Die Genese des „Kreisauer Kreises“

Commentaren

Transcriptie

Die Genese des „Kreisauer Kreises“
Die Genese des „Kreisauer Kreises“
Von der Philosophisch-Historischen Fakultät der
Universität Stuttgart
zur Erlangung der Würde des Doktorgrades
der Philosophie (Dr. phil.) genehmigte Abhandlung
vorgelegt von
Klaus Philippi
Zweibrücken
Hauptberichter:
Prof. Dr. W. Pyta
Mitberichter:
Prof. Dr. K.-M. Mallmann
Tag der mündlichen Prüfung:
11. Januar 2012
Historisches Institut der Universität Stuttgart
2012
Entwurf eines propagandistischen Symbols für den
Kreisauer Kreis:
Mit dem Kreuz vereinter sozialistischer Ring als Zeichen der
Einigkeit aller aufbauwilligen Kräfte1
1
IfZ, ED 106-96, vorgeschlagen von Harro Siegel; siehe Brief an van Roon vom 06.11.1964, IfZ, ZS/A18, Bd. 7
Danksagung
Nach Abschluss der Arbeit möchte ich Herrn Prof. Dr. Wolfram Pyta, dem Leiter der
Abteilung Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart, danken, der diese Untersuchung mit großem Interesse begleitete und mir in zahlreichen Gesprächen wertvolle
Anregungen gab. Zu danken ist Herrn Prof. Dr. Klaus-Michael Mallman für die Erstellung des Zweitgutachtens.
Für vielfältige Hinweise und Auskünfte bin ich zu Dank verpflichtet Herrn Prof. Dr.
Günter Brakelmann, dem Editor und intimen Kenner der Kreisauer Texte, Herrn Prof.
Dr. Andreas Möckel für seine Informationen über die schlesischen Arbeitslager, Herrn
Prof. Dr. Hans Maier für die Hinweise zu den bayerischen Aktivitäten des Kreisauer
Kreises, Frau Adda Benita von Hofacker für Mitteilungen über ihren Vater Hans-Bernd
von Haeften, Dr. Florian Straus für die Einführung in die Netzwerktechnik und nicht
zuletzt Herrn lic. theol. Günter Saltin von der Alfred-Delp-Gesellschaft für seine Antworten auf zahlreiche theologische Fragen. Mein besonderer Dank gilt Frau Clarita von
Trott zu Solz für die Genehmigung, die im BA gelagerten Archivalien über Adam von
Trott zu Solz einzusehen, und Graf Helmuth Caspar von Moltke für seine stete Bereitschaft, Fragen zu beantworten und Anregungen zu geben.
In allen Archiven, die ich für meine Forschungen und Recherchen aufsuchte, erfuhr ich
aktive und freundliche Hilfe. Ich danke dafür den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des
Instituts für Zeitgeschichte München, des Bundesarchivs Koblenz mit seiner Außenstelle in Berlin, dem Berlin Document Center, des Reichwein-Archivs Berlin, des Politisches Archivs des Auswärtiges Amtes Bonn, des Archivs der sozialen Demokratie der
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, des Archivs für Christlich-Demokratische Politik der
Konrad-Adenauer-Stiftung St. Augustin, des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der
Gedenkstätte Deutscher Widerstand Berlin, des Geheimen Staatsarchivs Preußischer
Kulturbesitz Berlin, des Schleswig-Holsteinischen Landesarchivs Schleswig, des Eugen-Rosenstock-Huessy-Archivs Bethel, des Jesuiten-Archivs München und nicht zuletzt der Bodleian Library und des Balliol College Oxford sowie der University Library
Exeter.
Mein Dank gilt auch meiner Frau, die meine Arbeit mit viel Verständnis begleitete und
mich bei der Abfassung unterstützte.
Heimsheim, den 11. Januar 2012
Klaus Philippi
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
10 Abkürzungsverzeichnis
11 Zusammenfassung
15 Abstract
16 1 17 2 Einleitung
1.1 Thema
17 1.2 Forschungsstand und Quellen
18 1.3 Struktur der Arbeit
23 1.4 Exkurse
24 1.4.1 Exkurs Vergemeinschaftung
24 1.4.2 Exkurs Netzwerk
30 1.4.2.1 Netzwerkanalyse in der Sozialwissenschaft
31 1.4.2.2 Netzwerkanalyse als Instrument der Historiographie
33 1.4.2.3 Methodik
33 Beschreibung des Kreisauer Kreises
40 2.1 Prozess des Entstehens
40 2.2 Ziele des Kreises
43 2.3 Mitglieder des Kreises
48 2.3.1 Werden des Kreisauer Kreises
50 2.3.2 Charakterisierung der Akteure
69 2.3.3 Mitwirkung und Treffen
82 2.3.4 Reichweite des Netzwerkes Kreisauer Kreis
106 2.3.4.1 Vertrauen und emotionale Beziehung
106 2.3.4.2 Außenbeziehungen
110 2.3.4.3 Engster Kern, Cliquen, Tatgemeinschaft
118 2.3.4.4 Treibende Kraft, Zentralität
130 2.4 Heterogenität und Dekonstruktion des Kreises
136 2.4.1 Beschreibung der Zusammensetzung des Kreises
136 2.4.2 Konflikte und Dekonstruktion des Kreises
139 7
Inhaltsverzeichnis
3 2.5 Arbeitsweise und Etappen
153 2.5.1 Konspirative Treffen
153 2.5.2 Arbeitsweise
154 2.5.2.1 Etappen
154 2.5.2.2 Arbeitsgruppen
155 2.5.2.3 Methoden
157 2.6 Dauer des Bestehens
158 Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3.1 Folie des politischen und geistigen Umfeldes in der Zwischenkriegszeit
161 161 3.1.1 Beschreibung der Weimarer Republik und der Umbrüche der
Zwischenkriegszeit
161 3.1.2 Deutungsmuster: Vernunftrepublikanismus
169 3.1.3 Parteien
171 3.1.3.1 SPD
172 3.1.3.2 Das Zentrum
173 3.1.3.3 DDP/DVP/DNVP
175 3.2 Gesellschaftspolitische Verortung
177 3.2.1 Helmuth von Moltke
178 3.2.2 Peter Yorck von Wartenburg
181 3.2.3 Sozialdemokratische Kreisauer
182 3.2.3.1 Die militanten Sozialdemokraten:
Mierendorff, Haubach und Leber
183 3.2.3.2 Reichwein und Trott
194 3.2.3.3 Einsiedel, Trotha, Haeften
200 3.2.4 Die Kreisauer der Zentrumspartei
203 3.2.5 Linksliberale und konservative Kreisauer
207 3.3 Religiöse Einstellungen
4 211 Vergemeinschaftende Quellen
227 4.1 Jugendbewegungen
231 4.2 Volksbildungsarbeit in Schlesien
244 4.3 Motivation und Entscheidung zum Widerstand sowie
Leben in Widerständigkeit
258 8
Inhaltsverzeichnis
4.3.1 Einige Grundtatbestände des Widerstands und der
Widerstandsdiskussion
5 261 4.3.2 Motivationen zum Widerstand
266 4.3.3 Leben im Widerstand
287 4.3.3.1 Beschreibung des widerständigen Lebens
287 4.3.3.2 Emigrationsfrage
290 4.3.3.3 Stellung der Kreisauer zum Attentat
301 Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
326 5.1 Kreisauer, fest in Glauben und Kirche verankert
331 5.1.1 Haeften
331 5.1.2 Yorck
333 5.1.3 Gablentz
335 5.1.4 Steltzer
337 5.1.5 Rösch/König
339 5.2 Religiöse Entwicklung der kirchenfernen Kreisauer
342 5.2.1 Haubach
343 5.2.2 Mierendorff
346 5.2.3 Leber
348 5.2.4 Reichwein
351 5.2.5 Trott
353 5.3 Una sancta in vinculis
356 Schlussbetrachtung
374 6 Quellen- und Literaturverzeichnis
A 383 Unveröffentlichte Quellen
383 1 Archivalien
383 2 Quellen von Privatpersonen
392 B Gedruckte Quellen
393 C Literaturverzeichnis
400 9
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Werden des Kreisauer Kreises
67
Abbildung 2: Anzahl der Treffen der Kreisauer zwischen 1940 und 1944
83
Abbildung 3: Treffen 1940 und 1941
85
Abbildung 4: Treffen 1942 und 1943/44
85
Abbildung 5: Teilnehmer an den drei Kreisauer Tagungen
88
Abbildung 6: Zugehörigkeit zu den Untergruppen
119
Abbildung 7: Cliquen
124
10
Abkürzungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
AA
Auswärtiges Amt
AB
Augsburger Bekenntnis
ACDP
Archiv für Christlich-Demokratische Politik der Konrad-AdenauerStiftung St. Augustin.
ADCV
Archiv Deutscher Caritasverband Freiburg
AdsD
Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
Darmstadt
AOK
Armee-Oberkommando
BA
Bundesarchiv Koblenz
BA-BER
Bundesarchiv Berlin
BBF/DIPF/Archiv Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung/Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung/Archiv: Bestand des
Adolf-Reichwein-Archivs
BC
Balliol College
BDC
Berlin Document Center
BLO
Bodleian Library Oxford
BVP
Bayrische Volkspartei
Cath (M)
Catholica Münster
CP
Christliche Pfadfinderschaft
ČSR
Tschechoslowakei
CVJM
Christlicher Verein Junger Männer
DBW
Dietrich Bonhoeffer Werke
DDP
Deutsche Demokratische Partei
Delp
Gesammelte Schriften von Delp, hrsg. von Bleistein, Roman,
Bd. I-V
DLA
Deutsches Literaturarchiv Marbach
DNVP
Deutschnationale Volkspartei
d. R.
[Hauptmann] der Reserve
DStP
Deutsche Staatspartei
DVP
Deutsche Volkspartei
ERH
Eugen Rosenstock-Huessy
Gestapo
Geheime Staatspolizei; kriminalpolizeilicher Behördenapparat und
politische Polizei in der Zeit des Nationalsozialismus
GDW
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
GSPK
Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin
GWU
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
11
Abkürzungsverzeichnis
HFM
Moltke, Helmuth James und Freya von: Abschiedsbriefe Gefängnis
Tegel. September 1944-Januar 1945, hrsg. von Moltke, Helmuth
Caspar/Moltke, Ulrike. München 2011
HJvM
Helmuth James von Moltke
HQs
Headquarters
IfZ
Institut für Zeitgeschichte München
JAMI
Johann-Adam-Möhler-Institut Paderborn
KAB
Katholische Arbeiterbewegung
KAN-ÖKI
Katholische Nachrichtenagentur, Ökumenische Informationen
Kard.
Kardinal
KB/KBII
Kaltenbrunner Bericht: Jacobsen, Hans-Adolf (Hg): „Spiegelbild
einer Verschwörung.“ Die Opposition gegen Hitler und der Staatsstreich vom 20. Juli 1944 in der SD-Berichterstattung. Stuttgart
1984. Bd. I und II
KZ
Konzentrationslager
LBDI
Reichwein, Adolf: Ein Lebensbild in Briefen und Dokumenten.
Kommentar von Ursula Schulz. München 1974
LBDIa
Reichwein, Adolf: Ein Lebensbild aus Briefen und Dokumenten.
Kommentar von Ursula Schulz. Sonderausgabe 2. Band. München
1974
LBDII
Reichwein, Adolf: Pädagoge und Widerstandskämpfer. Ein Lebensbild in Briefen und Dokumenten, hrsg. von Pallat, Gabriele
C./Reichwein, Roland/Kunz, Lothar. Paderborn 1999
LThK
Lexikon für Theologie und Kirche
LV
Lübecker Volksbote
LWFüStb
Luftwaffenführungsstab
MB
Moltke, Helmuth James von: Briefe an Freya: 1939-1945, hrsg. von
Ruhm von Oppen, Beate. München 21991.
MBF
Moltke, Freya von/Balfour, Michael/Frisby, Julian: Helmuth James
Graf von Moltke 1907-1945. Anwalt der Zukunft. Stuttgart 1975
MS
Manuskript
NBS
Neue Blätter für den Sozialismus
ND
Bund Neudeutschland
NL
Nachlass
NS
Nationalsozialismus
NSDAP
Nationalsozialistische Partei Deutschlands
NZZ
Neue Züricher Zeitung
o. D.
ohne Datum
o. J.
ohne Jahr
OKW
Oberkommando der Wehrmacht
12
Abkürzungsverzeichnis
OLT
Oberleutnant
Orpo
Ordnungspolizei
OSS
Office of Strategic Services. Amt für strategische Dienste, Nachrichtendienst des Kriegsministeriums der Vereinigten Staaten von
1942 bis 1945
OSU
Ordo Sanctae Ursulae, Gesellschaft der Hl. Ursula
o. O.
ohne Ort
o. V.
ohne Verfasser
PA
Politisches Archiv, Bonn
QA
Quadragesimo anno; am 15. Mai 1931 von Papst Pius XI. veröffentlichte Sozial-Enzyklika
RT
Reichstag
SA
Sturmabteilung; paramilitärische Kampforganisation der NSDAP
SD
Sicherheitsdienst; Abteilung der Geheimen Staatspolizei
SHLA
Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv
SJ
Societas Jesu; Jesuitengesellschaft
SS
Schutzstaffel der NSDAP
StdZ
Stimmen der Zeit; Jesuitenzeitschrift
StGB
Strafgesetzbuch
StL
Staatslexikon Recht, Wirtschaft, Gesellschaft
SU
Sowjetunion
ThGl
Theologie und Glaube
ULE
University Library, Exeter
URL
Uniform Resource Locator; einheitlicher Quellenanzeiger für das
Internet
VfZ
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte
VGH
Volksgerichtshof
YMCA
Young Men's Christian Association
ZfG
Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
13
14
Zusammenfassung/Abstract
Zusammenfassung
Ziel dieser Arbeit ist, die Genese des Kreisauer Kreises darzustellen und besonders dem
Phänomen der Vergemeinschaftung trotz großer Heterogenität der Mitglieder nachzuspüren. Dabei wurden mithilfe der qualitativen Netzwerktechnik zunächst die spezifischen Charakteristika dieses bürgerlichen Widerstandskreises dargestellt, danach die
verschiedenen Strukturparameter, wie emotionale Relationen, die Außenbeziehungen,
die Cliquenbildung und die treibenden Kräfte sowie die Zentralität des Kreises analysiert.
Um die Situation der Kreisauer am Beginn ihrer Tätigkeit festzustellen, wurde ihre gesellschaftspolitische und religiöse Verortung herausgearbeitet. Nach Darlegung der
Struktur des Kreisauer Kreises wurde dann versucht, den Prozess der Vergemeinschaftung nachzuzeichnen. Aus der Vielzahl der Einflussfaktoren wurden die Jugendbewegungen, die Erfahrungen in der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft und die Motivationslage zum Widerstand näher betrachtet. Anhand von Quellen konnte gezeigt werden,
dass die Gräuel des Krieges die ethisch-humanistisch-sittliche Haltung vieler Kreisauer
verletzten und zu einem Motiv des Widerstandes wurden. Zwei Aspekte des widerständigen Lebens wurden näher beleuchtet: die Emigrationsfrage und die Haltung zum Attentat.
Schließlich wurde gefragt, inwieweit der christliche Glaube half, die Widerständigkeit
zu bewältigen, oder ob der Widerstand der Kreisauer, dies insbesondere im „Angesicht
des Todes“, ohne die Kategorie des christlichen Glaubens überhaupt erklärbar ist.
Die Arbeit zeigt an Beispielen der Dekonstruktion, die ihre besondere Ausprägung in
der existenziellen Zuspitzung in der Haft erfuhren, dass der Kreisauer Kreis kein monolithischer Block mit zentraler Führung war, sondern ein Freundeskreis mit selbstständig
agierenden Mitgliedern, die, auf ein gemeinsames Ziel gerichtet, um Kompromisse rangen. Durch die breit gefächerte Motivation zum Widerstand, die Weigerung, zu emigrieren, und die Bereitschaft, das eigene Leben einzusetzen, wurde eine feste Vergemeinschaftung trotz Heterogenität erreicht, die die Kreisauer zum Eingehen von Kompromissen bei der Konzeption für das Deutschland „danach“ befähigte. Diese Vergemeinschaftung konnte auch nicht durch die unterschiedliche Haltung in der Attentatsfrage
gesprengt werden. Die freigelegten Dekonstruktionsbeispiele schmälern nicht die
außerordentliche Konzeptionsarbeit des Kreisauer Kreises, sie lassen das Schaffen und
das Opfer der Kreisauer nur noch menschlicher und nachahmenswerter erscheinen.
15
Zusammenfassung/Abstract
Abstract
The main aims of this thesis are to portray the genesis of the Kreisauer Circle and to
describe how a cohesive group was formed despite the very great differences in the
backgrounds of its members. For this investigation the qualitative network analysis has
been used to identify specific characteristics of this circle committed to civil resistance.
By means of this analysis the thesis examines elements such as emotional relationships,
external relations, the forming of cliques, the driving forces at work and the inner cohesion of the circle.
In order to describe the situation of the ‘Kreisauer’ at the beginning of their activity the
thesis investigates the social, political and religious convictions held by the individual
members before they coalesced into a group. The thesis then outlines the prevailing circumstances at the time and the processes by which the Circle was formed. Many factors
contributed and of these the thesis looks in more detail at the influence of the existing
youth movements, the experience of the Silesian work camps and how group members
were motivated to embark on a strategy of resistance. With the help of sources it can be
shown that the atrocities of the war deeply offended the humanistic-ethical attitude of
the members of the Kreisauer Circle and it was this that provided a key motivation for
resistance. In addition the thesis examines in more detail two particular questions which
those involved in resistance were forced to consider: should one attempt to emigrate?
and should the assassination of Hitler be considered?
In the final chapter the thesis examines the extent to which the members’ Christian faith
helped them to come to terms with the challenges of resistance activity and asks whether the members would have been able to venture their lives in such an undertaking
without their strongly- held Christian convictions.
The deconsruction of the group brought about by the particular pressures individual
members suffered under arrest demonstrates that the Kreisau Circle was not a monolithic block with central leadership but rather a circle of friends acting autonomously who,
focussed on a common goal, struggled for compromises. Because of their shared commitment to resistance, their refusal to emigrate and their willingness to risk their own
lives, they emerged as a cohesive group despite their disparities. Thus the ‘Kreisauer’
were able to accept compromises in the course of their planning for a newly constituted
Germany after the war.
16
Einleitung
1
Einleitung
1.1
Thema
Churchill soll 1946 im britischen Parlament gesagt haben:
In Deutschland gab es eine Opposition, die quantitativ durch ihre Opfer und eine entnervende internationale Politik immer schwächer wurde, aber zu dem Edelsten und Größten
gehört, das die politische Geschichte aller Völker je hervorgebracht hat. Diese Männer
kämpften ohne Hilfe von innen oder von außen, einzig getrieben von der Unruhe ihres Gewissens. […] Wir hoffen auf die Zeit, in der einst das heroische Kapitel der inneren deutschen Geschichte seine gerechte Würdigung finden wird.2
Obwohl Churchill damit nicht expressiv verbis den Kreisauer Kreis adressierte, gilt diese Aussage gerade für den Kreisauer Kreis, der durch das unbedingte, im Januar 1941
für die britische Regierung angeordnete Diktum Churchills „absolute silence“ in allen
Annäherungsversuchen durch die anglophilen Kreisauer Moltke und Trott gehindert
wurde.3 Es dauerte mehr als vierzig Jahre, bis der Kreisauer Kreis in der Öffentlichkeit
rezipiert wurde und seine „gerechte Würdigung“ fand. Der Kreisauer Kreis nimmt innerhalb des deutschen Widerstandes, der bislang hauptsächlich durch die Bewegung des
20. Juli geprägt war, als intellektueller Vorreiter einen immer stärkeren Rang ein. Dies
zeigt sich auch an der Vielzahl der Neuerscheinungen in den letzten beiden Jahren über
prominente Kreisauer wie Moltke, Trott und Steltzer, die neben den seit den 1980erJahren erschienen Monographien über die einzelnen zwanzig Kreisauer und den Biographien und Schriften der überlebenden Kreisauer zu beachten sind. Bezeichnend für
die zögerliche deutsche Rezeption4 des Kreisauer Kreises war, dass die ersten Publikationen über den Kreisauer Kreis in England und in den USA5 erschienen und nicht in
Deutschland, bevor durch das Standardwerk des Niederländers Ger van Roons, „Neuordnung im Widerstand. Der Kreisauer Kreis innerhalb der deutschen Widerstandsbewegung“ aus dem Jahre 1967 die erste maßgebliche Gesamtübersicht über den Kreisauer Kreis vorgelegt wurde.
2
Zeller, Geist der Freiheit 1965. Der Ausspruch Churchills gilt allerdings als „undokumentiert“, aber
Churchill befragt nach diesem Ausspruch, antwortete: "[…] so far no record can be found of any such
pronouncement by me. But I might quite well have used the words you quote, as they represent my feelings aspect of German affairs.” URL1: http://www.wikiwatch.de/index.php?Content=LemmaDetails&LemmaDetailsTitle=Attentat%20vom%2020.%20Juli%20
1944&Zeitraum=1H&PHPSESSID=01t76hjm32pudnh1lug9h53l00, 02.04.2011.
3
Klemperer, Verschwörer 1994. S. 15.
4
Zur Bewertung des Widerstandes im Nachkriegsdeutschland insgesamt vgl.: Tuchel, Der vergessene
Widerstand 2005, insbesondere S. 10 f.
5
Cumberledge, A German of the resistance 1946. S. 212-231; Balfour, A leader 1972); Rothfels, The
German Opposition to Hitler 1948, in Deutschland erschienen, Tübingen 1957, darin wird dem Kreisauer
Kreis ein 17-seitiges Kapitel gewidmet. Bezogen auf Trott: Sykes, Troubled Loyalty 1968; Hopkins, The
Incense Tree 1968; über Reichwein erschien 1958: Henderson, Reichwein 1958.
17
Einleitung
In der vorliegenden Genese des Kreisauer Kreises soll nicht der Versuch einer neuen
Gesamtdarstellung der Tätigkeit des Kreises und seiner Neuordnungspläne gewagt werden, sondern das Phänomen der Vergemeinschaftung trotz größter Heterogenität soll im
Vordergrund stehen. Diese Fähigkeit zur Vergemeinschaftung wird auch zu einem
Hauptcharakteristikum des Kreisauer Kreises gemacht. So schreiben Freya von Moltke
und Marion von Yorck schon 1945: „Der Allen gemeinsame Wille zur eigenen inneren
Klärung der vor Deutschland liegenden Probleme verband“, man könnte auch sagen
vergemeinschaftete, „die Männer in dem Streben, für Deutschland die Quellen abendländischen Geistes lebendig zu machen, die Europa von jeher gespeist haben, aus denen
es gewachsen ist und geblüht hat. Noch immer lebt das Abendland aus diesem Geist,
der in den Männern lebendig war, und der fest im Christentum wurzelt.“6 Auch Husen
betont die Vergemeinschaftung als Kennzeichen des Kreisauer Kreises, wenn er nach
dem Krieg sagt:
Ziel war die Herstellung einer persönlichen fest verbundenen Gemeinschaft zwecks Gestaltung der politischen Dinge an Hand eines klaren, wohlüberlegten Regierungsprogramms
einheitlicher Richtung, dessen Schaffung sonst in der Eilfertigkeit solcher Zusammenbrüche notwendig dürftigerem praktischen Kompromiss überlassen werden müsste.7
Es gab jedoch auch der Vergemeinschaftung stark widerstrebende Kräfte im Kreisauer
Kreis, was in der bisherigen Literatur oft übersehen wurde, da man den Kreisauer Kreis
häufig quasi als monolithischen Block auffasste.
1.2
Forschungsstand und Quellen
Neben dem bereits angeführten Standardwerk von Ger van Roon8 machte insbesondere
die Ausstellung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz „Der Kreisauer Kreis“ 1985 in
Berlin mit ihrem Begleitband von Wilhelm Ernst Winterhagen diese Widerstandsgruppe
einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Ab diesem Zeitpunkt erschienen über die meisten
Kreisauer, zum Teil mehrfach, Biographien und Monographien, Lebensberichte der
überlebenden Kreisauer, Editionen der Briefe und Schriften einzelner Kreisauer, Quellensammlungen und Aufsätze über Einzelaspekte, auf die im Rahmen dieser Arbeit zum
Teil zurückgegriffen wird.
6
Yorck, Marion/Moltke, Freya: Ausführungen über den Kreisauer Kreis, datiert Kreisau, den 15.10.1945,
BBF/DIPF/Archiv, Reich 57, Bl. 46-48d.
7
Husen, Paul van: In memoriam Moltke und Yorck. 20. Juli 1944, IfZ, ED 88-1, S. 5.
8
Die von Ger van Roon benutzten Rechercheunterlagen sind im IfZ, München, archiviert. Diese nach
dem Krieg entstandenen Archivalien wurden in der Arbeit auch berücksichtigt, da sie, auch wenn es sich
nicht um zeitgenössische Quellen handelt, zu den Untersuchungspunkten erläuternd und erhellend herangezogen werden können.
18
Einleitung
Den Kreisauer Planungen wurde häufig vorgeworfen, sie seien unrealistisch, was auch
ihre weitgehende Nichtbeachtung beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland beweise. Die Kreisauer Ideen werden z. T. als aktuelle zukunftsweisende Ideen, aber auch als
konservativ-romantische Vorstellungen bezeichnet, die heute auf kein Verständnis mehr
stoßen. Hans Mommsen nannte Moltkes Konzeption so „in gewisser Hinsicht eine konservative Spielart des Rätegedankens, eine Verknüpfung von direkter Demokratie und
elitärem Prinzip“9. Mommsen weist auch darauf hin, dass das als „westlich“ empfundene parlamentarische System aufgrund einer entschiedenen Ablehnung des Weimarer
Systems als diskreditiert galt und deswegen abgelehnt wurde, eine Situation, die auch
auf die Verfassungspläne des Goerdeler Kreises zutrafen.10 Aus diesem Grund sahen die
Kreisauer Papiere auch keine Parteien vor. Neben dieser verfassungsrechtlichen Einordnung ist die Forschung auch geprägt von der Aufhellung des Dilemmas zwischen vordergründiger Zustimmung zum System und Widerstand aus der Mitte des Systems heraus. Davon war insbesondere Trott betroffen, der seinen angelsächsischen Freunden
seine vermeintliche Nähe zum Nationalsozialismus aus Camouflagegründen nur schwer
klarmachen konnte. Dies galt auch für Reichwein, dessen „dienstbares Begleiten“11 des
Systems ihm zum Vorwurf gereichte.
Die Publikationen über den Kreisauer Kreis erreichen leicht die Grenze von hundert
Positionen. Sie beziehen sich neben der Kommentierung der Neuordnungspläne meist
auf die Hauptakteure, ihren Anteil am Wirken des Kreisauer Kreises und ihre Stellung
in diesem. Eine Gesamtsicht des Kreisauer Kreises wurde seit dem Standardwerk van
Roons, das nach Meinung Gerstenmaiers „mehr […] eine Biographie Helmuth von
Moltkes als eine streng historische Monographie über den Kreisauer Kreis“12 ist, aber
nicht mehr unternommen. Das Hauptverdienst van Roons, das sein Werk zu einem
Standardwerk über den Kreisauer Kreis werden ließ, war die Sammlung und Erschließung neuer Quellen, die er in sechsjähriger mühevoller Arbeit zusammentrug, prüfte
und sichtete. So entstand ein historisches Material, „das weit darüber hinaus Aufschluß
gibt über die im Kreisauer Kreis sich begegnenden und verbindenden Denkweisen“13.
9
Mommsen, Alternative zu Hitler 2000, S. 101.
Mommsen, Alternative zu Hitler 2000, S. 103.
11
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007.
12
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 224-226. Dieser Meinung ist auch Husen, der 1967 davon
sprach, dass Roon versuchte, aus Moltke eine Art von publizistischem Heiligen Aloysius aus Gips zu
machen, wobei Moltke dem bestimmt nie zugestimmt hätte; in: Husen, Paulus van: Brief an Eugen Gerstenmaier, 08.10.1967. ACDP, I-210-037; siehe auch Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen o. D.
BA NL 166-151, S. 2.
13
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 223.
10
19
Einleitung
Die Frage der Vergemeinschaftung in diesem heterogenen Kreis wird dabei meist nur
gestreift und ist ein Forschungsdesiderat auch unter Beachtung der seit 1967 neu erschlossenen Quellen.
Unter diesem Aspekt wird der Kreisauer Kreis in dieser Arbeit in seiner Gesamtheit
wieder in den Blick genommen und ein thematischer Zugriff gewählt, der aus Gründen
einer für einige Protagonisten zum Teil fragmentarischen Quellenlage einen Forschungsweg einschlägt, der die Distanz zum Forschungsgegenstand wahrt und sicherstellt, dass Widerstand nicht als Ehrenprädikat aufgefasst wird.
Dazu wird die Hilfe methodischer Offerten aus Nachbarwissenschaften in Anspruch
genommen, um die Frage nach Kohäsionskräften und vergemeinschaftenden Faktoren
in den Vordergrund zu stellen, welche dafür verantwortlich sind, dass sich Menschen
aus verschiedenen sozialen Verkehrskreisen und unterschiedlicher kultureller Prägung
unter den besonderen Umständen der NS-Diktatur zu gemeinsamem, mit der Gefahr des
Einsatzes des eigenen Lebens verbundenem Handeln entschlossen.
Darüber hinaus ergibt sich die Frage, warum gerade der Kreisauer Kreis wieder im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht. Dafür lassen sich mehrere Gründe ausmachen.
Zunächst ist die Tatsache zu nennen, dass sich zwischen 2003 und 2009 die Geburtstage
der zehn jüngeren Kreisauer zum hundertsten Mal jährten, was das Interesse am Kreisauer Kreis in der Erinnerungsliteratur wachhielt und eine Reihe neuer Biographien hervorbrachte.
Peter Steinbach fordert, dass Widerstandsgeschichte14 u. a. gegen die Interessen von
Gruppen, Parteien, Institutionen, Familien und Personen zu erfolgen habe. Dies kann im
Hinblick auf den Kreisauer Kreis geleistet werden, da wegen seiner Heterogenität eine
einseitige Vereinnahmung durch eine Kirche, eine Gewerkschaft, eine Partei oder eine
gesellschaftliche Schicht nicht möglich ist. Am Kreisauer Kreis kann die ganze Vielfalt
und Breite des deutschen Widerstands dargestellt werden. Ein weiterer Grund des Interesses besteht darin, dass es bei den Kreisauern keine „Gemengelage von Konsens mit
Teilen der nationalsozialistischen Herrschaftsziele bei gleichzeitigem Dissens mit anderen Segmenten des nationalsozialistischen Herrschaftsvollzugs“15 gab, der nach
Paul/Mallmann bei den Funktions- und Führungseliten durchaus typisch war. Die
14
15
Steinbach, Widerstand im Widerstreit 2001, S. 8.
Paul/Mallmann, Milieus und Widerstand 1995, S. 14.
20
Einleitung
Kreisauer waren alle „Hitler-Gegner der ersten Stunde“16 und gehörten nicht zum Kreis
der moralisch Schuldigen17, die den Durchbruch zum Widerstand schafften. Beachtenswert ist auch, dass bei den Kreisauern im Gegensatz zu den Nicht-Militärs der 20.-JuliBewegung keine beträchtlichen „Differenzen in der Einschätzung der politischen Lage
und über alternative Politikentwürfe zwischen den Jungen und der älteren Generation“18
bestanden. Die von diesen Gruppen angestellten Überlegungen hätten angesichts der
politisch wie weltanschaulich-konfessionell äußerst heterogen zusammengesetzten Verschwörergruppe keine wirkliche Realisierungschance gehabt, allenfalls hätten sie als
Grundlage für eine nach einem geglückten Attentat erst einsetzende Diskussion dienen
können.19 Im Kreisauer Kreis bestanden diese Gegensätze zwar auch, aber sie wurden
ausdiskutiert und zum Konsens gebracht. Das macht den Kreisauer Kreis einzigartig,
obwohl auch hier kein fertiges Verfassungskonzept vorgelegt wurde. Der große Konsens der Kreisauer Grundsätze hätte aber alle Chancen der Weiterentwicklung gehabt.20
Die Quellenlage über den Kreisauer Kreis ist sehr unterschiedlich zu bewerten. Zunächst kann man sich auf die überlieferten und durch Freya von Moltke geretteten Neuordnungspläne vom August 1943 stützen, die durch die bei dem Nachlass Königs 1971
gefundenen vorbereitenden und begleitenden Texte, das „Dossier“21, ergänzt werden.
Herausragend sind die mehr als 1.600 Briefe von Moltke an seine Frau Freya und teilweise Antwortbriefe von ihr. Diese Briefe22 geben in ihren Informationen einen Gesamtraster vor, in den andere Dokumente eingeordnet werden können. Zusammenhänge
werden dadurch sichtbar, Andeutungen andernorts lassen sich so verstehen. In den
überwältigenden persönlichen Zeugnissen von Moltke sah Gerstenmaier den Grund
einer Moltkezentrik23, die das Wirken der anderen Kreisauer unberechtigterweise verblassen ließe.24 Die Briefe Trotts sind zum Teil wiedergegeben in der Lebensbeschrei-
16
Mommsen, Widerstand und die deutsche Gesellschaft 1985, S. 5; Mommsen nennt hier besonders
Moltke und Trott, S. 19 (Anm. 5).
17
Schmädeke/Steinbach, Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1985. S. XXV.
18
Kißner, Das Dritte Reich 2005, S. 90; Schwerin, Der Weg der „Jungen Generation“ in den Widerstand
1985, S. 460-471.
19
Kißner, Das Dritte Reich 2005, S. 91.
20
Lill, Widerstand: Resonanz 1994. S. 22.
21
Bleistein, Dossier1987a.
22
MB; Moltke, Land der Gottlosen 2009; HFM.
23
Dieser Meinung ist auch Husen, der 1967 davon sprach, dass Roon versuchte, aus Moltke eine Art von
publizistischem Heiligen Aloysius aus Gips zu machen, wobei Moltke dem bestimmt nie zugestimmt
hätte; in: Husen, Paulus van: Brief an Eugen Gerstenmaier, 08.10.1967. ACDP, I-210-037; siehe auch
Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen o. D. BA NL 166-151, S. 2.
24
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 224, 226.
21
Einleitung
bung seiner Frau Clarita.25 Außerdem liegen ein ausführlicher Briefwechsel mit Trotts
älterem englischen Freund Alfred Leslie Rowse26 aus seiner frühen Oxforder Zeit und
die Briefwechsel mit seinen englischen Freundinnen Diana Hubback27 und Shiela Grant
Duff28, die in die Zeit des Kreisauer Kreises hineinreichen, vor. Durch die Kassiber von
Delp, zusammengefasst in dem Band „Aus dem Gefängnis“ seiner gesammelten Schriften, werden wichtige Einblicke aus der Zeit der drei Kreisauer, Moltke, Gerstenmaier
und Delp, im Totenhaus gewährt. Weitere vier Bände mit Briefen, Reflexionen, Aufsätze und Predigten von Delp aus der Zeit vor und während der Kreisauer Zeit liefern
wichtige Einschätzungen. Aber auch das Wirken der anderen Jesuiten, Rösch und König, ist hinreichend dokumentiert.29 Die drei „militanten“ Sozialisten Mierendorff, Haubach und Leber, die alle nach ihrer KZ-Haft nach 1933 der Gestapo-Aufsicht unterlagen, waren mit schriftlichen Zeugnissen äußerst vorsichtig. Aus der Zeit vor 1933 liegt
jedoch bei allen drei eine große Menge von Zeitschriftenpublikationen vor, die beredtes
Zeugnis ihrer politischen und gesellschaftlichen Haltung abgeben. Bei Haubach30 und
Leber31 gelangen über Kassiber auch Informationen aus ihrer Haftzeit nach draußen.
Der Sozialist Reichwein tritt ebenfalls durch mannigfaltige Zeitschriftenveröffentlichungen, sein pädagogisches Werk „Schaffendes Schulvolk“32 sowie Briefe und Dokumente33, die gut editiert sind, hervor. Von Steltzer liegen für die Zeit von 1919 bis 1944
verschiedene Denkschriften und Briefe34 vor, die seine politische Haltung kennzeichnen. Dass Gleiche gilt für die Politiker Lukaschek und Husen und im besonderen Maße
für die Rechtsprofessoren Peters und Gablentz sowie den Privatdozenten für Theologie
Gerstenmaier.
Von anderen Kreisauern liegen weniger persönliche Quellen vor, was allerdings nicht
zu einem Fehlschluss auf deren Bedeutung geraten darf. Die persönlichen Briefe von
Yorck an seine Frau hat Marion Yorck nach dem 20. Juli 1944 einem Kindermädchen
übergeben, die diese aus Angst vor Entdeckung verbrannte.35 Der Lebensbericht von
25
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994.
ULE, Rowse Collection.
27
Dieser Briefwechsel ist archiviert als „The Papers of Adam von Trott zu Solz“ im Balliol College Oxford (BC) und zum Teil verwendet in: Hopkins The Incense Tree 1968.
28
Klemperer, A noble combat 1988.
29
Bleistein, Jesuiten im Kreisauer Kreis1982, S. 595-607.
30
NL Schellhase, Haubach, in: GDW.
31
Hier ist besonders zu erwähnen: Leber, Todesursachen 1976, S. 179-246.
32
Reichwein, Schaffendes Schulvolk 1993.
33
LBDI; LBDIa; LBDII.
34
Siehe Auflistung in: Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 6.
35
Geyken, Freya 2011.
26
22
Einleitung
Barbara von Haeften heißt programmatisch „Nichts Schriftliches über Politik“36,
gleichwohl wurden persönliche Briefe aus der Zeit von 1934 bis 1942 im Privatbesitz
gerettet.
Husen berichtete nach dem Krieg: „Alle Dokumente in Berlin wurden am 10.1.44 nach
der Verhaftung Moltkes bei mir verbrannt. Nur in Kreisau blieb ein Exemplar, das die
Gräfin rettete, bei keinem unserer Freunde wurden belastende Papiere gefunden.“37 Von
allen Kreisauern, so auch von Einsiedel und Trotha, liegen jedoch Denkschriften und
vorbereitende Beiträge zu den Diskussionen im Kreisauer Kreis vor, die erlauben, deren
Bedeutung für den Kreisauer Kreis einzuschätzen.
Als besondere, aber auch problematische Quelle müssen die Kaltenbrunner Berichte38
angesehen werden. „Paradoxerweise sind [sie] angesichts des Fehlens bzw. des Verlustes von Unterlagen aus dem Kreis der Verschwörer selbst für die Nachwelt eine wichtige, bisweilen die einzige – wenn auch naturgemäß oft zweifelhafte besonders kritisch zu
prüfende Quelle […] geworden“39, stellt Winterhager mit Recht fest. In der Neuausgabe
von 198440 weist der Herausgeber der Kaltenbrunner Berichte im Vorwort darauf hin,
dass ihr Wahrheitsgehalt mithilfe historischer Quellenkritik herausgefiltert werden müsse, da die Ergebnisse oft durch Folterungen, Drogenbehandlungen erreicht wurden. Geständnisse oder Aussagen waren erzwungen, sie enthielten vielleicht Teilwahrheiten,
stellten Schutzbehauptungen dar oder bedeuteten ganz einfach den Versuch, den Kopf
aus der Schlinge zu ziehen.41 Unter dieser Voraussetzung wird auch in dieser Arbeit auf
die Kaltenbrunner Berichte zurückgegriffen.
1.3
Struktur der Arbeit
Die Genese des Kreisauer Kreises soll in zwei Annäherungen versucht werden. In
einem ersten Teil soll der Kreis möglichst umfassend in seinem Werden, dem Finden
seiner unterschiedlichen Mitglieder, seinem Wirken und vor allem seiner inneren Struktur beschrieben werden. Um die Struktur zu erhellen, soll die sozialwissenschaftliche
Methode der Netzwerkanalyse nutzbar gemacht werden.
36
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“, 1997. Nachdem ein gefährlicher Anti-Hitler-Brief an Günther
Hell bei der Gestapo gelandet war, „schworen wir uns [Mai 1933; A. d. V.] für die Zeit der Hitlerei nie
wieder über Politik in unseren Briefen zu schreiben“; in: Haeften, Briefe 1931-1944, S. 15. Siehe auch:
Böhm, Skizze1946.
37
Husen, Paulus van: Neufassung der Auskünfte an Roon vom 02.01.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
38
KB und KBII.
39
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985.
40
Es gab eine weniger kommentierte Ausgabe: Peter, Spiegelbild einer Verschwörung 1961.
41
KB S. XII f.
23
Einleitung
In einem zweiten Teil soll den Quellen und den Bindekräften der Vergemeinschaftung
dieses so heterogenen Kreises nachgespürt werden. Die Quellen beziehen sich auf die
gesellschaftliche und religiöse Herkunft, die Sozialisation in der Jugendzeit und in den
frühen Jahren der Studentenzeit und der ersten gesellschaftlichen Betätigung. Für einen
Teil der Kreisauer, die Älteren, waren die Fronterlebnisse im Ersten Weltkrieg zusätzlich prägend. Die Erfahrungen, die die meisten Kreisauer während ihres Auslandsstudiums oder auf weitgreifenden Reisen machten und die einen geweiteten Blick über
Deutschland hinaus gestatteten, sind in diesem Kontext ebenfalls bedeutsam. Die Kraft
der Vergemeinschaftung bezogen die Kreisauer vor allem aus ihren ersten widerständigen Erlebnissen, ihrer gemeinsamen strikten Ablehnung des Nationalsozialismus und
ihrer Entscheidung, nicht zu emigrieren.
In einem letzten Abschnitt wird auf die religiöse Wandlung, die bei den meisten Kreisauern zu beobachten ist, eingegangen, da das Christentum neben den sozialen Belangen
der Arbeiterschaft als die tragende Säule ihrer Neuordnung Deutschlands angesehen
wurde. Hier gab es zumindest zum Schluss eine gemeinsame Sicht, die alle verband.
Die religiöse Komponente lässt sich an den individuellen, unterschiedlichen Haltungen
zum Attentat und an der christlichen Karriere der Einzelnen festmachen, die sich zu
einer wahren Ökumene im Krieg entwickelte.
1.4
Exkurse
Die Genese des Kreisauer Kreises soll durch zwei soziologische Betrachtungsweisen
unterstützt werden: die Betrachtung mithilfe des Phänomens der Vergemeinschaftung
und nach der Netzwerkanalyse. Um bei der Anwendung dieser beiden Methoden im
Verlauf der Arbeit nicht immer wieder auf den theoretischen und methodischen Inhalt
dieser Betrachtungsweisen zurückkommen zu müssen, werden der Arbeit zwei erklärende Exkurse vorangestellt.
1.4.1
Exkurs Vergemeinschaftung
In einem ersten Exkurs soll das Phänomen der Vergemeinschaftung behandelt werden,
das für den zweiten Teil der Arbeit Erkenntnis unterstützend sein soll. Da es sich hier
um einen soziologischen Grundbegriff handelt, der sich über die Zeit stark veränderte,
werden verschiedene Konzepte diskutiert. Tönnies42 beschäftigte sich damit bereits am
Ende des 19. Jahrhunderts, seine Begriffe wurden zum Beginn des 20. Jahrhunderts von
42
Tönnies, Gemeinschaft 1991.
24
Einleitung
Max Weber in seinem Aufsatz „Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie“43
aufgegriffen und in seinem 1920 erschienenen Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ neu
gefasst. Dieses Konzept wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts international weiterentwickelt, woran französische Soziologen großen Anteil haben.
Tönnies sah den soziologischen Begriff der Gemeinschaft in typologischer Abgrenzung
zum Begriff Gesellschaft. So lautet auch sein bahnbrechendes Werk „Gemeinschaft und
Gesellschaft“ von 1887, das in den Entstehungsprozess der modernen Soziologie gehört.44 Mit „Gemeinschaft“ bezeichnet Tönnies traditionelle Lebensformen, die für die
Betroffenen um ihrer selbst willen bedeutsam sind, und nicht, wie es im Gegensatz dazu
für die Gesellschaft gilt, nur um eines Zweckes willen eingegangen werden. Merkmale
der Gemeinschaft sind Eintracht, Sitte, Religion; Merkmale der Gesellschaft sind Konventionen, Politik und Öffentlichkeit.45 Gemeinschaft steht für Formen des Zusammenlebens, die auf zwischenmenschlichen Kontakten und Gefühlen beruhen, die ursprünglich, spontan, unmittelbar und überschaubar sind. Charakteristische Beispiele wären die
traditionelle Familie, worin die Gemeinschaft nach Tönnies ihre „Keimform“46 findet,
und die mittelalterliche Dorfgemeinschaft.47
Die zur Gemeinschaft gehörende psychische Verfassung lässt sich in der Trias „Gefallen, Gewohnheit, Gedächtnis“48 zusammenfassen, die Tönnies im Stil seiner von Darwin geprägten Zeit jeweils der vegetativen, der animalischen und der mentalen Ebene
zuordnet49. „Das Ganzheitliche, Ästhetisch-Anschauliche der Gemeinschaftsbildung“50
findet sich in diesen Kategorien verdichtet. „Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundschaft“51 sind drei Erscheinungsweisen von Gemeinschaft.
Beide Sozialformen, Gemeinschaft und Gesellschaft, sind jeweils mit einer spezifischen
Willensform verbunden. Der „ganzheitlich-expressive“52 „Wesenswille“ trägt die Gemeinschaft, der zweckrationale „Kürwille“53 die Gesellschaft. Gemeinschaften in Tönnies’ Sinne sind nach Ronge auf wechselseitiges Vertrauen angewiesen und an die
43
Weber, Kategorien der verstehenden Soziologie 1988.
Bickel, Tönnies 2001, S. 488.
45
Prisching, Paradoxien 2008, S. 39.
46
Tönnies, Gemeinschaft 1988, S. 3.
47
Vester, Soziologie 2009, S. 34.
48
Tönnies, Gemeinschaft 1991, S. 78 ff.
49
Tönnies, Gemeinschaft 1991, S. 76 f.
50
Bickel, Tönnies 2001, S. 489.
51
Tönnies, Gemeinschaft 1991, S. 12.
52
Bickel, Tönnies 2001, S. 489.
53
Tönnies, Gemeinschaft 1991, S. 73 ff.
44
25
Einleitung
Dauerhaftigkeit sozialer Beziehungen, an gemeinsam erlebte Geschichte gebunden, wie
es in der Tat beim Kreisauer Kreis der Fall war. Mit Gemeinschaft und Gesellschaft54
formuliert und definiert Tönnies zwei elementare gesellschaftliche „Normaltypen“ und
somit soziologische Grundbegriffe, „zwischen denen sich das wirkliche soziale Leben
bewegt“55 und auf welche sich alle menschlichen Verbindungsformen zurückführen
lassen.
Tönnies gibt im Unterschied zu Weber noch keine handlungstheoretische, sondern eine
„psychologische“ Erklärung für die beiden soziologischen Grundbegriffe. Das gemeinschaftliche Leben ist primär durch die Vorherrschaft gefühlsmäßiger Beziehungen zwischen den Menschen gekennzeichnet, das gesellschaftliche Leben dagegen durch die
Vorherrschaft des berechnenden Verstandes und die mit diesem verbundenen zweckrationalen Überlegungen.56 Solche gefühlsmäßigen Beziehungen werden auch im Kreisauer Kreis untersucht werden.
Max Weber hat in seinem Werk „Wirtschaft und Gesellschaft“ Tönnies’ Begriffskonstruktion57 sozusagen „prozessualisiert“58 übernommen als „Vergemeinschaftung“ und
„Vergesellschaftung“. „Max Weber hat die zur Substanz geronnenen Begriffe von Ferdinand Tönnies ins Flüchtigere verschoben. Die Gemeinschaft wird zur Vergemeinschaftung, aber dieser Begriff bezeichnet nicht nur den Prozess der Gemeinschaftswerdung, sondern auch das vergemeinschaftete soziale Gefüge.“59 Das Muster für die „Gemeinschaft“ ist die „natürliche“ Verwandtschaftsbeziehung der Familie oder die Abstammungsbeziehung des Volkes.
„Vergemeinschaftung“ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die Einstellung des sozialen Handelns – im Einzelfall oder im Durchschnitt oder im reinen Typus –
auf subjektiv gefühlter (affektueller oder traditionaler) Zusammengehörigkeit der Beteiligten beruht. „Vergesellschaftung“ soll eine soziale Beziehung heißen, wenn und soweit die
Einstellung des sozialen Handelns auf rational (wert- oder zweckrational) motiviertem Interessenausgleich oder auf ebenso motivierter Interessenverbindung beruht.60
Es geht hier also um die jeweilige Grundlage von Beziehungen. Bei der Vergemeinschaftung bilden Gefühle der Zusammengehörigkeit das soziale Fundament, während
im Mittelpunkt der Vergesellschaftung Interessenabschätzung und -verfolgung stehen.
Für Max Weber stand fest, so Rehberg, dass die unterschiedlichsten Formen und Pro54
Ronge, Tönnies 2001, S. 665.
Tönnies, Gemeinschaft 1991, S. XLV.
56
Lichtblau, Vergemeinschaftung 2000, S. 427.
57
Vester, Soziologie 2009, S. 34.
58
Ronge, Tönnies 2001, S. 665.
59
Prisching, Paradoxien 2008, S. 42, Fn. 10.
60
Weber, Wirtschaft und Gesellschaft 1972, S. 21, § 9 (Hervorhebungen im Original).
55
26
Einleitung
zesse der „Vergemeinschaftung“ oder „Vergesellschaftung“ und alle Veränderungen des
„Menschentums“ nur entschlüsselt werden können, wenn die Menschen und die Zurechenbarkeit von Handlungen nicht aus dem Blick geraten und wenn zugleich Wissenschaft bei aller institutioneller Perfektionierung die Angelegenheit von Individuen
bleibt, welche sich in ihren Dienst stellen. Darin sei der paradigmatische Personalismus
Webers begründet.61 Weber62 gab den soziologischen Grundbegriffen Gemeinschaft und
Gesellschaft mit dem Einbezug der unterschiedlichen Handlungsorientierungen eine
neue Fassung.63
Im Wandel gemeinschaftlicher Beziehungen in der Moderne, die vor „Unsicherheiten,
Widersprüchlichkeiten, Flüchtigkeiten, Ambivalenzen und Ambiguitäten nur so strotze“,64 treffen diesen Schwierigkeiten auf moderne Vergemeinschaftungs-Variationen,
die jedoch kaum ein Erklärungsmodell für diese Untersuchung bieten dürften. Im vorliegenden Kontext ist ein genauerer Blick auf die tatsächlichen Mechanismen der Vergemeinschaftung, den dynamischen Prozess, zu werfen. Rosa unternimmt dazu eine
Unterscheidung in eine Innen- und eine Außendimension, um die Herausbildung von
Gemeinschaften genauer zu analysieren.65 Gemeinschaften, gleich welcher Größenordnung, besitzen meist gemeinsame Grundmuster, Werte, Überzeugungen oder Einstellungen. Um den Zusammenhalt gewährleisten zu können und die Gruppenexistenz auf
Dauer zu sichern, bedarf es nach Émile Durkheim eines „solidarischen Bandes“, das
sich auf den gemeinschaftlichen Binnenraum bezieht und die Gemeinschaft von innen
her konstituiert.66 Als Gründe für das Entstehen eines solchen Bandes werden verschiedene Theorieansätze angeboten wie gemeinschaftliche ekstatische Aufwallung67, sich
wiederholende Kulthandlungen68, Einbringung von Vergemeinschaftungsphänomenen,
die die Identifikation mit einer Gemeinschaft befördern, wie Sprachstile, Kleidungscode69. Es liegt auf der Hand, dass gemeinsame Werte und Überzeugungen oder Einstellungen Basis für den Kreisauer Kreis waren, aber auch, dass keiner der oben genannten
Theorieansätze auf den Kreisauer Kreis anwendbar ist. Aber wie ist die Außendimen61
Rehberg, Handlungsbezogener Personalismus 2004, S. 459.
Es ist interessanterweise festzustellen, dass Carlo Mierendorff und sein ganzer Kreis begeisterte Weberianer waren. „Sozialdemokraten als Jünger Max Webers“, in: Halperin, Ernst: Carlo Mierendorff. AdsD,
Signatur 270, S. 3.
63
Lichtblau,Vergemeinschaftung 2000. S. 440.
64
Bauman, Moderne 2007.
65
Rosa, Gemeinschaft 2010. S. 66.
66
Rosa, Gemeinschaft 2010. S. 67.
67
Durkheim, Die elementaren Formen 1994. S. 295 ff.
68
Durkheim, Die elementaren Formen 1994. S. 559.
69
Rosa, Gemeinschaft 2010. S. 73.
62
27
Einleitung
sion für die Vergemeinschaftung konstitutiv? Die Erzeugung eines gemeinschaftlichen
Innenraums verläuft meist auch parallel mit „der Bestimmung einer Grenze, die ein Innen von einem Außen trennt.“70 Rosa betont nach Girard71, „dass das Zustandekommen
einer gemeinschaftlichen Ordnung überhaupt nur durch den strukturellen Ausschluss
von Anderen vollzogen werden kann.“72 Girard benutzt die Figur des Sündenbocks, der
auf der Schwelle zwischen dem Außen und der Ordnung steht, zur Veranschaulichung
für seinen Ansatz. „Er ist zugleich derjenige, der aus der Gemeinschaft ausgeschlossen
wird, der aber zugleich durch diesen Ausschluss die Gemeinschaft zusammenhält und
stiftet. Er übernimmt daher eine zentrale Funktion nicht nur für die Konstitution, sondern auch für die Aufrechterhaltung der Gemeinschaft.“73 Nach Girard funktioniert der
Mechanismus des Ausschlusses wie eine Katharsis, bei der sich die Gemeinschaft reinigt und rehabilitiert und sich so auf Dauer stellen kann.74 Die Exklusionsgestalt wird
im Kontext des Kreisauer Kreises der Nationalsozialismus und der Staatstotalitarismus
sein, die beide fest und klar schon sehr früh von allen im Freundeskreis abgelehnt wurden. Als äußersten Fall der „Grenzziehung zwischen dem Eigenem und dem Fremden“
führt Rosa die „Freund-Feind-Logik“ des Staatsrechtlers Carl Schmitt an75 und nimmt
Bezug auf dessen Frage, „ob das Anderssein des Fremden im konkret vorliegenden
Konfliktfall die Negation der eigenen Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder
bekämpft wird, um die eigene, seinsmäßige Art von Leben zu bewahren.“76 In der Tat,
diese Frage werden sich die Kreisauer oft gestellt haben.
Für diese Arbeit sind weiterhin die dekonstruktivistischen Ansätze der Theorie der Gemeinschaft interessant, denn sie können die Haltung einiger Kreisauer, die sich teils von
dem Kreis trennten, sich gegenseitig voneinander distanzierten oder die sogar zeitweise
oder auch für immer vom Freundeskreis ausgeschlossen wurden, verständlicher machen. Bei dem Phänomen der Dekonstruktion der Gemeinschaft wird u. a auf die „Idee
einer Ursprünglichkeit und jegliche Form einer Einswerdung“ von Nancy zurückgegriffen.77 Gemeinschaft, so Rosa, soll bei Nancy nicht mehr als etwas verstanden werden,
„das man besitzen, verteidigen oder herstellen kann, sondern als etwas, das man immer
schon teilt und das nur unter Anerkennung einer in ihr enthaltenen Kluft überhaupt exis70
Rosa, Gemeinschaft 2010. S. 76.
Girard, Der Sündenbock 1988. S. 176.
72
Rosa, Gemeinschaft 2010. S. 76.
73
Rosa, Gemeinschaft 2010. S. 76.
74
Girard, Ausstoßung und Verfolgung 1992. S. 152.
75
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 80.
76
Schmitt, Der Begriff des Politischen 1996, S. 27.
77
Nancy, Die undarstellbare Gemeinschaft 1988, S. 27 f.
71
28
Einleitung
tieren kann.“78 Die Dekonstruktion der Ursprungsidee bedeutet, zu bestreiten, dass mit
„Gemeinschaften“ bloß etwas benannt wird, was schon da war. Diese Form der Dekonstruktion trifft auf die Gemeinschaft der Kreisauer nicht zu, da diese bewusst konzipiert
wurde, ohne Rekurs auf etwas schon Bestehendes. Der Aspekt der „Dekonstruktion der
Einswerdung“ trifft, wie noch zu zeigen sein wird, jedoch auf den Kreisauer Kreis zu.
Dieser Aspekt richtet sich auf „die Fiktion der verschmelzenden Einswerdung oder Vereinigung“79. Die Herstellung einer kollektiven Einheit ist nach Nancy unmöglich, da sie
alle internen Differenzen negieren und auslöschen müsste.80 Gemeinschaft ist kein identitäres Konzept: „Einem dekonstruktiven Verständnis folgend, setzt eine Gemeinschaft
gerade nicht die vermeintliche Homogenität, sondern eine innere Differenz, eine nicht
einholbare Besonderheit ihrer Mitglieder konstitutiv voraus.“81 Gerade dies musste
Moltke des Öfteren schmerzlich erfahren, wenn wieder mal einige Kreisauer auf Abwegen waren oder er einen Kreisauer nicht für seine Ziele einnehmen konnte und seiner
Frau schrieb: „Der Versuch ihn [Gablentz; A. d. V.] einzuspannen ist […] völlig missglückt.“82
Wie wir gesehen haben, hat sich der soziologische Grundbegriff der Gemeinschaft im
Laufe der Zeit fortentwickelt. Während bei Tönnies noch als „psychologische“ Erklärung wechselseitiges Vertrauen und die Vorherrschaft gefühlsmäßiger Beziehungen
zwischen den Menschen als kennzeichnend gelten, hat Weber den Begriff prozessualisiert und ihn um die Handlungsorientierung, die die Zurechenbarkeit von Handlungen
nicht aus dem Blick geraten lässt, erweitert. In der modernen Auffassung von Gemeinschaft bedarf es eines „solidarischen Bandes“ (Émile Durkheim) in Form gemeinsamer
Grundmuster, Werte, Überzeugungen oder Einstellungen, das sich auf den gemeinschaftlichen Binnenraum bezieht und die Gemeinschaft von innen her konstituiert.
Weiterhin wird die Ansicht vertreten, dass das Zustandekommen einer gemeinschaftlichen Ordnung überhaupt nur durch den strukturellen Ausschluss anderer vollzogen
werden kann. Bei dieser These wird der Sündenbock als Exklusionsgestalt benutzt (René Girard). Nach Wetzel ist Gemeinschaft kein identitäres Konzept, eine Gemeinschaft
setze gerade nicht die vermeintliche Homogenität, sondern eine innere Differenz, eine
78
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 165.
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 165.
80
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 166; Nancy, Die undarstellbare Gemeinschaft 1988, S. 20.
81
Wetzel, Diskurs des Politischen 2003, S. 252.
82
MB (24.10.1942) S. 424.
79
29
Einleitung
nicht einholbare Besonderheit ihrer Mitglieder konstitutiv voraus, die auch zur Dekonstruktion der Gemeinschaft führen kann.
In der Arbeit wird zu untersuchen sein, welche gemeinsamen Werte und Überzeugungen zur Vergemeinschaftung beitrugen und welchen Prozess diese Vergemeinschaftung
bewirkte. Die Beispiele der Dekonstruktion des Kreisauer Kreises zeigen auch die
Schwierigkeiten auf, mit denen der Freundeskreis zu kämpfen hatte.
1.4.2
Exkurs Netzwerk
Nach dem Exkurs über das Phänomen der Vergemeinschaftung soll die Methode der
Netzwerktechnik zur Erhellung der Struktur des Kreisauer Kreises dargestellt werden.
Netzwerkanalyse wird hier nur als Hilfsmittel verstanden, um die komplexe Struktur
des Kreisauer Kreises besser zu verstehen. Es ist nicht die Absicht, mithilfe des vorliegenden historischen Stoffes netzwerkanalytische Theoreme zu untermauern.
Rosa weist darauf hin, dass man seit den 1960er-Jahren im wissenschaftlichen Diskurs
zahlreiche Ersatzbegriffe zu „Gemeinschaft“ findet. In der soziologischen Debatte spreche man von „Gruppen“ und seit den 1990er-Jahren vermehrt von Netzwerken, während
in den Politik- und Kulturwissenschaften der Begriff der „kollektiven Identität“ favorisiert werde.83
Bei der Betrachtung der Genese des Kreisauer Kreises soll deshalb die Gemeinschaft
der Kreisauer auch als Netzwerk verstanden und die sozialwissenschaftliche Methode
der Netzwerkanalyse angewandt werden. „Bei der Bearbeitung der Frage, wie sich soziale Gemeinschaften konstruieren und entwickeln, erfreut sich in den Sozial- und Kulturwissenschaften seit einigen Jahren dieser Begriff des ‚Netzwerkes’ außerordentlicher
Beliebtheit und weiter Verbreitung.“84 Der Begriff Netzwerk ist zunächst eine Metapher85 und der Netzwerkforschung liegt kein einheitlicher theoretischer Bezugsrahmen
zugrunde. „Die geradezu inflationäre Verwendung des Begriffs erklärt sich vor allem
aus seiner Offenheit und inhaltlichen Unbestimmtheit, die […] dann von Nutzen zu sein
scheint, wenn es gilt, komplexe, unübersichtliche und nur schwach regulierte Strukturen
zu beschreiben“, stellt Gorißen fest.86 Diese Methode, besonders in ihrer quantitativen
Form, fand in den letzten beiden Jahrzehnten in der Soziologie eine weite Verbreitung
83
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 53.
Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 159.
85
Pappi, Methoden der Netzwerkanalyse 1987, S. 13.
86
Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 159.
84
30
Einleitung
zur Untersuchung sozialer Strukturen, also der Beziehungen zwischen sozialen Einheiten wie Personen, Positionen, Gruppen oder Organisationen.87
Auf die Historiographie lässt sich die Methode jedoch nicht ohne Weiteres übertragen,
da diese stärker auf das Handeln als auf die Strukturen ausgerichtet ist. Im Folgenden
soll die Netzwerkanalyse beschrieben und auf ihre Tauglichkeit für die Genese des
Kreisauer Kreises untersucht werden.
1.4.2.1 Netzwerkanalyse in der Sozialwissenschaft
Ein Netzwerk wird in Anlehnung an Mitchell88 als eine durch Beziehungen eines bestimmten Typs verbundene Menge sozialer Einheiten wie Personen, Positionen, Organisationen usw. verstanden. Dabei bezeichnet „Netzwerk“ auch Verbände, die nicht auf
formalisierter, verwalteter Mitgliedschaft beruhen, sondern auf persönlicher Bekanntschaft und bestimmten partiellen Gemeinsamkeiten,89 wie wir es bei der gemeinsamen
Widerständigkeit der Kreisauer erleben. Bei dieser Begriffsbestimmung kommt es entscheidend darauf an, welche Beziehung man zulässt. Außerdem ist es wichtig, ob man
die Beziehungen zwischen mehreren Einheiten betrachtet (Gesamtnetzwerk) oder das
Netzwerk aus der Perspektive von ego untersucht (egozentriertes Netzwerk). Ein Netzwerk kann eine Gesamtstruktur abdecken (totales Netzwerk) oder aber, wie meist üblich, eine bestimmte inhaltliche Beziehung zwischen einer Menge von Einheiten (partielles Netzwerk) abbilden. Netzwerke lassen sich formal als Graphen darstellen, wobei
die Knoten den sozialen Einheiten und die Kanten oder Relationen den Beziehungen
entsprechen. Durch diese Visualisierung kann der kognitive Prozess der Netzwerkanalyse unterstützt werden. Für mögliche inhaltliche Beziehungen werden in der Soziologie
unterschiedliche Systematiken angeboten, z. B. die von Knoke und Kulinski90: Tauschbeziehungen oder Transaktionen, Kommunikationsbeziehungen, Gefühlsbeziehungen,
Autoritäts- oder Machtbeziehungen, Verwandtschafts- und Abstammungsbeziehungen.
In den Sozialwissenschaften lassen sich mit dem Instrumentarium der Netzwerkanalyse
Strukturen beschreiben, Modelle der Strukturentwicklung bauen oder individuelles
Handeln kann unter strukturellen Nebenbedingungen untersucht werden. Dabei ist die
Netzwerkanalyse jedoch keine Handlungstheorie und interessiert sich auch nicht systematisch für die Mikroebene sozialer Interaktion. Ihr Fokus richtet sich vielmehr auf
87
Pappi, Methoden der Netzwerkanalyse 1987, S. 11.
Mitchell, The concept and use of social networks 1975, S. 2.
89
Becker, Netzwerke vs. Gesamtgesellschaft 2004, S. 316.
90
Knoke, Network Analysis 1982, S. 15 f.
88
31
Einleitung
aggregierte, häufig emergente Strukturen, die ihrerseits aber aus dem Zusammenspiel
individueller Handlungen entstehen und aus diesen abgeleitet werden.91 Zur Charakterisierung der Netzwerke ist noch festzuhalten, dass auf soziale Beziehungen abgestellt
wird und nicht auf die in der Sozialwissenschaft bislang vorherrschende Schichtenanalyse. Die Netzwerkanalyse versteht Gesellschaftsstrukturen nicht als vorgegebene Einheiten, „sondern als wachsende und sich ändernde Prozesse“92. Die Netzwerkanalyse
fragt nicht nach den Ergebnissen eines bereits vollzogenen Vergesellschaftungsprozesses, sondern danach, wie sich Gesellschaftsstrukturen aus einzelnen sozialen Beziehungen bilden. Das ist ein für die Genese des Kreisauer Kreises wichtiger Aspekt. Damit
weisen soziale Strukturen immer auch eine zeitliche Komponente auf und erscheinen in
netzwerkanalytischer Perspektive als historischer Prozess. Bei der Beschreibung des
Werdens des Kreisauer Kreises und seiner Dekonstruktion ist dies ein essenzieller, zu
beachtender Gesichtspunkt.
Es liegt auf der Hand, dass in der vorliegenden Untersuchung, da die in den Sozialwissenschaften üblichen Interviews unmöglich sind und die Quellenlage beschränkt ist,
kaum auf quantitative Verfahren zurückgegriffen werden kann. Es kommen also nur
qualitative Verfahren der Netzwerkanalyse infrage. Während die Sozialwissenschaft,
insbesondere die Soziologie und Psychologie, in den 60er- und 70er-Jahren eine deutliche Quantifizierung vollzog, kam es Mitte der 70er-Jahre zu einer Renaissance qualitativer Methoden, die Mitte des letzten Jahrhunderts vorgeherrscht hatten. Soziale Netzwerke stellten für die qualitative Sozialforschung zunächst keine eigene methodologische Herausforderung dar. Um in der qualitativen Forschung die Vielschichtigkeit von
Aussagen und die Kontextabhängigkeit von Sinnzuschreibungen besser zu erfassen,
haben sich in den 1980er-Jahren aus Erhebungsinstrumenten für quantitative Analysen
und aus dem „Social Network Mapping“ jedoch auch qualitative Instrumente entwickelt.93 Dabei wurden die beiden Aspekte der qualitativen Verfahren und der Netzwerkanalyse miteinander gekoppelt.
Qualitative Verfahren sind Verfahren, die besonders „dicht“ an den individuellen Akteuren,
ihren Wahrnehmungen, Deutungen und Relevanzsetzungen ansetzen. Demgegenüber
zeichnet sich die Netzwerkanalyse dadurch aus, dass sie als relationaler Ansatz gerade über
die individuellen Akteure, singuläre Deutungen und einzelne Beziehungen hinausgeht –
und die Struktur der Beziehungen zwischen mehreren Akteuren zu ihrem Gegenstand
macht.94
91
Jansen, Einführung in die Netzwerkanalyse 2003, S. 14 f.; Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 162.
Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 162.
93
Straus, Netzwerkanalysen 2001, S. 212.
94
Hollstein, Qualitative Methoden 2006, S. 13.
92
32
Einleitung
Die wohl bekannteste qualitative Netzwerkanalysemethode95 ist die egozentrierte Netzwerkdarstellung, die softwareunterstützt ist und für diese Arbeit besonderes Interesse
findet.
1.4.2.2 Netzwerkanalyse als Instrument der Historiographie
Obwohl zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine systematische Methodologie für historische Netzwerkanalyse vorliegt, gibt es bereits Ansätze, wie diese in der Historiographie nutzbringend angewandt werden kann. Gorißen96 macht in diesem Zusammenhang
auf die Untersuchung von Wolfgang Reinhard aus dem Jahre 197997 aufmerksam, dessen Ziel eine Überwindung strukturgeschichtlicher Engführung sowie eine Fokusverschiebung zugunsten konkreter Handlungszusammenhänge und grundlegender Formen
der Vergesellschaftung war. Dazu benutzte Reinhard die qualitative Netzwerkanalyse
und versprach sich größere begriffliche Klarheit und methodische Schärfe, um verflochtene Wirkzusammenhänge darzustellen. Es liegen trotz dieser Vorzüge bislang nur wenige historische Arbeiten vor, die mit Methoden der Netzwerkanalyse operieren. Für die
frühe Neuzeit konzentrieren sich die vorhandenen Studien auf die Eliteforschung und
auf informelle Kooperationsformen im frühmodernen Wirtschaftsbürgertum.98 Neuerdings wurden auch historische Studien vorgelegt, die die qualitative Netzwerkanalyse
benutzen, um Dokumente unterschiedlicher Formen wie Zeitungsartikel, Gerichtsakten,
Biographien zu analysieren.99 Lenger weist darauf hin, dass in dem Maße „wie die Biographie ihren Gegenstand in immer weiter gespannten sozialen, kulturellen und politischen Kontexten zu verorten sucht, auch allgemeinere Ansätze“100 für sie relevant werden. Dazu zählt er die Netzwerkanalyse, die seit einigen Jahren eine Schlüsselstellung in
der Selbstbeschreibung unserer gegenwärtigen Gesellschaft einnehme.
1.4.2.3 Methodik
Die Beschreibung der Netzwerkmethodologie wird hier beschränkt auf egozentrierte,
partielle Netzwerke, da Gesamtnetzwerke zu komplex sind und bei der Genese des
Kreisauer Kreises die Sicht des Netzwerkes aus der Perspektive von Moltke und Yorck
aufgrund der Quellenlage und der Dominanz dieser beiden am vielversprechendsten ist.
95
Straus, EgoNet.QF. Software.
Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 160.
97
Reinhard, Freunde und Kreaturen 1979.
98
Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 167.
99
Hollstein, Qualitative Methoden 2006, S. 29 f.
100
Lenger, Netzwerkanalyse und Biographieforschung 2005, S. 180.
96
33
Einleitung
Das ego stellen somit Moltke und Yorck dar, wobei ego einen logischen Ort und keine
hierarchische Position bezeichnet.
Egozentrierte101 oder persönliche Netzwerke umfassen, wie schon angemerkt, die direkten Beziehungen einer bestimmten Art, die eine Person (ego) zu anderen Personen (alteri) hat, und die Beziehungen zwischen diesen anderen Personen. Die Art der Beziehung
muss fixiert werden, die Frage des Namensgenerators der alteri stellt sich in unserer
Untersuchung jedoch nicht, da die Genese auf einen Umfang von 20 Freunden festgelegt wurde, also zwei ego und 18 alteri. Bei den Auswertungsmöglichkeiten egozentrierter Netzwerke sieht Pappi u. a. die Charakterisierung der Primärumwelt des Befragten, mit dem Ziel, dessen Verhalten nicht nur mit seinen eigenen Eigenschaften, sondern
auch mit Merkmalen seiner Umwelt zu erklären.102 Will man die Struktur einzelner
egozentrierter Netzwerke multidimensional erfassen, so ist ein Bündel von Angaben
über die Art der Beziehungen zwischen allen Personen des Netzwerkes notwendig.
Mehrere mögliche Strukturparameter wie Kontakt103, Kommunikation, Sympathie104,
Vertrauen, Analyse von Einflussbeziehungen105 lassen sich unter dem Oberbegriff der
„Reichweite“ subsumieren. Ein egozentriertes Netzwerk besitzt Reichweite in dem
Ausmaß, in dem Verbindungen zu ganz verschiedenen alteri hergestellt werden.106 Dieser Aspekt scheint geradezu auf die Heterogenität des Kreisauer Kreises zugeschnitten
zu sein. Der Begriff der Reichweite kann inhaltlich in verschiedenen Hypothesen sinnvoll verwendet werden. Je größer z. B. die Reichweite der Kontakte, umso weniger wird
der Befragte dem normativen Druck ganz bestimmter Milieus unterliegen und umso
besser wird er in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft integriert sein. Dies weist
auch auf das Argument Granovetters107 von der Stärke schwacher Beziehungen hin.
Eine weitere Hypothese setzt die Dichte der Beziehung im Netzwerk ins reziproke Ver-
101
Pappi, Methoden der Netzwerkanalyse 1987, S. 20.
Pappi, Methoden der Netzwerkanalyse 1987, S. 22.
103
Kontakt wird als gegeben definiert, wenn beim Zusammentreffen einer Person mit einer anderen wenigstens ein Mindestmaß an Information bereitgestellt wird; vgl.: Feger, Netzwerkanalyse in Kleingruppen 1987, S. 232.
104
„Unter Sympathie (liking) verstehen wir alle qualitativen Erscheinungsweisen und Intensitäten der
emotionalen Zuwendung und Abwendung einer Person zu oder von einer konkreten anderen Person. Sie
kann sich in Präferenzurteilen äußern oder aus Verhalten geschlossen werden“; in: Feger, Netzwerkanalyse in Kleingruppen 1987, S. 217.
105
Einfluss besteht dann, „wenn in direkter Interaktion zwischen wenigstens zwei Personen entweder mit
voller Absicht des Einflusssenders oder wenigstens doch mit seine Aktionen begleitender Wirkungskontrolle Mittel eingesetzt werden, die auf Erleben und Verhalten des Empfängers wirken sollen“; in: Feger,
Netzwerkanalyse in Kleingruppen 1987, S. 244.
106
Burt, Tertius Gaudens 1983b, S. 177.
107
Granovetter, The strength of weak ties 1973, S. 1360-1380; Granovetter, The strength of weak ties
revisited 1977, S. 347-365.
102
34
Einleitung
hältnis zur Reichweite. „Je weniger dicht die Beziehungen der alteri untereinander, um
so größer die Reichweite von egos Netzwerk, da ihm jeder Kontakt Zugang zu nichtredundanten Ressourcen verschafft.“108 Diese Hypothese wird im Falle Moltkes leicht
verifizierbar sein. Eine dritte Hypothese bringt den Begriff der Reichweite in Beziehung
zu der strukturellen Autonomie des ego, im betrachteten Fall eines Produzenten auf
einem Oligopolmarkt. Dieser besitzt strukturelle Autonomie in dem Ausmaß, als 1. die
Wirtschaftskonzentration in seinem eigenen Sektor groß ist und 2. die Konzentration in
seinen Zulieferer- und Absatzsektoren gering ist. Übersetzt in die Begriffe des egozentrierten Netzwerkes entspricht dem autonomen Individuum der tertius gaudens, der aufgrund der Konkurrenz unter seinen Kontaktpartnern Bedingungen für die Erfüllung von
Rollenpflichten stellen kann.109 Eine Beschränkung der Verhaltensautonomie des ego
aufgrund der Struktur seiner primären Umwelt ergibt sich nach Pappi dann, wenn die
verschiedenen alteri derselben Position oder Sozialkategorie angehören und untereinander eng verbunden sind, während ego gleichzeitig enge Beziehungen zu den alteri hat,
d. h. stark auf sie angewiesen ist. In der Genese des Kreisauer Kreises können beide
Fälle, also hohe Autonomie bei der Abfassung der Grundsatzerklärung vom August
1943110 und, bei der Dekonstruktionsbetrachtung des Kreises, auch eingeschränkte
strukturelle Autonomie nachgewiesen werden.
Ein weiteres Charakterisierungsmerkmal egozentrierter Netze ergibt sich aus der Frage
der Symmetrie oder Asymmetrie von Netzen. Asymmetrische Netzwerke111 sind solche,
die von hoher Zentralität gekennzeichnet sind, rührt doch die Asymmetrie von Informations- und Machtvorsprüngen her, die sich häufig an einem Ort, in einer Person konzentrieren. Dieser Aspekt kann ebenfalls der Untersuchung des Kreisauer Kreises dienlich
sein, z. B. bei der Frage, ob Moltke aufgrund seiner Tätigkeit bei der Abwehr einen Informationsvorsprung hatte, der ihn Macht im Weber‘schen Sinn112 ausüben ließ. Neben
der Frage der Reichweite und der Beziehungstypen ist auch die der Beziehungsstärke113,
der Intensität der auf einer bestimmten Beziehungsebene stattfindenden Interaktionen,
relevant. Weiterhin wird zwischen uniplexer bzw. multiplexer Struktur eines Netzwer108
Pappi, Methoden der Netzwerkanalyse 1987, S. 24.
