Fahrt durchs Eis

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Fahrt durchs Eis
Im Norden: Die Polarstern fährt in den grönländischen Nordvestfjord ein
­ OCNESS nach unbekannten, winzigen
M
Tierarten fahnden, dem Zooplankton.
Kleine Krebse und Schnecken zählen dazu, Borsten- und Pfeilwürmer sowie Quallen. Die Meeres­
biologen sind von
Bremerhaven nach
Kapstadt in Südafrika
aufgebrochen, um auf einem
12 000 Kilometer
langenForschungstransekt, einer Reihe vorher fest­
gelegter Untersuchungspunkte, Daten für eine gigantische „Volkszählung“
zu sammeln: Beim „Census of Marine
Life“ erfassen Forscher aus über 80 Ländern, was für Lebewesen die Ozeane bevölkern, wie zahlreich sich Mikroben und
Weichtiere, Fische und Meeressäuger in
den Fluten verteilen.
Die Polarstern ist ein schwimmendes Großlabor, perfekt
­ausgestattet für die Forschung
zwischen Nord- und Südpol.
L
Hannes Grobe/AWI
angsam nähert sich die Polarstern
ihrem Ziel: einem Punkt mitten im
Atlantik, 191 Seemeilen südlich
der Kapverdischen Inseln. Keine Küste in
Sicht. Nur der Tiefenmesser verrät: Dies ist
die richtige Stelle. 4884 Meter unter dem
Schiffsrumpf bricht der Meeresboden abrupt in den Abgrund. An diesem Abhang
des afrikanischen Kontinentalschelfs will
Peter Wiebe seine Fangzüge starten.
Von Kirsten Milhahn
Fahrt durchs Eis
50 — Deutschland 1 I 2011
Er ist nervös. Hektisch umrundet der Biologe der US-amerikanischen „Woods Hole
Oceanographic Institution“ noch einmal
das schwere Metallgestell, das wie ein umgefallener Türrahmen auf den Planken
liegt. Er prüft, ob die Steuerelemente jus­
tiert sind und die 16 Meter langen Netzbeutel aus feiner Gaze frei hintereinander
hängen. Dann winkt Wiebe dem Bootsmann am Hebekran zu: Alles bereit! Das
Spezialnetz MOCNESS kann zu Wasser.
Die 26 Meeresbiologen und zwei Dutzend
Männer der Schiffsbesatzung verfolgen,
wie die 300 Kilogramm schwere Fangvorrichtung in den Wellen versinkt, wie sich
die fünf Netzbeutel, die sich ferngesteuert
in verschiedenen Tiefen des Ozeans öffnen und wieder verschließen lassen, noch
einmal wie Walrücken aus dem Wasser
­wölben, um dann am Metallrahmen in einen finsteren, eiskalten Kosmos zu gleiten,
der für Menschen so unzugänglich ist
wie der Weltraum: die Tiefsee. Dort soll
Das Herzstück solcher internationalen
Großprojekte bilden die Schiffsexpeditionen mit ihren multinationalen Teams.
Und die Polarstern spielt dabei eine entscheidende Rolle. Seit fast 30 Jahren steht
der Eisbrecher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in
Bremerhaven schon im Dienst der Wissenschaft, 320 Tage in jedem Jahr. Schiffs­
eigner ist Deutschland, vertreten durch
das Bundesministerium für Bildung und
Forschung. Die Polarstern bahnt sich ihren Weg durch raue See und Packeis – angetrieben von fünf Achtzylinder-Dieselmotoren mit insgesamt 20 000 PS. Auf fast
all ihren Expeditionen bringt sie Forscher
in die Polregionen. Dann ist jeder Platz an
Bord heißbegehrt, denn sie gilt als das
leistungsfähigste Polarforschungsschiff
weltweit. Ein schwimmendes Großlabor,
ausgestattet für nahezu jede Art der Polarund Meeresforschung, etwa Ozeanographie, Klimaforschung oder Biologie.
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Fahrt der Extreme: Durch abbrechendes Schelfeis erhält das deutsche
Forschungsschiff auf seinen Expeditionen auch schwere Schlagseite
Alfred-Wegener-Institut für
Polar- und Meeresforschung
Vom Nordpol bis zum Südpol, vom
Flachwasser bis zur Tiefsee: Das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut
für Polar- und Meeresforschung (AWI)
erforscht das Festland und die Meere,
um ein besseres Verständnis des Klimas und der Ökosysteme zu erreichen.
Dabei setzt das Forschungszentrum
der renommierten Helmholtz-Gemeinschaft auf Interdisziplinarität und
internationale Zusammenarbeit.
Stationen in Arktis und Antarktis
ermöglichen das ganze Jahr über meteorologische und geophysikalische
Messungen.
