Man on Fire – Erinnerung an Tony Scott

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Man on Fire – Erinnerung an Tony Scott
Man on Fire – Erinnerung an Tony Scott
Tony Scott
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Als Tony Scott am 19. August 2012 mit 68 Jahren von
einer Brücke in Los Angeles in den Tod sprang, verlor
das aktuelle Blockbuster-Kino seinen bedeutendsten
Filmemacher. Beim Großteil der Kritik stand er lange im
Schatten seines älteren Bruders Ridley, mit dem er zeitlebens eng zusammenarbeitete. Dabei hatte ihn Tony
als übersehener Ausnahmekünstler im Mainstream der
Traumfabrik längst überflügelt. Er war einer jener seltenen Regisseure, denen es gelungen war, Publikumsfilme zu machen, in deren Ästhetik nachgerade avantgardistisches Potenzial steckte – wie Alfred Hitchcock,
Yasujiro Ozu oder Jerry Lewis.
In der letzten Dekade seines Schaffens hatte Tony
Scott einen expressionistischen Stil perfektioniert, dessen Kühnheit im kommerziellen Kino nichts gleichkam:
eine kubistische Montage, dazu komplexe Text-BildCollagen wie sonst nur bei Jean-Luc Godard, und
immer kühnere Abstraktionen, erzeugt mit dem Einsatz
des ganzen Arsenals der Kinogeschichte – von filmischen Effekten durch die Verwendung einer hundertjährigen Handkurbelkamera bis hin zu malerischen
Möglichkeiten dank jüngster Digitaltechnologie. Die
hyperaktive Erzählweise und die radikalen Perspektivwechsel seiner Filme nutzte Tony Scott für ein vielschichtiges Kino im Wortsinn: buchstäblich Action Pain-
ting, befeuert von berauschenden Bildbearbeitungstaktiken, in denen Bewegungen impressionistisch zerflossen.
Darin ist Tony Scott seinen Anfängen als Maler treu geblieben. Von ihm stammt auch die Animationssequenz,
die als Logo der seit 1995 gemeinsam mit Bruder Ridley betriebenen Filmfirma Scott Free Productions
diente. Am Anfang war Tony in die Fußstapfen des
Älteren getreten, studierte ebenfalls am Royal College
of Art in London und ließ sich dann bei Ridleys neugegründeter Werbefirma anwerben, weil der ihm einen
Ferrari versprochen hatte. Ob als Autonarr, Motorradfetischist oder Felskletterer: Tony Scott war ein Adrenalinjunkie, der den »größten Nervenkitzel« im Regieführen entdeckte. Das schlug sich in der enormen Energie
seines Grenzen sprengenden Werks nieder. Zwischen
dem ersten Kurzfilm ONE OF THE MISSING (1969) nach
Ambrose Bierce und seinem Langfilmdebüt THE HUNGER (1983) praktizierte er sein Handwerk als hochproduktiver Werbefilmer in der erfolgreichen Firma des
Bruders. Aus deren Mitarbeitern rekrutierte sich eine
britische Generation: die Scott-Brüder, Alan Parker
oder Hugh Hudson etablierten parallel zum französischen Cinéma du look eine Hochglanzästhetik aus dem
Geiste von Werbung und Musikvideos.
Tony debütierte als Nachzügler. Die bisexuelle Vampirgeschichte THE HUNGER war trotz Starbesetzung mit
Catherine Deneuve, David Bowie und Susan Sarandon
ein Flop, entwickelte sich aber rasch zum Kultfilm und
ist in vieler Hinsicht die Quintessenz der Bewegung. Wo
Tony Scotts Kino später heißlief, widmete er sich hier
noch formvollendet kühlen Arrangements von Atmosphären und Zeitgeist-Kompositionen, samt Jalousienschatten und Rauchschwaden im 1980er-Jahre-Design. Das ausgeprägte Bewusstsein für Bildwirkungen,
die transgressiven Handlungselemente und ein ungewöhnlicher Zugang zum Genre nahmen spätere Entwicklungen schon vorweg. Zunächst gelang Scott aber
der kommerzielle Durchbruch dank der profitablen Kollaboration mit dem Produzenten Jerry Bruckheimer:
TOP GUN leitete 1986 eine Serie von Großproduktionen
ein, deren Einfluss nachhaltig war, von Scotts Teleobjektiv-Tableaux bis zu seinen beschleunigten Bildfolgen
und auf den Soundtrack abgestimmten Montagen.
