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Die Schönen Tage
Regie Marion Vernoux
Drehbuch Marion Vernoux und Fanny Chesnel
Darsteller Fanny Ardant, Laurent Lafitte, Patrick Chesnais,
Jean-François Stévenin und Fanny Cottençon
Kinostart: 19. September 2013
PRESSEHEFT
Besetzung
Caroline
Fanny Ardant
Julien
Laurent Lafitte
von der Comédie Française
Philippe
Patrick Chesnais
Roger
Jean-François Stévenin
Chantal
Fanny Cottençon
Sylviane
Catherine Lachens
Jacky
Alain Cauchi
Jocelyne
Marie Rivière
Hugues
Marc Chapiterau
Paul
Féodor Atkine
Lydia
Olivia Côte
Stab
Regie
Marion Vernoux
Drehbuch
Marion Vernoux und Fanny Chesnel
Nach dem Roman von
Fanny Chesnel
Produktion
François Kraus
Denis Pineau-Valencienne
Juliette Favreul Renaud
Kamera
Nicolas Gaurin
Szenenbild
Yann Dury
Kostümbild
Marité Coutard
Schnitt
Benoît Quinon
Musik
Quentin Sirjacq
Ton
Michel Casang
Elisabeth Paquotte
Dominique Gaborieau
Casting
Richard Rousseau
Produktionsleiter
Hervé Duhamel
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VERLEIH
Wild Bunch Germany GmbH
Holzstrasse 30
80469 München
Tel: +49 89 444 55 66 44, Fax: +49 89 444 55 66 59
VERTRIEB
Central Film Verleih GmbH
Keithstr. 2 - 4
D-10787 Berlin
Tel: +49 30 214 92 200
PRESSEBETREUUNG
Panorama Entertainment
Thalkirchner Straße 45
80337 München
Tel: +49 89 30 90 679 0, Fax: +49 89 30 90 679 11
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Technische Daten
Land: Frankreich 2013
Länge: 94 Minuten
Format: 1:1,85
Kinostart: 19. September 2013
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KURZINHALT
Sie ist Zahnärztin von Beruf und der Job ihre große Leidenschaft. Kein Wunder, dass
Caroline (FANNY ARDANT) nicht weiß, womit sie sich nach der Pensionierung beschäftigen
soll. Ihre Töchter sind erwachsen und ihr Ehemann Philippe (PATRICK CHESNAIS) denkt
noch längst nicht daran mit der Arbeit aufzuhören. Deshalb schenken ihre Töchter der
junggebliebenen Rentnerin ein Schnupperabo für den Seniorenclub „Die Schönen Tage“,
was sie zunächst wenig begeistert. Will sie ihren Lebensabend wirklich mit Töpfern und
Laientheater verbringen? Das ändert sich schlagartig, als Julien (LAURENT LAFITTE), der
im Club Computerkurse gibt, ihr Avancen macht. Julien könnte nicht nur ihr Sohn sein, er ist
auch ein Frauenheld, für den die 60-Jährige zunächst nur eine Eroberung von vielen ist.
Doch die beiden verbringen immer mehr Zeit miteinander, und obwohl Caroline von
Schuldgefühlen geplagt wird, hört sie auf, sich einzureden, dass sie vom Leben nichts mehr
erwarten darf. Sie fängt an, die Affäre in vollen Zügen zu genießen. Sie beginnt wieder mit
dem Rauchen, checkt Ihr Handy alle drei Minuten und versorgt die Familie mit Fertigpizza.
Das verwundert nicht nur ihr Umfeld, sondern auch ihren Ehemann. Dieser fühlt sich
vernachlässigt und bekommt so langsam Zweifel an der Treue seiner Ehefrau …
PRESSENOTIZ
Verrückt sein, Neues ausprobieren, sich gegen die Routine auflehnen: DIE SCHÖNEN
TAGE erzählt eine wunderbare Liebesgeschichte zwischen einer älteren Frau und einem
jungen Mann, die sich ebenso leidenschaftlich wie humorvoll von den üblichen MaiSeptember-Beziehungen abgrenzt. Denn Regisseurin Marion Vernoux („Love, etc.“) plädiert
ganz ohne moralisierende Untertöne dafür, dass es im Leben auch mal möglich sein muss,
einfach drauflos zu ziehen, ohne Ziel und Plan. Fanny Ardant – die Grande Dame des
französischen Kinos, Heldin von Truffaut, Lelouch und Resnais – macht DIE SCHÖNEN
TAGE in einer ungewohnt lockeren Rolle (zum ersten Mal trägt sie Jeans auf der Leinwand
und sieht einfach hinreißend aus) zum unvergesslichen Kinoerlebnis. An ihrer Seite agieren
mit dem wunderbar zerknitterten Patrick Chesnais („Affären à la carte“) und dem attraktiven
Shootingstar Laurent Lafitte („Ein MordsTeam“) zwei ebenbürtige männliche Partner. Große
Gefühle, große Darsteller, ganz großes Kino!
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INHALT
Caroline (FANNY ARDANT) ist Zahnärztin, eine attraktive Frau um die 60, die erst vor
kurzem in Rente gegangen ist. Ihr Mann Philippe (PATRICK CHESNAIS) arbeitet in der
gemeinsamen Praxis weiter, und weil die beiden Töchter längst aus dem Haus und selbst
Mütter sind, hat Caroline plötzlich Zeit für sich selbst. Ganz viel Zeit, mit der sie allerdings
überhaupt nichts anzufangen weiß. Bislang war ihr Leben ja von Arbeit bestimmt – zu Hause
bei der Familie und im Beruf, wobei sie sich vor allem über den geliebten Job definiert hat.
Jetzt droht sie in ein Loch zu fallen, weil sie das Gefühl hat, nicht mehr gebraucht zu werden.
Hinzu kommt, dass Caroline nie gelernt hat, auf ihre Wünsche und Bedürfnisse zu hören.
Weniger aus eigenem Antrieb, sondern um ihren Töchtern einen Gefallen zu tun, besucht
Caroline in der Nachbarschaft widerwillig einen Seniorenclub namens Die Schönen Tag. Ihr
erster Eindruck: total deprimierend. Denn was sie sieht, bestätigt ihre schlimmsten Vorurteile:
Wer über 60 ist, wird automatisch wie ein kleines Kind behandelt, und die Tage sinnbefreit
mit Töpfern oder Gymnastik im Kreis zu verbringen – das kann doch nicht alles gewesen
sein? Die Katastrophe ist perfekt, als Caroline in der Laienspielgruppe von der aufgekratzten
jungen Lehrerin auf die Bühne gebeten wird, wo sie vor Leuten, die sie erst seit ein paar
Minuten kennt, Lockerungsübungen machen, sich total fallenlassen und aus vollem Herzen
lachen soll. Caroline findet das überhaupt nicht lustig, hat den Eindruck, dass man sie
vorführen will. Als sie den Club ebenso wütend wie überstürzt verlässt, schwört sie sich, hier
nie wieder einen Fuß über die Schwelle zu setzen.
Na ja, vielleicht noch ein einziges Mal. Denn zu Hause gibt es Probleme mit dem Computer,
und weil Philippe keine Ahnung von Soft- oder Hardware hat, kehrt Caroline in den
Seniorenclub zurück, um sich im Computerkurs, dessen Leiter Julien (LAURENT LAFITTE)
sie am ersten Tag flüchtig gesehen hatte, die allernötigsten Kenntnisse anzueignen. Die
Anziehungskraft zwischen Caroline und dem attraktiven Mann, der mit seinen 39 Jahren so
jung ist, dass er ihr Sohn sein könnte, ist augenblicklich und unübersehbar. Er hat ein viriles
Charisma und blickt auch Frauen seines Alters hinterher; sie hat keine Lust, sich in der Rolle
der liebevollen, Pullover strickenden Großmutter einsperren zu lassen. Die perfekte
Kombination…
Am Ende des Kurses bittet Julien Caroline, sich seine Zähne anzusehen. Er hat Schmerzen
und von den anderen gehört, dass sie Zahnärztin ist. Sie empfiehlt ihm eine Behandlung bei
ihrem Mann, doch der hat keine Zeit und schlägt vor, dass Caroline, auch wenn sie keine
Approbation mehr hat, Julien selbst verarztet. Anschließend gehen die beiden gemeinsam
Mittag essen. Caroline trinkt ein bisschen zu viel und ist leicht beschwipst, als sie nach
einem Spaziergang am Meer von einem Regenschauer überrascht werden und sich in ihr
Auto flüchten müssen. Das ist der Moment, in dem sie sich auf einen ebenso
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verheißungsvollen wie unwahrscheinlichen Flirt mit Julien einlässt. Zunächst bleibt es bei ein
paar Küssen, doch schon beim nächsten Treffen haben die beiden Sex. Treffpunkt: eine
bessere Rumpelkammer in einem der oberen Stockwerke des Seniorenclubs. Caroline
genießt die heimlichen Begegnungen mit Julien, fühlt sich wieder begehrt und
begehrenswert, und so wie die heimliche Affäre immer mehr Raum in ihrem Leben einnimmt,
nähert sie sich auch den anderen Clubmitgliedern an. Bei Weinproben und Ausflügen an die
Küste begreift Caroline, dass sie und ihre gleichaltrigen Mitstreiter mehr gemeinsam haben,
als sie zunächst dachte. Man redet über Gott und die Welt, also auch über Sex im Alter, und
Caroline freundet sich immer mehr mit dem Gedanken an, dass mit 60 doch nicht alles
vorbei ist.
Die sexuelle Euphorie, die ihre Beziehung in ihnen auslöst, überrascht beide, aber was sie
geradezu überwältigt, ist, wie schnell sie sich aneinander gewöhnen und in der Gegenwart
des anderen wohlfühlen. Um von Liebe zu sprechen, ist es vielleicht noch zu früh. Aber was
Caroline definitiv nicht hat, ist ein schlechtes Gewissen. Sie beginnt zwei parallele Leben zu
leben: das offizielle an der Seite von Philippe, den sie so aufrichtig liebt, wie man jemanden
nach 30 Jahren Ehe lieben kann, und die gestohlenen Momente mit Julien, für die sie –
natürlich unter einem Vorwand – selbst die eigenen Dinnerpartys mit Gästen vorzeitig
verlässt. Als sie sich einmal in einem Restaurant treffen und Bekannte von Caroline an
einem Nachbartisch Platz nehmen, erschrickt sie kurz und flüchtet zum Rauchen ins Freie.
Doch im Grunde scheint sie den Nervenkitzel, dass man sie zusammen mit Julien erwischen
könnte, sogar ein wenig zu genießen. Nach einer vermeintlichen Theaterprobe kehrt sie spät
abends nach Hause zurück und trägt ihren Pullover verkehrt herum, was Philippe tatsächlich
auffällt. Langsam, ganz langsam, keimt in ihm der Verdacht, dass seine Frau womöglich ein
Verhältnis mit einem anderen Mann hat. Unterdessen fällt es Caroline immer schwerer zu
akzeptieren, dass Julien ziemlich ungeniert auch andere, jüngere Frauen trifft. Tief im Innern
ahnt sie, dass das Haltbarkeitsdatum ihrer leidenschaftlichen Beziehung vermutlich bereits
abgelaufen ist. Eines Abends schlägt Philippe Caroline unbeholfen vor, es mal wieder mit
Sex zu versuchen – in Erinnerung daran, dass sie früher nicht genug davon bekommen
konnten. Am selben Abend offenbart er ihr auch, dass sie nicht im Club war, als er sie vor
kurzem dort abholen wollte. Und, schlimmer noch, dass ihm jemand verraten hat, dass sie
ganz offensichtlich einen anderen Mann trifft. Er macht ihr keine Szene, sagt aber auch klipp
und klar, dass er nicht vorhabe, sie zurückzuerobern. „Auch ich werde älter…“, fügt er lapidar
hinzu. Am nächsten Tag packt er seine Koffer.
