Einführung in die Linguistik Butt / Eulitz / Wiemer Syntax III

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Einführung in die Linguistik Butt / Eulitz / Wiemer Syntax III
Einführung in die Linguistik
Butt / Eulitz / Wiemer
Syntax III
Syntaktische Regeln —Zur Erinnerung
Letztes Mal:
"
1) Syntaktische Regeln beschreiben die
"
grammatischen Sätze einer Sprache.
"
2) Die simplen und abstrakten Regeln können "
"
unendliche viele Sätze generieren.
"
3) Grössere Einheiten werden von Konstituenten
"
gebildet, die auch als solche in dem Regelwerk
"
zusammengefasst werden (z.B. NP, VP, PP, CP).
S ! NP VP
VP! V (NP) PP*
NP ! (D) Adj* N
Syntaktische Regeln: Derivation
Frage: wie stelle ich fest, ob ein Satz grammatisch ist?
D.h., wie gehe ich vor, um zu überprüfen, ob
ein Satz durch das Regelwerk abgedeckt ist?
Antwort: ich nehme mein gegebenes Regelwerk und
beweise durch Ableitung (Derivation) der einzelnen Regeln,
dass der Satz von den Regeln abgeleitet werden kann.
CP ! C S
VP ! V CP
PP ! P NP
Syntaktische Regeln: Derivation
Nehmen wir mal an, dass die Sprache Kleinenglisch von
genau diesem Regelwerk beschrieben werden kann:
CP ! C S
S ! NP VP
VP ! V CP
VP! V (NP) PP*
NP ! (D) Adj* N
PP ! P NP
Nehmen wir weiterhin an, dass Kleinenglisch nur die
folgenden Worte im Lexikon hat (d.h., es hat nur diese
Worte zur Verfügung).
cat, dog, tiger, monkey, wall, telescope!
!
!
the, a! !
!
!
!
!
!
!
sees, saw, chases, chased, thinks, thought, sleeps, slept !
that! !
!
!
!
!
!
!
in, on, with, under, over !
!
!
!
!
small, grey, large, nice, hungry!
!
!
!
N
D
V
C
P
A
Syntaktische Regeln: Derivation
Syntaktische Regeln: Derivation
Frage: Ist der folgende Satz ein grammatischer Satz des
Kleinenglischen?
The cat chased a dog.
S ! NP VP
VP! V (NP) PP*
NP ! (D) Adj* N
The cat chased a dog.
CP ! C S
VP ! V CP
PP ! P NP
?
cat, dog, tiger, monkey, wall, telescope!
!
!
the, a! !
!
!
!
!
!
!
sees, saw, chases, chased, thinks, thought, sleeps, slept!
that! !
!
!
!
!
!
!
in, on, with, under, over !
!
!
!
!
small, grey, large, nice, hungry!
!
!
!
N
D
V
C
P
A
Syntaktische Regeln: Derivation
VP
D! N ! V!
!
The ! cat ! chased !
!
D! N ! V!
!
The ! cat ! chased !
D!
a!
N
dog.
N
D
V
C
P
A
N
dog.
!
Die syntaktische Ableitung/Derivation eines Satzes kann also sehr
praktisch als Baum visualisiert werden.
S
Diese
Visualisierungsmöglichkeit
wurde in den 60er/70er
Jahren in der Linguistik
NP
sehr populär und gewann
eine eigene Realität.
VP
D! N ! V!
!
The ! cat ! chased !
NP
D!
a!
cat, dog, tiger, monkey, wall, telescope!
!
!
the, a! !
!
!
!
!
!
!
sees, saw, chases, chased, thinks, thought, sleeps, slept!
that! !
!
!
!
!
!
!
in, on, with, under, over !
!
!
!
!
small, grey, large, nice, hungry!
!
!
!
Syntaktische Regeln: Derivation
Zweiter Schritt: feststellen, ob die Regeln den Satz
zulassen.