Mit LAST BOY SCOUT (1991), TRUE ROMANCE (1993)
und CRIMSON TIDE (1995) zeichnete sich ein Umbruch
ab, der bald zum Ausbruch eskalieren würde. Mit dem
Drogenthriller-Roadmovie TRUE ROMANCE wurde erst-
Tony Scott
geratenen Gegenwart: world out of order. Die US-Vision von George Bushs New World Order dient nicht
nur im provokanten Psychogramm einer Nation nach
9/11, das MAN ON FIRE liefert, als Triebfeder. In DEJA
VU ist es ein Terror-Anschlag, der Denzel Washington
durch die Zeit reisen lässt. Bei den Ermittlungen zum
Attentat wird eine Science-Fiction-Maschine (»Schneewittchen«) eingesetzt, die wie ein Live-Stream aus der
Vergangenheit funktioniert: ein Virtual-Reality-Update
von Hitchcocks REAR WINDOW, wobei sich der Held in
eine Tote verliebt (man denkt an VERTIGO oder Otto
Premingers LAURA), und die unglaublichste Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte absolviert, vier Tage und
sechs Stunden zeitversetzt. Die Zeit muss aus den
Fugen geraten, damit die Wunden geheilt werden können: DEJA VU ist zugleich Liebeskrimi-Furioso, metaphorisches Nationenbild und als analytischer Essay
zum Kino selbst gleichermaßen dekonstruktiv und utopisch auf eine Weise, die sich Chris Marker ausgedacht
haben könnte.
Er ist somit auch die Kehrseite der Medaille des Vorgängers DOMINO (2005), in dem die Biografie einer
Kopfgeldjägerin (Keira Knightley) im Medienfeuer förmlich atomisiert wird – der surrealste und unbeschreiblichste aller Scott-Filme, somit vielleicht sein zentraler.
Geradezu klassisch, mit nur gelegentlichen bildmächtigen Geschwindigkeits-Abstraktionskaskaden, dagegen
sein Abschiedsfilm. UNSTOPPABLE (2010) war – wie
davor das Remake THE TAKING OF PELHAM 1 2 3
(2009) – ein soziales Zeitbild im Gewand unprätentiöser Genre-Aktualisierung. Dabei ein virtuoser Hochspannungsthriller, der – ganz gegen die HollywoodTendenz – an die Glanzzeit eines tatsächlich proletarischen Unterhaltungskinos anschließt. Wie in Hollywoods wendigen Depressionszeit-Filmen der 1930er
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mals ein Film Tony Scotts ernsthafter rezipiert, was dem
Drehbuchautor zu verdanken war – Quentin Tarantino,
kurz vor dem Sprung zum Regie-Superstar. Tarantinos
unverwechselbare popkulturgesättigte Dialoge würzten
auch die Jagd auf ein frischverheiratetes Paar, das Kokain gestohlen hat. Aber Scott brachte nicht nur in charakterstarkem Casting und atemberaubenden ActionArrangements seine Handschrift ein. Er setzte auch als
»hoffnungsloser Romantiker« gegen Tarantino ein
Happy-End durch, das er der zentralen Liebesgeschichte als angemessen empfand.
Mit DEJA VU drehte Tony Scott 2006 seine Variation
auf Hitchcocks ultimative nekrophile Kinoromanze VERTIGO, und der zeitgerecht dunkle Unterton seines
Werks war da längst nicht mehr zu übersehen. Bei den
Agententhrillern ENEMY OF THE STATE (1997) und SPY
GAME (2001) wurde nicht nur die Form seiner Filme
immer gewagter, er beschäftigte sich auch mit aktuellen Krisenthemen wie Überwachungsstaat und Terrorismus. Der Quantensprung zu einer Art terroristischem
Kino im formalen Sinne gelang mit MAN ON FIRE
(2004). Denzel Washington, der als Scotts Idealdarsteller seine beseeltesten, bewegendsten Leistungen erbrachte, spielt darin einen ehemaligen Marine und CIASpezialagenten, der durch Alkoholismus zum preiswerten Leibwächter heruntergekommen ist. In Mexiko City
hütet er ein Kind aus den gesicherten Rückzugsgebieten der Reichen im Zentrum globaler Armut – und
schreitet blutend zum blutigen Rachefeldzug, als sein
Schützling entführt wird. Seinen Marsch durchs Fegefeuer der Slums und weiter orchestriert Scott als Delirium des Protagonisten: Mann brennt, Film brennt. Die
sensationelle Sinnesüberflutung ist wie eine im Blockbuster-Maßstab durchgezogene Avantgarde-Explosion:
überwältigende Repräsentationen einer aus den Fugen
erzählt UNSTOPPABLE schnörkellos seine SuspenseStory über die Versuche des Lokomotivführers Denzel
Washington, einen außer Kontrolle geratenen Zug mit
giftigen Chemikalien aufzuhalten – und ebenso von der
Wirklichkeit der krisengebeutelten Nation zwischen Entlassungen, Klassenkonflikten und sozialer Unzufriedenheit. Zugleich führt Scott seine Geschichte(n) des Kinos
an den Anfang zurück: bis zur Einfahrt des Zuges der
Brüder Lumière.
