Kaninchen beim Zahnarzt 7. 4. 2015

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Kaninchen beim Zahnarzt 7. 4. 2015
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Tages-Anzeiger – Samstag, 4. April 2015
Wissen
Emma muss zum Zahnarzt
Small Talk
Weil sie zu viel Süsses bekommen, leiden viele Kaninchen unter Zahnschmerzen. Äpfel und Rüebli
sind für sie wie Zucker. Auch zu klein gewachsene Kiefer verursachen bei Zwergkaninchen grosse Probleme.
Direkt neben der Autobahn in
Wallisellen existiert ein Moor
von ausserordentlichem Wert.
Martina Frei
Emma ist drei Jahre alt, wiegt knapp
1 Kilo und schaut gern fern – am liebsten
die Science-Fiction-Serie «Dr. Who».
«Kaum beginnt die Sendung, hoppelt sie
zum Sofa, hüpft auf ihr Kissen und spitzt
die Ohren», berichtet ihre Besitzerin
Wendi Pedersen. Dieses Kaninchen sei
etwas Besonderes.
Heute fährt das weissbraune Zwergkaninchen zum zweiten Mal in seinem
Leben Zug. Die Reise führt von Genf, wo
Emma mit ihrer Besitzerin lebt, nach Zürich. Die ganze Fahrt über habe das Kaninchen die Reisenden beim Ein- und
Aussteigen beobachtet oder aus dem
Fenster gestarrt, erzählt Pedersen und
zeigt ein Handyfoto als Beweis.
Rund 1000 Franken hat sie in den
letzten Monaten in die Behandlung ihres
Tiers investiert. Alles begann kurz vor
dem Tod von Emmas Bruder im Dezember. Emma wollte fressen, aber beim
Versuch zu kauen, hielt das Tier inne.
«Sie legte ihren Kopf auf meinen Schoss
und blieb so liegen. Ich wusste: Etwas
stimmt nicht», erinnert sich Pedersen.
Mit Frank Klötzli sprach
Matthias Meili
Ein einzigartiges Naturschutzgebiet
mitten im Zürcher Siedlungsbrei, ist
das möglich?
Ja, das kleine Naturschutzgebiet Moos in
Wallisellen ist so ein Beispiel. Der Laie
findet es kaum. Es liegt total ungünstig,
eingeklemmt zwischen sechsspuriger
Autobahn, Kantonsstrasse und dem Abfallverwerter der Gemeinde Wallisellen.
Die Lage ist, gelinde gesagt, nicht
gerade von der Natur begünstigt.
Das ist noch nicht alles. Nordöstlich des
Gebiets hatte es früher einen Bauernhof,
aus dem scharfes Abwasser genau ins
Moos floss. Das schädigte die nährstoffarmen Teile des Moors unwiederbringlich. An dieser Stelle entwickelte sich ein
Schilfröhricht, was dann jedoch Vögel
anzog. Heute kann man sogar sagen,
dass dies den Artenreichtum des Mooses
noch bereicherte.
Vom Eiter zerfressene Knochen
Ein fauler Backenzahn, konstatierte ein
örtlicher Tierarzt, zog ihn und gab
Emma ein Antibiotikum. Das half sehr
gut, aber nur kurz. Nach einer Woche
kehrten die Beschwerden zurück. Nun
kam beim Fressen Futter aus der Nase.
So trat Emma ihre erste Zugfahrt ans
Zürcher Tierspital an.
Dort offenbart eine Computertomografie die Misere: Der eitrige Zahnabszess hat sich durch den Kieferknochen
bis in die Nasenhöhle gefressen, überdies ist ein zweiter Zahn faul. Der Eiterherd muss ausgeräumt werden. «Sonst
kann Eiter in die Augenhöhle durchbrechen. Dann steht das Auge immer weiter
vor», erklärt Jean-Michel Hatt, Direktor
der Klinik für Zoo-, Heim- und Wildtiere
am Zürcher Tierspital. Rund 300 Kaninchen werden hier jährlich operiert –
meist an den Zähnen. «Ich könnte stundenlang Befunde schildern, die wir im
Computertomogramm bei Nagern sehen: vom Eiter halb zerstörte Kieferknochen zum Beispiel oder Chinchillas mit
völlig zerfressenen Zähnen», sagt der
Heimtierspezialist. Die Besitzer würden
oft aus allen Wolken fallen, wenn sie erfahren, wie schlimm es sei. «Aber das ist
eben typisch Beutetier: Es zeigt möglichst lange keine Symptome.»
