Weibliche Genitalverstümmelung im Tschad

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Weibliche Genitalverstümmelung im Tschad
Länderbereich Afrika - Westafrika II, Angola und Afrika überregional
L ÄNDER FA C T - S H EET
ÜBERWINDUNG DER WEIBLICHEN GENITALVERSTÜMMELUNG
Weibliche Genitalverstümmelung im Tschad
Länderinformation
Die Republik Tschad ist ein
zentralafrikanisches Land in der Sahelzone. Ethnisch ist der
Tschad mit mehr als 200 Gruppen sehr heterogen, wobei rund
60 Prozent der Bevölkerung zu Sudan-Gruppen gehören (Sara,
Bongo, Bagirmi, Munding). Weitere zwölf Prozent gehören zu
tschado-hamitischen Gruppen (Kotoko, Massa, Buduma, Maba),
14 Prozent sind Araber; die übrigen gehören saharanischen und
anderen ethnischen Gruppen an. Generell ist das Ansehen von
Frauen gering. In der Familie gilt die Autorität der (Ehe-)Männer
ebenso wie im öffentlichen Leben.
TS C H AD :
Einwohnerzahl: 11 Millionen
Bevölkerungswachstum: 3,2 %
Religionszugehörigkeit: 56 % Muslime, 22 % Christen,
22 % traditionelle Religionen
Alphabetisierungsrate: Frauen 21 %, Männer 43 %
Anteil an Frauen zwischen 20-24 Jahren, die vor ihrem
18. Geburtstag verheiratet waren: 72 %
Müttersterblichkeit: 12 %
V e r b r e i t u n g d e r G e n i t a lv e r s t ü m m e l u n g
Die
weibliche Genitalverstümmelung (engl. Female Genital Mutilation, FGM) umfasst alle Praktiken, bei denen die äußeren Geschlechtsorgane eines Mädchens oder einer Frau ohne medizinischen Grund teilweise oder vollständig entfernt oder verletzt
werden. Je nach Schweregrad klassifiziert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vier Typen.
Mit der Enquête Démographique et de Santé (EDS) aus dem Jahr
2004, der Erhebung zum Gesundheitszustand der Bevölkerung,
wurden im Tschad erstmals landesweit Daten zu FGM erhoben.
Demnach sind rund 45 Prozent aller Frauen von Genitalverstümmelung betroffen. Besonders weit verbreitet ist FGM im Osten
und Süden des Landes. Am häufigsten wird sie praktiziert unter
den Arabern (95 Prozent), den Hadjarai (94 Prozent), den Ouadai
(91 Prozent) und den Fitri-batha (86 Prozent). Bei anderen, wie
den Gorane, Tandjile und Mayo-Kebbi, kommt FGM dagegen
kaum vor (jeweils weniger als 2,5 Prozent). Von der Praktik sind
deutlich mehr Musliminnen (61 Prozent) betroffen als Katholikinnen (31 Prozent), Protestantinnen (16 Prozent) und Anhängerinnen traditioneller Religionen (zwölf Prozent).
Bei einem Vergleich zwischen den verschiedenen Altersgruppen
ist keine rückläufige Tendenz von FGM bei jüngeren Frauen zu
erkennen, auch gibt es kaum Unterschiede zwischen städtischem
und ländlichem Milieu. Einen deutlichen Einfluss auf die Prävalenz hat hingegen die wirtschaftliche Situation: das ärmste Fünftel der Frauen ist zu 85 Prozent von FGM betroffen. Auch sind
Frauen, die niemals zur Schule gegangen sind, deutlich häufiger
beschnitten (50 Prozent) als Frauen, die mindestens eine Grundschulbildung durchlaufen haben (31 Prozent).
Die vorherrschende Form der genitalen Verstümmelung ist die
Exzision (Typ II nach WHO-Klassifikation), bei der Klitoris und
kleine Schamlippen teilweise oder vollständig entfernt werden.
Allerdings gaben auch knapp 20 Prozent der befragten Frauen an,
sie hätten zwar einen Schnitt erlitten, bei diesem sei jedoch kein
Gewebe entfernt worden. Die Infibulation (Typ III nach WHO,
Verengung der Vagina mit (teilweiser) Entfernung der kleinen/
großen Schamlippen und/oder der Klitoris) ist im Tschad mit 2,4
Prozent selten.
Medizinisches Personal ist (bislang) selten in die Genitalverstümmelung involviert (drei Prozent). Allerdings ist die Tendenz zur so
genannten Medikalisierung steigend. Bei den beschnittenen Töchtern der befragten Frauen sind sechs Prozent von medizinischem
Personal verstümmelt worden. Die allermeisten Beschneidungen
werden laut der Erinnerungen der Befragten jedoch von Beschneiderinnen oder „alten Frauen“ durchgeführt.
Im Gegensatz zu anderen Ländern wird FGM im Tschad selten
im Kleinkindalter praktiziert: Von den unter 5-jährigen sind nur
vier Prozent beschnitten. Fast die Hälfte der Eingriffe geschieht
bei Mädchen im Alter von 5 bis 9 Jahren, weitere 37 Prozent zwi-
schen 10 und 14 Jahren. Nach dem 15. Geburtstag werden noch
4,1 Prozent der Mädchen beschnitten, im Süden (Moyen Chari)
sind es sogar zehn Prozent.
