400 jahre augsburger zeughaus

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400 jahre augsburger zeughaus
Renate Miller-Gruber
Gode Krämer
400 Jahre
Augsburger
Zeughaus
Das reichsstädtische Waffenarsenal
von Elias Holl
Städtischer Erweiterungsbau
Ehemaliges Kornhaus
1505 Bau des städtischen Kornhauses
1602 – Anbau des neuen Zeughauses
1607 durch Elias Holl
1806 Königlich-bayerisches Artilleriedepot
1895
Umbau zur städtischen Hauptfeuerwache
1975
Umfassende Sanierung und Erweiterung
durch die Stadt Augsburg
1980
Bildungs- und Begegnungszentrum
Holl-Anbau
Toskanische Säulenhalle
Renate Miller-Gruber
Gode Krämer
400 Jahre
Augsburger
Zeughaus
Das reichsstädtische Waffenarsenal
von Elias Holl
Grußwort
Liebe Freundinnen und Freunde
des Zeughauses,
diese Broschüre ist einem ganz unverwechselbaren
Nach behutsamen, aber umfangreichen Renovierungs-
Stück Augsburger Stadtgeschichte gewidmet, einem
arbeiten öffnete das Zeughaus am 6. Dezember 1980
Zeitzeugen eigener Art, der von der frühen Neuzeit an
seine Tore als Bildungs- und Begegnungszentrum im
mit der Geschichte der Stadt eng verbunden ist. Nach-
Herzen der Innenstadt. Seitdem dienen seine Räum-
dem das Zeughaus fast drei Jahrhunderte lang aus-
lichkeiten den unterschiedlichsten Gruppen und Verei-
schließlich militärischen Zwecken gedient hatte, wurde
nen als Treffpunkt und Veranstaltungsort. Ein histo-
es ab Ende des 19. Jahrhunderts für zivile Zwecke ver-
rischer Bau mit reicher Vergangenheit, der sich aber
wendet. Vom Waffenarsenal über die städtische Haupt-
Tag für Tag mit Leben füllt. Ein Ort, von dem Impulse
feuerwache bis hin zu einer Stätte der bürgerschaft-
sozialer wie auch kultureller Natur ausgehen: bis 2003
lichen Begegnung hat das Zeughaus in 400 Jahren
war er Sitz der Volkshochschule. Nach deren Verlegung
einen weiten Weg zurückgelegt! Von 1806 an befand es
zog zunächst die Albert-Greiner-Sing- und Musikschule
sich gar im Besitz des Königreichs Bayern und musste
ins Zeughaus ein. Seit 2004 hat auch die Musikhoch-
1895 von der Stadt erst für 195.000 Goldmark zurück-
schule Nürnberg-Augsburg dort feste Unterrichtsräume,
gekauft werden. Auch manch bauliche Veränderung
was eine enge Kooperation beider Institute ermöglicht.
musste das Zeughaus über sich ergehen lassen, die
wohl kaum im Sinne seines berühmten Erbauers Elias
Holl gewesen wäre.
Raum für wechselnde Ausstellungen im Sinne einer be-
Unser Zeughaus steht nicht nur mitten in Augsburg,
ständigen breitgefächerten Kulturarbeit bieten die Ein-
sondern auch mitten im Leben – trotz seiner 400 Jahre.
gangshalle und die Toskanische Säulenhalle. Stolze 153
Es baut Brücken zwischen Menschen, schafft ideale
Ausstellungen wurden den Besuchern in der Eingangs­
Rahmenbedingungen für Kommunikation innerhalb un-
halle bereits präsentiert. Für die Film- und Musikfreunde
serer vielgestaltigen Stadtgesellschaft. So arbeiten wir
gibt es geeignete Räume im 3. Stock.
hier im Zeughaus im Angesicht der Vergangenheit an
Das Zeughaus ist ein offener Ort mitten in der Stadt,
einer guten Zukunft für unsere Stadt.
ein Anziehungspunkt für stattliche 300.000 Besucher
Wie das Zeughaus selbst, so lädt auch diese Broschüre
pro Jahr! Im Sommer lockt ein schattiger Biergarten, im
zur Begegnung ein, zur Begegnung mit einem span-
Winter die Weihnachtsinsel noch weitere Gäste an. So
nenden Teil unserer Stadthistorie. Wir wünschen Ihnen
wird auch der schöne Brunnenhof des Zeughauses
viel Freude bei der Lektüre, neue Erkenntnisse und
rege genutzt, ein gelungener Rahmen für sommerliche
gute Begegnungen rund um unser Zeughaus.
Jazz-Konzerte. Seiner Bedeutung für die städtische Kul­
tur­arbeit entsprechend ist das Zeughaus seit 1990 dem
Kulturreferat zugeordnet und gehört seit 2007 zum
Kulturbüro.
Eva Leipprand
Kulturreferentin und Bürgermeisterin
Verteidigungswesen
und Zeugamt
Abb. 1: Zeughaus, Fassade, um 1956
Verteidigungswesen
und Zeugamt
Organisation und Aufgaben des städtischen Zeugwesens
Die Verteidigungskraft einer Stadt hing in früheren
Zur Verwaltung der Waffenarsenale wurden vom Rat
Zeiten im Wesentlichen ab von ihrer strategischen
zwei Ratsherren, die sogenannten Zeugmeister, er-
Lage, dem Ausbau der Befestigungsanlagen, einer
nannt, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts dem paritä-
wehr­haften Bürgerschaft und von ihrem Potential an
tisch besetzten Zeugamt vorstanden. Dieses war für
Waffen und Rüstungsgütern.
die Zeughäuser und den Kriegsvorrat verantwortlich,
Die Freie Reichsstadt Augsburg war durch ihre Lage auf
für die allgemeine Sicherheit, die Befestigung und Ver-
dem Höhenzug zwischen den Tälern von Lech und
teidigung. Die Zeugmeister, häufig Vertreter aus den
Wertach begünstigt. Sie war seit dem Mittelalter durch
angesehen Patrizierfamilien von Stetten, von Langen-
einen Ring aus Mauern und Toren befestigt und hatte
mantel und von Rehlinger auf der protestantischen
spätestens seit dem 14. Jahrhundert die Wehrhoheit,
Seite, den von Imhof, von Ilsung und von Welser auf
d.h. das Recht zum Aufbau und Unterhalt eigener
der katholischen Seite, hatten u.a. dafür zu sorgen,
Verteidigungseinrichtungen. Im 16. Jahrhundert wurden
dass das Zeughaus stets verschlossen war und – aus
diese in großen Teilen modernisiert. Die Leitung des
Gründen der Geheimhaltung – niemand Zugang ohne
städtischen Verteidigungswesen lag in den Händen
besondere Erlaubnis bekam. Ihnen oblag auch die
des Rats der Stadt, der alle Entscheidungen über mili-
Instandhaltung und Vermehrung des Waffen- und Muni­
tärische Aufwendungen und Einsätze traf. Die Bürger-
tionsvorrats.
meister bzw. Stadtpfleger hatten dabei Befehlsgewalt
und das Kommando über die bewaffnete Bürgerschaft,
die darauf eingestellt war, im Ernstfall zu den Waffen
zu greifen.
Verteidigungswesen
und Zeugamt
Abb. 2: Zeughausanwesen,
Kupferstisch von Wolfgang Kilian, 1659
Eigentlicher Aufseher über das Zeughaus war der Zeug-
Zu den weiteren Bediensteten des Zeugamtes zählten
wart, der neben der Sicherung und Verwahrung von
die Büchsenmeister, deren Aufgabe es war, Waffen
Geschützen und Munition auch die Oberleitung über
und Geräte sachgerecht zu bedienen. Um 1600 standen
die vielen verschiedenen Handwerker hatte, die für
36 Büchsenmeister bereit. Für die Herstellung von
das Amt arbeiteten. Im 17. Jahrhundert unterstanden
Geschützen und Kugeln waren die Geschützgießer zu-
ihm zeitweise 24 Bedienstete. Von 1599 bis 1611 und
ständig, die auch andere Gussarbeiten, Glocken oder
von 1611 bis 1632 war jeweils ein Georg Steingaden
Bildwerke, für die Stadt ausführten. Von 1575 bis 1597
Wart des Augsburger Zeughauses, ein durchaus verant-
hatte Peter Wagner dieses Amt inne, ihm folgte der
wortungsvoller und angesehener Posten, der später
Ulmer Wolfgang Neidhardt (1575 – 1632), der u.a. für die
auch noch die Überwachung der Basteien, Wälle und
Herstellung der Skulpturengruppe des Hl. Michael an
Befestigungsanlagen übernahm.
der Zeughausfassade verantwortlich war.
