Kletschke, Irene: Klangbilder. Walt Disneys »Fantasia

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Kletschke, Irene: Klangbilder. Walt Disneys »Fantasia
Rezension: Kletschke, Irene:
Klangbilder. Walt Disneys »Fantasia« (1940).
Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2011.
Anna Parisa Ehsani (Wien)
Basierend auf Walt Disneys Meisterwerk FANTASIA untersucht Irene
Kletschke in ihrem Buch Klangbilder: Walt Disneys »Fantasia« (1940) die
Beziehung zwischen Animationsfilm und musikalischer Untermalung. Die
Zusammenarbeit mit maßgeblichen Größen aus dem Musikbereich und
deren einflussreiches Mitwirken am endgültigen Film wurde in dem vormals
als Dissertation erarbeiteten Buch ebenso behandelt, wie das historische,
politische, wirtschaftliche, studiointerne, wie gesellschaftliche Umfeld, in
dem die Produktion verlief. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem
Zusammenspiel von Musik und Zeichentrickfilm. Das Hauptaugenmerk
liegt auf der Adaption klassischer, teils sehr bekannter Musikstücke für den
die Musik visualisierenden Film FANTASIA. Das Buch beschreibt und
begründet die Entscheidungen, die von renommierten Komponisten
getroffen wurden, Änderungen in der Partitur, vernachlässigt dabei aber
nicht den animations-ästhetischen Blickpunkt, den Walt Disney in der
Produktion des Films einnahm.
Gleich zu Beginn bietet die Einleitung einen sehr guten Überblick über das
Feld, das mit der Arbeit abgedeckt werden sollte. Kletschkes Arbeitsweise
ist transparent geschildert, ihre Argumentation objektiv gehalten und
persönliche Kritik sehr sachlich und subtil in den Text eingebaut. Die
primären der zahlreichen, zum Teil sehr aufwendig zu recherchierenden
Quellen stellt Kletschke gleich in der Einleitung vor und verweist auch in
weiterer Folge immer präzise auf den Ursprung ihrer Annahmen.
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Die folgenden zwei Kapitel Die Musik in den Cartoons und Filmen des
Disney Studios und Die Entstehung und Realisierung von Fantasia bilden
einen Grundstein für das Arbeiten mit und um Disney. Im ersten der beiden
Kapitel widmet sich Kletschke den historischen und technischen
Entwicklungen hin zu dem Standpunkt, den das Studio vor der Produktion
von FANTASIA einnahm, wobei von Seiten des Lesers kein filmhistorisches
Fachwissen vorausgesetzt wird. Das dritte Kapitel schildert eine detaillierte,
aber sehr leserfreundliche Darstellung der Umsetzung des Films, wobei den
beiden Komponisten bzw. Dirigenten Leopold Stokowski und Deems Taylor
zu Recht ein eigenes Unterkapitel gewidmet wird.
Für wissenschaftliche Forschung mit animationstechnischem Schwerpunkt
ist das Kapitel Fantasound – ein Tonformat nicht nur für Fantasia eine
Passage lang interessant, während das restliche Kapitel, wie auch die
vorhergegangenen 70 Seiten, an ihrem historischen Fokus festhalten.
Mit Kapitel 4. Illustration, Assoziation, Visualisierung: Toccata and Fugue
in d minor beginnt die Auseinandersetzung mit der Umsetzung der
einzelnen Filmabschnitte aus FANTASIA. Der Fokus liegt hier auf der
Anfangspassage des Films, mit dem auch eine sehr fachspezifische
Formulierung der Forschungsergebnisse einhergeht, da beispielsweise
Ausdrücke wie »Toccata« ohne weitere Definition verwendet werden.
Lesern aus nicht-musikwissenschaftlichen Bereichen fällt es damit schwerer
sich in den Text einzulesen, ohne dass dies jedoch unmöglich wäre.
Nach der sehr detaillierten Beschreibung der musikalischen Umsetzung der
ersten und wohl auch am schwierigsten zu analysierenden Sequenz des
Films folgt ein einfach zu lesender, inhaltlich aber um nichts nachstehender
Abschnitt von FANTASIA. Kapitel 5. Mickeymousing: The Sorcerer´s
Apprentice widmet sich einerseits der genauen Erklärung des für das
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Arbeiten mit Disney und dem Animationsfilm unumgänglichen Begriffs des
Mickeymousings,
andererseits
der
technischen
Umsetzung
des
»Zauberlehrlings«. Kletschke beginnt mit der Darstellung der Kontexte,
angefangen mit der relevanten Begriffsdefinition um das Verhältnis von
Musik und Bild von dem aus sich die Analyse des disneyfizierten Klassikers
seitens des Rezipienten problemlos nachvollziehen lässt.
Nachdem ab Kapitel 4 sequentiell alle Episoden von FANTASIA analysiert
werden, greift die Autorin immer wieder auf die aus den vorangegangenen
Kapiteln hervorgegangenen Ergebnisse zurück. Damit unterstützt sie das
Verstehen des teils sehr komplexen Textes nicht nur maßgeblich, sie stellt
auch sicher, dass FANTASIA trotz seiner eindeutigen Aufteilung in viele
Kurzfilme als ein Ganzes betrachtet wird.