Caroline weiß, dass sie sich zwischen ihren beiden Männern entscheiden muss. Kaum hat
sie Julien gesagt, dass alles vorbei ist, macht sie auch einer ihrer Töchter gegenüber reinen
Tisch. Ein Stein fällt Caroline vom Herzen, die plötzliche Ehrlichkeit hat etwas Befreiendes.
Doch Julien endgültig loszulassen, ist schwieriger als erwartet…
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INTERVIEW MIT MARION VERNOUX
DIE SCHÖNEN TAGE basiert auf einem Roman von Fanny Chesnel. Warum wollten Sie ihn
unbedingt verfilmen?
Das war nicht meine Idee, sondern die der Produzenten François Kraus, Denis PineauValencienne und Juliette Favreul Renaud. Sie haben mir das Projekt dann auch angeboten.
Ich fand es natürlich äußerst schmeichelhaft, dass man auf mich zukam. Als ich das Buch
las, fragte ich mich, was mich an dieser Geschichte eigentlich berührt und ob ich sie mir
wirklich zu Eigen machen kann. Schließlich habe ich nichts mit dieser Frau gemeinsam, bin
noch keine 60, lebe nicht in der Provinz und arbeite auch nicht als Zahnärztin. Trotzdem, und
das ist wirklich ein großer Zufall, spukte mir seit längerem die Geschichte einer Frau um die
60 im Kopf herum, deren Geschichte ich unbedingt erzählen wollte, auch wenn sie mit dieser
keine Ähnlichkeit hat.
Wie haben Sie sich den Roman angeeignet?
Indem ich stark an der Figur des Julien gearbeitet habe. Im Roman trauert er um seine
Mutter und seine Frau, die bei einem Autounfall gestorben sind. Caroline war so etwas wie
eine Ersatzmutter für ihn. Aber ich wollte, dass die beiden sich auf Augenhöhe begegnen,
dass ihre gegenseitige Anziehung nicht so sehr psychologisch motiviert ist. Als ich auf die
Idee kam, dass Julien ein Frauentyp sein könnte, wusste ich, dass ich den Schlüssel zur
Geschichte gefunden hatte. Eine Frau, die gerade in Rente gegangen ist und Angst davor
hat, dass sie in die Anonymität zurückfällt, quasi unsichtbar wird und für die Männer nicht
mehr attraktiv ist, wird plötzlich wieder von einem Mann begehrt, aber aus dem simplen
Grund, dass er auf alle Frauen steht! Diese Ironie gefiel mir gut, denn sie bewahrt mich vor
der Falle, die ich unbedingt vermeiden wollte: dass Caroline wie ein Cougar wirkt. Dieser
Mann steht nicht auf „ältere Frauen“, nein, er liebt alle Frauen, Punkt. Als ich das Drehbuch
schrieb, wurde mir wieder so richtig bewusst, dass meine Eltern beide mit Anfang 60
gestorben sind. Und dass sie eine Lücke hinterließen, die ich mit dieser Geschichte ein
wenig füllen wollte. Mit dem Film erweise ich ihnen auf meine Art Hommage. Ich hätte gern
mit meiner Mutter jene Zeit verbracht, die ich für den Film mit Caroline verbrachte.
Im Film geht es weniger um das Alter als um die Frage, was man mit seinem Leben und
seinem Verlangen anfängt…
Ja, und das war für mich der dritte Grund, diesen Film zu machen: mich mit einer
Paarbeziehung zu beschäftigen. Wie kommt es, dass man zusammenbleibt oder sich trennt?
Wann und wie werden die Karten neu gemischt? Das ist ein riesiges Geheimnis, mehr noch
als sich Hals über Kopf zu verlieben. Diese Fähigkeit, weiter zu machen – oder eben auch
nicht. Ich finde das sehr anrührend, zumal wenn man sich auf der Zielgeraden des Lebens
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befindet, wenn man Bilanz zieht: Was ist mir gelungen, woran bin ich gescheitert? Und
unterschwellig die Frage, ob man allein sterben wird oder nicht. Wenn man in einer
Paarbeziehung lebt, sollte man nie vergessen, dass alles sehr fragil ist und jederzeit vorbei
sein kann.
Stand von Anfang an fest, dass Fanny Chesnel, die Autorin des Romans, am Drehbuch
mitarbeiten würde?
Nein, es war keine Bedingung, aber als ich sie kennenlernte, wurde die Zusammenarbeit
geradezu ein Muss. Ich hatte großes Vertrauen, und ich bin nicht enttäuscht worden, denn
sie ist eine exzellente Drehbuchautorin. Sie hat Talent, hat ein Ohr für Dialoge und kann
Szenen entwickeln. Wir haben buchstäblich vierhändig gearbeitet. Außerdem strotzt ihr Buch
von authentischen Erfahrungen, denn sie hat sich beim Schreiben von ihrer Mutter
inspirieren lassen. Sie war der Garant dafür, dass die Geschichte glaubwürdig ist. Was die
Struktur angeht, orientiert sich das Drehbuch stark am Roman. Die größten Veränderungen
betreffen die Liebesgeschichte.
Als sie Julien begegnet, macht sich Caroline nicht vor, dass ihr wieder alle Möglichkeiten
offen stehen. Sie klammert sich nicht an seine Jugend und träumt auch nicht von einer
Zukunft mit ihrem Liebhaber. Sie nimmt es einfach hin, was ihr gerade passiert…
Im Film macht sich niemand selbst etwas vor, und den anderen auch nicht. Caroline und
Julien sind einfach nur glücklich, weil sie heimlich einen schönen Nachmittag im Bett
verbringen. Sie lümmeln herum, rauchen Joints, streiten sich und vertrauen sich einander
an… genau wie Teenager. Dabei beginnt ihre Geschichte recht banal: Caroline erkennt, wie
angenehm es ist, beim Mittagessen einen Schluck Wein zu trinken und wie dumm es war,
nicht schon früher damit angefangen zu haben. Sie ist ein bisschen beschwipst, und die
erste Tür öffnet sich ein Stück weit. Und dann wird sie von Julien verführt… Das Ganze nach
dem Motto: „Verdammt, warum eigentlich nicht?“ Obwohl ich schon glaube, dass Caroline
sich fürchtet, wenn sie daran denkt, was noch alles geschehen wird.
Die Tatsache, dass Julien ein Frauenheld ist, eröffnet ihrer Geschichte viele Möglichkeiten.
Auch das Klischee der älteren Frau wird vermieden, die im Spiegel ihre Falten betrachtet und
sich noch mehr davor graust, weil sie gerade einen jüngeren Mann kennengelernt hat…
Dabei war das genauso im Drehbuch vorgesehen. Als wir dann drehten, fand ich jedoch,
dass es kontraproduktiv wäre. Caroline wird ja von einem anderen Menschen angesehen,
sie muss sich nicht mehr selbst betrachten. Das sagt sie auch zu ihrem Mann, als der sie
anpflaumt: „Hast du dich eigentlich mal angesehen?“ Denn sie antwortet: „Nein, er tut es!“
Caroline und Julien leben ihre Liebe ohne jede Strategie. Es spielt für sie keine Rolle, wer
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den anderen anruft, wer ein Liebespfand gibt oder einfordert. Es handelt sich um eine
ziemlich ungewöhnliche Liebesgeschichte, die den Rahmen des simplen Ehebruchs sprengt.
Caroline gibt sich nicht besonders viel Mühe, um die Affäre zu verheimlichen, und ihr Mann
stellt ihr kein Ultimatum à la „Wenn diese Sache nicht sofort aufhört, verlasse ich dich.“ Ich
finde es schön und inspirierend, eine Ménage à trois so zu schildern. Caroline und Philippe
sind vielleicht ein bisschen älter, aber dafür auch ein bisschen klüger. Sie erkennen im
Verlauf der Geschichte, dass ihre Beziehung noch Potential hat und dass sie sich ein wenig
unkonventioneller verhalten werden als viele selbst junge Leute. Sie werfen nicht gleich alles
weg, auch wenn sie in dem Alter sind, in dem man vielleicht gerade damit anfängt.
Zu Beginn des Films sagt man sich als Zuschauer, dass die beiden immer noch Spaß
miteinander haben und sich begehren. Der Alltag hat sie noch nicht mürbe gemacht.
Ja, dieses Paar hat Glück, dass sie sich gegenseitig zum Lachen bringen können. Auch
Julien kriegt Caroline ja dank seines Humors rum. Ihr Beuteschema sind nämlich
humorvolle, geistreiche Männer.
Philippe ist ganz schön abgefeimt, als er seiner Frau sagt, dass er nicht vorhat, sie
zurückzuerobern…
Und er hat ja Recht. Aber man sieht ihm an, wie sehr es ihn getroffen hat. Patrick Chesnais
versteht es großartig, den Schmerz dieser Figur zu zeigen und auch, wie sehr ihn die Sache
aus dem Gleichgewicht bringt. Zwischen dem, was er sagt und was er zeigt, liegen Welten.
Es ist nicht das erste Mal, dass sie eine heimliche Affäre erzählen. Haben die Produzenten
deshalb an Sie gedacht?
Tatsächlich mochten sie „Love, etc.“ sehr. Sie waren der Meinung, dass meine Art zu
erzählen gut zu diesem Film passen würde. Heimliche Affären lassen sich notgedrungen
nicht sehr lange verheimlichen – was in dramatischer Hinsicht aber großes Potential birgt.
Lass uns heimlich glücklich sein… okay, aber für wie lange?
Fanny Ardant ist die Überraschung dieses Films…
Ich habe nicht sofort an sie gedacht, weil sie normalerweise keine Frauen spielt, die so
spontan und heiter sind wie Caroline. Andererseits war ich natürlich auf der Suche nach
einer wunderschönen Schauspielerin, die nicht an Profilierungssucht leidet, die bereit ist,
eine Figur zu spielen, die in den Seniorenclub geht, aber auch Bettszenen mit einem deutlich
jüngeren Mann hat. Jemand, der sich einem Drehbuch stellt, in dem häufig Worte wie „alt“
und „älter werden“ vorkommen. Eigentlich kann man es nicht oft genug wiederholen, dass
das Alter immer noch ein Tabu ist. Glücklicherweise hat sich Fanny der Herausforderung mit
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Humor gestellt. Und sich eine Filmfigur angeeignet, die kaum etwas mit ihr gemeinsam hat.
Ich weiß noch, dass mir an dem Tag, als wir die erste Sprechprobe angesetzt hatten, klar
wurde, wie ich meine Schauspieler anleiten würde. Denn als ich Fanny hörte, wusste ich,
dass ich sie bitten würde, schneller zu reden – schließlich sollte mein Film Tempo haben.