Burt, Towards a Structural Theory 1982, S. 271-273; Burt, Range 1983a. S. 176-194.
110
Das Verdienst Moltkes ist, dass er mit fester Hand auf eine Zusammenfassung der in den drei Kreisauer Tagungen erarbeiteten Planungsergebnisse hinarbeitete, obwohl festzustellen ist, dass Moltke bei der
Grundsatzerklärung von seinen Vorschlägen teilweise abrücken musste.
111
Lenger, Netzwerkanalyse und Biographieforschung 2005, S. 182.
112
Macht ist nach der bekannten Weber‘schen Definition die Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung
den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht; vgl.
Weber, Wirtschaft und Gesellschaft 1972, S. 28.
113
Gorißen, Netzwerkanalyse 2006, S. 166.
109
35
Einleitung
kes114 unterschieden, d. h. man beschäftigt sich mit der Frage, ob zwei Knoten im Netz
jeweils nur durch eine Beziehung verbunden oder durch vielfältige Beziehungen miteinander verknüpft sind, ob im Extremfall Netzteilnehmer nur ein oder zwei weitere Netzteilnehmer kennen und mit ihnen kommunizieren oder aber nahezu alle Akteure einander bekannt sind. Auch diese Frage ist bei der Genese des Kreisauer Kreises relevant, da
sich einige der 20 Freunde im Kreisauer Kreis nie begegnet sind. Trott z. B., obwohl
zentrales Mitglied des Freundeskreises, hat vermutlich Gablentz, König und Poelchau
kaum oder nie getroffen.
Die intrapersonelle Vergleichbarkeit beschreibt das Verhältnis der alteri zueinander.
Unter interpersonellem Vergleich versteht man die Gegenüberstellung von Netzwerkkarten unterschiedlicher Personen.115 Eine solche Vergleichbarkeit könnte man dadurch
herstellen, dass nacheinander jeder der 20 Kreisauer als ego und die übrigen 19 als alteri begriffen würden. Obwohl das äußerst interessant wäre, muss auf diese interpersonelle Vergleichbarkeit sowohl aufgrund der Datenlage als auch aus arbeitsökonomischen
Gründen verzichtet werden.
Untersuchungsgegenstand in der Netzwerkanalyse ist weiterhin die Teilgruppen-116 oder
Cliquenbildung. Unter einer Clique versteht man eine meist kleine Zahl von Personen,
die untereinander in einer für Außenstehende nicht immer erkennbaren Weise verbunden, aber insgesamt Mitglieder größerer Gruppen sind. Cliquen haben häufig informellen Charakter. Im Gegensatz zu dem meist abwertenden europäischen Sprachgebrauch
soll der in den USA wertfreie Cliquenbegriff im Sinne abgeschlossener Kleingruppen
verwendet werden. Netzwerktechnisch ist darunter jede dichte Region innerhalb eines
Gesamtnetzwerkes, die als Teilgruppe definiert ist, zu verstehen. Auch dieser Aspekt
lässt sich in der vorliegenden Untersuchung verwenden.
Es wurde schon darauf hingewiesen, dass soziale Strukturen immer auch eine zeitliche
Komponente aufweisen. Dies kann man mithilfe von Längsschnittdaten117 abbilden,
indem man Netzwerkkarten einer Person über mehrere Zeitpunkte vergleicht. Da sich
persönliche Beziehungen und Netzwerke verändern, ändern sich sowohl die Zusammensetzung des „Konvois“ von Personen, die Individuen durch ihr Leben begleiten, als
auch die Leistungen dieser Beziehungen. Das sonst zentrale Problem der Identifizier-
114
Lenger, Netzwerkanalyse und Biographieforschung 2005, S. 184.
Hollstein, Netzwerkkarten als Instrument 2010, S. 8.
116
Pappi, Methoden der Netzwerkanalyse 1987, S. 39.
117
Hollstein, Netzwerkkarten als Instrument 2010, S. 9.
115
36
Einleitung
barkeit der Netzwerkpersonen bei Instabilität der Beziehungen über mehrere Befragungszeitpunkte tritt im aktuellen Untersuchungsfall nicht auf, da die infrage stehenden
Personen festgelegt sind.
Bereits angemerkt wurde das interessante Phänomen, das sich aus der Unterscheidung118 starker und schwacher Beziehungen nach Granovetter119 ergibt. Als starke Beziehungen könnte man verwandtschaftliche oder freundschaftliche betrachten, als
schwache Beziehungen dagegen bloße Bekanntschaften. Die Stärke der Beziehung ergibt Hinweise von Zentralität für die Verortung des Einzelnen im Gefüge von Machtbeziehungen.
Fragt man hingegen nach der Effizienz des Netzwerkes insgesamt, erscheinen die starken Beziehungen eher als funktionelles Hindernis. Zum einen binden sie Energien, die
der Beziehungspflege selbst, nicht aber dem Informationsfluss zugutekommen, zum
anderen fördern sie die Entstehung stärker miteinander verbundener Zirkel innerhalb
des Gesamtnetzes, die dazu neigen, sich nach außen abzuschotten und schon dadurch
den Informationsfluss zu hemmen. So gesehen macht die Rede von der Stärke schwacher Bindungen mit Blick auf das Gesamtnetzwerk Sinn, dessen funktionales Ideal die
leichte Austauschbarkeit der einzelnen Netzknoten sein muss.120
Dieses Theorem kann bei der Bewertung der Außenbeziehungen der Freunde des Kreisauer Kreises herangezogen werden. Auch bei der Diskussion um die Dekonstruktion
kann dieser Gesichtspunkt mit Gewinn betrachtet werden, denn einige Kreisauer ließen
sich nicht vereinnahmen und behielten ihre Individualität.
Die Visualisierung des Netzes kann als kognitive Unterstützung der Erhebung bei sozialwissenschaftlichen Untersuchungen dienen. Dies ist gerade bei komplexen Gegenständen, wie es soziale Netzwerke sind, hilfreich. Bei qualitativen Erhebungen, die auf
die Relevanzsetzungen und Handlungsorientierungen der Akteure zielen, dienen Karten
zusätzlich als Medium, anhand dessen über die Beziehung gesprochen wird (Narra-
118
Lenger, Netzwerkanalyse und Biographieforschung 2005, S. 184.
Granovetter, The strength of weak ties revisited 1977: „strength of weak ties: impact of this principle
on diffusion of influence and information, mobility opportunity, and community organization is explored.
Stress is laid on the cohesive power of weak ties”, S. 347; „the strength of a tie is a combination of the
amount of time, the emotional intensity, the intimacy (mutual confiding), and the reciprocal services
which characterize the tie”, S. 348.
120
Lenger, Netzwerkanalyse und Biographieforschung 2005, S. 184.
119
37
Einleitung
tionsgenerator).121 Dies trifft auch bei historischen Ex-post-Erhebungen, wie in diesem
Untersuchungsfall, zu.
Es gibt verschiedene Arten von Netzwerkkarten: unstrukturierte, die als Erzählgenerator
dienen, und strukturierte. Letztere zielen dezidiert auf Vergleiche zwischen verschiedenen Karten. Das bekannteste Verfahren der strukturierten Netzwerkkarten ist die „Methode der konzentrischen Kreise“. Es handelt sich hier um eine Abbildung mit konzentrischen Kreisen, wobei ego in der Mitte des ersten Kreises erscheint. Differenziert nach
dem Grad der Wichtigkeit oder Bedeutsamkeit, je nach den Stimuli, werden dann die
alteri auf den konzentrischen Kreisen eingetragen. Wird z. B. der Stimulus Wichtigkeit
der alteri für das ego erhoben, dann werden diese je nach dem Grad der emotionalen
Nähe auf den konzentrischen Kreisen vermerkt. Die einzelnen Kreise demonstrieren so
die emotionale Nähe oder die Distanz der alteri zum ego. Diese Methode zielt direkt auf
das Relevanzsystem der Befragten ab oder auf das des Historikers, der sich quellenkritisch auseinandersetzen muss. Dieses System lässt sich gut mit verschiedenen qualitativen Erhebungsteilen kombinieren.
Die beschriebene Methode der konzentrischen Kreise kann durch zusätzliche Stilmittel
strukturiert werden, ohne jedoch die Anwendung der Stilelemente im Detail zu standardisieren. Ein Beispiel für diesen Typ ist das Instrument von Straus.122 Bei diesem softwaregestützten Verfahren finden wir neben den konzentrischen Kreisen als weiteres
strukturierendes Element verschiedene Sektoren. Die Bedeutung und Anzahl der einzelnen konzentrischen Kreise muss im Einzelfall festgelegt werden, ebenso die der Sektoren und ob deren Größe bedeutsam ist. Weiterhin muss fixiert werden, ob Mehrfachnennungen in den Sektoren möglich sind. Wegen dieser Offenheit des Systems spricht
man hier von strukturierten und nicht standardisierten Netzwerkkarten. Mit diesem Instrument sind, bezogen auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand, intrapersonelle123 Vergleiche sowie die Erstellung von Längsschnittdaten124 zur Erläuterung des historischen Prozesses möglich. Bei der intrapersonellen Vergleichbarkeit interessiert, wie
bereits erwähnt, vor allem der Vergleich der Distanzen der alteri zum ego sowie das
Verhältnis der alteri zueinander. Die Distanz zum ego wird mithilfe verschiedener konzentrischer Kreise dargestellt. Die Darstellung der Position der alteri zueinander gestaltet sich auf einer zweidimensionalen Fläche jedoch schwierig. Hier bietet die Einteilung
121
Hollstein, Netzwerkkarten als Instrument 2010, S. 2.
Straus, EgoNet.QF. Software.
123
Die sonst üblichen interpersonellen Vergleiche wurden in dieser Untersuchung ausgeschlossen.
124
Vergleich von Netzwerkkarten einer Person über mehrere Zeitpunkte.
122
38
Einleitung
der Karte in Sektoren als teilweise ordnende Maßnahme einen Ausweg. Eine andere
Möglichkeit, welche auf Gruppen und Cliquen innerhalb des Netzwerkes zielt, besteht
darin, die miteinander bekannten oder zu einer Gruppe gehörenden alteri zu umkreisen
und so deren Verbindung graphisch zu kennzeichnen.125
In der Genese des Kreisauer Kreises bieten sich folgende Visualisierungsoptionen an:
Werden des Kreisauer Kreises; Zeit und Mittelsmann beim Zutritt zum Kreisauer Kreis;
Zugehörigkeit zu welcher Untergruppe oder Clique; Häufigkeit der Teilnahme an Treffen; Teilnahme an den Kreisauer Tagungen.
Es wird jedoch auch Fälle geben, wo auf Erkenntnisse der Netzwerkanalysen zurückgegriffen werden wird, ohne dass dies mit den beschriebenen Instrumenten visualisiert
werden kann, wie bei der Betrachtung der Reichweite des Netzes, der Frage der noch zu
behandelnden positiv verbundenen Einflussnetze bzw. der negativ verbundenen Netze
und bei der Betrachtung der Autonomie des ego bzw. der Asymmetrie des Netzes.
125
Hollstein, Netzwerkkarten als Instrument 2010, S. 8.
39
Beschreibung des Kreisauer Kreises
2
Beschreibung des Kreisauer Kreises
In einem ersten Teil soll der Kreisauer Kreis möglichst umfassend in seinem Entstehen,
seinem Wirken und seiner Struktur beschrieben werden. Zunächst ist auf den Prozess
seines Entstehens, auf seine Ziele und seine Mitglieder einzugehen. Dann werden die
heterogene Struktur, die Heterogenität der Abstammung und die Dekonstruktion des
Kreisauer Kreises sowie seine Arbeitsweise und die Dauer seines Bestehens dargestellt.
Die relationalen Beziehungen im Kreisauer Kreis sollen mit dem im Exkurs beschriebenen netzwerkanalytischen Instrumentarium erhellt werden.
2.1
Prozess des Entstehens
Freya von Moltke schreibt in ihren Erinnerungen über den Kreisauer Kreis126: „Das
Ganze ist […] tatsächlich immer ein loser, informeller, namenloser Zusammenschluss
gewesen.“ In den Briefen Moltkes an seine Frau Freya findet man die Bezeichnungen
„Freunde“, mit zunächst unscharfer Gruppenidentität, „unsere Gruppe“, „unser Trupp“,
„meine Garde“, „Freundeskreis“, wobei dieser als ein nicht fest gefügtes, offenes Netzwerk erscheint, mit fließenden Übergängen und komplexen Interaktionen.
Erst im Bericht des Reichssicherheitshauptamtes127 vom 25. August 1944 wird diese
Gruppe in der Folge der Untersuchung zu den Hintergründen des Attentats vom 20. Juli
1944 „Kreisauer Kreis“128 genannt:
Nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen teilt sich der Kreis um Moltke in eine
1. Schlesische Gruppe, 2. Bayerische Gruppe, 3. Berliner Gruppe. Dieser Kreisauer
Arbeitskreis tritt an verschiedenen Orten und in verschiedener Besetzung zusammen,
manchmal im Schloßgut der Familie Yorck im schlesischen Klein-Oels, manchmal in München, in der Pfarrwohnung der Sankt-Michaels-Kirche, der Niederlassung der Jesuiten,
auch im Pfarrhaus der St.-Georg Kirche in Bogenhausen oder im Provinzialat der Jesuiten
in der Kaulbachstrasse; und immer wieder in Groß-Benitz, nicht weit von Berlin, im Guts-
126
Moltke, Freya, Erinnerungen an Kreisau 1997. S. 49.
KB S. 299. Theodor Steltzer vermutet, dass Haubach zuerst den Begriff „Kreisauer Kreis“ bei seinen
Aussagen benutzt habe; vgl. Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 187.
128
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Bemerkung Marion von Yorcks in einem Brief an Roon
1965 über die Kreisbezeichnung: „Ich habe bewusst geschrieben ‚mein Mann und seine Freunde’, weil
die von Freisler erfundene und leichtfertig akzeptierte Bezeichnung ‚Kreisauer Kreis’ nicht ganz der
Situation entspricht. Mit der Bezeichnung ‚Kreis’ wird in dem politischen und sozialen Geschehen bei
uns in Deutschland seit dem Ende des ersten Weltkrieges bis auf den heutigen Tag ein wahres Schindluder getrieben. Sämtliche Erscheinungsformen zugleich kollektiver und zugleich personeller Art, welche
obendrein sich noch die Aura des organisch Gewachsenen geben wollen, werden so bezeichnet. In Wirklichkeit trafen sich hier Männer, die z. T., aber nur z. T. ähnlicher Herkunft, von z. T., aber auch nur z. T.
ähnlichen Meinungen, aber von dem gleichen Ethos und es muß auch negativ ausgedrückt werden, von
dem gleichen Abscheu gegen das 3. Reich erfüllt waren.“ Yorck, Marion von: Brief an Roon, 20.05.1965,
IfZ, ZS/A-18, Bd. 9.
127
40
Beschreibung des Kreisauer Kreises
haus der Familie Borsig. Meistens trifft man sich im Reihenhaus der Yorcks in BerlinLichterfelde in der Hortensienstrasse.129
Demzufolge nannte Trott den Freundeskreis „Hortensienclub“.130 „Der Kreisauer Kreis
hat aber seinen Namen von drei Zusammenkünften in Kreisau, zu denen die Moltkes
eine Reihe ihrer Freunde einluden, damit offene Fragen in Ruhe und unauffällig besprochen werden konnten.“131
Nach dem Frankreich-Feldzug trafen sich Moltke und Yorck, den Moltke zwar von verschiedenen Familienfeiern kannte, zu dem er allerdings bis 1940 keinen besonderen
Kontakt hatte, am 16. Januar 1940 zum ersten Mal persönlich132; sie verständigten sich
rasch und beschlossen, bei den Planungen für die angestrebte geistige und politische
Neuordnung Deutschlands künftig zusammenzuarbeiten. Diese Übereinkunft kann als
Geburtsstunde133 des Kreisauer Kreises angesehen werden. Am gleichen Tag berichtete
Moltke seiner Frau von diesem Treffen mit Yorck, den er in Zukunft „wohl öfter sehen“
werde.134 Freya sagte nach dem Krieg:
Helmuth und Peter Yorck hatten sich zuerst an ihre Freunde um Rat gewandt. Diese brachten neue Freunde hinzu, die Erfahrungen oder Verbindungen hatten, welche die eigenen ergänzten. Dieses Vorgehen war unter den damaligen Verhältnissen das einzig mögliche, weil
solche politischen Diskussionen nur auf der Grundlage vollständigen Vertrauens geführt
werden konnten.135
Später erklärte sie: „… hinter den Einzelnen standen andere Kreise. Damals war es natürlich unbedingt notwendig, den Kern klein zu halten. Dahinter stand ein weiteres
Spektrum, als es der eigentliche Kreis heute erkennen lässt.“136
Steltzer beschreibt nach dem Kriege, wie sich der Freundeskreis dynamisch entwickelte.
Bis Ende 1941 blieben wir ein loser Kreis, der sich um die geistige Seite der Probleme
mühte, aber eine bestimmte politische Programmatik noch nicht entwickelt hatte. Im Winter 1941/42 entstand der Plan, die verschiedenen politischen Sachgebiete gründlicher
durchzuarbeiten. Der Ansatz dieser Arbeit erfolgte zunächst etwas akademisch. Wir wollten
uns ein Bild machen, wie ein anständiges Deutschland aussehen müsste. In diesem Stadium
129
KB S. 387.
Brief von Trott an seine Frau Clarita vom 05.12.1943, zit. nach: Krusenstjern, Trott Biographie 2009,
S. 442.
131
MBF S. 187.
132
MB S. 106. Sie trafen sich, wie Moltke schreibt, bei dem Bruder von Davy, Davida, geb. Gräfin
Yorck, der Frau von Hans Adolf von Moltke, einem Onkel von Helmuth James von Moltke.
133
Mommsen, Die künftige Neuordnung Deutschlands und Europas 1993, S. 5: Es sei seine „Pflicht und
Schuldigkeit“, schrieb Moltke am 15.02.1939 an Lionel Curtis, (BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99,
S. 2.): „den Versuch zu unternehmen, auf der richtigen Seite zu sein, was immer es für Unannehmlichkeiten, Schwierigkeiten und Opfer mit sich bringen mag“. Diese Überlegungen bildeten den Ursprung des
Kreisauer Programms (gerade weil Moltke den Entschluss fasste, nicht nach England zu gehen). Die
ersten Neuordnungspläne, die sich vor allem in der im Sommer 1939 abgefassten Denkschrift „Die kleinen Gemeinschaften“ niederschlugen, gehören in diese Phase.
134
MB S. 106.
135
MBF S. 187.
136
Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg, Widerstand 1993, S. 24.
130
41
Beschreibung des Kreisauer Kreises
verdient unsere Arbeit vielleicht die Kritik, dass sie zu intellektuell bestimmt war. Aus dieser Arbeit erwuchs dann aber eine klare politische Konzeption und ein bestimmter politischer Wille. Wir haben eine Reihe mehrtägiger Arbeitstagungen in Kreisau abgehalten und
das Ergebnis in Niederschriften festgehalten.137
Aus diesen zunächst losen, sich allmählich verdichtenden Kontakten fügten Moltke und
Yorck im Sinne ihrer Vorstellung, „die weniger auf den Sturz Hitlers als auf das Nachher zielte“, eine „Initiativgruppe zusammen, die überwiegend zur jüngeren Generation
gehörte.“138 Darum herum gruppierten sie eine große Schar von „älteren Sachverständigen“139, von denen sie sich bei der Ausarbeitung ihrer Zielvorstellungen beraten ließen.
Zielsetzung war, wie noch näher auszuführen sein wird, sich auf die Stunde des Zusammenbruchs des NS-Regimes vorzubereiten und hierzu „möglichst konkrete programmatische Vorstellungen über die Gestaltung der verschiedenen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu entwickeln und schriftlich zu fixieren“140.
Wie die einzelnen Kreisauer zu diesem Freundeskreis von Menschen verschiedenster
Herkunft sowie unterschiedlichster Weltanschauung und politischen Überzeugungen
stießen, wird weiter unten darzustellen sein. Alle Begegnungen können mithilfe der
Briefe Moltkes an seine Frau Freya rekonstruiert werden. Dabei war der Kreisauer Kreis
keine Organisation mit Mitgliedschaften, Mehrheitsbeschlüssen und festen Statuten.141
Zu dem Kreisauer Kreis gab es u. a. einen Vorläuferkreis142 aus den Jahren 1938/39, der
an einer künftigen Reichsverfassung arbeitete. Um Peter Yorck von Wartenburg, der
1938 während einer Reise ins Sudetenland durch die dortigen Eindrücke in seinem Willen zum Widerstand bestärkt wurde, bildete sich eine Gruppe. Sie setzte sich neben Peter Yorck, dem Initiator des Kreises, u. a. zusammen aus Graf Fritz von der Schulenburg, Nikolaus Graf von Uexküll (damals beim Reichskommissar in Berlin tätig), Cae-
137
Steltzer, Theodor: Die Arbeit des Kreisauer Kreises. Vortrag in der Adolf-Reichwein-Hochschule in
Celle am 09.11.1949. IfZ, MS 629, S. 8 f.
138
Boveri, Verrat 1956, S. 68.
139
Roon, Geleitwort zu: Winterhager 1985, S. 1.
140
Moltke, Albrecht, Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen 1989, S. 78.
141
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 133.
142
Ehrensberger, Otto: Bericht vom 14.07.1962, IfZ, ZS/A-18, Bd. 3, S. 5; Heidötting-Shah, Reichweins
Widerstand 2000, S. 154.
Diese Gruppe setzte sich zum Ziel, Grundsätze für eine neue Reichsverfassung zu erarbeiten, und kam zu
ähnlichen Ansätzen wie die Kreisauer, allerdings mit einem ganz unterschiedlichen Akzent. Die Kriegsumstände und die militärische Verpflichtung einzelner Mitglieder zwangen diese Gruppe, ihre Arbeit
einzustellen; vgl. Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 95 f. Zur Grafengruppe gehörten nach Conze
im Kern: Ulrich von Schwerin-Schwanenfeld, Albrecht von Kessel, Botho von Wussow, Peter Yorck von
Wartenburg, Fritz-Dietlof von der Schulenburg, als einziger Bürgerlicher der Diplomat Eduard Brückelmeier sowie in einem weiteren Umfeld noch Cäsar von Hofacker, Karl Ludwig Frhr. von Guttenberg und
Gottfried von Nostitz; vgl. Conze, Adel und Adeligkeit 2001, S. 286. Siehe auch Schwerin, „Dann sind’s
die besten Köpfe, die man henkt“ 1991, S. 9; Schwerin, Der Weg der „Jungen Generation“ in den Widerstand 1985, S. 463 ff.
42
Beschreibung des Kreisauer Kreises
sar von Hofacker (Industrieller in Berlin, am 20. Juli 1944 beim deutschen Militärbefehlshaber in Paris), Albrecht von Kessel (Legationsrat im AA, im Verlauf des Krieges
beim deutschen Botschafter im Vatikan), Berthold Graf von Stauffenberg (er nahm nur
gelegentlich an den Besprechungen teil). Dieser Kreis löste sich mit der Einziehung
einiger Teilnehmer zum Wehrdienst zu Beginn des Krieges wieder auf.
Der Kreisauer Kreis war natürlich nicht der einzige Widerstandskreis. Schmölders143
nannte fünf militärische und zwölf bürgerliche Widerstandskreise144, auf die nicht näher
eingegangen werden kann. Allein mit dem Goerdeler-Kreis setzte sich der Kreisauer
Kreis Anfang 1943 während der Zuspitzung der Lage und im Vorfeld des Schulterschlusses der Offiziersopposition mit den zivilen Widerstandsgruppen auseinander. Der
Goerdeler-Kreis war in der Zusammensetzung gegensätzlich zum Kreisauer Kreis:
Moltke nannte die Beck-Goerdeler Gruppe die „Exzellenzen“, weil viele von ihnen hohe
Ämter innegehabt hatten. Sie kamen aus der Schicht der Offiziere und Beamten, die die
Jahre vor 1914 bereits als junge Männer miterlebt hatten; die meisten waren zwischen 1919
und 1933 Mitglieder der DNVP oder der DVP gewesen. Moltke hatte dagegen bewusst
Vertreter der Arbeiterschaft und der Kirchen zu den Diskussionen herangezogen, weil diese
beiden Gruppen seiner Meinung nach entscheidend zum Aufbau eines neuen Deutschland
beitragen konnten.145
Die Kreisauer verband die Überzeugung, so Klemperer,
… daß die aus den alten Eliten hervorgegangenen Widerstandsgruppen, insbesondere die
um Beck, Goerdeler und von Hassel, die Tiefe der Krise, in der sich Deutschland befand,
nicht erfassten und daher zu sehr auf Reformen und Aktionen im politischen Bereich konzentriert blieben, statt sich intensiv um geistige Erneuerung zu bemühen.146
Wie Goerdeler und die Kreisauer sich gegenseitig einschätzten, beschrieb Gerstenmaier
mit knappen Worten: „Bei uns galt Goerdeler zwar als ein ehrenwerter, aber an vergangenen Verhältnissen orientierter Mann. Er hingegen hielt […] uns insgesamt für weltfremde Idealisten.“147
2.2
Ziele des Kreises
Peters berichtete 1952, dass die Wehrmacht 1941 ihre gesellschaftlichen Wünsche für
die Zeit nach dem Sieg ausarbeiten wollte. Dies benutzte Moltke als legalen Deckmantel, um seine Pläne zu schmieden. Ziel war es, ein Sofort- und ein Langfrist-Programm
niederzulegen, um vorbereitet zu sein, wenn der Nationalsozialismus am Ende sei. „Irgendwann komme dieser Augenblick sicher“, so Moltke zu Peters,
143
Schmölders, Personalistischer Sozialismus 1969, S. 9 f.
Siehe Schaubild: Die Zusammensetzung des Kreisauer Kreises und seine Verbindungen im deutschen
Widerstand, in: Leugers, Märtyrer o. J., S. 128 f.
145
MBF S. 205.
146
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 56.
147
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 169.
144
43
Beschreibung des Kreisauer Kreises
… er dürfe die Gegner des Regimes nicht unvorbereitet treffen; insbesondere müsse dann
ein Programm vorliegen, das dem die Macht Übernehmenden nicht bloß die Wiederherstellung der Lage vor dem NS, sondern den Aufbau eines sozialen Staates mit einer gerechten
Ordnung und die Durchführung zahlreicher Reformen ermögliche, deren Notwendigkeit der
Einbruch des NS in fast alle Volksschichten deutlich gemacht habe. Wie das nationalsozialistische Regime falle, wurde eigentlich immer als überflüssige Spekulation offen gelassen.
Man unterstellte zunächst, ein angesehener aktiver General werde die Wehrmacht, die ihren
Untergang unter Hitlers Führung immer klarer erkennen werde, zum Handeln veranlassen
und vielleicht Hitler und seine Komplicen festsetzen. Tatsächlich sprach Moltke anlässlich
von Dienstreisen im Inland und im besetzten Gebiete mit verschiedenen Generalen darüber.148
Den Kreisauern ging es also nicht um Umsturz, sondern um die Vorbereitung dessen,
was nach der Stunde X kommen sollte.149 Moltke bemerkte gegenüber Hans Christoph
von Stauffenberg, einem Vetter von Berthold: „Wir sollten uns […] mit der Frage befassen, was geschehen soll, wenn jemand doch Hitler zu Fall bringen sollte oder wenn
er ein Unglück hat. Ein solches Ereignis darf uns nicht unvorbereitet finden.“150 Die
Kreisauer hielten das Vorhandensein eines klaren Aufbauprogramms für umso wichtiger, als andere Widerstandsgruppen sich in Personalfragen und in dem Problem, die
Macht zu erringen, erschöpften.151
Steltzer betonte 1966, dass ihnen eine Einigung vorschwebte, die nicht nur aus der gemeinsamen negativen Haltung gegenüber dem NS, sondern aus einer positiven Übereinstimmung in langfristiger politischer Zielsetzung bestand.
Es ging uns um die geistigen Grundlagen deutscher Politik. Wir kamen aus sehr verschiedenen gesellschaftlichen und konfessionellen Kreisen. Es war für uns alle ein großes Erlebnis, dass sich die hierin liegenden Schwierigkeiten menschlich leichter überwinden ließen,
als wir erwartet hatten.152
Weiter stellte Steltzer fest, Nachkriegsprobleme seien nur mit einer legitimierten deutschen Regierung meisterbar gewesen, das wollte Trott in den USA, Gerstenmaier in
Stockholm, Moltke über Curtis153 nach Großbritannien und auch er selbst am 15. Juli
1944154 gegenüber Curtis darstellen.155
148
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 3. (Unterstreichung übernommen).
149
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 426.
150
MBF S. 156.
151
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 4.
152
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 155.
153
Mowrer, Lilian T.: Brief vom 01.03.1964, IfZ, ZS/A-18, Bd. 5; hier sind auf S. 5 in einer Fußnote alle
Verwendungen von Curtis aufgezählt: “Lionel Curtis has served in the South African War; was acting
Town Clerk of Johannesburg from 1901; Assistant Colonial Secretary to the Transvaal. He was a Fellow
of All Souls and founded the British Royal Institute of Foreign Affairs. He had known Helmuth’s mother
(as a girl, when her father was High Commissioner of Transvaal).”
154
Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 334-347.
155
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 324.
44
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Die fundamentale geistige und politische Erneuerung Deutschlands sollte auf möglichst
breiter sozialer Basis erfolgen,156 um die Immunisierung des deutschen Volkes gegen
die Versuchung totalitärer Ideologien und Gewaltregime, welcher politischer Provenienz und in wessen Namen auch immer, bewältigen zu können. Grundlagen für die
Neuordnung sollten die ethischen Werte des Christentums und die Ideen eines undogmatisch verstandenen Sozialismus sein157; als Träger des Neuaufbaus wurden vor allem
die „freiheitlich gesonnene deutsche Arbeiterschaft und mit ihr die christlichen Kirchen“ angesehen: „Sie allein garantieren in diesem Augenblick auf Grund ihrer fortwirkenden geistigen Überlieferung, daß die Substanz des deutschen Volkes als Kulturnation gewahrt bleibt und sein Zusammenhalt als Staatsnation aus seiner gegenwärtigen
Gefährdung gerettet werden kann“, wie es in der letzten überlieferten Grundsatzerklärung des Kreisauer Kreises vom 09. August 1943 heißt.158 Neben den christlichen Kirchen sollte die Arbeiterschaft die Basis für die Neukonzeption werden. Dieser Bezug ist
bei anderen bürgerlichen Widerstandskreisen in dieser Deutlichkeit nicht gegeben und
muss angesichts der von Paul und Mallmann festgestellten Tatsache, dass die Arbeiterklasse, trotz heroischen Widerstands gegen den Nationalsozialismus aus der Arbeiterschaft, in toto passiv159 blieb, sich mit den neuen Herren arrangierte, an den Aufstiegschancen partizipierte160 und sich partiell sogar in Denunziation, Terror und Massenmord
verwickelte161, begründet werden. Es muss jedoch festgehalten werden, dass es die
Arbeiter waren, die sich als Erste in die mörderische Schlacht gegen Hitlers Totalitarismus stürzten, während die traditionellen Führungsschichten und Funktionseliten bis
1937 zumindest in partieller Systemloyalität verharrten.162 Als Begründung, warum der
Widerstand nicht auf die Arbeiterschaft verzichten konnte, können mehrere Faktoren
angegeben werden. Mommsen führt an, dass die Opposition einer breiteren innenpoliti156
Winterhager, Politischer Weitblick 1987, S. 405.
Winterhager, Politischer Weitblick 1987, S. 408.
158
Erste Weisung an die Landesverweser, in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 315.
159
Dies war auch die Meinung Trotts und Scheffers in einem Memorandum an das State Department vom
14. November 1939: „The working Classes in Germany especially are certain to break through their present attitude of reserve, which is partly due to their defeat in 1933 and also to the fact that they see no
practical alternative to the present international deadlock”; in: Rothfels, State Department 1959, S. 324;
siehe auch Rothfels, Trott und die Außenpolitik 1964, S. 314.
160
Steinberg, Arbeiterschaft 1985, S. 870, 873; siehe auch Broszat, Zur Sozialgeschichte des deutschen
Widerstands 1986, S. 306: „Auch der größte Teil der früher kommunistisch oder sozialistisch eingestellten Arbeiterschaft blieb, nicht zuletzt infolge der plebiszitären Sensibilität, mit der Hitler, Goebbels u. a.
den totalen Kriegseinsatz sozialpolitisch abzufedern wussten, in die patriotische Loyalität gegenüber dem
Regime eingebunden.“
161
Paul/Mallmann, Milieus und Widerstand 1995, S. 19.
162
Broszat, Zur Sozialgeschichte des deutschen Widerstands 1986, S. 299. Es bestand bei den Funktionseliten „partielle Bejahung und Unterstützung des in den [1934] folgenden Jahren noch stark nationalkonservativ stilisierten Regimes.“
157
45
Beschreibung des Kreisauer Kreises
schen Abstützung bedurfte, wollte sie nicht Gefahr laufen, als Außenseitergruppe betrachtet zu werden, und dass eine Überwindung des Klassenkonfliktes angestrebt wurde.163 Es herrschte auch die schrittweise vordringende Erkenntnis, dass es unmöglich
war, einen Umsturz gegen die Kräfte der Arbeiterschaft politisch abzusichern, und man
wollte alles tun, um die Arbeiterschaft als am ehesten oppositionelle Kraft für die geplante demokratische Regierung zu gewinnen.164 Welche Rolle dachte nun der Kreisauer Kreis der Arbeiterschaft zu? In dem Brief an Curtis vom März 1943 hob Moltke zur
Abwehr der „danger of communism“ auf die Arbeiter ab, die noch keine Nazis seien,
das träfe für die Mehrheit der Älteren und der Facharbeiter zu, und die „completely fed
up with all kinds of totalitarismus“165 seien. Der Gefahr der Bolschewisierung sollte die
geplante demokratische Regierung entgegenwirken, die, „um dem Linksradikalismus
den Wind aus den Segeln zu nehmen, innenpolitisch mit einem sehr starken linken Flügel operieren und sich entschieden auf die Sozialdemokraten und die organisierte Arbeiterschaft stützen“166 müsse.
Die der Arbeiterschaft, neben der Kirche, zugedachte Aufgabe wird ebenfalls in der
ersten Weisung an die Landesverweser deutlich, dort heißt es:
Die freiheitlich gesonnene deutsche Arbeiterschaft und mit ihr die christlichen Kirchen vertreten und führen diejenigen Volkskräfte, aus denen heraus der Aufbau in Angriff genommen werden kann. Sie allein garantieren in diesem Augenblick aufgrund ihrer fortwirkenden geistigen Überlieferung, dass die Substanz des deutschen Volkes als Kulturnation gewahrt bleibt und sein Zusammenhalt als Staatsnation aus seiner gegenwärtigen Gefährdung
gerettet werden kann.167
Auch im Aktionsprogramm Mierendorffs, der „Sozialistischen Aktion“, spiegelte sich
die Überzeugung, dass die Zukunft eine Verbindung der beiden Kräfte, die allein
gegenüber dem nationalsozialistischen Chaos resistent geblieben seien – Christentum
und Sozialismus –, bringen müsse.168
Angesichts dieser Herkulesarbeit stellte sich Moltke in einem Brief an Freya die Frage:
„Vor was für riesigen Problemen stehen wir, welcher Gigant kann sie lösen?“169 Man
spürt in seiner Antwort, dass er an seinen Freundeskreis dachte, wenn er fragte: „Ist es
163
Mommsen, Arbeiterbewegung 1989, S. 10 f.
Mommsen, Arbeiterbewegung 1989, S. 23.
165
Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden, 1970, S. 288.
166
Exposé über die Bereitschaft einer mächtigen deutschen Gruppe, militärische Operationen der Alliierten gegen Nazi-Deutschland vorzubereiten und zu unterstützen (Dezember 1943); in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 330.
167
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 315.
168
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 153.
169
MB (16.11.1941) S. 323.
164
46
Beschreibung des Kreisauer Kreises
denkbar, daß eine Gruppe von Durchschnittsmenschen dies schafft? Oder ist es nicht
wahrscheinlicher, daß solch eine Gruppe als daß ein Gigant das fertig bringt?“170
Es ging Moltke für die Stunde X nach Hitler um weit mehr als nur politische Reformen,
nämlich um eine völlige (geistige, moralische, politische) Neuordnung des menschlichen Zusammenlebens, um einen Neuaufbruch der Menschheitsgeschichte.171 Steinbach
betont, dass in letzter Schlüssigkeit sich die dann gefundenen Lösungen auf politische
Axiome beziehen ließen:
Es ging darum, das Bild vom Menschen172 im Herzen der Mitmenschen aufzurichten. Es
ging darum, den hohen, geradezu absoluten Wert des Menschen in der Welt deutlich zu
machen: Staat und Wirtschaft waren seinetwegen da. Kultur und Wissenschaft erhielten
ihre Rechtfertigung aus der Bildungsfunktion. Bildung war kein Selbstzweck, sondern Umstand der Erziehung. Sie hatte zur Gesittung beizutragen. Religion war kein Kitt, sondern
wurde durch ihre hohe Autonomie definiert. Sie ging den Staat nichts an, sondern nur den
Menschen und sein Verhältnis zu Gott. Damit ging es – „Bild im Herzen der Mitmenschen“
– um Gewissen, um Verantwortung, um Vertrauen, zugleich aber um Vertrauensfähigkeit
und Befähigung zur Verantwortung.173
Schon am 15. Oktober 1945 wiesen Marion Yorck und Freya Moltke, noch in Kreisau,
auf die noch näher zu beschreibende Vergemeinschaftung des Kreisauer Kreises hin, als
sie ausführten, dass das gemeinsame Ziel die Basis des Vertrauens schaffte, auf die allein in solcher von Terror bestimmter Zeit diese Arbeit gewagt werden konnte.
Es fanden sich Männer aus den verschiedensten Anschauungs- und Lebenskreisen zusammen: ost-, west- und süddeutsches Gedankengut, Männer der Kirchen und der Schule,
Landwirte, Beamte, Sozialisten aller Färbung. Bei der Gemeinschaft zur gemeinsamen
Arbeit wirkte die Vielfalt der Elemente befruchtend, da die Persönlichkeit des Einzelnen im
Dienst an der gemeinsamen Sache zur eigentlichen Entfaltung gelangte. Jeder Einzelne war
bereit, dem Gesamtbild die eigene Persönlichkeit und Anschauung unterzuordnen, während
wiederum ein Jeder den Beitrag des Anderen im Zusammenspiel der Meinungen wünschte
und anerkannte.174
Das Trachten des Kreisauer Kreises war nicht auf Herrschaft gerichtet, sondern auf die
Klärung einer menschenwürdigen Staats- und Gesellschaftsordnung durch Reflexion.
Sie war erst „im Danach“ zu realisieren – „durchaus nicht nur als Folge eines Umsturzes, sondern ebenso gut als Ergebnis des aus Vaterlandsliebe herbeigesehnten Zusammenbruchs, und d. h.: in der zukunftsoptimistischen Hoffnung auf Einsicht und Bildung,
Moralität und Gewissen.“175
170
MB (16.11.1941) S. 323.
Winterhager, Zukunftsplanung 2009, S. 10 f.
172
Vgl. dazu Müller, Rosenstock-Huessy 1968, S. 68 ff: „Innere Erneuerung des Volkes“– diesen Gedanken der Erneuerung könnte Moltke von seinem Lehrer Rosenstock haben. Rosenstock-Huessy wurde von
der Sorge umgetrieben, im Volke könnten sich die sozialen und kulturellen Gegensätze der Zeit vor dem
Ersten Weltkrieg vertiefen.
173
Steinbach, Gablentz 1999b, S. 66.
174
Yorck, Marion/Moltke, Freya: Ausführungen über den Kreisauer Kreis, datiert Kreisau, den
15.10.1945, BBF/DIPF/Archiv, Reich 57, Bl. 46a.
175
Steinbach, Kreisauer Kreis in seiner historischen Bedeutung 1992, S. 164.
171
47
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Drei Faktoren waren bei diesem Prozess signifikant. Zunächst bestand ein prinzipieller
Unterschied zum Nationalsozialismus; die Kreisauer reagierten nach dem FrankreichFeldzug nicht auf eine krisenhafte Situation und sie wollten nicht in letzter Minute ihre
Haut retten. Sie hegten als Folge ihrer geistigen Autonomie nicht die Absicht, „durch
ihre Auseinandersetzung mit dem NS-Regime und seinen weltanschaulichen Grundlagen die Fehlentwicklungen und Irrungen nationalsozialistischer Politik zu relativieren
oder zu korrigieren, sondern sie standen völlig außerhalb des Wertgefüges, das den Nationalsozialismus ausmachte.“176 Sie klärten ihre Voraussetzungen des Denkens um
ihrer selbst willen, nicht, um eine oder gar ihre ganz persönliche Meinung durchzusetzen. „Es ging ihnen darum, die Voraussetzungen, die Rahmenbedingungen und die
Konsequenzen des Denkens in seiner Vielfältigkeit, auch in seiner Widersprüchlichkeit
scharfsichtig und scharfsinnig zu klären.“177
2.3
Mitglieder des Kreises
Die Frage, wer zum Kreisauer Kreis gehörte, so Freya von Moltke, kann nicht eindeutig
beantwortet werden, schon weil eine formelle Mitgliedschaft im Kreis nicht existierte.
„Es wäre falsch, den Kreis auf diejenigen zu beschränken, die mindestens an einer der
drei Kreisauer Zusammenkünfte teilnahmen. Es gab nämlich auch Männer, die zu bekannt oder zu verdächtig waren und deshalb nicht nach Kreisau kommen konnten.“178
Zum engeren Kreisauer Kreis werden nach Roon179 einhellig folgende Personen gerechnet: Moltke (1907-1945) und Yorck (1904-1944) als Initiatoren und Leiter der Aktivitäten, „die als einzige von allen Aktivitäten wussten“180, die Diplomaten Adam von Trott
zu Solz (1909-1944) und Hans-Bernd von Haeften (1905-1944); die Sozialdemokraten
Julius Leber (1891-1945), Carlo Mierendorff (1897-1943), Theodor Haubach (18961945) und Adolf Reichwein (1898-1944); für die evangelische Kirche Eugen Gerstenmaier (1906-1986) und Harald Poelchau (1903-1972); als Kontaktmann zum Ausland
und vielseitiger Jurist Theodor Steltzer (1885-1967); die Wirtschaftsfachleute Horst von
Einsiedel (1905-1947/8) und Carl Dietrich von Trotha (1907-1952); als Verfassungsund Verwaltungsexperte der Zentrumsmann und Exponent der katholischen Kirche
Hans Peters (1896-1966); von katholischer Seite weiterhin die Jesuitenpatres Alfred
176
Steinbach, Kreisauer Kreis in seiner historischen Bedeutung 1992, S. 165.
Steinbach, Kreisauer Kreis in seiner historischen Bedeutung 1992, S. 165.
178
MBF S. 187.
179
Roon, Neuordnung 1967, S. 56 ff.
180
Roon, Neuordnung 1967, S. 251, Fn. 21.
177
48
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Delp (1907-1945), Augustin Rösch (1893-1961) und Lothar König (1906-1946); der
Staatswissenschaftler Otto Heinrich von der Gablentz (1898-1972), früher dem Kreis
der religiösen Sozialisten181 um Paul Tillich zugehörig, und schließlich die Verwaltungsjuristen und Zentrumsmänner Hans Lukaschek (1885-1960) und Paulus van Husen
(1891-1971).
In den bereits genannten Ausführungen von Marion Yorck und Freya Moltke182 gleich
nach dem Krieg zählten diese König, von der Gablentz, Trotha, Schmölders und Leber
nicht zum engeren Freundeskreis. Später rechnete Freya diese jedoch dem engeren
Kreis zu. Die weitestgehende Abgrenzung des inneren Kerns des Kreises geht von 23
Mitgliedern aus. Hier werden auch Günther Schmölders und zusätzlich Fritz-Dietlof
Graf von der Schulenburg und Ulrich Wilhelm Graf von Schwerin-Schwanenfeld dazugenannt.183 Die Nennung von Leber unter den Mitgliedern wurde von Gerstenmaier
bestritten: „Aus mehreren Gründen sollte man Julius Leber nicht den Kreisauern zurechnen. Ich begegnete ihm zwar, aber er nahm an unserer Arbeit keinen unmittelbaren
Anteil.“184 Andere bezeichnen als „festen Kern“185 des Kreisauer Kreises lediglich die
beiden schlesischen Grafen, die beiden hessischen Sozialisten Mierendorff und Haubach, die Diplomaten Hans Bernd von Haeften und Adam von Trott zu Solz, die Theologen Delp und Gerstenmaier, die Juristen bzw. Nationalökonomen und Offiziere Paulus van Husen, Theodor Steltzer, den Pädagogen Adolf Reichwein und eher gelegentlich
Horst von Einsiedel und Carl Dietrich von Trotha. Die weiteren Ausführungen schließen sich der Auffassung von Roon an und gehen von 20 Kreisauern im engeren Kreis
aus.
181
Zu dieser Richtung, die sich u. a. mit der Zeitschrift „Neue Blätter für den Sozialismus“ verband, gehörten auch Poelchau, Reichwein, Haubach und Mierendorff (Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985,
S. 61). Zum Religiösen Sozialismus als einer geistigen Quelle des Kreisauer Kreises siehe Roon, Neuordnung 1967, S. 35-40 m. w. Nachweisen. Auch Trott stand mit dem Kreis um die „Blätter“ in Verbindung.
182
Yorck, Marion/Moltke, Freya. Ausführungen, datiert Kreisau, den 15.10.1945, BBF/DIPF/Archiv,
Reich 57, Bl. 46-48d; siehe auch: Moltke, Freya, Erinnerungen an Kreisau 1997, S. 138: Hier werden
noch Ernst von Borsig und Eduard Waetjen sowie die Frauen Freya Moltke, Irene und Marion Yorck
mitgerechnet; Cumberledge, A German of the resistance 1946: hier fehlen in der als nicht erschöpfend
bezeichneten Liste der Kreisauer: Trotha, Gablentz und König. Husen zählte gar nur 9 Mitglieder des
Kreises („committee“) auf: Moltke, Yorck, Trott, Gerstenmaier Leber, Reichwein, Mierendorff, Haubach
und sich selbst, in: Husen, Paulus van: Report on my participation in the enterprise of the 20. July 1944,
18.10.1945, IfZ, ZS/A-18, Bd. 12.
183
Moltke-Almanach o. J., S. 1.
184
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 151, Fn.
185
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 132.
49
Beschreibung des Kreisauer Kreises
2.3.1
Werden des Kreisauer Kreises
Nachdem die Mitglieder des engeren Kreisauer Kreises186 benannt wurden, ist es interessant, dem Weg der Bildung des Kreises nachzuspüren. Wer hat wen angesprochen,
aus welchem spezifischen Grund? Wen brauchte man unbedingt, um ein bestimmtes
Erfahrungsfeld oder einen Geisteshintergrund abzudecken? Außerdem ist der Zeitpunkt
des Dazustoßens aussagekräftig. Wir sehen hier eine Spanne von fast fünf Jahren zwischen der Wiederbelebung der Freundschaft aus der Breslauer Zeit sowie der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft 1938 und dem Treffen mit Julius Leber 1943, nachdem im
Dezember 1943 Mierendorff einer Bombe zum Opfer fiel. All diese Punkte sind bedeutsam und geben Hinweise, wenn man die Gründe für die Vergemeinschaftung in den
Blick nehmen will.
Die alten Freundschaften aus der Breslauer und Löwenberger Zeit von 1927 hatte Moltke seit Mitte 1938 wiederbelebt.187 In seinen Briefen aus dieser Zeit begegnen wir den
Namen Peters, Lukaschek, Einsiedel, Reichwein, Gablentz und Arnold von Borsig, bei
dem er Theo Haubach erneut traf. Wohl im Zusammenhang mit diesen ersten Ansätzen
zum Kreisauer Kreis verfasste Moltke Ende 1939/Anfang 1940 die Denkschrift „Die
kleinen Gemeinschaften“188.
Moltke kannte Peters von der Universität Breslau her. Der junge Moltke hörte bei dem
Privatdozenten für Rechts- und Staatswissenschaften Vorlesungen über „Verwaltungsprobleme moderner Industriebezirke“189, die besonders von „sozial eingestellte(n) Studenten“ besucht wurden. Ihn hatte Moltke auch für die Teilnahme an der Löwenberger
Arbeitsgemeinschaft gewinnen können. Neben seiner Tätigkeit als Professor arbeitete
Peters von 1928 bis 1932 als Referent der Hochschulabteilung im preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, zunächst unter dem Zentrumsmann
Carl Heinrich Becker, von dem übrigens Moltke eine beachtliche Spende für die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft einwerben konnte. Nach dem Staatsstreich Papens
186
Es wird hier nicht streng der Nennung der Mitglieder nach ihrer zeitlichen Begegnung mit dem Kreis
der Freunde, wie von Ger van Roon vorgeschlagen, gefolgt, sondern eher dem soziologischen Cluster,
dem sie angehören.
187
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 344.
188 „
Das Wesen einer kleinen Gemeinschaft besteht darin, eine Anzahl von Menschen zu einem ihnen
gemeinsamen Zweck in einer solchen Weise zusammenzufassen, dass sie die Verfolgung ihres besonderen Zwecks als in den Rahmen der großen Gesamtheit gestellt begreifen und sich für die Entwicklung
ihres besonderen Interesses als für einen Teil des Lebens der Gesamtheit verantwortlich fühlen. Die zwei
wesentlichen Bestandteile sind daher der gemeinsame Zweck, der die Mitglieder einer kleinen Gemeinschaft zusammenführt und zusammenhält, und das Gefühl der Verantwortung allen anderen gegenüber“
in: Moltke, Völkerrecht 1986, S. 157 f.
189
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 1.
50
Beschreibung des Kreisauer Kreises
gegen die preußische Regierung vertrat Peters im Oktober 1932 die Zentrumsfraktion
im preußischen Landtag gegen das Reich vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig, wo er
Moltke wiederbegegnete, der als Berichterstatter für eine amerikanische Zeitung am
Prozess teilnahm.190 „Ich wurde auf ihn aufmerksam dadurch, dass er mir seine Visitenkarte schickte mit einem kurzen Glückwunsch im ‚Kampf um die gerechte Sache’.“191
Nach der Machtübernahme der NS suchte Moltke Peters auf, um sich für seine Berufswahl Rat einzuholen. „Er wollte keinesfalls dem nationalsozialistischen Regime irgendwie dienen, auch nicht in oppositioneller Haltung im Staatsdienst.“192 Schließlich
kamen beide in der Zeit bis 1939 „verschiedentlich, aber nicht oft“ zum „Gedankenaustausch“ zusammen. Ende August 1939 wurde Peters „wegen politischer Unzuverlässigkeit“ aus dem Hochschuldienst entfernt und als Hauptmann d. R. in den LWFüStb nach
Berlin eingezogen. Dadurch eröffnete sich ihm die Möglichkeit, die Verbindung193 zu
Moltke, die nie ganz abgerissen war, zu intensivieren. Am 09. Mai 1941 schrieb dieser
an Freya: „Gestern habe ich mit Peters zu Mittag gegessen. Er war so nett wie immer.“194
Auch Lukaschek kannte Moltke aus seiner schlesischen Heimat. Moltke, der 1926 in
Breslau studierte, hatte als Student im Abstimmungsgebiet Oberschlesien für die „Gemischte Kommission“ gearbeitet und dabei Hans Lukaschek, seit 1929 Oberpräsident
der neuen Provinz Oberschlesien, kennengelernt.195 Schon damals nutzte Moltke seine
vielen Kontakte, um ausländische Journalisten, die über die deutsch-polnischen Probleme im Abstimmungsgebiet berichteten196, zu begleiten und diese mit den Problemen des
deutschen Ostens vertraut zu machen. Er fuhr mit ihnen nach Oberschlesien in das umstrittene polnisch-deutsche Gebiet. In Waldenburg führte er ihnen die rückständigen
Verhältnisse des Bergwerkbetriebes vor Augen197. Auf einer dieser Reisen besuchte er
auch den damaligen Oberbürgermeister der neuen Industriestadt Hindenburg, Lukaschek. Dieser berichtete nach dem Kriege, Moltke habe ihn im Sommer 1938 zwischen
Juni und Mitte August, noch vor der Münchner Konferenz, besucht und ihm dabei von
den Kriegsvorbereitungen Hitlers, wie dem geplanten Angriff auf die ČSR, aber auch
190
Ullrich, Kreis 2008, S. 53 f.; Trott, Levin, Peters und der Kreisauer Kreis 1997, S. 152, es handelte
sich um die Chicago Daily News, siehe MBF S. 56f.
191
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 1.
192
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 1.
193
Ullrich, Kreis 2008, S. 54; Moltke, Völkerrecht 1986, S. 78.
194
MB S. 241.
195
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 340.
196
Ellmann, Lukaschek2000, S. 21 f.
197
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 29, Fn. 19.
51
Beschreibung des Kreisauer Kreises
von dem geplanten Staatsstreich berichtet, als dessen führende Köpfe er Beck, Halder
und Goerdeler genannt habe.198
Es sei nun an der Zeit, daß erfahrene Männer, die in der Öffentlichkeit noch Ansehen genossen, sich zusammenfänden, um voller Ernst zu überlegen, wie eine Regierung nach Hitler aussehen sollte und müsste. Dabei legte er dar, daß es notwendig sei, ganz neue Fundamente aufzubauen, weil die alten stark erschüttert seien.199
Lukaschek wird von Freisler in Verhandlungen Anfang Januar 1945 als „Systemgröße“
bezeichnet.200 Schäffer201 berichtete 1964, dass er bereits bei einem Treffen 1938 in
Schweden von Lukaschek über den Kreisauer Kreis gehört habe. Das zeigt zum einen
die Bedeutung Lukascheks, zum anderen seine lange Zugehörigkeit zum Freundeskreis.
Moltke kannte auch Paulus van Husen schon seit Ende der 20er-Jahre aus dessen Zeit
in der Gemischten Kommission.202. Als Husen im Mai 1940 seinen Dienst als Rittmeister d. R. beim OKW/Wehrmachtsführungsstab in Berlin antrat, traf er Moltke im Dienst.
In der Standortstaffel des OKW war Husen der Quartiermeisterabteilung zugeteilt. Er
leistete dort Bürodienst und war als stellvertretender Leiter der Abteilung für personelle
und materielle Leistungsgesetze zuständig.203 Darunter fielen Beschlagnahmungen von
Gebäuden. Wo er konnte, half er den Kirchen und karitativen Einrichtungen.
Selbst sagte Husen nach dem Krieg:
Ich kannte Moltke lose von früher durch meinen Kattowitzer Amtsvorgänger den späteren
Botschafter Hans Adolf von Moltke, der mit der Schwester von Yorck verheiratet war. Als
ich im Frühjahr 1940 zum OKW kam, traf ich dort Moltke wieder und allmählich wuchs
unsere Verbindung. Die enge Zusammenarbeit datiert etwa von Ende 1941.204
Moltke erwähnt Husen in seinen Briefen erstmalig am 15. Juni 1942205 eher beiläufig,
ohne ihn besonders vorzustellen, was doch auf die längere Bekanntschaft aus Schlesien
hindeutet.
Einsiedel206 und Trotha, ein direkter Vetter Moltkes, waren zusammen mit Peters und
Moltke 1927 Mitbegründer der „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft“207 um den Professor Rosenstock-Huessy, die den politisch-sozialen Spannungen im schlesischen Industrierevier Waldenburg die „Zusammenarbeit von Akademikern, Bauern und Arbeitern in
198
MBF S. 79.
Lukaschek, Widerstandsbewegung im Dritten Reich 1959, S. 94.
200
Gerstenmaier, Zwei können widerstehen 1992, S. 111.
201
Schäffer, Hans: Meine Erinnerungen an Hans Lukaschek. Oktober 1963, IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 5.
202
Schindler, Husen1996, S. 23.
203
Schindler, Husen 1996, S. 24.
204
Husen, Paulus van: Brief an Roon, 30.04.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 2.
205
MB S. 380.
206
MB (20.02.1940) S. 118 „… nachher kommt Einsiedel“.
207
Auf die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft und deren Protagonisten wird weiter unten noch näher
eingegangen.
199
52
Beschreibung des Kreisauer Kreises
freiwilligem Arbeitsdienst“ entgegensetzte.208 Moltke war sowohl seine Vertrautheit mit
beiden als auch deren wirtschaftswissenschaftlicher Sachverstand wichtig.
Peter Graf Yorck von Wartenburg stammte wie Moltke aus einer berühmten preußischen Familie. Eine seiner Schwestern war, wie schon bemerkt, mit dem Botschafter
Adolf von Moltke verheiratet. Aus diesem Grunde begegneten er und Moltke sich gelegentlich.209 Sie hatten zwar zur gleichen Zeit in Breslau studiert und hatten beide an den
schlesischen Arbeitslagern teilgenommen, waren sich aber in diesen Tagen nicht nähergekommen.210 Gerstenmaier schrieb in seinen Erinnerungen:
[…] erst nach Kriegsbeginn211 entwickelte sich zwischen den beiden jener Kontakt, der sich
offenbar sogleich auf theoretische Fragen von grundsätzlicher Bedeutung konzentrierte.
Ihre Familienbeziehungen […] wurden daneben belanglos. Ich habe auch später, als ich mit
ihnen lebte, nicht beobachtet, daß sie zwischen ihnen eine Rolle spielten. Sie siezten sich.
Sie verkehrten miteinander freundschaftlich leger, aber von familiärer Intimität war keine
Rede. Die Übereinstimmung in fundamentalen Fragen ihres Denkens und Handelns war
groß, aber sie waren unverwechselbar verschieden.212
Die von Gerstenmaier zitierten theoretischen Fragen bezogen sich auf die häufigen
Unterhaltungen zwischen Moltke213 und Yorck zu Beginn des Jahres 1940 über den
Staat.214 Seit 1939 hatte sich Schulenburg215 mehrfach zu diesem Thema – auch noch
während der ersten Tage des Westfeldzuges – mit Moltke und Yorck getroffen. Vielleicht könnte man sagen, dass Schulenburg Moltke und Yorck zusammenbrachte. Anzumerken ist, dass zu dieser Zeit sowohl Yorck als auch Moltke sich bereits in eigenen
Freundeskreisen Gedanken über die Zukunft machten. Der später von der Gestapo als
„Grafengruppe“ bezeichnete schon erwähnte Freundeskreis Yorcks und der bereits bestehende Freundeskreis Moltkes gingen aber nicht etwa im Kreisauer Kreis auf, es gab
jedoch Verbindungen. Freya von Moltke begründete dies so:
Moltke hat nie der „Grafengruppe“ angehört. Er war diesen Männern eher fremd. Sie fanden, es fehle ihm an Treue zu seinem Stand und zu seinem Land, und sie sahen in ihm
einen Theoretiker. Er hingegen war der Meinung, dass sie den Umfang der Veränderungen
nicht erkannten, die in Deutschland, ja in ganz Europa durch den Krieg hervorgerufen würden.216
208
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 1.
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 160, Fn. 1.
210
MBF S. 110.
211
An dem Polenfeldzug nahm Yorck als Leutnant d. R. teil; vgl. MBF S. 111.
212
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 183.
213
Berlin, 16.01.1940: […] Zu Mittag habe ich mit Peter Yorck, dem Bruder von Davy [Hans Adolf von
Moltkes Frau; A. d. V.] gegessen, oder vielmehr bei ihm […] Ich glaube wir haben uns sehr gut verständigt und ich werde ihn wohl öfters sehen; in: MB S. 106.
214
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a. S. 116 ff.
215
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 160, Fn. 2; Krebs, Schulenburg1964, S. 194; Mommsen, Fritz-Dietlof
Graf v. d. Schulenburg 1984, S. 236.
216
MBF S. 111.
209
53
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Das Arbeitsverhältnis von Moltke und Yorck gestaltete sich trotz ihrer Verschiedenheit
sehr eng.217
Bereits im Sommer 1940 hatte Moltke seine Bekanntschaft mit Reichwein reaktiviert
und erwähnte ihn in seinem Brief an Freya am 28. Juni 1940 das erste Mal: „Ich werde
Reichwein systematisch pflegen.“218 Sie kannten sich seit dem ersten Löwenberger
Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten im März 1928 in Niederschlesien.219
Adolf Reichwein war bis 1933 Professor der Pädagogischen Akademie in Halle. Willi
Brundert220, der spätere Oberbürgermeister von Frankfurt a. M., den Reichwein in den
Jahren zwischen 1930 und 1933 in Halle/Saale kennengelernt hatte, brachte ihn mit dem
ehemaligen SPD-RT-Abgeordneten Carlo Mierendorff, den er ebenso wie Theo Haubach seit 1930/31 aus dem Beirat der „Neuen Blätter für den Sozialismus“ kannte, und
Julius Leber zusammen, die wiederum in Kontakt zu anderen Gesinnungsgenossen wie
Leuschner und Maass standen.221 Reichwein führte 1941 Carlo Mierendorff und Theo
Haubach sowie Leuschner und Ende 1943 Julius Leber in den Kreisauer Kreis ein. „Sie
vertraten nicht marxistische Religionskritik, sondern gehörten zu den religiösen Sozialisten oder standen doch der Religion aufgeschlossen, teilweise aber den Kirchen kritisch gegenüber.“222 Zimmermann weist darauf hin, dass Reichweins Biographie223 eine
Reihe ähnlicher Stationen und damit korrespondierend Übereinstimmung in der Einschätzung grundlegender gesellschaftspolitischer Fragen aufzeige, wie sie für Haubach
fixiert wurden: Wandervogel, Kriegsfreiwilliger, Mitglied eines George-Kreises, eine
konsequent antiwilhelminische Einstellung und Befürworter einer Verständigung mit
dem französischen Nachbarn.224 Wie aus den Briefen Moltkes an Freya hervorgeht,
nimmt Reichwein sehr intensiv an der Arbeit des Kreisauer Kreises teil. Durch seine
reiche Erfahrung in der Erwachsenen- und Schulpädagogik, aber auch durch seine
Kenntnisse über Wirtschaftsfragen war er für Moltke ein wichtiger Gesprächspartner.225
217
MB S. 287.
MB S. 150.
219
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 423.
220
Willi Brundert war von 1931 bis 1933 Vorsitzender der sozialistischen Studentenschaft an der Universität Halle.
221
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 422.
222
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 370.
223
Zimmermann, Haubach 2004, S. 382.
224
Henderson, Reichwein 1958, S. 32.
225
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 157.
218
54
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Otto Heinrich von der Gablentz, der sich übrigens erst in einer Rezension über Roon im
Jahre 1968 als Widerständler des Kreisauer Kreises zu erkennen gab226, lernte Moltke
nicht 1929 in Schlesien, als Einsiedel Gablentz wohl zu einem Vortrag über Industriebürokratie227 für Löwenberg gewonnen hatte, sondern erst 1940 kennen.228 Einsiedel
kannte Gablentz auch aus dessen Dienst als wissenschaftliche Hilfskraft des statistischen Reichsamtes.229 In seiner autobiographischen Skizze bemerkte Gablentz:
Anfang 1940 brachte mich Einsiedel mit Moltke zusammen. Er wollte mich zunächst in
einem Marinestab unterbringen; das zerschlug sich, weil die Kriegsereignisse die vorgesehene Tätigkeit überflüssig machten. Ich habe dann bis zu Moltkes Verhaftung in enger persönlicher Verbindung mit ihm und Yorck, Haeften, natürlich auch mit Steltzer gestanden.
Nach Kreisau bin ich trotz mehrfacher Einladung nie gekommen; es gab jedes Mal dringende dienstliche Verpflichtungen dazwischen. Nach Moltkes Verhaftung lockerte sich die
Verbindung.230
Es gab wohl mehrere Gründe, warum Moltke an einer Mitarbeit von Gablentz Interesse
hatte. Im Moltke-Gesprächskreis war Martin Gauger, Justiziar der Bekennenden Kirche,
ausgefallen231 und Moltke suchte nach einem weiteren kompetenten Vertreter der evangelischen Kirche. Trotz Meinungsverschiedenheiten mit Gablentz im Laufe des Jahres
1940 nahm er das Gespräch mit diesem im Juni 1941 gezielt wieder auf232, weil er ihn
sich selbst und Yorck „weit überlegen“ sah, „daß er von der konkreten Lage der protestantischen Kirche und von der Theologie immerhin etwas versteht“233. Inzwischen war
im Mai 1941 mit Hans Bernd von Haeften ein weiterer engagierter Protestant zu dem
Kreis gestoßen. Gablentz war dem Kreisauer Kreis auch ein wertvoller Wirtschaftsfachmann. Als Staats- und Wirtschaftsexperte234 hatte er an internationalen Wirtschaftskonferenzen in Basel (1931), Lausanne (1932) und London (1933) teilgenommen. Nach
der Machtübernahme musste er 1934 aus dem Reichswirtschaftsministerium ausscheiden und wechselte zur „Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie“, wo auch Einsiedel
arbeitete. Somit waren über Einsiedel Verbindungen zur Arbeitnehmer- wie Arbeitgeberseite und zur Wirtschaftsverwaltung gegeben. „Diese Gruppen mussten zusammengebracht werden, um Klassengegensätze zu überbrücken. Eine neue Wirtschaftsverfas-
226
Steinbach, Gablentz 1999b, S. 67
Steinbach, Gablentz 1999b, S. 63.
228
Gablentz, Otto von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 4.
229
Steinbach, Gablentz 1999b, S. 64.
230
Gablentz, Otto von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 4.
231
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 112. Martin Gauger wurde wegen Kriegsdienstverweigerung 1941 von
den Nazis ermordet, nachdem er 1940 aus Deutschland in die Niederlande geflohen war. Er hat also nicht
Selbstmord begangen, wie Harpprecht behauptet.
232
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 357.
233
MB (23.07.1941) S. 275; S. 380.
234
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 163; siehe auch Gablentz’ Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18,
Bd. 13, S. 2.
227
55
Beschreibung des Kreisauer Kreises
sung, die von allen gebilligt werden konnte, musste vorbereitet werden, eine Wirtschaftsordnung, die eine Zusammenarbeit der europäischen Länder anstrebte.“235 Aufgrund dieses Erfahrungshintergrundes ergab sich Gablentz‘ Teilnahme an dem vorbereitenden Briefwechsel für die erste Denkschrift und überhaupt der Kreisauer Arbeit.236
Der Michaelsbruder Gablentz war der Sohn eines preußischen Offiziers und einer aus
alter Hugenottenfamilie stammenden Mutter.237 Gablentz wiederum führte im August
1940 den früheren Landrat des Kreises Rendsburg, Theodor Steltzer, bei Moltke ein.
Carlo Mierendorff wird erstmals in einem Brief Moltkes vom 24. Juni 1941 erwähnt.238
Wahrscheinlich war es, wie schon gesagt, Reichwein, der Mierendorff mit Moltke bekannt machte. In den Briefen Moltkes an Freya werden Reichwein und Mierendorff
häufig gemeinsam genannt, sie waren eng befreundet. „Mit der Bekanntschaft Moltkes
mit Mierendorff war die personelle Voraussetzung für den Einbau der Arbeiterschaft in
die Kreisauer Planungen geschaffen“239, insofern, als Mierendorff schon Ende 1941 die
Verbindung der Kreisauer zu Wilhelm Leuschner, dem früheren Vorsitzenden des Allgemeinen Gewerkschaftsbundes, mit dem Mierendorff zeitweilig im KZ saß240, und
später dann im Sommer 1943 zu Julius Leber herstellte.
Mierendorff, der seit den 1920er-Jahren als Sozialdemokrat gegen das Erstarken der
NSDAP kämpfte, floh nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Er wurde im
Juni 1933 verhaftet und bis zum Jahre 1938 ins KZ geschickt. Nach der Haftentlassung
war er bei der BRABAG241 beschäftigt.242 So konnte er sich in Berlin, dem Zentrum des
Widerstandes der Sozialdemokraten, aufhalten und die Kontakte zu jenen halten und
ausbauen, die im Zentrum der Macht standen und von dort aus eine Alternative zum
NS-Staat entwickeln wollten. In Berlin lebten alte Darmstädter Freunde und Bekannte,
hier fand er neuen Kontakt zu Leber und Reichwein. Auch wenn der Südhesse immer
öfter nach Leipzig und Sachsen fahren musste, so versuchte er, die freien Wochenenden
in Berlin zu verbringen.243 Hier traf er auch mit Moltke zusammen244, den er bereits
235
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 153.
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 96.
237
MB S. 256.
238
MB S. 287.
239
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 425.
240
MB (15.12.1941) S. 338, Fn. 2.
241
Braunkohlen-Benzin-Aktiengesellschaft.
242
Steinbach, sozialistische Aktion 1997, S. 25.
243
Albrecht, Der militante Sozialdemokrat 1987; S. 198.
244
MB (03.07.1941) S. 260.
236
56
Beschreibung des Kreisauer Kreises
1927 im Haus des Freundes Carl Zuckmayer in Hendorf bei Salzburg als 20-jährigen
jungen Mann kennengelernt hatte245, woran sich Moltke aber nicht mehr erinnerte246.
Wie einer Anmerkung247 der Edition der Moltke’schen Briefe zu entnehmen ist, erwähnte Moltke Haubach im November 1938 einmal kurz und apostrophierte ihn als
„Reichsbannerführer“, dem er während einer Abendgesellschaft bei Ernst von Borsig
begegnet sei. Auch Haubach hatte Moltke schon 1927 im Hause Zuckmayers kennengelernt.248 Zu einer Zusammenarbeit kam es aber noch nicht. Während von den Dioskuren249 Mierendorff sich schon 1941 an den Gesprächen mit den Kreisauern beteiligte,
folgte ihm sein enger Freund seit Jugendtagen, Theodor Haubach, aber erst ab 1942.
Wegen seiner KZ-Haft von 1934 bis September 1936 in Esterwegen-Börgermoor, wo
der Mitbegründer des „Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold“ und Mitarbeiter in der
„Eisernen Front“ Carl von Ossietzky und Julius Leber begegnete, und nach Verhaftungen nach Kriegsbeginn war der Sozialdemokrat Haubach sehr vorsichtig. Erst im Lauf
des Jahres 1942 konnte ihn Mierendorff dazu bewegen, „aus der selbst gewählten Isolation herauszutreten und sich wieder aktiv am Widerstand gegen Hitler zu beteiligen.“250
Moltke wusste, dass der Kreisauer Kreis ohne die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Repräsentanz seine Arbeit einstellen könnte. Sie waren zusammen mit den
Kirchen Moltkes Hoffnung für die Zukunft. Mit Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern hatte Moltke bereits aus der Zeit der schlesischen Arbeitslager Kontakt. Nun wurden Adolf Reichwein, Carlo Mierendorff, Theodor Haubach und Wilhelm Leuschner
seine ständigen Gesprächspartner.251 Haubach nahm an der 2. Kreisauer Tagung teil und
aus dem Brief an Freya vom 10. August 1943252 kann man auf intensivste Kontakte im
Juli 1943 schließen, bevor am 09. August die Grundsätze verabschiedet wurden. Mittlerweile nahm Haubach mit Mierendorff die Stellung von Leuschner und Maass ein, die
wegen der Gewerkschaftsfrage zum Goerdeler-Kreis gestoßen waren.
Theodor Haubach, Julius Leber, Carlo Mierendorff und Kurt Schumacher werden zu
den militanten Sozialdemokraten in der Weimarer Republik gezählt.253 Mit einer weite-
245
Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir 2007. S. 73 ff, S. 324.
MBF S. 89.
247
MB S. 426, Fn. 1.
248
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 317.
249
Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir 2007, S. 331.
250
Ullrich, Kreis 2008, S. 44.
251
Maier, Der Kreisauer Kreis im deutschen Widerstand 2007a, S. 2.
252
MB S. 523.
253
Zu „militanten Sozialisten“: Mierendorff, Aufbau der neuen Linke 1932a, S. 123.; Beck, Zum Selbstverständnis der „militanten Sozialisten“ 1986, S. 87-123.
246
57
Beschreibung des Kreisauer Kreises
ren bedeutenden Persönlichkeit des Kreisauer Kreises, dem Juristen und Beamten des
Auswärtigen Amtes Adam von Trott zu Solz, wurden Haubach und Mierendorff vermutlich bereits zu Anfang der 30er-Jahre im Umfeld der „Neuen Blätter für den Sozialismus“ bekannt.254
Mit Trott, dem Jüngsten unter den Kreisauern, führte Moltke255 ab August 1940 immer
wieder Gespräche gemeinsam mit Gablentz, Reichwein und Einsiedel. Seiner Frau
Freya schrieb er am 16. November 1941: „Mittags aß ich bei Trotts …“256 Trott und
Moltke kannten sich seit 1936, sie trafen sich das erste Mal zufällig bei einem Mittagessen im All Souls College257 in Oxford, wo beide studiert hatten. Diese Szene beschreibt
der englische Historiker und Freund Trotts Alfred Leslie Rowse, der beide zusammengeführt hatte, mit den Worten: „I shall never forget the mutually appraising, slightly
suspicious look the two gave each other in the increasing dangers of the late thirties.”258
Für Trott, wie übrigens auch für Moltke, der ihm ein naher Freund werden sollte, war
das angelsächsische Element der Herkunft nichts Beiläufiges. „Jedenfalls war es kein
Zufall, daß Trotts geistiges Interesse und seine praktisch-politische Energie sich sehr
wesentlich auf das deutsch-englische Verhältnis als ein ‚Hauptthema seines Lebens’
richten wird“259, heißt es in dessen Kurzvita von Hans Rothfels. Clarita von Trott erinnert sich, dass Adam, bevor er 1939 nach Amerika ging, Moltke aufgesucht habe, um
von ihm eine Empfehlung für Brüning zu bekommen, den er dort wegen seiner geplanten Initiativen in den USA besuchen wollte.260,
„Adam von Trott war neben Moltke der aktivste unter den vortrefflichen Leuten der
ersten Garnitur des Kreisauer Kreises“261, so Furtwängler. Nach Moltkes vorzeitiger
Verhaftung im Januar 1944 lag vornehmlich bei Trott der Zentralpunkt für alle Vorbereitungen des aktiv gebliebenen Teils der Kreisauer zu der Juliaktion und für die Ver-
254
Schott, Adam von Trott 2001, S. 83.
Ullrich, Kreis 2008, S. 60.
256
MB S. 323.
257
Durch seine Bekanntschaft mit Lionel Curtis wurde Moltke ins All Souls College eingeführt, wo er
einflussreiche britische Persönlichkeiten kennenlernte: Lord Lothian und Lord Astor.
258
Mowrer, Lilian T. Brief an Roon, 01.03.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5, S. 5. Mowrer zitiert hier Rowse
Buch Appeasement, 1961.
259
Trott, Hegel 1967, S. VI.
260
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 223.; Franz Josef Furtwängler (1894-1965) war ein deutscher Gewerkschafter und Politiker (SPD). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde
Furtwängler von Mai bis Oktober 1933 in „Schutzhaft“ genommen. Er emigrierte 1934 nach Ungarn und
arbeitete dort als Erdölingenieur. 1938 kehrte er nach Deutschland zurück. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er Kontakte zum Kreisauer Kreis; Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 139.
261
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 223 ff.
255
58
Beschreibung des Kreisauer Kreises
bindung mit den Militärs und dem Oberst von Stauffenberg, wobei Trott von seinen
Freunden Hans von Haeften und Alexander Werth klug und furchtlos unterstützt wurde.
Am 17. September 1941 lesen wir in dem Brief Moltkes an seine Frau Freya: „Heute
Mittag esse ich mit Steltzer, dem Mann aus Norwegen.“262 Es war, wie bereits erwähnt,
Gablentz, Michaelsbruder wie Steltzer, der im August 1940 den früheren Landrat des
Kreises Rendsburg bei Moltke einführte.263 Theodor Steltzer hatte schon vor 1939 über
die Arbeitslagerbewegung264 erstmals durch Gablentz von Moltke gehört265, „als eines
Mannes, den ich kennenlernen müsse“266. Bei Steltzers Versetzung am 01. August 1940
als Generalstabsoffizier nach Norwegen forderte Gablentz diesen erneut auf, Moltke
kennenzulernen. „Moltke habe einen weiten Überblick über den Kreis von Persönlichkeiten, die wie wir den NS radikal ablehnten.“267 Steltzer traf Moltke dann bei seinen
zahlreichen Reisen nach Berlin häufig. Für Moltke war Steltzer wertvoll, da er zunehmend ab 1933 aktiv in der kirchlichen Arbeit war, er war Sekretär der evangelischen
Michaelsbruderschaft268. Außerdem hielt Steltzer als Oberstleutnant und bevollmächtigter Transportoffizier im Generalstab des Wehrmachtsbefehlshabers Norwegen Verbindung zwischen dem deutschen und dem norwegischen Widerstand.269
Ab Mai 1941 nahm Hans Bernd von Haeften, von Trott und Yorck eingeführt, an den
Beratungen des Kreisauer Kreises teil.270 Vom 15. Mai 1941 an erwähnte Moltke immer
wieder Zusammenkünfte mit Haeften. Nachdem dieser im September 1940 von Bukarest als Legationssekretär abberufen worden war, fing er im Oktober als stellvertreten262
MB S. 289.
