TRADITIONSBEWUSST, DOCH ZEITGEMASS

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TRADITIONSBEWUSST, DOCH ZEITGEMASS
Niederländische Branchengruppe NGK stellt ihre Arbeit vor
..~:'1-~
TRADITIONSBEWUSST,
DOCH ZEITGEMASS
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Die niederländische Kunstschmiede-Gilde NGKmacht sich dafür stark, dass ihr vor Jahren
schon fast totgesagter Berufszweig am Leben bleiben kann. In einem Bericht von Bernhard
Rittger fasst NGK-Branchenmanager Miko Wijnands für HEPHAISTOSzusammen, was sich
die Metallgestalter-Kollegen im Nachbarland zu diesem Zweck haben einfallen lassen
.:>
G
ilt der Schmied einerseits als
romantische Personifizierung
einer uralten Tradition und
eines sagenumwobenen Handwerks, ist
er 2014 doch auch staatlich anerkannter
Fachmann mit einer gediegenen Ausbildung, einer gehörigen Portion Fachwissen, Kreativität und einer nicht zu
unterschätzenden
gesellschaftlichen
Bedeutung«, betont Mika Wijnands.
Denn Schmiede und Schmieden haben
- auf der Grundlage von Traditionsbewusstsein - auch im .modernen,
hochtechnisierten Zeitalter nicht nur
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eine Daseinsberechtigung. Sie sollen, so
das Ziel der NGK, darüber hinaus die
Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommen, die sie verdienen.
Die Branchengruppe mit ihren rund 70
Mitgliedern schafft in mehrfacher Hinsicht gute Rahmenbedingungen für das
vielseitige Schmiedehandwerk: mit Versammlungen, Exkursionen und Kontaktveranstaltungen zum Informationsaustausch - auch über Landes- und
Sprachgrenzen hinweg - sowie PR-und
Lobbyaktivitäten. Darüber hinaus durch
Schulung und Ausbildung, mittels Zerti-
fizierung und offizieller, also staatlicher
Anerkennung. Dabei bietet die Einbindung in die viel breiter angelegte, einflussreiche Metall-Arbeitgeberorganisatian Koninklijke Metaalunie mit rund
14.000 Mitgliedern etliche Vorteile.
Vielseitiges
Schulungsprogramm
Dass die Metaalunie vor gut 110Jahren
ursprünglich aus einem Zusammenschluss von Schmiedepatronen - den
HEPHAISTOS 9/10 2014
technischen Standards zu orientieren. Es
können sich auch Schmiede aus anderen
Ländern anmelden, die Kurssprache ist
zwar Niederländisch, aber die meisten
Anbieter und Teilnehmer sprechen auch
Englisch oder Deutsch. Andererseits richten sich unsere Ausbildungsgänge an
Auszubildende auf Fachschulniveau. Sie
werden in einer intensiven Periode von
zwei bis drei Jahren zu hochqualifizierten Nachwuchskräften: frisches Blut und
neue Impulse fürs Handwerk.« Hier
können ausländische Lehrlinge teilnehmen, sofern sie bereits eine niederländische Fachschule besuchen (Siehe www.
smeden.nl, Menüpunkt »Cursussen«).
NGK-Vorsitzender Paulûs von der Jagt:
»Es ist wichtig, dass wir so oft wie möglich
sehen lassen, welche Möglichkeiten ein
altes Handwerk zu bieten hot.«
damaligen Lehrmeistern und Arbeitgebern im Schmiedehandwerk - hervorgegangen ist, erfüllt den NGK-Vorsitzen:ien Paulûs van der Jagt, selbst engagierter Schmied, mit Stolz: »Diese Patrone
führten alteingesessene Schmieden aus
lllen Bereichen, die das Handwerk auch
heute noch so vielseitig machen. Das gibt
uns als Branchengruppe NGK, die wir ja
nur einen kleinen Teil der Fachorganisation Metaalunie ausmachen, eine Art
Extra-Bestätigung. «
Vliko Wijnands, innerhalb der Metaalmie zuständig für die NGK,erläutert das"?"
iuale Schulungsprogramm, das die NGK
.n Zusammenarbeit mit staatlichen In-titutionen erarbeitet hat und das kontimietlieh verbessert und erweitert wird.