Vorbeugend unternehme fast kein Kaninchenbesitzer etwas, bedauert Hatt.
Der Gesundheitscheck, den seine Klinik
für Nager, Schildkröten, Echsen, Wellensittiche und andere Tiere seit zwei Jahren
anbiete, werde kaum genützt. Die Kosten
von 120 Franken würden wohl viele abschrecken. Ausserdem hätten die Halter
oft Sorge, ihren Schützling damit zu überfordern. «Aber ich glaube, es stresst die
Besitzer mehr als das Tier.»
Eine der zwei Hauptursachen für die
Zahnprobleme der Kaninchen ortet Hatt
bei der Ernährung: «Sie bekommen zu
viel Süsses», konstatiert er. Die Tiere
bräuchten vor allem Futter wie Heu und
Kräuter zum Knabbern, mit viel Rohfa-
Das narkotisierte Tier bekommt von der eineinhalbstündigen Operation nichts mit. Foto: Tom Kawara
sern. Rüebli und Äpfel dagegen seien für
das Tier wie Zucker – beides gehört zu
Emmas Leibspeisen. Bei Zwergkaninchen gesellen sich häufig noch angeborene Zahnprobleme hinzu. Ihr Kiefer ist
zu klein für alle 28 Zähne.
«Als ich die Diagnose erhalten habe,
war mein erster Gedanke: einschläfern»,
sagt Wendi Pedersen. Zumal Emma seit
dem Tod ihres Bruders ohne Gspäändli
lebt. «Aber als es ihr zwischenzeitlich
besser ging, war sie wieder sehr aktiv. Ich
habe den Eindruck, dass Emma gewillt ist
Namensforschung bei Tieren
Standardnamen sind out
Für Kaninchen sind die beliebtesten Namen
Lilly oder Lilli, Luna sowie Paul. Zu diesem
Schluss kamen Sprachwissenschaftler der
Universität Mainz im Jahr 2012, als sie im
Rahmen einer Studie zur Namensgebung bei
Haus- und Nutztieren die Namen von 977
Kaninchen erfassten. Die Untersuchung
zeigte, dass Tierbesitzer heute grossen Wert
auf die Einmaligkeit ihres Tiers legen, da
dieses oft eine Partner- oder Familienposition
einnimmt. Dies schlägt sich in der individuellen Namenswahl nieder. So sind bei Hunden
Standardnamen wie Bello oder Rex out.
Stattdessen bekommen sie – genau wie
Katzen – zu fast 60 Prozent einen Personennamen. Die Sprachwissenschaftler um
Damaris Nübling erklären dies mit einer
verstärkten «Ansippung» des Tiers an die
Familie. Um 1900 war dies noch ganz anders:
In einem badischen Dorf etwa hatten damals
von 143 Katzen nur 6 einen richtigen Namen
– der noch dazu oft von der verstorbenen
Vorgängerkatze stammte. (mfr)
zu kämpfen. Und solange sie kämpft,
kämpfe ich auch für sie.»
Deshalb liegt Emma jetzt narkotisiert
auf einem Operationstisch im Zürcher
Tierspital. Zum Schutz vor dem Austrocknen sind ihre Augen mit einem Gel
bedeckt. In eine dünne Vene im Ohr
fliesst ganz langsam Infusionslösung. An
einer Vorderpfote registriert eine Sonde
den Puls, drei kleine Hautklemmen erfühlen die Herzströme, und im After des
Kaninchens steckt eine Sonde, die seine
Temperatur misst. 38 bis 39 Grad Celsius
sind bei dieser Tierart normal. Gewärmt
wird Emma von einem Wärmekissen sowie von einem Plastikhandschuh am
Rücken, der mit Warmwasser gefüllt ist.
Hatt betrachtet nochmals die dreidimensional wirkenden CT-Bilder auf dem
Computerbildschirm, dreht den virtuellen Kaninchenschädel nach verschiedenen Seiten, um den besten Operationsweg zur eitergefüllten Höhle zu finden.
Mit einer Zange biegt er sich zwei kleine
Spritzkanülen zurecht. Sie dienen als
Werkzeug, um den Zahn zu lockern.