CP ! C S
S ! NP VP
VP ! V CP
VP! V (NP) PP*
NP ! (D) Adj* N
PP ! P NP
S
NP
Erster Schritt: im Lexikon nachsehen (lexical lookup), ob
es die Wörter überhaupt gibt.
Man spricht heute von syntaktischen Bäumen.
NP
D!
a!
N
dog.
Syntaktische Bäume
Syntaktische Bäume bringen sehr schön zum Ausdruck:
1) Konstituentenstruktur
2) Universelle syntaktische Regelmäßigkeiten
In den 70er Jahren, als in der generativen Syntax intensiv mit
syntaktischen Bäumen gearbeitet und experimentiert wurde,
baute man sehr schnell (ausversehen) undurchdringliche
Dickichte (irrwitzige, komplizierte Bäume).
Aber es war auch klar, dass man syntaktische Prinzipien
herausarbeiten konnte, die aus dem Dickicht wieder gute
linguistische Erklärungen produzieren könnten:
X’-Theorie (beinhaltet Kopfprinzip,
Spezifikator/Komplement, Adjunktion)
Syntaktische Bäume: Prinzipien
Intensive Forschung in den 70er Jahren ergab, dass die
syntaktische Struktur von Sprachen universell dem X’-Prinzip
unterliegt.
Syntaktische Bäume: Prinzipien
Zur Erinnerung nochmal die ursprünglichen syntaktischen Regeln:
CP ! C S
VP ! V CP
PP ! P NP
S ! NP VP
VP! V (NP) PP*
NP ! (D) Adj* N
Jede Phrase (Konstituente) hat immer ein Element, dass
obligatorisch ist, und dass den Typ der Phrase bestimmt.
Dies ist der Kopf der Phrase:
VP — V, "
NP — N, "
CP — C, "
PP — P
S scheint eine Ausnahme zu sein.
Fragen: !
!
!
Ist diese Ausnahme richtig?
Ist die Kopfgeneralisierung richtig?
Phrasenaufbau
maximale Projektion
einfache Phrase:
NP
(X’ wird ausgesprochen “X bar” und eigentlich X geschrieben,
aber das ist typograpisch meist zu schwierig zu produzieren).
N'
X’-Theorie: Alle Phrasen projizieren nach dem X’-Schema
Zwischenprojektion
X — X’ — X’’(=XP)
N
Also:
V — V’ — VP"
N — N’ — NP
P — P’ — PP
C — C’ — CP
Wortform
Erfindung
Kopf
Projektionen
Phrasenaufbau
Frage: Wozu braucht man die Zwischenprojektion?
maximale Projektion
komplexere Phrase:
Antwort: Phrasen können komplex sein und die
Zwischenprojektion erlaubt eine Verzweigung, um weiteres
Material unterbringen zu können.
NP
Zwischenprojektion
Einfache Phrase: Erfindung
Kategorie?
N'
Spezifikator
N
Petras
Komplexere Phrase: Petras Erfindung
Noch komplexere Phrase: Petras Erfindung eines
Hundestreichlers
Noch komplexere Phrase: Petras geniale Erfindung eines
Hundestreichlers
...
Kopf
Erfindung
Was immer auch in der
Spezifikator Position ist,
spezifiziert den Kopf genauer
(d.h., liefert mehr
Informationen über den Kopf).
Phrasenaufbau
komplexere Phrase:
maximale Projektion
NP
jede Phrase hat einen
(und nur einen) Kopf
Zwischenprojektion
N?
Petras
Spezifikator
N'
N
Erfindung
Kopfprinzip:
Kopf
Endozentrizität
jeder Kopf projiziert
zu einer Phrase
der Kopf bestimmt die kategoriellen
Merkmale der Phrase
Phrasenaufbau
Phrasenaufbau
komplexere Phrase:
komplexere Phrase:
NP
N?
Petras
Spezifikator
Wenn Petras ein simples N
ist, dann hat diese Phrase
zwei Köpfe und das geht
(im Normalfall) nicht
(Kopfprinzip).
