Analyse von Sturzereignissen

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Analyse von Sturzereignissen
HeilberufeSCIENCE
WISSENSCHAFTLICHE KURZMITTEILUNG
Analyse von Sturzereignissen in einer
stationären Pflegeeinrichtung
Ingolf Adner1, Jörg Klewer2
Einleitung
Zusammenfassung
„Non sunt in senectute vires“ – „im Alter
fehlen die Kräfte“ bemerkte Cicero vor
2000 Jahren in seinem Werk: „De senectute“ [4]. Jeder zweite Bewohner von Alten- und Pflegeheimen stürzt in der Regel
einmal jährlich und 30 % der Bewohner
sogar mehrmals pro Jahr [2]. Für die Behandlung von Sturzfolgen im Alter werden
in Deutschland jährlich 2,1 bis 3,8 Mrd.
Euro ausgegeben [7]. Neben den unmittelbaren Verletzungsfolgen kann ein Sturz
auch Schmerz, Bewegungseinschränkungen und Angst vor weiteren Stürzen bewirken. Letztlich können Stürze auch zum
Tod führen, Verletzungen nach Stürzen
stehen an sechster Stelle der Todesursachen bei über 65-jährigen Menschen [3].
Aus pflegefachlicher Sicht besteht somit
die dringende Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit der Vermeidung von
Sturzereignissen und den sich bietenden
prophylaktischen Möglichkeiten [5]. In
diesem Kontext wird der Einsatz des Tinetti-Tests im Expertenstandard „Sturzprophylaxe in der Pflege“ kritisch bewertet
[5, 9].
Einleitung und Zielstellung: Aufgrund der steigenden Anzahl von Bewohnern in
stationären Pflegeeinrichtungen, steigt das absolute Risiko für Sturzereignisse.
Zielstellung: Es sollten die Ursachen von Sturzereignissen bei Pflegeheimbewohnern untersucht werden.
Methodik: Die Untersuchung fand in einer stationären Pflegeeinrichtung mit insgesamt 132 Bewohnern statt. In einer Vollerhebung wurden 125 Sturzereignisprotokolle eines Jahres ausgewertet.
Ergebnisse: Bei den Gestürzten handelte es sich zu 80% um mobile Bewohner der
Pflegestufen I und II und zu 70,5% um Frauen. Die Stürze ereigneten sich vor allem
nachmittags und in der Nacht und unbeobachtet in den Bewohnerzimmern. Von
den Gestürzten trugen circa 38% eine Hüftschutzhose. Das Assessmentinstrument
nach Tinetti zeigte bei der Bewertung der Risiken eine geringe Responsitivität.
Diskussion: Aus den gewonnenen Informationen kann ein bewohnerbezogenes Risikoprofil erstellt werden. Die Beurteilung des Sturzrisikos nach Tinetti erwies sich
als wenig geeignet.
Schlüsselworte: Pflegeheim, Sturzrisiko, Sturzprophylaxe, Sturzereignis,
Sturzrisikoassessment nach Tinetti
Analysis of falls in a nursing home
Summary
Background: Due to the rising number of residents in nursing homes, the absolute
number of falls is increasing.
Aims: Analysis of fallings in nursing home residents.
Methods: The study was performed in a nursing home with 132 residents. All 125
events of falling reported within one year have been analysed.
Results: About 80% of the fallen residents were able to walk around, and they have
been classified to impairment levels I or II. 70,5% of them were females. Falls occurred primarily in the rooms of the residents, mainly in the afternoon and during
night time. Most of the falls were not directly observed by the nursing staff. 38% of
the fallen residents did wear hip protecting devices. Assessments on the risk of falling
by using the Tinetti scale presented a low responsitivity.
Discussion: The results are useful to develop a risk-profile for the residents. The use
of the Tinetti scale to assess the risk of falling could not be recommended.
Zielstellung
Ziel der Studie war es, durch die Analyse
von Sturzereignissen deren Ursachen zu
ermitteln und die Sturzereignisse in Bezug
zur jeweiligen Einschätzung des Sturzrisikos nach Tinetti zu setzen.
