Maschinenmarkt Flottweg 14 / 2012

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Maschinenmarkt Flottweg 14 / 2012
P r o d u k t i o n | M at e r i a l f l u s s
Mittelständler optimiert Produktion
mit Kanban-System
Die Kanban-Philosophie stammt ursprünglich aus Japan. Doch mittlerweile
schwören auch Westfalen und Bayern auf die asiatische lösung.
Der Mittelständler flottweg hat das Kanban-system an seine Bedürfnisse angepasst.
eine Besonderheit: Die Behälter verlassen nie das unternehmensgelände.
roBert WeBer
K
läranlagenbetreiber am eisigen Südpol
oder traditionsreiche Brauereien aus
Bayern vertrauen den Zentrifugen von
Flottweg SE aus Vilsbiburg in der Nähe von
Landshut. Der deutsche Maschinenbauer
zählt am Weltmarkt zu den wichtigsten Anbietern im Bereich Zentrifugen. Ein Hidden
Champion aus Bayern eben, der sich auf immer neue Kunden und Märkte einstellen
muss. Rund 85% der Maschinen gehen in
Weitere Informationen: Hartmut Ottliczky ist Geschäftsführer von der P. S. Cooperation GmbH in
33790 Halle in Westfalen, Tel. (0 52 01) 73 63-0, [email protected]
den Export. Wer international erfolgreich
agieren will, braucht zu Hause stabile und
effiziente Prozesse in Produktion und Logistik. Davon ist man bei Flottweg überzeugt.
Made in Germany ist für die Bayern mehr
als ein Marketingaufkleber, sondern Verpflichtung gegenüber den Kunden.
Der Startschuss fiel
mit dem Schraubenlieferant
Damit die hohe Qualität gepaart mit schneller Lieferzeit auch in Zukunft Bestand hat,
entschied sich das Unternehmen 2002, ein
Kanban-System einzuführen (Bild 1). Die
Wahl fiel auf Elkasy von der P. S. Cooperation aus Halle in Westfalen. Das Ziel des süddeutschen Zentrifugenbauers war damals vor
allem, den administrativen Aufwand zu reduzieren und beim C-Teile-Management die
Beschaffung zu vereinfachen und transparent zu gestalten.
Mit seinem Schraubenzulieferer startete
Flottweg damals sein Kanban-Projekt und
mittlerweile können die Maschinenbauer auf
zehn Jahre erfolgreichen Einsatz des Kanban-Systems zurückblicken und auch die
RFID-Transponder an den Behältern und
auf den Bedarfskarten haben die Bayern
Bild: P. s. Cooperation
Bild 1: Flottweg nutzt
das kanban-System
seit zehn Jahren und
konnte Bestände und
Prozesskosten reduzieren.
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noch nicht im Stich gelassen. Das
Besondere an der Kanban-Lösung: Im Hintergrund des Elkasy-Systems sitzt der Dienstleister
P. S. Cooperation, der die Prozesse und Datenbanken steuert und
pflegt. Das operative Geschäft
liegt bei Flottweg, die Westfalen
setzten die Vorgaben des Kunden
um. Wichtig: Die Informationen
in der Datenbank müssen immer
gepflegt sein, sonst funktioniert
das beste Kanban nicht.
Eine Aufgabe für das Projektteam. Im Vorfeld der ElkasyImplementierung formten die
Flottweg-Verantwortlichen ein
Projektteam aus Einkauf, Disposition und Lager. Nur im Zusammenspiel der Abteilungen sei ein
Erfolg möglich, ist man beim
dem
Familienunternehmen
überzeugt. Denn ein KanbanSystem wie Elkasy funktioniert
nur dann, wenn es ordentlich
eingeführt ist, heißt es bei Flottweg.
Den Anfang machte also der
Schraubenlieferant. Der wollte
seinem Kunden ein eigenes Kanban-System anbieten, doch die
Vilsbiburger pochten auf ihre
Unabhängigkeit und setzten sich
mit Elkasy durch. Durch die Unabhängigkeit des Systems kann
sich Flottweg an den Beschaffungsmärkten frei bewegen. Innerhalb eines Tages könnte das
Unternehmen theoretisch wechseln. Die Daten speist die P S.
Cooperation in Westfalen in das
System ein.
Das Lager steht im Fokus
der Kanban-Lösung
Doch die Vilsbiburger sind an
langfristigen Zulieferbeziehungen interessiert. Klar funktioniert ein Kanban-System nur,
wenn der Lieferant mitspielt,
aber die Aufgabe des Teams ist
es, auch ihm die Vorteile des Produkts schmackhaft zu machen.
Mittlerweile haben sich die Systemlieferanten daran gewöhnt
und nutzen das Kanban-System
tagtäglich ohne größere Probleme.