Kapitel 6. Bilderballett: Musik und Bewegung beschreibt die Beziehung von
Ballett
zum
Animationsfilm
und
die
Bedeutung
von
Tanz
als
Ausdrucksmöglichkeit für filmisches Schaffen. Jedes der vier Unterkapitel
handelt dabei von einem der vier mittleren Kurzfilme aus FANTASIA, von
denen jeder mit den Elementen Ballett und Choreografie in Relation steht.
Über die Erkenntnisse, die Kletschke über Recherchen erarbeitet hat, bringt
sie dem Leser nach und nach mit dem Verlauf der einzelnen Filmsequenzen
parallel den musikalischen wie visuellen Inhalt näher. Somit entsteht ein
spannender Lesefluss. Abseits von ihrem Forschungsschwerpunkt erwähnt
Kletschke Informationen zu Disney bezüglich inhaltlicher Kritikpunkte, wie
Sexismus oder Rassismus, oder technische Aspekte, ohne im Text näher
darauf einzugehen.
Abschließend bildet Kapitel 7. Das Ende: Night on Bald Mountain und Ave
Maria sowohl eine Untersuchung zu den letzten beiden Filmeinheiten von
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FANTASIA und deren religiösen wie musikalisch-historischen Hintergrund, als
auch das Ende des Buches an sich. In den Unterkapiteln 7.3. und 7.4.
versteckt Kletschke ihre zusammenfassende Erkenntnis und interessanten
Spekulationen nicht nur zum Schluss des Films, sondern zu FANTASIA im
Allgemeinen. Durch die bewusste Struktur der vorerst als willkürlich
erscheinenden Einteilung unterschiedlich vieler Filme pro Kapitel, die in
ihrer Benennung jeweils wiederum einem musikalischen Grundthema
zugeteilt wurden, wird der in Kapitel 7.3. Ringform und der »Circle of Life«
angenommene direkte Vergleich von FANTASIA mit dem Aufbau eines
klassischen Konzerts näher gebracht, der auf eben diese Einteilung
zurückgreift.
Klangbilder eignet sich nicht, um einen schnellen Überblick über FANTASIA
zu bekommen, dafür ist die Arbeit zu komplex und differenziert, sind die
Erkenntnisse zu detailliert ausgearbeitet. Der Anfang des Buches stellt einen
sehr guten Überblick der historischen, wirtschaftlichen, filmischen und
(produktions-)technischen Aspekte um 1940 in den USA dar. Des weiteren
findet sich darin eine gute Darstellung über die Anfänge des
Animationsstudios und die Entwicklung von Disneys Zeichentrickfilmen bis
zum Entstehen von FANTASIA. Kletschke bietet über weitreichende Zitate
und Kritiken zur Produktion dabei einen Einblick in den gesellschaftlichen
Standpunkt von klassischer Musik im Zeichentrickfilm.
Es finden sich nur etwa drei Absätze, auf denen Disneys Arbeit kritisch
betrachtet wird, weswegen das Buch zum Teil wie eine Ode an Disney
wirkt. Trotz der offensichtlichen Sympathie der Autorin für Disneys
Schaffen schafft sie es sehr sachlich zu bleiben und objektiv zu
argumentieren. Wenn sie einen kritischen Punkt anspricht, lenkt sie den
Leser durch Fakten in ihre Denkrichtung, ohne dabei das, worauf sie hinaus
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wollte, direkt niederzuschreiben. Das macht das Lesen spannend, weil der
Leser mit ihr mitdenkt und sich als Rezipient ernst genommen fühlt.
Alles in allem bietet das Buch eine detaillierte Auseinandersetzung mit der
Entstehung von FANTASIA bezüglich seiner historischen und musikalischen
Hintergründe. Neben der musikalischen Rolle, die die mitwirkenden
Komponisten bzw. Dirigenten spielten, blieb Disneys Idee, was FANTASIA
eigentlich bewirken sollte, nicht unerwähnt und spitzt sich gegen Ende des
Buches zu einem schönen Gesamtbild zusammen. Mit eindeutigem
Schwerpunkt auf dem musikwissenschaftlichen Aspekt von FANTASIA bildet
Irene Kletschkes Arbeit somit eine wichtige Quelle für weitere
Forschungsarbeiten,
die
im
filmhistorischen,
animations-,
sowie
musikwissenschaftlichen Bereich der 1940er Jahre angesiedelt sind.
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Empfohlene Zitierweise
Ehsani, Anna Parisa: Rezension zu: Kletschke, Irene: Klangbilder. Walt Disneys
»Fantasia« (1940). Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2011. In: Kieler Beiträge zur
Filmmusikforschung 8, 2012, S. 322-327.
URL: http://www.filmmusik.uni-kiel.de/KB8/KB8-RezEhsani.pdf
Datum des Zugriffs: 15.7.2012.
Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung (ISSN 1866-4768)
Copyright © für diesen Artikel by Anna Parisa Ehsani.
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