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 163. Fn. 1.
264
Steltzer, Theodor. Brief vom 07.12.1961. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 1.: „Mit der Löwenberger Arbeitslagerorganisation bestand eine lose Verbindung, da wir in Schleswig-Holstein auch ähnliche Arbeitslager
veranstalteten. Verbindungsmann war hier Dehmel“; Moltke, Völkerrecht 1986, S. 50 f.: Hans Dehmel
unterschrieb zusammen mit Moltke und Einsiedel die Einladung für die Begegnung vom 27. bis
30.10.1927 in Löwenberg über das Thema „Die Notstände im Landeshuter, Waldenburger, Neuroder
Revier“.
265
Steinbach, Gablentz 1999b, S. 64.
266
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 124.
267
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 148.
268
Zur Michaelsbruderschaft vgl. Gablentz, Geschichtliche Verantwortung 1952, S. 77. Die evangelische
Michaelsbruderschaft, die aus der Berneuchener Bewegung hervorging, wurde unter Federführung von
Karl Bernhard Ritter (1890-1968) und Wilhelm Stählin (1883-1975) von 22 Männern im September 1931
in der Marburger Universitätskirche gegründet. In ihrer Gottesdienstordnung werden die Liturgie und das
regelmäßig gefeierte Abendmahl in die Mitte gerückt. Bei dem Berneuchener Kreis handelt es sich um
eine 1923 auf dem Gut Berneuchen in der (heute polnischen) Neumark gegründete, durch die Jugendbewegung beeinflusste evangelische Bewegung zur Reform der Kirche in biblischem und reformatorischem
Geist. Die Liturgie wurde erneuert und wieder zum Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens gemacht. Einer
überstarken Intellektualisierung des kirchlichen Lebens wollte diese zahlenmäßig kleine, doch sehr aktive
Gruppierung Spiritualität und Kultus entgegensetzen; in: Haebeler, Michaelsbruderschaft 1975, S. 16 ff.
269
MB S. 289, Fn. 1; Ullrich, Kreis 2008, S. 102.
270
Ullrich, Kreis 2008, S. 57.
263
59
Beschreibung des Kreisauer Kreises
der Leiter der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes in Berlin an. In dieser Abteilung arbeitete seit dem Sommer 1940 der neu ins AA eingetretene Adam von Trott,
den er bereits im Januar 1933 in Oxford bei der britisch-deutschen Konferenz für Abrüstungsfragen kennengelernt hatte.271 „Die Wiederbegegnung hier war für beide eine
Freude und wurde bald zu einer guten Freundschaft bis zum Tod.“272 Durch ihn und
Nostitz273, den Haeften schon in der deutschen Vertretung in Wien274 getroffen hatte,
wurde Haeften im Winter 1940/41 bei Yorck eingeführt. Sie arrangierten auch seine
erste Begegnung mit Moltke, vermutlich Anfang Mai bei Yorck.275 Am 12. Mai traf
Haeften Moltke zum gemeinsamen Essen mit Trott. Moltke meinte, im Gespräch hätte
er „beide nicht so recht überzeugt oder für meine Linie gewonnen“276. Die Unterhaltung
zwei Tage später fand er hingegen „sehr befriedigend“. „Gestern Abend hatte ich einen
guten Tag und habe Haeftens Schale spielend durchstoßen.“277 Barbara von Haeften
bemerkte, dass ihrem Mann auch die Begegnung mit Gablentz viel brachte. „Durch ihn
fand Hans in Berlin wieder Verbindung mit der Michaelsbruderschaft. Es war für Hans
eine große Erleichterung, endlich mit Gleichgesinnten Austausch zu haben und mit der
Zeit sogar sinnvoll die Zukunft zu planen, in die Zukunft nach dem ‚Tage X’, ohne Hitler.“278
Am 23. September 1941 brachte Einsiedel den Gefängnispfarrer Harald Poelchau mit
zu Moltke279, der immer auf der Ausschau nach guten Köpfen und verlässlichen Gegnern des Regimes war.280 Poelchau war religiöser Sozialist und wie Reichwein, Mierendorff und Haubach an den „Neuen Blättern für den Sozialismus“ beteiligt. Seit 1933
war er Gefangenenseelsorger in Berlin-Tegel, wodurch er vielen Verfolgten und politischen Häftlingen nicht nur in Tegel, sondern auch in der Lehrter Straße und in Plötzen-
271
Haeften verabschiedete sich von Trott am 16.01.1933 auf einer Postkarte: „Leider haben wir uns nicht
mehr gesehen; ich möchte Ihnen daher auf diesem Wege ‚Auf Wiedersehen’ sagen, und zwar ganz ernst
gemeint. Ich würde mich freuen, wenn Sie mich in Berlin aufsuchen würden, denn von unserer sehr flüchtigen Bekanntschaft habe ich doch den Eindruck, dass eine gelegentliche ausführliche Unterhaltung sich
lohnen würde.“ Krusenstjern, Trott Biographie 2009. S. 211.
272
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“1997, S. 47.
273
Gottfried von Nostitz: Legationsrat im AA, ab 1941 Konsul in Genf. Rührig in der – informatorischen
– Tätigkeit gegen das Regime, besonders im Zusammenhang mit den Friedensfühlern über den Vatikan;
vgl. MB S. 124.
274
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 37.
275
Haeften, Barbara von: Aus unserem Leben 1944-1950. 1974, BA NL Haeften, N 1460-1.
276
MB S. 244. Moltke glaubte nach Freya, „das Ende des NS werde die notwendige Gelegenheit bringen,
von Grund auf, anders, transnational, mit veränderten Souveränitäten aufbauen zu können.“ Das war der
Gegenstand der Diskussion.
277
MB S. 244.
278
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 47.
279
MB S. 290.
280
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 112.
60
Beschreibung des Kreisauer Kreises
see helfen konnte, wo später viele seiner Freunde inhaftiert waren und hingerichtet wurden.281 Poelchau mag über den Sozialpädagogen Albert Krebs, einen engen Freund
Adolf Reichweins, seit 1928 Leiter des Zuchthauses Untermaßfeld in Thüringen, der ihn
aufforderte, sich im Dienst der Modernisierung des Strafvollzugs um die Stellung eines
akademischen Gefängnisfürsorgers zu bewerben, schon zu dieser Zeit mit Reichwein
bekannt geworden sein.282
Moltke nahm, wie wir schon gesehen haben, im Juni 1941 das Gespräch mit Gablentz
auf, weil er in ihm einen überragenden Repräsentanten der protestantischen Kirche sah,
der ihre Lage zuverlässig einschätzen konnte.283 Inzwischen war jedoch im Mai 1941
mit Hans Bernd von Haeften ein weiterer engagierter Protestant zu dem Kreis gestoßen.
Die katholische Seite wurde durch Hans Peters284 vertreten, aber Moltke war an weiteren katholischen Mitgliedern interessiert. 1941 suchte er den Kontakt mit Bischof Preysing, nachdem er bereits 1934 bei der katholischen Geistlichkeit eine stärkere Widerstandskraft als bei den Protestanten beobachtet und die Abschrift der Predigt von Bischof von Galen über die Rechtlosigkeit im NS-Staat, die Beschlagnahmung kirchlichen
Eigentums und die Ermordung „lebensunwerten Lebens“ gelesen hatte. Karl Ludwig
Freiherr von und zu Guttenberg stellte den Kontakt mit Rösch her.285 Augustin
Rösch286, ab 1935 Provinzial der Oberdeutschen Provinz des Jesuitenordens mit Sitz in
München, war führend beteiligt am katholischen Kirchenkampf. Moltke schrieb in
einem Brief an Freya vom 15. Oktober 1941:
Soweit ich habe feststellen können, untersteht der unmittelbar dem Obersten Jesuiten in
Rom. Ein Bauernsohn mit einem hervorragenden Kopf, gewandt, gebildet, fundiert. Er hat
mir sehr gut gefallen. Wir haben auch über konkrete Fragen der Seelsorge, der Erziehung
und des Ausgleichs mit den Protestanten gesprochen und der Mann schien vernünftig, sachlich, zu erheblichen Konzessionen bereit.287
Rösch schildert seine erste Begegnung mit Moltke selbst sehr eindrücklich. Er weilte in
Ordensangelegenheiten in Berlin, hörte auf der Straße eine Hitlerrede und wurde dabei
von Guttenberg, einem sehr guten Bekannten, angesprochen. Dieser lud ihn ein, ihm zu
folgen, und brachte ihn, eine etwaige Überwachung der Gestapo täuschend, in eine abseits gelegene Wohnung. „Dort sah Rösch, wie er in seinem Bericht ausführt‚ ‚einen
281
MB S. 290, Fn. 1.
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 76.
283
MB (23.07.1941) S. 275.
284
Zu Peters vgl. Trott, Levin, Peters und der Kreisauer Kreis 1997. Am 30.06.1941 beauftragte Moltke
Guttenberg mit der Suche weiterer katholischer Kontakte; vgl. MB (01.07.1941) S. 259, S. 260, Fn. 1.
285
MB S. 303; Bleistein, Rösch 1998, S. 305.
286
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 169, Fn. 1.
287
MB S. 303.
282
61
Beschreibung des Kreisauer Kreises
sehr großen, hageren Mann, einen fein geschnittenen Kopf: Es war Graf Helmuth von
Moltke.’“288 Das folgende Gespräch zwischen Moltke, Guttenberg und Rösch knüpfte
an die Hitlerrede an, wobei Moltke darlegte, warum Hitler die Führung aus der Hand
genommen werden und man kämpfen, alles tun müsse, um zu retten, was zu retten sei.
Er fragte Rösch, ob er dabei sein werde. Nach einer erbetenen Bedenkzeit sagte Rösch
bei einem Treffen im November in München zu und betrachtete dies als Beginn seiner
Teilnahme am Kreisauer Kreis. Anfang Dezember 1941 traf er sich bereits mit Theodor
Steltzer in Berlin, mit dem er die 1. Kreisauer Tagung über kirchliche und kulturpolitische Fragen vorbereiten sollte.289
Nach Rösch290 war es Moltke, der P. Alfred Delp SJ, der Mitarbeiter bei den „Stimmen
der Zeit“ gewesen war, als Soziologen zu Besprechungen über die katholische Soziologie und eine Reihe Fragen zur Lösung der Arbeiterprobleme hinzubat. Delp, der in Fulda und in anderen verschiedenen Städten Deutschlands in der Männerseelsorge tätig
war, sagte gerne zu291, wozu Rösch seine Erlaubnis gab. „Wir hielten es für unsere
Pflicht, mitzuarbeiten an der Rettung des Christentums in seiner schwersten Bedrängung und zur Verfügung zu stehen, wenn wir gefragt wurden, was die katholische Auffassung in den schweren Fragen der Zeit war.“292 Delp wird in den Briefen Anfang August 1942 immer wieder im Zusammenhang mit der Vorbereitung des 2. Kreisauer Treffens erwähnt. Mehrmals referierte er über die päpstliche Enzyklika QA (1931)293, die
bereits 1939 zusammen mit der Enzyklika Rerum Novarum auf das Interesse Moltkes
gestoßen war.294 Moltke war es wichtig, über die durch Delp vermittelten Kontakte zu
katholischen Bischöfen bestätigt zu bekommen, dass die von Delp vorgetragenen Soziallehren tatsächlich Lehrgut der katholischen Kirche waren.
Bei Delp und Rösch und bei den Briefen an Freya stößt man immer wieder auf den Namen P. Lothar König SJ295. Meist hat es damit sein Bewenden; sein jeweiliges Engagement erschöpft sich in diesen Erwähnungen „als Kurier“, wie es bei Eugen Gersten288
Bleistein, Jesuiten im Kreisauer Kreis 1982, S. 595 f.; Rösch, Kampf gegen den NS 1985, S. 262 ff.
Bleistein, Jesuiten im Kreisauer Kreis 1982, S. 596. Auf die Frage Röschs in diesem Gespräch, „wie es
bei diesem Kampfe mit dem evangelisch-kirchlichen Raum stehe, äußerte Moltke mit Blick auf die Entwicklung der protestantischen Kirche nur Skepsis und meinte: ‚Das Christentum in Deutschland kann nur
durch den deutschen Episkopat und den Hl. Vater gerettet werden. Darum müssen aber beide Bekenntnisse zusammenstehen und zusammenarbeiten, um Christus und seiner Lehre willen.’“ Siehe auch Rösch,
Kampf gegen den NS 1985, S. 296.
290
Rösch, Kampf gegen den NS 1985, S. 297.
291
Delp, IV S. 338 ff.
292
Rösch, Kampf gegen den NS 1985, S. 297.
293
Tattenbach, Delp, Schwaiger 1984, S. 219.
294
MB (03.09.1939) S. 61.
295
Bleistein, Dossier 1987a, S. 11-32.; Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 313.
289
62
Beschreibung des Kreisauer Kreises
maier und Theodor Steltzer zu lesen ist.296 Jedoch war König mehr als ein Kurier, der
seit Mai den Kontakt zwischen München und Berlin aufrechterhielt.297 Er war Bevollmächtigter des Provinzials für das Berchmanskolleg in Pullach298 und leitete den Kampf
um dieses Kolleg. Er wurde von Moltke in seinen Briefen an Freya zwar mehrmals als
der Sekretär Röschs bezeichnet, doch er traf ihn sehr häufig, wartete auf seine Antworten, bemerkte, dass König vom Papst oder ein anderes Mal vom Bischof von Fulda
komme, und unterhielt sich Anfang August in München 1943 von „1.00-4.30 [mit] König allein“299. Bleistein sagt über den Geographen und Professor für Kosmologie am
Berchmanskolleg: „In Wirklichkeit war König nicht nur jemand, der Textentwürfe herumtrug und Informationen weitergab […]. Er arbeitete auch konzeptionell mit, obgleich er an keiner der Kreisauer Tagungen 1942 und 1943 teilnahm.“300
Mit der Einführung von Lothar König im Mai 1942 und von Alfred Delp im Juli in den
Kreis durch Rösch war eine stabile Verbindung zum süddeutschen Katholizismus hergestellt.301 Bleistein betont, dass das Arbeiten der Jesuiten im Dreierteam gesehen werden muss: Rösch als Stratege, Delp als philosophischer Vordenker und König als Kurier
und geduldiger Arbeiter an Textentwürfen.302 Gerade die charakterliche Verschiedenheit dieser drei Jesuiten habe der ganzen Arbeitsgruppe eine nicht zu übersehende Wirksamkeit gegeben, wobei die unterschiedlichen Positionen in der Sache – vermutlich gerade in der Ökumene – noch zusätzliche Diskussionen provozierten.
Über Trott und Haeften fand Eugen Gerstenmaier im Juni 1942 Anschluss an den
Kreisauer Kreis. Wie diese war Gerstenmaier im AA bzw. als Mitarbeiter für Sonderaufträge der kulturpolitischen Abteilung des AA zugeordnet.303 Moltke lernte Gerstenmaier erst im Sommer 1942 kennen.304 Gerstenmaier sollte Verbindung zum Kirchenpräsidenten der evangelischen Landeskirche in Württemberg, Bischof Wurm, herstellen,
„damit würde sich ein wesentlicher Punkt der Kreisauer Programme in seiner Durchführbarkeit zu erweisen haben“305. Dank der Vorarbeit, die Gerstenmaier, Gablentz und
andere geleistet hatten, war die Begegnung mit Bischof Wurm am 24. Juni, auf die sich
296
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 151; Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 73.
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 368.
298
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 314.
299
MB S. 515.
300
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 314.
301
Ullrich, Kreis 2008, S. 63.
302
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 273 f.
303
Ullrich, Kreis 2008, S. 48; Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 24.; Trott, Clarita,
Lebensbeschreibung I 1994, S. 165.
304
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 128.
305
MB (04.06.1942) S. 375.
297
63
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Moltke sorgfältig vorbereitet hatte, so erfolgreich, dass es ihm nicht ganz geheuer
schien.306 Zwischen Gerstenmaier und Moltke entstand bald ein intensives Verhältnis
und sie kamen sich auch menschlich näher.307 Zwischen beiden entwickelte sich eine
Freundschaft, „die durch die Übereinstimmung auch im politischen Urteil immer mehr
gefestigt wurde“308, und es gelang Gerstenmaier, feste Kontakte zum Kreisauer Kreis zu
knüpfen, der für ihn zu einer neuen politischen Heimat werden sollte. Moltke erreichte
mithilfe von „Wurm’s Vertreter in Berlin“309, Eugen Gerstenmaier, den gleichen institutionellen Kontakt zur evangelischen Kirche, wie er ihn vorher mit Bischof Preysing zur
katholischen Kirche aufgebaut hatte, mit dem Ziel, sein angestrebtes Programm mit den
Kirchen als einem der Träger eines neuen Deutschlands, neben der Arbeiterschaft, sicher abzustimmen.
Nach einer Aussage von Husen am 10. Oktober 1960 im Beleidigungsprozess Gerstenmaiers gegen General a. D. Ramcke in Kiel war Gerstenmaier einer der aktivsten Kreisauer: „Gerstenmaier gehörte zum engsten Kern des Kreisauer Kreises, der aus Graf
Moltke, Graf Peter York, Adam von Trott zu Solz, Julius Leber, Carlo Mierendorff,
Theodor Haubach, Reichwein und mir bestand.“310 Moltke schrieb in seinem letzten
Brief vom 10./11. Januar 1945: „Wir haben nur gedacht, und zwar eigentlich Delp,
Gerstenmaier & ich.“311
Auch wenn in der gerichtlichen Zeugenaussage von Husen Subjektivität mitschwang,
Steltzer mag anders gedacht haben312, unterstreicht dies doch die wichtige Position
Gerstenmaiers im Freundeskreis.
Julius Leber wird das erste Mal in Moltkes Brief vom 06. August 1943313 erwähnt, also
kurz vor Niederlegung der Kreisauer Grundsatzerklärung am 09. August, an deren Formulierung Leber wahrscheinlich nicht mehr teilnahm. Moltke stand damals vor der Entscheidung, sich vom Onkel [Wilhelm Leuschner; A. d. V.] wegen der Gewerkschaftsfrage endgültig zu trennen. „Sollte sich Leuschner wegen der Gewerkschaftsfrage abwenden“, überlegte Moltke, „dann wird die nächste Woche im wesentlichen der ein-
306
MBF S. 195.
MB (08.09.1942) S. 401 f.
308
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 31.
309
MB (04.06.1942) S. 375.
310
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 32.
311
MB S. 616.
312
Siehe die unvorteilhafte Charakterisierung Gerstenmaiers durch Steltzer, in: Handschriftliche Charakterisierung der Kreisauer auf Anfrage von Roon, 18.7.1961. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
313
MB S. 520.
307
64
Beschreibung des Kreisauer Kreises
dringlichen Bearbeitung des neuen Mannes gewidmet sein, der als Charakter und hinsichtlich seiner Entscheidungsfähigkeit dem Onkel weit überlegen ist.“314 Leber war
kein Gewerkschaftsführer, aber ein prominenter und erfahrener Sozialdemokrat. In seinen Briefen an Freya benutzt Moltke erst in dem Kassiber vom 28. November 1944 aus
dem Gefängnis Tegel den vollen Namen Lebers, sonst spricht er verklausuliert vom
Ersatz-Onkel, dem neuen Mann, Neumann und ab 28. November 1943 von Julius, so als
ob er den durch KZ-Haft gezeichneten Leber besonders schützen wollte.315 Julius Leber
beteiligte sich an den Kreisauer Gesprächen als Ersatz für den recht konventionellhölzernen Leuschner und den hoch talentierten, souveränen Mierendorff, der bei einem
Bombenangriff ums Leben gekommen war.316 Es war Reichwein, der 1941 zuerst Mierendorff, Haubach sowie Leuschner reaktivierte und dann Ende 1943 Leber in den Kreis
einführte.317 Auch Mierendorff hatte den Kontakt zu Julius Leber aufrechterhalten318,
der im Mai 1937 nach 4-jähriger KZ-Haft entlassen worden war, dann als Teilhaber319
in einen kleinen Kohlenhandel eintrat und das eher schäbige Büro in Zehlendorf zu
einem konspirativen Treffpunkt machte. Dies bezeugte auch der spätere Bundespräsident Theodor Heuss320, der ihn dort mehrfach konspirativ besuchte. Bevor Leber zum
Kreisauer Kreis stieß, gehörte er zu einem anderen Umsturzkreis mit Arvid Harnack,
Wilhelm Leuschner, Gottfried von Noske, Otto John, Richard Künzer, Dietrich Bonhoeffer.321 Diese schätzten den Kreisauer Kreis etwas abwertend eher als philosophierendes Kränzchen ein.322
Magret Boveri charakterisiert Julius Leber treffend:
Leber, der generationsmäßig zu den Alten gehörte, aber durch das Fronterlebnis im Ersten
Weltkrieg stark geprägt worden war und als Kind des Grenzlandes Elsaß einen wachen
Sinn für politische Realitäten mitbekommen hatte, galt den Nationalsozialisten als einer
ihrer gefährlichsten Gegner und wurde nach 1933 vier Jahre in Gefängnissen und KZs ge-
314
MB S. 520.
Sänger, Fritz: Brief an Roon, 03.05.1963, IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 2. Sänger weist hier auf Leber hinsichtlich der Geheimhaltung in ihrem sozialdemokratischen Widerstandszirkel hin: „Auf immer wiederholte Ermahnung von Leber haben wir uns damals vorgenommen, über alles was geschehen ist, zu
schweigen, über alles was geschehen ist, in keinem Fall viel zu sprechen, weder bei positivem noch bei
negativem Ausgang. Es würde uns ja doch niemand Beweggründe, Methoden, tatsächliches Tun usw.
abnehmen, wenn es ihm nicht in seine Anschauung hineinpassen würde – meinte Leber. Und so ist es.“
316
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 148.
317
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 425.
318
Zimmermann, Haubach 2004, S. 382.
319
Zimmermann, Haubach 2004, S. 382.
320
Ullrich, Kreis 2008, S. 46; vgl. Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 169.: Nach seiner Entlassung
1937 baute sich Leber als Teilhaber einer Kohlehandlung in Berlin-Schöneberg eine neue Existenz auf. In
der Hinterstube des Geschäfts trafen sich oppositionelle Sozialdemokraten zu geheimen Beratungen, hier
besaß, wie Theodor Heuss bemerkte, die politische Leidenschaft eine Herberge.
321
Beck, Julius Leber, in: Lill 1994, S. 153.
322
Sänger, Fritz. Brief an Roon, 03.05.1963, IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 1.
315
65
Beschreibung des Kreisauer Kreises
fangen gehalten, davon ein Jahr lang in einer Dunkelzelle. Er hat noch in der Weimarer Zeit
einen erbitterten und oft hoffnungslos erscheinenden Kampf gegen Parteienge und Bürokratie geführt, wollte die SPD erneuern und ging immer von neuem gegen deren Vorstellung
von Massenherrschaft an. Ihm kamen die Parteien wie „Gewichtssteine an der Lebenswaage der Regierung“ vor; er sah und bekämpfte die Herrschaft der Organisationen und Sekretariate, fand, daß die eigentlichen Machthaber, auch in der Opposition, ihren Einfluß anonym und ohne sichtbare Verantwortung hinter geschlossenen Konferenztüren ausübten, und
wollte dagegen „kämpferische Persönlichkeiten“ ausbilden und als Erzieher des Volks
unter Umständen auch gegen dessen Neigungen handeln. Leber war gegen die marxistische
Theorie des Klassenkampfes. Als Sozialist glaubte er an die Möglichkeit einer sozialen
Umformung, die nicht länger „den Besitz zum Fundament aller sozialen Geltungen und
Wertungen erhebt“. Er war innerhalb des Widerstands wohl der entschiedendste und auch
ausgesprochenste Gegner von Goerdeler, dessen ewige Memoranden und Programme ihn
nur reizen konnten. Umso stärker wurde er von Stauffenberg gestützt, der an ihm neben der
großen Energie die Besonnenheit und politische Erfahrung des Älteren schätzte.323
Freya von Moltke und Marion Yorck zu Wartenburg bezeichneten in ihrer Aufzeichnung324 vom 15. Oktober 1945 Leber als die stärkste Potenz unter den Sozialdemokraten und stellten fest: „Freisler, der Chefpräsident des VGH, nannte ihn den Lenin der
deutschen Arbeiterbewegung. Auf der Höhe des Lebens, leiderprobt durch jahrelange
schwere KZ-Haft, strahlte seine Person den Willen zur Tat und die Bereitschaft zur
Übernahme höchster Verantwortung aus.“ Am 02. Januar 1944, also kurz vor seiner
Verhaftung am 19. Januar, schrieb Moltke an Freya über Leber: „Er ist ein überzeugender Mann, der allerdings jetzt, wo Carlo [Mierendorff; A. d. V.]325 fehlt, doch sehr einseitig im rein Praktischen ist und die geistigen Kräfte sehr viel geringer wertet als
ich.“326
Gleichwohl war Moltke nachdrücklich bemüht, mit Leber einen führenden Repräsentanten der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung zu gewinnen und ihn auf das Kreisauer
Programm einzuschwören, insbesondere, nachdem Mierendorff Ende 1943 bei einem
Bombenangriff umgekommen war. Indessen blieb Leber zunächst eher ein Außenseiter.
„Leber bewahrte sich gegenüber dem Kreisauer Kreis stets eine unabhängige Haltung.
Moltke, der von Lebers Persönlichkeit aufs stärkste beeindruckt war und dessen ‚ungeheure Aktivität’ hervorhob, spürte eine starke persönliche Zurückhaltung und eine gewisse Distanz in der Sache.“327 Moltke mag es erstaunlich gefunden haben, wie Leber328
in kürzester Zeit in Schlüsselstellungen kam, welche Redebegabung und Führerbefähigung er hatte, wie schnell er Kontakt zu den Massen, die er nicht fürchtete, bekam. Le-
323
Boveri, Verrat 1956, S. 77.
Yorck, Marion/Moltke, Freya. Ausführungen über den Kreisauer Kreis, datiert Kreisau, den 15.10.
1945. BBF/DIPF/Archiv, Reich 57, Blatt 48c-d.
325
Mierendorff war am 04.12.1943 bei einem Bombenangriff auf Leipzig umgekommen.
326
MB (02.01.1944) S. 583.
327
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 9, Einführung von Mommsen.
328
Beck, Leber Sozialdemokrat 1982, S. 12.
324
66
Beschreibung des Kreisauer Kreises
bers Abneigung gegen politisches Theoretisieren wurde aufgewogen durch seinen ausgeprägten Sinn für politische Machtfragen. Dies drückt auch Beck aus, wenn sie sagt:
Mit Leber stieß ein Berufspolitiker zu den Widerstandsgruppen, dessen Politikverständnis
von Pragmatismus geprägt war. So bildete er als Person eine Ergänzung und ein Korrektiv
für die überwiegend mit Planungen für die künftige Ordnung eines nachnationalsozialistischen Deutschland sich befassenden Gruppen um Moltke und Goerdeler.329
Mit diesen „Freunden“ konnten Moltke und Yorck ihr ehrgeiziges Programm bestreiten.
Damit war sowohl der Einbau der Arbeiterschaft als auch der großen Kirchen, der beiden tragenden Säulen des „neuen“ Deutschland, in die Kreisauer Planung geschaffen.
Darüber hinaus bestand Fachwissen in Staats- und Verwaltungsrecht, in Volkswirtschaft
und in der Diplomatie.
Diese Konstellation wird mithilfe der Netzwerktechnik in der folgenden Abbildung visualisiert, in der die einzelnen Kreisauer nach dem Zeitpunkt des Zusammentreffens
eingeordnet sind, wobei die äußeren konzentrischen Kreise die spätere Zeit darstellen.
Abbildung 1: Werden des Kreisauer Kreises
Die Abbildung verdeutlicht das zeitliche Entstehen des Freundeskreises. Das ego stellt
Moltke dar, dem Yorck 1940 hinzutritt. Zeitlich am frühesten und gelb markiert sind die
Freunde aus der Löwenberger und schlesischen Zeit angeordnet, eine gelbe Markierung
erhielt auch Haubach, den Moltke bereits 1938 bei Borsigs traf. Kam kein dauerhafter
Kontakt bei dieser frühen Begegnung zustande und wurde der Kontakt erst später wieder aufgenommen, dann erscheint der Akteur in der Abbildung zweimal.
329
Beck, Julius Leber, in: Lill 1994, S. 153.
67
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Mit Schulenburg und Guttenberg wurden zwei Bekannte Moltkes als „Vermittler“ aufgenommen, die nicht dem Kreisauer Kreis angehörten, ihm aber nahestanden. Die erneute spätere Kontaktaufnahme gilt auch für das alter ego Yorck, mit dem Moltke verwandt war und den er seit den Löwenberger Tagen kannte, ohne nähere Beziehungen zu
ihm entwickelt zu haben. Diese entstanden erst durch Vermittlung von Fritzi Schulenburg 1940. Die Vermittlung geht immer von innen nach außen. Auffallend ist die Multiplikationstätigkeit von Reichwein und besonders von Einsiedel.
Aus der Abbildung wird deutlich, wie stark die Kreisauer aus der Zeit der Löwenberger
Arbeitslager vertreten sind, nämlich sieben der 18 alteri. Wie später noch zu zeigen sein
wird, heißt das aber nicht, dass diese Freunde aus Schlesien aufgrund der langen Bekanntschaft zu den Wirkmächtigsten zählten. Als Geburtsstunde des Kreisauer Kreises
wird, wie schon erwähnt, in der Literatur gemeinhin die Diskussion Moltkes über das
Wesen des Staates mit Yorck und Gablentz Anfang 1940 angenommen. In diese Anfangszeit bis 1941 fallen auch die Kontakte mit Trott, Haeften, Rösch, Mierendorff,
Steltzer und Poelchau. 1942 wurde dann der Kontakt zu den wichtigen Kreisauern Gerstenmaier, Haubach, Delp und König hergestellt.
Roon unterteilte das Wirken des Kreisauer Kreises in sechs Phasen. Von Mitte 1938 bis
Mitte 1940 sieht er die Bildung von Gruppen um Moltke und Yorck sowie Auslandssondierungen (Trott), in der zweiten Hälfte 1940 finden die Grundlagendiskussion
Moltke – Yorck – Einsiedel – Gablentz und die erste Wochenendbesprechung in Kreisau statt. Darauf folgt die Phase Ende 1940 bis Ende 1941, in der die Fühlungnahme mit
Repräsentanten der Kirchen (Preysing, Rösch, Poelchau) und der Sozialdemokraten
(Mierendorff, Haubach) erfolgt und die Kontakte erweitert werden (Haeften, Peters).
Ende 1941 bis Mitte 1943 beginnt dann die programmatische Phase der Programmbesprechungen mit der kirchlichen Seite (Gerstenmaier) und den Sozialdemokraten (Mierendorff und Haubach), dann folgen zwei Kreisauer Tagungen mit agrarpolitischen Beratungen, die Erarbeitung der „Grundsätze für die Neuordnung“ und die Verbindungsaufnahme mit Alliierten und besetzten Gebieten. In der zweiten Hälfte 1943 finden die
organisatorische Phase mit der Benennung der Landesverweser und die Türkei-Reisen
Moltkes statt.330
Diese Phasen spiegeln sich auch in dem Zeitpunkt des Hinzutretens der einzelnen
Kreisauer zum Freundeskreis wider. Dieser wird schließlich abgeschlossen durch die
330
Roon, Zur Einführung 1985, S. 5.
68
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Kontakte mit Leber. Leber nahm an den Diskussionen um das Grundlagenprogramm,
die im August 1943 abgeschlossen wurden, wahrscheinlich nicht mehr teil. Moltke, wie
später auch Stauffenberg, schienen von Leber fasziniert gewesen zu sein und sahen in
ihm einen wichtigen Mitkämpfer für die Zukunft.
2.3.2
Charakterisierung der Akteure
Nachdem die Mitglieder des Kreisauer Kreises identifiziert wurden und sein Werden
beschrieben wurde, erscheint es im Hinblick auf die Tatsache, dass eine Vergemeinschaftung umso schwieriger ist, je unterschiedlicher die Persönlichkeiten sind, von Interesse zu versuchen, die Charaktere der Mitglieder kurz nachzuzeichnen. Aufgrund der
Quellenlage kann allerdings bei der Charakterisierung der Akteure nur schwer ein in
allen Aspekten authentisches Bild gezeichnet werden. Als glaubwürdigste Quellen können Moltkes briefliche Äußerungen an seine Frau über seine Freunde und, bei richtiger
Interpretation, die des Kaltenbrunner Berichts gelten. Problematisch sind hingegen die
Charakterisierungen von Angehörigen, Weggefährten, Zeitgenossen und Kreisauern
über ihre Freunde, besonders wenn diese posthum abgegeben wurden Die Urteile der
Zeitzeugen und Angehörigen mögen angesichts der gebrachten Opfer der Kreisauer
auch hagiographische Züge haben. Auf diese Quellen wurde aber nicht verzichtet, um
die Unterschiedlichkeit und Farbigkeit dieser Charaktere herauszuarbeiten.
Moltke wird in dem ersten umfassenderen englischen Werk über ihn von Balfour und
Frisby331 fast als Pessimist bezeichnet, da er meistens das Schlechteste erwartete und
sich darauf auch vorbereitete. Von seinen Mitarbeitern, deren Fähigkeiten er vertraute,
verlangte er viel, ohne autoritär zu sein, denn er respektierte deren Freiheit und Eigenart. Viel Menschenkenntnis allerdings wird ihm erstaunlicherweise nicht nachgesagt, da
er Menschen, die er mochte, zuweilen überschätzte.
Über seinen Intellekt, seinen Kunstverstand und seine Arbeitsökonomie wird Folgendes
berichtet:
While he had an extremely good intellect, he was not in the normal sense of the word an intellectual. Without being a Philistine, he had no particular artistic or creative gifts. His
abilities were practical rather than speculative. He could analyse soundly and fast, pick up
the essence of each question in a short time and deploy accurately the relevant facts. This
made him a good lawyer, with a grasp of principle and a care for detail.332
In der deutschen Ausgabe unter Mithilfe Freya von Moltkes wurde hinzugefügt:
331
332
Balfour, A leader 1972, S. 46.
Balfour, A leader 1972, S. 46.
69
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Seine Ratschläge waren treffend. Es war ihm selbstverständlich, Verantwortung zu tragen
und Initiativen zu ergreifen […] Mit 22 Jahren wirkte er wie ein Mann in der Mitte des Lebens. Danach wurde er von Jahr zu Jahr „jünger“. Er verstand es, ein Ziel zäh und energisch
zu verfolgen, alle Möglichkeiten, die sich ihm boten auszunutzen, dabei ganz ohne Ehrgeiz
und vollkommen unabhängig vom Urteil anderer Menschen über ihn. […]. Organisation
und Verwaltung waren seine Sache, und seine auffallendste Gabe war die Arbeitsökonomie.
Er bewältigte erstaunlich viel und hatte immer Zeit.333
Im Umgang mit ihm angenehmen Menschen konnte er gesprächig, heiter, ja lustig sein.
Frauen waren für ihn gleichberechtigt, was wohl auf den Einfluss seiner Mutter und
seiner Schwester zurückging. Er konnte aber auch sehr schweigsam sein und das, was
ihn im Innersten bewegte, für sich behalten, was ein Gefühl der Distanz sogar bei den
Leuten entstehen ließ, denen gegenüber er Zuneigung empfand. Fernerstehende schüchterte er oft unbeabsichtigt ein, da er „zurückhaltend, undurchsichtig, manchmal ein wenig merkwürdig sein konnte und viele nicht recht wussten, was sie mit ihm anfangen
sollten. Darum wurde er für kühl und intellektuell, ja für hochmütig gehalten, was alles
nicht zutraf.“334 Kennan, der Moltke sehr gut kannte, hat ihn in seinen Memoiren eingehend charakterisiert. George Kennan war der Erste Sekretär des US-amerikanischen
Geschäftsträgers Alexander Kirk, der, als er im Oktober 1940 Berlin verließ, seine Beziehungen zu Moltke an Kennan weitergab:
A tall handsome, sophisticated aristocrat, in every sense a man of the world, Moltke was
also, at the same time, everything that by logic of his official environment he might have
been expected not to be: a man of profound religious faith and outstanding moral courage,
an idealist, and a firm believer in democratic ideals. […] I consider him, in fact, to have
been the greatest person, morally, and the largest and most enlightened in his concepts, that
I met on either side of the battle lines in the Second World War. Even at that time – in 1940
and 1941 – he had looked beyond the whole sordid arrogance and the apparent triumphs of
the Hitler regime; […]. [He was] preparing himself – as he would eventually have liked to
help prepare his people – for the necessity of starting all over again, albeit in defeat and
humiliation, to erect a new national edifice on a new and better moral foundation.335
Steinbach betonte Moltkes unkorrumpierbare Unabhängigkeit, „die ihn als Sinnbild
einer Distanzierung von seiner Zeit gelten ließ, die davor bewahrt, in der Zeit der modernen Diktaturen schuldig zu werden, weil man sich in den Schlingen verfängt, die aus
dem Nebeneinander von Kooperation und Konfrontation resultieren.“336
333
MBF S. 52.
MBF S. 53.
335
Kennan, Memoirs 1967, S. 121.
336
Steinbach, „Wir werden gehenkt, weil wir gedacht haben“ 1993, S. 37.
Siehe auch die umfangreiche Charakterisierung Peters‘, der Moltke als einen überaus charakterfesten
Menschen von tiefer ethischer Fundierung und weit überdurchschnittlicher Klugheit und Güte schätzte.
Aber er sagte auch: „Nach meinem Gefühl war Moltke etwas versponnen und weltabgewandt, hatte zu
wenig Verständnis für die verbreiteten menschlichen Schwächen, wirkte auf Fremde allzu kühl. Er blieb
stets recht verschlossen und hatte wenig Sinn für Humor und die kleinen irdischen Lebensfreuden. Sein
starker englischer Einschlag ließ ihn stets als recht steif erscheinen. Ich habe ihn nie völlig aus sich herausgehen sehen; dagegen konnte er schweigen wie – ein Moltke“; in: Peters, Hans: Erinnerung an den
Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 2.
334
70
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Die wohl einfühlsamste Charakterisierung stammt von dem Publizisten Rudolf Ludwig
August Martin Pechel, der zwar von Moltkes Arbeit wusste, ihn aber erst im GestapoGefängnis des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück337 kennenlernte, als beide
schon ihre Freiheit verloren hatten:
Niemals kann ich den starken Eindruck seiner Persönlichkeit vergessen, die vielen der Mithäftlinge Stärkung brachte durch sein menschliches Verständnis, seine Hilfsbereitschaft,
seine helle Skepsis gegen alle menschlichen Dinge, die aus seinem Beheimatetsein in
einem höheren Reiche begründet war und ihn oft schon abgelöst von dieser Welt erscheinen
ließ. Es lag etwas Schwermütiges über ihm. Selten im Leben ist mir der Begriff der Unberührtheit eines Menschen durch andere so deutlich geworden wie am Beispiel Moltkes.338
Eine andere Mitgefangene in Ravensbrück, Isa Vermehren,339 bezeichnete ihn als
„scheu, zugleich als ungemein höflich, sehr zuvorkommend, aber immer sehr beherrscht.“340
Wie anders ist jedoch die Einschätzung des VGH vom 10. Januar 1945. Sie bezeichnet
ihn im Prozessbericht „als vom Defaitismus völlig zerfressen, dabei ein ungewöhnliches
Charakterschwein. Niederdrückend nur, daß er Graf Helmuth von Moltke hieß.“341
Hinsichtlich Peter Yorck von Wartenburg beklagte Eugen Gerstenmaier mit Blick auf
die breite, nur noch schwer überschaubare Literatur über das andere Deutschland in
seinem Lebensbericht, dass dessen Bild unangemessen überdeckt sei. „Yorcks tatsächlicher Beitrag zum Stoß gegen den Unmenschen ist größer, als er auch in der Fachliteratur, selbst in der Literatur über den Kreisauer Kreis, erscheint.“342 Moltkes bald nach
Kriegsende in England und Deutschland publiziertes Märtyrerbild habe Yorck überstrahlt. In kurzer Form hat Yorcks Freund Martin von Katte ihn treffend charakterisiert:
„Sehr geschlossene Persönlichkeit, vielleicht deshalb eine der lautersten, der ich im Leben begegnet bin. Hohes Ethos, zu Kompromissen nicht geneigt, positive Intelligenz,
Humor nicht ohne Schärfe. Gesellschaftlich abwägende Zurückhaltung. Und erlauben
337
Moltke, Land der Gottlosen 2009, S. 324. Rudol Pechel (1882-1961), Schriftsteller, vom VGH freigesprochen.
338
Pechel, Deutscher Widerstand 1947, S. 115 f.
339
Moltke, Land der Gottlosen 2009, S. 148. „Isa Vermehren (1918-2009), Kabarettistin in Berlin, zum
Katholizismus konvertiert, in Sippenhaft wegen ihres Bruders Erich, der als Mann der Abwehr in Istanbul
mit seiner Frau Gräfin Elisabeth von Plettenberg zu den Engländern übergelaufen war. Ab 15.04.1944 im
Zellenbau in Ravensbrück.“
340
Geyken, Freya 2011.
341
Prozessbericht vom 20.07. an den Leiter der Parteizentrale, Martin Bormann, über die Verhandlung am
10.01.1945; 5. Moltke, mit Vermerk „Dem Führer vorgelegt am 11.1.“. BDC, NS 6/20 fol. 1, S. 4.
342
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 183; Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 224. Ger
van Roons „Neuordnung im Widerstand“ sei mehr eine Biographie Helmuth von Moltkes als eine streng
historische Monographie über den Kreisauer Kreis geworden.
71
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Sie mir den Ausdruck: preußischer Charme.“343 „Peter Yorck“, so charakterisierte ihn
Harald Poelchau,
… der zurückhaltende, leise sprechende […] taute erst nach einer Weile auf und überraschte dann durch die Schärfe seiner pointierten Redeweise. Er wirkte nicht so in der Öffentlichkeit wie Helmuth v. Moltke. Er lebte mehr der persönlichen Besinnung und für den
Kreis seiner Freunde. Und er war stark mit seiner Heimat verbunden.344
Horst von Einsiedel wird beschrieben als ein intelligenter, froher und freier Mensch mit
viel Humor.345 Eduard Waetjen, ein Freund Moltkes und Trotts aus der Abwehr, sagte
von ihm:
Einsiedel war ein hervorragender Kenner der Wirtschaftsverwaltung. Er war von brillanter
Intelligenz. Es gab keinen unter uns, der sich nicht mit ihm befreundet gefühlt hätte. Doch
das hervorragendste Merkmal Einsiedels war seine Bescheidenheit und seine Auffassung
von der Notwendigkeit des Dienens. Er hatte die Eigenschaft eines „first class second
man“. Eine Eigenschaft, die im deutschen Volke höchst selten ist. Wo sie aber auftritt,
meint Veranlassung zu bestehen, sie zu unterdrücken, oder in den Schein eines „first man“
zu verwandeln, selbst auf die Gefahr hin, er möge „third class“ sein.346
Freya hebt besonders seine Treue und Hilfsbereitschaft347 hervor, die sie während der
Tegeler Gefangenenzeit ihres Mannes erfahren hat, wenn sie sagt: „Einsiedel ist ein
treues, gutes Tier.“348
Carl Dietrich von Trotha wurde von Steltzer ein theoretischer Intellektueller genannt
und Gablentz sagte von ihm in der Trauerrede 1952:
Er war ein Mensch immer im Aufbruch – zu neuen Aufgaben und vor allem zu neuen Lösungen der alten ungelösten Aufgaben. Und darüber schwebte ihm meist unbewusst, oft
gegen seinen Willen, eine fertige Weisheit des alten Geschlechts, eine Würde, die es unmöglich machte, dass jemand ihm zu nahe trat – ja die ihm manchmal schmerzlich verwehrte, dass er den Menschen so nahe trat, wie er gerne wollte.349
Adolf Reichwein, bis 1933 Professor der Pädagogischen Akademie in Halle, wird wie
folgt beschrieben: „Ein Sozialist, dem der Sozialismus weniger eine politische als eine
Gewissensfrage war. In seiner Mischung von einer leuchtenden Lebendigkeit mit wissenschaftlichem nüchternem Ernst übte er eine geradezu magische Anziehungskraft
aus.“350 Als Pressereferent bei Minister Becker erfuhr er von seinem Stellvertreter und
Freund Zierold diese Charakterisierung: „Man fühlte sich immer sofort von seiner Vitalität angesprungen und mitgerissen; er war federnd, lachend, herausfordernd, kamerad-
343
Katte, Martin: Brief an Roon, 06.04.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 2.
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 156.
345
Christiansen-Weniger, Fritz: Brief an Roon, 01.01.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 2, S. 7.
346
Waetjen, Eduard. Brief von 1962, S. 1. IfZ, ZS/A-18, Bd. 9.
347
„Gestern früh [20.12.1944; A. d. V.] kam Einsiedel zum Frühstück und transportierte mir herrlich
meinen Koffer, weil ich ja in Lichterfelde abschloß“; in: HFM S. 372.
348
HFM S. 339.
349
Gablentz, Trauerrede für Trotha 1952, S. 1.
350
Leber, Weg 1952, S. 282 f.
344
72
Beschreibung des Kreisauer Kreises
schaftlich warm, von klarem Verstand; aktiv und mit abenteuerlichem Herzen.“351 Susanne Suhr, die mit ihm von den Jenaer Jahren bis zur Widerstandszeit in Verbindung
war, sagt über ihn:
Ein ungewöhnlicher Mensch, von ungewöhnlichen geistigen und menschlichen Qualitäten.
Er ist wohl von allen, die mit ihm in Berührung kamen, so empfunden worden. Das Geheimnis der Faszination, die er in einem seltenen Maß ausstrahlte, kann nur hierhin liegen,
da ihm jede Spur von Selbstgefälligkeit fehlte.352
Der Politikwissenschaftler und Volkswirt Otto Heinrich von der Gablentz muss gegenüber Moltke als sehr eigenständig aufgetreten sein. Am 23. Oktober 1942 schrieb dieser
an seine Frau, dass er mit Gablentz essen gehen wolle. „Ich will ihn, der in den letzten 2
Monaten außen vor gestanden hat, jetzt wieder einbeziehen und muss sehen, ob das gelingt.“353 Es dürfte nicht gelungen sein, denn Moltke schrieb am 24. Oktober:
Gestern war Gablentz da. Der Versuch, ihn einzuspannen, ist jedoch vollständig missglückt. Er ist schon ein rasend sturer Mann und verbohrt in irgendwelche Theorien, die
schlechthin absurd sind. Das Schlimme ist, daß er sie dann auch noch theologisch begründet, und das ist wirklich mehr, als man ertragen kann.354
Auch wenn dies nach Entzweiung aussah und Gablentz nicht mehr seine Anfangsrolle
spielte, berichten die Briefe Moltkes, dass Gablentz am 05. April 1943 bei ihm aß.355
Auf Hans Peters finden sich in den Briefen an Freya kaum persönliche Hinweise. Man
findet meist nur floskelhafte und wenig aussagekräftige Bemerkungen wie: „Peters war
so voller Unschuld wie immer“, oder: „Er ist ja doch ein netter Mensch.“356
Von allen Kreisauern hatte Hans Lukaschek die größte berufliche Erfahrung vor 1933
und die bedeutendste politische Laufbahn hinter sich. Mit 53 Jahren war er der Älteste
im Kreisauer Kreis und Experte für die Kreisauer Verfassungs- und Verwaltungsreform.
Lukaschek werden von seinem langjährigen Freund und Weggefährten Husen ausgeprägte Ordnungskategorien357 und standfeste Härte zugeschrieben, die ihm bei aller Güte und Form nicht fehlte.358 Husen beschrieb weiter, dass er in grundsätzlichen Fragen
keine Kompromisse kannte, wie die Zeit der Hitlerdiktatur erwiesen habe. Die Stärke
seiner Politik habe darin bestanden, mit dem Gegner die beiderseitigen Positionen und
Motive abzugrenzen, um bei Unvereinbarkeit ein möglichst friedliches Zusammenleben
351
Zierold, Kurt: „Erinnerungen an Adolf Reichwein“, Anlage des Briefes vom 31.12.1958.
BBF/DIPF/Archiv, Reich 385, S. 1.
352
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 252 f.
353
MB S. 423.
354
MB S. 424.
355
MB S. 465.
356
MB S. 139, S. 470.
357
Husen, Lukaschek, in: Hupka 1985, S. 299.
358
Husen, Paulus van: Nachruf auf Lukaschek 1955, IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
73
Beschreibung des Kreisauer Kreises
in Achtung und menschlichem Vertrauen zu versuchen.359 Seine kompromisslose Haltung gegenüber Hitler habe er dadurch gezeigt, dass er sich trotz Görings Lockungen
und dann Drohungen weigerte, die Zentrumszeitung „Oberschlesische Volksstimme“ zu
verbieten. Den Abend vor seiner Fahrt in das Führerhauptquartier zu seinem ersten Versuch des Unternehmens habe Graf Stauffenberg mit Yorck, Husen und Lukaschek in
dessen Hause verbracht und von dort aus seine schicksalsträchtige Fahrt angetreten.360
Das zeigt die Unerschrockenheit Lukascheks,
Carlo Mierendorff muss in der entscheidenden Nachtsitzung am 09. August 1943, in
der die Planungsgrundsätze der Kreisauer verabschiedet wurden, eine entscheidende
Rolle gespielt haben, denn Moltke berichtete am 10. August seiner Frau:
Friedrich [Mierendorff; A. d. V.] war in ganz großer Form: klar entschieden, klug, taktvoll,
witzig, und in dieser Nachtsitzung […] wurde die Lücke, die der Onkel [Leuschner;
A. d. V.] gerissen hatte, geschlossen, indem Friedrich dafür gesorgt hatte, daß dessen Genossen mit ihm zu uns gingen und den Onkel allein liessen […]361
Mierendorff galt bei seinen Freunden als lebenshungriger und genussfreudiger Mann,
der die Künste und die Frauen liebte. Er trank und feierte gern.362 „Carlo hatte ein ganz
ungewöhnliches Mass an Lebensfreude – Freude nicht am stillen Genuss, sondern an
der Tätigkeit, dem positiven Wirken.“363 Von seinen Freunden wurde Mierendorff, als
er im Dezember 1943 bei einem Bombenangriff in Leipzig getötet wurde, posthum so
charakterisiert: „Der Reiz seiner Persönlichkeit lag in der Tausendfältigkeit seiner Natur. Liebenswürdig und unerbittlich, skeptisch und jugendlich-unbekümmert, romantisch-genial und politisch-taktisch sah er kein Ziel zu nahe und kein Ufer zu fern.“364
Trott war von der „urwüchsigen, überzeugungstreuen und standhaften Persönlichkeit
Mierendorffs“ beeindruckt und hielt ihn für „eine der stärksten Potenzen“365 unter den
jüngeren Sozialdemokraten.
Über Theodor Steltzer heißt es in der 2009 erschienenen Biographie, dass er im Kreisauer Kreis das Milieu fand, das er schätzte:
… eine kleine Gruppe von „Persönlichkeiten“, […] die konspirativ Zukunftspläne diskutierten, elitär, intellektuell hochkarätig, insgesamt von ihm moralisch anerkannt. Er übertrug das Muster seiner politischen Hintergrundtätigkeit in der Weimarer Republik bruchlos
auf die Situation des politischen Untergrundes im Dritten Reich. Kreisau als die Fortset-
359
Husen, Lukaschek, in: Hupka 1985, S. 299.
Husen, Lukaschek, in: Hupka 1985. S. 302.
361
MB S. 523.
362
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 366.
363
Halperin, Ernst: Carlo Mierendorff. AdsD, Signatur 270.
364
Leber, Weg 1952, S. 282.
365
Conrad, Helmut: Brief an Roon, 16.01.1964, IfZ, ZS/A-18, Bd. 2.
360
74
Beschreibung des Kreisauer Kreises
zung seiner Leidenschaft für „Denkschriften“ und Wirken „im kleinen Kreis“ unter anderen
Gegebenheiten.366
Adam von Trott zu Solz war der Jüngste unter den Kreisauern, doch wirkte er aufgrund
seiner Weltläufigkeit und diplomatischen Erfahrung reifer, als sein Alter vermuten
ließ.367 Zeller betonte, dass er den immer wachen unerbittlichen Antrieb des Fragens,
die „Unrast des Nicht-stehenbleiben-Wollens und das starke Ranggefühl einer eingeborenen Bestimmung“ der ihm besonders nahestehenden Mutter schuldete.368 Die „tiefe
Liebe“ zu seinem Vaterland verdankte er nach seinem Brief vom 15. August 1944 seinem Vater, dem ehemaligen preußischen Kultusminister.369 Nach Pechel war Trott charakterisiert durch außergewöhnlich rasche Auffassungsgabe, vereint mit großer Sensibilität.370 Die Frau Julius Lebers, Annedore, hob seine ungewöhnliche geistige Regsamkeit und kühnen Ideen hervor.371 Tatiana und Marie Wassiltschikow beschrieben Trotts
Charakter aus erster Hand, da sie mit ihm in der Informationsabteilung des Auswärtigen
Amtes zusammenarbeiteten:
Obgleich seine freie, unbekümmerte Art fälschlicherweise für Arroganz gehalten wurde,
fühlte man sich in seiner Gegenwart immer wohl, wenn auch aufgerufen, sein Bestes zu geben. Im Umgang mit Menschen war er geradeheraus; er konnte sehr aufmerksam zuhören,
um den Unterton in den Äußerungen seines Gesprächspartners herauszuspüren. Wenn er
bei seinen Sondierungen nicht vorwärts kam, stellte er mit freundlicher Stimme ironische
Fragen. Seine Vorgesetzten behandelte er mit Herablassung, fürchtete sich auch nie, seine
Meinung frei auszusprechen.372
Klemperer geht auf die beträchtlichen Temperamentunterschiede zwischen Trott und
Moltke ein: „Moltke zeichnete sich durch Gelassenheit, Nüchternheit und Selbstsicherheit aus, Trott dagegen war impulsiv, phantasievoll, immer um Klarheit bemüht.“373
Hans-Bernd von Haeften wurde von Marion Yorck nicht so sehr als Mensch starker
äußerer Konturen gesehen. Fesselnd seien vielmehr bei seiner zarten Konstitution seine
Augen, die die Empfindsamkeit seiner Seele und seines Gewissens verrieten. Im Kon-
366
Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 107.
Ullrich, Kreis 2008, S. 41.
368
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 146.
369
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 209 f., aus dem Brief Trotts vom 15.08.1944 nach der
VGH-Verhandlung an seine Frau Clarita: „Du […] wirst wissen, dass mich am meisten schmerzt, unserm
Land die besonderen Kräfte und Erfahrungen, die ich in fast zu einseitiger Konzentration auf seine
außenpolitische Behauptung unter den Mächten in mir ausgebildet hatte, nun vielleicht nie mehr dienend
zur Verfügung stellen kann. Hier hätte ich wirklich noch helfen und nützen können. […] Es war alles ein
aus der Besinnung und Kraft unserer Heimat, deren tiefe Liebe ich meinem Vater verdanke, aufsteigender
Versuch, ihr in allen modernen Wandlungen und Erschwerungen unwandelbar bleibendes Recht und
ihren tiefen, unentbehrlichen Beitrag gegen den Übergriff fremder Mächte und Gesinnungen zu erhalten
und zu vertreten.“
370
Pechel, Deutscher Widerstand 1947, S. 119.
371
Leber, Annedore, Das Gewissen steht auf 1984, S. 183 f.
372
Metternich, Bericht eines ungewöhnlichen Lebens 1976, S. 116 f.
373
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 59.
367
75
Beschreibung des Kreisauer Kreises
trast dazu habe er einen ausgeprägt scharfen Verstand und eine Begabung zur Dialektik
gehabt.374 Haeften wird „ein fast überzartes Gewissen gegen sich selbst und die Widrigkeiten der Welt“375 nachgesagt. „Die Festigkeit seines Charakters und die klare Linie
seiner Lebensführung bei einer Kopf und Herz verbindenden Klugheit gaben ihm seinen
Rang unter den Freunden.“376 Am 15. Mai 1941 schrieb Moltke an seine Frau:
Die Unterhaltungen mit Trott und Haeften waren sehr befriedigend. Haeften ist ein guter
aber sehr konservativer Mann […]. Bei der letzten Besprechung hatte ich sie beide nicht so
recht überzeugt oder für meine Linie gewonnen. Aber gestern abend hatte ich einen guten
Tag und habe Haeftens Schale spielend durchstossen […]. Es ist eine große Anstrengung,
solche Leute für die „große Lösung“ zu gewinnen […] Ist es einem dann aber ein Mal gelungen, dann hat man auch einen zuverlässigen Wegbegleiter – ich meine Haeften.377
1946 charakterisierte ihn sein Freund Böhm378 aus Wien:
Haeften war ein starker Intellekt, ein ausgesprochen kluger Mann, ein grosser Könner und
Schätzer schlüssigen, formal-logisch sauberen Denkens, aber auch begabt, aus vielen Einzelheiten ein Gesamtbild synthetisch zusammenzufügen. Seine Urteile waren zumeist
schwer erkämpft, lang und gewissenhaft überlegt, sie brauchten oft eine beträchtliche Reifezeit, aber sie waren dann, einmal fertig, unumstösslich, und vor allem, sie schlossen immer einen Imperativ für das Handeln ein; mit bloßen Analysen, zu nichts verpflichtend, gab
sich Haeften nie zufrieden.379
Harald Poelchau traf zusammen mit Einsiedel erstmalig am 23. September 1941 mit
Moltke zusammen. Über dieses Abendessen berichtete Moltke am 24. September seiner
Frau:
Gestern abend hatte ich eine sehr interessante Unterhaltung mit Einsiedel & Poelchau. P.
hat mir sehr gut gefallen: jung, aufgeschlossen und einsatzfähig. Wie ein Mann, der Woche
um Woche vielen Hinrichtungen beiwohnt, seine seelische Eindrucksfähigkeit und seine
Nerven behalten kann und dann noch gut gelaunt sein kann, ist mir ein Rätsel.380
Freya von Moltke hob Poelchaus nicht nachlassende Hilfsbereitschaft in einer Charakterisierung aus dem Jahre 1985, die sich in ihrem Nachlass fand, hervor: „Er ist ein heiterer, freundlicher, ganz unfeierlicher Mann, zum Lachen eher aufgelegt. […] Er hatte
eine nüchterne, ganz unsentimentale Art, er war so ganz und gar das Gegenteil von salbungsvoll und hinter seinen blauen Augen saß Lustiges.“ Im Hinblick auf die vielen Rat
suchenden Frauen der Häftlinge sagte Freya: „Dabei war Poelchaus nüchterne, sachli374
Leber, Annedore, Das Gewissen steht auf 1984, S. 161.
Zeller:,Geist der Freiheit 1965, S. 146.
376
Pechel, Deutscher Widerstand 1947, S. 119.
377
MB S. 244.
378
Böhm war von 1928 bis zur Einstellung durch die Nationalsozialisten im Jahre 1941 Redakteur der
katholischen Wochenzeitschriften „Schönere Zukunft“ und „Hochland“. Nach der Inhaftierung des Chefredakteurs Friedrich Funder im März 1938 wurde Anton Böhm von den Nationalsozialisten mit der
kommissarischen Leitung der christlichen Wiener Tageszeitung „Reichspost“ beauftragt; die Zeitung
wurde im September 1939 durch das NS-Regime eingestellt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges
wurde Anton Böhm Mitherausgeber der Monatszeitschrift „Wort und Wahrheit“, die sich für die Modernisierung der katholischen Kirche einsetzte.1963 wurde Böhm Chefredakteur des „Rheinischen Merkurs“.
379
Böhm, Skizze 1946, S. 12 f.
380
MB (24.09.1941) S. 291.
375
76
Beschreibung des Kreisauer Kreises
che, trockene und doch sehr mitfühlende Weise äußerst wohltuend. Er machte uns allen
nichts vor und doch ging Kraft und Zuversicht von ihm aus.“381
Augustin Rösch, „der oberste Jesuit der Jesuiten-Provinz München“382, wurde, wie berichtet, von Guttenberg in Kontakt mit Moltke gebracht. Moltke „freute“ sich, „mit dem
stärksten Mann des Katholizismus in Deutschland“383 zusammenarbeiten zu können.
Husen beschrieb in seinen Lebenserinnerungen Rösch und Delp: Bei der Mitarbeit der
Jesuiten repräsentiere „Pater Rösch Herz, Seele und Willen zum Handeln, P. Delp das
theologische und soziologische Denken.“ Rösch, so Husen, war einer der wenigen
Geistlichen, die sich aktiv an Plänen gegen das Dritte Reich beteiligten.384
Delp war „die geistig bedeutendste Persönlichkeit des Kreises“385, so Steltzer. An anderer Stelle wird auf seine „behende“, redefrohe, geistreiche Art386 oder auf seinen feurigen, mitreißenden Geist387 hingewiesen. Moltke berichtete am 11. Januar 1943 seiner
Frau, dass er mit Rösch über Delps Charaktereigenschaften gesprochen habe, was auf
Schwierigkeiten, die Moltke eventuell mit Delp hatte, hinweisen könnte. Dieses kritische Gespräch mit Rösch über Delps Charakter bedauerte Moltke später:
Dass [Delp; A. d. V.] in den Jesuitenorden aufgenommen ist, ist mir eine rechte Freude.
Nicht nur, weil es gelungen ist, das im Gefängnis zu machen, sondern vor allem, weil ich es
ihm Anfang 1943388 verdorben hatte, weil ich Rösch gesagt hatte, ich fände es doch toll,
dass ausgerechnet die Jesuiten einen so undisziplinierten Bruder hätten; ich wusste damals
nicht, dass Delp noch nicht das große Gelübde abgelegt hatte, und Rösch sagte mir darauf,
er werde ihn erneut zurückstellen. Das war ja nicht beabsichtigt.389
Pater König, Professor für Kosmologie, ist vielleicht der Kreisauer, der am meisten
unter Wert verkauft wird. Meistens wurde er, wie bereits erwähnt, auch unter Kreisauern lediglich als „Kurier“ wahrgenommen.390 Er spielte an der Seite von Pater Rösch im
Ausschuss für Ordensangelegenheiten jedoch eine bedeutende Rolle. Dieser Ausschuss
sollte nicht nur Orden und Klöster vor der Vernichtung zu bewahren versuchen, sondern
auch die Bischöfe in eine Konfrontation mit dem Nationalsozialismus bringen. Diese
Verbindung zum Episkopat und auch zum Landesbischof Wurm machte ihn für Moltke
381
HFM S. 571 und 573.
MB (15.10.1941) S. 303.
383
MB S. 468.
384
Husen, Lebenserinnerungen 2007. S. 317.
385
Steltzer, Theodor: Handschriftliche Charakterisierung der Kreisauer auf Anfrage von Roon,
18.07.1961. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
386
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 143.
387
Pechel, Deutscher Widerstand 1947, S. 117.
388
Der 02. Februar, Maria Lichtmess, ist mit dem 15. August, Mariae Himmelfahrt, der traditionelle Professtag des Jesuitenordens.
389
HFM (09.12.1944) S. 303.
390
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 151; Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 227; Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 73.
382
77
Beschreibung des Kreisauer Kreises
so wertvoll, wie die vielen Treffen Moltkes mit König vermuten lassen. Er mag an König dessen Verschwiegenheit, Belastbarkeit, Kühnheit und Entschlossenheit geschätzt
haben.391 Die Exegese der Entwürfe zum Passionshirtenbrief 1942 veranlasste Bleistein
bezüglich der eingebrachten Veränderungen Königs zu dem Urteil: „Statt frommer
Worte Konkretheit, statt sanften Zugehens und Nachgebens ein beharrendes Rechtsbewußtsein.“392
Freya von Moltke beschrieb ihre Begegnung mit den drei Jesuiten in einem Brief von
1986:
Ich habe so starke und schöne Erinnerungen an alle drei, an Pater König natürlich am wenigsten, weil ich ihn am kürzesten und unter weniger starken Eindrücken erlebte, aber auch
er war ganz und gar dabei und war weiß Gott alles andere als ein Bote! Dann aber Pater
Rösch! Wie stolz wir waren, daß er zu uns nach Kreisau kam und wie sehr er uns beeindruckte. Er erzählte uns, wie man sich bei einem Gestapo-Verhör benehmen müsse; zuerst
zu seinem Schutzengel beten, sagte er. Wir fühlten uns doch ihm gegenüber noch als sehr
jung. Pater Delp sah ich am häufigsten. Ich machte mir Sorgen um seine Gesundheit, aber
er überspielte seine physischen Schwierigkeiten immer mit einer tiefen Begeisterung für
was wir zusammen taten! Ich sehe ihn noch an unserem langen Esstisch sitzen und später
erlebte ich die Freundschaft im Gefängnis ganz nahe mit.393
Zu Theo Haubach heißt es in dem Epilog der gesammelten Schriften, Reden und Briefe
von Julius Leber:
Theo Haubach neigte der philosophischen Lebensbetrachtung zu. Gerade daraus ergab sich
für ihn die politische Konsequenz. Sein scharfer Verstand besaß die List der Vernunft. Mit
ihr spürte er Dingen und Menschen nach, was oftmals zu einem erstaunenswerten Ergebnis
führte. Bis in die Gestapo reichten seine Beziehungen, seine geschickt gezogenen Verbindungslinien hinein.394
„Sein scharfer Verstand, seine unstillbare Wissbegierde und seine kristallklare Logik
prädestinierten ihn zum Forscher auf jedem geisteswissenschaftlichen Gebiet, das ihn
locken mochte“395, hieß es schon von dem Abiturienten Haubach. Mit Mierendorff verband ihn seit der Jugend eine überaus enge Freundschaft, sodass man sie die Dioskuren
nannte.396 Zuckmayer, der sich mit Mierendorff und Haubach als ehemalige Kriegsteilnehmer nach Frankfurt gleich nach Kriegsende an der Universität Heidelberg einschrieb, charakterisierte Haubach im Gegensatz zu Mierendorff eher als distanziert, kühl
und zurückhaltend:
Er war in der Hauptsache Philosoph, ihn beschäftigten Probleme der ästhetischen Kritik
und Erkenntnistheorie, später der Metaphysik oder Scholastik. […] Wenn er sein Leben der
Politik widmete, die ihn am Ende verschlang, so tat er das in schwerem Entschluss in der
391
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 313-326.
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 318.
393
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 261.
394
Leber, Weg 1952, S. 282.
395
Leber, Annedore, Das Gewissen steht auf 1984, S. 180.
396
Ullrich, Kreis 2008, S. 43.
392
78
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Erkenntnis der Gefährdung eines neuen Deutschland, für das zu kämpfen er als seine
Pflicht empfand.397
Sein Dichterfreund Pohl schrieb jedoch über Haubach „Der Doktor der Philosophie besaß die Empfindsamkeit der schöpferisch aufgespaltenen und darum leicht versehrbaren
Seele. Sie lähmte manches Handeln, ja auch sein körperliches Wohlbefinden. Der
Grämlich-Vorsichtige wirkte zuweilen unentschlossen.“ Dies täusche jedoch, denn
„Theos Feuer brannte unter der ausgekühlten Lava der Erfahrung lichterloh. Es machte
ihn empfänglich für das Leiden in jeder Form, auch für das schwerste des ohnmächtigen
Mitleidens, wie es ein Zeichen der Hitler-Herrschaft für die gesunden Menschenseelen
war.“398
Haubachs Arbeit fand dadurch Anerkennung, dass Wilhelm Leuschner es durchgesetzt
hatte, auf Goerdelers Liste der Schattenregierung Theo Haubach als präsumtiven Minister für Volkserziehung und Propaganda zu nennen. Diese Ministerliste Goerdelers wurde Haubach zum Verhängnis.399 Von seinem Journalistenfreund Wilhelm Nowack400
wurde Haubach in dessen Nachruf so charakterisiert:
Ruhig, sachlich, kenntnisreich, sehr bewusst und doch von jener inneren Begeisterung, die
nicht zum Ausdruck kam und die man doch spürte. Er konnte, wenn wir eine Frage besprachen, oft lange schweigend zuhören. Dann nahm er auf einmal die immer qualmende Pfeife
aus dem Mund und machte eine kurze Bemerkung. Aber die saß dann auch. Und wie konnten seine Persönlichkeit und seine Beredsamkeit in Versammlungen vor allem auf die jungen Menschen wirken, die bereit waren, die Republik zu verteidigen.401
Der eigenständige Charakter von Haubach wird auch im Kaltenbrunner Bericht deutlich, wo es heißt: „Von außergewöhnlich anmaßendem Auftreten. Unecht in Pathos und
Gebärde. Dabei robuster Energiemensch. Beifallheischende Großsprecherei.“402
Eugen Gerstenmaier gelang es aufgrund seiner intellektuellen Fähigkeiten rasch, zu
einem geachteten Mitglied des Kreisauer Kreises zu werden. Moltke charakterisiert
Gerstenmaier in einem Brief an seine Frau: „Gerstenmaier ist ein Mann, um den man
sich Mühe geben muss, und der nicht von alleine in die Kategorie fällt, die einem passt,
aber dafür lohnt es sich auch, und wenn es gelänge, ihn voll zu integrieren, so wäre das
397
Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir 2007, S. 332 f.
Pohl, Freund Theo 1955, S. 25 f.
399
Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955. S. 81, Fn.
400
Der Journalist Wilhelm Nowack gehörte während der Zeit der Weimarer Republik zu den Mitbegründern des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold und war dessen stellvertretender Vorsitzender im Gau BerlinBrandenburg. Außerdem schloss er sich der DDP an, die 1930 in der DStP (Deutsche Staatspartei) aufging und 1933 durch die Nationalsozialisten aufgelöst wurde.
401
Nowack, Haubach Unvergessen! 1955. S. 36.
402
KBII S. 721.
398
79
Beschreibung des Kreisauer Kreises
ein erheblicher Fortschritt.“403 Wie sehr Moltke den schwäbischen Theologen schätzte,
geht auch aus seinem Brief an seine Frau vom 03. November 1942 hervor: „Abends
waren Gerstenmaier und ich bei Peter. Es war nicht nur nett, sondern wir haben auch
sichtlich beachtliche Fortschritte gemacht. Jedenfalls ist es wirklich erfreulich, was für
einen Zuwachs wir mit Gerstenmaier gewonnen haben.“404 In seinem Brief vom
13. November 1942 lobte der Graf die „kristallklare Art“ von Gerstenmaiers „Denkapparat“, die „jede Unterhaltung doch ganz erheblich“ gefördert habe.405 Sein Beitrag im
Verlauf der Kreisauer Treffen wurde von den bei den Besprechungen anwesenden Ehefrauen Moltkes und Yorcks so eingeschätzt: „Für die Diskussion des Freundeskreises
war seine sprungbereite geistige Intensität und sein philosophisch geschulter klarer Verstand anregend und belebend.“406
Steltzer hob die Objektivität Paulus van Husens hervor. Als Steltzer wegen seiner 1933
verfassten Denkschrift407 für den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg und seiner scharfen Kritik am Nationalsozialismus in ernste Schwierigkeiten geriet und verurteilt wurde, stieß er bei der Berufungsverhandlung beim Oberverwaltungsgericht in
Berlin auf den Berichterstatter Husen, dessen Darstellung des Falles so objektiv war,
dass sie fast wie eine Verteidigung wirkte.408 Bei der Diskussion der von ihm verfassten
Weisung für die Bestrafung der Rechtsschänder nahm Husen ein Zitat aus der Rechtsgeschichte Englands, das er seit seinem Studium in Oxford hoch schätzte, zu Hilfe, um
zu betonen, dass Rädelsführer streng bestraft und die Bevölkerung aber milde behandelt
werden sollte.409 Dies zeigt seinen strengen Gerechtigkeitssinn und seine mitfühlende
Art.
403
MB (08.09.1942) S. 401 f. Moltke fährt dort fort: „Ich habe die Gelegenheit benutzt, mich über allerhand Fragen theologischer Dogmatik und der Kirchengeschichte belehren zu lassen, so über die heutige
Bedeutung von Tridentinum und Augustana, die Stellung von Karl Barth usw. Es war jedenfalls lehrreich …“
404
MB S. 429.
405
MB S. 437.
406
Yorck, Marion/Moltke, Freya. Ausführungen, datiert Kreisau, den 15.10.1945. BBF/DIPF/Archiv,
Reich 57, Bl. 47b.
407
Steltzer, Theodor: Grundsätzliche Gedanken über die deutsche Führung, in: Alberts, Steltzer Biographie 2009. S. 301-315.
408
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 116.
409
MBF S. 249. Das englische Zitat lautet: „The rule by which a prince ought after a rebellion to be
guided in selecting rebels for punishments is perfectly obvious. The ringleaders, the man of rank, fortune
and education, whose power and whose artifices have led the multitude into error, are the proper objects
of severity. The deluded population, when once the slaughter on the field of battle is over, can scarcely be
treated too leniently”; in: Macaulay, Thomas Babington: History of England (1849-61), Vol I, Chap. 10.
Dieses Zitat nahm Moltke in seinem zweiten Entwurf vom 23. Juli 1943 in seine „Instruktion für die
Verhandlungen über die Bestrafung von Rechtsschändern durch die Völkergemeinschaft” auf; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 291.
80
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Seit Sommer 1943 gehörte der einflussreiche SPD- und Arbeiterführer Julius Leber
zum Kreis. Damit stieß ein Mann dazu, dessen Politikverständnis geprägt war von politischem Pragmatismus, der laut Dorothea Beck dem Kreisauer Kreis fehlte. Sie weist
darauf hin, dass Leber auf den Willen und die Verantwortlichkeit von Führungspersönlichkeiten, auf ihre Tatkraft und Handlungsbereitschaft baute und dass er den Wert der
Persönlichkeit deutlich höher einschätzte als alle Planung. Diese Grundüberzeugung,
gewonnen aus der Erfahrung in der politischen Arbeit in den Weimarer Jahren, habe ihn
geheißen, Pläne und Personen sorgfältig zu prüfen und im Zweifel die Person zum Kriterium der Entscheidung zu machen.410 Auf Moltke machte Leber, wie bereits erwähnt,
anfangs einen eher bäuerischen411 Eindruck. Es störte Moltke erheblich, dass Leber die
„geistigen Kräfte sehr viel geringer“412 wertete als die übrigen Mitglieder des Kreises.
Moltke fühlte sich auch Leber viel weniger verwandt413 als Mierendorff. „Leber hatte
kaum schöngeistige oder philosophisch-theologische Interessen, über die man miteinander absichtslos hätte diskutieren können.“414 Als aber Leber nach dem Bombentod von
Mierendorff im Dezember 1943 immer stärker im Kreisauer Kreis in Erscheinung zu
treten begann, setzte sich allmählich bei Moltke und den übrigen Mitgliedern des Kreises die Auffassung durch, dass man es doch mit einem „überzeugend guten Mann“ zu
tun habe, wenn man auch gelegentlich immer wieder beklagte, seine Begabung sei „einseitig im Praktischen“415 verwurzelt. Golo Mann nennt Julius Leber den am tiefsten und
zugleich am kraftvollsten denkenden Politiker, den unbeugsamsten Kämpfer von Anfang an.416
Die Betrachtung der Charaktere soll abgeschlossenen werden durch eine subjektive,
zusammengefasste Beurteilung, die Steltzer 1961 abgab:
Molke: grosse menschliche Ausstrahlung, lebendiger Humanist, sehr intelligent, im Grunde
ein Pessimist; Yorck: sehr gebildeter Humanist von konservativer Grundhaltung; Delp:
nach meiner Ansicht die geistig bedeutendste Persönlichkeit des Kreises […]; Roesch: Jesuiten Provinzial, überlegene sachliche Persönlichkeit, religiös nicht ganz von der Weite
410
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 171; siehe auch Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen
o. D. BA NL 166-151, S. 1: „Mierendorff und Leber [standen] turmhoch über dem Niveau der sonstigen
SPD-Funktionäre und Abgeordneten. Leber war ein ‚handfester Staatsmann‘, seine wirkliche Persönlichkeit, als solche sofort erkennbar. Er war nüchtern und stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden der
Wirklichkeit, während Mierendorffs Schwung diesen leicht von dieser fortriss und gelegentlich zu Phantasien beflügelte.“
411
MB (09.01.1944) S. 588 f.