Durch das schnellere Reden sprach sie automatisch eine Oktave höher. Und das änderte
alles! In Sachen Diktion habe ich ihr während des Drehs nichts durchgehen lassen. Fanny ist
sehr intelligent, und damit meine ich auch ihr Verständnis hinsichtlich der Rolle, des Projekts,
ihrer Partner, meiner Art zu arbeiten, meiner Welt.
Weshalb wollten Sie, dass sie ihre Haare blond färbt?
Eigentlich wollte ich ja, dass Fanny weiße Haare hat, so wie es der Titel des Romans
impliziert. Wir haben das dann ausprobiert, aber sie wirkte dadurch erstaunlicherweise noch
aparter. Auf der anderen Seite fiel mir auf, dass sie mit hellen Haaren gleichzeitig
durchschnittlicher und ein wenig rätselhafter erscheint. Abgesehen davon, wollte ich sie
unbedingt in Jeans sehen. Sie hatte tatsächlich noch nie im Leben Jeans angehabt! Fanny
besitzt unendlich viel Klasse, alles steht ihr, das macht es leicht. Im richtigen Leben trägt sie
vor allem Schwarz, aber ich wollte für sie Farben, die ineinander verlaufen, wollte, dass ihre
Kleidung zeitlos und ein bisschen überraschend wirkt.
Wie kamen Sie darauf, Laurent Lafitte zu engagieren?
Weil ich ihn vergangenes Jahr bei der César-Verleihung sah. Er gab einen ziemlich
gewagten Sketch zum Besten, aber weil er das mit einer fast schon britischen Eleganz tat,
konnte er sich selbst die schlimmsten Klopper erlauben. Da wusste ich sofort: Er ist es, das
ist mein Julien! Ich wollte, dass er sexy ist, mit Wuschelkopf und ordentlicher
Körperbehaarung. Und dass er viel Haut zeigt – seine ist übrigens sehr schön. Die
Anziehung zwischen Julien und Caroline ist ja auch körperlicher Natur. Laurent besitzt eine
besondere Auffassungsgabe, im Bruchteil einer Sekunde kann er von einem Gefühl zum
anderen wechseln. Man spürt seine Intelligenz, und er hört seinen Partnern wirklich zu,
nimmt auf, was sie ihm geben. Sobald er Caroline ansieht, ist zu spüren, dass er sie wirklich
eingehend betrachtet. Als ich Fanny und Laurent zusammenbrachte, um zu testen, ob es mit
den beiden klappen könnte, war sie sofort ganz begeistert: „Wenn er mitspielt, dreht sich die
Geschichte nicht mehr um einen Altersunterschied, sondern erzählt ganz einfach eine LoveStory.“
Und Patrick Chesnais?
Wir sind uns einmal auf einem Festival begegnet, kannten uns flüchtig. Kaum hatte er das
Drehbuch gelesen, rief er an, und es klang fast vorwurfsvoll: „Ich wüsste nicht, wem du diese
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Rolle sonst noch anbieten könntest!“ Ich mag Darsteller, die beim Spielen immer ein wenig
den Eindruck erwecken, als wären sie mit den Gedanken woanders. Patrick besitzt diese
„abwesende Präsenz“, und sie passte gut zur Rolle des Ehemanns, von dem man sich fragt,
ob er eigentlich begreift, dass seine Frau einen Liebhaber hat, oder ob es ihm egal ist. Das
bleibt ein Geheimnis. Patrick besitzt viel Zartgefühl, er ist ein sehr spiritueller Schauspieler –
und außerdem ein ausgesprochen schöner Mann. Ich hatte während der Dreharbeiten den
Eindruck, dass sich alle freuten, am Set zu sein. Ich glaube, sie vertrauten mir und vertrauten
sich gegenseitig. Machtspiele gab es keine. Es war sehr angenehm.
Dies ist Ihre erste Zusammenarbeit mit dem Kameramann Nicolas Gaurin…
Und ich hoffe, es war nicht das letzte Mal. Ich mochte seine Bilder in Sylvie Verheydes
„Stella“ und in Anthony Cordiers „Happy Few“. Eine Filmikone wie Fanny Ardant
fotografieren zu dürfen, ist ein echtes Geschenk, eins, das man vorsichtig auspacken muss.
Und das Porträt einer Frau zu zeichnen, die sich langsam öffnet, wieder aufblüht und Ihrer
Lust freien Lauf lässt, ist eine echte Herausforderung. Fanny Ardant kommt in jeder Szene
des Films vor, wir wollten sie wirklich ausgiebig betrachten. Aber wir mussten die nötige
Distanz finden, damit es nicht zu viel wird oder langweilig wirkt. Nicolas ist ein feinfühliger,
sehr aufmerksamer und sorgfältiger Mensch. Deshalb hat ihm Fanny voll und ganz vertraut.
Hatten Sie genaue Vorstellungen, was die Inszenierung angeht?
Oh ja! Ich habe Nicolas sofort davor gewarnt, dass ich ein Faible für Kamerabewegungen
habe, die zwar schön aussehen, aber eigentlich total überflüssig sind. Bei diesem Film kam
es mir sehr auf die Genauigkeit an, darauf, eine Art Neutralität zu erzielen, auf die Präsenz
der Schauspieler zu setzen, auf Körper, die sich berühren, auf das, was erzählt wird… Mit
zunehmender Erfahrung hat sich meine Nervosität ein wenig gelegt, ich nehme die Dinge
jetzt eher, wie sie kommen und lasse mich nicht mehr verrückt machen. Das habe ich mir für
den Schnitt aufgehoben. Ich wusste, dass mein Film nicht sehr lang werden soll. Ich erzähle
ja kein Epos, sondern skizziere nur eine Phase im Leben dieser Frau. Normalerweise habe
ich keine Vorbilder. Aber diesmal orientierte ich mich an den Filmen meiner Kindheit, die ich
im Fernsehen sah, vor allem die Filme der beiden Claudes, Lelouch und Sautet. Lelouch,
weil er seine Schauspieler liebt und Menschen zeigt, die es lieben, sich gegenseitig zu
verführen. Und dann natürlich wegen seiner strahlenden Heldinnen wie François Fabian in
„Ein gutes Jahr“. Das half mir, Fannys Filmfigur zu entwickeln. Sie und Patrick haben
übrigens beide mit Lelouch gedreht. An Sautet musste ich denken, weil es in seinen Filmen
viele Szenen gibt, in denen Paare intelligent miteinander reden. Ihre Filme haben mir quasi
das Leben beigebracht – auf jeden Fall haben sie mich dazu inspiriert, selbst Filme zu
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machen. Einerseits wollte ich wie diese Heldinnen sein, wenn ich groß bin, und andererseits
wollte ich diejenige sein, die ihre Geschichten erzählt.
Haben Sie in Seniorenclubs recherchiert?
Bei jedem neuen Drehbuch sage ich mir, dass ich eigentlich überprüfen müsste, ob das, was
ich schreibe, der Realität entspricht. Aber dann lasse ich mich wieder von meiner Fantasie
mitreißen. In diesem Fall gab es natürlich das ganze Material, das Fanny Chesnel
zusammengetragen hatte, denn als sie ihren Roman schrieb, stützte sie sich ja auf die
Erfahrungen, die ihre Mutter gemacht hatte. Beim Schreiben des Drehbuchs habe ich mich
immer mehr für das Thema interessiert, habe Menschen aus meinem Umfeld dazu befragt,
ein paar Bücher zum Thema gelesen…
Die Clubmitglieder sind witzige Figuren, aber Sie schildern sie ohne jede Ironie…
Ich mag sie, es gab also keinen Grund, mich über sie lustig zu machen. Ich wollte, dass sie
eine Art Clique bilden. Vielleicht handelt es sich bloß um eine Utopie des Kinos, dass sich so
etwas wie Solidarität und Brüderlichkeit erreichen lässt, wenn man nichts verdrängt und die
Dinge akzeptiert, wie sie sind, dass man dann zu einer Sprache findet, die nicht nur die
üblichen Klischees benutzt. Aber Carolines Freundinnen sind echt sehr bodenständig. Sie
belügen sich nicht, gestehen sich ein, dass sie keinen Sex mehr haben, machen Inventur:
das erste weiße Haar, dass erste Mal, dass jemand „Madame“ zu ihnen sagt, und so weiter.
Caroline hingegen hat quasi mit Scheuklappen gelebt. Das macht es so spannend, sie mit
diesen Menschen zu konfrontieren. Bislang hat sie ihr Umfeld nicht gerade mit offenen
Augen betrachtet.
Gleich in der Anfangsszene mit dem Schauspiellehrer ist eigentlich schon alles gesagt…
Caroline hat etwas Rebellisches an sich, aber sie ist nie ins kalte Wasser gesprungen, trug
30 Jahre lang eine Maske – buchstäblich sogar, nämlich eine Arztmaske. Ich glaube nicht,
dass sie sich vor der Geschichte mit Julien viele spontane Dinge geleistet hat. Deshalb
platziere ich sie am Anfang auf einer Theaterbühne, zeige ihren Stolz und wie sehr sie sich
davor fürchtet, vom Podest gestoßen zu werden. Und dann fallen die Masken…
Am Ende trennen sich Caroline und Julien zwar, aber es hat nichts mit ihrem
Altersunterschied zu tun, sondern ist eine Art Liebesbezeugung…
Ja, denn Caroline hängt an ihrem Mann. Sie möchte nicht, dass er ihretwegen leidet. Das
bestimmt ihr ganzes Handeln. Er stellt ihr zwar kein Ultimatum, aber irgendwann muss sie
sich halt entscheiden.
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Und die Trennungsszene am Flughafen?
Ich liebe solche Filmszenen. Man weiß sofort, es bleiben nur noch wenige Sekunden, bis das
Wörtchen „Ende“ erscheint. Wie filmt man diese letzten Sekunden? Mit oder ohne Geigen im
Hintergrund? Wie und in welchem Tonfall werden sie sich die Schlussworte sagen? Wie sehr
werden ihre Stimmen zittern? Die Geschichte der beiden musste enden, ohne dass
notwendigerweise etwas zerbricht – und trotzdem musste es ihnen nahe gehen. Für Caroline
ist es doch schrecklich, sich sagen zu müssen, dass sie nie wieder mit Julien schlafen und
nie mehr seine jugendliche Haut berühren wird. Caroline verzichtet auf etwas sehr Schönes
und Wertvolles.
In der Flughafenszene bringen Sie drei Frauen – und somit drei Altersstufen – zusammen…
Ich hatte Angst, dass das Ganze ein bisschen quotenmäßig wirkt, dass ich zu dick auftrage,
wenn ich die 80-Jährige zu Caroline sagen lasse, dass mit 60 das Leben erst beginnt. Ich
wollte dieser Lebensphase ja nicht zu viel Bedeutung beimessen. Aber dass ich keine
Schauspielerin, sondern Marceline Loridan gewählt habe, um die alte Dame zu spielen, war
für mich sehr hilfreich. Zu wissen, dass sie ein unglaublich tolles Leben geführt hat – auch
wenn der Zuschauer davon nichts weiß –, fand ich sehr inspirierend.