N'
NP
N
Erfindung
Erfindung
Phrasenaufbau
Phrasenaufbau
Also eigentlich:
NP
Weil es umständlich ist, immer
alle Projektionsebenen
auszubuchstabieren, wird oft
abgekürzt:
Noch komplexere Phrase:
NP
NP
NP
N'
NP
N’
N
Petras
Erfindung
N’
NP
N
N
Petras
N'
NP
Petras
Spezifikator
N
Man kann zeigen, dass
Petras eine eigene
Nominalphrase bildet (z.B.
[NP [NP des kleinen Vogels]
Nahrung], [NP [NP the small
dogs] food])
N’
Das Komplement einer Phrase
funktioniert oft als ein Argument
der Phrase: z.B. was hat Petra
erfunden? — einen Hundestreichler
(sehr oft kann man das Komplement
as Objekt analysieren).
N
Erfindung
Petras
Erfindung
Komplement
Kategorie?
eines Hundestreichlers
Generelles zu Bäumen
Eine vollständige Phrase:
1) Ein Knoten, der sich weiterverzweigt wird “Mutter” genannt.
2) Die Zweige/Äste eines Knotens werden “Töchter” genannt.
3) Wenn eine Mutter mehr als eine Tochter hat, dann sind diese
Töchter natürlich Schwestern.
NP
Spezifikator
NP
Komplement
N’
NP
N
NP
NP
Kopf
Petras
Generelles zu Bäumen
Hier hat N’ zwei Töchter: N und NP.
Die Komplement NP ist die Schwester von N
(und N ist die Schwester der Komplement NP).
NP
NP
Komplement
N
NP
Kopf
Petras
N’ die Spezifikator NP ist die Schwester von N’
(und N’ ist die Schwester von der Spez. NP)
N
Erfindung eines Hundestreichlers
N’
NP hat 2 Töchter: NP und N’
Erfindung eines Hundestreichlers
Knoten, die sich nicht weiter verzweigen können, sind terminale
Knoten (Blätter des Baumes): Petras, Erfindung, eines,
Hundestreichlers
Petras
N’ hat nur eine Tochter: N
Erfindung
Vergleich zur Phonologie: Silbenstruktur
Phonologie:
Die Bestandteile einer Silbe sind: Onset, Nucleus und Coda.
Obligatorisch ist nur der Nucleus.
Syntax:
Die Bestandteile einer Phrase sind: Spezifikator, Kopf und
Komplement.
Obligatorisch ist nur der Kopf.
nur Nukleus:
nur Kopf:
NP
!
N'
R
N
N
Kopf und
Komplement:
Nucleus
und Coda:
NP
!
N’
R
N
NP
N
Ei
Erfindung
Erfindung eines Hundestreichlers
Ei
C
n
Klärung noch anstehender Fragen
Kopf und
Spezifikator
Nucleus
und Onset
1) Was ist mit Adjunkten wie geniale in dem folgenden Satz?
Petras geniale Erfindung eines Hundestreichlers
!
R
NP
NP
N’
O
N
b
ei
N
Petras
Erfindung
2) Wir haben jetzt die folgenden Wortarten im X’-Schema:
!
N, V, C, P
Was ist mit anderen Wortarten, folgen die auch dem X’Schema?
3) Was ist mit der Kategorie S? Die hatte keinen Kopf und
folgte nicht dem X’-Schema, soll man sie trotzdem beibehalten?
!
!
S -> NP VP
Adjunktion
APs
Adjungiert werden können maximale Phrasen (Projektionen) an
andere Phrasen (X’ und XP).
NP
NP Adjunk-
Man kann zeigen, dass Adjektive tatsächlich auch nach dem X’Schema projizieren.
N’
NP
tion
AP
AP
Spezifikator
N
Komplement
A’
Kopf
NP
CP
A
NP
C
Petras
geniale Erfindung eines Hundestreichlers
drei Meter
Wortarten
länger
als
die Tür
Wortarten
Weil ich oft mit dem alten Mann nur geredet habe
Wir haben jetzt die folgenden Wortarten im X’-Schema:
!