Bei Flottweg steht nicht die
Produktion im Mittelpunkt des
Kanban-Systems, sondern das
Lager, das sich direkt an die
Werkstätten anschließt. Jeder
Werker hat an seinem Montageplatz einen Schüttgutträger und
lässt sich bei Bedarf den Wagen
an einem Supermarkt immer
wieder beispielsweise mit
Schrauben auffüllen.
Kanban entbindet nicht
vom Nachdenken
Die RFID-Technik unterstützt
die Lagermitarbeiter bei der Bestückung des Wagens. Seine C-
Teile managt Flottweg im System
von Beginn an und inzwischen
seit etwa fünf Jahren auch die Bund A-Teile. Die Wareneingangsbuchungen – ebenfalls
mittels RFID – werden bei den
wertigen B- und A-Teilen automatisch zur Bestandsführung an
das ERP-System übermittelt.
Kleine Probleme gibt es meistens
dann, wenn in Spitzenzeiten alle
Werker ihre Wagen in den Supermarkt fahren (Bild 2). Zentrifugen made by Flottweg sind
zumeist Unikate – Sonderanfertigungen, die aber überwiegend
auf einem Baukastensystem beruhen. Wer meint Sondermaschinenbauer könnten ihre Kunden warten lassen, weil diese
abhängig von der Technologie
seien, der irrt gewaltig. Flottwegs
Unternehmensziel ist Liefertreue
gepaart mit hoher Qualität. Elkasy leistet hierzu einen wichtigen Beitrag.
Alles gut also, dank Kanban?
Achtung! Ein Kanban-System
Bild: P.s. Cooperation
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Bild 2: die Werker bedienen Sie sich im Flottweg-regal. die kanban-Behälter verlassen das
Werksgelände nie.
entbindet die Verantwortlichen aus Einkauf,
Disposition und Logistik nicht vom Nachdenken oder Improvisieren in den Prozessen
und der Kontrolle der Lieferanten. Ganz im
Gegenteil. Das System berichtet dem Logistikleiter, wenn Gefahr im Verzug ist,sprich
das Lager leerläuft oder untypische Bedarfsauslösungen erfolgten.
Die Unterstützung durch die Software
nutzen auch die Einkäufer, die sich fast täglich in das Onlineportal einloggen, um einen
Überblick über die Einkaufspositionen zu
erhalten. Die Prozesse konnten durch das
Kanban-System transparenter gestaltet werden. Die Bestandskosten konnten zweistellig
reduziert werden. In der Vergangenheit vertraute Flottweg auf Jahresbedarfsmengen im
Lager.
Die Pakete gehen bei Flottweg
direkt in das Lager
Im Gegensatz zu klassischen Kanban-Modellen verlässt der Behälter allerdings nie das
Werksgelände von Flottweg. Die Füllmengen
in der Produktion orientieren sich an den
Verpackungsvarianten der Lieferanten. Jeden
Tag um 15:30 Uhr verschickt das System automatisch die Bestelldatei an den Zentralrechner der Elkasy-Plattform. Von dort erhalten die Systemlieferanten dann die elektronischen Bestellungen im gewünschten
Datenformat. Diese kennzeichnen die Pro-
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http://www.maschinenmarkt.vogel.de
dukte für Flottweg mit einem Schriftzug
„Elkasy“. Das sorgt für mehr Effizienz, denn
die Pakete gehen von der Anlieferung direkt
ins Lager, um an den drei Befüllstationen
wieder in den Produktionszyklus überführt
zu werden. Bei Spitzen in der Produktion
kann das System auch zwischenzeitlich Bedarfe übermitteln, damit teure Stillstandszeiten vermieden werden können.
Die Prozesskosten wurden reduziert
und die Transparenz verbessert
Flottweg ist nach zehn Jahren Elkasy zufrieden. Die Prozesskosten konnten reduziert,
die Prozesssicherheit erhöht und die Transparenz im Haus verbessert werden, denn
alle beteiligten Unternehmensbereiche haben mittlerweile Einblick in die Daten. Die
Abteilungen sind auf dem gleichen Informationsstand. Und dies gilt auch für die Systemlieferanten, die ebenfalls auf ihre Daten
online zugreifen können. Und dies zieht sich
durch, bis zur Rechnungskontrolle. Abgerechnet wird, was im vergangenen Monat
vereinnahmt wurde. Missverständnisse sind
nahezu ausgeschlossen.
Das freut die Geschäftsführung des Unternehmens, denn Flottweg hat noch einiges
vor. Auf jedem Kontinent will man präsent
sein. Doch an der Philosophie der Produktion vor Ort wird nicht gerüttelt und dafür
braucht es gute, flexible Prozesse.
MM
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