>Aufder einen Seite bieten wir spezielle
\urse für erwachsene Fachleute an.
)iese Weiterbildungskurse und MasterJasses, zum Beispiel Feuerschweißen,
\upferschmieden
oder Zeichnen für
îchmiede, zielen darauf ab, die Qualität
Ier Fachkenntnisse zu gewährleisten
ind zu erhöhen. Sie sollen den Sehrnielen ermöglichen, sich an den neuesten
Einbettung in
den Metallsektor
Als modularer Teil einer viel weiter greifenden Metallausbildung fristet das
Schmiedehandwerk kein isoliertes Dasein. Es ist eingebettet in die Vielschichtigkeit des gesamten Metallsektors,
womit gegenseitige Einflüsse und Anregungen gewährleistet sind. Diese will die
NGKauch in Bezug auf andere Industriebeziehungsweise Verwaltungsbereiche
fördern. »Deshalb gehen wir in den vergangenen Jahren auch zunehmend auf
beispielsweise den Bau- und Restaurationssektor zu, auf Architekten, Denkmal pfleger und staatliche, regionale oder
Gemeinde-Beamte. Diese Bemühungen
zeigen inzwischen schon deutliche Resultate«, so Wijnands.
Die Gruppe präsentiert das Handwerk
stolz und zuschauerwirksam
nach
außen hin. »Wie eindrucksvoll und
schön das Schmiedefach ist, machen wir
einem breiteren Publikum zugänglich
Info:
NGK
Miko Wijnands
Einsteinbaan 1
3439 NJ Nieuwegein
Tel. +31 (0)306053344
Fax +31 (0)306053208
E-Mail: [email protected]
L
www.smeden.nl
NGK-Branchenmanager Mika Wijnands: »llnsere
Kurse und Masterclasses sollen den Schmieden
neueste technische Standards bieten.«
durch Demonstrationsveranstaltungen
wie in Huizen«, sagt van der Jagt (s. Bericht S. 500. »Esist überaus wichtig, dass
wir so oft wie möglich sehen lassen, welche Möglichkeiten ein altes Handwerk zu
bieten hat. Wobei nicht nur Fachkenntnisse und geschickte Hände eine Rolle
spielen, es geht auch um Selbstverwirklichung mit einem kreativen Kopf und
mithilfe von neuen Techniken.«
Gütesiegel garantiert
Qualität
Die NGK-Ausbildung findet zu einem großen Teil in anerkannten Lehrbetrieben
statt. Für die ist es interessant, Lehrlinge
auszubilden, denn es bedeutet tatkräftige
Unterstützung; Hände, die mit anpacken
in der Schmiede, während zudem Fachwissen, technisches Geschick und innevatives Potenzial für die Zukunft gewährleistet bleiben.
Eine wichtige Errungenschaft
der
NGK ist das Gütesiegel »NGK Erkende
Smederij« (übersetzt etwa: »NGK-anerkannte Schmiedes). Dieses Label garantiert Auftraggebern, dass sie es mit
einem zertifizierten Fachbetrieb zu tun
haben, der Qualitätsarbeit leistet. Das ist
natürlich bei allen Schmiedearbeiten
von Bedeutung, aber ganz besonders
dann, wenn es sich um die Restaurierung von Schmiedeeisen an Denkmälern, historischen Gebäuden und Monumenten handelt. Schmieden, die das Gütesiegel erwerben und dauerhaft führen
wollen, müssen sich unabhängigen Beurteilungen anhand strenger Kriterien
unterziehen: Der Schmied absolviert ein
Praxisexamen, die »NGKGildeprüfung«,
um sein Fachkönnen und seine Qualifikation unter Beweis zu stellen. »Außerdem werden Aspekte wie Betriebsführung und Dienstleistungsniveau genauestens unter die Lupe genommen. Nur,
wer den gesamten Prüfungsprozess mit
gutem Erfolg durchsteht, kann sich auf
das Zertifikat 'NGK Erkende Smederij'
berufene, erläutert Wijnands.