412
MB (02.01.1944) S. 583. Man nahm wohl im Kreisauer Kreis nicht zur Kenntnis, dass Leber 1920
promoviert wurde mit dem Dissertationsthema „Die ökonomische Funktion des Geldes“.
413
MB (09.01.1944) S. 588 f.
414
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 369 f.
415
MB (09.01.1944). S. 583.
416
Gedekrede von Golo Mann, in: Leber: Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 303
81
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Delps; Haubach: ethisch fundierter religiöser Sozialist, sachlich und undogmatisch; Mierendorff: temperamentvoller Sozialist mit aktiver sozialdemokratischer Vergangenheit.
Neigung zu kurzschlüssigen Lösungen. Trott: sympathischer, gebildeter Mann von grosser
Aktivität. Ebenfalls Neigung zu kurzschlüssigen Lösungen. Es gab mit ihm sehr viele Meinungsverschiedenheiten. Moltke vermochte sein Temperament zu bändigen; Haeften: gebildeter Humanist, etwas schwankend in seinen politischen Ansichten, anfangs sehr für aktives Handeln; Gerstenmaier: sehr schwer zu charakterisierender, dynamischer Typ, klug,
ehrgeizig, menschlich kontaktarm, nicht sehr beliebt417; van Husen: unpolitischer Typ, anständiger Jurist.418
Sich selbst beschreibt Steltzer als „sachlich nüchtern, unvoreingenommen, auf realisierbare Lösungen bedacht.“ Von Gablentz sagte er, dass er mit ihm befreundet sei, ohne
ihn zu charakterisieren. Peters ließ er aus, da er ihn nur einmal getroffen hatte. Leber
charakterisierte mit den Worten: „Er nahm [an] den geistigen Problemen wenig Anteil“,
und Trotha, wie schon erwähnt, mit der Aussage, dass er ihn für einen theoretischen
Intellektuellen halte.419
Im Hinblick auf die zu betrachtende Vergemeinschaftung kann festgestellt werden, dass
die Vielfalt der Charaktere nicht größer hätte sein können.
2.3.3
Mitwirkung und Treffen
Nachdem Moltke und Yorck mit der Staatsdiskussion im Januar 1940 sozusagen die
Arbeit des Kreisauer Kreises begonnen hatten, trafen sich die Freunde innerhalb des
sich bildenden und immer verändernden Kreises nach den Erwähnungen in den Briefen
Moltkes an seine Frau Freya ca. 141-mal.420 Obwohl die drei Tagungen auf dem Gut
Kreisau herausragten, gab es viele Treffen in Berlin, auf den Landsitzen von Borsig in
Groß-Benitz, nicht weit von Berlin, und von Yorck in Klein-Öls in Schlesien sowie in
München, meistens bei den Jesuiten. Es wurden sechs Arbeitsgruppen gebildet, die jeweils von Moltke und Yorck geleitet und koordiniert wurden: zu Außenpolitik, Staatsordnung, Wirtschafts- und Sozialordnung, Agrarordnung, Rechtsfragen sowie schließlich zu Kirche, Kultur und Erziehung.421 Diese Phase der Kreisauer Arbeit gipfelte in
417
„Zwischen Gerstenmaier und Steltzer muss eine tiefe Abneigung bestanden haben, die auch noch in
einem Schreiben Theodor Steltzers aus dem Jahre 1952 an den Hamburger Schriftsteller Walter Hammer
zum Ausdruck kommt, wenn Steltzer feststellt ‚(…) und Dr. Gerstenmaier [dessen Namen er konstant
falsch schreibt; A. d. V.], der ja allerdings auf mehreren Klavieren der Opposition gespielt hat [Popitz und
20. Juli; A. d. V.]’“; in: Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 33.
418
Handschriftliche Charakterisierung der Kreisauer auf Anfrage von Roon, 18.07.1961. IfZ, ZS/A-18,
Bd. 7.
419
Handschriftliche Charakterisierung der Kreisauer auf Anfrage von Roon, 18.07.1961. IfZ, ZS/A-18,
Bd. 7.
420
MBF S. 191.
421
Trott, Levin, Peters und der Kreisauer Kreis 1997, S. 137; Moltke, Albrecht, Die wirtschafts- und
gesellschaftspolitischen Vorstellungen 1989, S. 81.
82
Beschreibung des Kreisauer Kreises
der Erklärung „Grundsätze für die Neuordnung“ vom 09. August 1943, die mit einem
unmittelbar bevorstehenden Staatsstreich in Verbindung gebracht werden.422
Die Treffen werden in der Abbildung 2 visualisiert, als ego werden wieder Moltke und
Yorck verstanden, die sich bilateral am häufigsten trafen und bei den meisten Treffen
mit den anderen Freunden gemeinsam zugegen waren. Auf den konzentrischen Kreisen
wird nach außen abnehmend die Häufigkeit der Teilnahme der einzelnen Kreisauer aufgetragen, mit 62 Treffen mit Einsiedel sowie Trott und nur fünf mit Leber. Die Zahlen
beruhen auf den Erwähnungen der Zusammenkünfte in den an Freya gerichteten Briefen, sie geben einen guten Eindruck über die stattgefundenen Treffen, müssen aber nicht
exakt sein, da möglicherweise nicht über alle berichtet wurde. Nicht beachtet wurden
Begegnungen der Freunde untereinander und auch nicht die Treffen nach Moltkes Verhaftung im Januar 1944. Außerdem wurden Treffs mit anderen Widerständlern wie Waetjen, Guttenberg, Bischof Preysing, Furtwängler, Schulenburg, Dohnanyi u. a. nicht
betrachtet, da sie außerhalb des Untersuchungsgegenstandes liegen. Die Teilnehmer an
den Kreisauer Tagungen wurden besonders markiert.
Abbildung 2: Anzahl der Treffen der Kreisauer zwischen 1940 und 1944423
Bei der Interpretation der Netzkarte muss beachtet werden, dass nicht alle „Kreisauer“
von Anfang an dabei waren und die Bedeutung anderer, wie bei Gablentz, geringer
wurde. Bei manchen Kreisauern häuften sich die Treffen zu einem bestimmten Thema.
422
423
Trott, Levin, Peters und der Kreisauer Kreis 1997, S. 137, Fn. 26.
MBF S. 191 f.
83
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Mit Abstand am häufigsten traf sich Moltke mit Einsiedel und Trott, 62 Treffen sind in
den Briefen vermerkt. Bei Einsiedel scheint dies der langen und vertrauten Bekanntschaft seit den Löwenberger Tagen, bei Trott dessen außenpolitischem Sachverstand
und unabhängigem Geist geschuldet zu sein. 48-mal trafen sich Moltke und wahrscheinlich auch Yorck mit Mierendorff. Mierendorff war Moltke wichtig, war doch durch die
Bekanntschaft mit ihm die personelle Voraussetzung für den Einbau der Arbeiterschaft
in die Kreisauer Planungen insofern geschaffen worden, als Mierendorff schon Ende
1941 die Verbindung der Kreisauer zu Wilhelm Leuschner424 und Herrmann Maass und
später dann im Sommer 1943 zu Julius Leber hergestellt hatte.425 Die nächsthäufigsten
Treffen erfolgten dann mit Reichwein (38-mal), Gerstenmaier (33-mal), Steltzer (31mal), Haeften (30-mal). Auch bei Reichwein, dem Mitorganisator der Arbeitslager,
dürfte die lange Bekanntschaft eine Rolle gespielt haben, Gerstenmaier wurde der Verbindungsmann zur evangelischen Kirche, Steltzer, der in Norwegen stationiert war und
zum dortigem Widerstand Verbindung hielt, versuchte bei jedem Besuch in Berlin, mit
Moltke und Yorck Kontakt aufzunehmen, und Haeften war als stellvertretender Chef
der Informationsabteilung des Auswärtigen Amtes bedeutsam. Alle bisher Genannten,
bis auf Mierendorff und Haeften, waren auch Teilnehmer an den Kreisauer Tagungen.
Der Anlauf der Diskussion mit den wechselnden Teilnehmern kann leicht mit vier
Längsschnitt-Netzkarten für die Jahre 1940, 1941, 1942 und 1943/44 visualisiert werden.
424
Wilhelm Leuschner (1888-1944), Gewerkschaftsführer, Sozialdemokrat. 1928-1933 hessischer Innenminister, mit Mierendorff als Pressechef 1928-1930; Januar 1933 stellvertretender Vorsitzender des
Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes; mehrmals im KZ, zeitweilig mit Mierendorff; über längere Zeit Kontakt mit Goerdeler und anderen Regimegegnern außerhalb des sozialistischen Lagers, Befürworter einer Einheitsgewerkschaft; Verurteilung durch den VGH: 08.09.1944; Hinrichtung: 29.09.1944;
in: MB S. 338. Fn. 2.
425
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 425.
84
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Abbildung 3: Treffen 1940 und 1941426
Abbildung 4: Treffen 1942 und 1943/44
Die Netzkarten sind wieder als egozentrierte Netzwerke mit Moltke und Yorck als ego
dargestellt. Gleiche konzentrische Kreise stellen in den einzelnen Abbildungen unterschiedliche Zahlen der Treffen dar und geben nur die relative Häufigkeit in den einzelnen Jahren an, die dem ego am nächsten liegenden Kreise bezeichnen die größere Häufigkeit. Bei der Betrachtung dieser Längsschnittkarten können die einzelnen Schwerpunkte in den jeweiligen Jahren herausgelesen werden. Zunächst stand 1940 die Staatsdiskussion hauptsächlich zwischen Moltke, Yorck und Gablentz im Vordergrund, ergänzt um Anfragen an Einsiedel nach der notwendigen wirtschaftlichen Betätigung des
Staates. Im Jahre 1941 wurden mit Einsiedel, Trotha und Gablentz Fragen der Wirtschafts- und Agrarpolitik sowie mit Reichwein Fragen der Schulpolitik behandelt.
426
MBF S. 191 f.
85
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Weiterhin versuchte Moltke, sich über die „Ausgangslage, Ziele und Aufgaben“427 klar
zu werden; dies mag er in den häufigen Treffen mit Yorck, Einsiedel, Trott, Haeften
und Reichwein vorbereitet haben. Das Jahr 1942 stand im Zeichen zweier Kreisauer
Tagungen mit den entsprechenden Vorbereitungen; im Jahr 1943 gab es eine Kreisauer
Tagung und den Abschluss der Grundsatzpapiere. In diesen Jahren sind Trott, Mierendorff, Gerstenmaier und Einsiedel die Hauptansprechpartner für Moltke und Yorck, mit
einigem Abstand Steltzer und Reichwein. „Mit der Kraft seiner Persönlichkeit und politischen Begabung gehörte […] Mierendorff zu denen“, so Winterhager,
… die dem Kreisauer Kreis am meisten gegeben haben. Für Moltke, Yorck und die anderen
war Mierendorff, als er 1941 für den Kreis gewonnen wurde, der beste Garant dafür, um
den Planungen der Gruppe auch in der Arbeiterschaft eine feste Basis zu verschaffen. Mehr
noch als Reichwein und Haubach war er […] der Mann, dessen Ruf in der Stunde des Neuanfangs bei den Arbeitern Gehör finden würde.428
Es fällt auf, dass die Treffen mit Gablentz sehr abnehmen und dass Husen, der Verfasser
der „Bestrafung der Rechtsschänder“, zur Vorbereitung der 3. Kreisauer Tagung stark
herangezogen wird. Weiter ist zu bemerken, dass die Treffen mit Pater König, der den
Kontakt mit der katholischen Seite aufrechterhält, in den Jahren 1942 und 1943 konstant
bleiben und dass es mit Pater Delp insgesamt nur neun Treffen gab, sieben 1942 und
zwei 1943, allerdings nahm Delp auch an den beiden wichtigen letzten Kreisauer Tagungen teil. Delp notierte in seiner Verteidigungsvorbereitung: „Ich selbst hatte seit
1942 keine direkten Beziehungen mehr zu den Berliner Bekannten d(es) G(rafen)
M(oltke) und seit Januar 1943 auch G(raf) M(oltke) nicht mehr gesehen.“429 Delp wollte, nach seinen eigenen Worten, nur die katholische Soziallehre einbringen und wegen
anderer politischer Dinge sollte sich Moltke an Laien halten, er sei gegen Klerikalismus.430 Damit versuchte Delp allerdings, seine Bedeutung für den Kreisauer Kreis aus
Verteidigungsgründen bewusst zu schmälern.
Von Interesse ist auch die Betrachtung der Teilnahme an den drei Kreisauer Tagungen431, die in Abbildung 5 visualisiert wird.432 Interessanterweise nahm außer Moltke
selbst und Yorck keiner der Freunde an allen drei Tagungen teil.
427
Siehe die Denkschrift von Moltke (in mehreren Fassungen) aus dem Jahre 1941, in: Brakelmann,
Kreisauer Kreis 2004a, S. 150 ff.
428
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 47.
429
Delp IV S. 350.
430
Delp IV S. 341.
431
Siehe die Ergebnisse der Tagungen in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 209 ff., 242 ff., 283 ff.;
zum Ablauf: Roon, Neuordnung 1967, S. 248 ff.
432
Die Teilnehmer, die nur einmal dabei waren, sind grün, diejenigen, die zweimal dabei waren, sind blau
gekennzeichnet.
86
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Die 1. Tagung vom 22. bis 25. Mai 1942 war dem Verhältnis von Staat und Kirche, Bildung und Erziehung gewidmet. Steltzer und Rösch beleuchteten das Staat-KirchenVerhältnis, Reichwein war der Erziehungsexperte. Peters und Lukaschek als Staats- und
Verfassungsrechtler und Poelchau als Vertreter der evangelischen Kirche waren wohl
gewichtige Diskussionsteilnehmer. Das Thema der 2. Tagung vom 16. bis 18. Oktober
1942 galt dem künftigen Aufbau von Staat und Verfassung und der Wirtschaftsordnung.
Teilnehmer waren neben Moltke und Yorck wieder Steltzer und Peters, neu hinzu kamen Einsiedel, Haubach, Gerstenmaier, Delp und als Vertreter Leuschners Hermann
Maass, der eigentlich nicht zu den 20 Kreisauern gerechnet wird (er ist deshalb in der
Abbildung 5 besonders gekennzeichnet). Der Jurist Peters und der Anwalt der Selbstverwaltung Steltzer waren wohl neben Moltke und Yorck bedeutsam für die Diskussion
des künftigen Aufbaus von Staat und Verfassung. Einsiedel, Maass und Delp, der Vertreter der katholischen Soziallehre, werden wohl am meisten an der Wirtschaftsordnung
interessiert gewesen sein. Auf der 3. Kreisauer Tagung vom 12. bis 14. Juni 1943 wurden die Außenpolitik und der Umgang mit Kriegsverbrechern behandelt. Es nahmen
wieder Moltke, Yorck, Einsiedel, Gerstenmaier, Delp sowie Reichwein und erstmalig
Trott und Husen teil. Hier waren Trott, der Experte für Außenpolitik, und Husen, der
Verfasser der „Bestrafung der Rechtsschänder“, besonders gefragt. Aus der Teilnahme
an den Kreisauer Tagungen kann nicht unbedingt auf die Wichtigkeit der Kreisauer geschlossen werden; Mierendorff und Haeften standen unter Gestapo-Aufsicht, Rösch
wurde durch Delp vertreten und Gablentz war dienstlich stets verhindert.
Wenn auch bei der Schilderung der Treffen schon Hinweise auf spezifische Beiträge der
einzelnen Kreisauer gegeben wurden, sollen diese zum besseren Verständnis des Kreisauer Kreises hier verstärkt werden. Es muss dabei aber beachtet werden, dass keine
zweifelsfreie Zuordnung überlieferter Beiträge getroffen werden kann, wie auch der
Moltke-Brief vom 31. August 1940433 zeigt, von dem Roon annahm, er sei an Yorck
gerichtet, wobei der richtige Adressat jedoch Gablentz war, wie sich später herausstellte.
Moltke richtete seine Wirtschaftsfragen, bezogen auf den engeren Kreis der 20 am Beginn der Planungsarbeit, zunächst an Einsiedel und an seinen Vetter Trotha. Am
16. Juni 1940 schrieb er an Einsiedel:
433
Roon, Neuordnung 1967, S. 490.
87
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Lieber Einsiedel, […] Zur Organisation oder Planung der Wirtschaft habe ich eine Reihe
von Fragen, die ich Dir434 gerne […] vorgelegt hätte. Mir scheint zunächst, daß die Gefahr
besteht, daß eine geplante Wirtschaft eine Stellung im Menschenleben einnehmen kann, die
alle Nachteile eines vergotteten Staates hat und noch unmittelbar vom Standpunkt des Nutzens angesehen wird. Wie läßt sich diese Gefahr beseitigen?435
Am 15. Juli schrieb er ihm:
Zweck der wirtschaftlichen Betätigung muss es sein, den Einzelmenschen freier zu machen,
indem er sich über die Natur erhebt, nicht aber, ihn unfreier zu machen, indem an die Stelle
einer Abhängigkeit von Sachen auf dem Gebiete der Erhaltung seines Wirtschaftsraumes
eine solche von Menschen tritt, sei es von Unternehmern, sei es von Beamten.436
Einsiedel und Trotha oblag die Durcharbeitung des wirtschaftlichen und sozialpolitischen Teils der Pläne für die Nachkriegszeit.437 Im Vordergrund standen vor allem eine
zweckorientierte Gestaltung des Staatshaushaltes, die Steuer- und Zollpolitik, die
Lohn-, Preis-, Tarif und Kartellpolitik sowie die Geld- und Kreditpolitik.438
Abbildung 5: Teilnehmer an den drei Kreisauer Tagungen
Gablentz würdigte in seiner Trauerrede439 für Trotha 1952 dessen Bedeutung für den
Entwurf des Wirtschaftsprogramms im Rahmen der Vorbereitung der Kreisauer Nachkriegspläne. Dieses „Planning for freedom“440 stellte Gablentz unter den Leitgedanken:
Wie kommt durch Erziehung zur Verantwortung und durch Dezentralisierung der Ver-
434
Einsiedel war einer der wenigen, die Moltke duzte, mit Yorck hingegen war er stets per Sie.
MBF S. 127.
436
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 124.
437
Trotha, Freiin Margarete von: Brief an Walter Hammer. IfZ, ED 106-96.
438
Schmölders, Personalistischer Sozialismus 1969, S. 49.
439
Gablentz, Trauerrede für Trotha 1952, S. 5.
440
Gablentz, Trauerrede für Trotha 1952, S. 5.
435
88
Beschreibung des Kreisauer Kreises
antwortung der Mensch zu seinem Recht? Selbst beschrieb Trotha seinen Beitrag in
einem Lebenslauf nach dem Krieg wie folgt:
Mir war innerhalb des Kreises hauptsächlich die Aufgabe gestellt, gemeinschaftlich mit befreundeten Gruppen der Widerstandsbewegung, namentlich den illegalen Gewerkschaften
(Leuschner, Maass, Leber) das wirtschaftspolitische Programm für den angestrebten und
mit Sicherheit erwarteten Zusammenbruch des Hitler-Regimes zu entwickeln und die Wege
für seine praktische Verwirklichung festzulegen. Es gelang, in allen wesentlichen Punkten
(Staatsaufbau, politische Organisation, Gewerkschaften, Sozialisierung der Grund- und
Schlüsselindustrie, Beteiligung der Arbeiterschaft an den Betrieben, Grundsätze der Wirtschaftsplanung) zwischen den beteiligten Gruppen Übereinstimmung zu erzielen.441
Diese Übereinstimmung gelang jedoch tatsächlich nicht, die Gewerkschaftsfrage442
blieb auch im Grundsatzprogramm ein offener Punkt, da die Kreisauer jedem Zentralisierungsgedanken, der der Einheitsgewerkschaft zugrunde lag, misstrauten.443 Deshalb
trennte sich der Einheitsgewerkschaftler Leuschner mit Maass von den Kreisauern und
schloss sich Goerdeler an. Insgesamt ist zu dem Beitrag von Einsiedel und Trotha jedoch zu sagen, dass deren planwirtschaftliche Elemente444 an dem Widerstand von
Yorck, unterstützt durch Schmölders, der für eine feste Verankerung des marktwirtschaftlichen Prinzips in der künftigen Wirtschaftsordnung eintrat,445 scheiterten.
Reichwein war maßgeblich beteiligt an den kultur- und bildungspolitischen Planungen
der Kreisauer Widerstandsbewegung,446 er trat bei den Planungsarbeiten auch besonders
für die Belange der Arbeiterschaft und deren volle Integration in die angestrebte Neuordnung ein.447 Reichwein hat sowohl an der 1. und 3. Kreisauer Tagung teilgenommen
als auch für die 2. eine Denkschrift zur Erziehungs- und Schulreform vorgelegt. Nach
der Zusammenkunft in Kreisau Pfingsten 1942 fungierte Reichwein als Vermittler, der
den Sozialisten und Gewerkschaftlern die erste Grundsatzerklärung zur Kenntnis brachte. An den Verhandlungen war er bis zur abschließenden Vereinbarung des Textes am
18. Oktober 1942 maßgebend beteiligt.448 Bei der Ausarbeitung der Grundlagen zielte
Reichwein auf eine umfassende Bildungsreform. „Er befürwortete die Einbeziehung der
Bildungsarbeit in eine Gemeinschaftsbildung mit individuellen und sozialen Zielsetzungen, die lebendige Tradition mit notwendiger Erneuerung zu vereinen suchte.“449 Aller441
Trotha, Carl Dietrich: Lebenslauf, IfZ, ZS/A-18, Bd. 8, S. 4.
MB (08.07.1941) S. 390.
443
Roon, Neuordnung 1967, S. 429.
444
Denkschrift von Einsiedel und Trotha: „Die Gestaltungsaufgaben in der Wirtschaft“ (1942); in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 176: „Wer hier verkennt, daß er zur aktiven Gestaltung berufen ist,
der gibt sich dem wirtschaftlichen Schicksal preis, anstatt es zu meistern.“
445
Moltke, Albrecht, Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen 1989, S. 144.
446
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 11.
447
Huber, Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 343.
448
Amlung, Schwelle 2008, S. 50.
449
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 164.
442
89
Beschreibung des Kreisauer Kreises
dings kam es zum Streit um die Schulfrage, insbesondere stieß die Abkehr vom Prinzip
der Konfessionsschule auf den entschiedenen Widerstand des katholischen Flügels.450
In den Ergebnissen der 1. Kreisauer Tagung heißt es dann schließlich: „Den Eltern steht
das natürliche Recht zu, ihre Kinder nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens
und nach den Forderungen ihres eigenen Gewissens zu erziehen.“451 Familie, Kirche
und Schule sollten die Erziehungsarbeit gemeinsam leisten. Nach Amlung waren bei
Kirchenfragen mehrere Kreisauer angesprochen, bei Erziehungsfragen jedoch nur
Reichwein und Peters, beide waren Mitarbeiter des Kultusministers Becker.452 Nach
Meinung von Gerstenmaier war Reichwein der einzige Schulfachmann. Auf seinen
Schultern ruhten die Hauptlast der Ausarbeitung von Grundsätzen zu einer umfassenden
Bildungsreform und die Verantwortung für die Auswahl geeigneter Persönlichkeiten453
zur Besetzung aller wichtigen Stellen im neu aufzubauenden Erziehungswesen. Aus
diesen Gründen war Reichwein von Moltke als Kultusminister in dem Umsturzkabinett
vorgesehen.454
Während Huber455 davon ausging, dass Reichwein in einer zunächst als verloren gegoltenen Denkschrift vom Spätherbst 1941 die Ergebnisse bildungspolitischer Besprechungen zu einer Lageeinschätzung, verbunden mit einem schul- und hochschulpolitischen
Gesamtkonzept, zusammengefasst habe und dass darin zentrale Vorstellungen Reichweins deutlich Eingang gefunden hätten,456 behauptet Hohmann457, dass Reichweins
Einfluss explizit nicht nachweisbar sei. Dies bezieht sich auf das Kreisauer Dokument,
„Gedanken über Erziehung“ vom 18. Oktober 1941458, das Gablentz im Juli 1969 zusammen mit der „Bitte um Ergänzung der Gedanken über Erziehung“ vom 19. Oktober
1941 unter seinen Papieren gefunden hatte. Neben der Tatsache, so Hohmann, dass das
Dokument Reichweins sichere Ausdrucksweise vermissen lässt, entsprächen die Aussagen inhaltlich nicht dem Reichwein‘schen Denken. Die in der Schrift zum Ausdruck
gebrachte Religiosität, vor allem aber die vehemente Kritik an den pädagogischen Akademien, machen es schier unmöglich, folgert Hohmann, davon auszugehen, Reichwein
450
Bleistein, Dossier 1987a, S. 102., S. 113; Huber: Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 351 f.
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 210.
452
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 430.
453
Mommsen, Reichweins Weg 1999, S. 21.
454
Mommsen, Reichweins Weg 1999, S. 21.
455
Huber, Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 344.
456
Die Denkschrift „Gedanken über Erziehung“ vom 18.10.1941 und die Bitte um Ergänzung der Gedanken über Erziehung vom 19.10.1941 fand Gablentz im Juli 1969 unter seinen Papieren.
457
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 189.
458
Abgedruckt in: Beiner, Adolf Reichwein 1995, S. 102-108.
451
90
Beschreibung des Kreisauer Kreises
könne Autor oder Mitautor des Textes gewesen sein. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Dokumente nicht eindeutig zuordenbar sind.
Als zwischen Sommer und Herbst 1941 die bildungspolitische Planungsarbeit intensiviert wurde, nahm daran auch Gablentz, unter den Kreisauern ein Mann der ersten
Stunde und Mitglied und Kenner der protestantischen Kirche, teil. Zusammen mit Moltke, Poelchau und Reichwein arbeitete Gablentz an dem bei der 1. Kreisauer Tagung
gemeinsam vertretenen Gedanken einer „Deutschen Christenheit“ zur Vertretung der
kollektiven kirchlichen Anliegen bei kommunalen und staatlichen Stellen.459
Gablentz, der bereits 1929 Referent460 im schlesischen Arbeitslager in Löwenberg war,
mag die wichtigsten Beiträge zum ersten Grundsatzpapier „Über die Grundlagen der
Staatslehre“ geleistet haben. Es war für Moltke von größter Bedeutung und kann als
erstes Ergebnis gemeinsamer, aber keineswegs immer sehr harmonisch verlaufener Diskussionen zwischen Moltke, Yorck und Gablentz gelten. Gablentz und Yorck rückten in
dieser Diskussion so eng zusammen, dass man immer wieder Briefe Moltkes, die an
Gablentz gerichtet waren, dem Empfänger Yorck zuordnete.461 Fünf Briefe zwischen
Moltke und Gablentz vom Juli bis November 1940 gehören zu den ersten Korrespondenzstücken überhaupt, die aus dem Kreisauer Kreis überliefert sind.462
Es ging den Freunden damals – in ihrem Einsatz für eine gerechte Neuordnung nach dem
Sturz des NS-Regimes – um die „Grundlagen der Staatslehre“, vor allem um die ethischreligiöse Fundierung der neu zu schaffenden staatlichen Gemeinschaft. Gablentz trug in
diesem Austausch wesentlich dazu bei, daß Moltke und die Freunde sich dem Anspruch
einer tieferen, religiösen Begründung der künftigen Gesellschaftskonzeption öffneten.463
Für Moltke war Gablentz von zentraler Bedeutung in der wegweisenden Frühphase der
Kreisauer Widerstandsarbeit von Mitte 1940 bis Herbst 1942, aber er fand auch, wie
schon erwähnt, dieser sei „schon ein rasend sturer Mann und verbohrt in irgendwelche
Theorien, die schlechthin absurd sind.“464 Der Streitpunkt war die Naturrechtslehre, die
1942 durch den zunehmenden Einfluss der katholischen Soziallehre in dem Freundeskreis an Boden gewonnen hatte. Phasen enger Zusammenarbeit wechselten mehrfach
mit denen von Dissens und ab Oktober 1942 kann von intensiver Teilhabe an den
Kreisauer Planungsarbeiten nicht mehr gesprochen werden, es gab nur noch eine lose
459
Huber, Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 344.
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 62.
461
Steinbach, Zum 100. Geburtstag von Gablentz 1999a, S. 59.
462
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 108, (18.07; 09.08; 31.08; 07.09 und 16.11.1940).
463
Winterhager, Otto Heinrich von der Gablentz 2004, S. 3.
464
MB (24.10.1942) S. 424.
460
91
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Verbindung.465 Gablentz war für Moltke und Yorck wegen seines theologischen Sachverstandes der erste Verbindungsmann der Kreisauer zu den Führungskreisen der evangelischen Kirche, eine Funktion, die später Gerstenmaier übernahm.
Gablentz war in dieser Hinsicht – ähnlich wie in der Folgezeit Gerstenmaier – kein ungeeigneter Mittelsmann, gerade weil er sich nie zum „radikalen“ Flügel der Bekennenden
Kirche zählen mochte. Als Michaelsbruder lehnte Gablentz im innerkirchlichen Streit die
„theologische Borniertheit der Barthianer“ und auch die ausschließende, enge Haltung eines
Dietrich Bonhoeffer als „lieblos“ ab. „So falsch die Schöpfungstheologie der Deutschen
Christen war“, urteilte er später rückschauend, „so engherzig und unrealistisch war der Biblizismus [Karl; A. d. V.] Barths.“466
Da im Herbst 1942 die Zusammenarbeit mit Moltke zerbrochen war, entging Gablentz
der Verfolgung durch die Gestapo und wirkte nach Kriegsende als Mitbegründer der
CDU in Berlin.467
Peters468 berichtete1952 über sein eigenes Wirken im Kreisauer Kreis:
Mir fiel die Ausarbeitung des Kulturprogramms zu; außerdem hatte ich verschiedentlich zu
Ausarbeitungen aus der staatsrechtlichen Arbeitsgruppe Stellung zu nehmen. Moltke gab
mir in diesen Fällen anonyme Schriftstücke, zu denen ich ihm beim nächsten Zusammentreffen – meist mündlich – meine Meinung mitteilte. Das Kulturprogramm arbeitete ich
selbst aus; für den Teil über die Presse erbat ich mir eine Ausarbeitung von Professor Dovifat (Berlin).469
Dieses Kulturprogramm wurde zu Pfingsten auf der 1. Kreisauer Tagung vorgestellt,
das Korreferat hielt der „Linkssozialist“ Professor Reichwein. Für dieses Kulturprogramm sollte Peters die Stellungnahme des Berliner Bischofs Graf Preysing einholen,
dabei stellte Peters den persönlichen Kontakt Moltkes mit Preysing her. Peters referierte
auch auf der 1. Kreisauer Tagung über die Konkordatsfrage.470 Als Professor für Verwaltungsrecht beschäftigte sich Peters sehr mit der kommunalen Selbstverwaltung. Am
29. Januar 1940 übersandte er Moltke nach einer gemeinsamen Besprechung zu diesem
Thema in Thesenform seine Sicht der kommunalen Selbstverwaltung,471 und man könn-
465
MB (03.04.1943) S. 465.
Winterhager, Otto Heinrich von der Gablentz 2009b, S. 3.
467
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 96.
468
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 4.
469
Emil Dovifat (1890-1969), Sohn eines Apothekers, stammte aus einem katholischen Elternhaus und
ging in Köln zur Schule. Anschließend studierte er in München und Leipzig. Nach der Rückkehr aus dem
Ersten Weltkrieg begann er eine journalistische Laufbahn. 1921 wurde Dovifat Mitbegründer des „Deutschen“, des Organs des Christlichen Gewerkschaftsbundes, und 1927 zugleich Chefredakteur. Seit 1924
arbeitete er parallel dazu als Assistent des neu gegründeten Deutschen Instituts für Zeitungswissenschaft
und wurde 1928 dessen Leiter. 1926 erfolgte die Berufung zum außerordentlichen Professor für Zeitungswissenschaft und allgemeine Publizistik an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Dort lehrte er
einen demokratisch und pluralistisch orientierten Journalismus. 1940 war Dovifat Doktorvater der Journalistin und Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann. Siehe auch Dovifat, Emil: Neuordnung der
Presse nach dem Sturz des Hitlerregims. Überlegungen aus den Jahren 1943/44, IfZ, ZS/A-18, Bd. 2.
470
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 262; MB S. 319.
471
Peters, Hans: BA NL Peters, N 1220-19; handschriftliche Aufzeichnung über die kommunale Selbstverwaltung mit Brief: „Lieber Graf Moltke! Anlässlich unserer letzten Besprechung über die kommunale
466
92
Beschreibung des Kreisauer Kreises
te Peters’ Ausarbeitungen als die Umsetzung der philosophisch-abstrakten Moltke’schen Ordnungsvorstellungen auf die pragmatische Ebene der realen Verwaltungsstruktur lesen.472 Die Mitarbeit von Peters scheint nach 1942 abgenommen zu haben,
1943 traf sich Moltke mit ihm nur noch viermal. Mit der Verhaftung Moltkes war die
Beziehung unterbrochen; Peters hatte noch losen Kontakt mit Yorck, der ihm nach der
Hinrichtung der Geschwister Scholl deren Flugblatt zur weiteren Verbreitung übergab.
Nach dem 20. Juli vermied Peters wie andere jegliche gegenseitige Berührung. Im Dezember 1944 bat Freya ihn, eine persönliche Aussprache wegen Moltke mit Freisler,
den Peters persönlich kannte, herbeizuführen. Dies misslang jedoch.473
Lukaschek, den Moltke aus Schlesien seit den 1925er-Jahren kannte, war bereits in das
erste Stadium, die Vorphase ab 1938, einbezogen. Die Beiträge Lukascheks bezogen
sich auf die Bildungspolitik, die territoriale Neugliederung Deutschlands und auf den
Minderheitenschutz474 im Rahmen der Planungen für eine europäische Zusammenarbeit.
Lukaschek nahm an der 1. Kreisauer Tagung teil. Darüber hinaus traf er sich in den Jahren 1942/43 mehrfach allein zu Besprechungen mit Moltke in Berlin und Kreisau. Genannt seien z. B. der Wochenendbesuch im Frühjahr 1942 in Kreisau und das Treffen in
Berlin gemeinsam mit Husen.475 Verglichen mit anderen Mitgliedern war er bei Besprechungen aber eher selten vertreten, denn Lukaschek wohnte nicht in Berlin, sondern in
Breslau, er hielt jedoch über seinen Freund Husen ständig Kontakt mit den Freunden.476
Mit seiner Verwaltungserfahrung wurde Lukaschek zu einem wichtigen Mitarbeiter des
Kreisauer Kreises.477 Nach Ellmann wurde sein Engagement umso größer, je kritischer
die Situation war. Nachdem Moltke im Januar 1944 verhaftet worden war, beteiligte
sich Lukaschek, wie bereits erwähnt, im Sommer an den Besprechungen mit Stauffenberg, Yorck und Trott zur Vorbereitung des Staatsstreiches.478
In seinen Erinnerungen „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“ schrieb Lukaschek
über den Arbeitsrahmen der territorialen Neugliederung:
Selbstverwaltung blieb einiges unklar, das ich in Thesenform kurz zusammenfasse. Wegen etwaiger
Rückfragen stehe ich zur näheren Ausführung und Erläuterung von einzelnen Punkten natürlich gern zur
Verfügung. Mit besten Empfehlungen. Ihr Peters.“ Dafür bedankte sich Moltke schriftlich am 30.01.1940.
472
Nach Karpen sind Peters’ „Thesen“ die Grundlage für Moltkes Ausarbeitung über „Die kleinen Gemeinschaften“, in: Karpen, Das Vermächtnis des Kreisauer Kreises 2007, S. 6.
473
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 5.
474
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 78.
475
MB (26.03.1942) S. 358; (15.06.1942) S. 380.
476
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 66.
477
Ullrich, Kreis 2008, S. 52.
478
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 31 und 4. Kap I-V
93
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Er [Moltke; A. d. V.] wusste auch, dass insbesondere England eine Aufteilung Deutschlands und vor allem Preußens in föderalistische Staaten fördern würde. Mich bat Moltke,
mir Gedanken darüber zu machen, wie solche Staaten gestaltet werden könnten, dass diese
ein intaktes Eigenleben führen könnten und nur an der Spitze eine Bundesregierung gebildet werden könnte, die absolut notwendige einheitliche Führung für Außenpolitik, Heer
und Geldsachen haben musste.479
Lukaschek machte sich nach eigenen Angaben auch Gedanken, mit welchem Wahlsystem eine neue parlamentarische Vertretung aufgebaut werden könnte.
Wir konnten uns nicht vorstellen, dass in dem zu erwartenden Chaos allgemeine direkte
freie Wahlen möglich sein würden. Die Erfahrungen mit den Wahlen gemäß der Weimarer
Verfassung waren ja auch nicht allzu verlockend. Wir dachten an ein Übergangssystem, das
vom örtlichen Kommunalverband ausgehend durch ein Repräsentativsystem gebildet werden könnte.480
Da Mierendorff wegen seiner Gestapo-Überwachung an keiner der großen Tagungen
teilnahm, ist seine Rolle im Kreisauer Kreis nicht ganz klar.481 „Dennoch gehörte er
zum Kern der Kreisauer, vermutlich, weil er der erste war, der die enge soziale Basis
der ersten Mitglieder überwand, die sich seit dem Sommer 1940 zusammengefunden
hatten.“482 Er sollte die Bestrebungen der Gruppe in der demokratischen Arbeiterbewegung verankern.483 Mit Leuschner kämpfte er um die Gewerkschaftsfrage.484
Unmittelbar vor dem Pfingsttreffen 1943 in Kreisau verfasste Mierendorff seinen Aufruf zur „Sozialistischen Aktion“485. Dieser wird von Gerstenmaier als sprunghaft und
für die Programmatik der Kreisauer als bedeutungslos bezeichnet.486 Es ist deshalb die
Frage zu stellen, ob dieser Aufruf als ein Dokument des Kreisauer Kreises angesehen
werden kann. Dass Moltke Mierendorffs Aufruf in seiner Mappe der Grundtexte aufbewahrte, zeugt zumindest von einer gewissen Zustimmung Moltkes zu dem Aufruf.
In jedem Fall jedoch stellte der Aufruf eine neue Dimension dar. Er „überwand die
überwiegend statische Phase der Neuordnungspläne und zielte auf eine politische Mobilisierung der Bevölkerung, wobei die Erinnerung an die deutsche Erhebung von 1813
Pate stand.“487 Mierendorff hielt ebenso wie Leber die politische Aktivierung der Bevölkerung für unerlässlich.488 Eine neue Dimension ergab sich auch insoweit, als dieser
479
Lukaschek, Hans: „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“, Rede vom 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18,
Bd. 4, S. 6.
480
Lukaschek, Hans: „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“, Rede vom 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18,
Bd. 4, S. 6.
481
Steinbach, sozialistische Aktion 1997, S. 26.
482
Steinbach, sozialistische Aktion 1997, S. 26
483
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 47.
484
Mommsen, Reichweins Weg 1999, S. 11-22.
485
Roon, Neuordnung 1967. S. 78; Albrecht, Mierendorff Volksbewegung 1985, S. 838 ff.
486
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 173.
487
Mommsen, Verfassungs- und Verwaltungsreformpläne 1985, S. 586.
488
Mommsen, Alternative zu Hitler 2000, S. 301.
94
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Aktionsaufruf belegt, dass es nicht nur um die „Wiedererrichtung des Bildes vom Menschen in den Herzen der Mitbürger“ und um das „Nachdenken über das Danach“, sondern auch um die Vorbereitung von Aktivitäten ging489, obwohl auch die Kreisauer mit
ihren Vorhaben der Weisungen an die Landesverweser und zur Bestrafung von Rechtsschändern schon erste aktuelle organisatorische Maßnahmen beschlossen hatten. Auch
die Semantik des Manifests weist mit der Verwendung von der politischen Linken zuzurechnenden Ausdrücken wie „Aktion“, „Hitlerdiktatur“, „Nazismus“, „Einheitsfront“
beträchtliche Unterschiede zu der eher „esoterischen Sprache“490 der Kreisauer auf. Inhaltlich, und das ist hier wichtig, entsprechen die sozialistischen und christlichen Werthaltungen des Aufrufs jedoch weitgehend dem Kreisauer Programm.491
Das entscheidend Neue an dieser Aktion Mierendorffs war, dass damit eine „überparteiliche Volksbewegung zur Rettung Deutschlands“ geschaffen werden sollte, die christliche Gruppen, die sozialdemokratische und kommunistische Bewegung sowie die liberalen Gruppierungen zusammenführen wollte. Dieser Gedanke wurde vom Widerstand
„begierig“ aufgegriffen, wies er doch einen befreienden Weg aus dem ungeliebten früheren Vielparteiensystem, das auch die Kreisauer nicht wollten. Mommsen sagt deshalb
zu Recht:
Moltke und die Kreisauer sahen darin [in der „überparteilichen Volksbewegung“; A. d. V.]
die institutionalisierte Zusammenfassung der von ihnen angestrebten neuen Elite, die sich
aus allen Schichten des Volkes zusammensetzten sollte und durch die Vision einer neuen
Gesellschaft jenseits der überkommenen Parteibindungen verbunden war.492
Die „Sozialistische Aktion“ übte eine unterschiedliche Wirkung auf die Widerstandsbewegungen aus. Ihren wohl stärksten Einfluss hatte sie auf die Bewegung des 20. Juli.
Sie traf nämlich das schwächste Glied in der Umsturzplanung,493 denn sowohl die
Gruppe um Goerdeler als auch die Kreisauer hatten zwar vergleichsweise exakte Vorstellungen über eine zukünftige gesellschaftliche und politische Verfassung, aber die
Frage, wie die Umsturzregierung die Zustimmung der Bevölkerung gewinnen wollte,
blieb völlig offen.494 Das mag aber auch nicht weiter verwunderlich sein, denn der deut-
489
Steinbach, sozialistische Aktion 1997, S. 27.
Mommsen, Alternative zu Hitler 2000, S. 344.
491
Mommsen, Alternative zu Hitler 2000, S. 343 f.
492
Mommsen, Verfassungs- und Verwaltungsreformpläne 1985, S. 586.
493
Mommsen, Alternative zu Hitler 2000, S. 346.
494
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 159. Mommsen weist darauf hin, dass Beck und Goerdeler
einen Regierungswechsel mit anschließenden Reformen anstrebten, während Stauffenberg, Leber, Trott,
Schulenburg und der aktiv gebliebene Teil der Kreisauer auf eine revolutionäre Erhebung von Armee und
Volk abzielten, die nach der Durchführung von Walküre und der Vereinigung der politischen Macht mit
der militärischen Führung den Umsturz sichern sollte. Damit hatte eine demokratische Volksfront einen
Sinn, während eine Verwirklichung der Pläne Goerdelers, der aus der Militärdiktatur heraus Reformen
490
95
Beschreibung des Kreisauer Kreises
sche Widerstand hatte im Gegensatz zu den mit den Alliierten verbündeten Widerstandsbewegungen keinerlei Rückhalt im Volk,495 es war ein „Widerstand ohne
Volk“496.
Haubach war an der Formulierung dieses Aufrufs, der von der ganzen Gruppe der Sozialisten unterstützt wurde, beteiligt. Die stark christliche Ausrichtung des Aktionsprogramms, die auf den erklärten Widerstand Julius Lebers stieß, fand ein Gegenstück in
Reichweins und Poelchaus Programm der „Aufrichtung einer Deutschen Christenschaft“497.
Steltzer498 nahm an zwei der drei Kreisauer Tagungen teil. Zusammen mit Rösch, seinem katholischen Gegenüber, nahm er Stellung zum Verhältnis von Staat und Kirche.499
Zwei vorbereitende Texte dazu geben die evangelische Sicht500 wieder, weitere Arbeiten zum Bildungswesen und zur europäischen Ordnung spiegeln katholische Vorstellungen, möglicherweise stellen sie Kompromisspapiere dar.501
Steltzer, einer der älteren Kreisauer, hatte schon vor seiner Zugehörigkeit zum Kreisauer Kreis in zwei Denkschriften502 seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen niedergelegt: „Grundsätzliche Gedanken über die deutsche Führung“, Denkschrift vom September 1933, geschrieben auf Anforderung für den österreichischen Bundeskanzler
Schuschnigg, und „Geschichte und deutsche Führungsaufgabe“, Denkschrift vom Frühjahr 1934. Mitte Juli 1944 verfasste Steltzer eine weitere längere Denkschrift, die die
„höchste Stelle“ auf der alliierten Seite erreichen sollte. Er hoffte, der norwegische Widerstand werde sie nach London weiterleiten, um „das drohende Chaos in Deutschland
und den besetzten Gebieten durch Zusammenarbeit mit einer verantwortlichen deutschen Opposition aufzuhalten“503. Streng genommen liegen alle drei Denkschriften
außerhalb des Betrachtungsbereichs, da Steltzer erst 1941 zum Kreisauer Kreis stieß
oktroyieren wollte, unbeabsichtigt auf einen zweifelhaften Abklatsch der nationalsozialistischen Staatspartei hinausgelaufen wäre.
495
Klemperer, Der deutsche Widerstand 1995, S. 42.
496
Mommsen, Hans: Gesellschaftsbild 1966, S. 76.
497
Huber, Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 357 f.
498
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 96.
499
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 262.
500
Bleistein, Dossier 1987a, Dokument 3 und 4, S. 88-94, S. 95-101.
501
Bleistein, Dossier 1987a, Dokument 6 und 9, S. 115-119, S. 127-178.
502
Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 301 ff., S. 316 ff.
503
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 312; Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 334 ff.
96
Beschreibung des Kreisauer Kreises
und dieser nach seiner Auffassung504 mit der Verhaftung von Moltke im Januar 1944 zu
existieren aufgehört hatte.
Unter den Kreisauern war Adam von Trott, wie bereits angemerkt, der Jüngste. Wie nur
wenige nahm er die ganze Zeit über an der Arbeit teil. Moltke, über den alle Kommunikation lief, war an 141 Besprechungen beteiligt, Trott an 63. In der Gruppe der Kreisauer war Trott nicht zu übersehen, seine Persönlichkeit setzte sich im Kreisauer Kreis
mehr und mehr durch. „Er knüpft neue Fäden und durchschreitet den gruppendynamischen Sozialisationsprozess im eigentlichen Sinn des Wortes.“505 Interessanterweise
wird Trott in der älteren Geschichtsschreibung nach 1945 nicht ausschließlich dem
Kreisauer Kreis zugeordnet. Rothfels klammert Trott bei der Behandlung des Kreisauer
Kreises gleichsam als Sonderfall aus,506 wenn er bemerkt: „Er [Trott; A. d. V.] nahm als
glänzende und dynamische Persönlichkeit einen besonderen Platz in dem Kreise ein.“507
Auch wenn Trott durchaus dem Kern des Kreisauer Kreises zugerechnet werden kann,
entsteht bei Rothfels in Anbetracht der vielen Auslandsmissionen und der politischkonzeptionellen Arbeit Trotts508 „doch eher das Bild eines im deutschen Widerstand
unabhängig und übergreifend – und nicht nur für die Kreisauer Gruppe – agierenden
Mannes, der […] in seiner Bedeutung etwa gleichrangig neben Moltke steht“509.
Neben Haeften wurde Trott als der wichtigste Experte für außenpolitische Fragen zu
den Kreisauer Beratungen herangezogen510 und auf der 3. Kreisauer Tagung hielt er das
außenpolitische Grundsatzreferat. Seine Beiträge ergeben sich aus einer Reihe von
Denkschriften zu außenpolitischen Themen, wie: Memorandum für die englische Regierung (Ende 1942)511, Bemerkungen zum Friedensprogramm der amerikanischen Kirchen (November 1943)512, Memorandum ohne Titel (Juni 1944)513, in dem Trott zur
Abwendung „einer umfassenden Bombenoffensive gegen die großen Industriezentren
im westlichen Deutschland“ auf die Zusammensetzung der Widerstandsbewegung und
„ihre Möglichkeit, einen Staatsstreich“514 durchzuführen, einging.
504
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 77.
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 139.
506
Winterhager, Zukunftsplanung 2009a, S. 4.
507
Rothfels, Die deutsche Opposition 1958, S. 122.
508
Rothfels, Die deutsche Opposition 1958, S. 141-145.
509
Winterhager, Zukunftsplanung 2009a, S. 4.
510
Ullrich, Kreis 2008, S. 54.
511
Rothfels, Zwei außenpolitische Memoranden 1957, S. 388 ff.
512
Rothfels, Denkschriften Adam von Trott 1964, S. 318 ff.
513
Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 289 ff.
514
Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 281 f.
505
97
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Ab 15. Mai 1941 erwähnte Moltke immer wieder Zusammenkünfte mit Haeften.515
Dass das gegenseitige Verstehen nicht sogleich selbstverständlich geschah, sei bedingt
durch Haeftens Zurückhaltung und Vorsicht und seine jahrelange Erfahrung im Behördenleben, meinte nach dem Krieg seine Frau Barbara. „Es ist eine große Anstrengung
solche Leute für die große Lösung zu gewinnen, weil sie zu sehr die Routine kennen. Ist
es einem aber einmal gelungen, dann hat man auch einen zuverlässigen Wegbegleiter –
ich meine Haeften“516, schrieb Moltke am 15. Mai 1941 an Freya, wie bereits zitiert
wurde. Haeftens Frau Barbara beurteilte die Tätigkeiten ihres Mannes in ihren Erinnerungen:
Obgleich Hans, wie aus solchen Notizen in Moltkes Briefen an Freya, aus der Skizze von
Böhm, in den Erinnerungen von Gerstenmaier, auch von Siegmund-Schultze und von Hassel erkennbar ist, in die Gespräche und Planungen der Freunde eingebunden und aktiv beteiligt war und sich auch besonders stark für die Kontakte zu den Kirchen und grundsätzlich
für das Verhältnis Staat-Kirche wie auch für Erziehungsfragen interessierte, konnte er doch
an der Tagung in Kreisau nicht teilnehmen. Er war in zu exponierter Stellung im Amt als
stellvertretender Leiter der Info-Abteilung und seit Jahren unter Beobachtung der Gestapo,
vor allem seit seinem – schließlich sogar siegreichen – Kampf gegen das Propagandaministerium 1935/6. Aber er hatte gesagt, wenn Adam hinginge, sei er selber nicht nötig, denn
sie hätten immer alles miteinander abgesprochen.517
Haeften wirkte auch an den Arbeiten zu einer neuen Verfassung und sozialen Ordnung
mit und gemeinsam mit seinem Freund Adam von Trott – mit dem er jahrelang unter
dem Schutze Weizsäckers den gefährlichen Kampf im Auswärtigen Amt gegen Ribbentrop führte – an den Grundgedanken einer neuen europäischen Außenpolitik. Am meisten lag ihm aber die Durchdringung der zu Unrecht verabsolutierten Politik mit dem
Geist eines christlichen Realismus am Herzen.518 Von Haeften sind nur wenige Quellen
überliefert, er sagte zu seiner Frau: „Nichts Schriftliches über Politik.“
Poelchau schreibt von sich selbst: „Ich wurde verantwortlich, unter der Kritik von
Gleich- oder Ähnlichdenkenden angespornt, über die großen Fragen der Kulturpolitik
nachzudenken.“519 Von Moltke wurde er, als erfahrener Sozialarbeiter, auch beauftragt,
in der Wiedergutmachungsfrage an Arbeitern, Juden und Polen einen Vorschlag zu erarbeiten.520 Wie schon erwähnt, arbeitete Poelchau als evangelischer Theologe an dem
Gedanken der „Deutschen Christenschaft“ zur Vertretung der gemeinsamen kirchlichen
515
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 48.
MB S. 244.
517
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 71.
518
Nostitz, In memoriam Haeften 1948, S. 221.
519
Poelchau, Ordnung 1963, S. 92.
520
MB S. 394, S. 389.
516
98
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Anliegen bei kommunalen und staatlichen Stellen521 mit und nahm bei der 1. Kreisauer
Tagung an der Diskussion über das Verhältnis von Staat und Kirche teil.
Die Briefe Moltkes zeigen, dass es immer wieder zu Kontakten zwischen München und
Berlin kam. „Neben Kreisau und Berlin war München der dritte Ort der Kreisauer und
Rösch spielte bei diesen Planungen eine nicht unwichtige Rolle.“522 Moltke erwartete
sich Hilfestellung von der katholischen Kirche. Rösch hielt auf der 1. Kreisauer Tagung, nachdem Steltzer über das Verhältnis von Kirche und Staat gesprochen hatte,
einen Vortrag über den „katholischen Raum“ und äußerte sich zur katholischen Konzeption des Verhältnisses Kirche zu Staat. Er wurde mit Steltzer zusammen in ein „Konklave“ geschickt, um den Kirche und Kultur betreffenden Teil der Niederschrift zu entwerfen.523 Bei der zweiten Tagung war er gleichfalls zugegen, bei der dritten vertrat ihn
Delp. Rösch hielt Kontakt zu Kardinal Faulhaber, Moltke hielt Kontakt zu Preysing,
sodass die beiden Bischöfe ständig über die Planungen im Kreisauer Kreis informiert
waren.524
Der Beitrag der Jesuiten bestand hauptsächlich in der Beratung in kirchlichen und sozialen Fragen. Rösch und die beiden anderen Jesuiten verstanden die Erwartungen an die
Kirche in der Erweckung des Menschen und in der Bereitstellung mitarbeitsfähiger und
mitarbeitswilliger Menschen sowie in der Unterstützung der Bemühungen beider Kirchen, sich gegenseitig und auch mit den außerkirchlichen Gruppen abzustimmen.
Dies wird besonders an drei Texten in den Dossiers525 aus dem Nachlass von Pater König deutlich, die im Vorfeld jener Besprechung verfasst wurden, in der Arbeiterführer
wie Wilhelm Leuschner, Hermann Maass und Carlo Mierendorff Kontakt mit den Jesuiten Augustin Rösch, Alfred Delp und Lothar König aufnehmen sollten. Diese Einigungsgespräche zwischen beiden Gruppen innerhalb des Kreisauer Kreises sollten am
02. August 1942 in Berlin erfolgen. Sie fanden auch tatsächlich mit positivem Ergebnis
statt, wie Moltke526 schrieb, beide Seiten kamen überein, nach einer schriftlichen Fixierung ihrer Positionen noch einmal mit ihren „Chefs“ zu sprechen, d. h. für die Jesuiten
wohl mit Kardinal Faulhaber, für die Arbeiterführer mit Leuschner oder Leber.
521
Huber, Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 357.
Bleistein, Rösch 1998, S. 123.
523
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 144.
524
Bleistein, Rösch 1998, S. 119.
525
Bleistein, Dossier 1987a, S. 180 ff.
526
MB (02.08.1942) S. 398.
522
99
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Der erste Text, „Besprechung der aktuellen Kampfführung“527, befasst sich mit Überlegungen zur Strategie des Vorgehens gegen den Nationalsozialismus. Er ist angelehnt an
Preysings Predigt zum silbernen Bischofsjubiläum von Papst Pius XII., die er am
28. Juni 1942 in der Hedwigskathedrale in Berlin gehalten hatte. Die Hauptaussagen der
Predigt waren: Gott steht über allem Irdischen und alle Menschen sind gleich; Menschen sind mit Rechten geboren, die nicht vom Staat abgeleitet, sondern ursprünglich
und von Gott gegeben sind. Es wird also die Gleichheit aller Menschen und das Naturrecht postuliert. Im zweiten Text, „Erwartungen der Menschen an die Kirche“, wird die
Blindheit des Konfessionalismus gegeißelt und das Handeln beider Kirchen, die Ökumene voraussetzend, sowie die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Arbeiterschaft/Gewerkschaften als möglich erachtet. An die Kirchen werden drei Fragen gestellt, zunächst die nach der Situationskenntnis, d. h. ob sie „die Notlage des Menschen
sehen und ob sie bereit sind, für den Menschen einzutreten, und ob sie wissen, dass sie
durch den persönlichen Einsatz ihrer Diener die Möglichkeit haben, die innere Führung
des deutschen Volkes und des Abendlandes zu übernehmen.“ Dann wird gefragt, „für
welche Grundrechte des Menschen die Kirchen einzutreten bereit sind“528 und schließlich, welche Kooperationsbereitschaft mit der evangelischen Kirche und der Arbeiterschaft besteht. Im dritten Text, „Politische Erwartungen an die Kirchen“, werden die
Probleme diskutiert: Sinn und Zweck der Kirche, Naturrechte und Rechte aus der Offenbarung, Aufgabe der Kirche in der Situation der Rechtlosigkeit bzw. der bedrohten
Rechtsordnung.
Es ist Winterhager zuzustimmen, wenn er die Mitarbeit von Rösch so zusammenfasst:
Für Moltke war Rösch „einer unserer besten Leute“. Und auch Steltzer hat ihn als „überlegen sachliche Persönlichkeit“ charakterisiert, wenngleich „religiös nicht von der Weite
Delps“ [aus der Charakterisierung von Steltzer; A. d. V.]. Später als Delp stärker in den
Vordergrund rückte, begleitete Rösch gleichwohl stets weiter die Planung des Kreises und
hatte an den Entwürfen Delps mitunter direkten Anteil. Am wichtigsten blieb er [Rösch;
A. d. V.] zudem für die Kreisauer als der Mann, der immer wieder die Kontakte zu den Bischöfen, an erster Stelle zum Erzbischof zu München, Michael Kardinal von Faulhaber, zu
knüpfen vermochte.529
Delp nahm an der 2. und 3. Kreisauer Tagung in enger Abstimmung mit Rösch teil. Auf
dem 3. Kreisauer Treffen vom 12. bis 14. Juni 1943 brachte Delp seine Gedanken zu
Fragen des Rechts auf der Basis der katholischen Naturrechts- und Staatslehre ein.
527
Bleistein, Kirche und Politik 1987b, S. 148 ff.
Bleistein, Dossier 1987a, S. 184 ff.
529
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 77.
528
100
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Brakelmann530 bemerkt, dass es vor allem Delp war, der unermüdlich an den Sachfragen
und an den gemeinsamen Formulierungen mitgearbeitet habe. Er habe eine Fülle von
Beiträgen über Verfassungsfragen, über den Staatsaufbau, über die Wirtschaftsordnung,
über Außen- und Innenpolitik und über ein vereinigtes Nachkriegseuropa geliefert,
ebenso habe er über die Bestrafung von Rechtsschändern und über die deutsche Beteiligung an der Bestrafung für Schandtaten nachgedacht. Am deutlichsten wird seine
Handschrift in einem Entwurf für die spätere Fassung der Kreisauer „Grundsätze für die
Neuordnung“ vom 09. August 1943, wenn es heißt:
Wiederherstellung des Bewusstseins vom absoluten Recht: Liquidierung des totalen
Rechtspositivismus. Und Rechtsutilitarismus, Wiedererweckung des Bewusstseins von
göttlichen Herrenrechten […], Wiederherstellung des Bewusstseins von naturgegebenen,
vor jeder staatlichen und politischen Ordnung unabhängigen Menschenrechten […]531
Eine von personalen und sozialen Naturrechten bestimmte Gesellschafts- und Staatsordnung war ihm und seinen Kreisauer Freunden das konkrete politische Ziel. Die Vertretung der katholischen Soziallehre war so ein unermüdliches Anliegen Delps, was
auch ein positives Echo im Kreisauer Kreis hatte. In seinen Prolegomena532 zu einer
evangelischen Sozialethik schreibt Gerstenmaier:
Auch wenn auf evangelischer Seite zweifellos kein Vakuum zu füllen war, so fehlte hier
doch die Klarheit, Stabilität und Geschlossenheit des katholischen Systems. Von einer
Handhabung durch die kirchliche Institution ganz zu schweigen. Etwas Entsprechendes war
auf evangelischer Seite weder möglich noch angestrebt.
Ausgehend von einer naturrechtlich begründeten Sozialphilosophie, postuliert Delp so
fünf große Erneuerungen, „die auch als ‚Wiederherstellungen’ apostrophiert werden. Es
ist dies die Wiederherstellung des Rechtsbewusstseins, der Rechtssicherheit, der Staatsordnung, der Familie und der Sozialordnung“533.
Haubach534 nahm lediglich an der Kreisauer Tagung im Oktober 1942 teil, da er befürchtete, er werde wie Mierendorff von der politischen Polizei intensiv observiert. Laut
Steltzer gab Haubach den Hinweis, dass man „bei uns“ den Eindruck habe, „daß die
Kirchen nur dann etwas unternehmen, wenn man ihnen unmittelbar auf die Füße
530
Brakelmann, Widerstand im Glauben 2007, S. 58.
Bleistein, Dossier 1987a, S. 278 f.
532
Gerstenmaier, Die Zukunft der Person 1953, S. 62 f. Dieser Aufsatz sollte ursprünglich 1942 unter
dem Titel „Die Zukunft der Person. Zum Kulturwandel und Strukturproblem der christlichen Ethik“ in
„Orient und Occident“, hrsg. von Eugen Gerstenmaier, Berlin-Spandau, Wichern-Verlag, erscheinen, ist
dort aber infolge der Beschlagnahmung nicht erschienen. Der Beitrag in der Festschrift Schreiner lehnt
sich wohl an den Aufsatz von 1942 an. Dafür spricht, dass in den Anmerkungen (Schreiner, S. 75) nur
ältere Literatur angegeben wird. In den Diskussionen der Kreisauer spielt die Frage des Personalismus
eine entscheidende Rolle. Es darf angenommen werden, dass die Kreisauer Freunde Gerstenmaiers Position kannten und diskutierten.
533
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 140.
534
Zimmermann, Haubach 2004, S. 386.
531
101
Beschreibung des Kreisauer Kreises
tritt.“535 Dies machte uns deutlich, so Steltzer, „daß die Einschaltung der Kirchen eine
bessere psychologische Vorbereitung besonders in den Kreisen der Linken erforderte.
Wir beschlossen, die Kirchen auf diese Situation aufmerksam zu machen und sie
[Wurm und Preysing; A. d. V.] um Predigten zu bitten, die ihr Rechnung trugen.“536 Im
Oktober 1942 hatte Haubach537 mit der Erarbeitung eines grundlegenden Positionspapiers eine Aufgabe zugewiesen bekommen, es ist jedoch unbekannt, welche.538 Zu
vermuten ist die Mitarbeit an der Grundsatzerklärung, der ideologischen Plattform539
des Kreises. Weiterhin arbeitete Haubach an der „Sozialistischen Aktion“, einem markanten Zeichen, das die weiterhin bestehende Zugehörigkeit zum sozialdemokratischen
Widerstand dokumentierte, mit. Dieser Aufruf wird, wie wir bereits gesehen haben,
eigentlich Mierendorff zugeschrieben, aber Haubach war beim Entstehen dabei und
griff korrigierend ein.
P. Lothar König540 war Professor für Kosmologie am Berchmanskolleg in Pullach. Er
hatte bereits im „Ausschuss für Ordensangelegenheiten“ mit P. Rösch zusammengearbeitet und hatte Tausende Kilometer mit der Reichsbahn zurückgelegt, vor allem wegen der Aufhebung der Klöster durch die Gestapo (1941). König war der „Mann von
Rösch“541, sein „Sekretär“, wie Moltke schrieb. Wenn er auch vor allem als Kurier zwischen der Ordensleitung und den katholischen Bischöfen542 gewertet wurde, so haben
neuere Forschungen seine eigentliche Bedeutung entdeckt: Diese Mitwirkung Königs
beim Ausschuss für Ordensangelegenheiten543 an der Seite von Rösch ist besonders
hervorzuheben. Die Ordensleute entwarfen den nicht veröffentlichten „Menschenrechtshirtenbrief“544 vom November 1941, veranlassten den Hirtenbrief am Passionssonntag545 1942 mit und bereiteten den Weg für den Dekaloghirtenbrief546 vom
12. September 1943. Hierbei spielte König eine entscheidende Rolle, indem er als „Legat“ von Kardinal Faulhaber die Zustimmung von 24 Diözesanbischöfen zu dem Men-
535
Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 50.
Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 50.
537
Zimmermann, Haubach 2004, S. 388.
538
MB (26.10.1942) S. 425.
539
Zimmermann, Haubach 2004, S. 391.
540
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 260.
541
MB (09.05.1942) S. 370.
542
Ullrich, Kreis 2008, S. 51.
543
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 316 ff.
544
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 316.
545
Volk, Akten deutscher Bischöfe Bd. 5 1983, S. 700-704.
546
Volk, Akten deutscher Bischöfe Bd. 6 1985, S. 197-205.
536
102
Beschreibung des Kreisauer Kreises
schenrechtshirtenbrief erreichte. König hatte dazu auch Kontakt zum evangelischen
Landesbischof Wurm geknüpft.
König, „der „Mann von Rösch“, war also, wie schon erwähnt, nicht nur Kurier, wie bei
Steltzer und Gerstenmaier vermerkt. Auch seine konzeptionelle Mitarbeit war beachtlich. Dies wird an seinen handschriftlichen Bemerkungen zur Besprechung vom
02. August 1942, in seiner Absicht, die humane Pflicht der Kirchen herauszuarbeiten, in
seiner Bereitschaft, politische Konsequenzen zu übernehmen,547 und bei seinen verschärfenden Korrekturen am Menschenrechtshirtenbrief vom November 1941548 deutlich.
Die bekannte Deutschlandkarte549 mit der geplanten Länderneuordnung des Kreisauer
Kreises stammt zweifelsfrei von König550; er hatte sie aufgrund von Besprechungen mit
dem engeren Kreis bei Yorck angefertigt. König war gemeinsam mit Rösch auch beteiligt, im Gespräch mit Preysing einen Kontaktbischof für den Kreisauer Kreis zu identifizieren.551 Moltke arbeitete pausenlos mit König552 und akzeptierte ihn als gleichberechtigten Teilnehmer. Auch nach der Verhaftung Moltkes hielt König noch engen Kontakt mit den Kreisauern (Yorck) und warnte über seinen Mitbruder Tattenbach am
21. Juli 1944 Delp in Bogenhausen vor der Verhaftung.553
547
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 321: „Diese ausdrückliche Mitarbeit wird in einer
handschriftlichen Überarbeitung greifbar, wie sie zu den ‚Unterlagen für die Augustbesprechungen’ (2.
August 1942) vorliegt. Von König stammt etwa die Formulierung: ‚Die Verkündigung des ius nativum ist
eine Pflicht der Kirche; damit arbeitet die Kirche dispositiv der Herausbildung der neuen Ordnung zu.’
Zuvor hieß der Satz: ‚Die Verkündigung des ius nativum ist eine geistliche Pflicht der Kirche; dadurch
erfüllt sie aber den wichtigsten Beitrag: Menschen zu erwecken.’ In den ‚Themen der Besprechungen’
(vom gleichen Datum) geht auf König diese Textformulierung zurück: ‚Daß dieses Eintreten der Kirche
in der gegenwärtigen Lage von dem heutigen Staat politisch missdeutet und daß es notwendigerweise
politische Wirkungen auslösen wird, darf die Kirchen nicht daran hindern, die großen Aufgaben der geistigen Führung der Menschen zu übernehmen.’ Zuvor lautete der Text: ‚Daß dieses Eintreten der Kirchen
in der gegebenen Lage von dem heutigen Staat politisch mißdeutet werden wird und daß es mit Rücksicht
auf den Totalitätsanspruch des Staates notwendigerweise politische Wirkungen äußern wird, darf die
Kirchen nicht daran hindern, die großen seelsorgerlichen Aufgaben, die die Menschen von ihnen erbitten
und erwarten, auf sich zu nehmen.’ Aus beiden Formulierungen wird zweierlei deutlich: 1. die Absicht
Königs, eine humane Pflicht der Kirchen herauszuarbeiten, jenseits oder längst vor einem ‚seelsorgerlichen Auftrag’, 2. seine Einsicht, daß jedes Engagement in der konkreten Situation politische Konsequenzen hat, seine Bereitschaft, diese Konsequenzen zu übernehmen.“
548
Alte Fassung: „Was an Beeinträchtigung der Rechte der Kirche im einzelnen hier und dort in unserem
Vaterland geschieht, zwingt jeden Bischof, dazu Stellung zu nehmen.“ Text König: „Jeder deutsche Bischof muß die unverrückbaren Gesetze Gottes und die Rechte der Kirche verteidigen, gleichviel in welchem Teil des Reiches der Angriff erfolgt.“, in: Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 317.
549
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 116 f.
550
Husen, Paulus van: Brief an Roon, 30.04.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 3.
551
MB (30.06.1942) S. 386 f.
552
MB S. 397.
553
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 295.
103
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Moltke554 besuchte Gerstenmaier eine Zeit lang in seiner Wohnung in Charlottenburg,
im Herbst/Winter 1942/43 fast jeden Tag eine Stunde.555 Gerstenmaier nahm auch an
der 2. und 3. Kreisauer Tagung teil. Moltke war ihm dankbar, dass er ihn am 24. Juni
1942 in Berlin mit dem württembergischen Landesbischof D. Theophil Wurm zusammengebracht hatte. Gerstenmaier übernahm wegen seines theologischen Sachverstandes
und seiner guten Vernetzung in einem Teil der evangelischen Kirche die Rolle des Verbindungsmannes der Kreisauer zu den Führungskreisen der evangelischen Kirche, eine
Funktion, die, wie bereits dargelegt, vorher hauptsächlich Gablentz innehatte. Dank der
Vorbereitung durch Gerstenmaier verliefen die Gespräche mit Wurm äußerst erfolgreich. Am 19. Juli 1942 fand offenbar ein weiteres Gespräch statt.556 Wurm akzeptierte
die Planungen bezüglich der Errichtung eines Rechtsstaats und die ökumenischen Vorstellungen der Kreisauer. Vermutlich verglich Moltke diese Gespräche mit den Kontakten zur katholischen Kirche, wo alles zäh und anscheinend mit großen Widersprüchen
verlief.557 Wie allerdings die anderen Landesbischöfe zu den Kreisauer Planungen standen, ist offen.
Nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 agierte Gerstenmaier in engem Schulterschluss mit Yorck und Stauffenberg und gesellte sich noch am Tag des 20. Juli, von
einer Reise kommend, in den Bendlerblock zu dem sich dort bereithaltenden Yorck. In
seinem Lebensbericht schreibt Gerstenmaier: „Die zwei Jahre, die ich in und mit dem
Kreis erlebte, zähle ich zu den reichsten meines Lebens. Ihre größte Intensität erlangten
sie freilich für mich, als Moltke, Delp und ich im sogenannten Totenhaus von Tegel
nebeneinander in Einzelhaft lagen.“558
Husen war an den beiden ersten Kreisauer Tagungen nicht dabei.559 In der Planungsphase zur 3. Kreisauer Tagung vom 12. bis 14. Juni 1943, an der er auch selbst teilnahm, und in der programmatischen Endphase im Herbst 1943, in der insbesondere die
bisherigen Planungen der Kreisauer in den „Grundsätzen für die Neuordnung“ vom
09. August 1943 zusammengefasst wurden, war Husen dann aber regelmäßig betei-
554
MB (04.06.1942) S. 375.
Gerstenmaier, Zwei können widerstehen 1992, S. 42.
556
MBF S. 195.
557
Bleistein, Kirche und Politik 1987b, S. 156.
558
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 152.
559
Schindler, Husen 1996, S. 44.
555
104
Beschreibung des Kreisauer Kreises
ligt.560 Die Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit lag dem Juristen Husen besonders
am Herzen. Drei Schwerpunktthemen, die Husen in seinem Leben besonders beschäftigten und seine programmatische Mitarbeit im Kreisauer Kreis prägten, kristallisierten
sich dabei heraus: der Schutz völkischer Minderheiten durch das Minderheitenrecht, die
Bestrafung der NS-Verbrecher und die Verbesserung des Rechtsschutzes durch unabhängige Verwaltungsgerichte. Er befasste sich außerdem mit Bildungs- und Schulpolitik.561 Für die 3. Kreisauer Tagung verfasste er eine Stellungnahme zur Bestrafung von
Kriegsverbrechern. Dies bestätigte Husen nach dem Krieg: „Nur bei dem letzten Treffen
an Pfingsten 1943 war ich anwesend. Es betraf im Wesentlichen die Behandlung der
Kriegsverbrecher und Nazis nach dem Zusammenbruch. Die Entwürfe dafür habe ich
angefertigt.“562 Der katholische Westfale, ehemals Mitglied der „Gemischten Kommission“ in Oberschlesien, später Oberverwaltungsgerichtsrat, kundig vor allem im internationalen Recht, entnahm wie Lukaschek seiner Kirche Haltung und Antrieb.563 Die Nationalsozialisten hatten den tiefgläubigen Katholiken entlassen, weil er seine Stellung
bei der deutschen Verbindungsmission der „Gemischten Interalliierten Kommission für
Oberschlesien“ benutzt hatte, um Juden vor der Verfolgung zu schützen. 1940 kam er
als Rittmeister d. R. zum OKW und war später aktiv an den Vorbereitungen des 20. Juli
1944 beteiligt.564
Leber stieß erst kurz vor der Verabschiedung der Grundsätze für die Neuordnung im
August 1943 zum Kreisauer Kreis. Laut Brief an Freya vom 08. August 1943565 erwartete Moltke, dass Leber, „der Ersatz-Onkel“, „vielleicht“ an der entscheidenden Planungssitzung teilnehmen würde. Es kann aber nicht festgestellt werden, ob er tatsächlich teilnahm und welchen Einfluss er möglicherweise dabei ausübte.
Leber machte entsprechend den Regeln konspirativen Verhaltens keinerlei Aufzeichnungen über seine Vorstellungen von Widerstandsarbeit und einer künftigen Ordnung.566 Wenn man den Beitrag Lebers für den Kreisauer Kreis bewerten will, muss
man sein Wirken vor dem Zutritt zum Kreis betrachten. Leber wollte Weimar verbessern und überholter Parteidogmatik zu Leibe rücken. Als vordringlichste Aufgabe am
560
Dies erschließt sich aus der Auswertung der Briefe Moltkes an seine Frau Freya. Danach traf sich
Moltke 1943 26-mal mit Husen und in der programmatischen Endphase im August 1943 war er täglich
beteiligt; MB S. 458 ff., S. 520 ff.
561
Schindler, Husen 1996, S. 15.
562
Husen , Paulus van: Brief an Roon, 02.01.62. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 2.
563
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 144.
564
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 507.
565
MB S. 522.
566
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 171.
105
Beschreibung des Kreisauer Kreises
„Tage danach“ sprach er gelegentlich von einer Art neuer Volksfront auf der Grundlage
„aller überlebenden und lebensfähigen sozialen und demokratischen Kräfte“567. Die
Diktatur, so stellte er fest, sei nicht über Nacht auf demokratische Verhältnisse umstellbar.
Wie bei einer Entziehungskur schwebte ihm ein langsam fortschreitender Abbau der unumschränkten Exekutivgewalten des Naziregimes vor, bei gleichzeitiger Errichtung eines
Zweiparteien-Systems – die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften sollten Grundlage
der einen Partei sein, während die andere mehr konservativ gedacht war.568
Gedanken dieser Art beschäftigten Leber stark. Mit dem Fortschreiten des Krieges trat
allerdings die praktische politische Arbeit immer mehr in den Vordergrund.
Nachdem das Werden des Kreisauer Kreises beschrieben, die Benennung und Charakterisierung der Mitglieder und deren Beiträge dargelegt wurden, soll die Struktur des
Kreisauer Kreises mithilfe der eingangs erläuterten Netzwerkanalyse näher untersucht
werden.
2.3.4
Reichweite des Netzwerkes Kreisauer Kreis
Wie wir bereits im Exkurs zur Netzwerkanalyse gesehen haben, lassen sich mehrere
mögliche Strukturparameter wie Kontakt, Kommunikation, Sympathie, Vertrauen, Analyse von Einflussbeziehungen unter dem Oberbegriff der „Reichweite“ subsumieren.
Ein egozentriertes Netzwerk besitzt Reichweite in dem Ausmaß, in dem Verbindungen
zu ganz verschiedenen alteri hergestellt werden.569 Dieser Aspekt ist geeignet die Heterogenität des Kreisauer Kreises zu erfassen. Der Begriff der Reichweite kann inhaltlich
in verschiedenen Hypothesen sinnvoll verwendet werden. Je größer z. B. die Reichweite
der Kontakte, umso weniger wird der Befragte, wie wir im Netzwerkexkurs gesehen
haben, dem normativen Druck ganz bestimmter Milieus unterliegen und umso besser
wird er in die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft integriert sein.