Sie fällen kein Urteil über die verschiedenen Altersstufen, sondern stellen einfach fest: So ist
das Leben…
Ja. Denn wer 60 ist, war auch mal 59, 32, 15 und drei Jahre alt. Diese Altersstufen erleben
wir alle, sie machen uns zu dem, was wir sind. Wenn man als junger Mensch ein Clown war,
wird man das auch noch im Alter sein. Wer gerne Jeans trug, wird nicht plötzlich
ausschließlich gerade Röcke tragen. Denn mit 60 ist man nicht automatisch alt. Was das
angeht, haben mich meine Schauspieler unglaublich inspiriert. Wenn sie morgens ans Set
kamen, habe ich keine „Alten“ erlebt, sondern in erster Linie Menschen.
Wier war es, in Dunkerque zu drehen?
Ich kehre immer wieder in diese Gegend zurück, denn sie unglaublich fotogen. Ich wollte
nicht, dass die Figuren in einer gutbürgerlichen Stadt leben, die man sofort erkennt; es sollte
letztlich ein wenig überall in Europa spielen können. Abgesehen vom französischen Wein,
der im Film eine große Rolle spielt, hat das Ganze ein bisschen was von einem No Man’s
Land. Wenn ich einen Film vorbereite, sind es vor allem die Schauplätze, die mich
inspirieren. Diese langen Molen, die in die Nordsee ragen – ich kann nicht anders und muss
sie immer wieder filmen…
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… und Caroline geht dort geradezu zwanghaft spazieren.
Ja, auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte mit Julien sieht sie ihre eigene Stadt auf einmal mit
anderen Augen, und sie gibt sich ihr auf diesen langen Spaziergängen regelrecht hin. Sie ist
so froh darüber, dass man sie wieder beachtet, dass
auch sie plötzlich wieder
aufmerksamer wird und alles um sich herum aufsaugt. Sie läuft am Strand entlang, geht mit
den Füßen ins Wasser, lächelt jungen Menschen zu, ohne jede Wehmut oder Bitterkeit…
Was ist mit der Szene auf der Bank, in der sie ihren Töchtern gesteht, dass sie einen
Liebhaber hat?
Dabei handelt es sich um eine kleine bittere Pille. Man ahnt, dass Caroline keine perfekte
Mutter war. Sie hat ihren Job erledigt, aber man spürt, dass sie dabei nicht gerade vor
Zärtlichkeit übergeflossen ist. Ja, sie nimmt sich für kurze Zeit das Recht heraus, nur an sich
selbst zu denken – und sie steht dazu. Aber ist das nicht im Grunde der schönste
Liebesbeweis, wenn eine Mutter ihren Kindern ein Gefühl für Freiheit vermittelt?
Als Caroline und Julien im Auto den Song „Les mots bleus“ von Christophe hören, ist er
derjenige, der ihn kennt, nicht sie. Man hätte eher das Gegenteil erwartet…
Ich wollte nicht, dass sie nostalgisch ist, sondern er. Auch deshalb musste Fanny Ardant
unbedingt diese Rolle spielen: Man spürt, dass sie das Leben liebt. Eine nostalgische
Veranlagung hat nichts mit dem Alter zu tun – ich war es bereits mit 20! „Les mots bleus“ ist
schon in meinem Film „Rien à faire“ zu hören. Christophe weiß, dass ich bei jedem neuen
Film eins seiner Lieder verwende – das ist mittlerweile zu einer Art Running Gag geworden.
Wir nennen uns gegenseitig „mein Fan“.
Erklären Sie bitte die letzte Szene, wenn alle nackt – oder fast nackt – ins Meer rennen…
Sie hat für mich eine große Bedeutung. Ich musste richtig dafür kämpfen, dass es sie
überhaupt gibt. Für mich handelt es sich um eine Art politisches und ästhetisches Manifest.
Ich wollte ein Tabu brechen, indem ich ganz unterschiedliche Körper zeige – unterschiedlich
alt, unterschiedlich gebaut, von dick bis dünn, und unterschiedlich behaart. Täglich werden
wir mit unzähligen Nacktbildern bombardiert, aber die Gelegenheit, Körper in all ihrer Vielfalt
zu erleben, ganz normale, lebendige Körper, die haben wir nicht. Meine Schauspieler haben
mir wirklich einen Riesengefallen getan. Das Wasser war kalt, Jean-François Stévenin
praktisch nackt. Aber sie haben sich getraut, und das hat mich sehr berührt.
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INTERVIEW MIT FANNY ARDANT
Caroline
Was gefiel Ihnen am Drehbuch zu DIE SCHÖNEN TAGE?
Schwer zu sagen, warum man eine bestimmte Rolle spielen will oder nicht. Wenn ich ein
Drehbuch lese, zerpflücke ich es nicht. Ich bin eher wie ein Hund im Wald, der eine Fährte
aufnimmt und sich sagt: „Das will ich!“ Caroline war mir sofort sympathisch. Das gilt übrigens
auch für Marion, als sie mir die Rolle beschrieb. Ich wollte diese Caroline unbedingt spielen,
mich in sie verwandeln, mir ihre Charaktereigenschaften, die ich noch nicht kannte,
aneignen. Ich bin stets zu allen Schandtaten bereit und mache mir ungern schon im Vorfeld
ein genaues Bild davon, wie die Rolle auszusehen hat.
Caroline ist um die 60 und geht gerade in Rente, als sie sich in einen jungen Mann verliebt –
aber eigentlich hätte ihr das auch zu jedem anderen Zeitpunkt passieren können…
Stimmt. Als ich überlegte, wie das Leben dieser Frau verlaufen sein könnte, bevor sie Julien
traf, sagte ich mir, dass sie in ihrer Art vermutlich schon immer sehr unbeugsam und
entschlossen war, und dass sie nicht unbedingt immer dem entsprach, was ihr Umfeld in
einem bestimmten Alter von ihr erwartete. Sie nimmt die Dinge, wie sie kommen. Sie hat
nichts von einem Schaf, das resigniert zur Schlachtbank geht. Sie freut sich am Leben, isst
und trinkt gern. Für sie ist das Leben wie ein Regenwald, in dem plötzlich eine Liane vor
einem herabhängt und man sie dann ergreift oder auch nicht. Caroline ist mutig, sie hat
keine Angst, sich auf die Geschichte mit diesem deutlich jüngeren Mann einzulassen –
obwohl sie damit riskiert, gleich in mehrfacher Hinsicht gedemütigt zu werden.
Caroline rennt ihrer verlorenen Jugend nicht hinterher, als sie sich mit Julien einlässt, sie
kostet einfach nur den Augenblick aus…
Ja, sie erinnert mich ein wenig an einen Boxer. Sie steigt in den Ring der Liebe und der
Leidenschaft, und sie ist intelligent genug, um nicht besitzergreifend zu werden oder zu
glauben, dass sich ihr Leben jetzt mit einem Schlag ändern wird. Sie will sich auch nicht für
irgendwas rächen. In meinen Augen ist Caroline eine recht ausgeglichene Frau, die ihren
Mann und ihre Familie liebt – ungeachtet all der Dinge, die eine lange Ehe, Kinder und Enkel
mit sich bringen. Doch dann hört sie auf zu arbeiten, was sie nach all den Jahren, in denen
ihre Tage strukturiert und prall gefüllt waren, ein wenig umherirren lässt…
Sie und Patrick Chaesnais spielen ein Paar, das trotz der Umstände zusammenbleibt…
Ich bewundere diesen Mann. Er kennt seine Frau in- und auswendig, und es verbindet sie
immer noch eine große Intimität. Ich mag die Szene, in der sie ihn anruft, weil sie nicht mehr
in ihr Hotelzimmer zurückkehren kann, und er zu ihr fährt. Er strahlt etwas Solides aus und
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wirkt gleichzeitig sehr frei. Er ist keiner dieser verklemmten kleinen Großbürger. Ich könnte
mir vorstellen, dass Caroline schon vor dieser Affäre öfter mal vom Weg abgekommen ist.
Bei ihm bin ich mir da nicht so sicher, denn der Fokus liegt ja nicht auf ihm. Wie auch immer,
ihre Beziehung hält seit einer halben Ewigkeit, vermutlich auch deshalb, weil sie sich prima
ergänzen. Philippe ist es ganz recht, dass Caroline kein Heimchen am Herd ist. Als sie
sturzbetrunken mit den Pizzas zum Abendessen kommt, motzt er zwar ein wenig rum, aber
es ist auch nicht weiter schlimm, denn es gibt ja wenigstens guten Wein. Außerdem ist
Philippe ein wunderbarer Vater und Großvater.
Beide sind von Beruf Zahnarzt und finanziell geht es ihnen offenbar richtig gut. Trotzdem
vermeidet der Film die üblichen Wohlhabende-Leute-Klischees…
Ich finde es schrecklich, wenn Menschen über die Gesellschaftsschicht definiert werden, der
sie angehören. Das ist beschränkt und demütigend, egal um welche Klasse es sich handelt.
Ich mag es nicht, wenn man in Schubladen, Karikaturen und Klischees denkt. Ein
menschliches Wesen ist ein menschliches Wesen – es gibt so viele unterschiedliche
Lebensläufe von Zahnärztinnen, wie es Zahnärztinnen gibt. Was mir an dieser Geschichte
gefiel, war die Freiheit, die sie atmet. Hier werden keine Lektionen erteilt, man verfolgt
lediglich den Weg einer bestimmten Frau. Die Gesellschaftsschicht, der man angehört,
bestimmt natürlich, wie viel Geld einem zur Verfügung steht. Dieses Paar hat viel gearbeitet
und sich ein schönes Haus kaufen können, aber es ist auch kein Palast, und seine Kinder
wurden ganz normal erzogen.
Und noch ein Klischee wurde vermieden: das der älteren Frau, die auf junge Männer steht.
Und umgekehrt…
Ich habe nie begriffen, was ein „Cougar“ sein soll. Es handelt sich doch um ein englisches
Wort, das Panther bedeutet, oder? Nein, was dieser Ausdruck impliziert – „kleine sexy Frau
mit Macht“ – mag ich nicht. Das ist doch dämlich! Caroline hat überhaupt nichts mit diesen
Frauen gemeinsam. Die Szene, in der Juliens junge Geliebte auftaucht, illustriert das
beispielhaft. Caroline leidet mit Sicherheit darunter, aber dank ihrer Intelligenz und
Schlagfertigkeit verwandelt sie ihren Schmerz in etwas Amüsantes. Sie ist diesem jungen
Mann begegnet, der ihr Sohn sein könnte, aber die ganze Sache hat nichts Inzestuöses,
denn Julien ist ja nicht auf der Suche nach einer Mutter. Wie gut, dass Laurent Lafitte so
groß ist, dadurch hat es nicht den Anschein, als würde ich ihn beschützen.
Wenn Philippe zu Caroline sagt, dass er nicht vorhat, sie zurückzuerobern, meint er das Ihrer
Meinung nach ernst, oder handelt es sich gerade um seine spezielle Taktik, um sie erneut zu
verführen?