Frühe Zeughäuser
Abb. 3: Stadtansicht von Augsburg um 1520 (Detail),
Tuschfederzeichnung, farbig laviert, 2.H. 17. Jh.
frühe Zeughäuser
Vom Unteren Zeughaus am Katzenstadel
zum Depot im Stadtzentrum
Waffen und Munition wurden seit dem Mittelalter an
Bereits 1501 wurde unweit davon, in dem Bereich zwi-
verschiedenen Orten einer Stadt gelagert, vielfach in
schen Katzenstadel und Langer Gasse, mit dem Bau
Türmen oder Befestigungen, in Kirchen oder in Rats-
eines neuen Gießhauses zur Herstellung und eines Ge-
kellern.
bäudes zur Aufbewahrung von Geschützen begonnen.
In Augsburg befand sich ein Depot für Waffen in der
Produktionsstätte und Lagerhaus standen nun wieder
Rüstkammer des alten Rathauses. Da die Menge an
in unmittelbarer Nachbarschaft. Dieses Untere Zeug-
Gerät und Geschützen aber ständig zunahm, richtete
haus, auch in einem Holzschnitt von Sebastian Münster
man seit dem 15. Jahrhundert spezielle Lagerplätze
(1550) eingezeichnet, wurde im 17. Jahrhundert jedoch
dafür ein. Als Standort wurde ein Areal nahe der nord-
aufgegeben bzw. umgebaut (Abb. 5). »
östlichen Stadtbefestigung, vor der sogenannten Juden­
bastei gewählt. Werkstätten, Schuppen und Lagerhäuser,
um einen dreieckigen Hof angeordnet, bildeten einen
Komplex, der „Büchsenstadel“, später auch „Katzen­stadel“, genannt wurde (Abb. 4, 64). Als „Katzen“ bezeichnete man in der Fachsprache sowohl schwere Geschütze als auch hohe Erdwälle, die den eigentlichen
Bastionen vorgelagert waren. Hier in diesen „Zeugschuppen“ wurde schweres Kriegsmaterial untergebracht und gewartet.
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Frühe Zeughäuser
11
oben, v. l.
Abb. 4: Stadtplan, Hans Rogel d.Ä. (Detail), Holzschnitt, 1563
Abb. 5: S tadtplan aus Sebastian Münster, Cosmographia universalis (Detail), Holzschnitt, 1550
unten, v. l.
Abb. 6: Vogelschauplan nach Jörg Seld (Detail), kolorierter Holzschnitt, 1521
Abb. 7: Stadtplan, Hans Rogel d.Ä. (Detail), Holzschnitt, 1563
Eine weitere Lagerstätte befand sich seit der Mitte des
Nachdem 1593 das Zeughaus am Katzenstadel abge-
Jahrhunderts im Stadtzentrum, in der Pfaffengasse
brannt war, entstand verstärkt der Wunsch, ein zen-
(heute Zeuggasse) hinter St. Moritz. Spätestens ab
trales Zeughaus in der Stadtmitte zu haben. Politische
1584/85 wurde dort auch das große, 1505 erbaute
Unruhen (Kalenderstreit) mögen eine weitere Ursache
städtische Kornhaus als Depot benutzt, wohin man
gewesen sein, an einen Umzug zu denken. 1598 ent-
nach und nach den Bestand überführte. Der Vogel-
schloss sich die Stadt, das bereits als Lager genutzte
schauplan von Jörg Seld aus dem Jahr 1521 zeigt diesen
Kornhaus auf dem Gelände hinter St. Moritz zu vergrö-
auffallend mächtigen Speicherbau mit Treppen­giebeln
ßern, zumal Platz für einen An- und Erweiterungsbau
auf beiden Schmalseiten, sowie mehrere niedere Ge-
vorhanden war bzw. durch den Abbruch u.a. des Mang-
bäude und Höfe zu St. Moritz hin (Abb. 6). Auch auf
hauses gewonnen werden konnte.
den Plänen von Hans Rogel (1563, Abb. 7) und Franz
Die Lage erwies sich als strategisch und städtebaulich
Hogenberg (1572) sind das Kornhaus (heute Südflügel
günstig. Zwar war die Pfaffengasse eng bebaut, aber
des Zeughauskomplexes) und eine Randbebauung des
nach Osten gegen den Klosterbezirk von St. Moritz öff-
östlich anschließenden Areals zu erkennen. Einer die-
nete sich ein breiter Straßenraum. Es handelte sich
ser Bauten mag wohl die städtische Mang (1498) ge-
zudem um einen Bereich, in dem die Familie Fugger
wesen sein, die die Glättmaschine der Färber beher-
zahlreiche Grundstücke und Häuser und damit auch
bergte.
ein Machtpotential besaß (Pfaffengasse, Fuggerhäuser).
Durch den Bau eines großen militärischen Gebäudes
zeigte die Reichsstadt ihre Präsenz in diesem bürgerlichen Bezirk und bildete ein Gegengewicht zu der
kirchlichen und patrizischen Umgebung.
12
Das Kornhaus
hinter St. Moritz
Abb. 8: Kornhaus, Südgiebel, um 1895
13
Das Kornhaus hinter St. Moritz
Lagerhallen für Getreide und Waffen
Den Kern der innerstädtischen Zeughausanlage bildet
Stadttheaters, stand seit 1501 ein mächtiger Kornstadel,
das alte Kornhaus aus dem Jahr 1505, jener dreige-
der später als Salzlager genutzt und 1875 abgerissen
schossige, nordsüdlich ausgerichtete Bau mit Treppen-
wurde. Ein anderes Gebäude wurde um 1556 zwischen
giebel zur ehemaligen Pfaffengasse (heute Zeuggasse,
dem Frauentor und St. Stephan errichtet und schon
Abb. 8), der seit Mitte des 16. Jahrhunderts teilweise,
1570 durch den damaligen Stadtwerkmeister Simon
seit den 80er Jahren überwiegend als Waffenlager ge-
Zwitzel erweitert. Elias Holl hat diesen gewölbten Bau
nutzt wurde.
vermessen, bevor man ihn 1637 abriss. Ein drittes
Kornhäuser gehörten zu den wichtigsten Nutzbauten
Kornhaus schließlich befand sich seit 1590 am Katzen­
einer Stadt, der Versorgung der Bevölkerung mit dem
stadel, an oder bei der Stelle des alten Zeughauses,
Grundnahrungsmittel dienend. Allein diese Aufgabe
für das Hubert Gerhard 1592 „etliche Bilder und Ein-
sicherte ihnen bereits eine besondere Beachtung im
fassungen“ lieferte.
städtischen Gefüge. Als Speicherbauten waren sie zu-
Nicht ungewöhnlich scheint es gewesen zu sein, diese
dem weiträumig und mehrstöckig angelegt, meist gie-
Speicher gelegentlich auch für die Aufbewahrung von
belständig und mit Aufzügen und Winden versehen.
anderen Gütern zu verwenden. Speziell die Nutzung
Durch ihre Größe nahmen sie häufig eine herausra-
als Waffendepot war mancherorts sogar vorgesehen:
gende Stellung im Stadtbild ein (Kornhaus in Ulm 1594,
Es fanden Umwandlungen von Korn- in Zeughäuser
Leerer Beutel in Regensburg 1597/98).
statt wie in Basel und Genf, oder es bestand eine enge
In Augsburg gab es neben dem Kornhaus in der Pfaffen­
Nachbarschaft bzw. Doppelfunktion, wie in dem von
gasse noch weitere Lagerplätze für Getreidevorräte. In
Lukas Rottaler 1491/93 errichteten bürgerlichen Zeug-
der Nähe vom Alten Einlass, an der Stelle des heutigen
und Kornhaus am Jakobsplatz in München und dem in
14
Das Kornhaus
hinter St. Moritz
15
oben, v. l.
