Lea Noll

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Lea Noll
1. Rundbrief aus
Costa Rica
Lea Noll
10.08.2014 – 09.09.2015
Liebe Freunde, Familie, Unterstützer,
es ist kaum zu glauben, aber die ersten drei Monate in Costa Rica sind schon vorbei! In
meinem ersten Zwischenbericht werde ich versuchen, euch ein kleines Bild davon zu
vermitteln, was ich hier erlebt und gesehen habe. Aber vor dem Lesen ist es mir wichtig,
noch einmal darauf hinzuweisen, dass das Folgende nur meine eigenen Eindrücke sind und
mein persönlicher Blickwinkel auf das Land und daher bitte nicht verallgemeinert gesehen
werden dürfen. Ansonsten wünsche ich viel Spaß beim Lesen!
Das Ankommen
Die letzten Wochen in Deutschland waren eine sehr intensive Zeit des Abschieds, letzter
Einkäufe und vieler Vorbereitungen (Tropentauglichkeitsuntersuchung, Arzttermine und
diverse Besuche beim Bürgerbüro). Mitten in dieser Zeit fand das 2-wöchige
Ausreiseseminar in Deutschland meiner Entsendeorganisation EIRENE statt, wo ich
zusammen mit meinen Mitfreiwilligen aus Costa Rica und Nicaragua auf die bevorstehenden
Erfahrungen vorbereitet wurde. Wir Freiwillige hatten viel Spaß und innerhalb der Gruppe
herrschte eine so gute Stimmung, dass die Vorfreude auf die anstehende Ausreise immer
größer wurde. Genauso schnell kam diese auch auf uns zu und bevor ich es überhaupt richtig
verstanden hatte, stand ich auf einmal mit meiner Familie und meiner besten Freundin am
Frankfurter Flughafen.
Nach einem, natürlich, tränenreichen Abschied und ganz viel Aufheiterung von meiner
Mitfreiwilligen Vanessa, saß ich schließlich im Flugzeug und begriff erst dort wirklich, was vor
mir lag. Für Zweifel war es aber dann zu spät, das Flugzeug hob ab und nach 14 Stunden Flug
und einem kurzen Zwischenstopp in der dominikanischen Republik, landeten wir früh
morgens in San José.
Von unserer Sprachlehrerin Alejandra sehr freundlich begrüßt, wurden wir auf unsere
Gastfamilien im Stadtteil Guadalupe aufgeteilt. Ich geriet zusammen mit Jost zu der CostaRicanerin Nydia, einer sehr herzlichen und liebevollen Frau, ihrem Mann und Winny, dem
schüchternsten Hund der Welt. Wir fanden sofort ein neues Zuhause dort, wo sie uns die
Kultur, die Sprache und vor allem das köstliche Essen der Ticos (Costa Ricaner) näher
brachte. Ich fand sofort meine Liebe zum berühmten Gallo Pinto („der bemalte Hahn“), was
ein Gericht aus Reis und Bohnen ist und musste entdecken, dass die Avocados hier ein
wahrer Traum sind.
In der Sprachschule trafen wir schließlich auf die Freiwilligen von Brot für die Welt und
Mission Eine Welt, mit denen wir in Kleingruppen aufgeteilt wurden und schließlich mit dem
Spanischkurs begannen. In Deutschland hatte ich mein Spanisch für gut genug gehalten,
doch in der Sprachschule musste ich feststellen, dass es leider doch genug grammatikalische
Formen gab, die ich weder kannte noch anwenden konnte und die Schule wurde doch eine
richtige Herausforderung für mich. Aber durch unsere entspannte Lehrerin, die nette Gruppe
und die Abwechslung hatten wir doch viel zu lachen.
Pura Vida
In ganz Costa Rica findet man ein Lebensmotto, das „Pura Vida“ (das pure Leben), welches so
ähnlich wie Hakuna Matata funktioniert. Es geht darum, die Dinge entspannt zu betrachten,
das Leben zu genießen, guten Gewissens auch mal zu spät zu kommen und sich nicht zu viel
zu sorgen. Diese Lebensphilosophie spiegelt sich auch in den Costa-Ricanern, die laut dem
Happy-Planet-Index das glücklichste Volk der Welt sind. „Pura Vida“ hört man hier an jeder
Ecke und ist jetzt auch fester Bestandteil meines Wortschatzes.