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Nein, dieses Nicht-erobern-Wollen ist typisch für Philippe. Er wird auf keinen Fall den
Jüngling geben, der mit einer Blume in der Hand auf die Knie fällt! Er wird sich auch nicht in
endlosen Erklärungen, Forderungen oder Vorwürfen verlieren. Philippe nimmt die Dinge, wie
sie kommen, darin ist er sehr großzügig. Am Ende des Films, wenn sie per Autostopp auf der
mit Sand gefüllten Ladefläche eines Lastwagens mitfahren, fühlt sie sich an seiner Seite so
wohl, dass sie begreift, dass er der zentrale Pfeiler ihres Lebens ist. Dass er sie gar nicht
zurückerobern muss, ist unübersehbar. Ungeachtet des Alters und ihrer Affäre mit Julien, hat
es fast schon etwas Metaphorisches, dass sie zu Fuß in ihr altes Leben zurückkehren.
Manchmal muss man ein paar Irrfahrten unternehmen, um zu begreifen, wie wichtig der
Platz ist, den jemand in unserem Leben einnimmt.
Können Sie uns etwas zu der Begegnung mit der alten Dame am Flughafen sagen?
Ja, diese unglaublich vitale kleine alte Dame bringt Caroline bei, ihren Kummer loszulassen.
Als würde sie zu ihr sagen: „Auf geht’s!“ Der letzte Satz in ‘Endstation Sehnsucht‘ hat schon
recht: „Es waren stets Unbekannte, denen ich vertraut habe.“ Ähnliches findet sich auch in
russischen Romanen: ein Unbekannter im Zug oder in einer Kneipe, der etwas zu einem
sagt, das einen unglaublichen Widerhall auslöst. Als Caroline zum wiederholten Mal
mitansehen muss, wie Julien eine junge Frau anmacht, sagt sie sich: „Vielleicht sollte ich
gehen, bevor es mittelmäßig wird.“ Ehebruch verträgt kein Mittelmaß. Wenn man die Zelte
hinter sich abbrennt, muss es lodern. Und wenn’s erbärmlich wird, muss man eben gehen.
In dieser Szene ist er es, der einen alten Song von Christophe kennt, nicht sie…
Ja, denn Julien ist der Nostalgiker, nicht Caroline – auch wenn es vom Klischee her genau
anders herum sein müsste. Für mich bedeutet Älterwerden allerdings, dass man offener
durchs Leben geht, toleranter ist und gewandter, weil man sich doch auf seine ganzen
Erfahrungen stützt.
Ehemann und Liebhaber sind zwar sehr verschieden, aber der Film spielt sie nicht
gegeneinander aus – Im Grunde sind beide gar nicht so übel.
Ich finde es verlogen, alte Knacker oder alte Omas mit Nudelholz zu zeigen – und sie mit
echten Prachtexemplaren von Liebhaber oder Geliebter zu konfrontieren. Natürlich kommt so
was im richtigen Leben vor, genau aus dem Grund lassen sich ja so viele Menschen
scheiden oder trennen sich. Aber es ist häufig viel komplizierter, und man wird hin und her
gerissen. In „Madame de…“ sind Ehemann und Liebhaber gleichermaßen attraktiv. Das
Gleiche gilt für „Die Frau nebenan“: Gérard Depardieu war darin mit einer entzückenden
Frau verheiratet, und mein Ehemann war ebenfalls sehr charmant.
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Caroline sträubt sich gegen den Seniorenclub, in dem ihre Töchter sie einschreiben…
Ja, dieser Club namens „Die schönen Tage“ steht für alles, was sie verabscheut. Sie mag
Menschen, aber sie hasst Gruppen. Als sie zum ersten Mal hingeht und eine junge Frau ein
Passfoto von ihr verlangt, fühlt sie sich sofort bevormundet. Und im Yoga-Kurs macht sie erst
einmal spöttische Bemerkungen. Aber ich mag Carolines Unverfrorenheit. Ich finde es
wichtig, eine gewisse Distanz zu wahren und sich nicht gleich vereinnahmen zu lassen. Die
Figuren, die den Seniorenclub bevölkern, mag ich sehr. Sie zeichnen sich durch eine
Leichtigkeit aus, die man auch in italienischen Komödien findet, in denen häufig sehr harte
Dinge verhandelt werden, das aber stets mit einem Lächeln. Ich habe mich wahnsinnig
gefreut, mal wieder mit Jean-François Stévenin zu drehen. Fanny Cottençon kannte ich auch
schon, denn wir spielten beide in Liria Begejas „Change-moi ma vie“. Aber Catherine
Lachens und Marie Rivière kannte ich noch nicht. Die Lebensläufe, die uns hier
zusammengeführt haben, sind völlig unterschiedlich, aber wir sind alle Teil der
Kinogeschichte…
Wie war es, mit Laurent Lafitte zu arbeiten?
Er ist ein sehr witziger, intelligenter und eleganter Mensch. Ich mag es, wie sich in seiner
Persönlichkeit dieser große Schauspieler von der Comédie Française mit einem leicht
verruchten Typen vermischt, der vor nichts Angst hat. Laurent ist ausgesprochen großzügig.
Er hört einem zu und verarbeitet die Dinge da oben ungeheuer schnell! Ich finde Männer, die
mich zum Lachen bringen und auf freundliche Weise zum Spötteln neigen, schon immer sehr
anziehend. Als wir die Liebesszenen drehten, fühlte ich mich wohl und beschützt. Beim Film
kann es einem ja passieren, dass man ganz schnell mit einem Mann intim werden muss, den
man zwei Wochen vorher noch gar nicht kannte. Rein in den Fahrstuhl und ab geht die Post,
ohne das übliche Vorgeplänkel beim Kennenlernen, man muss sofort authentisch sein. Aber
es machte mir viel Spaß mit Laurent und Patrick Chesnais. Mit Patrick hatte ich ebenfalls
noch nie vor der Kamera gestanden, aber ich habe ihn häufig am Theater gesehen. Ich mag
die Gelassenheit, mit der er elegant seine Verletzungen kaschiert. Patrick ist äußerst
geheimnisvoll.
Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?
Wir drehten im Sommer, es war schönes Wetter, und wir fühlten uns alle wie im Urlaub. Ich
freute mich jeden Morgen darauf, die anderen wiederzusehen. Wir waren eine kleine Truppe,
der Drehplan war sehr straff, und deshalb mussten wir schnell arbeiten. Aber das war kein
Problem, denn Marion ist ein sehr energischer und fröhlicher Mensch. Wenn die Mittel
beschränkt sind, schweißt das die Menschen zusammen und zwingt sie, kreativ zu sein. Wir
drehten in Dunkerque, in Calais und am Cap Blanc-Nez, einer Ecke, die ich noch nicht
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kannte und die mich an Cornwall erinnert. An klaren Tagen kann man die Küste Englands
sehen, es ist wunderschön. Marion dreht all ihre Filme dort. Der Norden ist so vital, die
Menschen sind großzügig und offen, das Licht magisch.
Man sieht Sie zum ersten Mal als Blondine, stimmt’s?
Als ich Marion kennenlernte, hatte sie blonde Haare mit schwarzem Ansatz. Ich wollte ihr
unbedingt ähnlich sehen. Wir haben es auch mit weißen Haaren versucht. Aber dieses Weiß,
dass an die Models erinnert, die Helmut Newton früher fotografierte, wirkte viel zu edel. Für
eine Brünette wie mich ist es nicht leicht, sich in eine Blondine zu verwandeln. Ich habe viele
Stunden beim Friseur zugebracht, um die dunkle Farbe rauszubekommen!
Und Sie zeigen sich zum ersten Mal auf der Leinwand in Jeans…
Als Marion mich darum bat, sagte ich zu ihr: „Aber ich passe doch niemals in ein Paar
Jeans!“ Ich weiß nicht, warum ich davon überzeugt war, ich dachte wahrscheinlich, dass es
nicht bequem wäre und ich darin aussehen würde wie ein Karabiner. Jedenfalls glaubte ich
felsenfest, dass Jeans nichts für mich sind. Aber ich habe es trotzdem gewagt. Und ich habe
sogar ein Paar behalten, wie eine Trophäe! Das Äußere einer Figur festzulegen, indem man
sich dafür entscheidet, welche Kleidung und Frisur sie tragen soll, ist sehr wichtig. Je
nachdem, ob man ein Korsett oder Jeans trägt, bewegt sich der Körper ganz anders und
sendet unterschiedliche Signale aus. Aber solche Signale sind sehr wichtig, denn der
Zuschauer nimmt sie unbewusst wahr – die Sprache kommt erst hinterher. Was die Schuhe
betrifft: Mir war aufgefallen, dass Marion Stiefeletten zu ihren Jeans trug, und ich fragte sie:
„Wie wäre es eigentlich mit Ihren Stiefeletten?“ Sie dachte, sie würden mir nicht passen.
Aber obwohl Marion ziemlich klein ist, trägt sie eine größere Schuhgröße als ich, und jetzt
sind es tatsächlich ihre Stiefeletten, die ich während des gesamten Films anhabe!
Haben Sie gezögert, eine Rentnerin zu spielen?
Nein, ich hätte auch kein Problem damit, eine Urgroßmutter zu spielen! Das einzige, was ich
nicht spielen möchte, sind Klischees, Rollen, die keine Grauzonen haben. Man muss mich
nicht mögen, aber ich muss das mögen, was ich spiele. In unserer heutigen Gesellschaft
sind wir alle auf das Alter fixiert, aber um was es im Leben wirklich geht, ist der Tod. Das
Alter ist nur eine Phase, die zwangsläufig und unvermeidbar ist. Die Frage, auf die es
ankommt, ist, ob man sich entscheidet, das Alter mit Leib und Seele zu leben. Oder ob man
sich passiv verhält und zulässt, dass die Wellen über einem zusammenschlagen. In der
letzten Einstellung sieht man dann ja auch, wie Caroline ins Wasser geht… Alea iacta est –
es bringt nichts, in die Zukunft blicken zu wollen oder sich einzubilden, dass man genau
weiß, was passieren wird…
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INTERVIEW MIT LAURENT LAFITTE
Julien
Was empfanden Sie nach Lektüre des Drehbuchs zu DIE SCHÖNEN TAGE?
Ich musste an meine Mutter denken, die vor kurzem in Rente gegangen ist. Meine Empathie
wurde dadurch größer, denn obwohl sie mir von ihren Ängsten erzählt hatte, konnte ich sie
nicht unbedingt nachvollziehen. Nicht mehr zu arbeiten, krempelt das Leben völlig um. Man
muss sich in diesem neuen Leben einen Platz suchen und herausfinden, wozu man
eigentlich noch zu gebrauchen ist. Ich bin 39, deshalb kommt mir das alles noch ein wenig
abstrakt vor, obwohl es ja auch bei mir nicht mehr so lange dauern wird… Ich mochte das
Drehbuch aber auch, weil es nicht bloß die Geschichte einer Frau erzählt, die in Rente geht.
Im fertigen Film wird das noch deutlicher: In erster Linie handelt es sich ja um eine
Liebesgeschichte. Eine, die viele Fragen stellt, etwa wie man es anstellt, die Hände nicht in
den Schoß zu legen, weiter zu lieben und aktiv zu bleiben? Oder wie man damit umgeht,
dass das Verlangen nachlässt? Oder wie man erkennt, ob das, was man sich über die Jahre
erarbeitet hat, nicht wertvoller ist als eine neue Leidenschaft, die man spontan auslebt? Und:
Wie findet man die Balance zwischen den beiden Extremen, mit denen man ja ein Leben
lang irgendwie zu kämpfen hat: Verstand und Leidenschaft?