2.3.4.1 Vertrauen und emotionale Beziehung
Die meisten Informationen in diesem Sektor erhalten wir auch hier aus den Briefen
Moltkes an seine Frau Freya. Diese geben, wie Krusenstjern richtig bemerkt, natürlich
nur seine subjektive Sicht wieder, die von Anerkennung bis zu Spott und Herablassung
567
Leber, Weg 1952, S. 283 f.
Leber, Weg 1952, S. 284.
569
Burt, Tertius Gaudens 1983b, S. 177.
568
106
Beschreibung des Kreisauer Kreises
reichte. „Er wollte keine fairen und abgewogenen Urteile fällen, sondern spontan und
ungezwungen seine Frau an den Vorgängen Anteil nehmen lassen.“570
Tatsächlich variierten Sympathieintensität und Grad emotionaler Verbundenheit zwischen den Netzwerkakteuren deutlich, dies soll an einigen Beispielen dargelegt werden.
Keinen Abstrich gab es bei dem gegenseitigen Vertrauen, denn nur so war eine politische Diskussion unter konspirativen Verhältnissen möglich.
Zunächst ist festzuhalten, dass Moltke kaum jemanden duzte571, auch Yorck nicht572,
den er voll anerkannte. Dann können eine Reihe von emotionalen Besonderheiten im
Kreisauer Kreis festgestellt werden. So bestanden Unterlegenheitsgefühle aufseiten
Trotts und Einsiedels gegenüber Moltke. Inwieweit dies ein Überlegenheitsgefühl
Moltkes widerspiegelt, ist schwer auszumachen. Am 05. November 1942 schreibt Moltke an Freya:
Heute Mittag waren Gerstenmaier und Trott da. T. war sehr widerspenstig, aber mit Gerstenmaiers Hilfe wurde er in einer dreistündigen Diskussion gezähmt. Er ist erstaunlich intelligent, aber dadurch auch sehr belastet. Außerdem hat er ganz unerklärlicherweise mir
gegenüber einen Minderwertigkeitskomplex, der ihn immer wieder zu sehr aggressiven
Haltungen und Äußerungen veranlasst. Das ist alles sehr komisch, hätte aber gestern
Schwierigkeiten gegeben, wenn Gerstenmaier nicht dabei gewesen wäre. So ist alles gut
gegangen.573
Einsiedel schrieb aus dem Löwenberger Arbeitslager einen Brief an einen Freund, darin
heißt es:
Eines Tages tauchte ein Vetter C. D. v. T.s [Trotha; A. d. V.] auf der Bildfläche auf. Ein
Mensch, dem ich mich zum erstenmal sehr unterlegen fühlte. Beinahe zwei Jahre jünger als
ich, eben erst zwanzig Jahre alt, kennt vom Kaiser an und Hindenburg sämtliche Politiker
Europas bis zu Löbe und Loucheur. Er ist ungeheuer klug und weltgewandt, tüchtig und
wirklich imponierend. Natürlich spricht er mit allen Menschen in einer gewissen weltmännischen Art und Weise, und da liegt auch seine Grenze.574
Diesem Unterlegenheitsgefühl Einsiedels entspricht ein Überlegenheitsgefühl aufseiten
Moltkes, das er in einen Brief an Freya ausdrückte: „Bei Einsiedel, mit dem ich ziem-
570
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 443.
Moltke war zunächst nur mit seinem Vetter Trotha und Einsiedel (MBF S. 127) per Du, während der
Haftzeit in Tegel sprach er auch von Eugen [Gerstenmaier; A. d. V.] (HFM S. 535 und 566), Delp siezte
er weiter (HFM S. 564).
572
Siehe Auskunft von Raymond Huessy vom 23.04.1910: „Feststeht, dass Moltke und ERH [Rosenstock-Huessy; A. d. V.] sich gut kannten; enger war ERH mit Moltkes Vetter CDvT [Trotha; A. d. V.]
und mit HvE [Einsiedel; A. d. V.] verbunden – in den letzten Jahren ihrer viel zu kurzen Leben waren
beide sogar Duzfreunde ERHs – ein solch enge Verbindung, wie Freya von Moltke mir noch kurz vor
ihrem Tode beteuert hat, gab es bei Moltke nicht.“
573
MB S. 431.
574
Rosenstock, Trotha, Das Arbeitslager 1931, S. 28.
571
107
Beschreibung des Kreisauer Kreises
lich genau so gut kann [wie mit Yorck; A. d. V.], ist aus irgendwelchen Gründen bei
mir eine gewisse Überlegenheit und das stört mich immer.“575
Ein Beispiel emotionaler Distanz glaubt Hohmann zwischen Moltke und Reichwein
entdeckt zu haben. Moltke scheint Wert auf die Mitarbeit Reichweins gelegt zu haben,
dieser gehörte aber nicht zu seinen engsten Vertrauten.576 Reichwein zählte, so Hohmann, nicht zu dem aus Steltzer, Rösch, Yorck und Guttenberg bestehenden Team, das
mit der Vorbereitung der Kreisauer Pfingsttagung 1942 beauftragt worden war577, obwohl diese auch der Bildung und Erziehung gewidmet war, bei der der Bildungsexperte
Reichwein in der Vorbereitung hätte hilfreich sein können.
Dass Moltke nicht grundsätzlich auf die Beschreibung seiner Beziehungen zu den ihn
umgebenden Männern verzichtete und auch auf Emotionen einging, beweist der Brief
vom 14. Juni 1942, in dem er über die hohe Wertschätzung, die er Theodor Steltzer entgegenbrachte, schreibt: „Ich habe ein so angenehm warmes Gefühl für ihn und ein so
sicheres bei ihm. Wenn ich denke, was für gute Männer und Frauen ich in meinem Leben schon zu treffen das Glück hatte, so kann ich mich wahrhaftig nicht beklagen.“578
Alberts vermutet, dass Steltzer, nach Yorck, das Mitglied mit dem engsten inhaltlichen
und menschlichen Bezug zu Moltke wurde:579
Theodor Steltzer war der [nach Lukaschek; A. d. V.] Älteste im Kreis. Mit Moltke verband
ihn ein großer Gleichklang der Auffassungen. Aber vielleicht hat Helmuth James in ihm
auch anderes, etwa das Väterliche, gesehen; das Ruhige, das Überlegene, das Zuverlässige
des Grandseigneurs, der über zwanzig Jahre älter war und schon einiges hinter sich hatte,
mögen ihn angezogen haben. Sein eigener Vater war dem Lebenskampf eines Gutsbesitzers
in schwieriger Zeit nicht gewachsen gewesen und hatte sich überdies gänzlich der Christian
Science zugewandt. Sah Moltke in Steltzer den starken Vater?580
Rösch wurde von Moltke, wie bereits angemerkt, als „einer unserer besten Leute“581
bezeichnet. Und auch Steltzer hat Rösch als „überlegen sachliche Persönlichkeit“ charakterisiert. Interessant ist auch die emotionale Beziehung Moltkes zu Leber. Obwohl er
von Lebers Persönlichkeit aufs Stärkste beeindruckt war und dessen „ungeheure Aktivität“582 hervorhob, spürte er eine starke persönliche Zurückhaltung und eine gewisse Distanz in der Sache aufseiten Lebers, wie wir beim Werden des Kreisauer Kreises bereits
festgestellt haben. Freya von Moltke sagte zum Verhältnis ihres Mannes zu Leber:
575
MB (13.09.1941) S. 287.
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 188.
577
MB (10.12.1941) S. 333.
578
MB S. 379 f.
579
Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 113.
580
Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 114.
581
MB (11.01.1943) S. 451.
582
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 9, Einführung von Mommsen.
576
108
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Wie ich das von meinem Mann her weiß, hätte das Verhältnis zu Julius Leber nicht besser
sein können, denn mein Mann hat ungeheuren Wert darauf gelegt, daß die Menschen irgendwie so im praktischen Leben standen, und Julius Leber war als früherer Reichstagsabgeordneter ein gestandener Sozialist. Mein Mann hat ihn besonders gern gehabt. Er ist vor
jeder Auslandsreise zu ihm gegangen, hat sich lange in seiner Kohlenhandlung besprochen.583
Über das Näheverhältnis der Kreisauer, insbesondere zu Moltke, machte Peters 1952
eine interessante Aussage.584 Auch wenn Peters ihn als einen charakterfesten Menschen
von tiefer ethischer Fundierung und weit überdurchschnittlicher Klugheit und Güte
überaus schätzte, sei er ihm innerlich menschlich wohl nie sehr nahegekommen.
Gleichwohl hob Freya gegenüber Lionel Curtis anlässlich der Gratulation zu dessen
Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Köln durch Peters diesen als einen
der Freunde ihres Mannes heraus: „[He] was one of Helmuth’s friends in the struggle
and who knows something of the good spirit in Germany.“585
Zimmermann wies auf eine spürbare Distanz des elf Jahre jüngeren Moltke gegenüber
Haubach hin, „die durch das zurückhaltend-steife, ständig um Ernsthaftigkeit bemühte
Auftreten Haubachs, das den ohnehin vorhandenen Altersunterschied eher vergrößern
half, nicht so schnell zu überwinden war.“586 Dies wird an einem Schreiben Moltkes an
seine Frau festgemacht, wo dieser „herablassend“, so Zimmermann, davon berichtete,
bei Haubach einen „himmlischen Rehrücken“587 gegessen zu haben, und „gönnerhaft
lobend vermerkte, ‚die guten Alten’ hätten sich außerordentlich angestrengt“ – gemeint
gewesen sein müssen Theo und seine Haushälterin Monika. An anderer Stelle merkte
Moltke gar an, er habe Mierendorff „eben doch lieber allein als mit Theo“588 bei sich.
Es muss aber hinzugefügt werden, dass sich Moltkes Meinung und auch seine emotionale Nähe zu Haubach im Verlauf der Arbeit veränderten. Haubach gefalle ihm „eigentlich immer besser“, schrieb er nach einem Arbeitsgespräch.589 „Merkwürdig, wie dieser
Mann in letzter Zeit gewachsen ist“, war eine beurteilende Anmerkung Moltkes, eine
andere hob die aus seiner Sicht zunehmende Qualität der konzeptionellen wie praktischen Arbeit hervor: Die „sachlichen Ergebnisse“, die Haubach einbrachte, seien „nicht
schlecht“, und er bezeichnete die Gespräche mit ihm als „fruchtbar und fördernd.“590
583
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 156.
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 2 f.
585
Moltke, Freya von: Brief an Lionel Curtis, 14.06.1951. BA NL Peters, N 1220-34.
586
Zimmermann, Haubach 2004. S. 388 f.
587
MB (25.06.1943) S. 496.
588
MB (28.06.1943) S. 497.
589
MB (20.08.1943) S. 526.
590
MB (09.01.1944) S. 589.
584
109
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Bei diesen Wertungen gegenüber Haubach wird auch der Führungsanspruch Moltkes
sichtbar, der in einem späteren Abschnitt nochmals beleuchtet werden soll.
Die dargestellten emotionalen Relationen, auch in ihrer unvollständigen Form, ergeben
ohne Zweifel eine „psychologische“ Erklärung für den Kreisauer Kreis als soziologische Gemeinschaft nach Tönnies. Das gemeinschaftliche Leben ist, wie wir im Exkurs
gesehen haben, primär durch die Vorherrschaft gefühlsmäßiger Beziehungen zwischen
den Menschen gekennzeichnet.
Netzwerkanalytisch kann bei den vielen unterschiedlichen emotionalen Verhältnissen,
die Moltke mit seinen Freunden hatte, nicht von einer einheitlichen Reichweite gesprochen werden. Zu oft ist Distanz, unterschiedliche Wertschätzung und nicht voll funktionierende Kommunikation zu spüren, als dass von einem normativen Druck gesprochen
werden könnte.
Das Ganze galt als Bund der Freunde, es muss also mehr zur Vergemeinschaftung beigetragen haben als reine freundschaftliche Gefühle: Es war die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus aus ethischen Gründen.
2.3.4.2 Außenbeziehungen
Kennzeichnend für den Kreisauer Kreis sind auch die vielfältigen Außenbeziehungen
seiner Akteure, die hier nur beispielhaft und keineswegs vollständig dargestellt werden
können. Es wird erkennbar, dass er kein in sich abgeschlossenes Netzwerk war, sondern
dass die Freunde mitunter mannigfaltige Außenbeziehungen unterhielten, woraus dem
Kreisauer Kreis zusätzliche notwendige Informationen, Anstöße, aber auch Gefahren
erwuchsen. Die Begegnung Lebers und Reuchweins mit der kommunistischen SaefkowJacob Gruppe hatte für sie fatale Folgen.
Zur Betrachtung und Bewertung der Außenbeziehungen kann auf eine interessante
Theorie der Netzwerkanalyse zurückgegriffen werden. Bei der Erörterung der Anwendbarkeit des netzwerkanalytischen Instrumentariums auf die vorliegende Arbeit wurde
bereits darauf hingewiesen, dass bei der Frage nach der Effizienz des Netzwerkes starke
Beziehungen eher als funktionelles Hindernis erscheinen. Wie bereits erörtert, binden
sie zum einen Energien, die der Beziehungspflege selbst, nicht aber dem Informationsfluss zugutekommen, zum anderen fördern sie die Entstehung stärker miteinander verbundener Zirkel innerhalb des Gesamtnetzes, die dazu neigen, sich nach außen abzuschotten und schon dadurch den Informationsfluss zu hemmen. So gesehen macht die
110
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Behauptung von der Stärke schwacher Bindungen mit Blick auf das Gesamtnetzwerk
Sinn, da sich so die Beschränktheit kohäsiver Kreise besser überwinden lässt und der
Akteur beispielsweise viele unterschiedliche Informationen erhält.
Moltke, gemeinsam mit Yorck Mittelpunkt des Kreisauer Kreises, beschränkte seine
Kontakte nicht ausschließlich auf diesen, obwohl ihm die Pflege und die Bindung der
im Kreis immer wieder auftretenden Zentrifugalkräfte viele Anstrengungen kostete.
Moltke rief schon in den Löwenberger Tagen das Erstaunen Rosenstocks hervor, als er
bei der Organisation und Geldbeschaffung seine Bekanntschaft mit Brüning, dem Kultusminister Becker und anderen Persönlichkeiten wie Gerhart Hauptmann einsetzte.
Bereits im September 1928 hatte Moltke über eine Begegnung mit Becker an seine
Großeltern in Südafrika geschrieben: „He is one of the finest men in Germany. We had
three days of nice long talks [in Marienbad; A. d. V.].”591 Moltke kannte schon als 20Jähriger „vom Kaiser an und Hindenburg sämtliche Politiker Europas“, sagte Einsiedel,
wie bereits erwähnt, in seinem Bericht über die Arbeitslager.592 Die Liste seiner Kontakte im In- und Ausland ließe sich beliebig fortsetzen. Allein in seinen Briefen sind u. a.
erwähnt: der Bank- und Finanzmann Hermann Josef Abs, die englische Parlamentsabgeordnete Lady Astor und Lord Astor, General Ludwig Beck, der Bischof von Chichester und Ökumeniker George Bell, der Bischof von Oslo und Exponent des norwegischen
Kirchenkampfs Eivind Berggrav, der Jurist im Wirtschaftsministerium Peter Bielenberg, der auch mit Yorck Kontakt hatte, der Finanzfachmann im Reichswirtschaftsministerium Karl Blessing, der Großgrundbesitzer Ernst von Borsig, Heinrich Brüning, der
väterliche Freund Lionel Curtis, Vorsitzender des einflussreichen außenpolitischen Zirkels Round Table und Gründer des British Royal Institute of Foreign Affairs, der General Alexander Freiherr von Falkenhausen, seit 28. Juni 1940 Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich, der Gewerkschaftsmann Franz Josef Furtwängler, der Vetter
Stauffenbergs und Yorcks, Caesar von Hofacker, der Kontaktmann in der amerikanischen Botschaft George Kennan, der amerikanische Geschäftsträger Alexander Comstock Kirk, mit dem er während seiner Türkei-Reisen Kontakt aufnehmen wollte, die
amerikanischen Journalisten Edgar und Jane Mowrer, Franz von Papen in seiner Eigenschaft als Botschafter in Ankara, der Wirtschaftsprofessor Alexander Rüstow, der Maler
Schmidt-Rottluff, den er bat, seine Kreisauer Heimat zu malen, bevor diese verloren
ging, der Genfer Ökumeniker Hans Schönfeld, der Schriftsteller Carl Zuckmayer. Diese
591
592
Moltke, Helmuth an seinen Großvater, 06.09.1928. DLA, Nachlass A:Moltke, S. 3.
Rosenstock, Trotha, Das Arbeitslager 1931, S. 28.
111
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Liste soll die Spannweite der weit gefächerten Bekanntschaften Moltkes verdeutlichen.
Alle Kreisauer waren ähnlich gut auch außerhalb des Kreisauer Kreises vernetzt. Dies
kann im Folgenden nur angedeutet werden.
Adolf Reichwein hatte Verbindung zur Gewerkschaftsgruppe Leuschner/Maass.593
Reichwein und Hans Peters waren Mitarbeiter des Kultusministers Carl Heinrich Becker gewesen. In Peters Zuständigkeit lag die Universitätsreform und Reichwein war
persönlicher Referent von Becker. Beide pflegten diese Bekanntschaft weiter.594 Reichwein hatte ebenso wie Leber Kontakt zur Saefkow-Jacob-Gruppe der Kommunisten.595
Er verfügte schon seit 1943 über seinen ehemaligen Jenaer Volkshochschulkollegen
Fritz Bernt über regelmäßige Kontakte zur illegalen KPD und zur Thüringer KPDFührung. Von dieser und der Saefkow-Jacob-Gruppe ging die Initiative zu einer Kontaktaufnahme im Sommer 1944 vor dem geplanten Attentat aus. Dieses Treffen bot die
Chance, eine begrenzte Kooperation oder doch wenigstens ein Stillhalten von kommunistischer Seite nach dem geplanten Attentat vom 20. Juli zu erreichen. Obwohl sich die
meisten Mitverschwörer mit Ausnahme von Yorck gegen eine Kontaktaufnahme aussprachen, entschlossen sich Leber und Reichwein, an einem Zusammentreffen mit Jacob, Saefkow und Thomas am 22. Juni 1944 teilzunehmen, in dessen Folge die Gestapo
am 04. Juli zuschlug, als Reichwein zu einem vereinbarten weiteren Treffen unterwegs
war.596 Dies führte zur Verhaftung Reichweins und Lebers und schließlich zu deren
Ermordung.
Hans Peters pflegte enge Kontakte zur katholischen Kirche: Seit 1933 im Vorstand der
Görresgesellschaft, übernahm Peters im Frühjahr deren Präsidentschaft. Er hatte auch
593
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 157 ff.
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 167.
595
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 168 ff. Nach Zerschlagung der illegalen KPDOrganisationen bildete sich eine Reihe neuer illegaler Gruppen, die völlig unabhängig auf eigene Initiative agierten. Anton Saefkow begann „nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus und Konzentrationslager
1939 in Berlin mit der Aufnahme neuer Beziehungen, um wieder illegal arbeiten zu können. In unermüdlicher und zäher Kleinarbeit entfaltete er, zusammen mit dem im Oktober 1942 vor seiner Verhaftung aus
Hamburg geflohenen Franz Jacob und dem im Mai 1944 hinzugekommenen Bernhard Bästlein, eine
umfangreiche Tätigkeit in Berlin und nahm darüber hinaus Verbindungen zu den in der gleichen Zeit
entstandenen starken kommunistischen Organisationen in Sachsen und Thüringen sowie in anderen deutschen Städten auf“: Reichardt, Widerstand der Arbeiterbewegung 1966, S. 197 f. Mehr zu der Widerstandsarbeit der Gruppe Saefkow in: Pechel, Deutscher Widerstand 1947, S. 93 f.; Mallmann, Profile des
kommunistischen Widerstandes 1997, S. 226; Broszat, Zur Sozialgeschichte des deutschen Widerstands
1986, S. 306. Broszat sieht in dieser Fühlungnahme mit den kommunistischen Repräsentanten der Untergrundorganisation des Nationalkommitees Freies Deutschland eine „zunehmende Konvergenz des Widerstandes in der Schlussphase des Krieges.“
596
Mommsen, Reichweins Weg 1999 S. 11-22. Mommsen ist der Meinung, dass Stauffenberg die Kontaktaufnahme Reichweins und Lebers mit der Saefkow-Gruppe gutgeheißen habe; in: Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 158.
594
112
Beschreibung des Kreisauer Kreises
enge Beziehungen zu Bischof Graf Preysing in Berlin und führte Moltke bei ihm ein.597
Peters berichtete 1952, dass seine eigenen Beziehungen zu den katholischen Gewerkschaftern Bernhard Letterhaus, Jacob Kaiser, Hermann Josef Schmitt und Josef Wirmer
sich ganz außerhalb des Kreisauer Kreises abspielten.598 So war Peters in der Gewerkschaftsfrage, die bei den Planungen im Kreisauer Kreis ein kontroverses Thema war,
voll unterrichtet. Peters hatte laut seinen Erinnerungen auch lockere Verbindungen zu
einzelnen Kommunisten, etwa zu Schulze-Boysen und Wolfgang Kühn. Hans Peters, an
der Friedrich-Wilhelm Universität lehrend, hatte auch Kontakte zu Carl Schmitt, mit
dem er beim Preußenschlag die Klingen kreuzte.599
Auch Hans Lukaschek hatte enge Beziehungen zur katholischen Kirche, besonders zu
Kardinal Bertram600, die er dem Kreisauer Kreis zur Verfügung stellte. In Österreich
hatte er zum ehemaligen Landeshauptmann von Salzburg Franz Rehrl, in Schweden zu
Hans Schäffer und Bankier Wallenberg Kontakt. „Die Verbindung zu Persönlichkeiten
im Ausland diente dazu, über die Arbeit des Kreisauer Kreises zu unterrichten und sie
zur Unterstützung zu gewinnen. Über das neutrale Schweden versuchten die Kreisauer
eine Annäherung mit England zu erreichen.“601
Carlo Mierendorff und Theodor Haubach waren fest in der Sozialdemokratie verankert. Sie brachten zunächst Leuschner in den Kreisauer Kreis, und als dieser zu den Exzellenzen wechselte, brachte Mierendorff602 an Leuschners Stelle Julius Leber ins Spiel.
Theodor Steltzer war als Generalstabsoffizier gut vernetzt mit Militärs wie mit Generalleutnant und Reichsminister Wilhelm Groener, dem ehemaligen Generalstabschef Ludwig Beck, dem Wehrmachtsbefehlshaber Norwegens, Nikolaus von Falkenhorst. Besonders eng waren natürlich seine Kontakte in Norwegen zu dem schon erwähnten Bischof von Oslo, Eivind Berggraf, dem damaligen Exilanten Willy Brandt und dem Soziologen und Kontaktmann zur norwegischen Heimatfront, Arvid Brodersen.
Hans-Bernd von Haeften pflegte enge Beziehungen zu Dietrich Bonhoeffer und Pfarrer
Hannes Schönfeld aus Genf603, z. B. konsultierte er diese unabhängig voneinander vor
597
Roon, Neuordnung 1967. S. 114.
„Wir besprachen die Lage, erörterten Personalfragen und warteten auf eine Beseitigung Hitlers durch
Militärs“; in: Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96, S. 6.
599
Koenen, Der Fall Carl Schmitt 1995, S. 97.
600
Dieser Kontakt hatte den Zweck die katholischen Bischöfe zur Unterstützung der Kreisauer Arbeit zu
gewinnen und öffentliche Proteste gegen die nationalsozialistische Unrechtspolitik in Form von Predigten
und Hirtenbriefe zu erreichen, siehe Lukaschek, Magdalena an Roon, 09.04.1963, IfZ, ZS/A 18, Bd. 4.
601
Schäffer, Hans: Tagebuchnotiz 20.-22.08.1938. IfZ, ED 93, Bd. 25, Bl. 79.
602
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 362.
598
113
Beschreibung des Kreisauer Kreises
und nach ihrer Norwegenreise Ende Mai 1942, wo beide mit Bischof Bell von Chichester zusammentrafen. Die Ergebnisse teilte er dann Moltke und dem Freundeskreis mit.
Später wurde auch Eugen Gerstenmaier informiert und über ihn die Mitwirkung von
Bischof Wurm von der württembergischen Landeskirche eingefädelt. Haeften und Gablentz informierten Moltke am 22. Juni 1942 vor dessen erstem Gespräch mit Wurm,
dass dieser bereit schien, mit den Freunden weiterzuplanen und vorzubereiten. Vertrauensvolle Beziehungen hatte Haeften auch zum Wehrmachtspfarrer Krimm, von dem er
Informationen über die Kriegsschauplätze erhielt.
Augustin Rösch war für Moltke, wie wir schon gesehen haben, wegen seiner engen
Beziehungen zu den „widerständigen“ deutschen katholischen Bischöfen im Rahmen
seiner Arbeiten im Ausschuss für Ordensangelegenheiten wertvoll.604 Rösch war der
Mann für die Kreisauer, der immer wieder die Kontakte zu den Bischöfen, an erster
Stelle zum Erzbischof zu München, von Faulhaber, zu knüpfen vermochte.605 Die Kontakte zu Bischöfen zielten darauf hin, „einen offiziellen Vertreter oder zumindest einen
Ansprechpartner der katholischen Kirche für die Kreisauer zu finden“606. Wie eine Notiz Moltkes auf einem Arbeitspapier bestätigte607, wurden die Bischöfe Faulhaber und
Preysing regelmäßig über die Vorgänge im Kreisauer Kreis informiert, mit der Absicht,
auch eine quasi-amtliche Stellungnahme bei ihnen einzuholen.608 Über Rösch oder Delp
lief auch der Kontakt zum „Sperr-Kreis“609 mit dem der Kreisauer Kreis im Frühjahr
drei Besprechungen im Pfarrhaus von St. Georg/Bogenhausen hatte. Eine vierte Zusammenkunft kam auf Veranlassung Röschs im September 1943 in der Pestkapelle der
St.-Michaels-Kirche in München zustande.610 Zwischen Delp und Sperr bestand ein
lebhafter Kontakt. Von dort mögen Delp und König stets gute Informationen über die
militärische Lage bezogen haben. Die Kontakte der Kreisauer Jesuiten reichten auch
hinein in die militärische Opposition, etwa zu Generaloberst Franz Halder, wie Eintra-
603
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 71.
Bleistein, Rösch 1998, S. 107 ff und 120.
605
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 77.
606
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 274 f.
607
Roon, Neuordnung 1967, S. 241.
608
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 274 f.
609
Der „Sperr-Kreis“, benannt nach dem ehemaligen bayerischen Gesandten in Berlin, war ein Gesprächskreis von etlichen Männern des öffentlichen Lebens in Bayern, der sich bald nach der Machtergreifung formierte. Zu ihm gehörten Franz von Redwitz, ehemaliger Chef des bayerischen Kabinetts,
Dr. Otto Geßler, ehemaliger Reichswehrminister, Dr. Eduard Hamm, ehemaliger Reichswirtschaftsminister; lockere Beziehungen bestanden zu Generaloberst Franz Halder und zum Chef des Amtes Ausland/Abwehr Wilhelm Canaris; in: Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 274 f.
610
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 276.
604
114
Beschreibung des Kreisauer Kreises
gungen in dem Tagebüchlein Königs nahelegen.611 Einen weiteren für die Kreisauer
wichtigen Kontakt schufen die Jesuiten zur katholischen Arbeiterbewegung (KAB).
Damit fanden die Kreisauer nach Auflösung der Gewerkschaften 1933 Zugang zu einer
lebendigen Arbeiterorganisation. Delp plante darüber hinaus ein Treffen mit Professor
Kurt Huber von der studentischen Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“, was aber nicht
mehr zustande kam. Moltke erhielt jedoch ein Flugblatt dieser Gruppe von Peters, das er
in englischer Sprache612 am 18. März 1943613 über den norwegischen Bischof Berggrav
in anderen Länden Europas, England, Norwegen und Schweden, bekannt machte. Die
Münchner Jesuiten standen auch in reger Verbindung mit der evangelischen Landeskirche in Stuttgart und dadurch mit dem im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
besonders engagierten Landesbischof Theophil Wurm. Dies geschah vermutlich über
Pater König, der immer wieder auf seinen geheimen Reisen in Stuttgart haltmachte. Die
Kontakte zum Episkopat waren für die Kreisauer auch deshalb wichtig, weil sie bei den
Bischöfen – zusätzlich zur kritischen Einstellung dem Regime gegenüber – eine zielbewusste Abwehr aktivieren wollten. Die Verbindung zu anderen Kreisen trug dazu bei,
den Informationsfluss zur Basis zu sichern und damit auch das Anliegen des Kreisauer
Kreises auf ein breiteres bürgernahes Fundament zu stellen: ein weites Netz der Konspiration.614
Wenn man die erstaunlichen Aktivitäten der Jesuiten in diesem Netzwerk bewertet, so
kann man dem Urteil von Bleistein nur zustimmen, wenn er sagt:
Das Netzwerk, das sich also von München aus unsichtbar über Deutschland ausbreitete,
wurde von Rösch im wesentlichen strategisch und taktisch verantwortet, er schickte „seine“
Leute in diese nicht ungefährliche Arbeit. Er war es auch, der immer wieder das Generalat
der Jesuiten in Rom und vor allem P. Robert Leiber, der zu Papst Pius XII. Zugang hatte,
über die konspirativen Vorgänge in Deutschland informierte. All das scheint das Wort zu
rechtfertigen, das Gerstenmaier Anfang April 1943 von einem Besuch in Rom mitbrachte,
Rösch sei „der stärkste Mann des Katholizismus in Deutschland“.615
Wie die Jesuiten hielt Adam von Trott neben dem Kreisauer Kreis Kontakt zu einem
eigenen, stark verflochtenen nationalen und internationalen Netzwerk. Als Trott, befremdet von der Enge des nationalsozialistischen Alltags, sich nach seiner Rückkehr aus
Großbritannien 1939 entschloss, das NS-System zu unterwandern, fand er Anstellung
im Auswärtigen Amt, das er als seine Tarnung auffasste. Er unternahm in den Kriegs-
611
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 279.
DLA, Nachlass A:Moltke: vierseitiges Manuskript: The case of Hans Scholl, Maria Scholl, Adrian
Probst, Professor Kurt Huber.
613
MB S. 460.
614
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 280.
615
MB S. 468; Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 282.
612
115
Beschreibung des Kreisauer Kreises
jahren über 20 Missionen ins neutrale Ausland, in die Schweiz, in die USA, in die Türkei und nach Schweden, die als offizielle Dienstreisen getarnt waren.616
Überlebende Freunde berichteten617, wie überwältigend zahlreich Adams Beziehungen
gewesen seien. Während seiner USA-Reise 1937 sprach er mit Harry Hopkins, einem
engen Vertrauten Roosevelts, stellte Beziehungen her zur „Foreign Policy Association“,
zum „Council of International Relations“ und insbesondere zum „Institute of Pacific
Relation“ und dessen Präsidenten Edward Carter, der ihn sogar noch nach Kriegsbeginn
für dieses Institut anforderte.618 In den USA traf er sich auch mit Heinrich Brüning, der
Zugang wurde durch Moltke vermittelt.619 Zum Staatssekretär Weizsäcker im Auswärtigen Amt fand er Zugang durch die alten Freunde von Kessel und von Nostitz; über den
General von Falkenhausen, zu welchem ihm durch China Verbindungen gebahnt worden waren, führten Brücken zu dessen alten Freunden Beck, Goerdeler, Schacht, Planck
und auch zu Leuschner. In England hatte er davor dauerhafte Kontakte zur Familie Astor, zu dem Labourabgeordneten Sir Stafford Cripps oder Lord Lothian, dem Generalsekretär der Rhodesstiftung. Diese sollten bei Trotts späteren außenpolitischen Missionen außerordentlich hilfreich sein. Ebenso wertvoll für den Kreisauer Kreis waren seine
Kontakte zur Genfer Ökumene mit dem Generalsekretär Visser’t Hooft, Hans Schönfeld
und Tracy Strong.
Gerstenmaier eröffneten sich als Mitarbeiter des kirchlichen Außenamtes die Möglichkeiten, auf Auslandsreisen Kontakte zu führenden Persönlichkeiten der ökumenischen
Bewegung zu knüpfen.620 Im Kaltenbrunner Bericht heißt es dazu: „Gerstenmaier war
im Auslandsamt der evangelischen Kirche tätig, hatte in dieser Eigenschaft zahlreiche
Verbindungen zu den protestantischen Kirchen des Auslandes und war vielfach im Ausland unterwegs.“621
Auch Paulus van Husen diente mit seinen Kontakten zur katholischen Amtskirche dem
Kreisauer Kreis. Wichtig für die Kreisauer Arbeit war der Aufbau eines Kontaktes zum
katholischen Bischof von Münster, Clemens August Graf Galen, mit dessen Bruder Husen noch aus dem 1. Weltkrieg befreundet war, und zu Bischof Heinrich Wienken, dem
616
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 11.
Franke, Ein Leben für die Freiheit 1960, S. 37.
618
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 386.
619
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 152.
620
Ullrich, Kreis 2008, S. 48
621
KB S. 508.
617
116
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Vertreter der Bischöfe bei den Berliner Regierungsstellen.622 Mit beiden besprach Husen Problematiken bei den Planungsarbeiten des Kreises, so z. B. Schulfragen, Widerstandsrecht und Eid, Personalfragen.623 Husen traf sich auch ein- oder zweimal mit dem
Bischof von Berlin, Konrad Graf von Preysing, mit dem er sich im Wesentlichen über
Schulfragen unterhielt, sicherlich auch über juristische Probleme, denn Preysing war
gelernter Jurist.624 Ferner trat Husen im Auftrag des Kreisauer Kreises in Kontakt zu
Persönlichkeiten im Ausland, um sie über die Kreisauer Arbeit zu unterrichten, so in der
Schweiz, in Österreich, in Schweden; auch setzte Husen seine Kontakte bei der Suche
nach Landesverwesern ein.625 Husen war, wie bereits erwähnt, eng mit Lukaschek befreundet, er diente als Anlaufstelle für Lothar König und förderte somit die Verbindung
zu den Münchner Jesuiten.626
Julius Leber, der erst sehr spät zum Kreisauer Kreis dazugestoßen und dort nur gering
integriert war, hatte natürlich seinen eigenen gewachsenen, breiten Kontaktkreis, den er
nicht aufgab. Er kann deshalb in dieser Betrachtung kaum behandelt werden.
Interessant sind in diesem Zusammenhang die Verbindungen, die Einzelne oder „Cliquen“ der Kreisauer zu anderen nationalen Widerstandsgruppen oder regimekritischen
Einheiten hielten. Über die Jesuiten und die Katholiken bestanden – teilweise auch enge
– Verbindungen zum Ordensausschuss, zur Kirchlichen Hauptstelle für Männerarbeit
und -seelsorge, zum Kölner Kreis und zum Sperr-Kreis, über die evangelischen Kreisauer zur Bekennenden Kirche, über Schmölders zum Freiburger Kreis und über die Sozialisten der Kreisauer gab es Kontakte zum sozialistisch-gewerkschaftlichen Widerstand627, um nur einige Verbindungen zu nennen. Kontakte bestanden auch zu ausländischen Widerstandsgruppen, besonders zum niederländischen und norwegischen Widerstand.
Wir haben im Kreisauer Kreis geradezu Paradebeispiele für das in der Netzwerkanalyse
gefundene Theorem von „weak and strong ties“, wobei die „weak ties“ die Regel waren.
Obwohl alle Kreisauer sich existenziell für die konspirative Mitarbeit im Kreisauer
Kreis entschieden, gaben sie jedoch nie ihre gewachsenen Kontakte zum Wohle des
622
Husen, Paulus van: Neufassung der Auskünfte an Roon, 02.01.1962, IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 2.
Husen, Paulus van: Neufassung der Auskünfte an Roon, 02.01.1962, IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 2.
624
Husen, Paulus van: Brief an Roon, 30.04.1962, IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 2.
625
Schindler, Husen 1996, S. 46.
626
Schindler, Husen 1996, S. 44.
627
Siehe Schaubild: Die Zusammensetzung des Kreisauer Kreises und seine Verbindungen im deutschen
Widerstand, in: Leugers, Märtyrer o. J., S. 128 f.
623
117
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Kreises auf und unterhielten weitreichende Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen.
2.3.4.3 Engster Kern, Cliquen, Tatgemeinschaft
Wie eingangs im netzwerkanalytischen Exkurs dargelegt wurde, ist die Teilgruppe oder
„Clique“ eine aussagekräftige, charakterisierende Beschreibung in einem Gesamtnetzwerk. Netzwerktechnisch ist darunter jede dichte Region im Netzwerk zu verstehen,
wobei, wie schon bemerkt, unter „Clique“ eine wertfreie Bezeichnung einer Kleingruppe verstanden werden soll.
Im Kreisauer Kreis können aufgrund seiner Heterogenität eine ganze Anzahl von Teilgruppen festgestellt werden. Hier sollen der engste Kern, verschiedene Cliquen und die
Teilgruppen, die sich besonders der Tat verpflichtet fühlten, betrachtet werden.
Darauf, dass es einen engsten Kern gab, deutet die Aussage628 Schmölders hin, dass er
und Peters sich zum äußeren, dem Beraterkreis, zugehörig fühlten. Natürlich gab es
unterschiedliche Sichtweisen, wer zu diesem engsten Kreis gehörte.
Husen führte z. B. aus: „Gerstenmaier gehörte zum engsten Kern des Kreisauer Kreises,
der aus Graf Moltke, Graf Peter York, Adam von Trott zu Solz, Julius Leber, Carlo
Mierendorff, Theo Haubach, Reichwein und mir bestand“629, wie bereits eingangs bemerkt wurde. Dies bestätigt auch Gerstenmaier.630 Es lag nahe, dass die Berliner eine
Kerngruppe bildeten. Solange die Wohnungen der Einzelnen noch nicht bombenzerstört
waren, trafen sie sich reihum. Hohmann glaubt, wie schon dargelegt, zu dem Ergebnis
zu kommen, dass z. B. Reichwein nicht zum engsten Kern gehörte. Für Gerstenmaier
war von besonderer Erlebnisdichte zudem die enge Lebensgemeinschaft mit Yorck und
Moltke im Herbst und im Winter 1943/44, nachdem die Royal Airforce seine und Moltkes Wohnung in derselben Nacht ausgebombt hatte und Yorck sie beide in der Hortensienstraße gastfreundlich aufnahm. „Nahezu alles, was ich über die Kreisauer zu berichten habe, bezieht sich im wesentlichen auf diesen engsten Kreis.“631
In seinem Abschiedsbrief vom 10. Januar 1945 nannte Moltke, ungeachtet allen Streits
untereinander, stellvertretend für die Zusammenarbeit der Kreisauer drei Vornamen:
628
Schmölders, Personalistischer Sozialismus 1969, S. 12.
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 32.
630
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 227.
631
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 227.
629
118
Beschreibung des Kreisauer Kreises
„Adam und Peter und Carlo.“632 Dies mag für Moltke sein engster Kern während der
Planungsarbeit gewesen sein.
In seinem Bericht über die Verhandlung vor dem Volksgerichtshof spricht Moltke jedoch von einem Dreigespann, das „eben Delp, Eugen, Moltke heisst und [dass] der Rest
nur durch ‚Ansteckung’ [in den Prozess; A. d. V.]“ mit hineingezogen worden ist. Die
anderen galten, so Moltke in einem Verteidigungsmodus, als „Mitläufer“. „Und vor den
Gedanken dieser drei einsamen Männer, den blossen Gedanken, hat der N.S. eine solche
Angst, daß er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will.“633 Der letzte, engste Kern ist
somit zu einer Gemeinschaft der Todgeweihten geworden. Gerstenmaier konnte allerdings vor dem Todesurteil gerettet werden. Bei dieser Aussage Moltkes ist natürlich die
Verteidigungsabsicht, andere nicht zu belasten, mit zu berücksichtigen.
Bevor eine „Cliquenanalyse“ durchgeführt wird, sollen in einer ersten Übersicht die
gewonnenen „Freunde“ grob Untergruppen zugeordnet werden. Als Kriterien können
gelten: Sozialdemokraten, Zentrumsangehörige, Katholiken, Protestanten, Diplomaten,
Volkswirtschaftler sowie Staats- und Verwaltungsrechtler:
Abbildung 6: Zugehörigkeit zu den Untergruppen
Als ego werden wieder Moltke und Yorck verstanden. Die sieben konzentrischen Kreise
stellen die Jahre von 1938 und früher bis 1943, also die Zeit des Formierens des Kreis-
632
633
MB S. 624.
MB S. 616 f.
119
Beschreibung des Kreisauer Kreises
auer Kreises, dar. Auf ihnen sind als Knoten die 18 alteri nach ihrem Jahr des Zustoßens zum Kreisauer Kreis eingezeichnet. Diese Knoten wurden den verschiedenen Sektoren wie Sozialdemokraten, Zentrumsabgeordnete, Protestanten, Katholiken, Diplomaten, Staats- und Verfassungsrechtler, Volkswirte zugeordnet, wobei die Größe der Sektoren keine Bedeutung hat. Es muss hingenommen werden, dass die Sektoren nicht
trennscharf sein können. Alle Kreisauer gehörten z. B. einer der beiden großen Kirchen
an, es wurden aber nur diejenigen den beiden Bekenntnissektoren zugeordnet, für die
das Bekenntnis im Freundeskreis eine Bedeutung hatte. Zur Verdeutlichung wurden
auch Mehrfachnennungen zugelassen, diese Knoten wurden grau dargestellt. Als Sozialdemokraten sind Reichwein, Mierendorff, Haubach und Leber zu nennen, zu den
Zentrumsleuten gehören Lukaschek, Husen und Peters, in der Untergruppe Diplomaten
sind Trott und Haeften, aber auch Gerstenmaier, der vom kirchlichen Außenamt kam,
aufzuführen; Gablentz, Lukaschek, Husen und Peters können als Staats- und Verwaltungsrechtler, Einsiedel und Trotha als Volkswirte bezeichnet werden. Als Protestanten
profilierten sich Gablentz, Haeften, Steltzer, Poelchau und als Katholiken Rösch, Delp,
König, Husen, Lukaschek und Peters.
Im Kreisauer Kreis gab es verschiedene Cliquen, die eng miteinander und als Teilgruppen auch mit dem ganzen Kreis kommunizierten und agierten.
Da ist zunächst die Freundschaft zwischen Einsiedel und Trotha aus den Löwenberger
Tagen zu nennen, die während der ganzen Widerstandszeit Bestand hatte und die sich
auch in der gemeinsamen Denkschrift „Die Gestaltungsaufgaben in der Wirtschaft“634
von Ende September 1942 niederschlug, in der sie festschrieben: „Das Ziel der Wirtschaft ist der Mensch.“635
Weiter ist die enge, seit der Schulzeit bestehende Freundschaft zwischen Mierendorff
und Haubach anzuführen. Sie gaben sich als unzertrennliches Bruderpaar636, sodass sie,
wie bereits bemerkt, die „Dioskuren“637 genannt wurden. Dieses enge Verhältnis der
634
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 174-192.
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 192.
636
Zimmermann, Haubach 2004, S. 92.
637
Ullrich, Kreis 2008, S. 43; Gedicht „Die Dioskuren“ von Wolfgang Petzet in: Hammer, Haubach zum
Gedächtnis 1955, S. 23.
635
120
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Freunde wird auch in der einfühlsamen Gedenkrede auf Mierendorff, die Haubach als
„einer seiner ältesten Freunde“ und „Gefährte“ am 22. Februar 1944 auf dem Waldfriedhof in Darmstadt hielt, deutlich. Dort schließt Haubach mit den Worten: „Diese
strahlende Kraft, die einstmals unsern Freund und Gefährten trug und im schönen irdischen Licht sich entfalten ließ, diese Kraft zerrinnt nicht ins Grenzenlose, löst sich nicht
auf, denn sie ist mit der zeugenden-fortzeugenden Kraft der Liebe verbunden.“638 Dass
die beiden auch gemeinsam agierten, zeigten sie bei der Verfassung des sozialistischen
Aufrufs, und dies nicht im Einklang mit dem Freundeskreis, der zur gleichen Zeit,
Pfingsten 1943, zur Tagung in Kreisau versammelt war.
Ein drittes Freundespaar ist mit Lukaschek und Husen zu nennen, beide Zentrumsleute, die in Oberschlesien wirkten. Als Lukaschek wegen der Abstimmung in Oberschlesien639 sein Landratsamt niederlegen musste, wurde Husen sein Nachfolger.640 Nachdem
Lukaschek sein Amt des Oberpräsidenten der neu gebildeten Provinz Oberschlesien
während der Naziherrschaft verloren hatte, hielt Husen ständigen Kontakt zu seinem
Freund, der als Anwalt in Breslau tätig war. Er suchte Husen alle vier bis sechs Wochen
in Berlin auf, um von dort mit Moltke und Yorck in Kontakt zu treten.641 Über König
hielten Lukaschek und Husen außerdem engen Kontakt mit den Münchner Jesuiten, wie
bereits dargelegt wurde.
Als weitere Teilgruppe sind die drei Jesuiten anzusehen:
Die drei Jesuiten, die am Ende im Kreisauer Kreis in jeweils unterschiedlichen Funktionen
mitarbeiteten – Rösch als der Initiator des Kontaktes, Delp als intellektueller Gesprächspartner, Lothar König als Kurier und Mitarbeiter an präzisen Texten –, hatten eine gemeinsame Linie für ihre Mitarbeit [im Kreisauer Kreis; A. d. V.] verabredet …642,
beschreibt Bleistein treffend die Jesuitengruppe.
„Ihr Geliebte der Nacht, flammender Doppelstern,
unzertrennliches Paar, gleichen Geschickes Ziel,
Kraft und Klugheit in einer
Männlich waltenden Leidenschaft […]
Aber Ihr, in der Nacht flammender Doppelstern,
bleibet trostreich dem Freund ewig, der weiß und harrt,
daß er wieder erblicke
Euch, Geliebte der Jugendzeit.“
638
Haubach, In Memoriam 1944, S. 22.
Roon, Neuordnung 1967, S. 117.
640
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 144.
641
Husen, Paulus van: Brief an Eugen Gerstenmaier, 08.10.1967. ACDP, I 210-037; Winterhager, Der
Kreisauer Kreis 1985, S. 69.
642
Bleistein, Rösch 1998, S. 149.
639
121
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Man könnte auch von der Teilgruppe der sozialistischen KZ-Häftlinge Mierendorff,
Haubach und Leber sprechen. Sie kannten sich schon aus ihrer gemeinsamen Zeit im
Reichsbanner und der Eisernen Front.643 Das sie prägende Leben unter Gefahr im KZ
machte sie kompromissbereiter mit anderen Gruppen.644 Theodor Haubach, Julius Leber
und Carlo Mierendorff gehörten neben Kurt Schumacher, wie bereits erwähnt, zu den
„militanten Sozialisten“ in der Weimarer Republik.645 Theo Haubach hatte das Wort
vom „militanten Sozialisten“ geprägt.646 Haubach war durch und durch politischer
Kämpfer, ehemals Führer des Reichsbanners und im Auftreten soldatisch. Die militanten Sozialisten verband ihr Selbstverständnis, das sie auch in die Überlegungen des
Kreisauer Kreises einbrachten. Die Bedeutung des Wortes „militant“ wird klar, stellt
man die Eigenschaften der Linken im Gegensatz zur Rechten dar. Daraus ergäbe sich
folgender Katalog:
Die Linke ist radikal in ihrer Zielsetzung, die Rechte vertritt die Theorie des Hineinwachsens. Die Linke ist heroisch, die Rechte verficht den Vorzug des kleineren Übels. Die Linke
ist militant, die Rechte konziliant. Die Linke handelt politisch, die Rechte bürokratisch
(vergewerkschaftet). Die Linke denkt und erlebt den politischen Prozeß dynamischdialektisch, die Rechte als organischen Wachstumsprozeß. Die Linke ist für die Politik des
größeren Risikos, die Rechte für das vorsichtige Festhalten des Erreichten. Die Linke fühlt
sich mit Recht bei alledem „marxistischer“, und sie kann für sich in Anspruch nehmen, dass
Marx seiner Methode wie seiner geistigen Haltung nach nicht konservativ gewesen ist.647
Eine weitere „Clique“ bildete sich in der späteren Zeit des Kreisauer Kreises bei den
Angehörigen des Auswärtigen Amtes, Trott, Haeften und Gerstenmaier, die sich später in dieser Formation eng der Bewegung des 20. Juli anschlossen. Unmittelbarer Vorgesetzter Trotts in der Informationsabteilung war Hans Bernd von Haeften, zu dem er
eine enge freundschaftliche Beziehung entwickelte.648 Clarita von Trott berichtete in
ihrer Lebensbeschreibung649:
Die Freunde, mit denen wir ehepaarweise am häufigsten zusammen waren, bei deren
Unterhaltung wir Frauen nichts lieber taten, als still zuzuhören, waren Haeftens, Moltkes,
Yorcks und Gerstenmaiers. Die wärmste und nächste Beziehung bildete sich zu Hans und
Barbara von Haeften heraus.650
643
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 365.
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 365.
645
Beck, Zum Selbstverständnis der „militanten Sozialisten“ 1986, S. 87-123.
646
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 116.
647
Mierendorff, Aufbau der neuen Linke 1932a, S. 120-124.
648
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 116.
649
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 164.
650
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 116.
644
122
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Trotts und Haeftens machten sich wechselseitig zum Paten. Trott fühlte sich wohl „im
Kreise seiner Freunde, mit denen ihn herzliche Zuneigung, hohe Achtung und die Gemeinsamkeit der zutiefst verpflichtenden Aufgabe verband“651.
Furtwängler registrierte, dass sich zwischen Leber und „dem unvergesslichen, genialen“
Trott eine enge Freundschaft entwickelte. Seiner Ansicht nach war das „kein Wunder,
denn auch Leber verband Herz, Mut und Temperament mit Geist und Klugheit“652.
Schließlich entwickelte sich im Gefängnis zwischen Delp, Moltke, Gerstenmaier, wie
wir bereits aus dem Abschiedsbrief Moltkes wissen, und Joseph-Ernst Fugger von
Glött653, die Zellennachbarn waren, eine enge persönliche und geistige Gemeinschaft,
auf die noch einzugehen ist:654
Die kleine Gefängnisgemeinde verständigte sich untereinander auch über Tagestexte aus
der Bibel und über gemeinsame „geistliche Übungen“. Delp schrieb vor Weihnachten an
Tattenbach655: „Auf Weihnachten haben wir wieder eine gemeinsame Novene angefangen.
Diese betende Una Sancta in vinculis. Für Moltke wird in der Krypta von St. Gereon in
Köln jeden Tag Messe gelesen.“656
Boveri weist indirekt auf einen positiven Aspekt der Cliquenbildung hin, wenn sie
schreibt, dass der „Zusammenschluss“ ein dem Kreisauer Denken fremder Begriff sei,
denn so wie sie im Staatsaufbau Deutschlands und in ihrem gesamteuropäischen Denken „föderalistisch“ vorgehen wollten, das heißt von der kleinsten Zelle, von der wirklichkeitsnahen Gemeinde ausgehend und aufbauend, so haben sie unter Führung des
Grafen Moltke auch ihre eigenen Gruppen aufgrund von deren jeweiliger Eigengesetzlichkeit entstehen lassen.657
651
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 192.
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 214.
653
Joseph-Ernst Fugger von Glött, 1895 geboren, Großlandwirt, hatte an Besprechungen in München
teilgenommen und war als möglicher Landesverweser vorgesehen.
654
Maier, Alfred Delps Vermächtnis 2007b, S. 807.
655
Franz Graf von Tattenbach SJ (geb. 1910), er durfte Delp besuchen und konnte ihm sogar die letzten
Gelübde abnehmen, nachdem die Gestapo versucht hatte, Delp zum Austritt aus der Gesellschaft Jesu zu
bewegen; Tattenbach, Das entscheidende Gespräch 1954/55, S. 321-329.
656
Delp IV S. 60 f.
657
Boveri, Verrat 1956, S. 64.
652
123
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Abbildung 7: Cliquen
In dieser Abbildung sind die einzelnen beschriebenen „Cliquen“ in unterschiedlichen
Farben dargestellt. Die Gemeinschaft in der Todeszelle ist mit einem Quadrat und die
Untergruppe, die Moltke in seinem letzten Brief wohl außer Yorck als seine engsten
Stützen im Freundeskreis genannt hat, mit einem Kegel gekennzeichnet.
Wenn man sich mit der Frage der Tat auseinandersetzt, steht sogleich der Ausspruch
Moltkes in seinem letzten Brief im Blickfeld: „Wir haben nur gedacht“, und: „Es sind
eben nur Gedanken ohne auch nur die Absicht der Gewalt.“658 Daraus wird oft der
Schluss gezogen, es habe sich beim Kreisauer Kreis nur um ein akademisches Kränzchen gehandelt. Dabei wird übersehen, „daß Moltkes Bericht an seine Frau über die
Verhandlung vor dem Volksgerichtshof so abgefasst war“, schreibt Gerstenmaier, „daß
er unsere [Moltkes, Delps, Gerstenmaiers; A. d. V.] Verteidigungsthese nicht gefährden
konnte. Zwischen unserer Verteidigungsthese und dem, was wir wirklich wollten und
taten, war jedoch ein profunder Unterschied.“659 In der Tat fanden im Kreisauer Kreis
nach den Worten Steltzers zunächst mehr akademische Grundsatzdiskussionen statt, bis
sich nach Stalingrad 1943 der Drang zum Handeln entwickelte: „Aus dieser [Planungs-]
Arbeit erwuchs dann […] eine klare politische Konzeption und ein bestimmter politischer Wille.“660
658
MB (10.01.1945) S. 616 f.
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 230.
660
Steltzer, Theodor: Die Arbeit des Kreisauer Kreises. Vortrag in der Adolf-Reichwein-Hochschule in
Celle am 09.11.1949. IfZ, MS 629.
659
124
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Den Kreisauern war jedoch klar, dass Wille und Tat auf die Dauer auch bei noch so
großer Stärke weder der Menschheit noch einer Nation zu einer glücklichen Existenz
verhelfen vermögen, „sondern sie bedürfen des Antriebs und der Lenkung aus dem
Glauben, der Vernunft und dem Gefühl, die ihrerseits wieder auf dem Grunde einer
positiven, absolut gültigen Weltanschauung erwachsen“661, wie Peters bereits 1933 ausführte.
Zeitgeschichtlich interessant ist auch ein Blick auf die Zeitschrift „Die Tat“, „in ihrem
Inhalt wie in ihrer Wirkung eines der aufschlussreichsten Symptome für die geistige
und politische Krise der Endzeit der Weimarer Republik“662. Von den Vertretern der
„konservativen Revolution“ gab es keine Brücke zu den Kreisauern, sie hatten nichts
gemein.663 Dem „undurchdringbaren Durcheinander von Klarheit und Mystik, Fatalismus und rücksichtslosem Tatwillen, Ressentiment und gutem Willen, Anmaßung und
Einsicht“664 der Tatkreis-Jünger stand der klare Wille zur Tat von Kreisauern gegenüber, die ihre in langen Diskussionen festgelegten Grundsätze umsetzen wollten.
Moltkes Bild in seiner Zeit ist oft das des passiven Denkers. Dabei wird übersehen,
dass er bis zur totalen Erschöpfung tätig sein konnte, wie sein Einsatz gegen die juristischen Begleitumstände der Deportation im Vorfeld der Wannseebesprechung zeigt.
Seit dem Winter 1941 ging es augenscheinlich um mehr als um die Neuordnung nach der
Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft. Es ging um eine Neuordnung, die mit
der Last der Vergangenheit, mit der Last der Geschichte, aus dem Wissen des Leidens und
aus der Kenntnis von der Unmöglichkeit der Wiedergutmachung lebte.665
Freya beschreibt Moltkes Haltung zur Tat nach dem Kriege:
Ja, ich bin auch der Ansicht, dass man meinen Mann nicht als eine „figure of non-violence
in the midst of an active resistance movement“ ansehen kann. […]. [Moltke habe gesagt,]
man könne nicht mit den gleichen Methoden wie die Nazis erst handeln, um ganz andere
Ziele zu erreichen. Die alte Frage, ob die Mittel um des Zieles wegen erlaubt sind oder
nicht. Aber ich glaube, mein Mann war nur davon bewegt, wie man den Nazi-Geist bekämpfen könne und zerstören, den er als weltweit erkannte. Und Non-Violence in sich
selbst war nicht so sehr das bestimmende Prinzip als wie man am effektivsten Nazismus
bekämpfen könne.666
661
Peters, Hans: Rechtsstaat nach 1933. IfZ, ZS/A-18, Bd. 6, S. 2. Diesen Vortrag hielt Peters am
31.05.1933 in der Zentrumsfraktion des Reichstages und des Preußischen Landtages unter dem Vorsitz
des Parteiführers Reichskanzler a. D. Dr. Brüning. Siehe auch FAZ-Artikel vom 01.06.1933 „Die Beratungen der Zentrumsfraktionen“.
662
Sontheimer, Der Tatkreis 1959, S. 229.
663
Siehe Brief Reichweins vom 28.11.1931 an Ernst Robert Curtius, in: LBDII, S 116: „Dein Pfeil gegen
die ‚Tat’ ist auch aus meinem Herz geschossen! Dieses Tier wächst sich zu einem respektablen Reptil
aus. Ohne Ernst, Verantwortung und Würde. Schlechtes Deutschtum. Wir haben das Bessere! Dieses
Wissen gibt uns Halt.“
664
Sontheimer, Der Tatkreis 1959, S. 259.
665
Steinbach, „Wir werden gehenkt, weil wir gedacht haben“ 1993, S. 37.
666
Moltke, Freya von: Brief an Roon, 19.06.1965. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5.
125
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Will man Moltkes Haltung zur Tat, auch zum Attentat, das er im Grunde vehement ablehnte667, nachzeichnen, worauf noch näher eingegangen werden wird, so ist auch sein
Brief an Freya vom 21. Januar 1943 aufschlussreich, wo er sich gegen „all die Geschäftigkeit der anderen“ wandte und damit vor allem die Tätigkeit des Goerdeler-Kreises
meinte. „Warten ist eben viel schwieriger als Handeln“668, meinte er Anfang 1943, als
sich der Gedanke des Staatsstreiches verfestigte.
Mierendorff litt wie Leber unter dem ewigen Konspirieren ohne den Entschluss zur
Tat. Beide lebten als ehemalige KZ-Häftlinge unter Gestapo-Aufsicht und sahen, wie
jeder Tag neue Verbrechen und Opfer brachte. „Hin und wieder wurde diese Spannung
zwischen Warten und Drängen zur Tat für sie so unerträglich, dass es zu eruptiven Äußerungen kam und eine generelle Korrektur der bisherigen Strategie überlegt wurde.“669
Moltke verstand diesen psychologischen Mechanismus, aber er musste auf Disziplin
drängen, da er die Stunde der Kreisauer erst nach dem Zusammenbruch sah.670
Hier ist etwas von dem Aktivismus zu spüren, der thematisch an die Vitalität der früheren Frontgeneration, aber auch an Strömungen innerhalb der zeitgenössischen Jugendbewegung anknüpfte.671 Der bereits angeführte Aufruf zur „Sozialistischen Aktion“ ist
beredtes Zeugnis des Tatwillens von Mierendorff.
Als Trott Anfang des Jahres 1944 auf die Bürgschaft von Leber hin mit Stauffenberg
bekannt wurde, zögerte er keinen Augenblick, den Weg, den er von der Tatnatur des
anderen beschritten sah, aus tiefer eigener Überzeugung heraus mitzugehen. In ihm hatte Stauffenberg einen kraftvollen, leidenschaftlichen Helfer gefunden und formte seine
außenpolitischen Vorstellungen in der Denkschrift „Deutschland zwischen Ost und
West“, die er bei Trott in Auftrag gegeben hatte.672
Einmal bezeichnet Moltke Trott gegenüber seiner Frau Freya kritisch als nicht ganz
„zuverlässig“673, aber mit dem Haeften würde es schon besser gehen, dann ziehe der
667
Gerstenmaier glaubt nach seinem Bericht, Moltke in der Gefängniszelle kurz vor dessen Hinrichtung
von der Notwendigkeit des Attentats überzeugt zu haben (vgl.: Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967,
S. 234).
668
MB S. 454.
669
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 365.
670
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 365.
671
Kater, Studentenschaft und Rechtsradikalismus in Deutschland 1975, S. 154.
672
Leber, Annedore, Das Gewissen steht auf 1984, S. 183: „In dieser [Widerstands-; A. d. V.] Arbeit hielt
er besonders engen Kontakt mit Leber und Stauffenberg.“
673
Zu diesem Urteil Moltkes siehe auch Kapitel „Konflikte und Dekonstruktion des Kreises“, wo dargelegt wird, dass diese Bemerkung sich nicht auf den Charakter Trotts bezog.
126
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Trott mit.674 Clarita von Trott versucht, dieses Urteil zu deuten: „Ich nehme an, es hängt
damit zusammen, daß mein Mann immer auf eine Tat drängte, im Gegensatz zu Moltke.
Was hätte die ganze Politik gebracht, wenn nicht die Tat gewesen wäre?“ Trott musste
auf die Tat drängen, denn er konnte gegenüber dem Ausland nur auftreten, wenn er
konkrete Aktionen ankündigte.675 Nach Trotts letzter Schwedenreise im Juni 1944 offenbarte er in einem Brief nach Schweden seine ganze Ohnmacht, nicht ohne jedoch
auch seine Bereitschaft zur Tat auszudrücken:
Im Augenblick kann man dem fürchterlichen Gericht, das über die Menschheit niedergehen
wird, nicht Einhalt gebieten, nur dafür sorgen, daß nicht auch die guten Kräfte für die Zukunft mitzerschmettert werden. Im Grunde meines Herzens bin ich jedoch ganz ruhig in der
Empfindung, daß dies wohl im einzelnen, aber nicht im ganzen zugelassen wird.676
In seinem Bekenntnis zum Handeln fährt er fort: Es gelte, „sich für den Augenblick
bereit zu halten, in dem alles von uns gefordert wird und wirklich ein nützlicher Beitrag
zu leisten ist.“677
Den drei Jesuiten kann man durchgehend einen Willen zur Tat bescheinigen. Nach der
bereits erwähnten Bemerkung Husens678 repräsentierte Rösch Herz, Seele und Willen
zum Handeln, Delp das theologische und soziologische Denken. Rösch gehört zu den
ganz wenigen Geistlichen, die sich handelnd an Plänen gegen das Dritte Reich beteiligten, und ohne ihn und Pater Delp hätten diese Pläne kaum Gestalt gewonnen, so weiter
die bereits angeführte Einschätzung von Husen.679 Bei Rösch und König muss das bereits beschriebene mutige Eintreten im Ausschuss für Ordensangelegenheiten und das
furchtlose Werben beim deutschen Episkopat zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus gesehen werden. Auch Delp, als begeisterter Anhänger von Neudeutschland,
hatte den Willen zur Tat, wie er in den Leitsätzen des Hirschbergprogramms680 gefordert wird, verinnerlicht. Boveri zählte Delp wie Trott, Gerstenmaier, Yorck, Haeften,
Leber zu den Aktivisten unter den Kreisauern; wie Trott habe sich auch Delp in den
letzten Monaten nahe an Stauffenberg angeschlossen.681 Dies muss allerdings bezweifelt
werden, da sich Boveri auf den Besuch Delps bei Stauffenberg am 06. Juni 1944 bezieht, den Boveri als eine „ausführliche Unterredung in Bamberg“ einordnete, Delp hin-
674
MB S. 244.
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 131.
676
Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 282.
677
Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 282 f.
678
Husen, Lebenserinnerungen 2007, S. 317.
679
Husen, Lebenserinnerungen 2007, S. 317.
680
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 709.
681
Boveri, Verrat 1956, S. 76.
675
127
Beschreibung des Kreisauer Kreises
gegen als reinen „Gelegenheitsbesuch“682. Ob Delp das Attentat guthieß, kann nicht
eindeutig beantwortet werden683, Rösch jedenfalls lehnte es strikt ab.
Haubachs Haltung zur Tat erschließt sich in der Rede zu seinem Gedenken am
22. Januar 1965: „Haubachs These war, wenn die Demokratie am Leben bleiben soll,
muß sie sich ihrer Haut erwehren und sei es mit der Waffe in der Hand. Das war für uns,
die wir aus der humanistisch gesonnenen Arbeiterbewegung gekommen waren, keine
leichte Entscheidung.“684 Schmedemann erinnerte in dieser Gedenkrede nach dem Krieg
an die Übungen im Rahmen der Selbstschutzorganisationen. 1924 hatte Haubach eine
maßgebende Funktion im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold übernommen. Er wurde
Gründer und Lehrmeister der sogenannten Sportriegen, der Selbstschutzorganisation des
Reichsbanners.685
Nach Schlabrendorff war Gerstenmaier im Kreisauer Kreis seiner Natur nach eine der
aktivsten Persönlichkeiten. Entgegen der ursprünglichen Theorie des Kreises sei Gerstenmaier ein Vertreter derjenigen gewesen, die auf aktives Handeln drangen. „Was in
den großen Versammlungen des Kreisauer Kreises erörtert wurde, war betont staatsrechtliche und weltanschauliche Theorie, während im engen Kreise wesentlich auch die
Frage des konkreten Handelns und eines Militärunternehmens erörtert wurde.“686
Bei der Charakterisierung Lebers wurde schon dargelegt: „Tiefgründige Überlegungen
über das Wesen der Politik lagen ihm nicht, ihn drängte es zur Aktion.“687 Es ging ihm
bei der Zusammenarbeit mit dem Kreisauer Kreis nicht primär um Programme oder
Grundsätze, sondern darum, den Umsturz durchzusetzen, auch um den Preis der Verständigung mit zweifelhaften Bundesgenossen. „Mit dem Teufel paktieren […], was
danach kommt, regelt sich von selbst“, war seine Devise. Dies gilt, so Leber „wenn von
uns der Wille zur Verantwortung zur Gestaltung als zwingende Lebensbedingung empfunden wird“688. Freya von Moltke und Marion Yorck zu Wartenburg bezeichneten, wie
bereits gesagt, in ihrer Aufzeichnung vom 15. Oktober 1945 Leber als die stärkste
Potenz unter den Sozialdemokraten und stellten fest, dass seine Person den Willen zur
682
Delp IV S. 332 f., S. 349 ff.
Siehe dazu die Ausführungen im Kapitel „Stellung der Kreisauer zum Attentat“.
684
Schmedemann, Walter. Gedenkrede auf Haubach. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
685
Walter Schmedemann (1901-1976) war ein sozialdemokratischer Politiker und Widerstandskämpfer
gegen den Nationalsozialismus sowie KZ-Häftling. Ab 1945 bis 1962 war Schmedemann stellvertretender Vorsitzender der Hamburger SPD. Von 1949 bis 1970 gehörte er erneut der Hamburger Bürgerschaft
an und war von 1948 bis 1953 und von 1957 bis 1967 Gesundheitssenator. ZS/A-18, Bd. 4.
686
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 32.
687
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 173.
688
Leber, Annedore, Den toten 1946, S. 11.
683
128
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Tat und die Bereitschaft zur Übernahme höchster Verantwortung ausstrahlte.689 Leber,
der ursprünglich auch die Untätigkeit der Generale kritisiert hatte, erkannte in Stauffenberg einen Mann, „der mit all seinen Kräften den Umsturz vorantrieb und sie nicht, wie
bei einigen der zivilen Verschwörer, auf langfristige Planungen verschwendete, die für
ihn, der ganz politischer Pragmatiker war, den Geruch akademischer Wichtigtuerei nie
ganz verloren.“690 Leber notiert 1929: „Auch die beste Organisation ist nur ein Weg, ein
Mittel zur Macht. Die Macht selbst entspringt aus der politischen Tat!“691 In seiner bereits erwähnten Analyse seiner Partei im KZ schrieb er: „Man vergaß, daß Macht niemals von Wissen kommt und lebt, sondern vom Willen. Nur der harte Wille schafft.
Wissen allein aber macht müde und edel.“692 Weiter erklärte er: „Der analysierende
Gedanke […] tritt zu oft an die Stelle der instinktiven Tat. Geistiges Einordnen und
Vergleichen sind in gewisser Weise schon Dekadenz. Man fasse das nicht als mindere
Wertung auf, denn die kulturelle Sublimierung geht damit Hand in Hand. Nur in solchem Ablauf der Zeit bereitet sich stets das Neue vor.“ Und er fügte noch an: „In den
Wertungen der Zeit gilt mehr als sonst der rücksichtslose Wille starker Persönlichkeiten.“693 Den Tatwillen Lebers, der ihn so nahe zu Stauffenberg brachte, beschreibt ebenfalls Willy Brandt, der Julius Leber „einen wachen intellektuellen Pragmatiker“ nennt.
Leber gehörte nach Brandt zu den Männern, die leidenschaftlich für etwas eintraten.
Ihr Ziel erschöpfte sich nicht in der Gegnerschaft zu einer Schreckensherrschaft. Ihr Kampf
gegen diese Schreckensherrschaft bedeutete, daß sie sich in die Bresche warfen für ein Vaterland der Menschenwürde und der Freiheit – ein Deutschland, das unter den europäischen
Völkern einen ehrenvollen Platz einnehmen sollte.694
Tatsächlich ist das Ziel für den Politiker Leber richtunggebend. Auf dieses Ziel stellt er
die Wirkung seiner Mittel ein, im freien Spiel der Kräfte und seiner grundsätzlichen
Ansichten.695 Nach Leber konnte der Nationalsozialismus nur durch Teile des militärischen Machtapparates bezwungen werden. Darin sah er die strategische Aufgabe. Leber
stand mit seinem Willen zur Tat fast im Gegensatz zu der Grundsatzerklärung des
Kreisauer Kreises, die das „Danach“ gestalten wollte und nicht die unmittelbare Tat.
689
Yorck, Marion/Moltke, Freya: Ausführungen über den Kreisauer Kreis, datiert Kreisau, den
15.10.1945, BBF/DIPF/Archiv, Reich 57, Blatt 48c f.
690
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 11.
691
Leber, Weg 1952, 25.05.1929, S. 181.
692
Leber, Weg 1952, S. 188.
693
Leber, Weg 1952. S. 246 f.
694
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 9, Vorwort von Willy Brandt.
695
Leber, Weg 1952, S. 280.
129
Beschreibung des Kreisauer Kreises
2.3.4.4 Treibende Kraft, Zentralität
Über einen Dichterkreis aus dieser Zeit heißt es: „Die Kreismetapher suggeriert zugleich den allein im Zentrum stehenden Dichter, der sternförmig nach außen strahlt.“696
Ob dies auch auf Moltke und Yorck im Kreisauer Kreis zutraf, soll mithilfe des netzwerkanalytischen Instrumentariums untersucht werden.
Nachdem die Reichweite des Kreisauer Netzwerkes betrachtet wurde, kamen wir zum
Ergebnis, dass diese aufgrund der Verbindung der Akteure zu ganz verschiedenen alteri
eher groß ist. Die Reichweite kann nun auch in Beziehung gesetzt werden zu der strukturellen Autonomie bzw. der Zentralität697 des ego. Damit verbunden ist die Frage nach
der Symmetrie oder Asymmetrie des Kreisauer Netzes. Asymmetrische Netze sind, wie
eingangs beschrieben, von hoher Zentralität, die großen Informations- und Machtvorsprüngen geschuldet ist. Dies ist auch an der uniplexen oder multiplexen Struktur des
Netzes erkennbar, d. h. an der Frage, ob zwei Knoten im Netz nur durch eine Beziehung
oder durch vielfältige Beziehungen miteinander verknüpft sind. Bei der Betrachtung
dieser Frage kommt die soziologische Grundkategorie der Macht ins Blickfeld, wobei
Max Weber zwischen Macht und legitimer Herrschaft unterscheidet.698 Mehr oder weniger legitime Macht wird in der Netzwerkanalyse unter Stichworten wie Einfluss, Prestige und Zentralität diskutiert. Jansen unterscheidet zwischen positiv verbundenen Einflussnetzwerken und negativ verbundenen Netzwerken. „Kennzeichen positiv verbundener Netzwerke ist die Komplementarität und Additivität der Beziehungen. […] Negativ verbundene Netzwerke sind dagegen durch die Konkurrenz zwischen den Beziehungen gekennzeichnet.“699
Ein Beispiel einer negativ verbundenen Situation entstand im Kreisauer Kreis Ende
1943. Am 06. November berichtete Moltke seiner Frau, „dass die ungeheure Aktivität
von Neumann [Pseudonym für Leber; A. d. V.] und Genossen etwas außer Tuchfühlung
geraten ist“700. Tags darauf beklagte er, dass Friedrich [Pseudonym für Mierendorff;
A. d. V.] und wohl Leber „gar zu stürmisch“ vorgegangen seien und er jetzt sehen müsse, wie er seiner „Garde hinterher komme“701. Am 09. November schreibt er dann: „Wir
696
Schlieben, Geschichtsbilder im George-Kreis 2004, S. 13.
Bezeichnenderweise schreibt Roon: „Vom Zentrum aus gesehen [damit sind Yorck und Moltke gemeint, A. d. V.] wurden dabei ein Plan, ein Programm verwirklicht und Menschen eingeschaltet“; in:
Roon, Neuordnung 1967, S. 251.
698
Weber, Wirtschaft und Gesellschaft 1972, S. 28.
699
Jansen, Einführung in die Netzwerkanalyse 2003, S. 164.
700
MB S. 562.
701
MB S. 562.
697
130
Beschreibung des Kreisauer Kreises
durchlaufen eine grundsätzliche Gefahrenzone, in der manche hoffen, das Boot
schwimmfähiger zu machen, indem sie Grundsätze opfern, dabei aber vergessen, dass
sie dadurch dem Boot die Steuerbarkeit nehmen.“702 Was der Grund der tiefen Auseinandersetzung ist, wird nicht direkt angezeigt. Nach Freya ging es entweder um die Attentatspläne Stauffenbergs oder wahrscheinlicher um das viel diskutierte Problem der
Gewerkschaftsorganisation.703
Einen
weiteren
Hinweis
gibt
der
Brief
vom
11. November, in dem Moltke auf erhebliche Gefahren hinweist und feststellt, dass
Friedrich [Mierendorff; A. d. V.] und Neumann [Leber; A. d. V.] auf Abwegen seien,
die denen des Onkels [Leuschner; A. d. V.] nicht unähnlich seien.704 Leuschner, der
Vertreter der Gewerkschaft und ehemaliger Innenminister Hessens, dem Mierendorff
sehr verbunden war, hatte sich wegen der strittigen Frage einer zentralen Gewerkschaftsorganisation aus dem Kreisauer Kreis herausgelöst und sich dem GoerdelerBeck-Kreis angeschlossen. Eine solche Annäherung sah Moltke nun auch bei Mierendorff und Leber, den „militanten“ Sozialisten, die beide zur Tat drängten. Sie wollten
ein schnelles Ende, da jeder Tag neue Verbrechen und Opfer brachte. Die geplante
Neuordnung der Kreisauer war nach der festen Überzeugung Moltkes darauf angelegt,
sich auf die Zeit während und nach dem Zusammenbruch zu konzentrieren.705 Bei
Goerdeler und Beck sah er keine Alternative zu den innen-, außen- und gesellschaftspolitischen Irrwegen der deutschen Geschichte seit der Kaiserzeit. Moltke wollte kein
Modernisieren des Alten, sondern etwas radikal Neues. Am 14. November kam es zu
einer großen Aussprache mit Mierendorff, Moltke war skeptisch, ob er ihn, auf den er
so große Stücke hielt, wieder auf den „rechten Weg zurückbringen“706 könne, und am
27. November erfolgte ein erneutes Treffen mit Mierendorff und Leber, das Moltke
einen Tag später so schilderte:
Gestern Mittag waren Carlo und Julius da. C. ging weg, ehe wir so recht in Schuss gekommen waren und das Ergebnis der dann fortgesetzten Unterhaltung war ausserordentlich bedauerlich. Es bedeutet das Ende einer Hoffnung und mir scheint das Abbrennen der Derfflingerstrasse707 durchaus symbolisch berechtigt zu sein. Heute kommen Carlo und Theo
[Haubach; A. d. V.] noch ein Mal. Wenn das ganze Rezept708, in das sich Julius hat einspannen lassen, nicht so völlig blödsinnig wäre, dann wäre alles gleichgültig. Aber das ist
es.709
702
MB S. 563.
MBF S. 283.
704
MB S. 564.
705
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 365.
706
MB S. 566.
707
Moltkes Wohnung in der Derfflingerstraße war am 24.11.1943 ausgebombt worden.
708
Mit Rezept ist wahrscheinlich die Zusammenarbeit mit der Goerdeler-Gruppe gemeint; siehe auch
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 80.