Nicht zuletzt hat man bei der NGK auch
ein offenes Ohr für unternehmerischgesellschaftliche Verantwortung und
setzt ethische Ideale gerne in die Tat urn.
»Denn ein Handwerk mit einer solch vielschichtigen Tradition und Bedeutung
muss zeitgemäß weiterleben«, darüber
sind van der Jagt und Wijnands sich
einig. »Nicht aus Nostalgie, sondern
wegen seines nicht von der Hand zu
weisenden gewerblichen und gesellschaftlichen Nutzens. Als Kunst oder als
rein funktioneller Spezialzweig in der
Metallbranche. Übrigens mit fließenden
Grenzen.«
NGK engagiert
sich für Kulturerbe
Dass sich die Branchengruppe
NGK auch im Bereich Kulturerbe einsetzt, zeigt die Beteiligung am Wiederaufbau des
Wasserschlosses Schaesberg
in der niederländischen
Region Zuid-Limburg (Foto
oben). Ebenso wie auf der Bataviawerft in Lelystad, wo das
historische Segelschiff Batavia aus dem 17. Jahrhundert
rekonstruiert wurde, wird
dort Ende des Jahres eine
Handwerksschmiede eingerichtet, um vor Ort an den Restaurationsarbeiten teilzunehmen. »Diese Schmiede stellt
nicht nur authentische
Schmiedearbeiten für den
Wiederaufbau her, sie dient
auch als Ausbildungsstätte
für junge Menschen, die dieses besondere Handwerk erlernen wollen«, erklärt der
NGK-Vorsitzende Paulûs van
der Jagt. Eine »NGK Erkende
Srnederij« verfügt über die
Fachkenntnisse und die Erfahrung, um zu beurteilen, worauf es bei Restaurationsarbeiten ankommt. Unter anderem
kennt man die historischen
Baumethoden und -stile. Zu
=diesem Zweck hat die NGK
die Spezialisierung »Restourierunq« in die Bestimmungen
des Gütesiegels aufgenommen. »Wir haben hier in den
Niederlanden eine hohe
Dichte von Denkmälern und
Monumenten, Für die Restaurierung und Instandhaltung
werden motivierte und kompetente Fachleute qebroucht«,
weiß Branchenmanager Miko
Wijnands. »Mit solchen Projekten sorgen wir dofür.«
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Die Botterwerft im Jachthafen Huizen
Schmiedefest der niederländischen Kunstschmiede-Gilde
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Die Schmiede demonstrieren live, wie modern
sich ein altes Handwerk präsentieren kann
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SICH ZEIGEN,
SICH VERNETZEN
Ein altes Handwerk neu zu beleben, seine Vielseitigkeit zu zeigen, damit ein öffentliches
Bewusstsein dafür (wieder )entsteht - das ist das erklärte Ziel der niederländischen
Kunstschmiede-Gilde NGK(s. auch Beitrag Seite 48). Vor diesem Hintergrund organisiert
sie alljährlich ein Schmiedefest: Mit emsiger Betriebsamkeit und in gemütlicher Atmosphäre
traf man sich in diesemjahr am Freitag und Samstag nach Christi Himmelfahrt in Huizen
HEPHAISTOS 9/10 2014
"
S
Handwerks, dem die alten Griechen und
chon von Weitem, noch außer
Römer bereits eine eigene Gottheit zuerSichtweite, weiß der Besucher,
kannten: aus Ehrfurcht und Bewundedass er auf dem richtigen Weg ist:
mmer der Nase nach, die ohne Zweifel
rung angesichts der Macht des Feuers,
(ohlen, Feuer und Rauch signalisiert - -;..... das dem Menschen so viel Gutes, Schönes und Praktisches ermöglicht, aber
ind bald kommen auch die typischen
lammerklänge dazu. Hier, auf der traimmer auch den Hauch von Gefahr in
litionsreichen Botterwerft im jachthasich btrgt«
'en der ehemaligen Zuiderzeegemeinde
Mit dem diesjährigen Schmiedefest hieß
man aktive Teilnehmer aus ganz Europa
luizen, hat die NGK eine permanente
zu einem besonderen Erlebnis willkom\.usbildungsstätte für Schmiede mit
:echs Feuerstellen eingerichtet, wo man
men, an dem gleichermaßen interes'achkurse anbietet, Nachwuchspersosierte Besucher teilhaben konnten. Die
ial ausgebildet wird und allerlei SchauNGKzeigte einem großen Publikum die
Teranstaltungen stattfinden.