Ungeachtet ihrer Liebe zu Julien ist Caroline sehr hellsichtig…
Das schon, aber trotzdem setzt sie die 30-jährige Beziehung mit ihrem Ehemann aufs Spiel,
indem sie sich auf einen Kerl einlässt, der so alt ist wie ihre Töchter. Caroline setzt voll auf
Risiko. Eigentlich ist sie ja ganz zufrieden mit ihrem Mann, aber Julien weckt ihr sexuelles
Verlangen – da fragt sich doch, ob die einzige Basis für ihre Beziehung zu Julien nicht das
Verlangen ist. Irgendwann trennt sich Caroline von ihrem Mann und geht mit Julien auf
Reisen. Das ist ein echter Schnitt, aber man spürt auch ihre Zerrissenheit: Da ist auf der
einen Seite das, was sie sich in all den Jahren erarbeitet hat, und auf der anderen Seite der
Drang, ihrer Leidenschaft nachzugeben.
Und dann hat sie ja auch gerade ihre beste Freundin verloren…
Ja, ihr wird bewusst, dass das Leben endlich ist, und zwar auf ganz konkrete Weise –
plötzlich ist das nicht mehr nur irgendein Märchen. Sie steht an einem Wendepunkt in ihrem
Leben, man merkt, wie schwer es ihr fällt, sich nicht komplett zu verkriechen. Der Film
handelt auch davon, wie man sich über die Jahre hinweg seine Neugierde bewahrt. Am
Anfang muss sich Caroline zwingen, den Seniorenclub zu besuchen, selbst nachdem sie
Julien kennengelernt hat… Als junger Mensch saugt man ja alles in sich auf, doch mit
zunehmendem Alter – und das merke ich schon mit meinen 39 Jahren – verschleißt sich der
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offene Geist, vielleicht weil man irgendwann das Gefühl hat, dass die Lehrjahre endgültig
vorbei sind. Und dann ruht man sich auf seinen Erfahrungen aus.
Julien wird sich bewusst, dass er immer nur eine kurze Auszeit im Leben der anderen ist, wie
er Caroline anvertraut…
Ja, obwohl beide an sehr unterschiedlichen Punkten in ihrem Leben angelangt sind, ist es für
beide Zeit, so etwas wie Bilanz zu ziehen. Er wird bald 40, hat keine Kinder, aber dafür ein
sehr reges Sexualleben. Richtig glücklich ist er trotzdem nicht. Er ist jemand, der vor allem
konsumiert und in seiner eigenen kleinen Welt lebt. Doch plötzlich bekommt er es mit einer
Frau zu tun, die Familie hat. Vielleicht wünscht er sich ja unbewusst ein wenig von dem, was
sie sich aufgebaut hat. Caroline ihrerseits beneidet Julien möglicherweise um seine
Unabhängigkeit, die für sie gleichbedeutend ist mit Freiheit. Sie sind beide in der Lage, ihr
Leben aus der Distanz zu betrachten und darüber zu reden. Figuren, denen es gelingt, sich
selbst zu beschreiben und einzuordnen, ohne dabei geschwätzig zu werden, sind im Film
selten. Auch daran merkt man, wie gut unser Drehbuch geschrieben ist.
Caroline und Julien gefallen sich sehr, aber sie spielen kein Spiel gegenseitiger Verführung
miteinander…
Stimmt, und das war mir auch sehr wichtig, dass es sofort zwischen ihnen funkt. Das
Drehbuch hätte mir vermutlich nicht gefallen, wenn sie sich gegenseitig umgarnt und
miteinander kokettiert hätten. Sie finden Gefallen am anderen – und gehen sofort in die
Vollen. Wenn sie miteinander reden, dann nicht um sich zu verführen; es gibt keine Szenen,
in denen sie sich anmachen, und bei ihrem ersten Kuss auf der Mole wird kein Wort
gewechselt. Und als er sie wegen seines Zahns aufsucht, hat das nichts mit Aufreißertaktik
zu tun, sondern weil er wirklich Zahnschmerzen hat. Caroline und Julien, das sind zwei
einsame Menschen, die sich begegnen, zwei, die gerade verfügbar sind… Ich mag den Film,
weil er dem Zuschauer Zeit lässt sich darin zurechtzufinden, die Schauplätze zu erspüren,
die Nordsee, die gar nicht so trist ist, wie man vermuten könnte – melancholisch ja, aber auf
einnehmende Weise. Die Atmosphäre des Films hat es mir wirklich angetan!
Julien ist sexsüchtig. Wie wichtig war Ihnen dieser Charakterzug?
Er definiert meine Filmfigur nicht, aber er macht sie komplexer. Julien ist nicht irgendein Typ
um die 40, der eine Frau rumkriegt, sondern einer, der viele Probleme hat, die schließlich mit
denen von Caroline verschmelzen. Dass er was mit anderen Frauen hat, weiß sie, und sie
akzeptiert es. Vielleicht pfeift sie ja deshalb auf das übliche Paar-Schema, an das sie
gewöhnt ist. Julien hat nicht nur seinen Platz im Leben noch nicht gefunden, er ist außerdem
noch sexsüchtig. Ich finde die Idee hübsch, dass sie im Internet nach der Definition von
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Sexsucht googelt und ihn dann informiert. Dass sie es ist, die ihn mit seiner Abhängigkeit
konfrontiert, finde ich wichtig. Wir leben zwar in einer Zeit, die von zwanghaftem Verhalten
geprägt ist, aber es wird kaum darüber geredet…
Der Ehemann und der Liebhaber begegnen sich ein einziges Mal, und das nur kurz, in der
Zahnarztpraxis…
Der Film ist ja auch nicht als Boulevardkomödie konzipiert. Obwohl es sich um eine
klassische Konstellation handelt – der Ehemann, die Ehefrau, der Liebhaber –, wird sie auf
ganz besondere Weise erzählt. Ich finde es gut, dass es keine Auseinandersetzung
zwischen Liebhaber und Ehemann gibt, und dass letzterer begreift, dass seine Frau einen
Liebhaber hat, ohne dass sie darüber reden müssen. Noch einmal, ich finde es großartig,
wie das Drehbuch all die Elemente ausbalanciert. Die Figuren nennen die Dinge beim
Namen, aber sie verlieren sich nicht in endlosen Erklärungen und Streitereien, nicht mal in
den Eheszenen zwischen Caroline und Philippe. Dadurch wirkt der Film in mancher Hinsicht
angelsächsisch zurückhaltend. Es hagelt keine Vorwürfe, es gibt nur die Liebe und einen
Befund, und beides sorgt dafür, dass die Figuren vorankommen.
Am Ende des Films kann man sich ausmalen, wie Carolines weiteres Leben verlaufen wird.
Bei Julien, den wir zuletzt am Flughafen sehen, weiß man das nicht so genau…
Ja, ich glaube, es geht ihm ziemlich dreckig. Caroline ist von der Stelle gekommen, sie hat
sich ihrem Mann wieder angenähert, sie steht vor einer Art Neubeginn. Letztlich hat die
Affäre mit Julien ihrer Beziehung einen neuen Schub gegeben. Julien hingegen ist ein
Wiederholungstäter und unfähig, das Muster zu durchbrechen, das sein Leben bestimmt.
Aber vielleicht hilft ihm diese Affäre, die zu all den anderen hinzukommt, sich eines Tages zu
ändern. Vielleicht aber auch nicht…
Kannten Sie Fanny Ardant schon?
Nicht persönlich, aber natürlich als Schauspielerin. Ich stellte sie mir irgendwie untypisch vor,
ja sogar ein bisschen verrückt. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich sogar ein bisschen
vor unserer Begegnung gefürchtet. Aber sie ist sehr, sehr lustig. Für mich ist das ein gutes
Barometer: Wenn jemand Humor hat, spielt es keine Rolle, wie seltsam oder eigentümlich er
ist – dann ist er authentisch. Fannys Persönlichkeit ist ja nichts Künstliches, das sie über die
Jahre erschaffen hat, sie ist von Natur aus so besonders. An die Liebesszenen ist sie
genauso methodisch herangegangen wie ich: Für uns waren das ganz normale Gesten, die
man probt und so oft wiederholt, bis sie einem nicht mehr schwerfallen. Unwohlsein
zwischen uns gab es nicht, sie war da total entspannt – was, wenn ich mir’s recht überlege,
für mich nicht besonders schmeichelhaft ist. Ich vermute mal, dass sie mich kein bisschen
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begehrenswert fand! (lacht) Fanny ist eine der großen Figuren des französischen Kinos, und
diese Rolle kommt zu einem wunderbaren Moment in ihrem Schauspielerleben. Denn sie
steht an einem Wendepunkt – nicht nur, was die Rollen betrifft, die man ihr anbietet, sondern
auch in Bezug auf ihre Schönheit und wie sich diese entwickelt.
Auch für Sie markiert diese Rolle eine Art Wendepunkt, jedenfalls ist sie etwas ganz
Neues…
Ja, bislang habe ich noch keinen so männlichen, standhaften, zuversichtlichen Charakter
gespielt. Julien ist sehr klar im Kopf. Andererseits ändert er nichts an seinem Status quo, und
das ist das eigentlich Überraschende. Er ist das Gegenteil von dem Typ, den ich in „Kleine
wahre Lügen“ gespielt habe; der hatte überhaupt kein Selbstvertrauen, war wankelmütig,
kämpfte aber trotzdem, um seine Freundin zurückzugewinnen. Julien weiß, dass sein Leben
nichts Besonderes ist, hat aber kein großes Bedürfnis, etwas daran zu ändern. Trotzdem: Er
ist direkt, vielleicht ein bisschen ruppig, aber jemand, der einem ins Auge blickt. Er spottet
gern, doch Ironie oder Zynismus sind ihm fremd. Ich habe aufgepasst, ihn stets ganz
unverstellt und aufrichtig zu spielen, auch in den Szenen, in denen sich die beiden
amüsieren. Es hätte nicht authentisch gewirkt, wenn sich Caroline mit einem Mann abgibt,
der nicht genauso komplex ist wie sie selbst. Da hätte man sich gefragt, was sie eigentlich
von ihm will.
Wie war die Zusammenarbeit mit Marion Vernoux?
Wir lagen auf einer Wellenlänge. Es herrschte totale Übereinstimmung, was die Ausrichtung
meiner Filmfigur anging, und sie rief mich immer wieder zur Ordnung, wenn ich ungewollt
aus der Spur geriet und ein wenig zu gewitzt oder zu schlau spielte. Mein Gesicht ist ja
ziemlich beweglich, aber ich glaube nicht, dass Julien jemand ist, der mit Hilfe seiner
Augenbrauen „spricht“. Marion arbeitet zügig, das liegt mir sehr. Sie ist extrem präzise und
weiß, was sie will. Trotzdem ist sie offen für Vorschläge. Sie pfeift auf Konventionen und ist
ein ziemlich pragmatischer Mensch, genau wie ich. Wir haben bestens miteinander
funktioniert!
Wie fanden Sie den fertigen Film?
