Ding Dong Lalala: der Eurovision Song Contest

Commentaren

Transcriptie

Ding Dong Lalala: der Eurovision Song Contest
Ding Dong Lalala: der Eurovision Song
Contest
Für die einen ist er Sinnbild der Vielfalt europäischer Musikkulturen, für die anderen ein
gigantisches Festival des schlechten Geschmacks. In seinem 56sten Jahr hat der ESC
europaweit Kultstatus.
Ziemlich klein fing es an, damals 1956. Die europäische Einigung war weit entfernt, das
Fernsehen gerade erfunden. Einige nationale Rundfunkanstalten wollten einmal etwas
Gemeinsames unternehmen, das Medium Fernsehen bekannter machen und nebenbei ein
bisschen die europäische Identität fördern. Nach dem Vorbild des italienischen San RemoFestivals rief die damals noch recht kleine europäische Rundfunkunion (EBU) einen LiederWettbewerb ins Leben. Sieben Länder nahmen am ersten Grand Prix Eurovision de la
Chanson teil. Drei weitere, England, Dänemark und Österreich, hatten schlicht die
Bewerbungsfrist verpasst. Den ersten Wettbewerb, bei dem nur Solokünstler auftreten durften
und kein Lied länger sein sollte als dreieinhalb Minuten, gewann die Schweizerin Lys Assia.
Auf der Suche nach dem Massengeschmack
Mit der Zeit wurde die Teilnehmerzahl größer und der Grand Prix, wie er heute noch gerne
genannt wird, geriet zum Muss für ganze Fernsehnationen. Im Jahr 2011 nehmen 43 Länder
teil. Beinahe wären es sogar 44 geworden, doch der Beitritt Liechtensteins zur EBU ist noch
nicht abgeschlossen, so dass der erste Beitrag des Fürstentums erst für 2012 erwartet wird.
Grand Prix Gewinner aus drei Jahrzehnten: Nicole, Abba und Ruslana
Von Anfang an war die große Frage beim ESC: Wie schreibt man ein Lied, das allen gefällt?
Kann es so etwas wie einen europaweiten musikalischen Konsens geben? Der Song Contest,
der von der Intention her vor allem ein Komponistenwettbewerb ist, entwickelte mit der Zeit
seine eigene Popkultur jenseits aktueller Trends.
Weder Punk noch Rock noch Rap waren lange Zeit zu hören. Stattdessen hymnische
Balladen, die mit großer melodischer Geste Liebe, Frieden und Einheit besangen. Die
zeitweilige Auflage, dass jedes Land nur in seiner eigenen Sprache teilnehmen durfte, brachte
auch textlich so manche Kuriosität hervor: Titel wie "Boom Bang a Bang", "La La La" oder
"Ding-A-Dong" konnte zwar jeder mitsingen, waren aber jenseits jeder lyrischen Ambition.
Eine Merkwürdigkeit übrigens, die bis heute nicht verschwunden ist. Der finnische Beitrag in
diesem Jahr heißt "Da Da Dam", Israel tritt mit der Euro-Dance-Nummer "Ding Dong" an.
Ein Vierteljahrhundert zu früh
Die erste Grand Prix Gewinnerin: Lys Assia
Und dann, am 6. April 1974, die große Ausnahme von der Grand Prix Regel. In grellen
Klamotten und mit einem für Eurovision-Verhältnisse sehr rockigen und zeitgemäßen Song
namens "Waterloo" startete die Weltkarriere einer der erfolgreichsten Popbands überhaupt.
Abba gewann in Brighton zwar nur knapp, aber ihr anschließender Welterfolg war
gleichzeitig der Startschuss für die Erfolge zahlreicher Bands aus dem nicht englisch
sprechenden Europa.
Doch Abba waren ihrer Zeit ein Vierteljahrhundert voraus. In den Folgejahren kehrte der
Grand Prix zurück zum mitsingtauglichen, pathetischen Euro-Konsens. Erst seit 1998 die
transsexuelle Dana den Wettbewerb mit einer schrillen Disco-Nummer für Israel gewann,