709
MB (28.11.1943) S. 573.
703
131
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Hier entstand eine Entweder-oder-Position. Ein Teil der Kreisauer und mit ihnen Moltke bevorzugte die Realisierung der Neuordnungspläne unter Hinnahme der politischen
Katastrophe und die anderen drängten mehr auf eine zusammengefasste Aktion aller
Widerstandsgruppen, das Hitlerregime zu stürzen und das militärische Oberkommando
zu übernehmen.
Der Kreis hatte durch das Hinzutreten von Leber offensichtlich einen zweiten Pol erhalten, ein klassisches Beispiel eines negativ verbundenen Netzwerkes, bei dem die Akteure in Konkurrenz zueinander agieren.
Das gegenteilige Beispiel eines positiv verbundenen Netzwerkes, für das Komplementarität und Additivität der Beziehungen kennzeichnend sind, ergab sich durch das beharrliche Arbeiten und Überzeugen von Moltke. Schon am 29. November bemerkte er, er
habe mit Friedrich [Mierendorff; A. d. V.], Adam und Theo [Haubach; A. d. V.] eine
„gute Unterhaltung“ gehabt, „die wohl manches von dem wieder geradegezogen hat,
was am vorhergehenden Tag verbogen worden war. Es ging gut und flüssig und ich
meine, mich im wesentlichen durchgesetzt zu haben.“710 Am darauffolgenden Tag
schreibt er:
Abends kam Friedrich. Endlich haben meine wochenlangen Attacken auf den verfolgten
Kurs gefruchtet, und er hat den Ernst der Lage begriffen. Er war gestern ganz mitgenommen davon, und ich war entsprechend heiter. Jedenfalls habe ich endlich den Eindruck, daß
ich werde wieder oder noch etwas ausrichten können, und so bin ich auf dem Gebiet wieder
voller Hoffnung.711
Moltke wollte auch Leber auf die Linie des Kreisauer Kreises bringen und setzte bei
ihm seine Bemühungen fort. Noch wenige Tage vor seiner Verhaftung am 19. Januar
1944 sprach Moltke noch zweimal mit ihm, einmal bei Yorck und einmal radelte er eigens dafür in die Kohlenhandlung von Leber.712 Am 13. Januar schrieb er seiner Frau:
„Ich hoffe, daß der Versuch, insoweit Carlo’s Erbe anzutreten, gelingen wird.“713 Es
war somit in den Beziehungen wieder ein Zustand der Komplementarität und Additivität der Akteure erreicht.
Bei der Frage nach der Zentralität und Autonomie des ego kommen wir zu keinem eindeutigen Ergebnis, da Moltke keine durchgehende soziale Kontrolle über das Handeln
seiner Freunde hatte. Das ergibt sich auch aus der Frage, wer die treibende Kraft und die
710
MB (29.11.1943) S. 575.
MB (30.11.1943) S. 575.
712
MB (02.01.1944) S. 583; (09.01.1944) S. 588.
713
MB (13.01.1944) S. 591.
711
132
Beschreibung des Kreisauer Kreises
„Spitze“ des Netzwerkes war. In der Literatur gibt es dazu allerdings meist eindeutige
Aussagen in Richtung Moltke und Yorck, die es aber näher zu betrachten gilt.
Wenn Moltke in seinem Brief an Freya vom 13. September 1941, also ziemlich am Anfang des Wirkens des Freundeskreises, wie schon erwähnt, schreibt:
Gestern mittag ass ich mit Yorck bei ihm. Unzweifelhaft kann ich gegenwärtig mit ihm
besser und schneller und nützlicher als mit sonst irgendjemandem. Ausserdem sind wir so
völlig gleich, ich meine gleichgestellt. […].Yorck ist eigentlich der einzige, mit dem ich
mich wirklich beratschlage, bei all den anderen handelt es sich in Wahrheit um eine in die
Form der Beratung gekleidete Anfrage, wie weit sie es mitmachen und was sie tun wollen
…714,
dann hält er sich natürlich gemeinsam mit Yorck für die treibende Kraft und unangefochtene Spitze des Freundeskreises. Es gibt aber die Einschränkung „gegenwärtig“,
man müsste also eigentlich untersuchen, wie sich diese Eigenansicht im Verlauf des
Agierens des Freundeskreises dynamisch veränderte.
Im Kreis der „Freunde“, wie sich die Kreisauer selbst bezeichneten, fungierte Moltke
als „der Motor, Yorck als die integrierende Macht, zusammenhaltend und ausgleichend“715.
Beide, Moltke und Yorck, waren eng befreundet und „bildeten sozusagen das Herzstück
eines sich allmählich entwickelnden politischen Freundeskreises“, schrieb Steltzer nach
dem Kriege.716 Auch Marion Yorck und Freya Moltke sagten in ihrer ersten Niederschrift über den Kreisauer Kreis, datiert Kreisau, den 15. Oktober 1945:
Der wachsende Freundeskreis wurde von der Freundschaft zwischen Yorck und Moltke getragen […]. Die tiefe Verwurzelung Yorcks in der abendländischen Kultur ergänzte Moltke
durch eine Weite, die es ihm selbstverständlich machte, über Deutschland hinaus europäisch zu denken. Diese Beiden bildeten das Zentrum des sich um sie sammelnden Freundeskreises.“717
Später erläuterte Moltkes Frau, dass es „wie an einer Ellipse, zwei Brennpunkte gab.
Der eine war Peter Yorck von Wartenburg und der andere war Helmuth Moltke; die
haben dann verschiedene Mitglieder mitgebracht“718. Marion Yorck bezeichnete Moltke
als den „Motor des Ganzen“719 und ihren Mann als „das Herz dieses Kreises“720.
714
MB S. 287.
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 60.
716
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 149.
717
Yorck, Marion/Moltke, Freya: Ausführungen über den Kreisauer Kreis, datiert Kreisau, den
15.10.1945, BBF/DIPF/Archiv, Reich 57, Bl. 47b.
718
Hermann, Freya von Moltke 1993, S. 42.
719
Meding, Mit dem Mut 1992, S. 199.
720
Meding, Mit dem Mut 1992, S. 198.
715
133
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Trott, der zuweilen ein etwas gespanntes Verhältnis zu Moltke hatte721, fühlte sich nach
der Teilnahme an der 3. Kreisauer Tagung an Pfingsten im Jahre 1943 als der Beschenkte, obwohl er mit sich selbst nur teilweise zufrieden war. Gegenüber seiner Frau
maß er Moltke das Hauptverdienst an der Tagung zu und bemerkte, dass man viel von
ihm lernen könne.722
Zur Frage, wer war Haupt des Kreises war, nimmt auch ein Bekannter von Trott zu Solz
aus dem Auswärtigen Amt, Alexander Werth, der ursprünglich zur Teilnahme zum
Kreisauer Kreis eingeladen war, nach dem Krieg Stellung:
Es ist richtig, dass das geistige Haupt des Kreisauer Kreises bzw. seiner Nachfolgerschaft
Graf Helmuth von Moltke war. Er war das Haupt dieses Kreises nicht deshalb, weil er
schon 1929, wenn auch zunächst nur philosophierend, mit seiner Arbeit begann. Er war es
auch nicht deshalb, weil er älter war als die jüngeren „Aktiven“ […]. Er war es deshalb,
weil er neben einem höchsten Maß von Integrität und Mut die seltene Gabe besaß, ruhig
und sachlich zu bleiben, auch wenn es um Auseinandersetzungen ging, bei denen andere
Menschen je nach Temperament nach außen irgend eine bestimmte Stellung zu beziehen
pflegen. Ihm halfen dabei seine Frau, die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Großzügigkeit von Familie und Freunden.723
Auch im Kaltenbrunner Bericht wird von der Gruppe Moltke724, Gruppe um Moltke
oder von dem Kreisauer Kreis um den Grafen Moltke gesprochen. Freisler nannte Moltke als Motor des Kreisauer Kreises.725 Bedeutsam ist aber auch, welche Rolle Moltke
sich selbst beimaß. Dazu geben die Abschiedsbriefe aus Tegel mehrfach Auskunft.
Moltke empfindet es als Sensation, dass für ihn zwei, eventuell sogar drei Prozesstage
vorgesehen seien, und schreibt, seine Führungsrolle herausstreichend, seiner Frau:
„Dass das nur für mich ist, ist klar, denn mit mir steht und fällt der Rest, […]“726 Auch
in der Anklageschrift sieht er seine Führungsrolle bestätigt, dort heißt es u. a., Moltke
habe es verstanden, „eine Reihe von Staatsgegnern verschiedener Richtung an sich heranzuziehen“ und „mit sichtbarem Erfolg, die zunächst mit den gegensätzlichsten Anschauungen erschienenen Teilnehmer dieser Zusammenkünfte auf eine von ihm vertretene staatsfeindliche Linie von einer gewissen Geschlossenheit auszurichten“, er habe
den Plan entwickelt, „an die Stelle des die Volksgemeinschaft tragenden N.S. hätten die
christlichen Kirchen beider Konfessionen als das politische Zeitgeschehen überdauernde
Ordnungselemente zu treten.“727
721
MB S. 244.
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 171.
723
Werth, Alexander. IfZ, ED 106-96.
724
KB S. 260, S. 310.
725
Steinbach, „Wir werden gehenkt, weil wir gedacht haben“ 1993, S. 38.
726
HFM S. 333.
727
HFM S. 352.
722
134
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Auch in dem bekannten Abschiedsbrief vom 10./11. Januar 1945 hob Moltke seine herausragende Stellung im Prozess gegenüber seinen Mitangeklagten hervor, wenn er auf
einen besonderen geistigen Dialog zwischen Freisler und ihm hinwies, den möglicherweise die „Umsitzenden“ gar nicht mitbekommen hätten. Von der ganzen „Bande“ habe
Freisler nur ihn richtig erkannt und „von der ganzen Bande“ sei er „auch der einzige,
der weiß, weswegen er [ihn] umbringen“ müsse. Dabei habe Freisler bei ihm keinen
einzigen Witz auf seine Kosten gemacht, „wie noch bei Delp und bei Eugen.“728 Auch
aus der Bitte an seine Frau, aus der Tatsache, dass er nicht wegen des 20. Juli, sondern
allein wegen seines Christseins zum Tode verurteilt sei, eine „Legende“ zu machen,
spricht sein Führungsanspruch im Kreisauer Kreis. Dies drückt sich weiterhin in dem
Hinweis für die Legende an Freya aus: „Ich muss darin die Hauptperson bleiben, nicht
weil ich es bin, nicht weil ich es sein will, sondern weil der Geschichte sonst das Zentrum fehlt. Ich bin nun mal das Gefäß gewesen, für das der Herr diese unendliche Mühe
aufgewandt hat.“729
Trotz dieses Führungsanspruchs ihres Mannes stellte Freya von Moltke fest: „Aber die
Gruppe war ein Team selbstständiger, unabhängiger Personen, von denen jede über andere und besondere Kenntnisse verfügte, die sie in die Diskussionen einbrachte.“730
Gewiss, ohne Moltke ist dieser Kreis nicht zu denken. Er war sein Initiator, die Kraft,
die ihn zusammenhielt, ihn in unermüdlicher Vorarbeit führte und mit Systematik die
weitverzweigte Organisation plante.731 Welche Kraft den Freundeskreis zusammenhielt,
wird noch später zu klären sein.
Schwerin weist mit Recht darauf hin, dass Moltke und der Kreisauer Kreis vielfach
kaum auseinandergehalten werden. Es scheine geradezu, als sei Moltke der Kreisauer
Kreis. „Die von ihm verfassten Schriften werden herangezogen, um darzustellen, welche Auffassungen der Kreis vertrat.“732 Moltke hat natürlich die Denkrichtung des Kreises sowohl durch seine inhaltlichen Anstöße als auch durch die (Mit-)Auswahl der eingebundenen Personen entscheidend geprägt, aber die Grundsatzerklärung kam nur durch
Kompromisse von Moltke zustande.
728
HFM S. 478.
HFM S. 481.
730
MBF S. 188.
731
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 117.
732
Schwerin, Moltke 1999, S. 13.
729
135
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Eine unangefochtene Zentralität gelang Moltke, obwohl er immer bestrebt war, die Zügel fest in der Hand zu haben733, aber nicht bzw. konnte wegen der Heterogenität nicht
gelingen, wie die Beispiele der negativ verbundenen Netze gezeigt haben und die der
Konflikte und der Dekonstruktion noch zeigen werden. Insoweit ist auch festzustellen,
dass sich die Schlussdokumente des Kreisauer Kreises und die Denkschriften Moltkes
inhaltlich in weiten Bereichen erheblich unterscheiden. Es gab also netzwerkanalytisch
gesprochen keinen „lachenden Dritten“, der aufgrund seiner Autonomie den alteri seinen Willen oktroyieren konnte.
2.4
2.4.1
Heterogenität und Dekonstruktion des Kreises
Beschreibung der Zusammensetzung des Kreises
Wie aus der Darstellung der einzelnen Kreisauer hervorgeht und in der Literatur häufig
beschrieben wird, zeigt die Zusammensetzung des Freundeskreises eine bemerkenswerte Heterogenität:
Sozial und politisch aufgeschlossene Adlige fanden sich zusammen mit Geistlichen beider
Konfessionen, mit Universitätslehrern, Diplomaten, Gewerkschaftern, Politikern der Sozialdemokratie und der Zentrumspartei – eine Mischung, wie sie keine andere Gruppe des
Widerstands aufzuweisen hatte.734
Damit war unverkennbar der Wunsch ersichtlich, „über die trennenden Barrieren des
sozialen Milieus, der politischen Überzeugungen und weltanschaulichen Bindungen
hinweg ein Gespräch zu führen, durch das gegenseitige Vorurteile überwunden und eine
Verständigung auf ein gemeinsames Programm erreicht werden konnte.“735 Diese Heterogenität wurde in einem Bericht für Bormann über den Freisler-Prozess zum 20. Juli
herabwürdigend wie folgt beschrieben: „Die Gruppe setzte sich zusammen aus reaktionären, föderalistischen, konfessionellen und syndikalistischen Elementen.“736 Heterogen
war der Freundeskreis auch in der altersmäßigen Zusammensetzung. Die Altersspanne
reichte von den Geburtsjahrgängen 1885 (Steltzer und Lukaschek als die Ältesten) bis
1909 (Trott als der Jüngste).
Das ungewöhnlich breite geistige Spektrum des Freundeskreises garantierte nicht nur
schwierige, aber letztlich äußerst fruchtbare Auseinandersetzungen bei der Erarbeitung
von Kompromissen und Konsenslösungen in allen entscheidenden Grundsatzfragen der
733
„Es wird grosser Anstrengungen bedürfen, sie wieder auf den rechten Pfad zurückzuführen. Die werden auch gemacht werden […]; in: MB (11.11.1943) S. 564.
734
Ullrich, Kreis 2008, S. 57.
735
Ullrich, Kreis 2008, S. 57.
736
KB S. 701.
136
Beschreibung des Kreisauer Kreises
gesellschaftlichen und politischen Neuordnung, sondern prädestinierte den Kreisauer
Kreis zur Brückenfunktion.737 Diese Männer versuchten, voneinander zu lernen und
Grundlagen für jene neue Synthese zu bereiten, die all die religiösen und politischen
Spannungen überwinden sollte, unter denen Deutschland in der Vergangenheit gelitten
hatte.738 Ihr Denken war von offenem, wenn nicht gar revolutionärem Geist bestimmt:
Sie alle waren bereit, sich von konventionellen kapitalistischen und nationalistischen
Denkschemata zu lösen. Diese Heterogenität ist nicht zuletzt ein „Verdienst Moltkes,
der sich insbesondere um eine solche Vielfalt bemühte und nicht in seiner Gedankenwelt und der seiner bisherigen Freunde stecken bleiben wollte“739. Die Heterogenität
oder Diversity740 von Teams wird heute auch bei Unternehmen fruchtbar gemacht. Nach
Lazaer741 können Produktivitätsgewinne dann generiert werden, wenn die differierenden
Fähigkeiten, Begabungen oder Informationen der Teammitglieder für die anderen
Teammitglieder relevant sind und wenn die aus der Heterogenität resultierenden Kosten
der Kommunikation zwischen den Teammitgliedern nicht zu hoch sind. Potenziellem
Nutzen aus Heterogenität stehen also die Kosten erschwerter Kommunikation gegenüber. Weiter kann man sagen, dass Kosten zunehmender Heterogenität sich in einem
geringeren Zusammengehörigkeitsgefühl und in einer höheren Konfliktneigung niederschlagen. Kosten der Homogenität andererseits manifestieren sich in geringerer Kreativität, Ideenvielfalt und Problemlösungsfähigkeit. Diese Tatbestände treffen auch auf
den Kreisauer Kreis zu. Bei ihm scheint sich jedoch ein optimaler Heterogenitätsgrad
eingestellt zu haben, der dann vorliegt, wenn sich die Kosten aus Heterogenität, die
Kommunikationskosten, mit den Kosten aus Homogenität, den Kosten aus Verzicht auf
relevantes Wissen, die Waage halten.742 Der Kreisauer Kreis war weder ein homogener
Freundeskreis mit geringer Kreativität und Problemlösungsfähigkeit noch eine Gruppe
ohne Zusammengehörigkeitsgefühl mit hoher Konfliktneigung. Neben der in der Litera-
737
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 428.
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 56.
739
Schwerin, Moltke 1999. S. 25.
740
Peters, Diversity in Diskurs und Praxis 2002; Haselier/Thiel, Diversity Management 2005, S. 17: „Diversity Management betont […] die Notwendigkeit, die kulturellen Unterschiede einzelner Arbeitsgruppen zu erkennen und diese bei der Gestaltung der Unternehmenspolitik angemessen zu berücksichtigen.
Diversity Management ist in erster Linie eine Strategie zur Verbesserung der Eiffizienz der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens […]. Der zugrunde liegende Gedanke ist, in einem Umfeld kultureller
Verschiedenartigkeit, in dem Unterschiede zwischen Personen geschätzt werden, es den Mitarbeitern zu
ermöglichen, sich in einer reicheren produktiveren Arbeitsumgebung vollständig einzubringen.“
741
Lazaer, Globalisation 1999, S. 454.
742
Diese Überlegungen wurden auch bei der Zusammensetzung von Graduiertenkollegs bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft angestellt. URL2: http://www.dhv-speyer.de/kruecken/pdfDateien/ManuskriptUnger.pdf, 09.04.2011.
738
137
Beschreibung des Kreisauer Kreises
tur zuweilen überbetonten Homogenität gab es trotz hoher Vergemeinschaftung auch
Konflikte, wie noch zu zeigen sein wird.
War der Kreis auch sehr heterogen, so gab es doch bemerkenswerte Übereinstimmungen.743 Alle hatten ein Universitätsstudium, alle bis auf Moltke selbst waren promoviert,
sie hatten den gleichen Habitus, ähnliche Formen der Lebensführung und der kulturellen Vorlieben, „Bereitschaft zum politischen Diskurs im historischen oder philosophischen Kontext“, „eine grundsätzliche Ablehnung des wilhelminischen Staates“, das
Bemühen,
… traditionelle Werte aus dem Kontext reaktionärer Inanspruchnahme zu lösen, sie in ein
Konzept eines gesellschaftlichen und politischen Neubeginns zu integrieren, der die Wiederherstellung des Rechts, deutliche soziale Veränderungen zu Gunsten bislang unterprivilegierter Schichten u. a. durch eine neue Wirtschaftsordnung und ein neues Bildungswesen
garantieren sollte.744
Eine Übereinstimmung ergibt sich auch in der Außenpolitik, die in ihrer nationalen,
zugleich strikt antiimperialistischen Ausrichtung auf friedliche Koexistenz und auf ein
Zusammenwachsen der Völker ausgerichtet war.
Bedenkt man diese Heterogenität der Freunde, so wird erst dadurch die Einigung dieser
Männer auf eine Bindung an gemeinsame Grundsätze ins rechte Licht gerückt.745 Dies
ist ein Beweis für die prägende Kraft der Vergemeinschaftung, deren Quellen und Ausprägungen noch darzustellen sein werden. Steltzer wies in einem Vortrag 1949 auf den
Aspekt der Verständigungsbereitschaft, der gerade aus der Verschiedenartigkeit der
gesellschaftlichen und konfessionellen Herkunft entsprang, hin:
Es war für uns alle ein großes Erlebnis, dass sich die hierin liegenden Schwierigkeiten
menschlich leichter überwinden ließen, als wir erwartet hatten. Die von christlicher und
konservativer Seite kommenden Persönlichkeiten bekamen einen stärkeren Kontakt mit den
Forderungen der sozialen Seite. Und bei den Vertretern der Linken ergab sich ein überraschendes Verständnis für das Christentum als wesentlichen Faktor europäischer Gesamtkultur.746
Diese Art von Korpsgeist und Zusammengehörigkeitsgefühl747 und der unreflektierte
Fixbegriff vom Kreisauer Kreis nährt jedoch die Gefahr der simplifizierenden Darstellung. Der Kreisauer Kreis war keine Institution mit klar definierter Struktur und Mitgliedschaft, wie schon dargelegt wurde. Es handelte sich vielmehr um ein komplexes,
dynamisch-spannungsreiches Beziehungsgeflecht.
743
Zimmermann, Haubach 2004, S. 386.
Zimmermann, Haubach 2004, S. 388.
745
Schmölders, Personalistischer Sozialismus 1969, S. 13.
746
Steltzer, Theodor: Die Arbeit des Kreisauer Kreises. Vortrag gehalten am 09.11.1949 in der AdolfReichwein-Hochschule Celle. IfZ, MS 629.
747
Winterhager, Zukunftsplanung 2009a, S. 5.
744
138
Beschreibung des Kreisauer Kreises
2.4.2
Konflikte und Dekonstruktion des Kreises
Bei der Betrachtung der Zentralität des Netzwerkes Kreisauer Kreis wurde zwischen
positiv verbundenen Einflussnetzwerken und negativ verbundenen Netzwerken unterschieden. Die Konflikte, die bei dem Beispiel eines negativ verbundenen Netzwerkes
gezeigt wurden, können netzwerkanalytisch auch im Zusammenhang mit der Netzstruktur einerseits und dem Handeln der Akteure andererseits betrachtet werden. Schweizer
betont, dass die Netzwerkanalyse soziale Systeme nicht als Ansammlung isolierter Akteure mit gewissen Eigenschaften begreife und nicht primär Regelhaftigkeiten zwischen
diesen Eigenschaften suche. Vielmehr richte sie ihr Augenmerk unmittelbar auf die Verflechtung der Akteure in einem sozialen System und versuche, dieses Muster zu beschreiben und aus diesem Muster der Verflechtungen Auskunft über die Handlungen
der Akteure zu gewinnen.748 Die Dichte sozialer Beziehungen und das gleichzeitige
Vorkommen mehrerer, inhaltlich verschiedener sozialer Beziehungen sollen dabei in
den Blick genommen werden, wobei Dichte und Multiplexität empirisch verknüpft
sind.749 Unter diesem Blickwinkel ergeben sich unterschiedliche Netzstrukturen. In
einem dichten, multiplexen Netz kennt jeder jeden und ist über eine Vielzahl von Beziehungen verbunden, während in einem locker gefügten, uniplexen Netz sich nicht alle
Beteiligten untereinander kennen und zwischen Paaren von Akteuren keine mannigfaltige Art von Beziehungen besteht. Gemeinsame Arbeit, Freizeit, religiöse Verbundenheit fallen auseinander.
Zunächst ist man posthum geneigt, den Kreisauer Kreis einer dichten, multiplexen
Netzstruktur zuzuordnen. Aber es wurde schon aufgezeigt, dass es in der Netzstruktur
des Kreisauer Kreises durchaus gegenteilige Elemente, die Dichte und die Reichweite
betreffend, gab. Einige Kreisauer sind sich nie begegnet und erfuhren von der gegenseitigen Existenz erst nach dem Krieg, in der religiösen Verbundenheit waren sie sehr verschieden, um nur einige Beispiele zu nennen. Schweizer weist darauf hin, dass in einem
multiplexen, dichten Netz die Akteure einander leichter erreichen können, intensiv miteinander agieren und dass als Konsequenz ein höherer Grad an sozialer Kontrolle und
daraus folgender Konformität des Verhaltens entstehe. Im Gegensatz dazu böten die
schwach verknüpften und uniplexen Netzwerke in komplexen Gesellschaften den Akteuren Fluchtmöglichkeiten, weil diese sozialen Gebilde weniger transparent seien und
die Kontrolle nur einige Akteure und bestimmte Beziehungen erfasse, während andere
748
749
Schweizer, Netzwerkanalyse 1996, S. 113.
Schweizer, Netzwerkanalyse 1996, S. 114.
139
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Lebensbereiche davon unberührt blieben.750 Diese Kontrastierung ist idealtypisch zu
verstehen. Der Kreisauer Kreis hat viele dichte, multiplexe Beziehungen, aber es gibt
auch weniger dichte und eher uniplexe Phänomene. Hier wären wieder die nicht abgestimmte sozialistische Aktion von Mierendorff und Haubach, das Abwenden von
Leuschner und Maass vom Freundeskreis, das Liebäugeln einiger Kreisauer mit dem
Goerdeler-Kreis und die kontroverse Haltung der Kreisauer zum Attentat zu nennen.
Die Hypothese „Wenn ein soziales Netzwerk eine hohe Dichte und/oder multiplexe
Beziehungen aufweist, dann herrscht dort ein hoher Grad an Konformität und Kontrolle
einzelner Akteure“751 gilt natürlich auch in ihrer Umkehrung und kann als Erklärung für
die aufgetretenen Konfliktfälle im Kreisauer Kreis dienen. Gleichzeitig ergibt sich bei
näherer Betrachtung der Konfliktfälle eine Dekonstruktion752 des Kreisauer Kreises als
monolithische Einheit, wo immer die gleiche Meinung vorherrschte und eine gleiche
Handlung das Ziel war. Der Kreisauer Kreis war, wie beschrieben wurde, sehr heterogen, dies hatte auch seine Konsequenzen in den Konfliktfällen.
Auch das Phänomen der Vergemeinschaftung kann zum Verstehen der Dekonstruktion
herangezogen werden. Wir hatten im Exkurs festgestellt: Gemeinschaft ist kein identitäres Konzept. „Einem dekonstruktiven Verständnis folgend, setzt eine Gemeinschaft
gerade nicht die vermeintliche Homogenität, sondern eine innere Differenz, eine nicht
einholbare Besonderheit ihrer Mitglieder konstitutiv voraus.“753
In diesem so heterogen zusammengesetzten Freundeskreis baute man miteinander, ohne
Zwiespälte zu verdecken, oft in strenger Fehde an einer Notgemeinschaft für die kommenden Tage754, bemerkt Zeller richtig. Am 21. Januar 1943 schrieb Moltke an seine
Frau Freya: „Im Grunde bin ich nur mit Friedrich [Mierendorff; A. d. V.] und Steltzer
hierüber [Attentatspläne; A. d. V.] einig; die anderen folgen mir nur widerwillig.“755
Die nicht sofortige Einmütigkeit war nicht verwunderlich, denn die Gruppe war ein
Team selbstständiger, unabhängiger Personen, von denen jeder über andere und besondere Kenntnisse verfügte, die er in Diskussionen einbrachte, konstatierte Freya von
Moltke, wie bereits gesehen.756 „Jede Persönlichkeit im Widerstand war unverwechselbar und einmalig sowohl als Mensch ganz allgemein als auch von der Entstehung und
750
Schweizer, Netzwerkanalyse 1996, S. 115.
Schweizer, Netzwerkanalyse 1996, S. 116.
752
Derrida, Grammatologie 1974, passim.
753
Wetzel, Diskurs des Politischen 2003, S. 252.
754
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 130.
755
MB S. 454.
756
MBF S. 188.
751
140
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Entfaltung seiner Motivation und der Art seiner Aktivitäten als Widerstandskämpfer her
gesehen.“757
Delp berichtete, dass Thesenpapiere stundenlang heftig und kontrovers diskutiert, verändert, ergänzt, umgeschrieben und mit neuen Akzenten versehen wurden.
Hitzige Töne wechselten mit trockenen, professoralen Darlegungen. Ehe man sich auf einen
gemeinsamen Nenner einigen konnte, vergingen halbe Nächte. Das Meinungsspektrum
ging oft weit auseinander. Jesuiten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter an einem Tisch
bedeutete nie schnelle Einigung in Sachfragen. Gerade Sozialdemokraten wie Adolf
Reichwein, Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Julius Leber taten sich schwer mit der
Auffassung, dass der Neuaufbau Deutschlands christlich bestimmt sein müsse, wie Paulus
van Husen rückblickend feststellte.758
Das Bild des Kreises wäre nicht richtig gezeichnet, so meint Eugen Gerstenmaier nach
dem Krieg, „wenn seine Mitglieder mehr oder weniger als Beigeordnete des Grafen
Moltke oder allenfalls des Paares Moltke-Yorck erscheinen.“759 Vor allem Personen wie
Mierendorff, Trott zu Solz, Reichwein und Haubach sind viel zu eigenständige Persönlichkeiten. Es war ein Team, das aus selbstständigen Köpfen bestand, von denen jeder
wusste, was er wollte, und die über Arbeits- und Wirkungsbereiche verfügten, in die
selbst Moltke selbst oft nur begrenzte Einsicht hatte.760 „Man begegnete sich, man wirkte zusammen in größerer oder geringerer Intensität und Lebensdichte, aber auch in verschiedener Funktion.“761
Einige Konfliktfälle oder die „Dekonstruktion“ des Kreisauer Kreises sollen beispielhaft
beschrieben werden. Weitere Konfliktfälle könnten leicht genannt werden.
Da ist zunächst das wechselvolle, schon gestreifte Verhältnis zwischen Moltke und von
der Gablentz zu nennen. Zunächst war Gablentz zusammen mit Yorck einer der Hauptgesprächspartner für das Moltke‘sche Grundsatzpapier über die Staatslehre. Allerdings
scheinen die Gespräche nicht immer sehr harmonisch gelaufen zu sein. Während Moltke
in seinen Briefen im Laufe von 1940 immer wieder über Treffen mit Gablentz mit Bemerkungen wie „grosser Erfolg“, „G. war nett und ist für eine Unterhaltung sehr
brauchbar“762, man habe sich „ausführlich […] und auch ganz produktiv“763 unterhalten,
„ich bin gespannt, ob auf die Dauer etwas Brauchbares daraus wird“764 berichtet hatte,
ergab sich nach der letzten Diskussionsrunde zusammen mit York und Moltke am
757
Müller, Über den „militärischen Widerstand“ 1992, S. 119.
Knauft, Delp Berlin 2009/2010, S. 11.
759
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 133.
760
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 131.
761
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 133.
762
MB (24.08.1940) S. 197.
763
MB (09.09.1940) S. 203.
764
MB (09.11.1940) S. 213.
758
141
Beschreibung des Kreisauer Kreises
04. Dezember 1940765 eine Pause von einem halben Jahr. Erst Ende Juni 1941 traf
Moltke Gablentz erneut766, er berichtete am 16.07 wieder von einer „sehr erfreulichen
Unterhaltung“767. Dann werden wieder Spannungen spürbar, wenn Moltke seiner Frau
schreibt, dass er sich mit Yorck „schon ein bisschen zu gut aufeinander eingespielt“
empfand, „so dass der Dritte [Gablentz; A. d. V.] sich leicht als Opfer und nicht recht
als Partner vorkommt.“768
Offensichtlich hatte Gablentz in der Staatsrechtsdiskussion an Bedeutung verloren, er
galt aber auf dem kirchlichen Sektor als Autorität und war Moltke, der im Herbst ein
starkes Interesse an kirchlichen Fragen entwickelte, ein wertvoller und in Fragen der
protestantischen Theologie769 versierter Diskussionspartner, wie bei der Schilderung des
Werdens des Kreisauer Kreises bereits zu sehen war. Moltke, Yorck und von der Gablentz diskutierten am 19. Oktober 1941 vier Stunden lang kirchliche Fragen. „Die 4
Stunden waren für mich rasend anstrengend, aber ich glaube, dass wir ganz erhebliche
Fortschritte gemacht und Gablentz auf neue Fragen und Einzelprobleme angesetzt haben.“770 Im November stellt Moltke fest, dass die Lage im Innern wesentlich schlechter
sei, als er es sich vorgestellt hatte. „Durch Judenverfolgung und Kirchensturm ist eine
rasende Unruhe hervorgerufen worden“771, schrieb er seiner Frau. Wieder besprach er
sich wohl über diese Themen mit Gablentz.772 Einige Wochen später berichtete Moltke,
„die früher schwierigen Beziehungen“ zu Gablentz „haben sich ganz gelöst und heute
zieht er ganz voll mit.“ Es sei „immer wieder erstaunlich, wie lange es dauert, bis man
gute Leute gewinnt“773. Im Verlaufe von 1942 traf sich Moltke immer wieder mit Gablentz, der nun erneut voll in den Kreis integriert schien. Noch Ende Juni 1942 konferierte Moltke lange mit Gablentz in der Vorbereitung auf ein Treffen mit dem württembergischen Landesbischof Theophil Wurm774, doch schon im August setzte erneut die
Entfremdung ein. Ende Oktober 1942 schrieb er seiner Frau über den Versuch, Gablentz
wieder „einzuspannen“: „Ich will ihn, der in den letzten 2 Monaten aussen vor gestanden hat, jetzt wieder einbeziehen und muss sehen, ob das gelingt.“ Moltke hielt Ga-
765
MB (04.12.1940) S. 220.
MB (24.06.1941) S. 256.
767
MB (16.07.1941) S. 270.
768
MB (23.07.1941) S. 275.
769
MB (23.07.1941) S. 275.
770
MB (19.10.1941) S. 306.
771
MB (18.11.1941) S. 326.
772
MB (24.11.1941) S. 326.
773
MB (09.01.1942) S. 342.
774
MB (30.06.1942) S. 387.
766
142
Beschreibung des Kreisauer Kreises
blentz für geeignet. „einen Schlachtplan für die nächste Zeit [zu] entwerfen.“775 Aber es
gelang nicht. Einen Tag später stellte Moltke fest: „Der Versuch, ihn einzuspannen, ist
[…] völlig missglückt.“ Er hielt Gablentz Sturheit, Verbohrtheit vor, was mehr sei, „als
man ertragen kann“776. Auf diese Stelle wurde bereits bei der Schilderung der Charaktere der Kreisauer hingewiesen. Danach wird ein Treffen mit Gablentz nur noch einmal,
am 05. April 1943, erwähnt. Aus den Briefen an Freya kann natürlich nicht alles geschlossen werden, aber die Zusammenarbeit Moltkes mit Gablentz, der lange Zeit unbestreitbar zum Kern der Kreisauer gehörte, schien zerbrochen zu sein.777
Netzwerkanalytisch kann festgestellt werden, dass die Beziehungen zwischen Moltke
und Gablentz nur zeitweise von hoher Dichte waren. Gablentz war in seiner Persönlichkeit so eigenständig, dass man eher von einer uniplexen Beziehung, die sich auf staatswissenschaftliche und kirchliche Fragen beschränkte, sprechen kann. Folglich konnte
man nur von einem geringen Grad an Konformität und Kontrolle des Handelns von Gablentz durch Moltke sprechen. Ein Konfliktfall war somit nicht ausgeschlossen.
„Zwischen Moltke und Trott lief es zumindest anfangs nicht gut, obwohl beide dem
gleichen Milieu entstammten, familiäre Bindungen in der angelsächsischen Welt hatten
sowie den Grundsätzen des Völkerrechts verpflichtet waren“, bemerkt Klemperer.778 Sie
waren nicht immer gleicher Meinung, es gab Richtungskämpfe. So schreibt Moltke am
15. Mai 1941779, wie bereits bei der Charakterisierung Haeftens angeführt: „Die Unterhaltungen mit Trott und Haeften waren sehr befriedigend. Haeften ist ein guter, aber
konservativer Mann und Trott nicht ganz zuverlässig“, und weiter: „… es ist eine große
Anstrengung, solche Leute für die ‚große Lösung’ zu gewinnen.“ Diese Beurteilung
Moltkes über Trott wollte Freya in der Edition der Briefe nicht unkommentiert stehen
lassen, weil nach ihrer Einschätzung die Wertung „nicht ganz zuverlässig“ spontan ausgesprochen wurde und sich keineswegs auf Trotts Opposition und seinen Einsatz gegen
den Nationalsozialismus und vor allem nicht auf seinen Charakter bezog. Es ging bei
diesem Gespräch um die „große Lösung“ im Moltke‘schen Sinne, im Glaube, „das Ende
des Nationalsozialismus werde die notwendige Gelegenheit bringen, von Grund auf,
anders, transnational, mit veränderten Souveränitäten aufbauen zu können.780. Dies stieß
775
MB (23.10.1942) S. 423.
MB (24.10.1942) S. 424.
777
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 97.
778
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 59.
779
MB S. 244.
780
MB S. 244, Fn. 1.
776
143
Beschreibung des Kreisauer Kreises
bei dem Patrioten Trott auf Widerstand. „Adam war ein Patriot; Helmuth nicht“, fügte
Freya von Moltke an. Klemperer weist noch auf weitere Gründe für ein anfängliches
gewisses Misstrauen Moltkes gegenüber Trott hin. Dies bezog sich zunächst auf Trotts
Vorgesetzten im Auswärtigen Amt, Staatssekretär von Weizsäcker, dessen „vorgetäuschte Kooperation“ ihm unverständlich war. Trott habe den Stil des Auswärtigen
Amtes pflegen und ständig neue Alibis für seine Auslandsmissionen finden müssen.
„Während Moltke in der Abwehr meist mit bewundernswerter Aufrichtigkeit und Offenheit vorgehen konnte“, so Klemperer, habe sich Trott ständig der Tarnung und Irreführung bedienen müssen. Der „Außenminister“ der Gruppe, Trott, nahm das „nationale
Gebilde“ Deutschland wichtiger als Moltke. Trott fühlte sich verpflichtet, „die Integrität
seiner Nation zu wahren und [war] ständig um das Gleichgewicht zwischen den Interessen seines Landes und denen Europas bemüht.“781
Trott war von „sprudelnder Geistigkeit“782 mit vielen nationalen und internationalen
Verbindungen auch außerhalb des Kreisauer Kreises und war trotz aller Abstimmung
mit Moltke gewohnt, unabhängig zu agieren und im Gegensatz zu Moltke auf schnelle
Handlungsalternativen aus. Netzwerkanalytisch gesagt: Die Reichweite von Trott war
nicht mit der von Moltke identisch, die Kommunikation Trotts war nicht nur auf Moltke
gerichtet und ihre Beziehungen deckten nicht die ganze Breite ab, keinesfalls die des
Patriotismus.
Gerstenmaier bekennt in seinem Lebensbericht, dass er und andere zunehmend beeindruckt waren, „wie Stauffenberg unseren Wartestand schnell und durchgreifend in eine
Aktion Widerstand verwandelt hat“783. Moltke habe dies mit skeptischer Distanz gesehen.
Die problematische Passung von Leber in den Freundeskreis war Moltke von vornherein klar, als er am 09. Januar 1944, wie wir bereits sahen, seiner Frau schrieb: „Heute
früh […] bin ich um 10 zu Julius geradelt, bei dem ich bis 1 Uhr blieb […]. Ich werde
mich aber nun neu anstrengen müssen, diesen Mann in unsere Bahnen zu lenken. Der
Mann ist […] mir weniger verwandt [als Mierendorff, den er nach dessen Bombentod
am 4. Dezember 1943 ersetzte; A. d. V.].“784 Moltke war skeptisch, ob dieser Mann in
den Kreis einzuordnen sei. Er brauchte ihn aber, da die Planungen des Kreisauer Kreises
781
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 60.
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 59.
783
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 180.
784
MB S. 588 f.
782
144
Beschreibung des Kreisauer Kreises
ihren Abschluss gefunden hatten und es nun um politische Aktion ging. „Es wird also
nicht die spontane Gleichrichtung geben“, so Moltke weiter, „die uns Stabilität verliehen hat. Aber ich bin ganz hoffnungsfroh. Peter [Yorck; A. d. V.] muss eben mehr ran
und auch mal die Woche hin.“785 Wie schon dargelegt, war Leber Anfang August 1943
zum Kreisauer Kreis gestoßen. Moltke berichtete am 06. August seiner Frau „von der
eindringlichen Bearbeitung des neuen Mannes“786. Dies war vor der Schluss-Sitzung der
Planungsarbeit am 09. August. Ob Leber daran teilnahm, wissen wir nicht, wie bereits
festgestellt, aber die Anmerkungen Moltkes lassen auf massive Kritik787 an der Kreisauer Planungsarbeit schließen. Diese mag sich zunächst auf den Staatsaufbau bezogen
haben.788 Dann wird die betont christliche Grundhaltung der Kreisauer als Leitschnur
für ihr politisches Handeln789 dem zwar katholisch getauften, aber nicht praktizierenden
und kirchenfernen Christen fremd gewesen sein.
Ein weiterer Punkt des Konfliktes dürfte in dem Kompromiss in der Gewerkschaftsfrage
gelegen haben, der mühsam mit Mierendorff und seinen sozialistischen Kollegen ausgehandelt worden war und der Leuschner und Maass zum Verlassen des Kreisauer Kreises veranlasst hatte. Die Kreisauer hatten ein Modell von „Betriebsgewerkschaften“
vorgesehen, die keine reine Arbeitnehmervertretung sein sollten, sondern eine Art „betriebliche Wirtschaftsgemeinschaft“. Der Betrieb war für die Kreisauer nicht einfach
Produktionsstätte, sondern eine Wirtschaftsgemeinschaft der in ihm schaffenden Menschen in Form der „Betriebsgewerkschaft, die von dem Eigentümer des Betriebes und
der Gesamtheit der Belegschaft des Betriebes gebildet wird“790. Das war eine praktische
Anwendung der Idee der „kleinen Gemeinschaften“. Dieses nach Mommsen utopische
Projekt, „das eine ideologische Ähnlichkeit zur Theorie der nationalsozialistischen
Arbeitsverfassung aufweist“791, fand unter den Sozialisten nur Mierendorffs Zustimmung792, während es von Haubach und Maass und vermutlich auch von Leber abgelehnt
785
MB (09.01.1944) S. 589.
MB (06.08.1943) S. 520.
787
MB (18.10.1943) S. 557: „Es war kein recht produktiver Abend. Sie waren schon auf falscher Bahn
und konnten nicht mehr herunter.“
788
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 176 f.
789
So heißt es in der Grundsatzerklärung vom 09.08.1943: „Die Regierung des Deutschen Reiches sieht
im Christentum die Grundlage für die sittliche und religiöse Erneuerung unseres Volkes …“; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 307.
790
Ergebnisse der 2. Kreisauer Tagung vom 18.10.1942, Wirtschaft; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis
2004a, S. 246.
791
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 148.
792
„So haben sich […] Mierendorff und Leuschner jahrelang über das Prinzip gestritten, nach denen die
neue Gewerkschaft aufgebaut werden sollte. Mierendorff war für Betriebsgewerkschaften, Leuschner für
Berufsgewerkschaften“; in: KB S. 233. (partielle Kursivschrift wurde übernommen; A. d. V.).
786
145
Beschreibung des Kreisauer Kreises
wurde. Leber beeinflusste wohl wieder Mierendorff in Richtung Einheitsgewerkschaft,
die von Leuschner vertreten wurde und die „den extrem dezentralistischen Absichten
Kreisaus“793 widersprach. Der von Leber und Mierendorff ausgelöste Konflikt verursachte heftige Gegenaktivitäten von Moltke im November 1943 mit dem Ziel „diesen
Mann [Leber; A. d. V.] in unsere Bahnen zu lenken“794. Auf diese Aktivitäten wurde
bereits bei der Darstellung der positiv verbundenen Netzwerke eingegangen.
Es ist überhaupt fraglich, ob es Leber, als er sich den Kreisauern näherte, um deren Programm und Grundsätze ging oder nur darum, den Umsturz durchzusetzen. „Um zum
Umsturz zu kommen, würde ich mit dem Teufel paktieren“, sagte er ja zu seiner Frau,
wie schon bei der Charakterisierung Lebers und seiner Zugehörigkeit zur Tatgemeinschaft zitiert wurde, „was danach kommt, regelt sich von selbst“795. Nach Beck habe er
sich zu seiner schon in den Weimarer Jahren entwickelten Grundüberzeugung bekannt,
dass weniger Programme denn politische Führungspersönlichkeiten, getragen von Verantwortungsbewusstsein, Tatkraft, dem Willen und dem Mut zur Macht, die Neuordnung prägen würden.796
Ein weiterer Konflikt war nur potenzieller Natur, da nicht bekannt ist, ob er direkt ausgetragen wurde. Aber er dürfte in den vielen Diskussionen Moltkes mit Leber eine Rolle gespielt haben. Leber sah im Unterschied zu den anderen bürgerlichen Gruppen des
Widerstandes „die Partei als Ort der politischen Willensbildung nicht diskreditiert“797.
Er kritisierte das Weimarer Parteiwesen stets nur von den schädlichen Auswirkungen
des Verhältniswahlrechtes aus und nicht von der NSDAP her, die nach Bohrmann von
konservativen Kritikern als typische Ausprägung des sich zur Zersetzung der „Volksgemeinschaft“ führenden „Parteiwesens“ gedeutet wurde.798 Leber war der Meinung,
dass die nationalsozialistische Diktatur nicht „in einer Nacht auf Demokratie“ umgestellt werden könne, und entwickelte so mit seinen Freunden einen Plan, der „einen
langsam fortschreitenden Abbau der unumschränkten Exekutivgewalten des Naziregimes bei gleichzeitiger Errichtung eines Zwei-Parteiensystems“ vorsah.799 Dies dürfte
im Widerspruch zu den Neuordnungsplänen der Kreisauer gestanden haben. Auch wenn
man im Kreisauer Kreis nach Peters kaum „an eine unmittelbare Beschränkung des Par793
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 148.
MB (09.01.1944) S. 588 f.
795
Leber, Annedore, Den toten 1946, S. 11.
796
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 178.
797
Bohrmann, Julius Leber 1974, S. 248.
798
Bohrmann, Julius Leber 1974, S. 248.
799
John, Männer im Kampf gegen Hitler 1947, S. 22.
794
146
Beschreibung des Kreisauer Kreises
teiwesens“800 dachte, kann es nach Mommsen keinen Zweifel geben, dass man jedenfalls zunächst ganz konsequent jede Form politischer Willensbildung außerhalb des auf
den „kleinen Gemeinschaften“ basierenden Selbstverwaltungssystems ablehnte.801 Trotz
dieser möglichen Kritik war Leber aufgrund seiner praktischen politischen Erfahrung
für die Kreisauer wertvoll, nun, da die Planungen des Kreisauer Kreises abgeschlossen
waren und es jetzt um die politische Aktion ging.
Weiter oben wurde behauptet, dass in einem sozialen Netzwerk, wenn es eine hohe
Dichte und/oder multiplexe Beziehungen aufweist, ein hoher Grad an Konformität und
Kontrolle einzelner Akteure herrsche. Es ist offensichtlich, dass diese Hypothese nicht
auf das Verhältnis Moltkes zu Leber anzuwenden ist. Leber stieß erst spät zu den Kreisauern und trat gleich stark „in den Vordergrund“802. Aber er bewahrte sich wie kein
anderer seine Unabhängigkeit im Denken und Handeln. Beck weist auf die Andersartigkeit Lebers, verglichen mit den Kreisauern, auch den dortigen Sozialdemokraten, hin.
Er kam als Einziger aus einer nicht-bürgerlichen Schicht, Moltke behauptete sogar, wie
schon erwähnt, dass Leber, obwohl in Volkswirtschaft promoviert, die „geistigen Kräfte
sehr viel geringer“803 werte als er. Leber hat mit Sicherheit die soziale Haltung der
Kreisauer anerkannt, aber wohl nicht deren Quelle: das patriarchalische Verantwortungsgefühl. Er hatte in seinem völlig unbürgerlichen Leben nicht die Erfahrung der
Jugendbewegung und Volksbildungsarbeit durchlaufen, durch die „die führenden Kreisauer in ihrer sozialen Einstellung entscheidend geprägt wurden“804.
Die Konfliktsituation und die Dekonstruktion beziehen sich nicht nur auf die Phase des
Zusammenraufens, sondern auch auf die Zeit der Verteidigung vor dem Volksgerichtshof und auf die nach der Verkündigung der Todesurteile 1944/45. Dabei ist allerdings
zu berücksichtigen, dass es sich um existenzielle Notlagen handelte.
800
Peters, Verfassungs- und Verwaltungsreformbestrebungen 1961, S. 14.
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 148; siehe jedoch Lukaschek, Hans: Was war und wollte der
Kreisauer Kreis? 1958, IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 8: Lukaschek beschäftigte die Frage, „mit welchem Wahlsystem eine neue parlamentarische Vertretung aufgebaut werden könnte. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass in dem zu erwartenden Chaos allgemeine direkte freie Wahlen möglich sein würden. Die Erfahrungen mit den Wahlen gemäß der Weimarer Verfassung waren ja auch nicht allzu verlockend. Wir dachten an ein Übergangssystem, das vom örtlichen Kommunalverband ausgehend durch ein Repräsentativsystem gebildet werden könnte. Freilich waren wir uns auch klar darüber, dass das nur ein kurzer Übergang sein konnte und durfte. Die Reichsregierung konnte ja nach dem Zusammenbruch zunächst nur auf
die Heeresmacht gestützt mit diktatorischen Vollmachten regieren.“
802
Lukaschek, Hans: Was war und wollte der Kreisauer Kreis? 1958, IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 9.
803
MB (02.01.1944) S. 583.
804
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 176 f.
801
147
Beschreibung des Kreisauer Kreises
Ein solcher Konfliktfall wird bei Delp im Rahmen seiner Vorbereitung zur Verteidigung Anfang Januar 1945 vor dem Volksgerichtshof deutlich. Einer der Anklagepunkte,
den Delp als „absolut tödlich“805 bewertete, bezog sich auf seinen Besuch am 06. Juni
bei Stauffenberg in Bamberg, der in der Vernehmung von Sperr offengelegt worden
war. In seiner Verteidigungsskizze806 spricht Delp von einem Gelegenheitsbesuch und
dass er Stauffenberg für einen Bekannten aus dem Moltke-Kreis hielt. Er selbst hätte
seit 1942 keinen direkten Kontakt zu den „Berliner Bekannten“ des Grafen Moltke mehr
gehabt und Moltke selbst das letzte Mal im Januar 1943 gesehen. Als Hintergrund ist zu
sagen, dass Franz Sperr nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 Kontakt zu dessen Freunden in Fragen der Aufrechterhaltung der bekannten Kreisauer Überlegungen
im Katastrophenfall suchte. Delp gab dies an König weiter, der über Yorck den Hinweis
an Delp übermittelte, Sperr wolle Stauffenberg Anfang Juni in Bamberg treffen. Auch
Delp hatte einige Anliegen807, die er persönlich an Stauffenberg richten wollte. Delp
fühlte sich nun durch Yorck getäuscht, da ihm nicht bekannt gemacht wurde, dass inzwischen ein Teil der früheren Besprechungsteilnehmer sich „putschistischen Verführungen ergeben hatten.“ Dies sei von Yorck sehr unfair gewesen, „uns [damit sind wohl
die drei Jesuiten und die Münchner gemeint; A. d. V.], insbesondere Sperr so zu täuschen“808. Aus drei Gründen lehne er den ganzen 20. Juli ab: aus grundsätzlichen ethischen Haltungen gemäß der christlichen Lehre, aus geistigen Einsichten als Geschichtsphilosoph und „aus der Einsicht, daß es im gegenwärtigen Krieg und in diesem Stadium
des Krieges um die Substanz der Nation und nicht um Führungs- und ähnliche Fragen
geht“809. Belastend empfand Delp noch die Flucht von Rösch und König, die er nicht
verstand. „Wenn sie mehr wussten, mussten sie mich warnen.“810 Rösch und König
tauchten im August 1944 unter; nach dem Krieg erklärte Rösch, dass er und König nicht
mehr gewusst hatten als Delp und deshalb auch nichts klarstellen konnten. Rösch versuchte allerdings, Delp, der am Morgen des 28. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet
wurde, am 31. Juli oder 01. August in verschiedenen Gestapo-Gefängnissen Münchens
805
Delp IV S. 57.
Delp IV S. 332 f., S. 349 ff.
807
Die Frage, „ob wir [Jesuiten; A. d. V.] als vom Wehrdienst Ausgeschlossene ähnlich wie die Halbarier
zu O. T. [Organisation Todt; A. d. V.] oder ähnlichen Verwendung eingezogen würden, ob er [als Angehöriger des Stabes des Ersatzheeres; A. d. V.] nicht eine Möglichkeit wüsste, trotz des Verbotes [bezogen
auf Jesuiten; A. d. V.] zur Wehrmacht eingezogen zu werden. […] zu diesen Gründen kam noch eine
persönliche Neugier, etwas über die an diesem Tag erfolgte Invasion zu erfahren“; in: Delp IV S. 350 f.
808
Delp IV S. 350.
809
Delp IV S. 353. Ob dies Delps tatsächliche Haltung oder nur die vorgeschobene im Verteidigungsfalle
war, ist offen.
810
Delp IV S. 334.
806
148
Beschreibung des Kreisauer Kreises
zu besuchen.811 Rösch machte Delp seinerseits den Vorwurf, nicht untergetaucht zu
sein, aber Delp wollte seine Leute in Bogenhausen nicht allein lassen, damit nicht implizit seine Schuld eingestehen, und er wollte vor allem das für den 15. August anberaumte Ewige Gelübde nicht versäumen. Dies war nämlich wegen grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten mit Rösch in Gehorsams- und Verhaltensfragen bereits mehrfach verschoben worden.812 Das gipfelte einmal in der Aussage Delps gegenüber Rösch:
„Ihretwegen bin ich nicht in den Orden eingetreten, ihretwegen werde ich auch nicht
austreten.“813 Beide Männer waren aber groß genug, sich gegenseitig anzuerkennen und
im entscheidenden Moment zusammenzustehen.814
Hier zeigt sich ein Konfliktfall innerhalb einer Clique. Die zum Teil nur uniplexen Beziehungen zwischen Rösch und Delp führten zur mangelnden sozialen Kontrolle des
Provinzials gegenüber einem ihm unterstellten Pater. Diese uniplexen Beziehungen ergeben sich wohl auch aus der bereits zitierten Aussage Steltzers nach dem Krieg, Delp
sei nach seiner Ansicht die geistig bedeutendste Persönlichkeit des Kreises gewesen,
während er Rösch nicht ganz die religiöse Weite Delps zugestand.
Es gibt ein weiteres Dekonstruktionsbeispiel815, das allerdings voller Rätsel ist. In dem
SD-Bericht vom 12. September 1944 an Bormann wird davon berichtet, dass Steltzer
im Januar von den Umsturzplänen des Goerdeler-Kreises erfahren und offiziell Meldung erstattet habe:
Steltzer hatte Näheres über die Pläne von Goerdeler bei seinem Besuch erfahren, den er im
Januar 1943 Moltke und Yorck in Berlin abstattete. Nach der Rückkehr sprach er darüber
mit Oberst von Lossberg als dienstältestem Kameraden. Lossberg setzte ihn derart unter
Druck, daß er am 5. Januar an den damaligen Generalleutnant Bamler816 eine Meldung erstattete, der seinerseits an Admiral Canaris schrieb. Die Antwort von Canaris behandelte
den Fall Goerdeler als reichlich belanglos.817
Hier stellt sich natürlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit der SD-Berichte. Aber der
gleiche Sachverhalt wird im Prozessbericht vom 15. Januar 1945, sogar noch präziser,
811
Delp IV S. 335, Fn. 14.
Koch, Pater Anton: Beurteilung Delps anlässlich des geplanten Gelübdes am 07.05.1944, JesuitenArchiv München, Sig. 47-23 A-1; Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 420. Rösch beauftragte
schließlich Pater von Tattenbach, Delp die endgültige Aufnahme in den Orden mitzuteilen und ihm am
08.12.1944 (jesuitische Gelübde werden immer an einen Marienfest abgelegt) das letzte Gelübde in Berlin-Tegel abzunehmen.
813
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 420.
814
Messbacher, Alfred Delp. Seine geistige Gestalt 1968.
815
Siehe auch: Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 37 ff.
816
Rudolf Bamler, früher Nationalsozialist und Freund von Heydrich, 1942-44 Generalstabschef AOK
Norwegen, Ende Juni 1944 als Kommandeur der 12. Infanteriedivision in Russland gefangen genommen,
am 22.07. Unterzeichner des Aufrufs der Generale und Truppenführer der Heeresgruppe Mitte, den
Kampf einzustellen und „Hitlers Regime abzuschließen und damit den Krieg“. Nach dem Krieg erfolgreiche Karriere in der DDR, u. a. als Generalinspekteur der Volkspolizei; MB S. 409 f. Fn. 4.
817
KB S. 382.
812
149
Beschreibung des Kreisauer Kreises
wiederholt, obwohl der Anklagepunkt der Mitwisserschaft des 20. Juli gegenüber Steltzer inzwischen fallen gelassen wurde. Dort heißt es über Steltzer:
Nahm wiederholt an Besprechungen des Kreisauer Kreises teil. Erfuhr bei einem Urlaub
Anfang Januar 1943 durch Moltke und Yorck von Wartenburg von dem Goerdeler-BeckVerrat. Erzählte das Gehörte seinem Kameraden Oberst von Lossberg, der ihn aufforderte,
es sofort zu melden. Nach anfänglichem Widerstreben (er wollte keine „BartholomäusNacht“ heraufbeschwören) erstattet er Meldung. Sie gelangte an den ehemaligen Admiral
Canaris und verlief sich bezeichnender Weise hier im Sande. St. selbst setzte daraufhin seine Beteiligung an den Kreisauer Besprechungen verstärkt fort, bis Mitte 1944.818
Wäre die Meldung offiziell verfolgt worden, hätte das den Tod von Moltke und Yorck
bedeuten können. Moltke war ja schon wegen einer Warnung vor einem Spitzels in
Schutzhaft genommen worden. Steltzer geht auf dieses Ereignis in seinen Memoiren
nicht ein. Dort erwähnt er lediglich General Bamler, der sich rühmte, der erste nationalsozialistische Offizier des Heeres gewesen zu sein, und Oberst von Lossberg als Fälscher von Aufmarschkarten.819 Welchen Sinn würde es machen, die SD-Berichte in diesem Punkt als Erfindung zu werten? Der Anklagepunkt bezüglich des 20. Juli war nicht
mehr existent. Vielmehr scheint es möglich, dass sich Steltzer mit seinem Hinweis auf
die Meldung der Umsturzpläne von dem Attentat des 20. Juli, mit dem er so nicht einverstanden war, distanzieren wollte. Rätsel gibt auf, dass er bis Mitte 1944 im Kreisauer
Kreis mitgewirkt hatte, dessen Hauptprotagonisten er fast dem sicheren Tod auslieferte.
Eine sinnvolle Auflösung des Vorfalls ist nicht möglich, zumal sich Steltzer in seinen
vielen Nachkriegsvorträgen zu diesem Vorfall nie äußerte.
Ein weiterer Aspekt der Meldung Steltzers an seine militärischen Vorgesetzten bezieht
sich auf Moltke selbst. Moltke wurde u. a. vorgeworfen, die ihm bekannten Umsturzpläne Goerdelers und seines Kreises nicht angezeigt zu haben. Dem wollte Moltke vor
dem Hintergrund seiner Ablehnung eines jeglichen Attentats in seiner Verteidigung
entgegenhalten, dass sein nächster militärischer Vorgesetzter und Canaris dies wussten,
und er das deshalb nicht eigens anzeigen musste. Aber eigentlich habe er eine Anzeige
initiiert, da er bereits im Herbst 1942820 zu Mierendorff sagte: „Wir müssen den Onkel
818
KBII S. 722.
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 145.
820
Moltke: „Im Jahr 40, zwischen Norwegenfeldzug und Frankreichfeldzug, drangen die ersten Gerüchte
über Pläne von Beck-Goerdeler an mein Ohr. Die kamen von Peter [Yorck; A. d. V.] von Abwehr. […]
Im Herbst 42 erfolgte dann auf meine Bitte an Mierendorff, anzuzeigen, um damit Leuschner zu schrecken; um dieselbe Zeit etwa der Brief Canaris an Bamler, in dem C, sagte, er habe mit Reichsf. SS darüber gesprochen.“ Nachdem Schulenburg Moltke in Aussicht gestellt hatte, dass Goerdeler und sein Kreis
gar nicht auf ein Attentat fixiert seien und „man ein Mal über die sachlichen Probleme reden“ sollte,
brachte Schulenburg „eine Besprechung Beck-Goerdeler-Popitz-Hassel-Peter-Adam-Eugen-ich zustande,
die ich nun vor allem dazu benutzen wollte, Beck von allen Umsturzgedanken abzubringen und ganz klar
zu machen, dass das für mich nicht in Frage käme“, in: HFM S. 378.
819
150
Beschreibung des Kreisauer Kreises
[Wilhelm Leuchner; A. d. V.] schrecken, damit er dem Oberbürgermeister [Carl Friedich Goerdeler; A. d. V.] den Laufpass gäbe. Deswegen müsste eine formelle Anzeige
bei der Stapo gemacht werden, obwohl das sinnlos wäre, denn die wüssten ja, warum
sie nicht zuschlügen.“821 Diese Anzeige sei durch Mierendorff oder Haubach versucht
worden, aber sie wurde von der Stapo mit dem Bescheid beantwortet: „Wissen wir, wird
beobachtet, weiteres ist nicht zu veranlassen.“822 Mit Haubach habe dann die durch Kassiber von ihm bestätigte Konversation stattgefunden: „Helmuth: ‚Dieses verbrecherische und lächerliche Treiben der Goerdeler-Leute kann ich nicht mehr ansehen. Will
Anzeige machen.’ Ich [Haubach; A. d. V.]: ‚Ist nicht nötig, habe schon getan.‘“823 Da
die Anzeige erfolglos war, so Moltke, sollte noch einmal ein Vorstoß unternommen
werden.824
Wenn nun im Falle der Meldung der Attentatspläne des Goerdeler-Kreises durch Steltzer neben diesem Kreis auch Moltke und Yorck als Mitwisser gefährdet waren, so war
bei der geplanten Moltke-Anzeige seine Absicht, die Arbeit des Kreisauer Kreises zu
schützen im Vordergrund gestanden. Eine Nicht-Anzeige hätte unter schwerer Strafe
gestanden und die Kreisauer in fatale Schwierigkeiten bringen können. Schaden konnte
eine Anzeige den Goerdeler Kreis hingegen nicht, denn der SD und die Abwehr wussten von den Attentatsplänen des Goerdeler Kreises. Im Fall Steltzer könnte auch angenommen werden, dass dieser von der Absicht Moltkes wusste und sich dadurch zur Anzeige der Goerdeler-Pläne durch Moltke sogar bestärkt fühlte. Dies kann anhand der
Quellen nicht aufgeklärt werden und entzieht sich auch dadurch einer Bewertung.
Allerdings kann darin auch ein Fall der Dekonstruktion des Kreisauer Kreises gesehen
werden.
Steltzer spielt noch in einem weiteren Dekonstruktionsbeispiel eine Rolle. Vor dem
Prozess stellte Moltke zunächst mit Genugtuung fest, dass der Verhaftungsgrund, beim
Attentat beteiligt gewesen zu sein, in der Anklageschrift nicht mehr erschien; daraus
schöpfte er Hoffnung. Umso enttäuschter war er dann von dem „Mist“ Steltzers, der
seiner angedachten Verteidigungslinie zuwiderlief. Steltzer hatte offensichtlich den
Kreisauer Kreis als einen „Führungskreis aus Bischöfen und Gewerkschaftlern“ bezeichnet, „die eine Art Regierungsersatz oder Führerersatz“825 darstellen sollten, außer-
821
HFM S. 376.
HFM S. 376.
823
HFM S. 373.
824
HFM S. 376.
825
HFM S. 343.
822
151
Beschreibung des Kreisauer Kreises
dem soll Steltzer im Spätfrühjahr 1943 im Auftrag von Moltke nach München gefahren
sein, um dort „in der Wohnung des Pater’s Delp“ an „Dr. Mierendorff, Rösch, Reisert
und Fugger […] einen Bericht über die militärische Lage zu geben, so wie sie das OKW
sehe … (Fazit: Krieg verloren).“826 Moltke bezeichnet diesen Punkt der Anklageschrift
als „eine üble Stelle bei Steltzer“, der „aus der ganzen Korona“ als Einziger „nicht in
Reih und Glied“ stehe.827 Moltke versuchte dann über Kassiber, Steltzer entsprechend
zu beeinflussen. Darauf geht Steltzer in seinem Lebensbericht auch ein und schreibt
lapidar von einem Kassiber im Kuchen828: „Einmal erhielt ich einen Kuchen, in den ein
Zettel mit einigen Gedanken von Moltke über unsere Verteidigung hineingebacken
war.“829 Die Aussagen Steltzers bei den Verhören müssen im Kontext der existenziellen
Bedrohung gesehen werden und entziehen sich einem heutigen Werturteil.830 Das gilt
auch für die Tatsache, dass offensichtlich Steltzer zu seiner Entlastung die Moltke und
Yorck belastende Meldung der Goerdeler‘schen Attentatspläne anführte, denn in der
Anklageschrift gegen Moltke wird „der Brief Canaris an Bamler“831 zitiert. Diesen wollte Moltke einsehen; er wusste wohl von Steltzers Meldung an General Bamler nichts. Er
überlegt mit seiner Frau im Brief vom 04./05. Januar, also einige Tage vor dem Prozess,
diesen „Unsinn“ von Steltzer „als eine Unterhaltung mit Peter [Yorck; A. d. V.] abtun
zu können.“832
Diese letzten Endes fruchtbaren, aber z. T. auch existenziellen Auseinandersetzungen
waren notwendig und sie bringen die Frage der Kraft der Vergemeinschaftung wieder in
den Blick. Es konnten sich erfrischend lebendige Gespräche entfalten und alle Teilnehmer, so verschieden ihre Herkunft und ihre Überzeugungen auch sein mochten, trugen
zu den Diskussionen ihr Bestes bei.833 Trotz aller Argumentation konnte Moltke in
einem Brief an Freya vom 18. Juli 1943834 mit Freude feststellen, wie stark „das Gemeinsame“ war, das alle Differenzen „erträglich“ machte.
826
HFM S. 352.
HFM S. 343; S. 454: „[…] wir müssen uns eben leider darauf rüsten, ganz eisern gegen Steltzer zu
halten, wenn seine Aussagen tatsächlich gewissen Teilen der Anklage zu Grunde liegen sollten.“
828
Siehe die Bemerkung über Weihnachtskuchen als Transportmittel; HFM S. 372.
829
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 169.
830
Die verhafteten Kreisauer hatten große Angst, unter Folter ihre Freunde zu verraten. Gerstenmaier
hatte in seinem Schuhwerk eine Rasierklinge und Haubach bat für den Fall der Fälle um Zyankali. Dem
gefolterten Yorck war es wichtig, noch kurz vor seinem Tod seinen Freunden mitteilen zu lassen, dass er
niemanden verraten habe. Moltke wurde aus wohl aus Achtung vor seinem Namen nicht gefoltert.
831
HFM S. 350.
832
HFM S. 448.
833
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 58.
834
MB S. 508.
827
152
Beschreibung des Kreisauer Kreises
2.5
2.5.1
Arbeitsweise und Etappen
Konspirative Treffen
Den Kreisauer Kreis zeichnete eine sehr spezifische Arbeitsweise aus. Moltke und
Yorck bemühten sich schon in den Jahren 1940/41, wie dargestellt wurde, politisch zuverlässige und erfahrene Experten für alle wichtigen Bereiche der geplanten grundlegenden gesellschaftlichen Neuordnung zu gewinnen. Mit deren Fachwissen und unterschiedlichen Erfahrungshintergründen sollten für die jeweils relevanten Gebiete wie
Verfassung und Staatsaufbau, Wirtschafts- und Sozialordnung, Bildungs-, Agrar- und
Außenpolitik, Kultur, Rechtswesen und Stellung der Kirchen Gutachten erarbeitet werden. Diese wurden dann in einer Vielzahl von konspirativen Zusammenkünften in kleineren Arbeitsgruppen zu Einzelfragen und Teilbereichen der politischen Planung diskutiert und präzisiert und dienten als Vorarbeiten für die größeren, „beschließenden“ Zusammenkünfte auf Moltkes Gut in Kreisau.835 Man näherte sich bei dieser Vorgehensweise an die Gegenwartsprobleme nach einer historischen Entwicklungsskizze an, wie
Steinbach feststellte:
Immer ging man vom Problem aus, das sich in der Gegenwart stellte: Man beschrieb den
Zustand der Bildung, Erziehung, Kirche, Universitäten, Verwaltung, Staat und fragte zugleich nach der Entwicklung der diagnostizierten Probleme in der Vergangenheit. Erst danach wurden Folgerungen gezogen, die im letzten Schritt gerade eine programmatisch verfestigte Konsequenz sichtbar machten. Erst jetzt ließen sich Problemanalysen und Konsequenzen auch systematisch mit anderen Problemen und vorgeschlagenen Lösungen verknüpfen.836
Neben vielen Einzelbesprechungen in der Hortensienstraße oder der Derfflingerstraße in
Berlin sowie in München sind als größere Zusammenkünfte die Tagungen auf dem Gut
von Borsig oder in Klein-Oels und vor allem die drei Grundsatztagungen auf dem Moltke-Gut Kreisau hervorzuheben.837 Bei diesen Begegnungen, an denen eine größere Zahl
und jeweils unterschiedliche Mitglieder teilnahmen, wurden die Ergebnisse aus den
kleinen Gesprächsgruppen diskutiert und zu den jeweiligen Themengebieten Grundsatzpapiere beschlossen.
Die Kreisauer trafen sich dazu konspirativ unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur, meist in kleinen Gruppen. Zusammenkünfte fanden oft in Form von
Arbeitsessen statt oder als private Zusammenkünfte unter Freunden oder unverdächtige
835
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 425.
Steinbach, Zum 100. Geburtstag von Gablentz 1999a, S. 68.
837
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 65.
836
153
Beschreibung des Kreisauer Kreises
geschäftliche Anlässe getarnt, wobei die Lebensmittelversorgung oft vom Kreisauer
Gut838 übernommen wurde.
Aus Sicherheitsgründen bildete man einzelne, nicht miteinander in Kontakt stehende
Gesprächskreise. Diese Organisationsform charakterisierte Lukaschek treffend mit
„Schottensystem“839, einem Begriff aus dem Schiffsbau. Die Mitglieder des Kreises
sollten möglichst wenig von den anderen wissen, um bei Verhaftungen und unter Anwendung von Folter die Gruppe nicht zu gefährden. Nur Moltke und Yorck, die Initiatoren des Kreises, waren über alle Aspekte der Arbeit informiert und fungierten als Koordinationsstelle.840 Dieses Sicherheitssystem bestätigte auch Christiansen-Weniger nach
dem Krieg:
Aus Gründen der Vorsicht würden [so Moltke; A. d. V.] keine [Namens-]Listen geführt.
Die Namen der Mitarbeiter seien in ihrer Gesamtheit nur Peter Yorck und ihm bekannt. Alle übrigen würden nur die Freunde kennenlernen, die zu ihrem Arbeitskreis gehörten. Es
solle keiner an zwei Arbeitsgruppen teilnehmen, da das die Gefahr einer Entdeckung durch
die Gestapo wesentlich verstärken müsse.841
Die einzelnen Untergruppen des Kreises hatten ihre Eigengesetzlichkeit und waren voneinander abgeschirmt. Die Folge war,
… daß am 20. Juli mehr als ein Mitglied dieser Gemeinschaft zwar den Kontakt zur Mitte
hatte, aber viele der übrigen Mitglieder aus den Einzelgruppen nicht einmal dem Namen
nach kannte, dies auch ein Gebot der Tarnung. Aber es entsprach eben auch dem Denken,
in dem das unterste, das bescheidenste Glied seine Bedeutung, seine Verantwortung, seine
Wirkungsmöglichkeit hat und sich doch die klare Führung seiner obersten Gruppe ergibt.842
2.5.2
Arbeitsweise
2.5.2.1 Etappen
In seiner Denkschrift vom 15. Juli 1944 für Lionel Curtis ging Steltzer auf die Entwicklungsschritte, die der Kreisauer Kreis seit 1940 bewältigt hatte, ein und unterteilte diese
in drei Etappen.843 In einem ersten Schritt seien die geistigen Grundlagen zu schaffen
gewesen, nicht nur in der Form der Verneinung des NS, „sondern eine innerlich begründete positive Übereinstimmung in der politischen Zielsetzung.“ Es sei klar gewe838
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 429.
Lukaschek, Hans: Was war und wollte der Kreisauer Kreis, Rede vom 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18,
Bd. 4, S. 4: Wenn man beim Kreisauer Kreis von einer „Organisation“ sprechen kann, dann war sie im
strengsten „Schottensystem“ gebaut, d. h. es wurden nur kleine Aussprachekreise verstreut über Deutschland und Österreich gebildet, die keinen Zusammenhang miteinander hatten, kaum von dem Bestande
anderer wussten.
840
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 64 f.
841
Christiansen-Weniger. IfZ, ZS/A-18, Bd. 2. Christiansen-Weniger wollte infolge seines Interesses für
pädagogische Fragen an der 1. Tagung in Kreisau teilnehmen, was von Moltke aus Sicherheitsgründen
abgelehnt wurde, weil nur er und Yorck die ganze Übersicht haben dürften.
842
Boveri, Verrat 1956, S. 64
843
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 286 f.
839
154
Beschreibung des Kreisauer Kreises
sen, dass nur Provisorisches zu schaffen war, und die Heterogenität des Kreises sei Voraussetzung für die Bewältigung der schwierigen Zielsetzungen gewesen. Christen hätten Kontakt zu Sozialisten gefunden, Sozialisten hätten ein überraschendes Verständnis
für das Christentum entwickelt.
So ergab sich unschwer auch eine Übereinstimmung in grundlegenden Fragen, wie der Begründung eines objektiven Rechts vom Religiös-Ethischen her, der geistigen und sittlichen
Bildung von Volk und freier Einzelpersönlichkeit, der sittlichen Substanz menschlicher,
volklicher und völkerrechtlicher Gemeinschaft, der Bindung von Volk und Staat an Sittlichkeit und Recht.844
Laut Steltzer wurde den Kreisauern bald klar, dass sich ihre Arbeit nicht darin erschöpfen konnte, allgemeine Lösungsvorschläge zu erarbeiten. Angesichts der bedrohlichen
Entwicklung schien es ihnen dringlicher zu sein, aus der gegebenen Lage heraus die
Basis für ein gemeinsames praktisches Handeln nach dem Zusammenbruch zu schaffen.
Darum bemühten sie sich in der zweiten Etappe ihrer Arbeit, in der die erarbeiteten
Richtlinien den führenden Persönlichkeiten der beteiligten Gruppen zur einheitlichen
Willensbildung vorgelegt wurden.845
Schließlich wurde in einer dritten Etappe durch die Herausbildung kleiner Führungskreise aus den beteiligten Gruppen ein Schwerpunkt auf die Länderneuordnung und die
Benennung von Landesverwesern gelegt.846 Diese Landesverweser wurden mit entsprechenden Instruktionen847 versehen.
2.5.2.2 Arbeitsgruppen
Zur Bewältigung der weit gespannten Arbeit wurden einzelne Arbeitsgruppen848 gebildet. Diese waren nach Sachgebieten – Sozialpolitik, Kulturpolitik, Wirtschaftspolitik,
Außenpolitik – gegliedert. Die Vorstellung, dass der Kreisauer Kreis immer in gleicher
Besetzung getagt habe, ist natürlich irrig, es wurden auch unterschiedliche Mitglieder
genannt. So schreibt Eugen Gerstenmaier am 29. Oktober 1965:
… ich kann nur sagen, dass nach meiner Erinnerung die Herren Peters, Lukaschek und
Rösch im Kreisauer Kreis in den Jahren niemals bei irgendeiner Zusammenkunft zugegen
844
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 286.
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 287.
846
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 287.
847
Siehe: Erste Weisung an die Landesverweser vom 09.08.1943 und Sonderweisung vom 09.08.1943;
in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 314-318.
848
Siehe die Ausführungen von Marion Yorck und Freya Moltke, datiert Kreisau, den 15.10.1945: „Systematische Gespräche begannen schon im Sommer 1940. Folgende Arbeitsmethode bildete sich heraus:
die Männer trafen sich in kleinen Gruppen, besprachen und bearbeiteten je nach ihrer sachlichen Eignung
eingehend die einzelnen Fragen und erstatteten Gutachten. Außer den vielen Besprechungen in Berlin und
München haben in Kreisau in Schlesien drei größere Zusammenkünfte, die sich über mehrere Tage hinzogen, stattgefunden“; in: BBF/DIPF/Archiv, Reich 57, Bl. 46a.