DIE SCHÖNEN TAGE erzählt keine verlogene Geschichte, die uns zwei Stunden zum
Träumen bringt, um uns anschließend wieder in unsere Leben zu entlassen, die längst nicht
so schön sind. Im Gegenteil, es handelt sich um einen Film, der uns ohne zu lügen gut tut,
ein Film, der uns froh stimmt, dass wir unsere Leben leben. Und das ist etwas, das einen
guten französischen Film auszeichnet.
23
INTERVIEW MIT PATRICK CHESNAIS
Philippe
Was gefiel Ihnen an Marion Vernoux’ Projekt?
Wie bewegend die Geschichte war und dass sie einen, ohne restlos verstörend zu sein, doch
ein wenig durchrüttelt. Außerdem zeichnet sich meine Rolle, die des gehörnten Ehemanns,
durch eine große Würde aus. Da ist kein Platz für Gefühlsduselei und Sentimentalitäten.
Sie und Fanny Ardant spielen ein Zahnarzt-Ehepaar, vermeiden aber die üblichen Klischees
vom Großbürgertum…
Ja, die Gesellschaftsklassen werden differenziert gezeigt. Caroline und Philippe sind ja in
erster Linie Individuen mit sehr interessanten Persönlichkeiten – und dann erst Zahnärzte
und Großbürger. Sie haben Charme, sind originell, komplex. Auch das macht diesen Film so
reizvoll.
Am Anfang des Films hat man den Eindruck, dass die beiden ein Paar sind, dessen
Beziehung bestens funktioniert.
Ja, offensichtlich gab es viele Gründe, weshalb sie sich mal leidenschaftlich geliebt haben,
auch auf sexueller Ebene. Und im Grunde funktioniert ihre Beziehung immer noch gut, auch
wenn sie nicht mehr zwei Mal am Tag miteinander schlafen. Aber das kennt man ja: Bei
Paaren, die lange zusammen sind, schläft die Sexualität ein wenig ein. Trotzdem ist die
Liebe noch da. Ich glaube, der Zuschauer identifiziert sich mit den beiden, weil sie trotz der
Krise, die sie durchmachen, immer noch ein echtes Paar ist.
Der Film vermeidet auch das Klischee einer Liebe mit regressiven Tendenzen: Caroline
stürzt sich nicht in die Affäre mit Julien, weil sie die vage Hoffnung hat, ihre verlorene Jugend
zurückzugewinnen, sondern lebt ganz einfach den Moment…
Richtig, sie ist nicht auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Die Begegnung mit Julien hätte
ihr in jedem Alter passieren können. Aber weil sie genau in dem Moment geschieht, als
Caroline in Rente geht und sich ein großes Loch vor ihr auftut – immerhin ist sie jemand, der
sein Leben lang gearbeitet hat –, ist die Erschütterung umso größer. Sie weiß, dass sie nicht
mehr ganz jung ist, und sie weiß auch, welche Art von Ausgrenzung das mit sich bringt. Das
lässt sie vorsichtig werden. Ihre Wachsamkeit ist etwas sehr Schönes und macht eine der
Stärken des Films aus. Caroline weiß, dass Julien sie eines Tages wieder verlassen wird.
Deshalb will sie ihm ja ein paarmal zuvorkommen – ungeachtet des Verlangens, das sie für
ihn empfindet.
Es gibt Momente im Film, da fragt man sich, ob Philippe einfach nur bequem oder stolz ist –
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merkt er wirklich nicht, dass seine Frau einen Liebhaber hat, oder tut er nur so?
Die Frage habe ich mir auch gestellt, und ich habe sie Marion während der Dreharbeiten
mehr als einmal gestellt. Wann keimt in Philippe der erste Verdacht? Irgendjemand flüstert
ihm ja zu, dass seine Frau eine Affäre hat. Und dann findet er noch diese Joints im Auto, ihm
fällt auf, dass sie ihren Pullover verkehrt herum anzieht. Trotzdem wird nie ganz klar, was er
weiß, denn er benimmt sich nicht wie das typische Häufchen Elend.
„Ich werde auf keinen Fall versuchen, dich zurückzuerobern“, sagt er zu seiner Frau, als er
begreift, dass sie einen Liebhaber hat.
Ja, und das meint er auch so. Er hat wirklich nicht vor, sie noch einmal zu verführen, oder
Männchen zu machen. Er liebt sie, das steht fest. Und wenn sie zu ihm zurückkommen will,
wird er sie mit offenen Armen aufnehmen. Aber wenn sie sich dafür entscheidet zu gehen,
wird er nicht kämpfen, sondern loslassen. Er hat keine Lust auf ein Duell mit ihrem
Liebhaber, denn er fühlt sich wie ein angezählter Boxer. Er bleibt locker, humorvoll und wahrt
Distanz. Er hat sich ganz gut im Griff. Trotzdem leidet er, ganz klar, ist verwirrt, stellt sich
Fragen.
Am Ende des Films empfinden die beiden offensichtlich wieder Leidenschaft füreinander…
Ja, es scheint, als hätte diese Affäre ihrer Beziehung einen neuen Schub verpasst. Obwohl
es sich um ein älteres Paar handelt – sie ist bereits in Rente, er hört bald auf zu arbeiten –,
haben sie sich eine beinahe jugendliche Leichtigkeit bewahrt. Sie ist unglaublich sexy, und er
ist auch kein alter Knacker mit dickem Bauch. Sie sind nicht dieser typische Monsieur und
Madame, auch wenn sie weiße Haare haben und es im Rücken zwackt, wenn sie morgens
aufstehen. Da ist ein Neubeginn tatsächlich nicht ausgeschlossen. Aber der Film bleibt vage,
in erster Linie zeichnet er ja auch sehr das diskrete Porträt einer Frau, die nach irgendetwas
sucht – und es findet.
Fiel es Ihnen schwer, einen Mann kurz vor der Rente zu spielen?
Nein, die Palette der Rollen, die man mir anbietet, ist weiterhin sehr breit – das reicht von 50,
55 bis 75 Jahren! Ich bin kein junger Stier mehr, aber ich spiele immer noch Männer mit
regem Liebesleben, die was mit Frauen anfangen. Allerdings bin ich überzeugt, dass es für
Schauspielerinnen schwieriger ist; die werden gern in eine Schublade gesteckt, da spielt das
Alter eine größere Rolle. Das mag ungerecht sein, ist aber eine Tatsache. Deshalb haben
sie auch Angst, eine bestimmte Linie zu überschreiten, die Befürchtung, dass das Publikum
sie dann mit ihrem Alter identifiziert. Deshalb sind unser Film und die Darstellung von Fanny
Ardant so bemerkenswert. Sie befindet sich nämlich genau an dem Punkt, wo all diese
Fragen, dieser Zwiespalt, das Lebensalter Bedeutung bekommen…
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Philippe ist nicht besonders zartfühlend, als er zu ihr sagt: „Hast du dich mal angesehen?“
„Hast du dich mal angesehen? In deinem Alter…“ Stimmt, das hat nicht sehr viel Klasse. Tja,
aber in diesem Augenblick ist Philippe auch nicht besonders gut drauf. Zu erfahren, dass sie
mit einem anderen Mann schläft, ist schon heftig. Immerhin handelt es sich um die Frau, die
er liebt, die Mutter seiner Kinder, und noch leben sie ja zusammen. Ich finde es sehr schön,
wenn sie Philippe antwortet: „Nein, er ist es, der mich ansieht.“ Damit trifft sie ihn mitten ins
Herz.
Wie sind die Dreharbeiten verlaufen?
Am Set herrschte gegenseitiger Respekt, alle waren mit großem Ernst, aber auch viel Spaß
bei der Sache. Marion Vernoux will nicht nur ihre Aufnahmen in den Kasten kriegen, sie ist
eine echte Regisseurin, energisch, leidenschaftlich, verliebt. Ich habe schon mit vielen
Regisseuren gearbeitet und spüre, wenn sie etwas Besonderes haben, ihre eigene Welt,
eine spezielle Art, die Dinge zu sehen und zu filmen. Marion ist jemand, der unaufhaltsam
sucht. Wie jeder Künstler hat sie auch Zweifel, aber wenn sich in einer Aufnahme etwas
eingestellt hat, das sie brauchen kann, weiß sie das sofort. Und wenn ihr etwas nicht gefällt,
zögert sie keine Sekunde, um beispielsweise den Bildausschnitt zu ändern oder uns zu
sagen, dass wir schneller spielen sollen. Einen guten Film hat man irgendwann nicht mehr in
der Hand, er lebt dann sein eigenes Leben. Warum? Keiner weiß es. Aber Tatsache ist, dass
Regisseur für den Nährboden sorgen und den Startschuss geben muss…
Sie spielen zum ersten Mal mit Fanny Ardant…
Ja, und es hat mir viel Freude gemacht. Fanny ist eine fantastische Schauspieler und ein
angenehmer Mensch. Sie hat ein einnehmendes Wesen, man möchte viel Zeit mir ihr
verbringen, sie näher kennenlernen, mit ihr lachen. Sie ist klug und geistreich und strahlt
etwas Aristokratisches aus.
Der Film lebt auch von den Nebenfiguren, denen man im Seniorenclub „Die schönen Tage“
begegnet.
Ja, auch hier zeigte sich, was für eine tolle Regisseurin Marion Vernoux ist. Es ist nicht
leicht, Figuren wie den kleinen Glatzkopf, oder die depressive Frau zu inszenieren, die Yoga
oder Informatik lernen. Als ich diese Stellen im Drehbuch las, fand ich sie amüsant, aber es
bestand auch die Gefahr, dass sie pathetisch wirken. Oder irgendwie Angst machen. Aber
Marion arbeitet nicht mit dem Holzhammer, mit leichtem Strich hat sie diese Figuren schnell
umrissen, man weiß sofort, wer wer ist.
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Was haben Sie empfunden, als Sie den fertigen Film sahen?