Keywords: nursing home, risk of falling, prevention of falling, falling, Tinetti scale
to assess the risk of falling
HeilberufeSCIENCE 2011; 2 (1): 38–40
DOI 10.1007/s16024-011-0109-5
38
1
2
Studiengang Pflegemanagement, Studienzentrum Dresden, Hamburger Fern-Hochschule
Fakultät Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Westsächsische Hochschule Zwickau
HeilberufeSCIENCE 2011 · No. 1
Adner I et al. Analyse von Sturzereignissen
Abb. 1
Anzahl Bewohner
Vergleich gestürzte Bewohner zur Gesamtbelegung
40
30
21
20
10
0
35
32
6
1 1
1 1
3
55-59
60-64
65-69
10
1
70-74
75-79
13
12
12
7
80-84
6
5
5
85-89
90-94
95-99
1 1
100-104
Altersspanne in Jahren
Gestürzte Bewohner
Gesamtzahl Bewohner
Anzahl der gestürzten Bewohner pro Altersgruppe
Ergebnisse
Geschlecht, Alter, Pflegestufe und
Sturzhäufigkeit
Insgesamt 70,5% der 132 Bewohner waren weiblich. Von den 125
dokumentierten Stürzen waren Frauen 2,7- und Männer 3,6-mal
betroffen. Das durchschnittliche Alter der gestürzten Bewohner
lag bei 84,2 Jahren. Die Sturzhäufigkeit stieg bis zum Alter von 80
bis 84 Jahren an (Abb. 1).
Von den 125 Stürzen entfielen 35,2 % auf Bewohner mit Pflegestufe I, 44,0% auf Bewohner mit Pflegestufe II und 20,8% auf
Bewohner mit Pflegestufe III. Bewohner ohne Pflegestufe stürzten
nicht. Bewohner mit den Pflegestufen I und II stürzten mit circa
80% der Ereignisse am häufigsten. Zwischen Geschlecht, Alter,
Pflegestufe und Sturzhäufigkeit fanden sich keine signifikanten
Zusammenhänge.
Zeitpunkt und Ort der Stürze
Die Sturzereignisse fanden vor allem in den Bewohnerzimmern
statt, seltener auf dem Flur beziehungsweise in den Nasszellen. Es
zeigte sich, dass das Risiko eines Sturzes im Spätdienst höher und
im Frühdienst niedriger war (Abb. 2). Ein signifikanter Zusam-
HeilberufeSCIENCE 2011 · No. 1
menhang zwischen Sturzzeit und der Sturzhäufigkeit konnte nicht
festgestellt werden.
Bewohnerbezogene Risikofaktoren
Häufigste bewohnerbezogene Risikofaktoren waren Seh- und Hörschwäche (84,8%), Demenz, Depression (84,0%), gebeugte Körperhaltung (72,8%) und Herzinsuffizienz beziehungsweise andere
chronische Erkrankungen (71,2%). Vorhandene vorrangige medikamentöse Einflüsse waren Psychopharmaka (88,8%), Antihypertonika/Antiarrhythmika (68,0%) und Diuretika (57,6%).
Zusammenhänge zwischen bewohnerbezogenen Risikofaktoren beziehungsweise Medikation und Sturzhäufigkeit fanden
sich nicht.
Assessment mittels „Tinetti-Test“
Die mittels „Tinetti-Test“ ermittelten Punkte ergaben folgende
Kategorien [8]:
Abb. 2
Stürze im Tagesverlauf
14
12
Anzahl der Stürze
Methodik
Die Untersuchung wurde in einem sächsischen Pflegeheim mit 81
Bewohnerplätzen in drei Wohnbereichen durchgeführt. Durchschnittlich standen sechs Betten im Untersuchungszeitraum leer.
Das Durchschnittsalter der Bewohner lag bei 83,7 Jahren. In einer
Vollerhebung wurden alle 125 Sturzprotokolle eines zwölfmonatigen Zeitraums analysiert. Zusätzliche relevante Daten aus der
Pflegeplanung und Ergebnisse des Sturzrisiko – Assessmentinstruments „Mobilitätstest nach M. Tinetti“ wurden einbezogen.
Die Einschätzung des Sturzrisikos durch den „Tinetti-Test“ wurde
generell bei jeder Aufnahme und halbjährlich von Pflegefachkräften durchgeführt. Bei den schließenden statistischen Verfahren
wurde ein Signifikanzniveau von 5 % festgelegt [6].
10
8
6
4
2
0
6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 0 1 2 3 4 5
Uhrzeit
Zeitliche Verteilung der Sturzhäufigkeiten
39
Adner I et al. Analyse von Sturzereignissen
Tab. 1
Einschätzung gemäß „Tinetti-Test“ vor dem Sturz und
Sturzhäufigkeit der jeweiligen Bewohner
Mobilität /
Anzahl der Stürze
1
2
3
4
5
6
7
8
9 Summe
Keine Angabe
7
3
2
3
0
0
0
1
0
16
Deutlich
eingeschränkt
10
12
10
6
6
6
4
3
2
59
Mäßig
eingeschränkt
9
5
3
1
1
0
0
1
0
19
Leicht
eingeschränkt
9
2
3
2
3
2
1
0
0
22
Nicht oder kaum
eingeschränkt
7
1
0
1
0
0
0
0
0
9
42
23
18
13
10
8
5
5
2
125
Summe
nisse am Vormittag [8]. Gegebenfalls resultiert dies aus anderen
organisatorischen Abläufen.
