9. Mai 2014 Von Geisterjägern, Königen und

Commentaren

Transcriptie

9. Mai 2014 Von Geisterjägern, Königen und
9. Mai 2014
Von Geisterjägern, Königen und Filmregisseuren
Spannende Führung durch Freudenstadts einzigartiges Grandhotel „Waldlust“
Es ist ein grauer, düsterer Donnerstagabend. Die schwere, geladene Luft ist gefüllt von
umherschwirrendem Blütenstaub und großen Pollen, die vor der etwas mystischen Kulisse
des Waldes an kleine, schwebende Feenwesen erinnern. Vor allem als ich die Auffahrt zum
Schlosshotel „Waldlust“ hinaufgehe und zum ersten Mal das verlassene, ehrwürdige Hotel aus
der Nähe erblicke, fühle ich mich wie in eine alte Zeit versetzt. Hier scheint die Zeit stehen
geblieben zu sein. Die Tür zum Hotel ist
offen und wir Besucher werden von Herrn
Schmidt vom Verein für Kulturdenkmale
erwartet. Fast habe ich das Gefühl als
wären wir selbst Gäste, die auf den
Check-in
warten,
Fensterhöhlen
und
doch
die
die
leeren
bröckelnden
Mauern zeugen davon, dass dieses
Komfort-Etablissement seine blühendsten Zeiten, in denen hier der Hochadel, Filmstars und
das noble Bürgertum residierten, hinter sich hat. Die einstige Nobel-Adresse für
Persönlichkeiten von Rang wie der König von Schweden, der Prince of Wales oder Lloyd
George wird heute nur noch durch den Besuch von Interessierten wie uns beehrt. Doch
vielleicht wird sich das in Zukunft ja wieder ändern? Der Verein für Kulturdenkmale versucht
schon seit längerem einen Investor für die frühere Hochburg der Hoteldynastie Luz zu finden,
der diese mit der Unterstützung von schätzungsweise 10 Mio € zu ihrem früheren Glanz
verhilft. Noch vor dem Haus erzählt uns Herr Schmidt wie es dazu kam, dass Freudenstadt zu
einer Kurstadt europäischen Formats wurde und dass dies dem Pioniergeist des Schultheißen
Alfred Hartranfts zu verdanken war. Ihm gelang es im 19. Jahrhundert in mehr als 40-jähriger
zielstrebiger Arbeit, aus dem Hinterwäldlerstädtchen Freudenstadt einen weltbekannten
Höhenluftkurort zu machen.
Und dann geht es endlich hinein in
das imposante Jugendstilgebäude.
Wir gelangen über die Eingangstreppe in die Lobby, die noch heute
mit gediegener, britischer Eleganz
aufwartet.
Im
gesamten
Stockwerk
funktioniert
unteren
noch
der
Stromkreis und so strahlt der Empfangsbereich mit den originalen, mondänen Lampen aus der
Bauzeit von 1902 eine fast gemütliche Atmosphäre aus. Ich kann mir gut vorstellen, dass
dieser früher für viele Gäste zu einem ihrer Lieblingsräume im Hotel zählte. Auch wenn die
meisten Möbel keine Originalstücke mehr sind, hat sich der Verein für Kulturdenkmale alle
Mühe gegeben, den Räumen mit
stilgerechten Möbelstücken das alte
Flair zu verpassen. Als nächstes
kommen wir wie die illustren Gäste
von damals in den Restaurantsaal
mit Aussicht auf den tiefgrünen
Waldgürtel, der das Hotelgelände
heute umschließt. Die Rückwand des
Restaurants bildet eine von Fenstern durchzogene Trennwand, die ursprünglich Bestandteil
der alten Sommervilla der Hotelfamilie Luz war und später, beim Großausbau 1902, geschickt
in das Hotelgebäude integriert wurde.
Der nächste Raum versetzt mich postwendend zurück in die mondänen, lebensfrohen 20er