Abb. 9: Kornhaus, Südgiebel
Abb. 10: Kornhaus, Eingangshalle
unten
Abb. 11: Kornhaus, Erdgeschoss, 1976
Schwäbisch Hall 1509/27 gebauten, gewaltigen „Großen
musste, wurde der nördliche Teil entkernt: In der Korn-
Büchsenhaus“, einer Kombination aus Zeughaus und
haushalle entfernte man vier Pfeiler, vom dritten Pflei-
Fruchtkasten, das noch heute die Stadtsilhouette be-
lerpaar sind Reste in der neu eingezogenen Mauer zur
herrscht. In Augsburg gab man die zeitweilige Parallel­
Toskanischen Säulenhalle erkennbar (Abb. 10).
nutzung zugunsten eines Tausches auf: Das Kornhaus
Ein im 4. Joch außen angebauter Treppenturm an der
wurde Teil des neuen Zeughauses, das vom Katzensta-
Gelenkstelle erschloss nun beide im rechten Winkel
del in die Stadt verlegt wurde, auf dem alten Gelände
aufeinandertreffende Gebäude. Zu den im 19. Jahrhun-
wiederum wurde ein Kornhaus eingerichtet.
dert vorgenommenen Umbaumaßnahmen zählt u.a. die
Über die innere Aufteilung des alten Kornstadels ist
Neugestaltung des gotischen Südgiebels zur Zeuggasse
nichts bekannt, vermutlich wurde sie bei den Um-
in Formen der Neorenaissance (1897/99) in stilistischer
bauten weitgehend beibehalten. Die dreischiffige Halle
Anlehnung an die Ostfassade (Abb. 9).
im Erdgeschoss (Abb. 11) sowie die oberen Stockwerke
und das Dach blieben Lagerflächen. Als man 1598 mit
dem Um- bzw. Anbau begann, mussten jedoch Eingriffe
in die Bausubstanz vorgenommen werden. Da der neue
Flügel nicht einfach angesetzt, sondern gleichsam in
den alten Bau hineingeschoben wurde – im Kilianplan
(Abb. 13) erkennt man deutlich die beiden Giebel im
Süden und Norden, zwischen denen der Hollbau eingefügt ist – und zudem der Übergang gelöst werden
16
Vom Bau
des neuen Zeughauses
Abb. 12: Stadtplan,
Alexander Mair und Christoph Schissler (Detail),
Kupferstich 1602
17
Vom Bau
des neuen Zeughauses Stadtwerkmeister Elias Holl übernimmt die Bauleitung
Mit dem Bau des neuen Zeughauses wurde 1598
rigen, gerade von einer Italienreise zurückgekehrt, war
durch den damaligen Stadtwerkmeister Jakob Eschay
1601 bereits der Bau des Städtischen Gießhauses an-
(gest. 1606) begonnen. Eschay, der in den Jahren 1578
vertraut worden. Am 8. Juli 1602 ernannte man ihn offi-
bis 1582 das Schloss Kirchheim für die Familie Fugger
ziell zum Nachfolger von Eschay als Stadtwerkmeister.
errichtet hatte, stand seit 1593 im Dienst der Stadt.
Bei der Begutachtung der Baustelle stellte er mehrere
Der erfahrene, aber damals schon betagte Maurermeis-
gravierende Mängel fest. „Denn sie maureten eine Zeit,
ter wird in Augsburg bei verschiedenen Bauaufgaben,
brachens wieder ab und wußte Niemand, was für eine
beim Kastenturm 1599, den Klosterbauten von Hl.
Ordnung darin gehalten wurde, und konnte weder der
Kreuz oder beim Bau des Fundaments für den Herkules­
Meister noch der Ballier recht sagen, was sie erhalten;
brunnen angetroffen.
war also auf den Gerathwohl bestellt.“ Holl monierte in
Eschay und sein Mitarbeiter, der Stadtsteinmetz Lien-
der Chronik ferner die „Schräge“ des Gebäudes, Feh-
hard Kreutzer, erhielten laut Eintragungen in den Bau-
ler in der Gewölbekonstruktion und den Einbau einer
meisterbüchern fast 20 000 Gulden für ihre Arbeit bis
Wendeltreppe an falscher Stelle. Im Auftrag der Bau-
zum Jahr 1601. Ein 1602 erschienener Vogelschauplan
herren sollte er den bestehenden Bau erneut vermes-
von Alexander Mair nach einer Zeichnung von Christoph
sen, ein neues „Visier“, also einen Bauplan, erstellen
Schissler lässt Bauarbeiten an der Hofseite erkennen,
sowie die fehlerhaften Teile abbrechen lassen.
vielleicht den Abbruch des Manghauses im Jahr 1600
Holl übernahm die Ausführung des Baus nach einem
(Abb. 12, Neubau in der St. Anna-Gasse, heute Martin-
neuen Entwurf, der nicht überliefert ist. Er und der
Luther-Platz).
nach wie vor beschäftigte Steinmetz Lienhard Kreutzer
Dann stagnierten die Arbeiten, es zeigten sich offenbar
erhielten von 1603 bis 1605 Lohnkosten in Höhe von
Schwierigkeiten in der Ausführung, und der technisch
knapp 18 000 Gulden. Bis 1607 zogen sich die Arbeiten
begabte Maurermeister Elias Holl (1573 – 1646) wurde
im Innern und an der Fassade hin.
zur Beratung herangezogen. Dem Ende Zwanzigjäh-
18
Der Holl-Flügel
Abb. 13: Stadtplan, Wolfgang Kilian (Detail),
Kupferstich 1626
19
Der Holl-Flügel Eine Geschützhalle von großer Eleganz
Nach den Baumaßnahmen von Elias Holl präsentierte
älteren eingefügt: Der Höhenunterschied wird durch
sich das neue Zeughaus als stattliche Zweiflügelanlage.
eine Treppe von der Eingangshalle im Altbau zur Halle
Entsprechende Anlagen sind aus der Klosterbaukunst,
des Neubaus ausgeglichen. Ob diese problematische
der Architektur von Herrenhäusern und adeligen Land-
Übergangsstelle auf die Planungen von Jacob Eschay
sitzen sowie dem Schlossbau bekannt. Auch das Jesu­
zurückzuführen ist oder andere Notwendigkeiten vorla-
itenkolleg von St. Michael an der Neuhauserstraße in
gen, und ob Holl hier „Korrekturen“ vornahm, bleibt
München aus dem Jahr 1585 zeigt zur Straße eine
offen. In der Grunddisposition, z.B. der Höhe und
vergleichbare Disposition. Innerhalb der Zeughaus­
Breite, gleicht der etwas längere Hollbau jedoch dem
architektur, meist einfache Kastenbauten, sind diese
gotischen. Über einem hohen Erdgeschoss erheben
architektonisch anspruchsvolleren und nach außen
sich zwei Obergeschosse sowie ein vierstöckiges Dach
schlagkräftig wirkenden Winkelhakenanlagen eher sel-
mit Gauben, dessen Giebel nun nach Osten zeigt
ten. Das 1547 in Amberg erbaute städtische Zeughaus,
(Abb. 13).
genannt „Baustadel“, vereinigte in zwei Flügeln Lager
Durch eine bis zum Sockelgesims der neuen Fassade
für Baumaterial und Geschütze und hatte einen um-
reichende Mauer entlang der freien Straßenseiten – vor
mauerten Hof. Das dortige zweiflügelige kurfürstliche
niedriger Bebauung im Süden – wurden die Fassaden
Zeughaus, begonnen zwischen 1476 und 1508, erhielt
der beiden Flügel verbunden (Abb. 14) und so ein
1604/06 einen dritten Flügel und einen Treppenturm an
rechteckiger Hof umgeben, der als „Kugelgarten“, als
der Gelenkstelle.
gesicherter Sammel- und Rangierplatz, zweckmäßig
Die Augsburger Anlage entstand erst durch einen nach-
genutzt werden konnte. Schon die Lagerstätten am
träglichen Anbau. Der neue Trakt wurde in rechtem
Katzenstadel hatten, wie bei Zeughäusern häufig, Hof-
Winkel auf deutlich tiefer liegendem Niveau in den
flächen einbezogen. »
20
Der Holl-Flügel
21
oben
Abb. 14: Zeughaus, Kupferstich von Simon Grimm, um 1680
unten
Abb. 15: Toskanische Säulenhalle, 1976
Der Verzicht auf raumgreifende repräsentative Treppen
Hallen mit verschiedenen Stützen- und Gewölbeformen
im Innern führte im Zeughausbau meist zu rein funkti-
waren im Kirchen- und Klosterbau wie auch in reprä-
onalen, außen angelehnten Treppentürmen. Über den
sentativen öffentlichen und privaten Gebäuden, vor
erwähnten quadratischen Treppenturm im Stoß, in
allem aber im Nutz- bzw. Speicherbau zu finden. Das
einem Zeltdach endend und mit einer Sonnenuhr ge-
Bürgerliche Zeughaus in München (1491/93) hatte eine
schmückt, erschloss Holl die beiden Flügel mit den
dreischiffige Geschützhalle mit zehn Rundstützen
verschiedenen Stockwerkhöhen an der Gelenkstelle,
und Kreuzrippengewölbe, das spätgotische Zeughaus
ohne den Gebäudekomplex zu dominieren. Eine solche
in Ulm (1522) war vierschiffig (Rundstützen und Kreuz­
Treppenanlage hatte Eschay bereits im Fugger­schloss
rippen) und das Zeughaus in Köln zweischiffig (1594)
in Kirchheim realisiert. Auch Holl griff später wieder
ebenso wie das der Festung Königstein (1594) mit drei
darauf zurück (Heilig-Geist-Spital 1625ff ).
