Katholiken und Kirchenlehre: Umfrage offenbart tiefe Kluft

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Katholiken und Kirchenlehre: Umfrage offenbart tiefe Kluft
KATHOLIKEN UND KIRCHENLEHRE
Umfrage offenbart tiefe Kluft
Laut einer weltweiten Umfrage unter Katholiken gibt es eine tiefe Kluft zwischen den offiziellen Kirchenlehren und der Lebenswirklichkeit.
Die Gläubigen haben der Kirche den Gehorsam aufgekündigt.
Erste Ergebnisse bestätigen: Die Kluft zwischen kirchlicher
Lehre und Alltag ist groß.
(Foto: DPA)
Die neue Offenheit von Papst Franziskus macht es möglich: Die katholische Kirche gibt den Gläubigen das Wort - und die räumen
unverblümt ein, dass sie ihrer Kirche in wichtigen Punkten längst den Gehorsam aufgekündigt haben. Mit der im Oktober verschickten
weltweiten Umfrage will der Vatikan die Ansichten der Gläubigen zu Familienthemen herausfinden. Der Papst will so vor der
Sonderbischofssynode zum Thema Familie im nächsten Jahr ein Stimmungsbild bekommen.
Erste Ergebnisse bestätigen: Die Kluft zwischen kirchlicher Lehre und Alltag ist groß. Vor allem bei Themen wie Empfängnisverhütung,
vorehelicher Sex, Homosexualität und Scheidung teilen die Gläubigen die Ansichten ihrer Kirche nicht - und leben auch nicht nach ihnen.
Der Familienbund der Katholiken in Bayern hat die Fragen übersetzt und online gestellt. Zwei Drittel der Wiederverheirateten sagten dabei,
sie wollten die Kommunion und bekämen sie auch. "Auf dem kleinen Dienstweg scheint da eine Lehre faktisch aufgehoben worden zu
sein", sagte der Landesvorsitzende Johannes Schroeter.
Besonders bei Partnerschaft und Sexualität halten sich viele nicht an die Lehre. "Die Antworten lassen erkennen, dass Paare die Kirche
nicht gerne an der Planung ihres Intimlebens beteiligen wollen", erläuterte das Erzbistum München und Freising. Die Rede sei von der
"Pillenenzyklika" "Humanae vitae" gewesen. Vor allem Jüngere hätten die Frage gestellt, wer so etwas noch ernst nehme, berichtete das
Erzbistum in der ersten Auswertung von 834 Teilnehmern. "Fast einhellig wurde die Auffassung vertreten, dass diese Morallehre in der
Gesellschaft nicht mehr akzeptiert werde."
Verhütung mit Hilfsmitteln ist keine Sünde
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Familienbund der Katholiken, der die Vatikan-Umfrage in eine verständlichere Sprache übersetzt
hat. Rund 80 Prozent von 1142 Teilnehmern sahen in Verhütung mit Pille und Kondom keine Sünde. "Am problematischsten ist es, dass
Kirche sich in Privates einmischt und mit dem Zeigefinger wedelt, anstatt Autonomie zuzugestehen", schrieb ein Teilnehmer.
Erst beim Thema Abtreibung sind Gläubige und Kirche wieder vereint: Die Katholiken lehnen Abtreibung ab, mahnen aber mehr Offenheit
im Umgang mit denen an, die sich dafür entscheiden. "Abtreibung finde ich moralisch bedenklich, aber ich würde niemanden verurteilen,
der sich dazu entschließt", lautete ein Antwort.
Am vergangenen Freitag hatte das Erzbistum Köln Umfrage-Ergebnisse vorgestellt. "Insgesamt wird die Lehre der Kirche als welt- und
beziehungsfremd angesehen", stellt das größte deutsche Bistum fest.
Schon der ursprünglich an die Bischöfe gerichtete und unbearbeitet an die Gläubigen weitergereichte Fragebogen offenbarte die tiefe
Kluft. Gleich in der ersten Frage fragt der Vatikan nach Kenntnissen von "Gaudium et spes" (ein Dokument des Zweiten Vatikanischen
Konzils) und "Familiaris consortio" (ein Apostolisches Schreiben von 1981). Beides ist laut Erzbistum München und Freising wenig
bekannt.
Der Hauptpunkt "Zur Ehe nach dem Naturrecht" habe die meisten Teilnehmer überfordert. "Bis auf wenige, die hier entweder von der
Theologie oder von der Jurisprudenz herkommend viel Wissen mitbrachten, konnte kaum jemand etwas mit diesem Themenkomplex
anfangen. Hier kamen auch die meisten Forderungen, den Fragebogen verständlicher zu gestalten", erläuterte das Erzbistum.
"Wir brauchen eine neue Sprache", forderte auch der Familienbund-Vorsitzende Schroeter. Er selbst habe teils neben der deutschen die
englische und italienische Version der Fragen lesen müssen, um überhaupt die Bedeutung zu verstehen.
19.12.2013 | 17:37 Uhr
dkl, DPA

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