Jahre: der Tanz- und Festsaal. Er ist quadratisch angelegt und mit üppigem Jugendstildekor
verziert. Geschickt platzierte Sitzgruppen erzeugen eine intime Atmosphäre, obwohl dieser
große Gesellschaftssaal zu seinen besten Zeiten bis zu 120 Personen fassen konnte, die der
Musik lauschten, sich unterhielten oder tanzten. Es fällt mir leicht mir vorzustellen, dass dies
hier das pulsierende Herz des Hotels war. Auch heute noch verspüren Menschen die
Anziehungskraft
dieses
schmuckvollen
Raumes.
Herr
Schmidt
berichtet
von
der
Filmproduktion „Die Holzbaronin“, die
in der Umgebung gedreht wurde und
dessen Crew darum bat, ihre Abende
gemütlich im exponierten Flair des
Festsaals
verbringen
zu
dürfen.
Insgesamt kann das Schlosshotel auf
eine
spannende
zurückblicken.
Filmgeschichte
Gleich
ob
ein
Hochzeitsgesellschafts- oder ein Horrorfilm mit einem Serienmörder, jedes Mal war das
„Waldlust“ unumstritten ein begehrter Drehort.
Im Anschluss geht es nun in das zweite Obergeschoss zu den Privatzimmern und Suiten. Wir
gehen die breite, verstaubte Jugendstiltreppe hinauf, vorbei am historischen Fahrstuhl und
halboffenen Türen des ersten Stockwerks. Mittlerweile gibt es kein elektrisches Licht mehr,
nur eine eigens für die Führung aufgestellte Lampe weist uns den Weg. Die Atmosphäre wird
dichter, die dunklen Flure erwecken ein etwas bedrückendes Gefühl. Auf einmal klingt es
plausibel, dass das Hotel in den letzten Jahren als Studienort für paranormale Aktivitäten
benutzt wurde. Sogenannte „Geisterjäger“ versuchten drei Monate lang mit Hilfe von
versteckten Kameras und Fallen die Existenz von Spukerscheinungen nachzuweisen. Es gab
Gemunkel über zugemauerte Kellergänge, die in den Berg hinein führten und worin lebendig
Menschen eingesperrt gewesen seien oder von einer Weißen Frau, die Hotelherrin, die durch
die Gänge wandel solle. Die Erzählung jagt mir einen kleinen Schauer über den Rücken,
jedoch gleich gefolgt von einem Schmunzeln, denn wer glaubt schon an Geister?! Aber kam
da nicht gerade ein Knarren aus einem der verlassenen Zimmer? Oder war das nur das alte
Holz, das arbeitet?
Ich atme etwas auf, als wir in der zweiten Etage ankommen und die hellen Privatzimmer
besichtigen. Insgesamt hatte das Grandhotel davon 80 Stück, davon 16 Suiten. Und jedes war
mit einem Bad und fließend Wasser ausgestattet. Als wir dann auf eine der Loggien treten,
entfährt einigen Besuchern ein „Aaah“ – der Panoramablick ist auch wirklich beeindruckend,
selbst an diesem grauen Abend. Über Tannenspitzen geht der Blick bis weit an den Horizont.
Wirklich eine königliche Aussicht. Und wer weiß? Vielleicht wird aus den zahlreichen
Unterlagen des Hotels einmal hervorgehen welcher König oder Fürst in welcher der Suiten
residierte und von dort aus genau wie ich heute die würzige Waldluft und den weiten Blick
genoss.
Sarah
P.S.: Möchten Sie sich auch einmal ins mondäne Zeitalter zurückversetzt fühlen? Dann finden
Sie im aktuellen Mach Mit-Programm sowie im Veranstaltungskalender auf der Website alle
weiteren Termine.
© Freudenstadt Tourismus
Marktplatz 64
72250 Freudenstadt

Vergelijkbare documenten