845
155
Beschreibung des Kreisauer Kreises
waren, an der ich teilgenommen habe. Herrn Lukaschek habe ich erst einige Jahre nach
dem Krieg persönlich kennengelernt. Pater Rösch sah ich meines Wissens im Sommer 1946
zum ersten Mal und an Herrn Peters kann ich mich gar nicht erinnern.849
Die Arbeit in diesen Arbeitsgruppen wurde von Freya von Moltke so beschrieben:
Wer heute die Pläne liest, muß sich darüber klar sein, daß sie das Produkt einer Gruppe
sind. Die Teilnehmer an den Besprechungen brachten ganz verschiedene Vorstellungen mit.
Die Pläne kamen dann durch einen wechselseitigen Lernprozess in fortgesetzten Gesprächen zustande. Sie sind nicht Niederschriften eines einzelnen oder einer homogenen Gruppe Gleichgesinnter, sondern sie tragen die Spannungen zwischen Sozialisten und NichtSozialisten, Katholiken und Protestanten, Sozialisten und Katholiken – um nur einige zu
nennen – aus. Wichtiger als die inhaltlichen Details der Pläne war der Einigungsprozess
selbst.850
In seinem Memorandum „Die Arbeit des Kreisauer Kreises“ vom 09. November
1949851 betont Theodor Steltzer, dass es ihnen nicht um eine Einigung in den politischen Theorien, sondern um ein gemeinsames praktisches Handeln in einer konkreten
politischen Situation zur Bewältigung unmittelbar vorliegender Aufgaben ging. Diese
Methode habe auch der geistigen Situation ihrer Zeit entsprochen. Nach einer Entwicklung, die sich auf allen Gebieten an das Peripherische verloren habe, sahen sie jetzt ein
Konvergieren zu einer neuen Ganzheit und geistigen Einheit. Man bemühte sich, die
verabsolutierten Teilwahrheiten aus ihrer Isolierung zu befreien und auf einer höheren
Ebene zu sammeln.
Den Einsatz von Arbeitsgruppen kann man mit der Arbeitsgemeinschaftsmethode
gleichsetzen, die Reichwein schon beim Seminar in Bodenrod/Taunus 1921852 angewandt hatte und die wohl auch Rosenstock-Huessy853 in seiner Erwachsenenarbeit und
in der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft propagiert hatte. Reichwein hatte nach dem
Krieg 1919 zusammen mit seinem ehemaligen Frontkameraden Albert Krebs dazu
wichtige Impulse in einem Volkshochschulkurs in Darmstadt erfahren. Als gesellschaftliche Quintessenz des vierwöchigen Zusammenseins mit Studenten in Bodenrod hält
Reichwein fest: „Das Bild des Volkes nicht im Klassengegensatz und -kampf, sondern
in der Arbeitsgemeinschaft zu sehen, war ein Ergebnis dieser eigenen kleinen Praxis,
849
Gerstenmaier, Eugen: Brief vom 29.10.1965. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
MBF S. 234.
851
Steltzer, Theodor: Die Arbeit des Kreisauer Kreises. Vortrag in der Adolf-Reichwein-Hochschule in
Celle am 09.11.1949. IfZ, MS 629, S. 3.
852
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 54.
853
Definition in: Rosenstock, Die Hochzeit des Kriegs 1920, S. 257 ff.: „Das Wort ‚Arbeitsgemeinschaft‘
stammt aus dem Zusammenbruch des November 1918. Am 15. November 1918 traten die großen Verbände der Industriellen und der Arbeiterschaft zusammen und beschlossen, alle Fragen im Wege der
Arbeitsgemeinschaft zu besprechen. Das sollte heißen: eine Körperschaft tritt regelmäßig zusammen, die
als Vertretern der Verbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu gleichen Teilen besteht. Die Gegenparteien vereinigen sich in einem Zimmer; sie setzen sich einer dauernden, gegenseitigen Berührung, Reibung und Beeinflussung aus, so unbequem das auch sein mag.“
850
156
Beschreibung des Kreisauer Kreises
denn es war eine Praxis, insofern jeder die Erfahrung seines praktischen Lebens in die
Waagschale warf.“854 Diese Methode der „Arbeitsgemeinschaft“, die „den wissenschaftlichen Vortrag vor einem Massenpublikum durch intensive Arbeit in kleinen Kreisen
mit reger Diskussionsbeteiligung der Kursteilnehmer“855 ablöste, wurde die bevorzugte
Arbeitsweise der Kreisauer. Die Kunst der konstruktiven Kompromissfindung in sozial
und politisch heterogen zusammengesetzten Lebensumständen, die Erprobung der
Kompromisswilligkeit und Kompromissfähigkeit, das waren Grundrichtungen der
Kreisauer Arbeit.
2.5.2.3 Methoden
Steinbach856 bezeichnet die von den Arbeitsgruppen des Kreisauer Kreises angewandte
Arbeitsweise als Methode der Topik, eine grundlegende Methode politischer Bildung,
die die Vielfalt der Anschauungen, Erfahrungen und Überzeugungen in Rechnung stellt
und nach Überschneidungsbereichen unterschiedlicher Sichtweisen sucht. Die topische
Bemühung präge aber auch das klärende Gespräch unter Freunden, die sich unterscheiden und doch annähern wollen, sei es, um Gemeinsamkeit zu finden, sei es, um die jeweiligen Unterschiede zu akzeptieren, die nicht mehr zu vermitteln und deshalb bei allen weiteren Überlegungen in Rechnung zu stellen sind. Diese Methode der Analysen
sieht Steinbach im Kreisauer Kreis verwirklicht. „Wer etwa den Briefwechsel von
Moltke und Yorck rekonstruiert, ahnt, was diese Methode für das dialogische Miteinander, für den Respekt vor dem Argument des anderen, bedeutet.“857
In der Tat akzeptierten die Kreisauer gegenseitig ihre divergierenden Positionen und
suchten deshalb nach Möglichkeiten einer Annäherung, die ihre Unterschiedlichkeit
nicht nivellierte, sondern gerade zum Ausgangspunkt gemeinsamer Auseinandersetzung
machte. Nur so konnten Kompromisse erreicht werden.858 Dass diese notwendig waren,
wird deutlich, wenn man die starken Abweichungen der verabschiedeten Papiere von
den ursprünglichen Moltke‘schen Denkschriften beachtet. Moltke musste sich wohl bei
diesen Diskussionen mitunter stark zurücknehmen, um diese Kompromisse mittragen zu
können, aber ebenso ist zu beachten, „dass er im Hinblick auf die Notwendigkeit eines
Einigungsprozesses und der weiteren Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Gruppen,
854
Reichwein, Eine Arbeitsgemeinschaft 1922, S. 265.
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 106.
856
Steinbach, Zum 100. Geburtstag von Gablentz 1999a, S. 70.
857
Steinbach, Zum 100. Geburtstag von Gablentz 1999a, S. 70.
858
Steinbach, Kreisauer Kreis in seiner historischen Bedeutung 1992, S. 165.
855
157
Beschreibung des Kreisauer Kreises
die er geschickt durch die Einbindung entsprechender Vertreter des Kreises eingebunden hatte, zum Verzicht auf eigene Positionen in der Lage war.“859 Diese Kompromissfähigkeit, die sie Übereinstimmung über die ethischen Voraussetzungen von nationaler
und internationaler Gemeinschaft und die Bindung der Einzelnen an Sittlichkeit und
Recht erreichen ließ, war aber nur möglich, da sich zwischen allen ein gegenseitiges
Achtungs- und Vertrauensverhältnis entwickelte860, was bereits nach Tönnies konstitutiv für eine Gemeinschaft ist. Steinbach bemerkte hierzu:
Sie unterschieden sich, aber sie vertrauten untereinander – und Vertrauen meinte dabei
mehr als nur die Tolerierung einer anderen Meinung. Spürbar ist für jeden, der sich mit den
Diskussionen der Kreisauer beschäftigt, das Gefühl der Beteiligten, einer anderen Position
zu bedürfen, um die eigene zu klären – sie verbanden sich so in einem praktizierten Pluralismus.861
Wichtig ist auch, dass die Kreisauer in ihrer totalitären Lebenswirklichkeit, in der sie
keinen Zugang zur Macht besaßen, nur auf Wahrheit setzen konnten.862
Bei dieser Arbeit, wo Moltke aufgrund seiner zentralen Stellung im Kreisauer Kreis
natürlich mit einer Vielzahl von Fragestellungen befasst war, muss sein außergewöhnliches Verdienst hervorgehoben werden. Sein besonderes Können bestand darin, andere
Menschen zur Bearbeitung einzelner Themenkomplexe zu gewinnen, sie beständig zu
„mahnen“, um die zugesagte Arbeit auch tatsächlich zu erhalten, und sich erst dann erst
mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen.863 Freya von Moltke wies darauf hin, im
„Kompromisse finden, darin war der Helmuth sehr stark, obwohl er so gute feste Meinungen zu den Dingen hatte. Trotzdem war er im Grunde bereit, auf andere zu hören
und zu Kompromissen zu kommen.“864
2.6
Dauer des Bestehens
Roon865 geht von einer Auflösung des Kreisauer Freundeskreis nach der Verhaftung
Moltkes aus und stützt sich dabei wohl auf Steltzer, der schrieb: „Mit seiner [Moltke;
A. d. V.] Verhaftung hörte unsere politische Arbeit als Gemeinschaftsarbeit auf. Was
später geschah, erfolgte auf die Verantwortung jedes Einzelnen und kann weder zu Las-
859
Schwerin, Moltke 1999, S. 150.
Steltzer, Werner: Deutscher Widerstand als Beitrag für ein Europa der Gleichberechtigten. Das Aktuelle am Kreisauer Kreis gegen Hitler. IfZ, MS 264, S. 16.
861
Steinbach, Kreisauer Kreis in seiner historischen Bedeutung 1992, S. 165 f.
862
Steinbach, Kreisauer Kreis in seiner historischen Bedeutung 1992, S. 163.
863
Schwerin, Moltke 1999, S. 62.
864
Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg, Nachlese 1994, S. 17.
865
Roon, Neuordnung 1967, S. 471: „Nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 gab es eigentlich
keinen Kreisauer Kreis mehr, sondern nur noch Kreisauer. Die Mehrheit schloß sich dann dem Attentatsversuch Stauffenbergs an.“
860
158
Beschreibung des Kreisauer Kreises
ten noch zu Gunsten des Kreisauer Freundeskreises gewertet werden.“866 Gerstenmaier867 widersprach dieser Ansicht Roons vehement und macht dessen ausschließliche
Ausrichtung der Kreisauer auf eine dominante Figur Moltkes dafür verantwortlich.
Thomas Childers ist ebenfalls gegenteiliger Meinung zu Roon. Er begründet seine
Überlegungen damit, dass der Kreisauer Kreis auch nach Januar 1944 noch weiter existierte, er hob hervor, dass der aktive in der Hauptstadt anwesende Kreis nach einer anfänglichen Periode der Unsicherheit nach der Verhaftung sich sogar noch öfter traf als
vorher. Die Wohnung von Yorck sei geradezu ihr Hauptquartier geworden und Yorck
habe die Rolle des „Geschäftsführers“ übernommen. Zu diesem aktiven Kreis zählt
Childers neben Yorck Reichwein, Haubach, Trott, Haeften, Gerstenmaier, Husen und
Leber; die nicht in Berlin weilenden Mitglieder habe Yorck periodisch informiert.868
Fest steht natürlich, dass die programmatischen Vorbereitungen nach der Verhaftung
Moltkes im Januar 1944 nicht mehr im Zentrum der Aktivitäten standen. Die „Berliner“
trafen sich weiterhin und wurden, eine neue Richtung einschlagend, zu einem integrierten Bestandteil der Verschwörung des 20. Juli.869 Dies bestätigte auch Husen: „Ein Kern
der Kreisauer blieb miteinander in Kontakt, wobei Yorck eine zentrale Rolle behielt.“
Husen, dessen Wohnung nun vermehrt als Treffpunkt diente, gewann den Eindruck,
dass „nach der Verhaftung Moltkes wegen der ständig wachsenden Spannung“ die Zusammenkünfte nicht seltener und sogar intensiver gewesen seien als vorher.870 Entsprechend der Leitthese der Untersuchung, wonach Moltke als die zentrale kreisbildende
Figur geradezu unentbehrlich war, kann man wohl nach der Verhaftung Moltkes im
Januar 1944 nicht mehr von einem Kreisauer Kreis sprechen, eher bildete der aktiv ge-
866
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 77.
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 232: „Objektiv falsch ist […] die Darstellung, daß es nach
der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 gar keinen Kreisauer Kreis mehr gegeben habe, sondern nur noch
Kreisauer, die sich in das Schlepptau von Aktivisten wie Stauffenberg und Schulenburg hätten nehmen
lassen. Dieser Schilderung fehlt schon die Logik, denn van Roon hat selbst gegen die Legende von Lionel
Curtis den Nachweis geführt, dass sich die meisten Kreisauer einschließlich Moltkes lange um den Staatsstreich bemühten.“ In seinem Lebensbericht schreibt Gerstenmaier: „Auch nach der Verhaftung Moltkes
hielt der Kreis – anders als sein niederländischer Biograph van Roon meint – nach wie vor unentwegt
zusammen“; in: Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 181.
868
Childers, The Kreisau Circle 1991, S. 106 f: „Despite the loss of Helmuth von Moltke, the Kreisau
Circle did not dissolve in January 1944. Moltke’s arrest was not in any way connected with the work of
the Kreisau Circle, and after an initial period of anxiety his friends resumed their activities. In fact, the
frequency of the circle’s meetings in Berlin increased, rather than diminished, in the early months of the
year.”
869
Rüther, Der Widerstand des 20. Juli auf dem Weg in die Soziale Marktwirtschaft 2002. S. 376.
870
Husen, Paulus van: Brief an Roon, 30.04.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 1.
867
159
Beschreibung des Kreisauer Kreises
bliebene Teil der Kreisauer einen „Kreis ohne Meister“871, der die gemeinsam erworbenen Ideen fortentwickelte und mit Stauffenberg zur Tat schritt.
871
Raulff, Kreis ohne Meister, 2010.
160
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen
Standpunktes der Kreisauer am Beginn ihres Ringens
um eine Neuordnung
Die gesellschaftspolitische und religiöse Verortung der Kreisauer in ihrer Herkunft und
in ihrem Standpunkt zu Beginn ihrer Planungsarbeit kann wichtige Hinweise für ihre
Vergemeinschaftung liefern. Es ist zu untersuchen, ob es trotz der Heterogenität, auch
in ihrem gesellschaftspolitischen und religiösen Bewusstsein, Schnittmengen gab, die
ihre Vergemeinschaftung ermöglichten oder gar unterstützten.
3.1
Folie des politischen und geistigen Umfeldes in der Zwischenkriegszeit
Um die Untersuchung der potenziellen Schnittmengen zu ermöglichen, soll das politische und geistige Umfeld, am besten wiedergegeben durch die Kreisauer selbst, aufgezeigt werden. Dabei ist die Weimarer Republik mit ihren Umbrüchen in der Zwischenkriegszeit und ihren möglichen Deutungsmechanismen in den Blick zu nehmen. Eine
kurze Charakterisierung der Parteien, die für die Kreisauer infrage kamen, soll diese
Betrachtung abschließen.
3.1.1
Beschreibung der Weimarer Republik und der Umbrüche der Zwischenkriegszeit
Pyta weist darauf hin, dass die Weimarer Verfassung mit ihrer komplexen Gemengelage
aus parlamentarischen, präsidialen und plebiszitären Komponenten nicht den Typus
einer rein parlamentarischen Demokratie vorschrieb, sondern andere Akzentsetzungen
zuließ.872 Parteien stellten sich als engstirnige und kompromissunfähige Vertreter von
Partikularinteressen dar, insgesamt könne man von einem „versäulten Parteiensystem“873 sprechen. Gerade zu diesem Parteienaspekt gibt es bei einigen Kreisauern prägnante Aussagen z. B. über den Immobilismus der SPD, die aufzuzeigen sein werden.
Gegen Ende der Weimarer Republik entwickelten sich Präsidialkabinette, deren Mitglieder allein vom Vertrauen des Reichspräsidenten abhängig waren und „sich im Parlament sachorientierte Mehrheiten für die Gesetzesvorlagen beschaffen sollten“874. Die
Regierungen suchten zwar prinzipiell die Zusammenarbeit mit den Fraktionen im
Reichstag, so Pyta weiter, signalisierten aber unmissverständlich, dass sie sich nicht in
872
Pyta, Vernunftrepublikanismus 2008, S. 100.
Pyta, Vernunftrepublikanismus 2008, S. 102.
874
Pyta, Vernunftrepublikanismus 2008, S. 103.
873
161
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Abhängigkeit vom Willen der Fraktionen begeben wollten, weil sie auf präsidiale
Machtbefugnisse wie die Reichstagsauflösung und das Notverordnungsrecht zurückgreifen konnten.875 Mierendorff lieferte bereits 1932 in dem Vortrag „Nach 14 Jahren“
eine treffende Analyse der damaligen politischen Verhältnisse:
In der Demokratie stehen wir eigentlich noch immer am alten Fleck. Wir sind nicht weitergekommen, sondern eher zurückgeworfen worden. Der deutsche Parlamentarismus hat kein
Aufwärts, sondern ein Abwärts erreicht, kein Vorwärts sondern ein Zurück. Ganz groß
steht deshalb die Aufgabe der Verwirklichung der Demokratie in Deutschland nach wie vor
uns. Was wir schon zu besitzen glaubten, wir müssen es eigentlich erst schaffen. Aber wir
wissen jetzt besser als damals, wo wir einzusetzen haben. Man muß die Demokratie anders
organisieren, als es in Weimar geschah, so daß eine bessere Führungsauslese garantiert
wird, und daß das Parlament wirklich funktioniert. […] Aber es ist eine befristete und inhaltliche umschriebene Führung, für die es eine Rechnungslegung und Nachkontrolle gibt
im Gegensatz zu jeder Willkürherrschaft. Es muß uns gelingen, diesen Führerbegriff mit
der Demokratie praktisch zu verbinden. Dann sind alle Gefahren des Faschismus zerstört.
Dann wird gleichzeitig auch der erste Schritt zum Sozialismus in Deutschland getan.876
Mierendorff liegt die Demokratie am Herzen; damit diese gelinge, ist dem einstigen
Frontsoldaten die Führerauslese wichtig. Er versteht Führung dabei nicht als Willkürherrschaft, sondern als eine demokratisch kontrollierbare Institution, die die Gefahr des
Faschismus bannen und den Sozialismus befördern kann.877
Auch Steltzer setzte sich mit der Weimarer Republik auseinander. Er ging 1947 auf das
Demokratieverständnis des Volkes und die Parteien ein:
Das deutsche Volk blieb unfrei unter autoritären Wirtschaftsführern. Es gewann kein inneres Verhältnis zum Weimarer Staat, das ihm ein Gefühl der Mitverantwortung hätte vermitteln können, sondern überließ die Vertretung seiner Interessen freiwillig zentralistischen
Organisationen (Parteien, Gewerkschaften, Interessenverbänden, Kampfbünden), durch die
der Staat immer mehr von innen ausgehöhlt wurde.878
Auch wenn diese Niederschrift nach Kriegsende verfasst wurde, so ist doch zu vermuten, dass sie Steltzers damalige Haltung wiedergibt. Nach der von Steltzer ausgedrückten Meinung ist es verständlich, dass sich die Kreisauer hinsichtlich des Aufbaus der
Parteien einig waren, nämlich einen „Parteihader“ wie früher nicht mehr zu wollen. Im
November 1945 sagte er bezogen auf den Wiederaufbau: „Wir wollen keine Interessentenhaufen, sondern Gruppen anständiger Männer und Frauen, die arbeitsgemeinschaftlich zum Wohle des Ganzen zusammenarbeiten.“ Jeder müsse sich politisch betätigen,
„denn Demokratie ist Mitverantwortung“879. Diese Aussage nach Kriegsende war wohl
Steltzers Meinung auch zur Zeit der Weimarer Republik. Bei einer Gedenkrede zum
20. Juli verwies Steltzer 1950 auf die Schwierigkeiten, die in dem formalen Charakter
875
Pyta, Vernunftrepublikanismus 2008, S. 103 f.
Mierendorff, Carlo: „Nach 14 Jahren. Heidelberg 1918 und 1932“. AdsD, Signatur 260, S. 12-14.
877
Halperin, Ernst: Carlo Mierendorff. AdsD, Signatur 270, S. 2.
878
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 107.
879
Steltzer, Rede anlässlich einer Gedächtnisfeier 1945 1986, S. 37.
876
162
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
der politischen Ordnung der Weimarer Verfassung lagen, und beklagte, dass die damaligen Politiker unter Demokratie in erster Linie eine Reihe theoretischer Prinzipien verstanden, die man durch eine Verfassung einführen konnte. Man glaubte ernsthaft, so
Steltzer, ein Staat ließe sich auf dem formalen Prinzip der absoluten Mehrheit aufbauen,
und „man erkannte noch nicht, dass Demokratie nur in der tätigen und verantwortlichen
Mitarbeit des ganzen Volkes verwirklicht werden kann“. Steltzer konstatierte, dass im
Grunde deshalb das deutsche Volk ein richtiges Gefühl hatte, „wenn es die damalige
Ordnung als ein aufgestülptes System empfand“880. Die Demokratie wurde nach seiner
Einschätzung vorwiegend als ein formales Verfassungsproblem, nicht als eine Lebensform, die nur von lebendigen Menschen getragen und entwickelt werden kann, gesehen.881 Er wies aber auch darauf hin, dass oppositionelle Kreise von dem gleichen Geist
des Denkens in Systemen und Prinzipien beherrscht wurden und dadurch auch ihrerseits
die Arbeit für eine lebendige Demokratie erschwerten und diskreditierten.882
Die Weimarer Zeit wurde so von zwei späteren Kreisauern diametral kommentiert. Mierendorff wollte die Demokratie, um so den Sozialismus zu verwirklichen, und Steltzer
beklagte den Parteienhader und die formale Demokratie. Aus unterschiedlichen Gründen waren sie so mit der Weimarer Verfassung Anfang der 1930er-Jahre nicht bzw.
nicht mehr einverstanden.
Neben der politischen Sicht waren sich die Kreisauer aber weitgehend in der gesellschaftspolitischen Analyse einig, und zwar schon bevor sich der Freundeskreis bildete
oder in der Frühphase des Kreises. Die Zivilisationskritik der 20er-Jahre, die „Frontstellung gegen die Verflachung der bürgerlichen Gesellschaft“883, nicht unwesentlich gespeist durch Impulse der verschiedenen Zweige der Jugendbewegungen, denen die
meisten Kreisauer in ihrer Jugend angehörten, waren Teil einer kulturpessimistischen
Sicht der Mehrzahl der späteren Kreisauer.
Sucht man nach Belegen für diese Feststellung, so findet man sie vor allem in der
Denkschrift Moltkes aus der Frühphase des Kreisauer Kreises „Ausgangslage, Ziele und
Aufgaben“884. „Der Einzelne ist ungebunden, aber unfrei“, beschreibt er die Ausgangslage und vergleicht die ursprünglichen Bindungskräfte, die ihren Höhepunkt in der Bindung an die Kirche im frühen Mittelalter hatten, mit einem gewaltigen Magneten, der
880
Steltzer, Theodor: Der 20. Juli und seine Vorgeschichte. 20.07.1950. IfZ, MS 629, S. 1.
Rede Steltzers am Vorabend seines 70. Geburtstages in Bonn. IfZ, ED 106-42.
882
Steltzer, Theodor: Der 20. Juli und seine Vorgeschichte. 20.07.1950. IfZ, MS 629, S. 1 f.
883
Pope, Delp 1994, S. 164 f.
884
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 150 ff.
881
163
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
allen eine gemeinschaftliche Ausrichtung gab. Dieser Magnet sei erlahmt, sinnfällig
gemacht durch die Reformation, neue Bindungskräfte seien entstanden, was schließlich
zu der Entstehung der „souveränen Staaten als gleichwertiger, höchster Bindungszentren für beschränkte Zwecke geführt hat“885. Der Staat habe schließlich „seine Forderung auf den ganzen Menschen“ missbräuchlich mit „weltlicher Gewalt“ durchgesetzt,
die „Verantwortung des Einzelnen“ sei in der Auflösung begriffen und „Dinge, denen
jeder absolute Wert fehlt, wie Staat, Rasse, Macht, [seien] verabsolutiert worden.“886
Somit sei das Gefühl der inneren Verbundenheit mit dem Staat ersetzt worden durch
einen dem Herdentrieb ähnlichen Zusammenhalt zum gegenseitigen Schutz auf der
einen Seite und durch Gewalt, durch den Zwang auf den Einzelnen, auf der anderen
Seite. Dadurch sei der Einzelne, der seine Bindung verloren habe, seiner Freiheit beraubt worden.887
Diese bei Moltke aufscheinende Betonung der existenziellen Orientierungslosigkeit
findet sich auch bei Delp 1935 in seiner Auseinandersetzung mit der Philosophie Martin
Heideggers wieder. Er beklagt dort das tragische Ergebnis einer „hemmungslosen
Emanzipation“ mit einem daraus folgenden „hemmungslos übersteigerte[n] Individualismus, der keine Bindungen und keine Grenzen mehr anerkennen wollte“888. Ohne
einen Mittelpunkt, aus dem sie leben, anzuerkennen, hätten die Menschen den „Versuch
einer peripheren Lebensgestaltung unternommen“889. Die Konsequenz dieser Haltung
war nicht die erhoffte Freiheit, sondern eine Bindungs- und Orientierungslosigkeit, die
schließlich zur „tragischen Selbstauflösung unseres staatlichen, gesellschaftlichen und
geistigen Lebens“ geführt habe.890
Auch bei Haubach finden sich ähnliche Gedanken, wenn er in den Gemälden Breugels,
„die Konsequenzen des Massenzeitalters“ vorausschildert: „Was er hier malt, die der
Bindung und Zucht des Göttlichen entronnen Massen, die auf sich gestellt, den Göttern
entfremdet zu Fratzen, Larven und Gespenstern entarten – gilt das nicht alles heute wie
damals? Wenn der Gott das Irdische nicht mehr heiligt und durchdringt, wird Volk zur
Masse, Mensch zur Larve, das Leben zur Qual, der Tod zum Schrecken ohne Ende!“891
885
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 150.
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 152.
887
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 151.
888
Delp II S. 145.
889
Delp I S. 74.
890
Delp II S. 145.
891
L’Aigle, Briefe 1947, S. 59.
886
164
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Das Zeitalter, das vom Verlust der umfassenden Bindung wie bei Moltke bzw. vom
Verlust der Mitte, so Delp, geprägt ist, wird auch von Reichweins Entwurf zur Lehre
und Erziehung in Schule und Hochschule charakterisiert: „Der Verlust eines einheitlichen und bindenden Kerns, auf den alle Wissenschaften bezogen und von dem sie genährt werden sollen, hat zu der bekannten Spezialisierung der einzelnen Wissenschaftsgebiete geführt und zu ihrer Verlagerung an die unverbindliche Peripherie.“892
Anhand der dargestellten Beispiele kann also festgestellt werden, dass die Kreisauer am
Beginn ihrer Planungsarbeit eine überaus treffende politische und gesellschaftspolitische Analyse durchführten, die, unabhängig voneinander vorgenommen, ein wesentlicher Bestandteil ihrer Vergemeinschaftung wurde.
Zur politischen und gesellschaftspolitischen Folie der Zwischenkriegszeit, vor deren
Hintergrund die Kreisauer betrachtet werden, soll auch das Bild des Adels skizziert
werden, denn immerhin waren sieben der Kreisauer adlig. Die zu stellende Frage lautet,
ob die Zugehörigkeit zum Adel bei der Vergemeinschaftung eine Rolle spielte.
Wehler beschreibt die Situation des Adels893 in der „Schlussphase seiner Agonie“894.
1916 wurde den Adelsfamilien über „Nacht die Basis entzogen, auf der sich ‚ihr gesamtes historisches Leben’ aufgebaut hatten“895. Die Zäsur der Zeitenwende für den Adel
manifestierte sich auch in der Reichsverfassung, indem alle öffentlich-rechtlichen Vorteile der Geburt oder des Standes aufgehoben wurden.896 Dies legte auch den Grund für
eine „gefühlsgeborene Republikfeindschaft“897 Obwohl nach dem Ersten Weltkrieg in
Ostelbien der Adel immer noch 20-30 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche besaß und
die adligen Agrarunternehmer zäh um ihre Macht rangen, mussten sie immer wieder mit
aufbegehrenden Landarbeitern, die nun den Status von Industriearbeiter hatten, kämpfen. Im Militärwesen konnten sich die Adligen behaupten, dem stand jedoch ein Einflussrückgang in der Beamtenschaft gegenüber. Auf den dramatischen „Herrschaftsverfall“898 reagierte der Adel mit dem Versuch, die DNVP als Nachfolgerin der Deutschkonservativen zur adligen Interessenvertretung auszubauen, was jedoch nicht gelang.
Erfolgreicher war der Aufbau einer exklusiven adeligen Interessenvertretung, der
892
Reichwein, Adolf (vermutlich): Lehre und Erziehung in Schule und Hochschule, in: Bleistein, Dossier
1987a, S. 103.
893
Siehe auch Malinowski, Vom König zum Führer 2003.
894
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 323 ff.
895
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 323.
896
Hoyningen-Huene, Adel 1992, S. 41 ff.
897
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 324.
898
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 327.
165
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
„Deutschen Adelsgenossenschaft“, einer Vereinigung ultrakonservativer Kleinadliger.
Sie bestand bereits seit 1874 und konnte ihre Mitgliederzahl besonders in Ostelbien bis
1925 beträchtlich steigern. Wegen ihrer antirepublikanischen Fundamentalopposition
erreichte es Stresemann 1929, dass Beamten und Offizieren die Mitgliedschaft verboten
wurde. „Im antisemitischen Code der Adligen“899 – auf dem Deutschen Adelstag 1920
wurde ein Arierparagraph beschlossen – „verkörperten die ‚Hebräer’ alle Widrigkeiten
der Moderne“900. Von diesem dem Antisemitismus des Niederadels verbundenen elitärrassistischen Exklusivdenken her ließ sich wenig später mühelos eine Brücke zum Nationalsozialismus schlagen.901 Mit der Zeit verloren die „konventionellen Muster der
Interessenverfechtung“902 durch die Adelsgenossenschaft und durch eine konservative
Partei, die DNVP, an Bedeutung und allmählich optierte die Mehrheit des Adels für
„die neuartige Interessenpolitik auf der vom Nationalsozialismus geschaffenen Massenbasis“903.
Bei keinem der adligen Kreisauer Freunde, die übrigens alle bürgerliche Frauen wählten, konnte Republikfeindlichkeit oder Antisemitismus festgestellt werden. Die distanzierte Haltung zu ihrer Klasse ist deutlich bei Moltke, Yorck und Trott erkennbar. Freya
von Moltke sagte bezogen auf die Zugehörigkeit ihres Mannes zur sog. Grafengruppe
Yorcks: „Er hat nie der ‚Grafengruppe’ angehört. Er war diesen Männern eher fremd.
Sie fanden, es fehle ihm an Treue zu seinem Stand und zu seinem Land.“904 In seinem
Abschiedsbrief berichtet Moltke seiner Frau, im Prozess sei festgestellt worden, „dass
ich großgrundbesitzfeindlich war und keine Standesinteressen […] vertrat“905, und zitierte den Landgerichtsdirektor Schulze, der von ihm sagte: „Ein Mann, der von seinen
Standesgenossen natürlich abgelehnt werden muss.“906 In seinem Brief an Delp nach
dem Prozess schrieb er, es sei bekundet worden, „dass ich ein merkwürdiger Adliger
und Großgrundbesitzer war, der eine großgrundbesitzfeindliche und unjunkerliche Wirtschafts-, Agrar- und Kulturpolitik vertrat.“907 Diese selbst bezeugte Haltung Moltkes
führt zu der Frage seiner Stellung in der weiteren Familie und innerhalb der Familientradition, zu der lebensweltliche Beziehungen zu führenden Repräsentanten der profes-
899
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 328.
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 328.
901
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 328.
902
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 331.
903
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 331.
904
MBF S. 111.
905
HFM S. 474.
906
HFM S. 480; siehe auch S. 479.
907
HFM S. 565.
900
166
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
sionellen Militärelite gehörten. In der Tat hatte Moltke Schwierigkeiten mit Mitgliedern
der Familie. Für ihn ergab es sich schon Anfang der 1930er-Jahre, dass er mit Deutschnationalen nichts anfangen konnte, wie im Einzelnen noch gezeigt werden wird.
Deutschnational waren die meisten Mitglieder in seiner Familie, die ihn als den Erben
von Kreisau für viel zu sozialistisch hielten. Weil er die Tradition der Familie in Stich
ließ, musste er Anfeindungen erfahren. Da das deutsche Offizierskorps zum größten
Teil deutschnational oder weiter rechts einzustufen war, vertrat Moltke von Anfang des
3. Reiches an eine grundlegende Ablehnung gegenüber der militärischen Tradition. So
trug Moltke auch als Kriegsverwaltungsrat im Range eines Majors trotz wiederholter
Aufforderung nie eine Uniform.908 Das bedeutete aber nicht, dass er nicht mit Männern
aus den Reihen des Militärs zusammenarbeiten konnte, wenn sie ähnliche Ansichten
wie er vertraten. Neben General von Falkenhausen909 sind Feldmarschall von Witzleben910 oder General von Stülpnagel911 und seine Offiziere in Paris zu nennen. Seine
Ablehnung gegenüber der Militärelite war auch durch die Privilegien der Offizierskaste
entstanden; so schrieb er im März 1943 an seinen Freund Curtis, dass das Versagen der
Generale soziologisch begründet sei: „No revolution of the kind we need will give generals the same scope and position as the Nazis have given them, and give them today.“912
Moltkes Stellung innerhalb seiner Familie wird in der exemplarischen Betrachtung seines Verhältnisses zu drei Mitgliedern der Familie, die er wegen deren Beziehung zur
Führungsschicht für seine Verteidigungsstrategie im letzten halben Jahr seines Lebens
einzusetzen versuchte, deutlich. Es sind dies sein Onkel Joachim Peter von Moltke913
und die Vettern Dieter von Mirbach914, ein Mitarbeiter von Baron Gustav Adolf Steengracht von Moynland vom AA, und insbesondere Hans-Heini von Rittberg915. Moltkes
Onkel Peter hatte ein Auge auf Kreisau geworfen916, als Moltke im Gefängnis Tegel saß
und Sippenhaft und Enteignung der Familie Moltke nicht ausgeschlossen waren. Die
Aneignung Kreisaus durch diesen Onkel wollten Moltke und seine Frau Freya mit allen
Mitteln verhindern und Kreisau für die Söhne oder zumindest für Moltkes Bruder Jo-
908
MB S. 71, Anm. 1.
MB (09.08.1940) S. 170 ff.; (08.06.1943) S. 488 ff.
910
MB (11.08.1940) S. 173.
911
MB (08.06.1943) S. 491.
912
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
913
HFM S. 173 und 509; Peter von Moltke hatte unmittelbare Verbindung zum Reichsführer SS.
914
HFM S. 136.
915
Rittberg hatte Beziehungen zum Reichsführer SS; HFM S. 173, und war im Generalstab Guderians;
HFM S. 147.
916
HFM S. 172.
909
167
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
wo917 sichern. Moltke empfahl seiner Frau sogar, „C`[aspar]chen zu grafen“918, bevor
dies Onkel Peter tun würde. Es bestand zwischen Neffen und Onkel äußerstes Misstrauen, und es muss Moltke schwergefallen sein, seinen Onkel wegen dessen Verbindung zu Himmler einzusetzen. Das Verhältnis zu den beiden Vettern, die Moltke wegen
ihrer Beziehung zum AA und zu Himmler in Anspruch nehmen wollte, war noch problematischer. Moltke, er hatte während seiner Schulzeit in Potsdam bei den Mirbachs
gewohnt919, hatte Bedenken, Freya mit seinem Anliegen zu seinem Vetter Dieter Mirbach zu schicken, um über das AA zu intervenieren. Diese Befürchtung bestätigte sich
und Freya schrieb: „… er blieb [bei einer Begegnung im AA] nicht stehen, fragte nichts
und tat nichts.“920 Ähnliche Erfahrungen hatte Freya mit Hans-Heini von Rittberg. Sie
hielt den mit 30 Jahren bereits zum Oberstleutnant Beförderten für einen „nicht eindeutigen Charakter und menschlich ganz ungebildet“921, der für sie nicht das Geringste tun
würde, was sich dann auch bestätigte.922 Moltke ließen die Erfahrungen Freyas mit diesen Vettern „das Herz erstarren“923 und er hoffte, dass seine beiden Söhne nie solcher
„Herzenshärtigkeit“924 erliegen mögen. Bei aller Enttäuschung über diese Familienmitglieder war sich Moltke trotzdem seiner Abstammung bewusst und setzte diese auch in
seiner Verteidigung ein, wenn er bat, über Steengracht von Moynland im AA gegenüber
dem mit direktem Vortragsrecht bei Hitler ausgestatteten Walter Hewel925 vorbringen zu
lassen, dass seine Familie „schließlich an der Reichsgründung entscheidend beteiligt
war“926. Dabei wollte Moltke wohl auch das Prestige seines Onkels, des Botschafters
Hans-Adolf von Moltke927, nutzen.
Auch Yorck konnte nicht als typischer Vertreter des Adelsstandes bezeichnet werden.
In seinem Lebensbericht bemerkt Gerstenmaier über die Haltung Yorcks zu seinem
Stand: „Die Herrschaft Hitlers brachte Peter Yorck nicht nur zur entschiedenen Ableh-
917
HFM S. 180 f.
HFM S. 202.
919
MBF S. 28; Brakelmann, Moltke Biographie 2007, S. 28.
920
HFM S. 136.
921
HFM S. 190.
922
HFM S. 523, Fn. 1.
923
HFM S. 194.
924
HFM S. 194.
925
Walter Hewel war 1923 Teilnehmer am Hitler-Putsch, Mithäftling Adolf Hitlers in Landsberg, 1937
SS-Sturmbannführer, 1938 Chef des persönlichen Stabes des Reichsaußenministers von Ribbentrop, Legationsrat 1. Klasse, Verbindungsmann des AA zur Reichskanzlei, 1940 Gesandter 1. Klasse; HFM
S. 592.
926
HFM S. 180.
927
Hans-Adolph von Moltke (1884-1943) war ein Onkel von Helmuth James und Ehemann von Davida
Gräfin Yorck von Wartenburg. Er war bis 1939 Botschafter in Warschau und starb als Botschafter in
Spanien; HFM S. 597.
918
168
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
nung des Nationalsozialismus. Sie brachte ihn auch in eine kritische Distanz zu vielem,
was durch die Überlieferung und den Lebenszusammenhang, in den er hineingeboren
wurde, auf ihn gekommen war.“928 Jedenfalls war ihm „das selbstverständliche Eintreten seines Standes für das Öffentliche“929 wichtig.
Ähnliches gilt für Trott. Furtwängler bezeichnet ihn als einen gläubigen Christen, der
sich zugleich zu einem humanitären Sozialismus bekannte. „[…] in Adam von Trott hat
die Synthese von Christentum und Sozialismus ihren vollendeten Ausdruck gefunden.
Er war kein ‚Adeliger’ im konventionellen Sinn, er war ein Edelmann im besten Sinn
des Wortes.“930
Die altpreußische Adelsclique ist wieder da. Dieselben Kreise schicken sich an, auf dem
Rücken der braunen Kamele in die Arena politischer Diktatur zu reiten, die Deutschland
unter Wilhelm in Unfreiheit und ins Elend geführt haben, die ungeheure Schuld tragen an
der Vorgeschichte des Weltkrieges und an seinem katastrophalen Ausgang.931
Dieser Ausspruch Lebers kann jedenfalls nicht für die Adligen, die sich später im
Kreisauer Kreis zusammenfanden, gelten. Einen Beitrag zur Vergemeinschaftung im
Kreisauer Kreis leistete also die Adligkeit nicht, das könnte auch bei Haeften, Gablentz,
Trotha und Einsiedel nachgewiesen werden.
3.1.2
Deutungsmuster: Vernunftrepublikanismus
Neben einer in großen Teilen übereinstimmenden Analyse der gesellschaftlichen Situation verband, wie noch zu zeigen sein wird, die meisten der Kreisauer auch eine grundsätzliche Bejahung der Weimarer Republik. Aber die Zustimmung zu dieser Ordnung
war keineswegs in gleichem Maße ausgeprägt, sie war unterschiedlich in ihren Gründen
und wurde nicht zum gleichen Zeitpunkt ausgesprochen. Es gab hier feine Unterschiede,
die nicht mit einem einfachen Pro oder Contra gewürdigt werden können. Das Muster
„republikfreundlich und -feindlich, demokratisch und antidemokratisch“ wurde, wenn
nicht überwunden, so doch stark erweitert. „Vielfältige Forschungen haben die dynamische Offenheit und Polyvalenz der Weimarer Kultur, Politik und Gesellschaft betont
und die uneindeutige Reichhaltigkeit des intellektuellen Diskurses hervorgehoben.“932
928
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 185 f.
Bethge, Trott und der deutsche Widerstand 1963, S. 216.
930
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 225.
931
Leber, Weg 1952, S. 84, Notiz vom 06.06.1932.
932
Wirsching, Vernunftrepublikanismus Analysen 2008, S. 9.
929
169
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Als Deutungsmuster werden die Begriffe Vernunftrepublikaner933, Verlegenheitsrepublikaner und vernünftiger Herzensrepublikaner sowie engagierter Vernunftrepublikaner934 angeboten. Gusy935 weist allerdings darauf hin, dass die Bedeutungsinhalte vage
sind und terminologische Missverständnisse auslösen können. Obwohl solche „zumeist
weder allein wissenschaftlich noch allein politisch gemeinten“, sich „zudem vielfach
überschneidenden Zuschreibungen einen hohen antithetischen, zugleich aber einen sehr
geringen semantisch bestimmbaren Bedeutungsinhalt“936 aufweisen, soll dieses Deutungsmuster für die weitere Genese angenommen werden, um die Stellung der einzelnen
Kreisauer zur Weimarer Republik zu charakterisieren. Waren sie Vernunftrepublikaner
oder vehemente Unterstützer der Weimarer Republik? Da sie aus verschiedenen politischen Lagern stammten, kann hier auch verschiedenen vergemeinschaftenden Elementen nachgegangen werden, die den Kreisauer Kreis schließlich zu seinen von allen zum
großen Teil anerkannten „Grundsätzen“ führten. Die Frage ist aber, ob die anfängliche
Verortung schon auf eine Vergemeinschaftung hinweist.
Sontheimer versteht unter dem Begriff „Vernunftrepublikanismus“ die politische Haltung derjenigen Intellektuellen in der Weimarer Republik, die sich aus Vernunftgründen
auf den Boden der parlamentarischen Demokratie stellten, obwohl sie aufgrund ihrer
sozialen und politischen Herkunft emotional eher zur Monarchie tendierten.937 Gay definiert so:
In den Augen der Vernunftrepublikaner war die Republik in gewisser Hinsicht die Strafe,
welche die Deutschen […] verdienten. Sie war der Barbarei der Rechten und der Verantwortungslosigkeit der Linken entschieden vorzuziehen; sie verdiente Mitarbeit auch dann,
wenn sie keine Begeisterung wecken mochte.938
Stresemann, der von einigen Kreisauern sehr geachtet wurde, galt als Prototyp eines
solchen Republikaners.939 Er setzte sich scharf mit Reformgegnern und konservativen
Mitgliedern des Preußischen Herrenhauses auseinander und lieferte den Schlüssel für
seine eigene Wandlung: „[…] das innere Erlebnis dieses Weltkrieges umzusetzen in
eine Neuordnung der Dinge in der Zukunft.“940 Dies traf auch in hohem Maße auf die
Kriegsteilnehmer unter den Kreisauern zu. Verlegenheitsrepublikaner waren ausschließ933
Zum Begriff Vernunftrepublikaner der locus classicus bei Meinecke, Verfassung und Verwaltung
1979, S. 281: „Ich bleibe, der Vergangenheit zugewandt, Herzensmonarchist und werde, der Zukunft
zugewandt, Vernunftrepublikaner.“
934
Gusy, Staatsrechtswissenschaft Stuttgart 2008, S. 195-217.
935
Gusy, Staatsrechtswissenschaft 2008, S. 195.
936
Gusy, Staatsrechtswissenschaft 2008, S. 195.
937
Sontheimer, Politische Kultur 1987, S. 460.
938
Gay, Die Republik 1970, S. 45.
939
Gusy, Staatsrechtswissenschaft 2008, S. 199.
940
Möller, Meinecke, Stresemann, Mann 2008, S. 270.
170
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
lich „der Logik des geringsten Übels zu folgen bereit“941. Für sie „fehlte nicht nur eine
konkrete, sondern auch eine abstrakte Alternative zur Weimarer Verfassung“942. Wer
die „Weimarer Verfassung als Erfüllung vieler eigener Forderungen während der Monarchie“943 begriff und vor dem „Zusammenbruch sich noch eine Symbiose von Kaisertum und Demokratie“944 vorstellen konnte, kann als vernünftiger Herzensrepublikaner
oder engagierter Vernunftrepublikaner betrachtet werden.
3.1.3
Parteien
Die gesellschaftspolitische Verortung der Kreisauer, die bei der Genese des Kreisauer
Kreises vorgenommen werden soll, lässt sich zuerst an der etwaigen Parteizugehörigkeit
oder im Wählerverhalten der Kreisauer festmachen. Dazu soll das für die Kreisauer
grundsätzlich infrage kommende Parteienspektrum in Anlehnung an Wehler kurz referiert werden.945
Zu der typischen Fünferkombination der Parteien im Kaiserreich kamen mit der KPD
und der NSDAP eine links- und eine rechtstotalitäre Bewegung hinzu, die „als radikale
politische Innovationen das bisherige Parteiensystem sprengten“946. Hier sollen zunächst die SPD, „die republiktragende Kraft par excellence“947, und das Zentrum „als
Konfessionspartei des politischen Katholizismus“948, das sich in seiner Schlussphase
von seiner „demokratisch-republikanischen Politik“ abwendete, „als es den autoritären
Kurs seines Reichskanzlers Brüning und die rechtskonservativ-ständestaatliche Wende
seines neuen Vorsitzenden, des Prälaten Kaas, mit trug“949, in den Blick genommen
werden. Weiterhin sollen die beiden liberalen Parteien, die linksliberale DDP mit ihrem
„kargen Bekenntnis zu neuen Staatsform“950 und die nationalliberale DVP mit ihrer
Galionsfigur Stresemann, die „nicht nur zum Verfechter großindustrieller Interessen“
wurde, sondern „stetig weiter nach rechts“ schwenkte, „bis sie sich mit den starren Konservativen eng berührte“951, und die nationalkonservative DNVP betrachtet werden.
941
Gusy, Staatsrechtswissenschaft 2008, S. 199.
Gusy, Staatsrechtswissenschaft 2008, S. 199.
943
Gusy, Staatsrechtswissenschaft 2008, S. 201.
944
Pauly, Anschütz 1993, S. XXXIII, mit Fn. 112.
945
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 353-360.
946
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 353.
947
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 354.
948
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 356.
949
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 357.
950
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 356.
951
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 356.
942
171
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3.1.3.1 SPD
Der „erdnahe Reformismus und ihre Republiktreue“ dieser Klassenpartei hatte ihre
Wählerbasis im „klassischen Arbeitermilieu der protestantisch-atheistischen Großstadtviertel und Industrieregionen“952 und zunehmend bei unteren Beamten, Angestellten,
Lehrern und kleinen Selbstständigen, Landarbeitern und Intellektuellen. Der alte Mittelstand und die bäuerliche Welt blieben der SPD aufgrund der „Proletarisierungsprognose
der marxistischen Theorie und der daraus resultierenden Selbstblockade“953 mit fatalen
Folgen für die Wahlurne verschlossen. So verharrte die SPD in ihrer Tradition der politischen Monokultur und vermochte sich noch nicht für eine Verfechtung heterogener
Interessen einzusetzen. Aber dies war es nicht allein, was die Parteimitglieder an der
SPD auszusetzen hatten. Leber und Mierendorff stimmten in ihrer Kritik an den Parteitagen 1924 und 1931 überein, wenn sie unabhängig voneinander ihre Unzufriedenheit
ausdrückten. Sie kritisierten die innerparteiliche Opposition, die wie ein „tiefer und
festgefügter Block“ erscheine, „der einfach alles mitmacht, was befohlen wird.“954 Beide bezeichneten dieses Phänomen als „Parteimaschine“955 und drückten damit ihr Missbehagen über die Organisations- und Führungsstruktur ihrer Partei aus. Mierendorff
nannte die Dinge beim Namen, wenn er „Mängel in der Führerauslese und de[n] Absolutismus der Parteibürokratie“, die „tödliche Umklammerung des Apparates“, die „Erstarrung der Parteigebilde“956 anführte. Leber beklagte stagnierende Bürokratie957 und
eine „trostlose […] Verstockung […] im Parteiapparat“958. Reichwein vermochte ebenfalls die weitgehende geistige Führerlosigkeit der Partei kaum zu akzeptieren.959 Auch
Haubach stellte seine Partei kritisch dar. Er beklagte deutliche Entwicklungsdefizite,
von der „stark entwickelte[n] demokratische[n] Praxis innerhalb des Sozialismus“ sei
952
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 354.
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 354.
954
Leber, Julius: Aufbruch zu neuem Ziel. Ein Schlusswort zum Parteitag. LV, 17.06.1924; Auszug auch
in: Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 50.
955
Mierendorff, Wahlreform 1930a, S. 412: „Es ist ein Kampf zwischen Idee und (Partei-)Maschine, in
dem das Wahlverfahren der Bürokratie (in Partei und Staat!) ein verhängnisvolles Übergewicht gibt“;
Leber, Julius: Aufbruch zu neuem Ziel. Ein Schlusswort zum Parteitag. LV, 17.06.1924; Auszug auch in:
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 50.
956
Mierendorff, Wahlreform 1930a, S. 412.
957
Leber, Todesursachen 1976, S. 232 ff. (Diese Schrift aus dem KZ ist identisch mit Leber, Verbot 1952,
S. 187-247).
958
Leber, Brief an seine Frau, 23.06.1933, dort irrtümlich auf 24.06.1933 datiert, in: Leber, Schriften,
Reden, Briefe 1976. S. 260.
959
Boronski, Reichwein – Arbeiterbildung 1981, S. 81: „Warum trat ich trotzdem [in die SPD; A. d. V.]
ein. Weil ich in einer Arbeiterstadt wie Halle lebend – nicht mehr mit ansehen konnte, wie die organisierte Arbeiterschaft ohne zeitgemäße geistige Führung war“; siehe Brief Reichweins an Bettina Israel,
02.12.1932, in: LBDII S. 117. Vgl. auch Martiny, Dokumentation 1977, S. 380: „Formierung einer innerparteilichen Opposition“.
953
172
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
nur mehr ein „gewisses demokratisches Ritual“ übrig geblieben, das „in vielen Fällen
seinen lebendigen Sinn verloren habe.“960 Seine Kritik galt auch den Führungskräften
und der innerparteilichen Mitbestimmungspraxis und der „Heidenabneigung vor großen
offensiven und schweren Kämpfen.“961 Haubach machte aber auch seine Zielvorstellung
für das Wirken der SPD deutlich. Er stellte sich eine Partei vor, die sowohl „praktischpolitisch“ als auch „geistig“ ihren Standort gefunden hat eine Partei mit einem „Mindestmaß an Verwaltung“, einem „Höchstmaß an Führung“ und einem „gerechte[n] Maß
an Demokratie“. Dies war für Haubach eine „militante Partei.“962
Obwohl stark kritisiert, standen die Sozialdemokraten unter den Kreisauern, wie noch
zu zeigen sein wird, fest zu ihrer Partei und auf dem Boden der Weimarer Verfassung.
3.1.3.2 Das Zentrum
Das Zentrum963 war eine „wirkungsvolle Allianz von drei innerkatholischen Reformbewegungen: der bäuerlichen, der bürgerlichen und der proletarischen“964. Es fungierte
gleichsam „als politischer Ausschuss des Verbandskatholizismus“, geleitet von einer
„außerordentlich heterogenen Spitze aus adligen, geistlichen, bürgerlichen und populistischen Politikern.“965
Das Zentrum verstand sich zwar in den 20er-Jahren als „Verfassungspartei“, die für
„staatserhaltende und staatsfördernde Politik“ aus ihrer christlichen Weltanschauung
stand, aber in ihrem republikanischen Bekenntnis schwankend war. Auf dem
4. Reichsparteitag 1925 einigte man sich schließlich auf eine Resolution, in der sich
„das Zentrum zur Politik bekannte“, aber als „Verfassungspartei“ sich grundsätzlich für
verschiedene Staatsformen offen erklärte.966 Seefried stellt im politischen Katholizismus
der Weimarer Republik drei Strömungen fest: einen demokratischen Flügel unter Erzberger und Wirth, der sich rasch mit der entstehenden Republik identifizierte967, die
Teilgruppe des katholischen „Vernunftrepublikanismus, die auf dem Boden der gegebenen Tatsachen politische Verantwortung trug, ohne sich aber voll zu ihr zu beken960
Haubach, Die militante Partei 1931, S. 209 ff.
Haubach, Die Generationenfrage 1930, S. 88.
962
Haubach, Die militante Partei 1931, S. 212 f.
963
Siehe auch Reichweins Einschätzung des Zentrums: „Das Zentrum ist die am festesten begründete und
dauerhafteste der deutschen Parteien anzusehen, denn es enthält seine politischen Ideen aus seiner tiefen
Verwurzelung in der katholischen Kirche, deren Traditionskraft ungebrochen ist“; Prerower Protokoll
1932, in: LBDII S. 384.
964
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 356 f.
965
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 357.
966
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 57.
967
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 59 f.
961
173
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
nen“968, und schließlich eine konservativ-monarchistische, zum Teil rechtskatholische
Strömung.969 Letztere brach 1919/1920 einen Verfassungsstreit vom Zaun wegen eines
angeblichen Widerspruchs zwischen Weimarer Reichsverfassung, die keinen Gottesbezug hatte, und katholischer Staatsauffassung, wonach nur Gott Schöpfer der Staatsgewalt sein könne.970 Besonders die BVP pflegte monarchistische Leitbilder. Innerhalb
dieser dritten, rechtskatholischen Strömung gab es auch Gruppierungen, die stärker mit
autoritär-ständischen und diktatorischen Konzeptionen liebäugelten, wobei „moderne“
nationalistische, völkische und führerideologische Ideen eine Rolle spielten.971 Solche
Ideen wurden von dem Jesuitenpater und Redakteur der Stimmen der Zeit, Max Pribilla
SJ, teilweise genährt, wenn er wegen des Parteiengezänks nach nationaler Konzentration rief:
Das Volk fühlt seine Not und hat seine Wünsche, findet aber nicht selbst den Weg zu seiner
Rettung und Erlösung; es erwartet, daß ihm dieser Weg von oben, von den Führern gezeigt
werde. Wenn es zu seiner Regierung aufschaut, will es dort nicht das Widerspiel seiner
eigenen Rat- und Hilflosigkeit sehen, sondern weitsichtige, kraftvolle Persönlichkeiten mit
einem klaren Programm […]. Diese Führer müssen dem Volke Ideale und Ziele weisen
[…]. Solche Führer werden im Volke eine breite Vertrauensgrundlage haben, und ihnen
wird das Volk auch dann Gefolgschaft leisten, wenn sie ihm zur Erreichung der vorgesteckten Ziele schwere und schwerste Opfer auferlegen sollten.972
Aber Pribilla, der Kollege von Delp, verlangte auch Rechtssicherheit, lehnte eine Diktatur ab, denn diese würde Einheit nicht fördern, sondern gefährden973, und der Staatsmann müsse in der großen Bewegung des Sozialismus durch alle Irrtümer hindurch das
Soziale sehen974. Pribilla forderte keinen christlichen Staat, aber christliche Staatsmänner, wie auch Moltke später fordern wird.975 Nach Pribilla war die Not aus der Sicht von
1932 nur durch einträchtige Zusammenarbeit aller Klassen und Parteien zu meistern, er
lehnte „Parteiherrschaft“ ab, jedoch machte er auch klar, dass keine Partei das Recht
habe, sich mit dem ganzen deutschen Volk gleichzusetzen.976
Das Zentrum erwies sich bis 1930 „als pragmatischer, allgegenwärtiger politischer Partner, der seine strategische Position unter den neuen Verfassungsbedingungen“977 wirksam nutzte. In der Schlussphase allerdings war eine Abwendung von seiner demokra-
968
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 61.
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 64.
970
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 64.
971
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 64 f.
972
Pribilla, Nationale Konzentration 1933, S. 5.
973
Pribilla, Nationale Konzentration 1933, S. 6.
974
Pribilla, Nationale Konzentration 1933, S. 8.
975
Pribilla, Nationale Konzentration 1933, S. 10.
976
Pribilla, Nationale Konzentration 1933, S. 12.
977
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 357.
969
174
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
tisch-republikanischen Politik hin zu einer rechtskonservativ-ständestaatlichen Haltung
festzustellen.978 Kaas rief nach einem Führertum großen Stils und förderte den Aufstieg
Heinrich Brünings. Er steht für Entparlamentarisierung und in Konsequenz für Entdemokratisierung, obwohl er den offenen Verfassungsbruch vermied. Brüning ist nach
Seefried so im Kern nicht mehr zu den katholischen Vernunftpolitikern zu rechnen.979
Als sich der Zentrumsführer Kaas im April 1933 nach Rom in den Vatikan absetzte,
wurde Brüning zu seinem Nachfolger als Vorsitzender des Zentrums sowie dessen
Reichstagsfraktion gewählt. Brüning proklamierte die Weiterexistenz und Selbstbehauptung der Partei und rief zur „Rettung der Freiheit Deutschlands“ auf.980 In diesem
Sinne trat am 31. Mai und 01. Juni 1933 die Zentrumsführung mit den Fraktionen im
Reichs- und preußischen Landtag in Berlin zusammen. Auf Veranlassung Brünings referierte Peters über den „Rechtsstaat“981, was nach dem Bericht eines Zeugen zur Bestürzung Brünings bei den Teilnehmern kaum noch auf Interesse gestoßen sei.982 Das
Zentrum war zwar gegen Diktatur, „hatte aber mit den ambivalenten Überlegungen zu
einer autoritativen […] Regierung gelitten, und das vernunftrepublikanische Bild der
Verfassungspartei wurde schließlich – aus einem schwer zu entwirrenden Motivbündel
und unter dem Druck des Terrors – mit der Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz
preisgegeben.“983
Es wird im Weiteren zu untersuchen sein, welcher der aufgezeigten Strömungen die
katholisch bekennenden Kreisauer zuzurechnen sind und welche vergemeinschaftenden
Aspekte sie mit den sozialistischen Kreisauern gemeinsam haben.
3.1.3.3 DDP/DVP/DNVP
Die Deutsche Demokratische Partei (DDP), entstanden aus der kaiserdeutschen „Fortschrittlichen Volkspartei“, verstand sich als liberale Sammelpartei und präsentierte sich
als nichtsozialistische, nichtreaktionäre Alternative.984 Sie wollte als klassenverbindende Partei die politischen Interessen des ganzen Volkes vertreten985 und bot mit einer
978
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 357.
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 81.
980
Morsey, Der Untergang des politischen Katholizismus 1977, S. 169.
981
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26; Peters, Die Beratungen der Zentrumsfraktion
1933.
982
Morsey, Der Untergang des politischen Katholizismus 1977, S. 187, S. 266, Fn. 24.
983
Seefried, Verfassungspragmatismus 2008, S. 84.
984
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 355.
985
Hertfelder, Meteor 2008, S. 38.
979
175
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
relativ undogmatischen Programmatik986 argumentative Freiräume, die auch in der Diskussion um die Legitimität der Republik genutzt werden konnten.987. Mit der DDP verbindet sich der Name Friedrich Naumann, der nach dem Versagen der deutschen Monarchie 1919 die neue Staatsform als Substitut der Monarchie einführte.988 Steltzer war
ein Anhänger Naumanns.
Die DDP band die Hochfinanz und den Großhandel, Teile des Bildungsbürgertums und
der mittelständischen Berufsklassen an sich. Die „Vernunftrepublikaner“ in der DDP
bekannten sich jedoch nur kärglich zur neuen Staatsform.989 „Wir werden Demokraten“,
erläuterte Meinecke in seinem Geleitwort zu Troeltschs „Spektator-Briefen“, „weil auf
keinem anderen Weg die nationale Volksgemeinschaft und zugleich die Lebensfähigkeit
aristokratischer Werte unserer Geschichte […] erhalten werden kann.“990 Bereits 1920
begann in der DDP ein Erosionsprozess und sie verlor ihr rechtsliberales Wählerpotenzial an die Deutsche Volkspartei (DVP), einen alten Rivalen des Linksliberalismus, an
deren Spitze sich sogleich Gustav Stresemann, die einzige rechtsliberale Führungspersönlichkeit, setzte. Wie schon erwähnt, wurde die DVP immer rechtslastiger und war
von den starren Konservativen der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) kaum mehr
zu unterscheiden.
Die DNVP, ein Zusammenschluss der ehemaligen „Deutsch-“ und „Freikonservativen“,
erreichte in den schweren Jahren 1920 bis 1924 ihr politisches Hoch.991 Ihr gelang es in
dieser krisenreichen Zeit, sich als einzige stramm nationalistische, friedensverweigernde, ultrakonservative Alternative zu den Parteien der Weimarer Koalition zu präsentieren. Die Nachkriegsstimmung, der gekränkte Nationalismus, der durch Niederlage und
„Reparationsterror“ verletzte Stolz trieben das Wasser auf ihre Mühlen.992 Die DNVP
band mit ihrem unverhohlenen Protest gegen „die Vorherrschaft des Judentums“ das
sich vergrößernde Potenzial der Antisemiten und Völkischen an sich.
986
Hertfelder, Meteor 2008, S. 38.
Bei der Wahl am 31.07.1932 wählte die Mutter Moltkes, Dorothy Moltke, die DDP und gab dabei
ihren Eltern ein interessantes Bild des sich bietenden Parteienspektrums: „Ich habe die Staatspartei gewählt. […] Es war nicht leicht zu entscheiden, was das Richtige ist. Auf der Rechten sind die Nazis und
die Deutschnationalen, auf der Linken die Sozialisten und Kommunisten, in der Mitte, aber mit Neigung
nach links, das Zentrum. Alle diese Parteien widern mich an. Die Staatspartei [die DDP war Teil der 1930
gegründeten Deutschen Staatspartei; A. d. V.] ist klein, aber immer auf der liberalen und fortschrittlichen
Seite, und hat einige der besten parlamentarischen Abgeordneten“; in: Moltke, Dorothy, Leben 1999,
S. 206.
988
Hertfelder, Meteor 2008, S. 32.
989
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 356.
990
Zit. nach Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 356.
991
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 357 f.
992
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 358.
987
176
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3.2
Gesellschaftspolitische Verortung
Nachdem die Weimarer Zeit mit ihren Brüchen und ihrem Parteienspektrum aufgezeigt
wurde, soll vor diesem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Verortung der Kreisauer nachgespürt werden, um ihr vergemeinschaftendes Potenzial abzuschätzen. Die
Kreisauer kamen aus allen parteipolitischen Lagern außer der extremen Rechten oder
Linken. Sie fanden sich aber alle in einer großen Koalition zur Erarbeitung von Planungsgrundsätzen für die Zeit „danach“. Was ermöglichte ihnen bei dieser heterogenen
parteipolitischen Ausgangslage, sich zu vergemeinschaften, welches „soziale Handeln“
im Sinne Max Webers befähigte sie zu diesem Prozess? Als These kann die Aussage
von Günter Schmölders gewagt werden, dass das Kreisauer Konzept
… von dem Bestreben geprägt war, einerseits die von den Nationalsozialisten mit Füßen
getretene sittliche Würde des einzelnen Menschen, des Menschen als „Person“ wiederaufzurichten und für die Dauer zu sichern, andererseits alle die Fehler zu vermeiden, die im
Weimarer Parteienstaat zu den abträglichen Erscheinungen einer Massendemokratie voll
pluralistischer Interessenkämpfe geführt hatten, an denen dieser Staat gescheitert war.993
Der erste Teil der These wird stärker bei der im nächsten Kapitel zu betrachtenden religiösen Verortung zu beachten sein; hier wird unter Verwendung des beschriebenen
Deutungsmusters die Frage signifikant sein, wie die Kreisauer zur Weimarer Republik
standen. Waren sie Vernunft-, Gelegenheits- oder engagierte Vernunftrepublikaner oder
gar Verfassungsgegner und durch welches soziale Handeln wurden sie zur Vergemeinschaftung befähigt?
Bei der Erörterung gesellschaftspolitischer Verortung sollen zunächst der Mittelpunkt
des Kreises, Moltke und Yorck, betrachtet und dann die Sozialisten, die Zentrumsanhänger und schließlich die Anhänger der liberalen sowie der nationalkonservativen Partei behandelt werden. Bedeutsam ist es, zu untersuchen, ob sich die Freunde im Einzelnen zur politischen Mitarbeit innerhalb oder außerhalb einer Partei bekannten, wodurch
sie zum politischen Handeln veranlasst wurden und vor allem, wie sie zur Weimarer
Verfassung standen. Die Quellenlage für diese Untersuchung ist sehr unterschiedlich.
Am besten ist sie bei den „militanten“ Sozialdemokraten, die sich in dieser Zeit stark
öffentlich politisch äußerten, und natürlich bei Moltke, von dem es auch Eigenzeugnisse
und vielfältige Zeugnisse von Zeitgenossen gibt.
993
Schmölders, Personalistischer Sozialismus 1969, S. 14.
177
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3.2.1
Helmuth von Moltke
Schon in früher Jugend wurde bei Moltke das politische Interesse vor allem durch die
politische Aufgeschlossenheit der Mutter geweckt. 1926 schrieb sie an ihre Eltern:
Ich persönlich glaube, daß die republikanische Idee mit der Zeit wachsen und das konservative Ideal überflügeln wird, denn die jüngere Generation ist entweder wild konservativ
oder, und das ist bei den besseren und freieren Gemütern der Fall, ist ganz bereit, die Republik als ihre Regierungsform zu akzeptieren.994
Moltke hatte von seiner englischen Mutter einen freien, weltoffenen Geist erhalten und
„alle überholten nationalen und gesellschaftlichen Vorurteile und Bindungen überwunden.“995 In der Weimarer Zeit bezeichnete sich die Mutter als Sozialdemokratin996,
wählte aber die DDP bzw. Staatspartei997, während der Vater Mitglied der DVP war.998
Dies war ein beachtlicher Schritt gegen die Monarchie zur Republik, da konservative
Standesgenossen ihre Heimat in der DNVP hatten und die Republik von Weimar erbittert bekämpften.
Sohn Helmuth beschreibt in seinem Lebenslauf von 1926 seine ersten politischen Eindrücke in der Zeit der großen Parteikämpfe, „in denen jeder den anderen beschimpfte
und seine eigene Lehre für die einzig seligmachende hielt. Diese Zeit hat auf mich eine
große Wirkung gehabt, indem sie mich von der Falschheit aller überzeugte, und zwar
dadurch, daß ich jede einmal vertrat.“999 Im November 1928 schrieb der 21-jährige
Moltke bei der Schilderung seines geplanten Lebensentwurfs an seinen Großvater in
Südafrika: „I am sure, that my life is not law, but politics.“1000 Bereits 1924 hatte die
Mutter an ihre Eltern geschrieben: „Er hat sehr starkes Interesse an Politik und hat dank
seinem englischen Blut viel mehr Eignung dafür als die meisten Teutonen. Muß ich
euch sagen, dass er nicht deutschnational ist?!“1001 Trotz dieser Ambitionen war Moltke
nie in der Politik aktiv und gehörte auch nie einer Partei1002 an. Er selbst schlug seiner
994
Moltke, Dorothy, Leben 1999, S. 126.
Steltzer, Sechzig Jahre1966, S. 149.
996
Moltke, Dorothy, Leben 1999, S. 61.
997
„I have voted for the Staats Partei. […] The Staatspartei is small, but will always be found on the liberal and progressive side, and has some of the best members of parl[i]ament, among others Koch-Weser
[Erich Koch-Weser war 1919-1921 Reichsinnenminister und 1928-1929 Reichsjustizminister; A. d. V.]
who is the Rechtsanwalt in Berlin where Helmuth James is going to work”; in: Moltke, Völkerrecht 1986,
S. 76 f. In der 1930 gegründeten Deutschen Staatspartei sammelten sich DDP, Volksnationale Reichsvereinigung, Jungdeutscher Orden sowie Vertreter christlicher Gewerkschaften und Jungliberale aus der
DVP; in: Moltke, Völkerrecht 1986, S. 77, Fn. 1.
998
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 336.
999
Moltke, Lebenslauf, 25.09.1926; in: Moltke, Völkerrecht 1986, S. 40 f.
1000
Moltke, Helmuth an seinen Großvater, 12.11.1928, DLA, Nachlass A:Moltke, S. 3.
1001
Moltke, Dorothy, Leben 1999, S. 101.
1002
„As far as I know Helmuth never belonged to any political party. He was (what Germans called then)
‘internationally minded’. This stemmed I should say from his mother’s background and also from his
995
178
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Frau vor, in einem Gnadengesuch vom 16. Januar 1945 an Heinrich Himmler seinen
„mangelnden politischen Ehrgeiz und [s]eine sozialistischen Tendenzen“1003 herauszustreichen. Wie seine Mutter wird er wohl anfangs mit der linksliberalen DDP sympathisiert haben. Dies legen auch seine Bekanntschaften mit Professor Hellpach, der ihn in
der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft unterstützte, oder mit Reichsjustizminister a. D.
Eugen Schiffer und Koch-Weser nahe. Auch bewunderte er Stresemann, wie ein Brief
seiner Mutter nach Kapstadt im Juni 1924 verriet.1004
Die wohl ausführlichste Darstellung seiner politischen Ansichten vor 1933 kann aus
Molkes Artikel „Youth Looks in and out“1005, den er auf Veranlassung seiner amerikanischen Journalisten-Freunde Edgar und Lilian Mowrer für die amerikanische Zeitschrift „The Survey“ anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Weimarer Republik
schrieb, entnommen werden. Bei seiner Schilderung der Probleme und der Ziele jener
Zeit betrachtete er die Reichsreform, möglichst mit bundesstaatlicher Struktur, als vordringlich. Dem Reich, als einem Gebilde unabhängig von den einzelnen Staaten, sollten
nur die Kompetenzen in den Bereichen Justizverwaltung, Verteidigung und Außenpolitik zugestanden werden. Außenpolitisch plädierte Moltke für eine europäische Zielrichtung und für eine Annäherung zwischen Frankreich1006 und Deutschland. Moltke setzte
sich auch kritisch mit den Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft und dem Verhältnis der Klassen auseinander. Er betont den Primat der Politik über die wirtschaftlichen Aspekte, was einer Zustimmung staatlicher Intervention in der Wirtschaftspolitik
gleichkam, und zur Lösung der Disparitäten zwischen Stadt und Land, Akademikern
und Nichtakademikern, dem Kern des Klassenproblems, schlägt er vor:
We hope that this great gulf between the two differently educated citizens will at least
partly disappear with the help of the new system of education, which prescribes the same
fundamental schooling for all up to the age of special training.1007
In diesem Aufsatz scheinen die Grundzüge des Moltke‘schen Denkens auf, sein Bild
des Menschen und der Gesellschaft, wie es sich auch später in seiner Denkschrift „Aus-
deeply humanitarian feelings: all men are brothers.” Brief Lilian T. Mowrer, 31.07.1964, IfZ, ZS/A-18,
Bd. 5, S. 1.
1003
HFM S. 515.
1004
Moltke, Dorothy, Leben 1999, S. 100.
1005
Moltke, Youth Looks in 1929, S. 69-74.
1006
„So stand er in Verbindung mit dem Leiter des Berliner Büros des deutsch-französichen Studienkomitees, Pierre Viénot (Mitteilung von J. W. von Moltke). Dieses Komitee war 1926 von dem luxemburgischen Stahlindustriellen Emil Mayrisch (1862-1928) gegründet worden“; in: Moltke, Völkerrecht 1986,
S. 31, Fn. 57.
1007
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 72.
179
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
gangslage, Ziele und Aufgaben“1008 manifestierte: „Die Freiheit, die Erziehung, der Einsatz und das Verantwortungsgefühl des einzelnen fungieren als Orientierungsrahmen.
Daran werden sämtliche Vorschläge für den Staats- und Gesellschaftsausbau gemessen.“1009
Bemerkenswert ist, dass Moltke sich gegensätzlich zu seiner Gesellschaftsschicht verhielt. Seine Mutter schrieb am 15. August 1928 nach Kapstadt, dass ihr Sohn Helmuth
nach dem Referendarexamen von der polnischen Regierung die Möglichkeit bekommen
habe, bei freier Eisenbahnfahrt ganz Polen zu bereisen und darüber zu berichten, weil
man ihn wegen seiner Fähigkeiten schon als einen der kommenden Männer des jungen
Deutschlands ansehe und „weil so wenige aus dem Adel bereit sind, an der Zukunft des
republikanischen Deutschland teilzunehmen“1010. Husen charakterisierte Moltkes Haltung zu seiner Gesellschaftsschicht so: „Er wusste auch, dass es neben den berechtigten
Interessen seines Standes andere, vielfach nicht voll erfüllte wohlbegründete Ansprüche
gab, für deren Einklang gesorgt werden müsste, auch unter Opfern.“1011 Seine Frau
Freya schließlich sagte: „Er hat keiner Partei wirklich angehört, aber er vertrat Ansichten, die viele als für einen jungen Mann seiner Herkunft unpassend ansahen und galt als
sehr ‚links’.“1012 Nach Poelchau entsprach Moltke nicht dem Bild schlesischer Grundbesitzer, und er sprach Moltke zu, was Fontane über den alten Stechlin sagt:
„Und der alte Dubslav, nun, der hat dafür das im Leibe, was die richtigen Junker alle haben:
ein Stück Sozialdemokratie. Wenn sie gereizt werden, bekennen sie sich selbst dazu.“ Das
heißt in unserer Sprache, die richtigen Junker überspringen aus konservativem sozialem
Verantwortungsgefühl ihre Klassenschranken.1013
Sein Gegensatz zu seiner Herkunft wird auch in seinem Verhalten zu seinem Klassenkameraden Louis Ferdinand, mit dem er immer per Sie verkehrte, deutlich. Nach Freya
habe er zu den Hohenzollern noch etwas mehr Distanz haben wollen, „denn er beurteilte
ihre Rolle in der deutschen Geschichte sehr kritisch und war immer ein Republikaner“1014.
Lilian Mowrer bezeugt, dass Moltke große Hoffnungen für die Zukunft der Weimarer
Republik hegte, aber er habe auch ihre Fehler gesehen:
1008
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 154.
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 17.
1010
MBF S. 39.
1011
Husen, Paulus van: In memoriam Moltke und Yorck. 20.07.1944. IfZ, ED 88-1, S. 2.
1012
MBF S. 41.
1013
Poelchau, Ordnung 1963, S. 95.
1014
MBF S. 30.
1009
180
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
[…] its refusal to take decisive steps – to unmask the charges that Hitler and his gang were
making. […]. Hindenburg could have banned, with a stroke of a pen, the private armies, destroyed the myths which bound the Führer to his public and convinced the people that the
depression they suffered was due to war and not peace. Helmuth was critical of this continuing weakness.1015
Moltke kritisierte auch das Regieren mit Notverordnungen und nahm die nationalsozialistische Gefahr sehr ernst. In Hitlers Buch „Mein Kampf“ erkannte er im Gegensatz zu
vielen anderen Hitlers Programm und hielt auch andere zur Lektüre an.1016 Auch wenn
er auf dem Boden der Weimarer Republik stand, wollte er später im Rahmen der Planungsarbeiten für die Neuordnung nicht mehr zurück zur Weimarer Verfassung, das
wird in den am 09. August 1943 verabschiedeten Grundsätzen deutlich.
War nun Moltke ein Vernunftrepublikaner in seiner Stellung zur Weimarer Verfassung?
Mit Sicherheit war die Monarchie für ihn keine Alternative. Er war ohne Zweifel ein
Republikaner, aber er sah ihre Schwächen und wollte nicht mehr zur Weimarer Verfassung zurück, was ihn von den „Exzellenzen“ des Goerdelers-Kreises unterschied.