Der erste Monat in San José verging also wie im Flug. Neben einem Ausflug an die
Karibikküste, drei Geburtstagen, einer WG-Einweihungsparty, Tanz- und Kochstunden,
Theaterbesuchen, Erkundungstouren durch die chaotische Stadt, endlose Stunden in der
Einwanderungsbehörde und einem Ausflug zum Playa Jacó, verbrachte ich viel Zeit mit den
anderen Freiwilligen und der Gastfamilie.
(am Playa Jacó, in Guadalupe, mit unserer Gastmutter und im Bus)
Auch wenn ich die Zeit wirklich genoss, konnte ich es auch kaum abwarten, von San José
nach Puntarenas zu ziehen. San José ist eine riesige Stadt voller Unordnung, niemals
endendem Stau und wenig grünen Orten. Am Anfang war ich oft überfordert mit den
Buslinien, die jedes Mal an einem anderen Ort zu halten schienen, den nicht vorhandenen
Straßennamen und den Ticos, die einem zwar sehr freundlich weiterhelfen, aber in einem
Großteil der Fälle selbst keine Ahnung haben und nur irgendetwas sagen. Manchmal fühlte
ich mich wie verloren in dem Meer aus Autos, Menschen und Lichtern, doch als ich dann
schließlich meine Koffer für den Umzug nach Puntarenas packte, merkte ich doch, dass mir
die Stadt ans Herz gewachsen war.
Das neue Zuhause
Zusammen mit meinem neuen Arbeitskollegen José fuhren wir Richtung Pazifikküste nach
Puntarenas und direkt nach deinem Aussteigen flog mir eine Hitzewelle wie eine Wand
entgegen. Während in San José mildere Temperaturen herrschen, ist es an den Küsten das
ganze Jahr über heiß und schwül. Während der Autofahrt veränderte sich auch die
Landschaft, Häuserblöcke wurden von längeren Teilen Regenwalds abgelöst und nach fast
zwei Stunden sah ich endlich die lang ersehnte Küste an meiner linken Seite auftauchen. Ich
bin hier in einem kleinen Fischerdorf vor dem Hafen untergebracht und wohne zusammen
mit meiner Gastmutter, die eigentlich schon eine Gastoma ist, und zwei nicaraguanischen
Untermietern. Einsamkeit herrscht hier aber nie, denn wenn nicht gerade die fünf Kinder
und zehn Enkel meiner Gastmutter zu Besuch sind, dann kommen Freunde oder Nachbarn
vorbei.
Mit der Ernährung ist es hier ein bisschen schwieriger geworden, da in Puntarenas sehr fischund fleischlastig gegessen wird und ich als Vegetarierin ein regelrechter Sonderling bin. So
hab ich mich in den ersten Wochen buchstäblich nur von Reis und Bohnen ernährt, doch mit
der Zeit haben wir uns eingespielt und meine Gastmutter lässt sich von der vegetarischen
Küche begeistern.
Mit der tropischen Hitze und den unzähligen Mücken hatte ich am Anfang ziemlich zu
kämpfen, aber selbst die deutscheste Kartoffel gewöhnt sich irgendwann an das neue
Zuhause und ich beobachte mit Zufriedenheit, dass ich jeden Tag ein bisschen brauner
werde. Außerdem hat es mich auch sehr gefreut, dass hier der nordamerikanische und
europäische Einfluss noch nicht ganz so stark ist und ich traditionellere Seiten der Kultur zu
sehen bekomme. Nur der sehr breite Dialekt hier, vor dem ich schon in San José gewarnt
worden bin, und der am Anfang wie eine andere Sprache für mich klang, stellt mein
Spanischlernen wieder vor eine große Herausforderung.
Meine Einsatzstelle
Laut Studien befinden sich in Costa Rica um die 45% der Jugendlichen unter 17 Jahren
außerhalb des Bildungssystems. Gründe dafür können vielzählig sein; mangelnde
Unterstützung des Elternhauses, Geldnot, ungewollte Schwangerschaften, Probleme mit
Drogen etc.