Ich hatte nicht erwartet, dass er uns so toll gelingen würde. Das Drehbuch war schon sehr
gut, deshalb rechnete ich mit einem ordentlichen Film. Aber dass er vom ersten Moment an
so reizvoll sein würde, mit diesen Bildern von Meer und Vögeln, den Buchstaben des
Vorspanns, das konnte ich nicht ahnen. Das Drehbuch erzählt eine wunderbare Geschichte,
die bereits alles enthält, was der Film dann beschreibt. Aber Marion Vernoux hat sie sich mit
Haut und Haaren einverleibt und etwas ganz Besonderes daraus gemacht, ein sehr
persönliches, kunstvolles Objekt. Sie hat die Richtung eingehalten, die das Drehbuch
vorgab, aber gleichzeitig hat sie es sublimiert. Die Geschichte reißt einen mit, ihr Rhythmus
sorgt dafür, dass man sich nie langweilt, was wiederum bedeutet, dass man sich auch Zeit
nimmt, um die Figuren zu betrachten, wie sie innehalten und sich erklären. Und dann geht es
weiter. DIE SCHÖNEN TAGE ist ein Film, der atmet…
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MARION VERNOUX
Regie und Buch
Marion Vernoux wird am 29. Juni 1966 in der Nähe von Paris geboren. Ihre Mutter arbeitet
als Casterin, ihr Vater als Bühnenbildner. Ein Jahr vor dem Abitur geht Vernon von der
Schule ab und versucht sich beim Film. Mitte der 80er Jahre arbeitet sie als
Produktionsassistentin, hat als Co-Autorin des Songtextes von „N'importe quoi“, dem ersten
Hit des Sängers Florent Pagny, Erfolg und ist außerdem für den renommierten
Literaturverlag Flammarion tätig. 1990 wird ihr Drehbuch „Pacific Palisades“, dem sie ihre
Erlebnisse als Kellnerin in einer kalifornischen Bar zugrunde legt, mit Sophie Marceau
verfilmt. 1991 folgt der von ihr geschriebene Fernsehfilm „Wer rastet, der rostet“, bei dem sie
auch
Regie
führt,
und
1994
schließlich
ihr
erster
abendfüllender
Spielfilm:
Hauptdarstellerinnen des weiblichen Roadmovies „Überdreht und durchgeknallt“ sind die
Nouvelle-Vague-Heldinnen Bernadette Lafont und Bulle Ogier. Die Kritik zeigt sich
begeistert, ebenso wie zwei Jahre später von ihrem zweiten Film „Love, etc.“, der Verfilmung
eines Bestsellers des Briten Julian Barnes mit Charlotte Gainsbourg, Yvan Attal und Charles
Berling in den Hauptrollen. Rasch gilt Marion Vernoux als ausgesprochene FrauenRegisseurin: Valeria Bruni-Tedeschi spielt eine ihrer schönsten Rollen in „Liebe in Zeiten der
Arbeitslosigkeit“, der 1999 beim Festival in Venedig gezeigt wird. Karin Viard und Hélène
Fillières sind die Heldinnen von „Reines d'un jour“, der 2001 in die Kinos kommt. Und auch
Emmanuelle Béart schreibt sie für die Tragikomödie „À boire“ (2004) eine starke Rolle als
Alkoholikerin auf den Leib.
FILMOGRAFIE (Auswahl)
2013
DIE SCHÖNEN TAGE (Die Schönen Tage)
2004
À boire
2001
Reines d'un jour
1999
Liebe in Zeiten der Arbeitslosigkeit (Rien à faire)
1996
Love, etc.
1994
Überdreht und durchgeknallt (Personne ne m’aime)
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DIE SCHAUSPIELER
FANNY ARDANT
Caroline
FANNY ARDANT wird am 22. März 1949 in Saumur geboren. Als Tochter eines
Berufsoffiziers zieht sie in ihrer Kindheit und Jugend häufig um. An der Elite-Universität
Sciences Po in Paris studiert sie Internationale Beziehungen, entschließt sich aber
schließlich Schauspielerin zu werden, um ihrer Leidenschaft fürs Theater nachzugehen. Ab
1974 geht sie mit Stücken von Racine, Claudel und Montherlant auf Tournee, doch erst mit
der erfolgreichen TV-Serie „Les dames de la côte“ von Nina Companeez wird sie 1979 über
Nacht einem großen Publium bekannt. Endgültig zum Star macht sie Regielegende François
Truffaut mit zwei großartigen Filmen: DIE FRAU NEBENAN (La femme d’à coté, 1981) und
AUF LIEBE UND TOD (Vivement dimanche!, 1983). Kurz vor Truffauts Tod, mit dem sie drei
Jahre verheiratet war, bringt sie 1984 die gemeinsame Tochter Joséphine zur Welt. Fanny
Ardant arbeitet mit den größten Filmemachern ihrer Zeit, darunter Volker Schlöndorff, Alain
Resnais, Costa-Gavras, Ettore Scola und Michelle Deville, dreht in Spanien, Israel,
Großbritannien und Italien, wechselt zwischen kleinen Independent-Produktionen und
großen Publikumserfolgen. Und es gibt wohl keinen männlichen Filmstar, mit dem sie nicht
vor der Kamera gestanden hat: Gérard Depardieu (gleich fünf Mal), Jeremy Irons, JeanLouis Trintignant, Charles Berling, Richard Berry oder Vittorio Gassman. Zuletzt hat sie den
russischen Historienfilm RASPUTIN abgedreht, in dem sie an der Seite von Gérard
Depardieu die Zarin Alexandra spielt.
FILMOGRAFIE (Auswahl)
2013
DIE SCHÖNEN TAGE (Die Schönen Tage)
Regie: Marion Vernoux
2011
Rasputin – Hellseher der Zarin (Raspoutine)
Regie: Josée Dayan (TV)
2006
Paris, je t'aime (Paris, je t'aime)
Regie: Wes Craven, Walter Salles, Tom Tykwer u.a.
2003
Natalie – Wen liebst Du heute Nacht (Nathalie…)
Regie: Anne Fontaine
2002
Callas Forever
Regie: Franco Zeffirelli
2002
8 Frauen (8 Femmes)
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Regie: François Ozon
1999
Augustin, Kung-Fu-König (Augutsin, roi du Kung-fu)
Regie: Anne Fontaine
1998
Elizabeth (Elizabeth)
Regie: Shekhar Kapur
1996
Ridicule – Von der Lächerlichkeit des Scheins (Ridicule)
Regie: Patrice Leconte
1996
Auch Männer mögen's heiß (Pédale douce)
Regie: Gabriel Aghion
1995
Jenseits der Wolken (Al di là delle nuvole)
Regie: Michelangelo Antonioni, Wim Wenders
1988
Fürchten und lieben (Paura e amore)
Regie: Margarethe von Trotta
1987
Die Familie (La famiglia)
Regie: Ettore Scola
1984
Eine Liebe von Swann (Un amour de Swann)
Regie: Volker Schlöndorff
1983
Auf Liebe und Tod (Vivement dimanche!)
Regie: François Truffaut
1983
Das Leben ist ein Roman (La vie est un roman)
Regie: Alain Resnais
1981
Die Frau nebenan (La femme d'à coté)
Regie: François Truffaut
1981
Ein jeglicher wird seinen Lohn empfangen (Les uns et les autres)
Regie: Claude Lelouch
LAURENT LAFITTE
Julien
LAURENT LAFITTE, geboren am 22. August 1973 in Paris, nimmt wie viele namhafte
Kollegen Schauspielunterricht am berühmten Cours Florent und besucht anschließend das
Nationalkonservatorium. Nach bescheidenen Anfängen beim Fernsehen spielt er 1993 seine
erste durchgehende Nebenrolle in 35 Folgen der Serie „Classe Mannequin“. Im Kino sieht
man ihn erstmals 1997 unter der Regie von Nicolas Boukhrief in LE PLAISIR. Obwohl er
weiter am Theater und im Fernsehen auftritt, werden seine Kinorollen mit der Zeit immer
bedeutender – etwa in MEINE SCHÖNE SCHWIEGERMUTTER (Belle Maman, 1999) an der
Seite von Catherine Deneuve oder in DIE PURPURNEN FLÜSSE (Les rivières pourpees,
2000) mit Jean Reno.
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Seine Wandlungsfähigkeit stellt Lafitte in ernsten Filmen, etwa in Claude Millers HolocaustTragödie EIN
GEHEIMNIS (Un secret, 2007) ebenso unter Beweis wie in Komödien,
darunter in DIE VOLLCHAOTEN (Les gaous, 2003). Lafitte ist Mitglied der legendären
Comédie Française und regelmäßig in Stücken von Molière oder Alan Ayckbourn zu sehen,
doch es sind seine selbst geschriebenen One-Man-Shows, mit denen Laurent Lafitte als
Comedian in Paris und auf Tourneen durch Frankreich wahre Triumphe feiert. Zuletzt war er
neben Marion Cotillard im Millionenerfolg KLEINE WAHRE LÜGEN (Les petits mouchoirs,
2010) seines alten Freundes Guillaume Canet zu sehen, als Partner von „Ziemlich beste
Freunde“-Star Omar Sy in der Krimikomödie EIN MORDSTEAM (De l'autre côté du périph,
2012) und in Michel Gondrys außergewöhnlicher Literaturverfilmung DER SCHAUM DER
TAGE (L'écume des jours, 2013) mit Audrey Tautou und Romain Duris.
FILMOGRAFIE (Auswahl)
2013
DIE SCHÖNEN TAGE (Die Schönen Tage)
Regie: Marion Vernoux
2013
Der Schaum der Tage (L‘écume des jours)
Regie: Michel Gondry
2012
Ein MordsTeam (De l‘autre côté du périph)
Regie: David Charhon
2010
Kleine wahre Lügen (Les petits mouchoirs)
Regie: Guillaume Canet
2007
Ein Geheimnis (Un secret)
Regie: Claude Miller
2006
Kein Sterbenswort (Ne le dis à personne)
Regie: Guillaume Canet
2004
Die wunderbare Welt des Gustave Klopp (Narco)
Regie: Tristan Aurouet, Gilles Lellouche
2003
Die Vollidioten (Les gaous)
Regie: Igor Sekulic
2002
Bad, Bad Things („Bad, Bad Things“)
Regie: Guillaume Canet
2000
Die purpurnen Flüsse (Die purpurnen Flüsse)
Regie: Mathieu Kassovitz
1999
Meine schöne Schwiegermutter (Belle Maman)
Regie: Gabriel Aghion
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PATRICK CHESNAIS
Philippe
PATRICK CHESNAIS, der am 18. März 1947 in der Nähe von Paris zur Welt kommt, beginnt
mit 18 Jahren ein Studium am Schauspielkonservatorium. Die ersten zehn Jahre seiner
Karriere konzentriert er sich aufs Theater und debütiert erst 1976 in seinem ersten Spielfilm,
LES NAUFRAGÉS DE L'ÎLE DE LA TORTUE von Jacques Rozier. Mehr als 50 Filme hat
Chesnais bis heute gedreht, darunter als Partner von Miou-Miou in Michel Devilles DIE
VORLESERIN (La lectrice, 1988), eine Rolle, für die er 1989 mit einem César als bester
Nebendarsteller ausgezeichnet wird. In Komödien ebenso zu Hause wie in Dramen, arbeitet
Patrick Chesnais nicht nur mit etablierten Regisseuren wie Claude Lelouch zusammen,
sondern häufig auch mit Regiedebütanten. Seine vielleicht aufsehenerregendste Rolle spielt
er 2006 als ehemaliger französischer Staatspräsident Charles de Gaulle in der TVProduktion „Le grand Charles“.
FILMOGRAFIE (Auswahl)
2013
DIE SCHÖNEN TAGE (Die Schönen Tage)
Regie: Marion Vernoux
2009
Affären à la carte (Le code a changé)
Regie: Danièle Thompson
2007
Schmetterling und Taucherglocke (Le scaphandre et le papillon)
Regie: Julian Schnabel
2005
Man muss mich nicht lieben (Je ne suis pas là pour être aimé)
Regie: Stéphane Brizé
1999
Kennedy und ich (Kennedy et moi)
Regie: Sam Karmann
1994
Die kleinen Freuden des Lebens (Aux petits bonheurs)
Regie: Michel Deville
1990
So sind die Tage und der Mond (Il y a des jours… et des lunes)
Regie: Claude Lelouch
1988
Die Vorleserin (La lectrice)
Regie: Michel Deville
1981
Die Verweigerung (La provinciale)
Regie: Claude Goretta
1980
Cocktal Molotov
Regie: Diane Kurys
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