Christoph Huber
Tony Scott
TONY SCOTT, FILM DIRECTOR – USA 2009 – 9 min,
OF – Tony Scott spricht über seine Karriere und seine
Filme. – THE HUNGER (BEGIERDE) – GB 1983 – R:
Tony Scott – B: Ivan Davis, Michael Thomas, nach dem
Roman von Whitley Strieber – K: Stephen Goldblatt –
M: Michel Rubini – D: Catherine Deneuve, David Bowie,
Susan Sarandon, Cliff De Young, Beth Ehlers, Willem
Dafoe – 97 min, OF – Ein Partnertausch in der New
Wave Disco führt zu vampirischem Mord: Ein jahrhundertealtes Paar lebt unerkannt in New York, die Bedingung ihrer ewigen Jugend ist das gelegentliche Trinken
von Blut. Doch als der Gatte plötzlich rapide zu altern
beginnt, verliert er alle Hemmungen, während seine
Ärztin in den Bannkreis seiner Frau gerät. Tony Scotts
Spielfilmdebüt, eine unkonventionelle, atmosphärische
Vampir-Revision, ist das Nonplusultra der damaligen
britischen Erfolgswelle aus dem Geiste von Werbung
und Musikvideo: ein Hochglanzprodukt über Tod und
Verfall.
▶ Dienstag, 30. April 2013, 21.00 Uhr
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truE rOmaNcE
TRUE ROMANCE – USA 1993 – R: Tony Scott – B:
Quentin Tarantino – K: Jeffrey L. Kimball – M: Hans
Zimmer – D: Christian Slater, Patricia Arquette, Val Kilmer, Gary Oldman, Brad Pitt, Dennis Hopper, Christo-
pher Walken, Samuel L. Jackson, Michael Rapaport –
120 min, OF – Eine Kino-Zufallsbekanntschaft führt zu
einer heißen Liebesnacht: das Mädchen entpuppt sich
als Callgirl-»Geburtstagsgeschenk«, aber die Liebe ist
echt. Als der Junge nach der Spontanheirat ihren Zuhälter ermordet, fällt den beiden ein Koffer voll mit
Kokain in die Hände. Auf dem Weg nach Los Angeles
geraten sie ins Fadenkreuz von Mafia und Polizei. Ein
explosives Roadmovie mit dem typischen Pop-Humor
seines Drehbuchautors Tarantino, von Tony Scott als
Overdrive-Action-Lovestory interpretiert und mit grandiosen Gastauftritten (Christopher Walken vs. Dennis
Hopper!) garniert.
▶ Dienstag, 7. Mai 2013, 21.00 Uhr
MAN ON FIRE (MANN UNTER FEUER) – USA 2004 –
R: Tony Scott – B: Brian Helgeland, nach dem Roman
von A. J. Quinnell – K: Paul Cameron – M: Harry Gregson-Williams – D: Denzel Washington, Dakota Fanning,
Christopher Walken, Mickey Rourke, Giancarlo Giannini, Radha Mitchell, Marc Anthony – 146 min, OmU –
Furioser Auftakt zum sensationellen Spätwerk Tony
Scotts. Ein Antiterror-Experte ist zum suizidalen Alkoholiker geworden. Er kommt als Leibwächter für die
kleine Tochter eines reichen Geschäftsmanns in Mexiko City unter. Bei ihrer Entführung wird er schwer verletzt – und beginnt nach einer gescheiterten Lösegeldübergabe einen Rachefeldzug unter organisierten Verbrechern und korrupten Polizisten. Tony Scott am Zenit
seiner Kunst des Action Painting: ein schwieriges,
schmieriges, delirierendes Meisterwerk der Pulp
Fiction, ein Selbstjustiz-Abstieg in die Höllenslums der
Stadt als Passionsweg, ein Psychogramm aus den frühen Jahren des War on Terror.