Meine Einsatz-/Arbeitsstelle Fundación Acción Jóven ist eine Organisation, die sich der
Aufgabe widmet, dem entgegenzuwirken. Mithilfe von privaten Firmen, TCUs (Studenten,
die im Rahmen des Studiums einen sozialen Dienst leisten müssen) und NGO´s arbeitet FAJ
in den Schulen des Landes, die die höchste Quote an Schulabgängern haben. Im Fokus steht
die direkte soziale Arbeit mit Schülern, die Arbeit mit Lehrern und das Durchführen einiger
Projekte an den Schulen.
So und was ist meine Rolle bei der ganzen Sache?
Ich bin als Freiwillige in die Schule Liceo de Chacarita gekommen, die aufgrund ihrer Lage in
einem sozialen Brennpunkt sehr viele Studienabgänge zu melden hat. Inmitten des
Schulgeländes steht das Büro von Acción Jóven, von wo aus ich mit meiner Kollegin Carolina
den Tag beginne. Den Jugendlichen steht es frei, das Büro zu betreten, um mit uns zu reden.
Die Idee dahinter ist, dass wir zu den Jugendlichen keine Lehrer-Schüler-Beziehung
aufbauen, sondern für sie Ansprechpartner sind und sie uns Vertrauen schenken können.
Mich hat überrascht, wie gut dieses Prinzip funktioniert, da das Büro tatsächlich immer voll
ist und die Jugendlichen uns viel von dem erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Die
Arbeit besteht zu 90% aus Kommunikation, weswegen ich gerade zu Anfang sehr viele
Probleme aufgrund des Dialektes hier hatte und wahrscheinlich viele wichtige Sachen
verpasst habe.
Bis jetzt haben wir schon einige Projekte durchgeführt, wie z.B. das Bemalen einer Mauer,
ein Wettbewerb in Bodyboard (das so wie Surfen auch dem Bauch ist), die Säuberung des
Schulgeländes und ein Gespräch über Recycling.
Außerdem gibt es ein Schulfach, das Acción Jóven heißt, in dem wir den Schülern wichtige
Themen näher bringen, die nicht oder mangelnd im Schulstoff enthalten sind wie z.B.
Sexualkunde.
Ich schlug dem Direktor der Schule vor, dass ich eine Tischtennismannschaft eröffnen und
Englischunterricht geben könnte, um mein Aufgabenfeld zu erweitern. Er zeigte sich
begeistert und kam leider auch auf die Idee, dass ich die Frauenfußballmannschaft der
Schule leiten könnte. Wer mich kennt, weiß, dass ich absolut untalentiert im Fußball bin und
die Regeln nicht richtig kenne, aber der Direktor ließ sich nicht von diesem Vorschlag
abbringen.
Meine Entsendeorganisation - EIRENE
Unterstützt und gefördert werde ich während meines Aufenthalts hier von EIRENEInternationaler Christlicher Friedensdienst e.V., eine gemeinnützige ökumenische
Nichtregierungsorganisation mit internationaler Geschäftsstelle in Neuwied am Rhein.
Der Name EIRENE kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Frieden".
Seit 1957 entsendet die Organisation Fachkräfte und Freiwillige in Partnerorganisationen
nach Afrika, Europa, Nord- und Lateinamerika. Die Arbeitsbereiche umfassen u.a. Friedensund Versöhnungsarbeit, Förderung von Frauen- und Menschenrechten, Umweltschutz,
Migration und Flucht, interreligiöser Dialog, Begleitung von behinderten und
marginalisierten Menschen sowie Unterstützung benachteiligter Kinder und Jugendlicher.
Wer mehr wissen will, kann auch gerne auf der Internetseite nachschauen: www.eirene.org
Alles in Allem
Wie oft ich den Bericht auch überfliege, fallen mir immer Sachen ein, die eigentlich noch
fehlen. Aber es wäre viel zu schwierig, alle Eindrücke und Auffälligkeiten von drei Monaten
im Ausland in einen einzigen Bericht zu schreiben und ich hoffe, euch das Wichtigste
vermittelt zu haben. Und ich möchte noch einmal all denen danken, die mich unterstützt
haben – ohne euch wäre das nicht möglich und ich wäre jetzt nicht hier, tausend Dank!
Ich sende euch allen liebe Grüße aus dem sonnigen Puntarenas!
Eure Lea