden folgenden Gedichte von Clemens Brentano und Bertolt
Brecht! Erarbeiten Sie in einer vergleichenden Interpretation die jeweilige Gestaltung
des Motivs der Fremde und zeigen Sie dabei auch die epochen- und zeittypischen
Merkmale auf!
Text A: Clemens Brentano (1778 –1842)
In der Fremde (1810 –1812)
Weit bin ich einhergezogen
Über Berg und über Thal
Und der treue Himmelsbogen
Er umgiebt mich überall.
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Unter Eichen unter Buchen
An dem wilden Wasserfall
Muß ich nun die Herberg suchen
Bei der lieb Frau Nachtigall
Die in brünstgem1 Abendliede
Ihre Gäste wohl bedenckt
Biß sich Schlaf und Traum und Friede
Auf die müde Seele senckt.
Und ich hör dieselben Klagen
Und ich hör dieselbe Lust
Und ich fühl das Herz mir schlagen
Hier wie dort in meiner Brust
Aus dem Fluß, der mir zu Füßen
Spielt mit freudigem Gebraus
Mich dieselben Sterne grüßen
Und so bin ich hier zu hauß.
1
brünstig hier im Sinne von inbrünstig
1
Text B: Bertolt Brecht (1898 –1956)
Finnische Landschaft1 (Juli 1940)
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Fischreiche Wässer! Schönbaumige Wälder!
Birken- und Beerenduft!
Vieltoniger Wind, durchschaukelnd eine Luft
So mild, als stünden jene eisernen Milchbehälter
Die dort vom weißen Gute rollen, offen!
Geruch und Ton und Bild und Sinn verschwimmt.
Der Flüchtling sitzt im Erlengrund und nimmt
Sein schwieriges Handwerk wieder auf: das Hoffen.
Er achtet gut der schöngehäuften Ähre
Und starker Kreatur, die sich zum Wasser neigt
Doch derer auch, die Korn und Milch nicht nährt.
Er fragt die Fähre, die mit Stämmen fährt:
Ist dies das Holz, ohn das kein Holzbein wäre?
Und sieht ein Volk, das in zwei Sprachen2 schweigt.
1 Seit April 1940 – nach Aufenthalten in Frankreich, der Schweiz und Schweden – befand sich
Brecht im Exil in Finnland.
2 Die Landessprachen der Finnen sind Finnisch und Schwedisch.
Texte aus: Clemens Brentano, Sämtliche Werke und Briefe. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 17,
hrsg. v. J. Behrens, W. Frühwald u. D. Lüders, Berlin, Stuttgart, Köln, Mainz 1983, S. 128 f.
Bertolt Brecht, Gedichte 2. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 12,
hrsg. v. W. Hecht, J. Knopf, W. Mittenzwei u. K.-D. Müller, Frankfurt am Main 1988, S. 110
Lösungsvorschlag
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Die Gliederung der Arbeit ist mit der Fragestellung vorgegeben. Bei beiden Gedichten ist der Inhalt nur durch die Untersuchung der sprachlichen Gestaltung genau zu
erfassen. Beim Aufgabentyp „Gedichtvergleich“ müssen Sie zunächst untersuchen, in
welcher Hinsicht die beiden Texte miteinander verglichen werden können: Thema,
Motive, Form, Aussageabsicht, Autor beziehungsweise Autorin können solche Vergleichskriterien liefern. In dieser Aufgabe wird das Motiv der Fremde als Vergleichsaspekt vorgegeben.
Die Erstellung eines Schreibplans ist ratsam. Die beiden Gedichte werden einzeln,
eines nach dem anderen in einer selbst gewählten Reihenfolge interpretiert. Im Anschluss daran erfolgt der Vergleich der beiden Texte. Um Wiederholungen zu vermeiden, ist hier ein aspektorientiertes Vorgehen sinnvoll. Sie sollten bereits bei der
Deutung der einzelnen Gedichte den Aspekt der Fremde und des Exils herausarbeiten, um dann beim abschließenden Vergleich pointiert die beiden Darstellungsweisen einander gegenüberstellen zu können. Explizit gefordert ist eine literaturgeschichtliche Verortung der beiden Texte, für die Sie auf Ihr Hintergrundwissen zu2
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rückgreifen müssen. Clemens Brentano wird Ihnen als romantischer Autor bekannt
sein, sodass Sie gezielt die typisch romantischen Merkmale in seinem Text suchen
können. Vor dieser Folie fällt es Ihnen zudem leichter, die Gestaltungsmittel moderner Lyrik, wie sie Brecht einsetzt, zu beleuchten.
Denken Sie daran, Auffälligkeiten in der sprachlichen Gestaltung mit der Deutung
des Inhalts zu verknüpfen.
Der Verlust der Heimat und das Gefühl des Fremdseins ist eines
der großen Themen der Weltliteratur. Dabei haben Dichter, die aus
politischen oder persönlichen Gründen ihre Heimat verlassen mussten, ihre Exilsituation oft in lyrischen Texten behandelt. Im Folgenden sollen zwei Gedichte besprochen werden, die zwar dasselbe
Thema haben – der Aufenthalt eines lyrischen Ichs in der Fremde –
dieses jedoch ganz unterschiedlich gestalten. Auch die Rahmenbedingungen, die jeweils zu dem Exil geführt haben, sind andere.
Das Gedicht „In der Fremde“ von Clemens Brentano zeigt eine
sehr einfache Form: Sie besteht aus fünf Liedstrophen, die durch
Kreuzreime mit wechselnd weiblicher und männlicher Kadenz, ein
fallendes Metrum (trochäisch) mit vier Hebungen, gleichmäßig alternierend, bestimmt werden.
Der fließende Rhythmus ist durchgehalten bis auf die beiden letzten
Verse: In Vers 19 erfährt „Mich“ eine besondere Betonung, weil es
gegen die syntaktische Erwartung die Verbstelle im Satz besetzt, in
Vers 20 liegt ein schwebender Akzent auf „so“.
Ebenso übersichtlich erscheint der Gedankengang: Der lyrische
Sprecher nennt seine Situation: Er muss nach einer Wanderung im
Freien übernachten, die Nachtigall empfindet er als liebevolle Wirtin, er hört ihr Lied. In diesem Lied erkennt er Empfindungen, die
seinen eigenen gleich sind, und aus der Betrachtung der sich im
Wasserfall spiegelnden Sterne gewinnt er Geborgenheit.
Die Überschrift „In der Fremde“ und die korrespondierenden Anfangs- und Schlussverse („Weit bin ich einhergezogen“ – „so bin
ich hier zu hauß“) lassen zunächst vermuten, dass das lyrische Ich
auch in der Fremde zur Ruhe kommt bzw. ein Zuhause findet. Die
Mittelstrophe bildet mit der Hervorhebung von Schlaf und Friede
den Höhepunkt.
Aus der folgenden sprachlichen Untersuchung wird sich jedoch
ergeben, dass die Situation des lyrischen Sprechers keineswegs eindeutig zu bestimmen ist und immer wieder im Gegensatz zur bewusst einfachen Gestaltung steht.
Entsprechend dem volksliedhaften Ton des Gedichts werden Gefühle nur angedeutet; ebenso schlicht ist die Ausgestaltung etwa
mit Adjektiven. Gerade jedoch die Untersuchung der Adjektive
kann ein Weg sein zur Annäherung an die eigentliche Aussage.
3
Text A
Form und Aufbau
Situation des
lyrischen Ich
Inhalt und
sprachliche
Gestaltung

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