Möglichkeiten modernen Schmiedens
mittels Vorführungen und verschiedener
ras alles, wie es die NGKformuliert, "im
~eichen eines geschichtsträchtigen
Ausstellungen. Auch sollen diese Begeg-
In Teamarbeit wurde ein komplettes Schachspiel
geschmiedet. Links und ganz oben Detailansichten von zwei Bauern - einmal bewaffnet, einmal mit typisch niederländischen Holzschuhen
nungen Zusammenarbeit und Austausch
unter den Schmieden fördern. Als sichtbares Ergebnis entstand als Gemeinschaftswerk ein Schachbrett.
»Dem aufmerksamen Beobachter entgeht nicht, dass die angehenden und etablierten Fachleute passionierte Individualisten sind, allerdings mit einem ausgesprochenen Wir-Gefühl und der daraus entstandenen stark ausgeprägten
Verbrüderung und Solidarität. Auch international«, kommentiert die NGK das
Geschehen. »Man steht für die gemeinsame Sache und die gemeinschaftlichen
Interessen, auch im geschäftlichen
Sinne. Dem Schaffen mit Metall und der
Hände Arbeit liegt eine reiche Kreativität
zugrunde - und es erweckt sie in gleichem Maße.« Davon zeugte das eine oder
andere auf der Huizer Botterwerft zu bewundernde Kunstwerk, das siCh in seinem ganz individuellen Stil von den anderen unterschied.
Nächstes Jahr soll die NGK-Veranstaltung
am 15. und 16. Mai im D.F. Woudagemaal in Lemmer (Friesland-Niederlande) stattfinden. Das im Jahre 1920
eröffnete Woudagemaa:l, seit 1998 auf
der Liste des Weltkulturerbes der
UNESCO,ist das größte noch in Betrieb
befindliche Dampfschöpfwerk der Welt.
Für das Publikum werden die Schmiedetage gratis zugänglich sein, man darf
sich wieder auf interessante Schmiedevorführungen freuen.
Internationales Parkett: Alfred Bullermann
und Arie Haksteen auf dem NGK-Schmiedefest
Die teilnehmenden Metallgestalter können bereits vor dem Treffen Zeichnungen und Objekte für die Ausstellung einsenden, die dann nach verschiedenen
Kategorien von einer Jury beurteilt und
mit einem Preis gekrönt werden. Zudem
wird ein gemeinsames Kunstobjekt angefertigt, wobei mit verschiedenen Techniken und Materialien gearbeitet wird.
Nicht zuletzt soll es eine Bilderausstellung besonderer Schmiedearbeiten und
Restaurationsprojekte geben.
Weitere Informationen und Anmeldung
zum Treffen bei NGK-Branchenmanager
Miko Wijnands unter der E-Mail-Adresse
[email protected]
(red)
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