N, V, C, P, A
Was ist mit anderen Wortarten, folgen die auch dem X’-Schema?
weil
Konjunktion
nur
Partikel
ich
Pronomen
geredet Verb
oft
Adverb
habe
mit
Präposition
dem
Artikel
alten
Adjektiv
Mann
Nomen
Auxiliar
Projektion
Wichtige Wortarten und syntaktische
Kategorien
traditionelle Wortarten!
!
Syntaktische Kategorien:
Nomen
Hans, Lied, Einhorn, Glaube...
N
Pronomen
er, sie, wer, dieser ...
N (Pro)
Verben
singen, tanzen, denken, meinen...
V
Adjektive
schön, gelb, bestechlich, ...
A
Präpositionen
auf, unter, über, ...
P
Artikel
der, die das, ein, ...
D
Adverbien
schnell, langsam, vorsichtig, ...
ADV
Konjunktionen dass, ob, weil, während, ...
(subordinierende)
Partikel
wohl, doch, schon, ja, ...
PRT
Auxiliare
I (Aux)
haben, sein
C
Projektion
Andere syntaktische Theorien sind sich nicht so sicher (z.B. die
Lexical-Functional Grammar (LFG)).
Stärkste theoretische Position: ALLE syntaktischen
Kategorien projizieren nach dem X’-Schema.
Wenn man diese Position einnimmt, folgt auch, dass ALLE
syntaktischen Bäume sich maximal binär verzweigen (also nur 2
Äste, genauso wie die Bäume, die wir für morphologische
Analysen angenommen haben).
Die starke theoretische Position wird von einer bestimmten
Richtung in der Syntax angenommen: Government-Binding
(GB) und die Weiterentwicklung Minimalist Program (MP=Dt.
Minimalismus).
Lexikalische Kategorien
(“Inhaltswörter”)
•" N, V, A sind typische Vertreter dieser Klasse
Bei D (Artikel) scheiden sich die Geister.
•" Worte von diesem Typ haben einen Inhalt, der auf etwas in der
Welt deutet (Personen, Länder, Dinge), oder Aktionen (z.B.
geben, lachen, trinken) oder Eigenschaften (z.B. grün, klein)
beschreiben.
Bei PRT (Partikel) ist sich noch keiner so richtig sicher.
•" Diese Worte bilden offene Klassen (d.h., man kann immer neue
Wörter sehr schnell dazu erfinden, z.B. Handy, einloggen).
Eine weitere wichtige Unterscheidung, die eine Rolle spielt, ist
die Unterteilung in lexikalische vs. funktionale Kategorien.
•" P steht ein wenig zwischen den Welten, Präpositionen
beschreiben zwar Relationen in der Welt (z.B., unter, in), bilden
aber eine geschlossene Klasse (d.h., neue Präpositionen gibt es
erst nach jahrzehnte- oder jahrhundertelangem Sprachwandel).
Allgemein unbestritten sind: V, N, P, A, ADV, C, I
Funktionale Kategorien
(“Funktionswörter”)
Funktionale Projektionen
•" C, I, D sind typische Vertreter dieser Klasse
•" Das nächste Mal: wie projizieren I, D (und C)?
•" Worte von diesem Typ haben keinen oder wenig Inhalt, der
direkt was in der Welt beschreibt. Es werden eher grammatisch
relevante Informationen ausgedrückt, z.B.
" Und was ist mit S? (Die Fragen hängen zusammen.)
! !
Tempus/Zeit durch Auxiliare (I),
! !
Art der Relation zum Hauptsatz durch Konjunktionen (C),
! !
Definitheit des Nomens durch Artikel (D)
•" Diese Kategorien bilden geschlossene Klassen (d.h., neue Cs, Is
und Ds gibt es erst nach jahrzehnte- oder jahrhundertelangem
Sprachwandel).