Der „Tinetti-Test“ erwies sich in der Studie als ein wenig geeignetes Instrument zur Erfassung des Sturzrisikos bezüglich Mobilität und Gleichgewicht, da die Einschränkungen der Mobilität
nur in geringem Bezug zur Anzahl der erfolgten Stürze standen.
Aufgrund dieser geringen Auswirkung der ermittelten Punkte
zum Sturzrisiko auf die Pflegeplanung stellt sich die Frage, ob der
zusätzliche Einsatz des Sturzrisikoassessments „Mobilitätstest
nach Tinetti“ [9] neben der Einschätzung des bewohnerbezogenen
Sturzrisikos im Sinne des Expertenstandards „Sturzprophylaxe in
der Pflege“ [5] noch sinnvoll ist. In der Untersuchungseinrichtung
wurde daher auf den weiteren Einsatz verzichtet.
Literatur
1. Becker C. Alles eine Frage des Managements. Projekt zur Sturz- und Frakturprävention. Altenheim. Lösungen fürs Management 2010; 49/8: 19
z 0– 9 Punkte: Mobilität deutlich eingeschränkt,
Sturzrisiko, Hilfsmittel nötig
z 10– 14 Punkte: Mobilität mäßig eingeschränkt
z 15 – 20 Punkte: Mobilität leicht eingeschränkt,
Sturzrisiko gering
z 21–28 Punkte: Mobilität kaum eingeschränkt
2. Becker C et al. In: Ulmer Modellvorhaben. „Verminderung von sturzbedingten Verletzungen bei Alten- und Pflegeheimbewohnern“. Ulm: Erster
Jahresbericht. 1999; 5: 66
3. Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.).
Vierter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik
Deutschland. Berlin: Bundestags – Drucksache 14/8822, 2002: 174
4. Cicero MT. Cato maior de senectute. In: Merklin H, Hrsg. Cato der Ältere
Fast die Hälfte aller Stürze entfiel auf Bewohner mit „deutlich eingeschränkter Mobilität“ (Tab. 1). Bei dieser Gruppe mit den entsprechend meisten Einschätzungen war eine Abnahme der Sturzereignisse erst nach dem dritten Sturz im Erfassungszeitraum erkennbar. Von den Bewohnern mit niedrigeren Risiken stürzten
bereits beim zweiten Sturzereignis wesentlich weniger. Die Anzahl
der Folgestürze nahm mit jedem weiteren Sturzereignis ab.
über das Alter. Lateinisch / Deutsch. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH &
Co, 1998: 53
5. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.). Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege. Entwicklung – Konsentierung –
Implementierung. Osnabrück: DNQP, 2006: 23
6. Diaz – Bone R (Hrsg.). Statistik für Soziologen. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2006: 162
7. Heinrich S. Was Stürze und ihre Prävention kosten. Altenheim. Lösungen
Maßnahmen zur Sturzprävention
Meist wurden gemäß den Sturzprotokollen mehrere Maßnahmen
zur Sturz- beziehungsweise Frakturprophylaxe gleichzeitig angewandt. So trugen 37,6 % der Gestürzten eine Protektorhose von
denen 16,0 % zusätzlich Hilfsmittel oder Noppensocken benutzten. Bei zwölf Bewohnern kamen keine Hilfsmittel zum Einsatz beziehungsweise erfolgte keine Angabe. Zu drei hüftnahen
Frakturen kam es in einem Fall trotz Einsatz von Protektorhose,
im zweiten Fall unter Zuhilfenahme des Rollators und der dritte
Bewohner gehörte zu der Gruppe, die sämtliche Hilfsmittel ablehnten.
Diskussion
Auch wenn die Ergebnisse primär nur einrichtungsbezogen gelten, so decken sich die Ergebnisse bezüglich der gestürzten Heimbewohner zum Teil mit denen vorangehender Untersuchungen
[8], da auch in der vorliegenden Studie die gestürzten Heimbewohner vorwiegend weiblich, über 80 Jahre alt und den Pflegestufen I beziehungsweise II zuzuordnen waren. Jedoch fand sich in
der vorliegenden Untersuchung keine Häufung der Sturzereig-
40
fürs Management. 2010; 49/8: 22–23
8. Simke K, Buttler M, Klewer J. Sturzmanagement in der stationären Pflege,
HeilberufeSCIENCE 2008; 1: 1–5
9. Tinetti, ME. Performance – oriented assessment of mobility problems in elderly patients. Journal of the American Geriatrics Society 1986; 34 (1): 119–
26
Korrespondenzadresse
Ingolf Adner
Studiengang Pflegemanagement
Hamburger Fernhochschule – Studienzentrum Dresden
Blumenstrasse 80
01307 Dresden
Tel.: 037756 79988
Email: [email protected]
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