Säulen und Kreuzgratgewölbe. In Augsburg waren so-
Unverzichtbar für die Funktion eines Zeughauses war
wohl das hier bestehende Kornhaus als auch jenes bei
eine geräumige Geschützhalle, die wegen des hohen
St. Stephan von Simon Zwitzel eingewölbt. Elias Holl
Bodendrucks nicht unterkellert wurde. Da sie als Unter­
selbst hatte 1601 ein neues Gießhaus mit Gewölbe­
bau für die oberen Lagergeschosse diente, war anderer­
decke erbaut, bevor er im Zeughaus jene imposante
seits eine gewölbte Deckenkonstruktion notwendig.
Säulen­halle erstellte.
Eine solche massive Bauweise gewährte neben der
Die dreischiffige Halle des Altbaus wirkt noch mittel­
Sicherheit auch verbesserten Feuerschutz. Ein Groß-
alterlich gedrungen. Achteckig abgeschrägte Pfeiler
raum nur mit Stützen – ohne Zwischenwände – wieder-
tragen ein Kreuzgratgewölbe mit im Scheitel spitzen
um bot eine Vielzahl von Stell- und Rangiermöglichkei­
Gurtbögen. Von den ursprünglich neun annähernd qua-
ten für schwere Geschütze und Geräte bei gleich­­zeitig
dratischen Jochen sind noch sechs erhalten (Abb. 10). »
optimaler Übersichtlichkeit (Abb. 15).
22
Der Holl-Flügel
23
oben
Abb. 16: Dachstuhl im Holl-Flügel, um 1968
unten
Abb. 17: Toskanische Säulenhalle, nach 1980
Viel lichter und eleganter erscheint die Geschützhalle
gestalteten Vestibül im Haus von Melchior Hainhofer,
von Elias Holl. Ebenfalls dreischiffig, mit zehn Jochen
heute Köpf-Haus, sowie den dünnen toskanischen
über gedehnten Quadraten, ist sie deutlich länger.
Marmor­säulen des Damenhofs (1515) in den Fugger-
Schlanke, leicht geschwellte Säulen in toskanischer
häusern am Weinmarkt.
Ordnung aus gelblichem Jurakalk tragen in zwei Reihen
Der noch vollständig erhaltene Dachstuhl, eine auf-
zwischen Gurtbögen das Kreuzgewölbe (Abb. 17). Die
wendige Kehlbalkenkonstruktion aus handgebeilten
Bildhauerarbeiten an den Säulen und den Wandkonso-
und geflößten Hölzern, belegt die Versiertheit Holls
len, die durch unterschiedliche Tier- und Maskenmo-
gerade in technischen und statischen Aufgaben. Die
tive verziert sind, wurden von dem Stadtsteinmetz
ver­blatteten Holzverbindungen, in der Tradition des
Lienhart Kreutzer (um 1560 – 1616/17) und seinen Mitar-
spät­mittelalterlichen Dachwerkbaus, erforderten viel
beitern ausgeführt und tragen unterschiedliche Stein-
Material und handwerkliches Können (Abb. 16). Ausge-
metzzeichen. Sowohl in den Proportionen als auch in
führt wurde diese handwerkliche Meisterleistung wohl
der Ausführung und den Schmuckelementen überra-
vom städtischen Zimmermeister. Holl, dessen Dach-
schend feingliedrig für einen funktionalen Raum, ge-
stuhlkonstruktionen für das Reichsstädtische Kaufhaus
hört sie für Norbert Lieb „zu den besten Säulenhallen
(1611) und für den Neuen Bau (1607) sich erhalten ha-
der späten Renaissance“. Holl scheint sich hier nicht
ben, wurde mehrfach als Gutachter bei Dach­stuhl­
nur an der Nutzarchitektur orientiert zu haben, sondern
sanierungen zu Rate gezogen (Dillingen 1625). Ein
auch an Hallen, wie sie in Bürgerhäusern geschätzt
Modell des Dachstuhls wurde anlässlich der Sanierung
waren, z.B. an der 1544/46 erbauten Halle im Haus des
(1975ff ) hergestellt.
Kaufmanns Lienhard Böcks von Böckenstein, dem
heutigen Maximilianmuseum, dem von Hans Holl 1578
24
Schaufassade am Zweckbau
Abb. 18: Fassade, Joseph Heintz,
Federzeichnung, um 1602
25
Schaufassade am Zweckbau Die Beiträge des Malers Joseph Heintz
und des Bildhauers Hans Reichle
Den nach außen eindrucksvollsten Teil des Zeughaus-
Fensterformen und -rahmungen vereint, und einen
komplexes bildet die Ostfassade des Hollschen Neu-
Blendgiebel vor der eigentlichen Dachzone mit Voluten
baus, jene mit Portal und Fenstern, mit verziertem Gie-
und Kugeln sowie einer Zirbelnuss im gesprengten Auf-
bel, mit Schrifttafeln und einer Skulpturengruppe reich
satz zeigt (Abb. 18). Wie schriftliche Quellen belegen,
ausgestattete Schauseite. Die Initiative für eine solch
war Heintz, der u.a. am Siegelhaus und am Neuen Bau
aufwendige und anspruchsvolle Gestaltung lag ver-
mit Holl zusammenarbeitete, noch für weitere dekora-
mutlich bei dem damaligen Baupfleger Matthäus
tive Elemente der Fassade zuständig.
Welser, der diesem Gebäude eine besondere Präsenz
Für die architektonische Gestaltung von Zeughausfas-
und Wirksamkeit verleihen wollte. Beteiligt am Entwurf
saden gab es keine traditionellen Vorbilder. Als Ver-
und an der Ausführung war eine ganze Reihe von
sinnbildlichung ihrer Wehrhaftigkeit wurden häufig
Künstlern und Handwerkern.
behauene Natursteine für die Verstärkung der Ecken
Der architektonische Gesamtentwurf geht auf den
ver­wendet, der Sockel oder das Erdgeschoss durchge-
Maler-Architekten Joseph Heintz d. Ä. (1564 – 1609) zu-
hend rustiziert, Fenster- und Türrahmungen plastisch
rück, seit 1591 Kammermaler Kaiser Rudolfs II. in Prag,
hervorgehoben. Aus praktischen Gründen war ferner
seit 1598 in Augsburg verheiratet und damit Bürger
die Anlage eines breiten Eingangs erforderlich. Das
der Stadt. Von ihm stammt eine Zeichnung der drei­
Hauptportal erfuhr häufig eine Aufwertung durch spe-
achsigen Fassade um 1602, die eine deutliche verti­­kale
zielle Dekorationselemente. »
und horizontale Gliederung durch Pilaster und Gesimse
vornimmt, unterschiedliche Geschosshöhen, alternative
26
Schaufassade am Zweckbau
27
oben, v. l.
Abb. 19 Dorisches Portal, Wendel Dietterlin, aus: Architectura 1589
Abb. 20: F
assade, Joseph Heintz (Detail), Minerva-Bellona, Federzeichnung, um 1602
unten
Abb. 21: „Arma“, Johann I Sadeler (Detail) nach: Jan van der Straet (Stradanus),
Kupferstich, 1597
Als besonders wehrhaft präsentierte sich das 1588
bildnerische Arbeit skizziert, die Figur einer Minerva-
erbaute reichsstädtische Zeughaus von Nürnberg mit
Bellona (Abb. 20). Diese sitzende Kriegsgöttin mit
einem vollständig rustizierten, burgartigen Portalbau,
Schild und Lanze, umgeben von allerlei Waffen und
einem breiten Tor zwischen zwei mächtigen Rundtür-
Trophäen, ähnelt in seitenverkehrter Darstellung ver-
men. Der Entwurf eines „Zeughausportals dorischer
blüffend einem 1597 publizierten Kupferstich der „Arma“
Ordnung“ von Wendel Dietterlin aus dem Jahr 1589
von Jan van der Straet gen. Stradanus (Abb. 21). Plasti-
demonstriert dagegen ein extremes Schmuckbedürfnis
sche Darstellungen von „Mars“ und „Bellona“ fanden
mit einer Fülle von Rüstungen, Waffen und Kanonen,
wenige Jahrzehnte später eine Aufstellung an der
in seiner manieristischen Art deutlich von der vorneh-
Fassade in Graz (um 1644). Eine sitzende „Minerva“
men Zurückhaltung Heintz bzw. Holls abweichend
bewacht seit 1731/32 als Brunnenfigur den Hof des
(Abb. 19). Wappenreliefs und Trophäen galten zusam-
Bürgerlichen Zeughauses in Wien.