fand der Eurovision Song Contest Anschluss an aktuelle Poptrends. Auf einmal war es sogar
möglich, dass die schräge finnische Band Lordi mit ihrem "Hard Rock Hallelujah" den
Wettbewerb im Jahr 2006 für sich entscheiden konnte.
Mr. Eurovision
Erfolgskomponist Ralph Siegel
Mr. Eurovision: Wenn einer diesen Titel verdient hat, dann der deutsche Komponist Ralph
Siegel. Zwischen 1974 und 2009 nahm er mit 19 Liedern am europäischen
Gesangswettbewerb teil. Die Sängerin Nicole, damals 17 Jahre alt, gewann 1982 mit der
Ralph-Siegel-Komposition "Ein bisschen Frieden". Es sollte 28 Jahre dauern, bis Lena den
ESC im letzten Jahr erneut für Deutschland gewann. Ralph Siegel zeigt sich seitdem übrigens
als schlechter Verlierer und wird nicht müde zu betonen, dass er der einzige deutsche
Komponist sei, der je einen ESC gewonnen habe; schließlich sei "Satellite" von einem
dänisch-amerikanischen Komponisten-Duo geschrieben worden.
Durch das Tal der Tränen
Es musste erst eine Lena Meyer-Landrut kommen, um Deutschland zum Sieg zu führen. Vor
allem in den 1980er und 1990er Jahren hatte das Land nämlich gar kein glückliches
Händchen, was die Auswahl der ESC-Teilnehmer betraf. Schickte man in den 1970ern noch
erfolgreiche Schlagerstars wie Katja Ebstein oder Gitte Henning ins Rennen, galt die
Teilnahme am ESC später als potentieller Karrierekiller, zumindest für den Fall einer
schlechten Platzierung. Angesagte deutsche Pop-Künstler weigerten sich einfach,
mitzumachen. Am Tiefpunkt dieser Entwicklung, im Jahr 1996, schied Deutschland schon in
der Vorrunde aus.
Als Konsequenz wurde das Reglement des Wettbewerbs geändert, so dass seither auf jeden
Fall zumindest die Hauptfinanziers des ESC für das Finale gesetzt werden. Dazu gehören
neben Deutschland auch Frankreich, Großbritannien, Spanien und seit 2011 wieder Italien.
Aus 7 mach 48
Der Zusammenbruch des Ostblocks und der Zerfall Jugoslawiens brachte dem ESC zahlreiche
neue Teilnehmerländer. Machten davor die Nationen Westeuropas die Sache unter sich aus,
sah man sich jetzt in der Minderheit oder gar von Osteuropa und dem Balkan dominiert.
Immerhin kamen durch die zahlreichen neuen Länder auch diverse musikalische Neuerungen
wie Ethno-Elemente und der Hang zur extravaganten Bühnenshow in den Wettbewerb.
Gleichzeitig wurde zunehmend Kritik am Reglement der Punktevergabe laut. Allein die
Anzahl der osteuropäischen Länder, die sich gegenseitig Punkte zuschanzen, mache es für die
Westeuropäer unmöglich, überhaupt noch zu gewinnen, so munkelte man lange Zeit. Um dem
vorzubeugen, wurden vor einigen Jahren musikalische Fachjurys eingesetzt, die neben dem
Publikum die Wertung zu 50 Prozent bestimmen.
Sing it again, Lena!
Lenas Erfolg im vergangenen Jahr kam so überraschend, dass die Verantwortlichen, vor allem
der Produzent Stefan Raab und der NDR in Hamburg, von der Euphorie davongetragen
beschlossen, Lena noch einmal antreten zu lassen. Ob das gutgehen wird, kann bezweifelt
werden, aber dass Künstler mehrfach teilnehmen ist historisch gesehen gar nicht selten.
Immerhin ist der Song "Taken by a Stranger" so ganz anders als die typische Grand PrixHymne, und Glück sei Lena auf jeden Fall gewünscht. Die englischen Buchmacher übrigens
sehen Lena derzeit auf den vorderen Rängen.

Vergelijkbare documenten