Ohrenstäbchen als Tupfer
Zuerst hebelt Hatt in viertelstündiger Arbeit sachte den eitrigen Backenzahn heraus. Dann wird Emmas linke Wange rasiert und das ganze Kanichen mit sterilen Tüchern abgedeckt. Von aussen
schafft Hatt nun einen Zugang zur vereiterten Nasennebenhöhle. «Kann ich
noch einen Tupfer haben?», bittet er
eine Assistentin. Sie reicht ihm ein Ohrenwattestäbchen. Zum Blutauffangen
beim Kaninchen genügt das.
Nach der eineinhalbstündigen Operation klafft ein Loch in Emmas Wange.
«Das ist typisch
Beutetier: Es zeigt
möglichst lange
keine Symptome.»
Jean-Michel Hatt, Veterinär
«Durch das Loch können wir den Eiter
wegspülen», sagt Hatt. Vielleicht heile es
mit der Zeit von alleine zu, vielleicht
bleibe es auch offen. «Aber das stört das
Tier nicht.» Zwei Tage wird Emma noch
stationär bleiben und gemahlenen Heubrei zum Fressen bekommen. Dann darf
sie heimfahren. Ihre Besitzerin soll über
das Loch täglich die Nase spülen, damit
sich kein Eiter ansammelt.
Zwei Wochen später muss Emma erneut unters Messer, «aber nur für einen
kleinen Eingriff», wie Pedersen betont.
Die Operationswunde heile «meisterhaft» – mit der Folge, dass sich die Nasennebenhöhle kaum noch spülen lasse.
Der örtliche Tierarzt erledigt das nun.
«Man merkt, dass Emma sich noch
immer von dem grossen Eingriff erholt,
aber es geht ihr gut. Sie futtert wie ein
Scheunendrescher», sagt ihre Besitzerin. Ihr Kaninchen sei wieder wie sonst
– freundlich, mutig, sehr menschenbezogen und neugierig. Sobald Emma alles
gut überstanden habe, sagt Pedersen,
mache sie sich sofort auf die Suche: nach
einem Gspänli für Emma.
Video Emma beim Zahnarzt
emma.tagesanzeiger.ch
Ameisen stehen auf Junkfood
Bestimmte Ameisenarten
kommen auf Trottoirs
besonders häufig vor.
Walter Willems
Manche Arten in Manhattan haben eine
Vorliebe für Lebensmittel, die auch der
Mensch isst. Andere Spezies verschmähen dagegen diese reichlich vorhandene
Kost. Das berichten die Forscher der
North Carolina State University in Raleigh in der Publikation «Proceedings B»
der britischen Royal Society. «Wir wollten mehr darüber erfahren, warum
manche Ameisenarten neben uns auf
Trottoirs oder in Gebäuden leben können, während andere ausserhalb der
menschlichen Gegenden bleiben», sagt
Clint Penick in einer Mitteilung seines
«Das ist eine Oase,
wo man sie nicht
erwartet»
Instituts. Demnach wirft ein Stadtbewohner pro Jahr etwa eine halbe Tonne
Müll weg, davon 75 Kilo Lebensmittel.
Um Aufschluss über die Ernährung
von Stadtameisen zu bekommen, nahmen die Forscher in Manhattan mehr als
100 Proben von 21 Ameisenarten – in
Parks, auf Trottoirs und auf Verkehrsinseln. Diese Proben analysierten sie dann
auf Isotope von Kohlenstoff und Stickstoff, die Aufschluss über die Nahrung
geben. Das stabile Kohlenstoffisotop
Kohlenstoff-13 (C 13) kommt in Mais und
Zuckerrohr vor, die als Süssstoffe in
Lebensmitteln verarbeitet werden. Daher werteten die Wissenschaftler dieses
Isotop als Hinweis auf Hamburger und
andere verarbeitete Nahrungsmittel und
Getränke.
Am spannendsten waren die Ergebnisse für die Gemeine Rasenameise, die
alle drei untersuchten Lebensräume besiedelt. Die höchsten C-13-Werte fanden
die Forscher in jenen Rasenameisen, die
auf Trottoirs lebten, die geringsten dagegen in den Parkbewohnern. Generell
enthielten jene Ameisenarten, die auf
Verkehrsinseln lebten, mehr C 13 als die
Spezies in den Parks.