men mit der gängigen Bauornamentik als beliebte Zier
Eine zweite Zeichnung auf Pergament, die dem Archi-
von Türen und Giebelfeldern, wie sie an den Zeug­
tekten Elias Holl zugeschrieben wird, zeigt mit wenigen
häusern von Köln (1594), Danzig (1600), Wolfenbüttel
Abweichungen die ausgeführte Fassade, nun ohne die
(1619) oder Gotha (1654) in unterschiedlichen Formen
Skulptur. Die imposante Bronzegruppe des Hl. Michael,
erhalten blieben.
die schließlich über dem Portal angebracht wurde und
Die Augsburger Fassade zeichnet eine ausgeprägte
die gesamte Höhe des ersten Obergeschosses erfüllt,
Rustizierung der Eckpilaster, der Tür- und Fenster­
geht auf einen Entwurf des Bildhauers Hans Reichle
rahmen aus. Das Hauptportal wird von zwei dorischen
(um 1570 – 1642) zurück, der Ende des Jahres 1603
3
⁄4 Säulen flankiert, die von Pilastern und rustizierten
den Auftrag erhalten hatte (Abb. 24). In einem Vertrag
Wandflächen hinterlegt und von Triglyphen abge-
zwischen dem Baumeisteramt der Stadt Augsburg und
schlossen sind, ganz im Sinne der Vitruvschen Ord-
dem Bildhauer wurde genau festgeschrieben, wie die
nung. Über dem Portal ist in dem Heintz-Entwurf eine
Figuren auszuführen seien und welche Aufgaben der
28
Schaufassade am Zweckbau
29
oben
Abb. 22: Triumph des Hl. Michael über den Satan, Wolfgang Kilian, Kupferstich, 1607
unten
Abb. 23: Erzengel Michael im Kampf mit Luzifer, anonym, Anf. 17. Jh. nach Friedrich Sustris, Silber gegossen
Abb. 24: Hl. Michael, Hans Reichle, Entwurf für die Bronzegruppe, 1603
Künstler für sein Honorar zu übernehmen habe. Darin
Schwerdt nach Im Schlage, also müssen Alle Luthe-
war die Rede von einem stehenden oder schwebenden
rischen vntertretten, vnd mit dem Schwerdt ausgerot-
Erzengel in „romanischer Armatur“ mit Lanze oder
tet werden, Das wer baldt geschehen“.
Spieß sowie einem ihm zu Füßen liegenden Luzifer
Der Wechsel im Bildprogramm von einer antiken, rela-
und Engel mit kriegerischen Attributen.
tiv statischen Szene zu einer biblischen, inhaltlich wie
Die Skulptur von Hans Reichle zeigt nun aber nicht den
formal sehr dramatischen Gruppe muss im Zusammen-
kämpfenden, vielmehr den siegreichen Michael, mit
hang mit der Zeitgeschichte und Funktion des Hauses
einem empor gehaltenen Flammenschwert in der Rech-
gesehen werden. Zum einen wird mit der Figur des
ten, wie er den bezwungenen Gegner mit den Füßen
Erzengels im Triumph über den Satan ein deutlicher
niederdrückt. Lanze und Fahne sind den drei Putten
Bezug auf die Skulptur von Hubert Gerhard an der
beigegeben (Abb. 22). Nach einem Wachsmodell wurde
Münchner Jesuitenkirche aus dem Jahr 1588 und damit
die monumentale Gruppe im städtischen Gießhaus von
auf die Interessen der Gegenreformation genommen.
Wolfgang Neidhardt (1575 – 1632) gegossen und 1607
Reichle bezieht sich formal eher auf den Typus des
von Elias Holl in einer aufwendigen Aktion, von der er
Heiligen mit Schwert und in römischer Rüstung, wie
selbst ausführlich an den Baumeister Bericht erstatte-
ihn eine Friedrich Sustris zugeschriebene Zeichnung
te, über dem Portal angebracht (Abb. 25). Auch der
zeigt, nach der vor 1607 eine Silberstatuette (Abb. 23)
Chronist Georg Kölderer verfolgte die Aufstellung der
entstand. Zum anderen ist die Bronze hier nicht als
Bronze und die Aufregung der überwiegend protestan-
„Archangelus“, wie in der Kleinskulptur, sondern als
tischen Bevölkerung. „Vnnsere widersachers Pöfell,
„Archistrategoi“, also als Erzfeldherr bezeichnet, was
Wann sie sachen Luterische Leüth stehen, vnd das auf-
seine Aufgabe als Beschützer des Reichsheeres hervor-
fgerüchtt Bildt S. Michael am Newen Zeughauss besa-
hebt und zusammen mit einem kämpferischen martia-
hen, Liessen sie sich unverhollen hören, wie dieser
lischen Auftreten seine Anbringung an einem profanen
Engell Den Teüfell mitt füessen trett, vnd mitt dem
Zeughaus rechtfertigt. »
30
Schaufassade am Zweckbau
31
oben
Abb. 25: Triumph des Hl. Michael über den Satan, Zeughaus
unten
Abb. 26: Inschrifttafeln an der Fassade, Daniel Prasch, 1605/07
Ergänzt wird das ikonographische Programm der Fas-
Insgesamt vermittelt diese reich dekorierte Schaufront
sade durch zwei bronzene Schrifttafeln, die in den
mit Schmuckgiebel die stimmige Erscheinung eines
Fensterzonen des 1. Obergeschosses neben der Figuren­
repräsentativen öffentlichen Gebäudes, wie sie in der
gruppe ihren Platz haben. Daniel Prasch, Praeceptor
Renaissance u.a. an Rathäusern zu finden ist. Im Be-
bei St. Anna, hatte sowohl die Inschrift unterhalb des
reich der Zeughausarchitektur der damaligen Zeit lässt
Hl. Michael sowie auf den beiden Tafeln angefertigt
sie sich allenfalls mit der schlossähnlichen Anlage des
(Abb. 26). „Pacis firmamento“ und „Belli instrumento“
kurfürstlichen sächsischen Hauptzeughauses in Dresden
fasst die Aufgaben eines Zeughauses knapp und
(1559/63) vergleichen oder dem wenig später (1613)
euphe­mistisch zusammen: Zur Bewahrung des Friedens
entstanden Zeughaus der Festungsstadt Wolfenbüttel.
sollten Waffen eingesetzt werden können.
Die Besonderheit in Augsburg liegt in der Einbeziehung
einer monumentalen Bronzeplastik in das Relief der
Fassade, was dem Bauwerk über die architektonische
Zier hinaus etwa Denkmalhaftes verleiht und den Bau
auch in den Kontext anderer städtischer Großskulpturen wie der Brunnen erhebt.
32
Geräumiges Waffenmagazin
Abb. 27: Blick in das Innere eines Zeughauses (Detail), Georg Balthasar Probst,
Kupferstich, um 1750
33
Geräumiges Waffenmagazin Innere Ausstattung und Lagerung der Waffenvorräte
Gibt es vom Äußeren des Zeughauses mehrere zeitge-
und zwei weitere Reihen schwerer Feldstücke und
nössische Ansichten – ein Zeichen, dass es als ein
Schlangen. In den Obergeschossen und Dachböden
wichtiges städtisches Gebäude geachtet wurde – so ist
lagerten die Schutz- und Handwaffen in der Form, daß
über die Innenausstattung keine bildliche Darstellung
einmal in der Mitte der Etagen Ständer zur Aufnahme
überliefert. Dies mag damit zusammenhängen, dass
von Handfeuerwaffen oder Spiessen dienten, dann an
der Bestand an militärischem Gerät einer gewissen Ge-
den Wänden ebenfalls Handwaffen und Harnischteile
heimhaltung unterlag und der Zugang zum Zeughaus
und schließlich unter der Decke die Sturmhauben auf-
nur mit besonderer Genehmigung gestattet war.
gehängt waren. Dieses Magazinierungsprinzip galt für
Anhand der Zeughausinventare lässt sich jedoch die
alle Geschosse. Innerhalb der gesamten Magazinfläche
innere Nutzung und die Lagerung der Waffen nachvoll-
wurde der Teil des Hollbaues immer als eigentlicher
ziehen, wie Jürgen Kraus es anschaulich herausarbeite-
Lagerraum betrachtet, der angrenzende Teil des ehe-
te, der nachfolgend ausführlich zitiert wird:
maligen Kornhauses jedoch als „Nebenboden“ be-
„Hier [in der Säulenhalle, Anm. d. Verf.] standen im
zeichnet“ (S. 351/352).