▶ Dienstag, 21. Mai 2013, 21.00 Uhr
uNStOPPaBlE
▶ Dienstag, 28. Mai 2013, 21.00 Uhr
DEJA VU (WETTLAUF GEGEN DIE ZEIT) – USA 2006 –
R: Tony Scott – B: Bill Marsilii, Terry Rossio – K: Paul
Cameron – M: Harry Gregson-Williams – D: Denzel
Washington, Paula Patton, Val Kilmer, Jim Caviezel,
Adam Goldberg, Elle Fanning – 126 min, OF – In New
Orleans wird ein Terroranschlag auf eine Fähre verübt.
Der ermittelnde Agent wird einer FBI-Spezialeinheit
zugeteilt, die mit einer Wundermaschine arbeitet: Dank
»Schneewittchen« kann man exakt vier Tage und sechs
Stunden zurück in die Vergangenheit blicken. Fasziniert
von einer Frau, die beim Attentat getötet wurde, folgt
der Agent unter Einsatz seines Lebens ihrer Spur durch
Raum und Zeit. Beides lässt Tony Scott in diesem fantastischen Filmessay-als-Krimimelodram aus den Fugen geraten, um jenseits der Physik zur Metaphysik
vorzustoßen: ein Meisterwerk über Kino, Liebe, Tod,
eine Heilungsfantasie als metaphysisches Medien-Märchen.
▶ Dienstag, 4. Juni 2013, 21.00 Uhr
UNSTOPPABLE (AUSSER KONTROLLE) – USA 2010 –
R: Tony Scott – B: Mark Bomback – K: Ben Seresin –
M: Harry Gregson-Williams – D: Denzel Washington,
Chris Pine, Rosario Dawson, Kevin Dunn, Kevin Corrigan – 98 min, OF – Ein Zug mit giftig-explosiven Chemikalien ist außer Kontrolle geraten und droht, mitten
im dichtbesiedelten Stadtgebiet zu entgleisen. Ein alter
Lokomotivführer und sein junger Kollege rasen mit
ihrem Zug auf ihn zu und versuchen, ihn zu stoppen.
Tony Scotts letzter Film ist eine Ausnahmeerscheinung
im heutigen Hollywood: großes proletarisches Actionkino mit Hochspannung vor dem Hintergrund der krisengeschüttelten USA zwischen Klassenkonflikten und
Depression. Und auch ein Meisterstück des Subgenres
von Filmen über durch das Land brausende Züge: im
Wechselspiel von beengtem Raum an Bord und Beschleunigung in der Weite der Landschaft. »Es geht um
einen Haufen Stahl, der sich selbstständig macht. Für
mich ist ein Zug einfach nur ein Gefährt. Aber durch die
tausenden Tonnen Stahl ist es auch eine Bestie. Und in
meinem Film stößt das unaufhaltbare Stahl-Geschoss
auf zwei Wesen aus Fleisch. Das ist ein unheimlich
harter Kontrast. Der Film fängt mit 80 km/h an und
gegen Ende rast der Zug mit 240 km/h über die Leinwand. Der Zug hat einen sehr spezifischen Klang.
Wenn man das hört, weiß man, dass die Bestie kommt.
Sehr aggressiv.« (Tony Scott)
▶ Dienstag, 11. Juni 2013, 21.00 Uhr
Tony Scott
DOMINO – USA 2005 – R: Tony Scott – B: Richard
Kelly – K: Dan Mindel – M: Harry Gregson-Williams –
D: Keira Knightley, Mickey Rourke, Edgar Ramirez,
Mo’Nique, Jacqueline Bisset, Christopher Walken, Tom
Waits – 127 min, OF – Frei nach der Lebensgeschichte
von Domino Harvey (Tochter des Schauspielers Laurence Harvey), Model, Kopfgeldjägerin, (Adrenalin-)Junkie. Die Antithese zu herkömmlichen Filmbiografien:
die Erzählung und die Hauptfigur sind im Zerrspiegel
der Zeit kaleidoskopisch gebrochen. Eine Actionheldin
als Instant-Star der Reality-TV-Ära, ein Kinomärchen
im Mixer der Medienexplosion. Abenteuer zwischen
Gangstern, Stars von BEVERLY HILLS 90210 und Meskalinrausch, umgesetzt als sensationelles Sperrfeuer
filmischer Effekte. Der Höhepunkt von Tony Scotts
expressionistischen Experimenten: eine kubistische
Collage vom Leben im Zeichen der EntertainmentIndustrie.
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