Bei einem Blick auf die Einstellungen deutet sich eventuell ein
Rückgang der Praktik an, denn 43 Prozent der Mütter, die selbst
beschnitten sind und mindestens eine Tochter haben, wollen diese
nach eigenen Aussagen nicht beschneiden lassen. Hingegen haben
39 Prozent bereits mindestens eine Tochter beschneiden lassen
oder die Absicht, dies zu tun. Damit wäre die Prävalenz in der
Töchtergeneration zumindest um einige Prozentpunkte niedriger
als bei ihren Müttern.
Bei den Begründungen für FGM wird am häufigsten die soziale
Anerkennung genannt (31 Prozent), gefolgt von der Annahme,
die Praktik sei eine religiöse Notwendigkeit (23 Prozent). Allerdings geben 37 Prozent an, dass FGM keinerlei Vorteile mit sich
bringe. Offenbar steigt die Bereitschaft zur Abkehr von FGM mit
der wirtschaftlichen Situation und Schulbildung der Mütter und
ist in städtischen Gegenden größer als in ländlichen (53 Prozent
gegenüber 40 Prozent). Bei den Christinnen will mindestens jede
zweite ihre Tochter nicht beschneiden lassen, bei den Musliminnen wendet sich dagegen nur jede Dritte von FGM ab.
E r k l ä r u n g v o n N ’ D j a m e n a g e g e n FGM
Im November 1999 verabschiedete ein Netzwerk von Parlamentariern, NRO-Vertretern sowie religiösen und traditionellen Führern eine Erklärung gegen FGM, in der sie
sich u.a. dazu verpflichteten, für die Erarbeitung eines nationalen Aktionsplans zur Überwindung der Praktik einzutreten sowie Maßnahmen in diese Richtung zu befördern.
Beschneiderinnen sollten aktiv in die Arbeit gegen die Praktik einbezogen werden. Zudem sollte das Thema, neben reproduktiver Gesundheit allgemein, über die Entwicklung
von Modulen Eingang in den Schulunterricht finden.
hat die italienische NRO COOPI, die die medizinische Betreuung in Flüchtlingslagern im Osten des Tschad sicherstellt, damit
begonnen, in der Schwangerenvorsorge beschnittene Frauen zu
registrieren. Geburtskomplikationen der sudanesischen DarfurFlüchtlinge sollen damit minimiert und durch Aufklärung neue
Beschneidungen unter den Sudanesinnen verhindert werden.
Der Tschad hat mehrere internationale Konventionen ratifiziert, die weibliche Genitalverstümmelung verurteilen.
Hierzu zählen das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form
von Diskriminierung der Frau (CEDAW), das Übereinkommen
über die Rechte des Kindes (CRC) und die Afrikanische Charta
über die Rechte und den Schutz des Kindes. Das Protokoll für die
Rechte von Frauen in Afrika (Maputo-Protokoll), ein Zusatzprotokoll zur Afrikanischen Menschenrechtscharta, das sich explizit
gegen FGM und andere schädliche Praktiken ausspricht, wurde
zwar unterzeichnet, aber bislang nicht ratifiziert.
Ansätze
Auf nationaler Ebene gibt es seit 2002 ein Gesetz zu reproduktiver
Gesundheit, mit dem alle Formen der Gewalt gegen Frauen unter
Strafe gestellt wurden, darunter auch FGM.
CONA/CI-AF, das nationale Komitee gegen schädliche traditionelle Praktiken setzt sich seit 1988 für die Überwindung der
Genitalverstümmelung ein, u.a. mit der Entwicklung von alternativen Ritualen, bei denen die Idee des Beschneidungsfestes zwar
beibehalten wird, die Praktik der Genitalverstümmelung jedoch
durch ein alternatives Ritual ersetzt wird. Weiterhin engagiert sich
CONA/CI-AF für die Sensibilisierung von religiösen Führern und
lokalen Autoritäten. Eine 1999 feierlich abgegebene Erklärung
von N’Djamena gegen FGM zeigte allerdings wenig Wirkung.
Das zivilgesellschaftliche Engagement gegen FGM im Tschad ist
punktuell. Nichtregierungsorganisationen klären z.B. mit Hilfe
von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen in ländlichen Gebieten über die Gefahren der genitalen Verstümmelung auf. 2009
Impressum
Herausgeber:
Deutsche Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH
Sektorvorhaben und überregionales Projekt
„Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung“
Dag-Hammarskjöld-Weg 1-5
65760 Eschborn/Deutschland
E [email protected]
I www.giz.de/fgm
September 2011
Quellen:
Institut de la Statistique (2004): Enquête Démographique et de Santé
(EDS) Tchad 2004.
IRIN, Chad: Tackling FGM in refugee camps, 6. 1.2010.
In: http://www.irinnews.org/Report.aspx?ReportID=87651 (Zugriff
am 8.11.2010).
UNDP (2009): Human Development Report 2009.
UNICEF: http://www.childinfo.org. (Zugriff am 15.6.2011).
UNICEF (2010): The State of the World’s Children 2010.
WHO (2011): World Health Statistics 2011.
http://www.auswaertigesamt.de (Zugriff am 15.6.2011).
Weitere Informationen zur Arbeit der GIZ zum Thema FGM unter:
www.giz.de/fgm.