sog. „Stückgewölbe“ des Hollbaus in 11 Reihen die
Im Doppelhakenboden (1. OG) befanden sich Harnische
schweren Geschütze, seitlich flankiert von einer Reihe
und Pistolen, im Nebenboden Reiterausrüstungen, im
Mörser. Am Hofportal hielten symbolisch zwei Ge-
Musketenboden (2. OG) wurden u.a. Musketen, Har-
harnischte Wache. Alle Säulenkapitelle und Gesimse
nische und Pulverflaschen verwahrt, im Hakenboden
waren übersät mit Handgranaten. Das rechtwinklig an-
(1. DG) Hakenbüchsen, Handrohre und Stangenwaffen,
schließende sog. „Haubitzengewölbe“ des alten Korn-
im Harnischboden (2. DG) Pikierharnische, im Piken-
hauses beherbergte in 11 Reihen sämtliche Haubitzen
boden (3. DG) Piken, Seile und altes Kriegsgerät, im
34
Geräumiges Waffenmagazin
35
oben
Abb. 28: Zeugplatz, Karl Remshart, Kupferstich, um 1720
unten
Abb. 29: Blick in das Innere eines Zeughauses, Georg Balthasar Probst, Kupferstich, um 1750
Grustboden oder Obristboden (4. DG) lagen Lunten,
lockerer Folge Truhen und Kugeln liegen, auf Stellagen
Kugeltruhen und altes Kriegsgerät, im Turm Doppel­
Stangenwaffen und an den Pfeilern Harnische hängen.
hakenböcke und Munition.
Im oberen Teil, ebenfalls eine gewölbte Halle mit Säulen
Diese Aufteilung der Magazinbestände hat sich im
auf hohen Postamenten, sind stehende Rüstungen zu
Laufe der Zeiten kaum geändert. Zur Veranschauli-
erkennen, zwischen den Säulen hängende Brusthar-
chung können deshalb zwei kolorierte Kupferstiche
nische und an den Wänden Schränke und Stellagen
des 18. Jahrhunderts von Georg Balthasar Probst in
mit Waffen. Beide Räume, in denen mehrere Staffage-
den Kunstsammlungen der Stadt Augsburg herangezo-
figuren arbeitend, andere als vornehme Besucher dar-
gen werden, die wohl eine Idealansicht vom Inneren
gestellt sind, machen einen wohlgeordneten Eindruck.
„eines“ Zeughauses auf zwei Etagen zeigen (Abb. 27
Eine Vorstellung von der Fülle und Art der Lagerung
und 29). Der untere Teil führt den Blick in eine hohe,
bietet noch heute die historische Waffensammlung in
dreischiffige Pfeilerhalle mit Kreuzrippengewölbe, in
den fünf Stockwerken des Steiermärkischen Landes-
der Kanonen dicht gereiht stehen, an den Wänden in
zeughauses in Graz aus dem Jahr 1645.
36
Theorie und Funktion
Abb. 30: Zeughausplatz, Joseph Steingrübell,
Radierung, 1826
37
Theorie und Funktion Vom Arsenal zum Bildungszentrum
Das Augsburger Zeughaus entstand in einer Zeit allge-
Martialis“ (1630) ein Zeughaus mit kreuzförmigem
meiner militärischer Aufrüstung, als die Bestände an
Grundriss, das in sich wie eine kleine Festung beschaf-
Waffen vergrößert, Lager erweitert und neue Gebäude
fen war. Dieses mehrfach variierte Schema („Architec­
hierfür eingerichtet wurden. In den Jahren zwischen
tura Universalis“, 1635), u.a. durch einen Dekorations­
1530 und 1650, so Jürgen Zimmer, wurden etwa 46 %
vorschlag für eine Fassade mit Ornamenten und Skulptur
aller vorhandenen Zeughäuser gebaut, wobei das
repräsentativ ausgestaltet, wird immer wieder als vor-
Augsburger Gebäude etwa auf dem Höhepunkt dieses
bildhaft für die Augsburger Anlage genannt, die mit
Baubooms anzusiedeln ist.
ihren zwei Flügeln als Teilausführung betrachtet wird,
Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass zu jener Zeit auch
was aber weder chronologisch möglich, noch typolo-
verstärkt theoretische Abhandlungen über diese Bau-
gisch schlüssig ist. Nicolaus Goldmann und Christoph
aufgabe verfasst wurden. Schon Albrecht Dürer hatte
Leonhard Sturm, zwei Bautheoretiker des 17. und 18.
in seiner Schrift über Befestigungen (1527) zwei große,
Jahr­­hunderts, machten das Zeughaus zu einer „hohen“
stark gewölbte Zeughäuser an den Rand einer idealen
Bauaufgabe, gleichsam einer Unterabteilung der
Stadt angesiedelt. In den Gewölben sollten Kriegsgerät
Schloss­baukunst, und werteten diese durch architek-
und Geschütze aufbewahrt werden, in den Dachböden
tonischen und plastischen Schmuck, z.B. durch große
das Korn. Daniel Specklin beschrieb in einem Lehrbuch
Ordnungen (zweigeschossig) und doppelte Säulenstel-
über Festungsarchitektur (1589) eine Idealstadt mit
lungen, auf („Architectura civili-miliaris“, 1719). Stär-
einem vierflügeligen Zeughaus an zentraler Stelle, das
ke und Zierlichkeit gehörten nun idealerweise zu einem
vor allem gut belüftet sein sollte. Josef Furttenbach
reichsfürstlichen barocken Zeughauskomplex. »
d. Ä. schließlich konzipierte in seiner „Architectura
38
Theorie und Funktion
39
oben
Abb. 31: Zeughaus, anonym, Aquarell, 1839
unten
Abb. 32: Hof des Zeughauses, um 1910
Abb. 33: Hof des Zeughauses, um 1983/84
Über den ursprünglichen Einsatz als Lagerhaus hinaus
Die weitere Geschichte des Augsburger Zeughauses lief
erfüllte die Zeughausarchitektur schon bald diese reprä­
mit den allgemeinen politischen Machtverhältnissen
sentative Aufgabe, wurde „vom Nutzbau zum Pracht­
parallel. 1703 wurde das Arsenal von den bayerischen
gebäude“ (Neumann S. 13). In deutlicher Absetzung
Truppen geleert, als Kurfürst Max Emanuel die Stadt mit
zu den primär funktionalen Kornstadeln verkörperten
Unterstützung der Franzosen belagert hatte (Abb. 28).
die meisten Militärspeicherbauten – abgesehen von
1796 plünderten die Truppen des französischen Gene-
rein defensiven Zeughäusern innerhalb von Festungs-
rals Lecourbe den Bestand. Nachdem die Stadt 1806
anlagen (Willibaldsburg, Königstein) – auch einen ge-
ihre reichsstädtische Selbständigkeit verloren hatte,
wissen Machtanspruch. Wehrhaftigkeit und Stärke
wurde aus dem Zeughaus ein königlich-bayerisches
mani­­festierte sich sowohl durch den massigen Baukör-
Artillerie-Depot (Abb. 30 und 31).
per selbst als auch durch eine großflächige Schau­seite,
Eine neue Nutzung und bauliche Veränderungen er-
die architektonisch und künstlerisch ausgestaltet als
folgten Ende des 19. Jahrhunderts, als die Stadt Augs-
Symbolträger fungierte. Zeughäuser waren damit
burg das Gebäude vom bayerischen Staat zurückkaufte
auch immer eine politische Architektur, sei es, dass sie
(1895) und es zur städtischen Hauptfeuerwache um-
in fürstlichem Kontext standen und dem jeweiligen
baute (Abb. 32). Der Hollbau erhielt zur Hof­seite vier
Landesherren dienten, wie in Wolfenbüttel (1613), Ber-
große Ausfahrtstore, der Südflügel bekam Verwaltungs-
lin (1695), Mainz (1738/40) oder Mann­heim (1777/78),
räume, das Kornhaus eine der Schauseite nachemp-
oder dass es sich um bürgerliche, städtische Einrich-
fundene Fassade (Abb. 33 und Abb. 9). Die Mauer um
tungen handelte, wie in Wien (1562 – 1731/32), Köln
den Hof war bereits um 1780 durch einen schmiede­
(1596/1601) oder eben in Augsburg, wo das Zeughaus
eisernen Zaun ersetzt worden. »
zum „Prachtbau des Magistrats“ (Neumann S. 15)
avan­cierte.