«Lebensmittel für Menschen haben
beträchtlichen Anteil an der Nahrung
der in Städten lebenden Arten», sagt
Penick. «Diese Ameisen vertilgen unseren Abfall, und das kann erklären,
warum Ameisen auf Trottoirs in unseren
Städten so grosse Populationen bilden.»
Ob die Süssstoffe ähnlich wie beim Menschen auch die Gesundheit der Tiere
schädigen, ist offen.
Die Forscher stiessen aber auch auf
Ausnahmen. Die aus Eurasien stammende Rotrückige Hausameise, welche
die Stadt erst seit einigen Jahren besiedelt, lebt zwar auch auf Verkehrsinseln
und Trottoirs, verschmäht aber gemäss
der Analyse die Kost des Menschen. Sie
findet ihre Nahrung wohl in den Bäumen, welche die Strassen säumen.
Erst im Dezember hatten Forscher
derselben Universität berichtet, dass
Insekten und andere Krabbler in New
York eine wichtige Rolle als Strassenreiniger spielen. Demnach schaffen sie
allein auf den Mittelstreifen von Broadway und West Street Essensreste im
Umfang von jährlich etwa 60 000 Hotdogs weg. Diese Form der Abfallbeseitigung habe einen positiven Nebeneffekt,
schrieben die Forscher damals: Je mehr
Essensreste die Tiere vertilgten, desto
weniger bleibe für Ratten und Tauben
übrig. So dienten Ameisen auch der
Schädlingsbekämpfung. (DPA)
Schadet die nahe Autobahn nicht?
Als die Autobahn gebaut wurde, schnitt
man die Moräne an, die das Moor begrenzte. Die Folge war, dass das Wasser
Richtung Autobahn abfloss. Man installierte zwei Pumpen, die bei sinkendem
Grundwasserspiegel automatisch Wasser ins Moor pumpten. Später verstopfte
sich dann der Abfluss, sodass die Pumpen nie mehr gebraucht wurden.
Das Naturschutzgebiet wurde also
immer auch gepflegt?
Genau. Das Moor, das etwa 6,5 Hektaren
gross ist, ist seit den 1930er-Jahren
geschützt. Im Zweiten Weltkrieg wurde
noch Torf gestochen. Dort ist ein Weiher
entstanden. Die Fläche verlandete dann
aber so, dass die 30 bis 40 Zentimeter
dicke Vegetationsdecke aus Moorpflanzen immer noch schwimmt. Diese
Schwimmdecken haben einen ausserordentlich hohen Prozentsatz an seltenen Arten von der Roten Liste. Damit
diese Fläche geschützt bleibt, führt kein
Weg dorthin. Mit dem Feldstecher sieht
man aber einen dichten Bewuchs mit
rundblättrigem Sonnentau.
Fleisch fressende Pflanzen also.
Richtig. Östlich davon bildete sich
zudem ein Hochmooranflug, wo sich
hochmoortypische Pflanzen angesiedelt
haben. Hier wächst zum Beispiel Rosmarinheide oder auch die sehr seltene
Moorbeere, ein Verwandter der Heidelbeere, die in der Nordschweiz praktisch
nur noch hier vorkommt.
Hat es auch Tiere?
Die seltenen Pflanzen ziehen natürlich
auch seltene Insekten an. Eine ganz ausserordentliche Schmetterlingsart, die
hier gedeiht, ist das SumpfhornkleeWidderchen. Was das Moos auch auszeichnet, sind die wunderschönen Orchideen. Wir haben total acht bis zehn
Arten gezählt, was für eine so kleine
Fläche eine beträchtliche Anzahl ist.
Gibt es neue Orchideenarten?
Möglich. Auf den kleineren Schwimmdecken hat mein Kollege Martin Waxenberger eine Sumpfwurz entdeckt, die es nur
hier gibt. Das ist eine kleine Sensation.
Auf der Autobahn neben dem Naturschutzgebiet donnert die halbe
Schweiz vorbei. Wie kann eine
solche Oase der Natur überleben?
Insekten und Vögel lassen sich vom
Autolärm nicht verjagen. Dasselbe Phänomen sieht man auch im Naturschutzgebiet beim Flughafen Kloten.
Frank Klötzli
Der emeritierte
Geobotaniker der ETH
Zürich hat das Moos
in Wallisellen erforscht
und in der Vierteljahrsschrift der
Naturforschenden
Gesellschaft in Zürich
beschrieben.