Petra Demmler/AWI
Arbeit am Eisberg: An einem Auslegerkran hängend,
entnehmen zwei Besatzungsmitglieder Eisproben
Zum Forschungszentrum gehören auch
die Forschungsstelle Potsdam, die
Biologische Anstalt Helgoland und die
Wattenmeerstation Sylt. Während
auf Sylt ökologische Wechselwirkungen
zwischen Land und Meer untersucht
werden, analysiert die Biologische
Anstalt Helgoland vor allem Wechsel­
beziehungen zwischen den Arten
der Nordsee. Die Untersuchung der polaren Landregionen ist Hauptaufgabe
der Forschungsstelle Potsdam.
Von Südafrika in die Antarktis: Der Eisbrecher pflügt sich
mit seinen 20000 PS auch durch das Südpolarmeer
Dr. Marschall/VISUM
Fast jedes Jahr im Nordsommer kreuzt die
Polarstern die Arktis. Und seit zehn Jahren
fährt auch das Team um Michael Klages
regelmäßig in diese Region: zur Framstraße westlich vor Spitzbergen, Schnittstelle
zwischen Nordatlantik und Arktischem
Ozean. Dort betreiben die Meeresbiologen vom Alfred-Wegener-Institut ihren
„Hausgarten“, ein Tiefsee-Areal, in dem
sie direkt unter den Eisschollen in Tiefen
zwischen 1000 und 5500 Metern nach Meeresbewohnern fahnden. Und wie Peter
Wiebe und seine Crew ihr MOCNESS auf
Fangzug schicken, werfen auch die Bio­
logen im „Hausgarten“ ihre Fanggeräte
aus. An 16 Punkten im Meer, die die Polarstern auf einer Länge von 125 Kilometern
der Reihe nach ansteuert, holen sie Wasser- und Sedimentproben an Bord. Und
finden eine Vielfalt, die all ihre Erwartungen übersteigt. Gewaltige Mengen an
Bakterien, Fadenwürmern und Ruderfußkrebsen arbeiten sich durchs Sediment.
Meeresasseln, Garnelen, Seegurken, Seesterne und zahllose Fische wuseln dort
unten – mehrere tausend Arten pro
­Quadratmeter.////
Simon/AWI
sie. So bohren beispielsweise Klimaforscher meterlange Sedimentkerne aus dem
Meeresboden, die Aufschluss darüber geben sollen, wie sich das Klima in den letzten 400 000 bis vier Millionen Jahren entwickelt hat. Und läuft das Schiff nach insgesamt sieben Monaten auf See und mehr
als 68 000 zurückgelegten Kilometern in
den Heimathafen Bremerhaven ein, gibt
es kaum eine Pause, folgt die nächste Expedition. Diesmal mit dem Ziel Nordpol.
Alfred-Wegener-Institut
Wie in jedem Jahr zwischen November
und März pflügt sich die Polarstern durch
den Atlantischen Ozean ins Südpolarmeer,
bringt Forscher in antarktische Gewässer
oder aufs Festland und beliefert die Mannschaft am deutschen Antarktisforschungsstützpunkt „Neumayer-Station III“ mit
Lebensmitteln, warmer Kleidung, Schlitten, Werkzeugen und anderen technischen Geräten. Haben die Forscher an
Bord ihren Untersuchungsstandort im Eismeer vor der Küste erreicht, wartet wochenlange harte Arbeit in eisiger Kälte auf
Info
WILDLIFE/H.Rappl
Mehr als 100 Forscher, Techniker oder
Besatzungsmitglieder finden in den Kabinen eine Koje, in neun Laboren Raum
zum Experimentieren und auf acht
Schiffsebenen das benötigte Equipment.
Wie etwa Peter Wiebe, der sein Fangnetz
ohne die bordeigene Spitzentechnologie
nicht in die Tiefe befördern könnte. Südlich der Kapverden verfolgt der Amerikaner am Computerbildschirm, wie sich seine monströse Konstruktion langsam dem
Ozeanboden nähert: durch fast 5000 Meter Wasser, bis sie nur noch 100 Meter über
dem Tiefseegrund gondelt. Per Mausklick
öffnet Wiebe dann den untersten Netzbeutel und holt das Gerät mit den Fangbehältern langsam ein. Gut 13 Stunden später
taucht es dank der Schiffswinden in der
azurblauen See wieder auf. Jetzt muss es
schnell gehen, denn die gefangenen Tiere,
die an die Kälte der Tiefsee gewöhnt sind,
könnten an Bord innerhalb von Minuten
verenden. Die Forscher breiten ihren Fang
in Sammelschalen im Kältelabor aus und
beginnen mit ihren Untersuchungen. Vier
Wochen lang werfen sie auf der Polarstern
ihre Netze aus. Wenn das Schiff dann im
Hafen von Kapstadt vor Anker geht, ist für
die Meeresbiologen vom Census-Projekt
die Reise beendet. Die des Eisbrechers
geht dann erst richtig los. Eine neue Crew
mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt
rüstet sich für ihr Ziel: die Antarktis.
Im Süden: Die Polarstern hat die Antarktis erreicht