40
Theorie und Funktion
41
oben
Abb. 34: Zeughaus
unten
Abb. 35: Modell für den Umbau des Zeughauses in ein Warenhaus,
Architekt Josef Wiedemann, um 1968
Eine lebhafte Diskussion um die weitere Nutzung des
Der Zeughauskomplex, im Wesentlichen in der origi-
historischen Gebäudes entbrannte Mitte der 1960er
nalen Bausubstanz des 17. Jahrhunderts erhalten, steht
Jahre, als ein großer Konzern das Zeughaus in einen
unter Denkmalschutz. Die imposante Fassade, der
neuen Warenhauskomplex einbinden wollte. Die Pläne
mehrstöckige Dachstuhl und die schmucke Säulen­halle
des Architekten Josef Wiedemann aus München sahen
sind die Prunkstücke des Gebäudes, das noch heute,
einschneidende Umbauten und eine Teilbebauung des
400 Jahre nach seiner Fertigstellung, als künstlerisch,
Hofes vor (Abb. 35). Nachdem der Stadtrat dieser ge-
architektonisch und städtebaulich gediegenes Beispiel
werblichen Verwendung zugestimmt hatte, verweigerte
der Baukunst des Elias Holl und der beteiligten Künstler
zunächst die Regierung von Schwaben die Genehmi-
geschätzt wird, als wertvolles historisches Erbe ebenso
gung. Die Bestätigung der Stadtratsentscheidung durch
wie als lebendiges kulturelles Zentrum in der Stadt
das Verwaltungsgericht wurde in der Berufungsinstanz
Augsburg.
beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof aufgehoben.
Zudem hatte ein engagiertes Bürgertum mit einer
Aktion „Rettet das Zeughaus“ 1967/68 eine Kampagne
gegen die Kaufhauspläne gestartet und Unterstützung
durch Politiker und Hochschulprofessoren, Kunsthistoriker und Architekten im In- und Ausland erhalten.
Erst 1975 konnte die Feuerwehr ein neues Gebäude
beziehen. Das Zeughaus wurde schließlich von der
Stadt umfassend saniert und 1980 als Bildungs- und
Begegnungszentrum eröffnet. Seither wird es in vielfältiger Weise kulturell genutzt.
42
Der Architekt Elias Holl
Abb. 36: Bildnis Elias Holl, Lucas Kilian,
Kupferstich, 1619
43
Der Architekt Elias Holl Im Dienst für die Stadt Augsburg
Elias Holl, 1573 in Augsburg geboren, erlernte das
Neubau zwischen 1615 bis 1620 zu seinem Meisterwerk
Maurerhandwerk bei seinem Vater Johannes Holl, der
wurde. Zu den weiteren Aufgaben als Stadtwerkmeister
als Baumeister für die Kaufleute und Patrizier in der
zählten zahlreiche Vermessungen und Gutachten, tech-
Stadt arbeitete. Holl übernahm nach dessen Tod 1594
nische Bauten sowie Arbeiten an den Türmen und Ver-
die Geschäfte, legte 1596 die Meisterprüfung ab und
teidigungsanlagen der Stadt.
baute stattliche Bürgerhäuser sowie das Tor am Fugger­
Holl, der 1595 Maria Burkhart geheiratet und nach de-
schloss in Wellenburg. Nach einer Italienreise im Jahr
ren Tod 1608 sich mit Rosina Reischle vermählt hatte,
1600 führte er erste öffentliche Aufträge für die Stadt
der mit seiner großen Familie von der Bäckergasse in
aus, so den Neubau des Bäckerzunfthauses am Perlach­
die Kapuzinergasse gezogen war, wurde, nachdem
berg und das städtische Gießhaus. Am 8. Juli 1602
sich 1629 mit dem Restitutionsedikt die Gegenreforma-
wurde er in Anerkennung seiner bisherigen Leistungen
tion durchgesetzt hatte, 1630 als Protestant vom Dienst
zum Stadtwerkmeister von Augsburg ernannt. In dieser
beurlaubt. Als Augsburg 1632 von den Schweden einge­
Funktion übernahm Elias Holl die Leitung beim Bau
nommen wurde, trat Holl wieder sein Amt an. Mit der
des neuen Zeughauses von seinem Vorgänger Jakob
erneuten Übernahme der katholischen Stadtregierung
Eschay, eine Arbeit, die sich bis 1607 hinzog und als
1635 wurde er endgültig entlassen. Holl verfasste eine
erstes Hauptwerk bis heute Zeugnis von seiner Bau-
Familienchronik und ein „Geometrie- und Messbuch“,
kunst liefert. Als weitere städtische Großbauten folgten
zahlreiche Zeichnungen und Entwürfe, Rechnungen
der Neubau des Siegelhauses und der Stadtmetzg.
und Verträge blieben erhalten. Elias Holl verstarb am
Holl, der zwischenzeitlich auch für private Auftraggeber
6. Januar 1646 und wurde auf dem Protestantischen
außerhalb Augsburgs tätig wurde (in Schwarzenberg,
Friedhof beigesetzt.
Eichstätt und Neuburg), Kirchen und Türme errichtete,
war ab 1609 mit den Planungen für den Umbau des
Augsburger Rathauses beschäftigt, dessen imposanter
44
Fratzen und Masken
Abb. 37: Toskanische Säulenhalle,
Kapitell mit figürlichem Schmuck,
1606/07
45
Fratzen und Masken Der Stadtsteinmetz Lienhard Kreutzer
und seine Werkstatt
Nicht nur die künstlerisch ausdrucksvolle Fassade des
Zwischen den 26 Gesichtern und Masken gibt es natür-
Augsburger Zeughauses ist für einen Zweckbau unge-
lich allgemeine stilistische Gemeinsamkeiten, doch sind
wöhnlich, sondern auch die eigentliche Halle für das
die Unterschiede zwischen den einzelnen Werken zu
Kriegsgerät. Statt wuchtiger Pfeiler tragen hier schlanke,
groß, als dass sie alle von einer Hand sein könnten.
wunderbar gebauchte Säulen aus gelblichem Marmor
Einen Künstler oder Künstlernamen nennt die Überlie-
mit toskanischen Kapitellen die Gurtbögen und, als sei
ferung nicht. Wenn diese köstlich vielfältigen Konsolen
es nicht genug damit, sind die Konsolen, die rings­
überhaupt Erwähnung finden, was selten geschieht,
herum an den Wänden die Gurtbögen auffangen, bild-
werden sie mit dem Stadtsteinmetzmeister Lienhard
hauerisch gestaltet; obwohl man sich die Halle mit den
Kreutzer in Verbindung gebracht, den Elias Holl von
wenigen Fenstern und ursprünglich ohne die großen
seinem Vorgänger Jakob Eschay übernahm. Kreutzer
Türen nach dem Süden sehr dunkel vorstellen muss.
kam aus München, wo er wohl um 1560 geboren wurde.
Zwar sind die Gesichter und Masken, die wenigen Tiere
1580 kam er nach Augsburg, heiratete hier 1584, wurde
und Pflanzen nicht von besonders hoher Qualität, doch
1593 Stadtsteinmetzmeister und starb um 1616/17. Er
sind sie wohl auch nicht nach Vorbildern aus der Gra-
war am Augustusbrunnen tätig, arbeitete für die Fugger
phik ausgeführt. Denn weder in der niederländischen
bei der Errichtung des Mars – Venusbrunnens in Kirch-
Graphik noch in den Buchholzschnitten von Jost Amman
heim, in Augsburg an den beiden Brunnen von Adriaen
oder Tobias Stimmer oder in der „Architectura“ von
de Vries, am Siegelhaus – für dieses Bauwerk gibt es
Wendel Ditterlin – deren Stilstufe (Beschlagwerk) die
die Zeichnung einer Säulenbasis von Elias Holl in der
Schmuckkonsolen in etwa entsprechen – konnten bei
Graphischen Sammlung Augsburg mit der Beschriftung:
den Masken und grotesken Gesichtern in den Rand-
„Dem Maister Lienhart Kreitzer also fürgerissen …“ –
leisten direkte Vorbilder gefunden werden.
und schuf 10 Pfeiler am Perlachturm.
46
Fratzen und Masken
Abb. 38 – 62: Toskanische Säulenhalle,
Kapitelle mit figürlichem Schmuck,
1606/07
Abb. 38
Abb. 39
Abb. 40
Abb. 41
Abb. 42
Abb. 43
Abb. 44
Abb. 45
Abb. 46
Abb. 47
Abb. 48
Abb. 49
47
Abb. 50
Abb. 51
Abb. 52
Abb. 53
Abb. 54
Abb. 55
Abb. 56
Abb. 57
Abb. 58
Abb. 59
Abb. 60
48
Fratzen und Masken
Die Steinmetzzeichen und ihre Standorte*
Zeichen auf Kapitellen, Säulen und (vielleicht) einer Konsole
8. Säule links
7. Kapitell rechts
Zeichen auf Kapitellen und Konsolen
1. / 7. / 9. Kapitell links
9. Kapitell rechts
fünf Konsolen
5. Kapitell links
eine Konsole
3. Kapitell links
6. Kapitell rechts
(vielleicht) eine Konsole
Zeichen auf Kapitellen
2. / 8. / 9. Kapitell links
3. / 8. Kapitell rechts
4. / 5. Kapitell rechts
2. Kapitell rechts
6. Kapitell links
5. Säule links
3. Säule rechts
4. Säule rechts
4. / 7. Säule links
Zeichen auf Säulen
6. Säule rechts
Zeichen auf Konsolen
Die Standorte der Konsolen konnten nicht angegeben werden.
* Die Säulen sind vom Eingang ausgehend nummeriert.
4. Kapitell links
49
Es finden sich 17 verschiedene Steinmetzzeichen, die
Diese fünf unterschiedlichen Werke mit dem gleichen
sich auf Kapitelle, Säulen und Konsolen verteilen. (Es
Steinmetzzeichen (Abb. 38 –42) sind: Der qualitativ
mögen noch mehr zu finden sein, denn die Säulen
sehr ärmliche, kleine laufende Hund, der Menschen-
sind arg beschädigt und die Zeichen z. T. klein und
oder Hundekopf mit den langen Schlappohren vor der
versteckt). Die meisten finden sich auf den Kämpfern
aufgehängten Draperie, der Kopf mit dem langen Bart-
der Kapitelle, nämlich 18, neun auf den Kämpferplatten
auswuchs nach beiden Seiten, die stilistisch allenfalls
der figürlichen Konsolen und sechs auf den Säulen-
in der Steinbehandlung von Draperie, Bart, Haar und
trommeln. Da bei einigen Säulen die Trommel und das
Fell übereinstimmen. Dazu kommen die völlig von den
Kapitell mit verschiedenen Zeichen versehen sind,
dreien abweichenden Köpfe eines bärtigen Mannes,
kann man vielleicht davon ausgehen, dass in den an-
begleitet von zwei kleinen grimassieren­den, zeitgenös-
deren Fällen Säule und Kapitell von einem Steinmetz
sischen Gesichtern und eines Kriegers (?) mit Kappe
geschaffen wurden. Wichtig scheint, dass keineswegs
und dreifach geflochtenem Haar (?). Diese beiden Köpfe
alle Konsolen mit einem Zeichen versehen sind. Ein
erheben sich aus einer Beschlagwerk­fläche, die bei
Steinmetz ist entschieden am meisten beschäftigt ge-
den drei anderen fehlt. Da diese fünf Arbeiten nach
wesen; er hat sich mit seinem Zeichen neun mal in der
dem Steinmetzzeichen von einer Hand sind, müssten
Halle, vier mal auf Kapitellen, fünf mal auf den Konso-
dem Handwerker gezeichnete Entwürfe vorgelegen
len, verewigt. Sein Zeichen bringt die Beurteilung der
haben.
figuralen Konsolen insofern in Bedrängnis, als die
fünf Konsolen mit seinem Zeichen nur wenig stilistisch
übereinstimmen.
50
Fratzen und Masken
Beide stilistischen Merkmale – das Beschlagwerk und
Abb. 61
die sich plastisch vorwölbenden Köpfe – kommen einzeln oder auch miteinander verbunden in einer Reihe
anderer Konsolen vor, wobei statt des Beschlagwerks
auch pflanzliche Ornamente oder wieder Draperien
auftauchen (Abb. 43 – 50 und Abb. 61, 62). Durch die
jeweils vier unterschiedlichen Steinmetzzeichen lassen
sich keine stilistisch zusammenhängenden Gruppen
bilden. Doch unterscheiden sich die Köpfe stark. Z. T.
sind sie groß und breit und breiten sich gleichsam in
die Ornamentik aus, z. T. sind sie schmal und stehen
isoliert.
Neben dieser gesamten Gruppe, die wohl gleichfalls
nach Entwurfszeichnungen ausgeführt sind, gibt es
noch eine weitere Gruppe, die ganz ohne Steinmetz­
zeichen in sich völlig uneinheitlich ist: Eine Traube, ein
Salamander, ein Teufel, ein Engel, ein köstlich bewegter Mann mit Bällen – bei diesen Konsolen hat
man am ehesten den Eindruck, dass sich hier ein
Steinmetz frei, individuell und ohne Vorlage künstlerisch betätigte (Abb. 51 – 60).
Abb. 62
51
Literatur (Auswahl)
Das Augsburger Zeughaus, hrsg. vom Baureferat der Stadt Augsburg, Augsburg 1977
Denkmäler in Bayern, Band VII.83, Stadt Augsburg, München 1994
Elias Holl und das Augsburger Rathaus, Ausst. Kat., Augsburg 1985
Jürgen Kraus, Das Militärwesen der Reichsstadt Augsburg 1548 – 1806, Augsburg 1980
Norbert Lieb, Das Zeughaus der Reichsstadt Augsburg, in: Rettet das Augsburger Zeughaus, Augsburg 1967,
S. 49 – 56 (darin u.a. die Auswertung der Baumeisterbücher)
Christian Meyer, Die Hauschronik der Familie Holl (1487 – 1646), München 1910
Hartwig Neumann, Das Zeughaus. Die Entwicklung eines Bautyps von der spätmittelalterlichen Rüstkammer
zum Arsenal im deutschsprachigen Bereich vom XV. bis XIX. Jahrhundert, 2 Bd., Bonn 1992
Bernd Roeck, Elias Holl, Architekt einer europäischen Stadt, Regensburg 1985
Bernd Roeck, Eine Stadt in Krieg und Frieden, Studien zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg zwischen
Kalenderstreit und Parität, 2 Bd., Göttingen 1989
Jürgen Zimmer, Die Veränderungen im Augsburger Stadtbild zwischen 1530 und 1630, in: Welt im Umbruch,
Ausst.Kat. Augsburg 1981, Bd. III, S. 25-65
Jürgen Zimmer, L’arsenale della città imperiale di Augusta: assetto e significato nella storia della città, in:
Arsenali e città nell’occidente europeo, Rom 1987, S. 205 – 222.
Jürgen Zimmer, Joseph Heintz der Ältere, Zeichnungen und Dokumente, München, Berlin 1988
Josef Wiedemann, Das Zeughaus von Elias Holl in Augsburg und das Warenhaus der Firma Horten,
Düsseldorf, München 1968
Abbildungsnachweis
Kunstsammlungen und Museen Augsburg: 2, 3, 4, 5, 6, 7, 12, 13, 14, 18, 20, 22, 24, 25, 27, 28, 29, 30, 31, 34, 36
Stadtarchiv Augsburg: 8, FS HBA 1266
Stadtbildstelle Augsburg: 25
Immobilien- und Baumanagement Augsburg (Petra Eisinger u.a.): 2. Umschlag-Klappe, 1, 11, 15, 17, 32, 33
München Bayerische Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen: 23
context verlag, Augsburg: 37 – 60
Renate Miller-Gruber: 10, 25, 61, 62
KW Neun Grafikagentur: Titel, 1. Umschlag-Klappe, 9
52
Impressum
Herausgegeben vom
Leitung: Thomas Weitzel
Bahnhofstraße 18 1⁄3 a
86150 Augsburg
Autoren:
Dr. Renate Miller-Gruber
Dr. Gode Krämer
Die Abbildungen auf den Seiten 44, 46 und 47 wurden für diese
Publikation freundlicherweise von Martin Kluger, context verlag
Augsburg, zur Verfügung gestellt.
Wir danken ferner den Kunstsammlungen Augsburg sowie dem
Stadtarchiv und dem Immobilien- und Baumanagement für die
Unterstützung bei der Beschaffung des sonstigen Bildmaterials.
Gestaltung: KW Neun Grafikagentur
Druck: Joh. Walch GmbH
Der Zeughauskomplex, im Wesentlichen in der originalen Bausubstanz
des 17. Jahrhunderts erhalten, steht unter Denkmalschutz. Die imposante
Fassade, der mehrstöckige Dachstuhl und die schmucke Säulenhalle
sind die Prunkstücke des Gebäudes, das noch heute, 400 Jahre nach
seiner Fertigstellung, als künstlerisch, architektonisch und städtebaulich
gediegenes Beispiel der Baukunst des Elias Holl und der beteiligten
Künstler geschätzt wird. Als wertvolles historisches Erbe der Stadt­
geschichte wird es heute für verschiedene kulturelle Zwecke und als
Bildungs- und Begegnungszentrum der Stadt Augsburg genutzt.

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