3.2.2
Peter Yorck von Wartenburg
Während Moltkes Weltbild von dem liberalen Gedankengut seiner Mutter geprägt war,
stand Yorck unter dem Einfluss seines umfassend humanistisch gebildeten, streng konservativen Vaters, erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses.1017 Dieser Konservatismus schloss allerdings den Gedanken sozialer Verantwortung ein. Der Vater, Heinrich von Yorck, trauerte wie die meisten seiner Standesgenossen der Monarchie nach
und war der Weimarer Republik gegenüber eher feindselig eingestellt. Dies kam auch in
dessen Aufsatz „Bismarcks Vermächtnis“ in der Zeitschrift „Die Tradition“ von 1922
zum Ausdruck, wo „die Stimme eines antidemokratischen und antirepublikanischen
Mannes“ spricht, „der die bessere Tradition Preußens für eine bessere Zukunft beschwört“1018. Die preußischen Konservativen sammelten sich in der DNVP, welche die
junge Demokratie bekämpfte. „Inwieweit diese streng konservative, antirepublikanische
Haltung auf Peter Yorck abfärbte, ist nicht festzustellen.“1019 Nach den Verhandlungsakten vor dem VGH allerdings sympathisierte Yorck1020 mit der DNVP und wählte in
der Anfangsphase nach eigenen Worten sogar die NSDAP, trat der Partei jedoch nicht
1015
Lilian T. Mowrer: Brief 31.07.1964. IfZ, ZS/A-8, Bd. 5, S. 1.
MBF S. 54.
1017
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 129.
1018
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 189.
1019
Ullrich, Kreis 2008, S. 29 f.
1020
Politisch rechnete sich Yorck zu den Befürwortern der konservativen Deutschnationalen Volkspartei;
in: Meding, Mit dem Mut 1992, S. 191.
1016
181
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
bei.1021 Ullrich vermutet mit Steinbach, dass die Forderung der Revision der Versailler
Verträge für diese Wahl eine Rolle gespielt haben mag.1022 Brakelmann betrachtete
Yorcks Dissertation1023 über die revolutionären Arbeiter- und Soldatenräte, in der diese
nach dem Satz „Civitas non moritur“ die Organe dieser Übergangszeit und bis zur Verfassung der Weimarer Republik Träger der tatsächlichen Regierungsgewalt waren, näher. Er konnte keinen antirepublikanischen Unterton feststellen.1024 Ob dies für ein
überzeugendes Bekenntnis zu Weimar ausreicht, bezweifelt Ullrich1025, Steinbach bestätigt dies jedoch, wenn er sagt:
In der Dissertation deutete Yorck die Novemberrevolution 1918 nicht als Ende des Deutschen Reiches wie manche seiner konservativen Zeitgenossen, sondern er verfocht die These, die Übertragung der monarchischen Gewalt an die neuen Machthaber sei als Geburtsstunde und als Ausgangspunkt einer neuen Legitimität zu deuten.1026
Gerstenmaier sah in Yorck in den Gesprächen einen aufgeschlossenen Denker, der, „herangewachsen in der kritischen Distanz des Feudalismus zu Parlament und Demokratie,
den Sozialismus als Häresie, die Revolution als Blasphemie“1027 betrachtete. „Er war so
wenig ein Verfechter des hergebrachten Besitzes“, so Gerstenmaier weiter, „er stellte
die Interessen, auch die vitalen wirtschaftlichen Interessen seines eigenen Standes, so
vorbehaltlos zur Diskussion, dass er dabei mit Helmuth Moltke konkurrieren konnte.“1028
Yorck und Moltke, die beiden schlesischen Großgrundbesitzer, hatten die Distanz zur
ihrer Gesellschaftsschicht gemeinsam. In der Ablehnung der Monarchie als Staatsform
waren sie sich einig, und auch Yorck kann auf dem Boden der Weimarer Verfassung
verortet werden.
3.2.3
Sozialdemokratische Kreisauer
Bei den Kreisauern kann man unterschiedliche Gruppen der Sozialdemokraten feststellen. Da waren zunächst die sogenannten „militanten“ Sozialdemokraten Mierendorff,
Haubach und Leber, die am engsten mit dieser Partei verbunden waren und die nach der
Machtergreifung sofort KZ-Haft erleiden mussten. Dann wäre Reichwein zu nennen,
1021
Budde, Die Wahrheit über den 20. Juli 1952, S. 83.
Ullrich, Kreis 2008, S. 32; Steinbach, Gesichter des Widerstands 2004, S. 87.
1023
„Die Haftung der Körperschaften des öffentlichen Rechts für Maßnahmen der Arbeiter- und Soldatenräte.“
1024
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 191.
1025
Ullrich, Kreis 2008, S. 30.
1026
Steinbach, Gesichter des Widerstands 2004, S. 86 f.
1027
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 185.
1028
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 185.
1022
182
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
der von der pädagogischen Seite zur sozialdemokratischen Richtung stieß, und Trott,
den von Jugend auf eine sozialistische Haltung prägte. Einsiedel, Trotha und Poelchau
standen der Sozialdemokratie ebenfalls nahe, ohne dass sie sich politisch besonders
hervortaten.
Die drei „militanten“ Sozialdemokraten sollen zunächst behandelt werden, denn sie
identifizierten sich wohl am stärksten mit ihrer Partei und von diesen drei Journalisten
liegen auch die meisten Egozeugnisse vor. Sie publizierten zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen in: „Hamburger Echo“ (Haubach), „Lübecker Volksbote“ (Leber),
„Marxistische Tribüne“, „Neue Blätter für den Sozialismus“, „Sozialistische Monatshefte“, „Die Gesellschaft“ oder „Die Justiz“. Hier soll jedoch nicht die ganze Breite ihrer
kämpferischen politischen Tätigkeit betrachtet werden, sondern besonders der Ausschnitt ihres sozialen Handelns, das sie zur Vergemeinschaftung mit den anderen Kreisauern befähigte. Gleichwohl wird auch bei dieser politischen Betrachtung die Heterogenität der politischen Teilhabe deutlich. Es soll aufgezeigt werden, warum und mit welchen Motiven und Zielen diese militanten Sozialdemokraten ihrer Partei beitraten, was
sie in ihrer Kritik an der SPD und der Weimarer Verfassung vereinte, wie sie den
Kampf gegen die NSDAP aufnahmen, welche Haltung sie zur deutsch-französischen
Versöhnungspolitik und zur Europapolitik einnahmen und wie sie in das Deutungsschema der Vernunftrepublikaner einzuordnen sind.
3.2.3.1 Die militanten Sozialdemokraten: Mierendorff, Haubach und Leber
Im Januar 1920 war der junge Intellektuelle Mierendorff der SPD beigetreten, 1926
bereits besoldeter Sekretär der SPD-Reichstagsfraktion, 1928 Pressereferent des hessischen SPD-Innenministers Wilhelm Leuschner, im September 1930 wurde er mit nur 33
Jahren in den Reichstag gewählt. „Innerhalb der SPD zählte Mierendorff zu den Wortführern der sogenannten Jungen Rechten, die eine Erneuerung der in ihren Augen verkrusteten Partei forderte und dafür plädierte, das nationale Thema nicht den Extremisten
von rechts zu überlassen.“1029 Das Motiv für seinen Beitritt zur SPD beschrieb Mierendorff in seinem Lebenslauf:
An der Front hatte ich den deutschen Arbeiter als […] Kameraden erlebt und achten gelernt. Die Arbeiterschaft als einen der wertvollsten Teile unseres Volkes durch politische
und soziale Gleichberechtigung in den Staat einzugliedern, erscheint mir nun als die wichtigste nationale Aufgabe, und als ehemaliger Frontsoldat hielt ich es für meine Pflicht, auch
mich selbst in den Dienst dieser Aufgabe zu stellen. Unter diesem Gesichtspunkt betrieb ich
mein Studium und aus diesem Grund ging ich nach Beendigung meines Studiums 1923 in
1029
Ullrich, Kreis 2008, S. 42; Vogt, Nationaler Sozialismus 2006.
183
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
die Politik. Ich trat für den Aufbau einer demokratischen Republik ein […] und ich wurde
Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, weil ich in ihr […] die politische
Verkörperung der traditionellen Ideen der deutschen Arbeiterschaft erblickte.1030
Dieses Bekenntnis ist umso bemerkenswerter, als es 1938 für den Eintritt in die Reichsschrifttumskammer nach seiner Freilassung als politischer Gefangener geschrieben
wurde. Mierendorff ging es um den Kampf um die Republik als Voraussetzung für das
Gemeinwesen des Sozialismus, den er als Ziel der SPD sah und an dem er als reformistischer Sozialist festhielt.1031 Mierendorff hatte eine militante Demokratie im Auge und
er propagierte mit Haubach „geradezu eine Militarisierung von Teilen des Funktionskörpers unter ausdrücklicher Berufung auf Erfahrungen mit militärischen und politisch
militanten Organisationen.“1032 Kampfziele noch im Januar 1933 waren: sozialistische
Planwirtschaft, sozialistische Demokratie und sozialistisches Europa.1033 Diese Ziele
erinnern stark an Gedanken in den Kreisauer Grundsatzbeschlüssen, in denen die Arbeiterschaft eine der beiden tragenden Säulen war; Mierendorff hatte nur die Kirche als
potenzielle Neuerungskraft noch nicht im Auge.
Auch Mierendorffs Freund Haubach trat sehr früh in die SPD ein. Die Mitgliedschaft
erwarb er 1922, und ab 1923 war er wissenschaftlicher Hilfsarbeiter am Institut für
Auswärtige Politik in Hamburg, wo er 1927 in die Bürgerschaft gewählt wurde. Von
1928 an war er wie Mierendorff Mitglied der Wehrkommission. Ein wichtiges Ziel für
seine politische Arbeit sah Haubach, wie er 1928 in einer Wahlveranstaltung propagierte, in einer breiten Demokratisierung aller Lebensbereiche. Er schrieb in einem Artikel:
[…] eine unersetzbare Voraussetzung für jede republikanische Staatsform – für die erste
deutsche Republik [wäre] der „mündige Bürger“ in besonderer Weise notwendig gewesen,
um sich gegen traditionell-kaiserliche Strukturen in den Apparaten zur Wehr zu setzen und
um die zu Parolen verkommenden Aussagen der Politiker zu durchschauen und ihnen zu
widerstehen.1034
Hier klingen Forderungen an, wie sie Moltke in seinem Memorandum „Kleine Gemeinschaften“ formulierte.
Leber, noch im Kaiserreich 1891 als uneheliches Kind mit dem Namen Jérôme Jules
Schubetzer1035 geboren, gibt in einem Artikel des „Lübecker Volksboten“1036 an, dass er
1030
Mierendorff, Carlo: Lebenslauf, Berlin, Mai 1938. AdsD, Signatur 265RKK; Mierendorff; Karl,
24.03.1897, Lebenslauf, Berlin, Mai 1938, Bestand Reichsschriftumskammer. BDC (Außenstelle BA
Koblenz)
1031
Mierendorff, Republik oder Monarchie 1926; S. 437.
1032
Martiny, Dokumentation 1977, S. 389.
1033
Mierendorff, Positive Kampfziele 1933, S. 123-124.
1034
Haubach, Arbeitsgemeinschaft der SPD-Orpo 1928.
1035
Copie d’acte de baptême, Paroisse Saint Jean-Baptiste de Biesheim, le 21. Novembre 1891, ausgestellt am 14.02.2009. Danach wurde Leber durch die Heirat seiner Mutter mit Jean Leber am 29.11.1895
„legitimiert“.
184
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
schon als Schüler, also schon vor dem Ersten Weltkrieg, Sozialdemokrat gewesen sei.
Ein erstes Motiv für den Parteieintritt mag gewesen sein, dass die SPD sich schon
1870/71 gegen die Annexion des Elsasses ausgesprochen hatte und „seit 1895 und bis
Kriegsende für die elsaßlothringische Autonomie eintrat“1037. Beck stellt fest: „Für Leber war Politik für Republik und Demokratie identisch mit sozialdemokratischer Politik.“1038 Leber zog eine politische Entwicklungslinie von den Befreiungskriegen über
1848 bis hin zum 09. November 1918.1039 Beck analysierte dies anhand verschiedener
Artikel Lebers im „Lübecker Volksboten“ von 1921 bis 1927 und stellte Lebers Selbstverständnis der Sozialdemokratie heraus:
Allein die Sozialdemokratie könne, aufbauend auf den Idealen des 19. Jahrhunderts, die
Idee des Sozialismus, die neue „Erscheinungsform des Strebens des Menschen nach Befreiung“, „den sozialen Arbeitsstaat des 20. Jahrhunderts“ schaffen. Allein durch die Demokratie könne diese Idee verwirklicht werden. Leber umriß die Zielvorstellung mit dem
Begriff „soziale Demokratie“, und „soziale Republik“. Er stellte sich das so vor, daß an
„die Stelle des Besitzes […] die Arbeit […] treten“ und die „Arbeit in den Mittelpunkt der
Gesellschaft, des Volkes und der Nation treten“ und „der Arbeiter völlig der Träger des
Staatsgedankens sein“ werde.1040
Als politisches Ziel stellte Leber in seiner im KZ verfassten Schrift „Gedanken zum
Verbot der deutschen Sozialdemokratie“ „unverrückbar“ fest:
Die Überwindung der kapitalistischen Epoche mit ihrem egoistisch-ökonomischen Liberalismus und die Proklamierung der menschlichen Arbeit als Fundament sozialer Geltung.
[…]. Dem arbeitenden Menschen eine bessere Zukunft zu bauen auf den festen Fundamenten von Gerechtigkeit und Freiheit.1041
Bei den Motiven zur Zugehörigkeit zur SPD ging es allen drei um die zukünftige Stellung der Arbeiterschaft und ihre Teilhabe am demokratischen Leben der Republik. Dies
war später für Moltke neben dem Christentum einer der tragenden Pfeiler der Kreisauer
Neukonzeption.
Die hohe Identifikation dieser drei „militanten“ Sozialdemokraten mit ihrer Partei
schloss aber ihre teils vehemente Kritik an der Partei, wie bei der Beschreibung der
Weimarer SPD bereits angemerkt wurde, und an der Weimarer Verfassung keineswegs
1036
Leber, Julius: LV vom 29.05.1923. Artikel u. a. über seinen Parteieintritt.
Wehler, Krisenherde des Kaiserreichs 1970, S. 47, 22, 58.
1038
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 47.
1039
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 57 f.
1040
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 58 f.
1041
Leber, Weg 1952, S. 247.
1037
185
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
aus. Mierendorff beklagte die fehlende „geistige Erneuerung“1042 des Apparats und seiner produktiven Reformierung, seinen Immobilismus1043,
[…] gerade auch Jugend und Frauen und nicht zuletzt politisch bisher Unerreichte zu gewinnen und insofern auch […] die weitgehend vernachlässigten Gefühle von Massen zu
beeinflussen und das politisch der faschistischen Bewegung zukommende „emotionale Vakuum“ als wichtige „Hohlräume“ der Gefühle positiv zu besetzen.1044
Hertz drückte in seinem Nachruf auf Mierendorff trotz all seiner Kritik jedoch dessen
unbedingte Treue zu seiner Partei aus:
Mierendorff war nicht blind gegen die Schwächen der Partei, deren organisatorischer Aufbau und deren Geist in einer Periode ruhigen Aufstiegs geformt waren, und der nun die
Umstellung auf die Periode des Kampfes um die Macht schwer wurde. Aber so kritisch der
junge Carlo auch der Partei gegenüber stand, die alle Züge des Alterns trug, so wenig er
ihre Kompromisse billigte, so liebte er sie als das einzige Instrument, mit dem die Massen
des Volkes politisch reif gemacht werden konnten.1045
Haubachs Kritik an seiner Partei wird in seinen Nachrufen immer wieder herangezogen.
So schrieb Nowack über Haubach:
Haubach, Schrittmacher in der Partei gerade für ein neues Denken über die Verteidigung
der Nation, war einer der tragenden Gestalter neuer Gedanken und Formen in unseren Reihen. Aber wir konnten uns nicht durchsetzen. Zuviel Vorurteile wurden uns entgegengebracht, zuviele Politiker ruhten selbstgefällig in der jahrzehntealten Phraseologie ihrer Parteien, unfähig einer neuen Zeit einen echten neuen Gedanken zu geben.1046
Haubach war überzeugt, dass „neue Methoden und Formen der psychologischen Technik, der Agitationskunst und der Massenregie gefunden werden müßten“1047. Er kritisierte die althergebrachte „Organisationsdemokratie“ der Partei, die sich in nutzloser
„schablonenmäßig gehandhabte[r] Versammlungstechnik“ ausdrückte, die „politisch
heimatlose […] Volkskreise, vor allem die antikapitalistisch gesonnenen Mittelschichten“1048 nicht ansprach. „Bürokratische Engherzigkeit und ideologische Versteinerungen
waren ihm ebenso zuwider wie parteipfäffische Arroganz.“1049
Auch Leber sah wie andere jüngere Sozialdemokraten, dass es der SPD nicht gelang,
„die Massen mit einem positiven demokratischen Bewußtsein zu erfüllen“, dass die
„Erziehung zur Demokratie und die Ausformung eines wirklichkeitsnahen politischen
Bewußtseins versäumt“1050 worden sei. Er beklagte ebenfalls den bürokratischen Füh1042
Zuckmayer, Pro Domo 1938, S. 55: „Wir hofften, daß sich der vorhandene mächtige Apparat der
sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften durch innere Durchdringung und geistige Erneuerung reformieren und produktiv machen ließe.“
1043
Mommsen, Sozialdemokratie in der Defensive 1979, S. 345-365.
1044
Albrecht, Der militante Sozialdemokrat 1987, S. 100.
1045
Hertz, Carlo Mierendorff zum Gedenken 1944, S. 5.
1046
Nowack, Haubach Unvergessen! 1955, S. 36 f.
1047
Oschilewski, Politisches Gewissen 1955, S. 44.
1048
Oschilewski, Politisches Gewissen 1955, S. 44.
1049
Oschilewski, Politisches Gewissen 1955, S. 44.
1050
Mommsen, Sozialdemokratie in der Defensive 1979, S. 349 ff.
186
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
rungsstil der Partei. Im Gegensatz zu Mierendorff und Haubach beließ es Leber eher bei
vorsichtigen Andeutungen und rechnete erst im KZ 1933, als es für seine Partei zu spät
war, in dem schon erwähnten Memorandum „Die Todesursachen der deutschen Sozialdemokratie“1051 oder an anderer Stelle, als „Gedanken zum Verbot der deutschen Sozialdemokratie. Juni 1933“1052 bezeichnet, ab.
Die Kritik dieser drei Sozialdemokraten bezog sich nicht nur auf ihre Partei, sondern
auch auf die Weimarer Republik, ohne jedoch ihre Haltung zur Republik grundsätzlich
zu beeinträchtigen. Mierendorff schrieb in seinem Rückblick „Nach 14 Jahren“ im Jahre
1932:
[Das] haben [wir] gelernt, dass Demokratie kein Stimmzettel-Automatismus sein darf. […].
Falsche Führerauslese und Nicht-Funktionieren des Parlamentarismus, die Folgen bestimmter Konstruktionsfehler der Weimarer Demokratie – nicht etwa der Demokratie an sich –
haben die deutsche Republik in die höchst kritische Lage gebracht.1053
Damit geißelte Mierendorff das gültige Verhältniswahlrecht, das auch kleineren Parteien die Möglichkeit gab, in den Reichstag zu kommen. Dies stellte er bereits 1930 auch
in seiner brillanten Analyse „Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung“1054 fest. In dem 1932 erschienenen Artikel „Die Republik von morgen“1055 beklagte Mierendorff im Wahlkampf neben anderen die verfassungsrechtlichen Fehlerquellen, wobei er jedoch betonte, dass damit keineswegs „Wesensmerkmale der Demokratie und des Parlamentarismus“ angegriffen werden sollten: „groteske Fehler bei der
Führerauslese“, „Erstarrung des politischen Lebens in bureaukratischen Organisationsbetrieb“, Wahlreform wegen „starre[m] Listenwahlsystem“, notwendige „Reichsreform“. Mierendorff stellte 1932 die Frage „Wäre es nicht besser gewesen, vorbeugend
einzugreifen, durch eine Verfassungsreform die Demokratie weiter zu entwickeln und
damit die Weimarer Verfassung überhaupt erst aktions- und lebensfähig zu machen?“1056
Leber sah schon 1927 im Verhältniswahlsystem ebenfalls etwas „Hemmendes“:
Es verhindert mit Beharrlichkeit große Verschiebungen und Veränderungen im gegenseitigen Stärkeverhältnis der wichtigen Parteien. Und es ermöglicht kleinen Splittergruppen
Unzufriedener oder an einer Sonderfrage Interessierter, ihre eigene Partei zu gründen und
eine entsprechende Vertretung im Reichstag zu erringen. […] Die Weimarer Verfassung
1051
Leber, Todesursachen 1976, S. 179-246.
Leber, Verbot 1952, S. 185-247.
1053
Mierendorff, Carlo: „Nach 14 Jahren. Heidelberg 1918 und 1932.“ AdsD, Signatur 260, S. 10 f.
1054
Mierendorff, Gesicht und Charakter 1930b, S. 489-504.
1055
Mierendorff, Republik von morgen 1932b, S. 738-44.
1056
Mierendorff, Republik von morgen 1932b, S. 742.
1052
187
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
hat uns ein Regierungssystem nach westeuropäischem Muster geschenkt. Aber sie hat dazu
ein Wahlrecht geschaffen, das nicht zu diesem System passt.1057
Diese Ablehnung des Verhältniswahlrechtes führte zu einer auch bei anderen Kreisauern festzustellenden Skepsis gegenüber Parteien, die konsequenterweise zu Neuordnungsplänen führte, die sich stärker an dem Gedanken der „kleinen Gemeinschaften“
orientierten als an einer repräsentativen Parteiendemokratie. Hornung weist 1956 darauf
hin, dass die Kreisauer Reformpläne unter dem Eindruck der Schwächen des parlamentarischen Parteienstaates Weimarer Prägung, der als Massenstaat ohne klare Verantwortlichkeiten unter dem Gesetz des dialektischen Umschlags in die Massendiktatur
gestanden habe, entstanden seien und dass es den Kreisauern deshalb um die Überwindung dieser Massendemokratie durch einen demokratischen Staats- und Gesellschaftsaufbau von unten, von „überschaubaren Kreisen“ aus, ging. Die Selbstverwaltung auf
allen Stufen sollte damit eine Auslese- und Erziehungsfunktion übernehmen, die die
„modernen“ Parteien nur sehr mangelhaft erfüllten.1058 Die von den Kreisauern vorgelegten Neuordnungspläne knüpften an die vom Nationalsozialismus geschaffene Lage
insoweit an, als sie die mit dem modernen parlamentarischen System notwendig verbundene verantwortliche Mitwirkung von Parteien an der politischen Willensbildung
nicht anstrebten. Die politischen Parteien wurden vorwiegend „als partikulare, die Einheit von Staat und ‚Gemeinschaft’ bedrohende Kräfte ohne innere Verbindung zum
Volk und ohne demokratische Legitimation“1059 angesehen. Steltzer verteidigte noch
1949 diesen indirekten Wahlgedanken, wenn er schrieb: „Nur ein solcher Aufbau1060
sichert die Demokratie vor den Machtansprüchen zentralistischer Parteien, die die Suprematie über den Staat verlangen und dadurch den Aufbau eines gesunden Staates unmöglich machen.“1061 Hans Peters stellte jedoch 1961 fest, dass die Kreisauer im
Gegensatz zu Goerdeler, der nur die drei stärksten Parteien bei relativer Mehrheitswahl
zum Zuge kommen lassen wollte, keine unmittelbare Beschränkung des Parteiwesens,
abgesehen von der NSDAP, angedacht hatten; gleichzeitig betonte Peters, dass das vorgeschlagene indirekte Wahlrecht nach Ansicht der Kreisauer die stärksten Auswüchse
des Parteiensystems beseitigen würde.1062
1057
Leber, Weg 1952, S. 104 f.
Hornung, Die Reformpläne des Kreisauer Kreises 1956, S. 735.
1059
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 146.
1060
Parlamente der Kreise und Städte wählen die Abgeordneten zu den Landtagen, diese in gleicher Weise den Bundestag; siehe: Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 112.
1061
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949; siehe S. 129 f, wo Steltzer befürchtet, dass bei einem zentralistischen Listenwahlrecht die stärkste Parteibürokratie unschwer die ausschlaggebende Macht im Staate
erreichen und dies zu einem neuen Parteientotalitarismus führen könne.
1062
Peters, Verwaltungsreformbestrebungen 1959, S. 14.
1058
188
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
In der Tat zielt die Kritik an den Kreisauer Reformplänen, vor allem die von Hans
Mommsen, in erster Linie auf das indirekte Wahl- und Delegationsprinzip ab. Statt, wie
angestrebt, zentralistischen Tendenzen entgegenzuwirken und das Wachsen der Demokratie von unten zu fördern, könnte dieses System mit dem Fehlen einer direkten Beziehung zwischen Wählerschaft und Reichs- und Landesebene doch allzu leicht gerade das
Gegenteil bewirken und eine Entfremdung zwischen den verschiedenen Ebenen hervorrufen, die lebendige Teilnahme des Einzelnen an der Regierungspolitik eher verhindern
und damit die Zentralgewalt noch mehr als bisher verselbstständigen. Dadurch ergäbe
sich eine Führungselite ohne Bindung nach unten, woraus eine schwache Stellung der
Parlamente resultiere, wobei die Landes- und Reichsverweser mit Machtfülle und
außerordentlicher Autorität und langen Regierungszeiten ausgestattet seien. Aus heutiger Sicht sei dies geradezu als illiberales Element anzusehen.1063
Haubach legte 1931 eine positive Verfassungskritik vor, in der er die Schwächen der
„gegenwärtigen Verfassungskonstruktion“ aufzeigte, die „weder eine klare parlamentarische Gewalt, noch eine klare präsidentielle Gewalt“ aufkommen lasse und „die bei
dem jederzeit möglichen Konflikt zwischen beiden Organen verfassungsrechtlich und
politisch ein Chaos“1064 herbeiführen könne. Haubach machte im Detail in einer klaren
Analyse auf eine Reihe von Fehlerquellen der Verfassung aufmerksam, im Kontext der
Arbeit ist jedoch die Haltung Haubachs zur Weimarer Verfassung bemerkenswert. „Alles das an scharfer, vielleicht auch bitterer, Kritik musste einmal gesagt werden, damit
in den jetzigen Kämpfen für die Rettung des Staates und der Freiheit die republikanischen Massen wissen, daß sie nicht umsonst und nicht ziellos kämpfen.“1065 Er sprach
von „Leib und Leben“, die für die Verfassung aufs Spiel zu setzen seien, und davon,
dass Kritik nicht aus Abneigung entstehe, sondern aus „bitterheißer Liebe zu eben diesem Staate, den wir um der ganzen Nation willen vor Vernichtung schützen, und zur
wirklichen Blüte, Macht und Größe durchringen müssen.“1066 Ein solch bedingungsloses Bekenntnis zur Weimarer Republik, das sogar das Leben einsetzt, ist wohl nicht zu
übertreffen.
Allen drei Sozialdemokraten war auch ihr frühzeitiges Erkennen der Gefährlichkeit des
Nationalsozialismus und die Bereitschaft zum Kampf gegen diese Partei gemeinsam.
Mierendorff publizierte im Juni 1930 die bereits erwähnte wählersoziologische Studie
1063
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 146 ff.; Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 103.
Haubach, Positive Verfassungskritik 1930/31, S. 633.
1065
Haubach, Positive Verfassungskritik 1930/31, S. 639.
1066
Haubach, Positive Verfassungskritik 1930/31, S. 639.
1064
189
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
zu „Gesicht und Charakter der nationalsozialistischen Bewegung“1067 und klassifizierte
darin die Hitler-Bewegung als eine dynamisch-faschistische Massenbewegung. Er erkannte den Charakter der nationalsozialistischen Agitation und die wesentlichen ideologischen Elemente und diagnostizierte eine „chemisch geglückte Verbindung zwischen
Rassenressentiment und dem Ressentiment der sozialen Lage, zwischen ökonomischen
Einzelinteressen und elementaren Hassgefühlen verschiedenster Art“1068, mit der die
Nationalsozialisten eine hohe Durchschlagskraft erzielt hätten. Wie Mierendorff kämpfte auch Haubach in unzähligen Versammlungen und Artikeln gegen die heraufziehende
Gefahr des Nationalsozialismus und bezahlte dafür wie Mierendorff nach dem
30. Januar 1933 mit langjähriger Verfolgung. Haubachs Kampf gegen den Nationalsozialismus dokumentiert sich auch in seiner führenden Tätigkeit im Reichsbanner
Schwarz-Rot-Gold1069 und in der Republikschutzorganisation Eiserne Front1070 als
Gegenposition zur Harzburger Front. Leber machte die Feinde der Republik schon beim
dritten Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler Vertrages 1922 aus, den die „nationalen Verbände“ dazu auserkoren hatten, in ganz Deutschland große Kundgebungen
gegen die „Kriegsschuldlüge“ zu veranstalten. Er schrieb dazu:
Wer kennt nicht diese nationalen Verbände, wer kennt nicht ihre wahre Gesinnung und ihre
wahren Absichten. Unter dem schwarz-weiß-roten Banner der Todfeindschaft gegen das
arbeitende Volk, gegen die Republik und gegen jede Demokratie wühlen und hetzen sie geheim und offen für die Rückkehr der alten Zustände. Jedes Mittel ist ihnen recht: Lüge,
Verleumdung, Dolch, Gewalttat und Meuchelmord.1071
Die Versöhnungsbereitschaft und das Bekenntnis zu einer europäischen Ordnung finden
sich ebenfalls bei allen drei Sozialisten, was sie auch mit den anderen Kreisauern vergemeinschaftete.
In dem schon erwähnten, 1932 erschienenen Artikel „Die Republik von morgen“1072
beklagte Mierendorff im Wahlkampf neben anderen die außenpolitischen Fehlerquellen:
Man scheute sich, so Mierendorff, nach dem Krieg „die kontinentale Einheit anzuerkennen und entschlossen die einzig sinnvolle Linie einer deutsch-französischen Europapolitik einzuschlagen, um die nach der Machtentscheidung im Weltkrieg nicht mehr
revidierbaren Fakta so rasch wie möglich auf die höhere Ebene einer europäischen Neuordnung zu projizieren.“ Mierendorff wendet sich gegen die Auffassung, „Deutschland
1067
Mierendorff, Gesicht und Charakter 1930b, S. 489-504.
Mierendorff, Gesicht und Charakter 1930b, S. 494.
1069
Rohe, Das Reichsbanner 1966.
1070
Albrecht, Der militante Sozialdemokrat 1987, S. 122.
1071
Leber, Weg 1952, S. 24 f.
1072
Mierendorff, Republik von morgen 1932b.
1068
190
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
hätte die Möglichkeit zwischen der kontinentaleuropäischen Orientierung an der Seite
Frankreichs oder der angelsächsischen im Gegensatz zu Frankreich zu wählen.“ „Es sei
wiederholt“, so Mierendorff weiter, „Deutschland hat keine Wahl, sondern nur eine
Aufgabe, und die heißt: Europa.“1073 Haubach plädierte für die vorbehaltlose Anerkennung der territorialen Grenzen und wandte sich 1932 gegen „die von patriotischen Illusionen verqualmten Köpfe des unbelehrbaren deutschen Bürgertums“, das meinte, „ohne Rücksicht auf Konferenzen und Verträge“1074 Grenzziehungen und Rüstungsbeschränkungen ignorieren zu können. Eine funktionierende Achse Paris-Berlin allein
könne nicht eine friedliche europäische Zukunft garantieren, die polnischen Interessen
müssten mitberücksichtigt werden. Er forderte anlässlich der Genfer Abrüstungskonferenz, die im Februar 1932 begonnen hatte, von der deutschen Regierung die Entwicklung eines inhaltlich klaren „Europaprogrammes“, das dem eigenen Sicherheitsbedürfnis wie dem der Nachbarn Rechnung trage.1075 Der Elsässer Leber, der sich nach dem
Krieg für Deutschland entschied, war immer für eine deutsch-französische Aussöhnung.
Selbst nach der Ruhrbesetzung durch Frankreich, die er gegen jedes Recht sah, kam er
zu der Erkenntnis: „Bei nüchterner Betrachtung bleibt ein anderer Ausweg überhaupt
nicht offen. Deutschlands Weg ins Freie wird noch durch manch schweres Jahr führen.
Aber einmal muß der Anfang gemacht werden. Und dieser Anfang führt nur über die
Verständigung mit Frankreich.“1076 Zu Europapolitik notierte Leber im Dezember 1925:
Europa muß nach und nach eine wirtschaftliche Einheit werden. Es muß die chinesischen
Mauern der Zölle und der Grenzschwierigkeiten niederwerfen. Der kleinliche Nationalismus der 30 oder 40 europäischen Staaten gehört in die Gerümpelkammer. Europa wird in
den nächsten Jahrzehnten um seine wirtschaftliche Existenz kämpfen müssen. Nur als Einheit hat es Aussicht, sich zu behaupten.1077.
In seinem Artikel „Das europäische Schicksal. Zur Geschichte der deutschfranzösischen Feindschaft“ postulierte Leber 1927: „Jede europäische Kultur von Bedeutung wird in ihrem Fundament eine Synthese sein, ein Ausgleich zwischen französischem und deutschem Geisteswesen.“1078
Den „militanten“ Sozialdemokraten kann ein eindeutiges, kämpferisches Bekenntnis zur
Demokratie und Republik bescheinigt werden. Mierendorff bekannte sich in seiner 1922
1073
Mierendorff, Republik von morgen 1932b, S. 740.
Haubach, Ein neuer Abschnitt deutscher Außenpolitik 1932, S. 637.
1075
Haubach, Abrüstung und Sicherheit 1932, S. 185.
1076
Leber, Weg 1952, Notiz 15.08.1924. S. 36.
1077
Leber, Weg 1952, Notiz 21.12.1925. S. 46.
1078
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, Notiz 31.05.1927. S. 86.
1074
191
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
erschienenen Broschüre „Arisches Kaisertum oder Juden-Republik“1079 deutlich zum
„demokratisch-republikanischen Gedanken“. In dieser Broschüre gegen die „gemeingefährliche Hetz“ der deutsch-völkischen Partei und ihrer „Mord- und Totschlagspropaganda“, die – so Mierendorff – nicht nur gegen die Juden, sondern auch gegen die „Bekenner des demokratisch-republikanischen Gedankens“ ging1080, setzte sich Mierendorff
offensiv und polemisch mit dem traditionellen, gerade in der deutschen Studenten- und
Akademikerschaft weitverbreiteten und gepflegten völkischen Antisemitismus1081, auseinander.
In diesem Zusammenhang sind auch die 1931 initiierte Veröffentlichung der berühmten
„Boxheimer Dokumente“, die die terroristischen Absichten der Nationalsozialisten nach
der Machtübernahme belegten, und seine mutige Reichstagsrede zu nennen. Im Mittelpunkt der Rede am 06. Februar 1931 vor dem Reichstag stand die Abrechnung mit der
Behauptung der Nationalsozialisten, das neue System habe das deutsche Volk in den
Abgrund gestürzt. Der Höhepunkt der Rede bestand in der Frage Mierendorffs: „Fragen
Sie mal Herrn Goebbels nach seinem EK I. […] Wir werden für unser Ideal kämpfen
und werden dafür zu kämpfen wissen als alte Frontsoldaten.“1082 Damit hatte sich Mierendorff bei seinen Gegnern besonders verhasst gemacht. Sie nahmen grausame Rache.1083
Haubachs Bekenntnis zur Republik wird neben vielen Publikationen eindrucksvoll
durch seine führende Tätigkeit in dem parteiübergreifenden Reichsbanner Schwarz-RotGold, das 1924 mit dem Ziel, die junge Republik gegen Attacken zu schützen und sie
nachhaltig zu stabilisieren1084, gegründet worden war, bestätigt. Die rückhaltlose Unterstützung der Republik durch Haubach wird auch in einem seiner Nachrufe hervorgehoben:
Wir, die jüngere Generation, die wir uns nach dem Zusammenbruch des kaiserlichen
Deutschlands im Jahre 1918 mit innerer Leidenschaft der Politik ergeben hatten, wir fühlten die Berufung und die Verpflichtung, ein Haus echter Demokratie mitbauen zu helfen.
Die SPD, die Partei der sozialistischen Demokraten, war für uns alle der Hauptpfeiler dieser
demokratischen Republik, die wir mit sozialem Inhalt erfüllen und mit lebendiger Anteilnahme des Volkes ausbauen wollten und der wir unsere Kräfte widmeten.1085
1079
Mierendorff, Arisches Kaisertum 1922, S. 6
Mierendorff, Arisches Kaisertum 1922, S. 6
1081
Leisen, völkischen Gedankens in der Studentenschaft 1964, S. 303.; zusammenfassend Winkler, Die
deutsche Gesellschaft 1982, S. 271-289.
1082
Stampfer, „Trommelfeuer gegen rechts“ 1931, S. 1.
1083
Kopitzsch, Mierendorff 1984, S. 184.
1084
Rohe, Das Reichsbanner 1966, S. 30 f.
1085
Hirschfeld, Haubach 1955, S. 37.
1080
192
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Lebers zahlreiche Bekenntnisse zur Republik lassen sich in seinen Schriften und Reden
nachweisen. 1921 forderte er von einer „Koalition von Herrmann Müller bis Stresemann“ die „Anerkennung des jetzigen Zustandes und sein[en] organische[n] Aufbau,
d. h. allseitiges vorbehaltloses Eintreten für die Republik und ihre Verfassung“1086. 1930
sagte er auf einer Reichsbannerkundgebung:
Die Arbeiterklasse weiß, was auf dem Spiel steht und worum der Kampf geht. Ohne Demokratie gibt es kein Arbeiterrecht. Faschismus bedeutet Diktatur einiger weniger über die
armen Teufel, bedeutet Klassenvorherrschaft der Besitzenden. Daher sind wir kampfbereit
und wir werden kämpfen gegen die nationalsozialistischen Betrüger, um die Freiheit des
schaffenden Volkes.1087
Wenn man nun versucht, diese „militanten“ Sozialdemokraten dem Deutungsmuster des
„Vernunftsrepublikanismus“ im Sinne Meineckes zu unterwerfen, muss man feststellen,
dass sie mehr waren als Vernunftsrepublikaner, sie waren vehemente Verteidiger der
Republik, die versuchten, das innere Erlebnis des Weltkrieges umzusetzen in eine Neuordnung der Dinge in der Zukunft. Diese Einordnung ist umso treffender, wenn Leber in
seinen „Gedanken zum Verbot der deutschen Sozialdemokratie“ mit Verachtung von
„ruhebedürftigen Vernunftsrepublikaner[n]“1088 sprach, als die Wogen der Empörung
nach dem Rathenaumord keinen neuen Aufbruch hervorbrachten. Die militanten Sozialdemokraten hatten „das Selbstbewusstsein jener Sozialdemokraten, die im demokratisch
legitimierten republikanischen Staat nicht mehr ein Unterdrückungsorgan, sondern ein
Veränderungsinstrument erblickten“1089.
Es bleibt noch anzumerken, dass wie beim Kreisauer Kreis insgesamt auch bei den „militanten“ Sozialdemokraten, zu denen auch Kurt Schumacher1090 gezählt wurde, von
einer Dekonstruktion der vermeintlichen Gruppe gesprochen werden kann. Leber bezeichnete, als er in den schon mehrfach erwähnten „Gedanken zum Verbot der deutschen Sozialdemokratie“ die jüngeren Sozialdemokraten einzeln betrachtete, Schumacher als einen „verbissenen Kaffeehausmarxisten“ und den „junge[n] Darmstädter Dr.
Mierendorff, durch hohe Protektion erst in der Fraktion gewaltig lanciert, dann aber aus
unbekannten Gründen völlig kaltgestellt.“1091
1086
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, Notiz 16.04.1921. S. 17.
Leber, Weg 1952, Notiz 20.10.1939. S. 71.
1088
Leber, Verbot 1952, S. 206.
1089
Steinbach, sozialistische Aktion 1997, S. 18.
1090
Beck, Zum Selbstverständnis der „militanten Sozialisten“ 1986, S. 87-123.
1091
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 233 f.
1087
193
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3.2.3.2 Reichwein und Trott
In Reichwein begegnen wir einem Sozialdemokraten, der sich von den „Militanten“
grundsätzlich in seinen Motiven zum Eintritt in die SPD, seinen politischen Zielen, seinem Verhältnis zu seiner Partei, zum Nationalsozialismus und zur Weimarer Republik
unterscheidet. Umso wichtiger ist es, die Komponenten herauszufinden, die ihn trotzdem mit den anderen Sozialisten des Kreisauer Kreises vergemeinschaften.
Reichwein dürfte wohl schon durch seinen sozialistisch gesinnten und mit der aufsteigenden Sozialdemokratie sympathisierenden Vater Karl Reichwein, der sich durch die
restriktiven preußischen Schulerlasse in seiner pädagogischen Arbeit an der Volksschule in Bad Ems zunehmend reglementiert gesehen hatte, beeinflusst worden sein.1092
Schon 1917 drückte Reichwein in einem Feldpostbrief an seinen Vater die besondere
Verantwortung der Kriegsgeneration am Neubau der Gesellschaft, ihre spezielle Erfahrungen und ihre schöpferischen Kräfte bei der politischen und kulturellen Neugestaltung
der Nachkriegszeit einzubringen, aus, als er schrieb: „Meiner Ansicht nach […] gibt es
eine geistige Garde, die eine hohe heilige Verantwortung für die Menschheit auf dem
Gewissen hat. Jeder Wissende hat die Pflicht, dieser Verantwortung gerecht zu werden.“1093 Aber im Gegensatz zu Mierendorff, der aus seinem „pazifistischsozialistischen Kriegserlebnis“1094 direkt in der SPD aktiv wurde, „wählt der Pazifist
und demokratische Sozialist Reichwein – vom pädagogischen Impuls der Jugendbewegung angetrieben – den Weg über die Erziehung zur gesellschaftlichen Erneuerung und
geht in die politische Erwachsenenbildungsarbeit“1095. Im Brief an Curtius schrieb er
noch 1931: „Meine Freunde wollen mich in die Politik drängen. Aber ich will nicht;
vielleicht richtiger: noch nicht. Heute wird alles zerstampft, was sich dort aufhält.“1096
Hier wird auch seine Skepsis gegenüber Parteien im Allgemeinen deutlich, die ihn in
seinem Bekenntnis zur Weimarer Republik beeinflusste. In seiner Thüringer Periode
näherte sich Reichwein jedoch den Sozialdemokraten. Er trat im Oktober 1930 in die
SPD ein, wohl nicht zuletzt deshalb, weil er erkannte, dass die von ihm nachdrücklich
betriebene Arbeiterbildung ohne einen Rückhalt in der Organisation nicht hinreichend
glaubwürdig war1097, so wenig er sie auch wegen des weitgehenden Immobilismus der
1092
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 29.
Feldpostbrief Reichweins an seinen Vater, 28.06.1917; in: Henderson, Reichwein 1958, S. 32.
1094
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 115.
1095
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 115.
1096
Reichwein, Adolf: Brief an Ernst Robert Curtius, 28.11.1931; in: LBDII S. 116.
1097
Reichwein, Adolf: Bemerkungen zu einer Selbstdarstellung, 10.06.1933; in: LBDII S. 261.
1093
194
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Partei zu akzeptieren vermochte.1098 Reichwein war auch alarmiert durch den Ausgang
der Septemberwahlen 1930, bei denen die NSDAP erstmals durch breiten Zustrom bürgerlicher Wähler zu einer Massenbewegung angewachsen war. In der SPD sah Reichwein trotz aller Vorbehalte gegen die Erstarrung der Partei das einzige realistische politische Gegengewicht zu der aufsteigenden nationalistisch-völkischen Bewegung.1099
1928 hatte Reichwein in einer öffentlichen Diskussion noch auf die Frage zu seiner persönlichen Stellung zum Sozialismus geantwortet: „Ich werde mich an der Peripherie des
Sozialismus als Freibeuter ansiedeln.“1100 Sozialismus bedeutete für ihn geistige Freiheit und soziale Gerechtigkeit, verwirklicht in einer politischen, sozialen Ökonomie, die
sich an der Idee der Menschenwürde maß. „Sache des Menschen ist“, schrieb er 1929,
„den heute noch chaotisch wirbelnden Strom der Produktion nach den Gesetzen der
Menschenwürde und Gerechtigkeit zu bändigen.“1101 Diese Ideen sah Reichwein ehestens in dem Gildensozialismus verwirklicht1102 Er sprach den Kooperationsgedanken als
„Ordnungsprinzip der ökonomisch notwendigen gesellschaftlichen Arbeit“1103 und die
Gilden als Lebensgemeinschaften in Form von Werksiedlungen an. „Ein wesentliches
Element“ des Gildegedankens sei es, so Reichwein, „daß Unternehmer- und Arbeitnehmerfunktionen als scharf getrennte Bereiche grundsätzlich beseitigt und wieder vereinigt werden in der höheren Einheit gemeinsamer, gleicher Verantwortung am Betrieb.“1104 Hier klingt sehr stark der von Moltke später vertretene Gedanke der Betriebsgewerkschaft an, der dann zum Gewerkschaftsstreit mit Leuschner führte. Auch Reichwein hielt mit Kritik an der SPD nicht hinter dem Berg und blieb in kritischer Distanz
zur Partei. In seinen Bemerkungen zu einer Selbstdarstellung sprach Reichwein von
„vielfachen Hemmungen“1105, in die SPD einzutreten. Nach dem Eintritt habe er, so
Reichwein, nur Dinge getan, die „meiner Anschauung entsprachen und häufig genug
der offiziellen Parteimeinung zuwiderliefen.“1106 Reichweins Stellung zur Weimarer
Republik wird in dem sogenannten „Prerower Protokoll“1107, der Niederschrift über
Vorträge und Diskussionen, die im Rahmen eines politischen Kurses mit dem Thema
1098
Boronski, Reichwein – Arbeiterbildung 1981, S. 81; vgl. Brief Reichweins an Bettina Israel,
02.12.1932; in: LBDII S. 117; siehe auch: Martiny, Dokumentation 1977, S. 378 ff.
1099
Amlung, Schwelle 2008, S. 15.
1100
Boronski, Reichwein – Arbeiterbildung 1981, S. 76.
1101
Reichwein, Jungarbeiter-Freizeit 1929, S. 28.
1102
Reichwein, Die Gilde 1978, S. 9-15.
1103
Klafki, Reichwein 2000, S. 33.
1104
Reichwein, Die Gilde 1978, S. 12.
1105
Reichwein, Selbstdarstellung 1999, S. 261.
1106
Reichwein, Selbstdarstellung 1999, S. 262.
1107
LBDII S. 421-424.
195
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
„Überwindung der politischen Krise“ vom 21. August bis 03. September 1932 in Prerow auf der Halbinsel Darß stattfanden, deutlich. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die
Weimarer Republik allerdings schon in ihrer Endphase, die von Reichwein als Diktatur
gedeutet wurde, welche sich ohne Legitimierung durch den Volkswillen auf die auctoritas Hindenburgs und die potestas der Reichswehr gründete. Hier plädierte Reichwein
für eine II. Republik, da es die I. Republik nicht verstanden habe, in einem geistigen
Austausch im ganzen Volk einen Volkswillen zu bilden.1108 Ihm schwebte eine neue
Volks- und Gesellschaftsordnung vor, der Sozialismus1109, getragen von SPD, KPD,
NSDAP1110, da die „alten Fronten“ nicht mehr bestünden.1111 Diese neue Ordnung müsse von einer „Eliteschicht von Vorbildlichen und Geladenen“, „durch politische Erziehung“ hergestellt, bewerkstelligt werden, „die das Ganze mitreißt.“1112 Diese Eliteschicht dürfe aber keine „privilegierte“, sondern müsse eine „dienende“ sein.1113 Hier
kann man wieder einen Anklang an die Elite, hervorgegangen aus den „kleinen Gemeinschaften“ Moltkes, herausspüren. Konkret spricht Reichwein von einer „Arbeitskammer des deutschen Volkes“, „die ungestört von der Tagespolitik“ aufgrund des unbedingten Vertrauens, das sie genießen muss, „aus zentraler Einsicht die Produktionsverteilung“ vornimmt. Über die Volksvertretung wird gesagt, sie müsse „ungefähr [sic!]
entsprechend dem heutigen Reichstag“, die Reaktionen und Diskussionen des „lebendigen Volkskörpers“ „abhören“ [sic!], da der Reichstag der I. Republik gezeigt habe, dass
er durch Diskussionen eine „Formungsaufgabe“ nicht gelöst habe und deshalb dem
„neuen Reichstag“ das Recht der „alleinigen, letzten Entscheidung über den zentralen
Wirtschaftsplan“ genommen werde.1114 Weitere Hinweise zu einer Verfassung gibt
Reichwein nicht.1115 Dieses eindeutige Verlassen des Bodens der Weimarer Republik
wird von dem Biographen Reichweins Amlung so nicht gesehen. Er schreibt, „die Politik des Weimarer Staates“ sei „ganz wesentlich […] auf die Unterstützung der Erziehung angewiesen“ und von „dringendsten und vorrangigen Aufgaben seines [Reichweins, A. d. V.] politisch-pädagogischen Engagements […]“, um „die Verankerung der
1108
LBDII S. 389.
LBDII S. 388.
1110
Hier ist nur der sozialistische Strasserflügel gemeint; siehe LBDII S. 382.
1111
LBDII S. 391.
1112
LBDII S. 390.
1113
LBDII S. 390.
1114
LBDII S. 392.
1115
Hohmann setzt sich sehr kritisch mit dem Prerower Protokoll und Reichweins „Vorstellungen über
die Abschaffung der Weimarer Republik“ auseinander; in: Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 55,
S. 75-80.
1109
196
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
demokratischen Staatsidee im politischen Denken und Handeln junger Menschen“1116
zu gründen. An anderer Stelle spricht Amlung von der zentralen Aufgabe „sozial und
politisch aufgeschlossene[r] Pädagogen“, und hier schließt er Reichwein ausdrücklich
mit ein, „eine die Republik tragende staatspolitische Gesinnung auf dem Felde der Erziehung zu erzeugen.“1117
Reichwein mag zunächst anders über die Weimarer Republik gedacht haben und seine
Forderung nach einer II. Republik muss im zeitlichen Kontext gesehen werden; Weimar
war die „ungeliebte Republik“.1118 An das Kreisauer Gedankengut war die Haltung
Reichweins gleichwohl anschlussfähig. Seine Verhältnis zu den Weimarer Parteien, der
Elitegedanke, sein Sozialismus, der die Menschenwürde in den Mittelpunkt stellte, der
Kooperationsgedanke seines Gildensozialismus, seine Forderung nach einer gelenkten,
sozialen Wirtschaft waren Gedanken, die im Rahmen der Neuordnungsdiskussion der
Kreisauer heftig diskutiert wurden.
Auch Adam von Trott kann als Sozialist bezeichnet werden, ohne allerdings je in die
SPD eingetreten zu sein. Er wählte sie 1932 und gab sich gegenüber dem deutschen
Exilanten Willy Brandt bei einer seiner „Undercover“-Skandinavienreisen 1944 als
„SPD-Wähler“ zu erkennen, ohne mit allen „Eigenheiten“ der Partei „identifiziert sein
zu wollen“1119. Trott suchte schon als Student in Berlin 1930 den Kontakt zur Arbeiterschicht und wurde von seinem Freund Gaidies, den er auf einer Konferenz in Liverpool
kennengelernt hatte und der aktiver Sozialdemokrat war, in linke Zirkel eingeführt und
zu politischen Veranstaltungen mitgenommen.1120 Darüber gibt es fragmentarische Aufzeichnungen Trotts, wo er sich zur Betriebspolitik mit der Zielsetzung der Humanisierung von Betrieben wie der Schaffung erträglicher Arbeitsbedingungen und rechtlich
garantierter Arbeitsverhältnisse äußerte.1121 Als Trott 1932 SPD wählte, rief das die
Besorgnis seines Vaters hervor. Er dürfe sich nicht wundern, so der Vater, „in den Kreisen, ‚die wir die unsrigen zu nennen gewohnt sind’ auf Spott und Feindschaft [zu] stoßen, beim Vertreten dieser politischen Überzeugungen.“ Die Sozialdemokraten, so der
besorgte Vater weiter, hätten in den vergangenen zwölf Jahren wenig zur Staatsbildung
bewiesen, eine Revision des verschwommenen Naziprogramms durch vernünftige Poli-
1116
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 115.
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 104.
1118
Siehe Michalka, Die ungeliebte Republik 1992.
1119
Brandt, Erinnerungen 1989, S. 136.
1120
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 133; Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 47.
1121
Trott, Adam von: „Die Auseinandersetzung mit …“ BA NL Trott, N 1416-1.
1117
197
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
tiker schiene mehr zu versprechen.1122 Trott ließ sich aber auch durch den geliebten Vater nicht beirren und antwortete: „[…] eine kleinliche Rücksicht auf die Wirkung dessen, was ich sage, würde ich für höchst unerfreulich und für mich in einem schlimmeren
Sinne schädlich halten als Freimütigkeit, die schlimmstenfalls Torheit ist.“1123 In Briefen an seinen Oxforder Freund Alfred Leslie Rowse bekannte sich Trott grundsätzlich
zur Weimarer Republik und, trotz der väterlichen Mahnung, zur Sozialdemokratie: „The
social democratic party has happily struck me.“1124 In dem Brief vom Februar 19311125
stellte er politischen Radikalismus gegen die Weimarer Republik fest, wenn er schrieb:
„It works steadily against the solid upbuilding of an organic constitutional life on the
grounds of Weimar 1919.“ Er kritisierte in diesem Brief die SPD, auch wenn er sie
grundsätzlich bejahte: „The socialdemocratic party itself – which to my mind fundamentally contains the principles on which we have to go – finds itself in the crises of
loosing its roots in the youth.“ Über die Parteiführung urteilte er, „the middle-high leaders are absolutely no good and at the top only few seem to keep their heads.” Er kritisierte weiterhin das Weimarer Parteiensystem mit den Worten: „Our party system is a
picture either of stagnation and wildness or crude persecution of egoistic economic interest. If the latter were clear and brave in the left parties everything would be better and
decision easy.” Eine Veränderung der Situation könne am ehesten von „strong men of
the mind” kommen, die seien jedoch „silent and scattered all over the country”.1126
Neben der bei den meisten Kreisauern aufscheinenden Kritik an den egoistischen Parteien ist hier bei Trott noch eine Art Führersehnsucht festzustellen. 1932 besuchte Trott
eine sozialistische Tagung in Bernau und stellte eine „clear representation of a growing
split between the young and activist elements“ fest. Er beklagte weiterhin „the hopeless
specialisation and separation of the expert intellectuals and clumsy politicians”, die die
„Personalpolitik“ der Partei kontrollierten. Für Trott war klar, „that the SPD has no policy at present to defend constitutional rights against Facism and [only waits] until the
economical situation gets better.” Trott zweifelte, dass es der SPD gelingen würde, den
sozialistischen Gedanken zu verbreiten, dies traute er jedoch der „Eisernen Front” zu,
„which is not strictly speaking a party organisation and set up mainly as a defensive
organisation against fascism may prove a much better platform“.1127 In einem weiteren
1122
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 49.
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 50.
1124
Brief von Trott an Rowse, Berlin 26.09.1932. ULE, MS 113; Rowse Collection.
1125
Brief von Trott an Rowse, St. Andreasberg 10.02.1931. ULE, MS 113; Rowse Collection.
1126
Brief von Trott an Rowse, St. Andreasberg 10.02.1931. ULE, MS 113; Rowse Collection.
1127
Brief von Trott an Rowse, Berlin 06.08.1932. ULE, MS 113; Rowse Collection.
1123
198
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Brief vom 26. September 1932 an seinen englischen Freund ließ sich Trott über den
„Hitlerism“1128 in Deutschland aus, den er aber zu diesem Zeitpunkt im Schwinden begriffen sah („more and more paralysed“), und auf dessen „capacity of terrorising voters“
und sein „radical claim for power“ er abhob. Für die Zukunft befürchtete er eine
„pseudo-feudalized class of bourgois capitalists under the slogan of ‚Ruhe, Sicherheit
und Ordnung’ to reastablish a powerfull political framework for their desired economic
system, i. e. the authoritarian, military nation state.” Trott unterstellte eine Fortdauer der
Regierung Papen und sah die Wende zu einem autoritären Staat. Die Schuld an dieser
Entwicklung sah Trott auch bei den „morally“ „discredit[ed]“ SPD-Führern und deren
Bürokratismus. Hoffnung schöpfte er bei „young functianaries“, die gegen die „oligarchy on the top“ kandidieren wollten. Für unsere Betrachtung ist noch wichtig, dass Trott
gegenüber Rowse das Fehlschlagen der Weimarer Verfassung („failure to establish the
Weimar constitution“), die er als eine „economic and social impossibility“ ansah, konstatierte. Eine weitere Aussage, die sich auch gegen seine eigene Klasse richtete, ist
charakteristisch für Trotts gesellschaftspolitische Haltung. Er bedauerte, dass im Gegensatz zu „Hitlers fame“ die anderen Kräfte wie „the trade unions, the socialist parties, the
‚iron front’1129 and innumerous other organisations“ nicht die internationale Aufmerksamkeit erhielten. Es sei wahr, dass deren Weg nicht ganz klar sei, aber sie wüssten,
was sie nicht wollten. „They don’t want a bolstering up of bourgois capitalism through
feudal and other mystical pretensions and they do not want war.“1130 Die Eiserne Front,
„as the given instrument against Hitler“ und das Reichsbanner sah er als „a vitalizing
mutual control and helpful exchange in actual responsibility“. Weiterhin sprach Trott
von einer Gruppe junger Sozialisten und Gewerkschaftssekretäre, denen er sich angeschlossen habe mit dem Ziel, nützliche Dienste zu leisten, „through preparing the way
for a thouroughgoing and sound criticism of institutions, generally and in particular
1128
Die folgenden Zitate beziehen sich auf Trotts Brief an Rowse vom 26.09.1932. ULE, MS 113; Rowse
Collection.
1129
Die Eiserne Front beschreibt Trott geradezu hymnisch: „The ‚Iron Front’ [only we [Germans; A. d.
V.] could invent such a name! […]] by the way is a most significant formation. Set up (against of influential SPD leaders) as an antifascist organisation to fight for the fundamental rights of the citizen – a tremendous revival of ‘liberty’ ideology as opposed to force and ‘Herrenmoral’ – it made an enormous appeal to the townee especially who began to feel an emotional inferiority to the Nazis. It now forms a very
militant platform for energetic socialists and especially for those who wait for an opportunity to express
criticism of the party. Attempts to dissolve this organisation after it has done its duty in the last elections
– failed through resistance of ranks and leaders who had founded it spontaneously and denied the authority of the party to dissolve it”; in: Brief von Trott an Rowse, Berlin 06.08.1932. ULE, MS 113; Rowse
Collection, S. 4.
1130
Brief von Trott an Rowse, Berlin 26.09.1932. ULE, MS 113; Rowse Collection.
199
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
from a socialist point of view.“1131 Trotts europäischer Gedankenansatz wird in der Besprechung des Buches1132 seines Freundes Rowse „Junger Sozialismus in England“
deutlich, wenn er dort die von Rowse geforderte „Notwendigkeit einer europäischen
und weltpolitischen Besinnung der jüngeren Generation“ hervorhebt. Sein grundsätzliches Bekenntnis zur Weimarer Republik, obwohl er deren Scheitern Ende 1932 feststellte, wird auch in seiner Rede am 11. November 1932 in Oxford, dem Remembrance
Day, an dem im britischen Empire der Kriegstoten des Ersten Weltkrieg gedacht wird,
deutlich. In dieser Rede „Germany at Peace“1133 schilderte er vor englischem Publikum
die einzelnen Stufen der schwierigen Nachkriegsentwicklung Deutschlands, hob das
Wirken Stresemanns und Brünings für eine Lösung der Reparationsfrage hervor und
plädierte bezüglich der Genfer Abrüstungskonferenz für militärische Gleichberechtigung. Er warb auch für gegenseitiges Vertrauen als notwendige Voraussetzung für eine
Wiederbelebung des internationalen Handelns, das inneren und äußeren Frieden befördern könne.1134
Fasst man Trotts gesellschaftspolitische Haltung am Vorabend des Dritten Reiches zusammen, so kann man feststellen, dass er ein Sozialist war, der zwar Vorbehalte gegen
diese Partei hatte und auch nie Mitglied war, der aber fest auf den Sozialismus als gesellschaftspolitische Kraft zur Überwindung der „nationalistic reaction“1135 setzte, auch
gegen seine eigene Klasse. Er war Europäer und Republikaner, aber er sah auch Ende
1932 das Scheitern der Weimarer Verfassung. Seine klare Haltung gegen den PseudoFeudalismus1136 ließ ihn der Monarchie nicht nachtrauern. So war er kein Vernunftsrepublikaner, sondern ein „Herzensrepublikaner“. In all diesen Punkten wurde Trott anschlussfähig an die Kreisauer Planungsarbeit.
3.2.3.3 Einsiedel, Trotha, Haeften
Einsiedel und Trotha waren ebenfalls beide Sozialisten. Einsiedel trat 1930 in die SPD
ein1137 und war ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Er hatte starkes Interesse an den planwirtschaftlichen Ideen in Sowjetrussland, ohne Anhänger des politi1131
Brief von Trott an Rowse, Berlin 26.09.1932. ULE, MS 113; Rowse Collection.
Trott, Junger Sozialismus in England 1933, S. 106-107 und BA, N 1416-1, Trott, Adam von: Buchbesprechung von A. L. Rowse: Politics and the younger generation, Faber & Faber, London 1931, 1933.
1133
Trotts Redemanuskript „Germany at peace“ anläßlich des “Remembrance Day”. BA NL Trott, N
1461-1.
1134
Trotts Redemanuskript „Germany at peace“ anläßlich des “Remembrance Day”. BA NL Trott, N
1461-1.
1135
Brief von Trott an Rowse, Berlin 26.09.1932. ULE, MS 113; Rowse Collection.
1136
Brief von Trott an Rowse, Berlin 26.09.1932. ULE, MS 113; Rowse Collection.
1137
Bauch, Botho: „Horst von Einsiedel: geb. 1905 in Dresden …“. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1.
1132
200
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
schen Kommunismus zu sein.1138 Nach eigenen Angaben im Lebenslauf von 19451139
organisierte Einsiedel eine antifaschistische Gruppe in der Reichs-Chemieverwaltung.
Von einem Parteieintritt Trothas in die SPD ist nichts bekannt, aber er arbeitete während seiner Studentenzeit in der „Roten Studentengruppe“ mit.1140 In seiner Trauerrede
betonte Gablentz, dass Trotha in der Erwachsenenbildung mithalf, „in den Bewegungen
unseres Volkes“ zu versuchen, „den sozialistischen und den nationalpolitischen Pol zu
verbinden.“1141 In einer Ausarbeitung über den christlichen Sozialismus versuchte Trotha, die Gegensätze der Klassen Arbeiter und Bürger durch die Sicherstellung eines aufstiegsoffenen und verantwortlichen Arbeitsplatzes zu überwinden. Er postulierte:
Die Spaltung der Volksgemeinschaft in zwei einander bekämpfende Klassen kann nicht dadurch aufgehoben werden, dass man ihren Ernst leugnet, auch nicht dadurch, dass man den
Klassenkampf bis zur Diktatur des Proletariats weiterführt, denn damit würde man die gegliederte Gemeinschaft aufheben und im Totalitätsanspruch der Klasse die Freiheit der Person verlieren. Sie kann nur dadurch überwunden werden, dem einzelnen Arbeiter – und jeder Bürger ist Arbeiter – zur Sicherheit eines Arbeitsplatzes, zu einem verantwortlichen
Lebensbereich und zu einem Aufstieg gemäss seiner Reifung in den verschiedenen Altersstufen zu verhelfen.1142
Beide Sozialisten waren Gegner des Nationalsozialismus, wirtschaftstheoretisch eher
der Planwirtschaft zurechenbar, die mithilfe des christlichen Sozialismus Klassengegensätze überwinden wollten. Das bezeugt auch ihre Mitgliedschaft in der Löwenberger
Arbeitsgemeinschaft.
Haeften war nach der Einschätzung seiner Frau Barbara Sozialist, aber nicht im Parteisinn und ohne Parteibindung. Die gerechte Sozialordnung sei eines seiner Hauptanliegen gewesen. Die sozialistische Ordnung der kommenden Epoche stand für ihn außer
Frage. Aus der Sicht der Lebenserinnerungen seiner Frau hätten die Parteien sich nur
noch „über den Weg, die Methoden, das Tempo und, in den Randgebieten, über das
Ausmaß des sozialistischen Umbaus zu bekämpfen und zu einigen gehabt“. Haeften, so
seine Frau, „strebte einer genossenschaftlichen Form des Sozialismus mit weitgehender
betrieblicher Selbstverwaltung zu.“1143 Persönlich und politisch wurde Haeften durch
seinen Vater, den Generalmajor Dr. h. c. Hans von Haeften, von 1931 bis 1934 Präsi-
1138
Bauch, Botho: „Horst von Einsiedel: geb. 1905 in Dresden …“. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1.
Einsiedel, Horst von: Lebenslauf, 1207.1945. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
1140
Moltke, Albrecht, Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen 1989, S. 45.
1141
Gablentz, Trauerrede für Trotha 1952, S. 3.
1142
Trotha, Carl Dietrich: „Christlicher Sozialismus“, niedergelegt am 18.12.1947. IfZ, ZS/A-18, Bd. 8.
Es kann nicht mehr festgestellt werden, ob diese Gedanken in dieser Form schon während der Kreisauer
Zeit so bestanden oder ob bereits Nachkriegseinflüsse einflossen. Sie atmen aber den Geist des Memorandums von Trotha und Einsiedel „Die Gestaltungsaufgaben in der Wirtschaft (Ende 1942)“; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 174-192.
1143
Haeften, Barbara „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 66.
1139
201
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
dent des Reichsarchivs, und seinen väterlichen Freund Kurt Hahn, den Gründer und
Leiter der Schule Schloß Salem, geprägt.1144 Über seinen Vater schrieb er nach dessen
Tod 1937 an seinen Freund Krimm: „[…] eine edle Ausgeglichenheit und Einheit von
Glauben und Weltoffenheit, Zucht und Liebe. Ich könnte mir keine schönere Verkörperung dessen vorstellen, was das Ideal eines christlichen Ritters war.“1145 Kurt Hahn
stand den „Jungkonservativen“ nahe und sein Verhältnis zur Weimarer Republik bezeichnete Golo Mann als ambivalent, aber mit dem schweren Gewicht der Verneinung.1146 „Gegen das ‚System’ der Parteien, gegen Nazis und Zentrum“1147 stärkte Hahn
„Papen, weil er den Staat nach dem Muster seiner Schule zu einem autoritären Rechtsstaat als Antwort auf die ‚politischen Krisen’ umformen wollte.“1148 Barbara berichtete
ihrem Mann am 04. März 1933 über einen Vortrag Hahns zum Thema „Die staatsbürgerliche Erziehung und die politischen Krisen in Deutschland“, in dem Hahn ausführte,
dass Salem keine Kreaturen für einen faschistischen Staat erziehen könne, sondern für
„einen demokratischen(?) Rechtsstaat mit abgeänderter (wie: weißt Du) Weimarer Verfassung“ erziehe, „dessen Muster im Kleinen die Schule selbst verkörpern will.“1149
Haeftens Haltung zum Nationalsozialismus war klar und eindeutig. Am 17. März 1933,
also kurz nach den letzten Reichstagswahlen, beklagte er in einem Brief an seine Frau,
dass man nationalsozialistische Mörder frei laufen ließe, als ob Mord an politisch Andersdenkenden jemals patriotisch sein könne. „Unnational im höchsten Maße; denn jede
Rechtsbeugung und jeder Willkür und Terrorakt verletzt die Ehre und Würde der Nation.“1150 In einem Brief an Günther Hell machte Haeften seiner Empörung gegen „diesen Hitler mit seiner Räuberhauptmanns-Moral“ Luft.1151
Haeften hatte den Boden der Weimarer Verfassung verlassen, er wollte eine „abgeänderte“ Verfassung, und er mag wohl Hahns Vorstellung von einem autoritären Rechtsstaat zur Bewältigung der Krisen geteilt haben. In jedem Fall war Haeften aus innerer,
ethischer Überzeugung Gegner des Nationalsozialismus. Vernunftsrepublikaner war er
jedenfalls gegen Ende der Weimarer Republik nicht mehr.
1144
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 86.
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 58.
1146
Mann, Kurt Hahn 1966, S. 30 ff.
1147
Haeften, Briefe 1931-1944, 13.08.1932. S. 3.
1148
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 86.
1149
Haeften, Briefe 1931-1944, 04.03.1933. S. 11. (Fragezeichen und partielle Unterstreichung wurden
übernommen; A. d. V.)
1150
Haeften, Briefe 1931-1944, Brief an seine Frau, März 1933. S. 14.
1151
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 15.
1145
202
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
3.2.4
Die Kreisauer der Zentrumspartei
Von den katholischen Kreisauern gehörten Peters, Lukaschek, Husen und die drei Jesuiten dem Zentrum an bzw. wählten diese Partei. Wie wir gesehen haben, war diese Partei
Heimat verschiedener gesellschaftlicher Schichten, die jedoch durch das Band des katholischen Glaubens zusammengehalten wurden. Es gab, wie bei der Betrachtung des
Zentrums dargestellt, einen demokratischen Flügel, die Teilgruppe des katholischen
„Vernunftrepublikanismus“ und schließlich eine konservativ-monarchistische, zum Teil
rechtskatholische Strömung. Diesen drei Gruppierungen sind unsere sechs Zentrumswähler zuzuordnen.
Peters war seit 1923 Mitglied der Zentrumspartei. Seine Ausführungen in der mündlichen Verhandlung im Preußenschlag-Prozess im Oktober 1932 belegen unmissverständlich seine „Parteinahme für die Substanz des Weimarer demokratischen Rechtstaates“1152. Peters vertrat hierbei die Zentrumsfraktion im Preußischen Landtag, deren Mitglied er auch war. In Leipzig begegnete er bei dieser Gelegenheit wieder Moltke, der als
Berichterstatter für eine amerikanische Zeitung am Prozess teilnahm. Als Hochschullehrer widersetzte sich Peters erkennbar dem herrschenden Ungeist.1153 Aus seinen Vorlesungen, so lautete eine Beurteilung des NSDAP-Reichsamtsleiters vom Oktober 1938,
lasse sich, „trotz der im allgemeinen vorsichtigen Ausdrucksweise, noch seine ablehnende Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Staat deutlich erkennen“1154. Dass
Peters schon als junger Dozent in Breslau gegen den Nationalsozialismus eingestellt
und ein echter Republikaner war, bezeugt die Aussage des Juristen und Emigranten
Ernst J. Cohn: „Unter den reslauer Studenten war allgemein bekannt, dass der damals
noch sehr jugendliche Privatdozent Peters sich in Breslau gegen den Willen des scharf
nationalistisch eingestellten Fachvertreters Helfritz habilitiert hatte und dass er als Demokrat und Republikaner zu gelten hat.“1155
Als Staatsrechtler hatte sich Peters grundsätzlich mit der Rolle des Staates in der Gesellschaft und mit dem Gegensatz Staat und Kirche auseinandergesetzt. Die Auseinandersetzung mit der Rolle des Staates in der Gesellschaft kam noch kurz vor der Selbstauf-
1152
Trott, Levin, Peters und der Kreisauer Kreis 1997, S. 80.
Ullrich, Kreis 2008, S. 54; Moltke, Völkerrecht 1986, S. 78; MBF S. 56 f.
1154
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 74.
1155
Cohn, Ernst, J. an Roon, 03.02.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 2.
1153
203
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
lösung des Zentrums am 05. Juli 1933 in dem bereits erwähnten Vortrag „Rechtsstaat“1156 am 31. Mai 1933 vor der Zentrumsfraktion zutage. In dieser Rede betonte er:
Wille und Tat vermögen auf die Dauer bei noch so großer Stärke weder der Menschheit
noch einer Nation zu einer glücklichen Existenz zu verhelfen, sondern sie bedürfen des Antriebs und der Lenkung aus dem Glauben, der Vernunft und dem Gefühl, die ihrerseits wieder auf dem Grunde einer positiven, absolut gültigen Weltanschauung erwachsen.1157
Den Hauptteil seiner Rede machte die Diskussion um den Rechtsstaatsbegriff aus, um
„die Verwirrung der Geister, die nicht nur in unsrem Lager besteht, nach Möglichkeit zu
beseitigen.“1158 Er unterschied den liberalen, den öffentlich-rechtlichen, den ethischen
und als „Abart“ den nationalen Rechtsstaatsbegriff. Peters setzte sich für den Rechtsstaat als ein „bestimmtes ethisches Prinzip“1159 ein und betonte, „dass die positive Ausgestaltung des ethischen Rechtsstaatsbegriffs sich am besten von der Grundlage der
Staatslehre der großen Kirchenlehrer her gewinnen“1160 lasse. Nach einer Auseinandersetzung mit dem Gegensatz zwischen Rechtspositivismus und Naturrechtslehre stellte er
fest:
Rechtsstaat ist […] ein Staat, der den Willen und die Kraft hat, das positive Recht durchzusetzen und den Bürger vor Willkür und Ungerechtigkeit zu schützen, dabei sind freilich die
Normen der christlichen Sittenlehre sowohl die Kontrolle für das positive Recht bezüglich
seines verpflichtenden und bindenden Charakters als auch der Maßstab für das, was ungerecht ist.1161
In seinem Aufsatz „Der totale Staat und die Kirche“ aus dem Jahre 1936 ging es ihm
um die Bestimmung des Verhältnisses des totalen Staates zur katholischen Kirche. Er
kam in seiner Untersuchung zum Schluss, „daß die Kirche den ‚totalen Staat’ […] ablehnen muß, weil damit in wesentlichen Punkten in den auf göttlichem Auftrag beruhenden Herrschaftsanspruch der Kirche eingegriffen wird.“1162 „Der totale Staat wie die
Kirche“, führte Peters als Grund an, „wollen die Gesamtpersönlichkeit des Menschen
erfassen und in bestimmtem Sinne gestalten, die Kirche von der christlichen Weltanschauung her, der Staat von seiner Staatsidee aus, die christlich sein kann, es aber nicht
zu sein braucht. Im letzteren Falle besteht die Gefahr schwerer Reibungen zwischen
Staat und Kirche.“1163 Genau diesen Gegensatz schleuderte Freisler im Prozess Moltke
1156
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26, Heft 1, fünfzehnseitiges Typoskript, auch
abgelegt in: IfZ, ZS/A-18, Bd. 6; siehe auch Peters, Die Beratungen der Zentrumsfraktion 1933.
1157
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26, Heft 1, S. 2.
1158
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26, Heft 1, S. 4.
1159
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26, Heft 1, S. 7.
1160
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26, Heft 1, S. 9.
1161
Peters, Hans: Rechtsstaat, BA NL Schiffer, N 1101 I-26, Heft 1, S. 11.
1162
Peters, Der totale Staat 1936, S. 333.
1163
Peters, Der totale Staat 1936, S. 331.
204
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
entgegen: „Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: wir verlangen den ganzen Menschen.“1164
Zur Einordnung Peters‘ in das Deutungsschema der Vernunftsrepublikaner ist auch seine Einstellung zur Monarchie interessant. Ein Zeugnis von Peters dafür während der
Weimarer Zeit konnte nicht gefunden werden, aber er äußerte sich bei Kriegsende ablehnend zur Monarchie; aus der Argumentation kann unterstellt werden, dass Peters zu
keinem Zeitpunkt der Monarchie nachtrauerte:
Für die Kreisauer trat die Monarchie als Problem überhaupt nicht hervor, weil zu der Zeit,
als sie ihre Pläne ausarbeiteten (1942/43), bei ihnen eine wirkliche Hoffnung auf einen
Sturz Hitlers von innen her nicht mehr bestand und eine Einsetzung eines Monarchen nach
dem völligen Zusammenbruch durch die alliierten Siegermächte oder durch eine dann allmählich wieder entstehende deutsche Staatsgewalt, die sich von unten nach oben entwickeln mußte, ausgeschlossen erschien, jede Monarchie von Siegers Gnaden endgültig kompromittiert hätte. Später aber, wenn das Volk sich wieder selbst geholfen hatte, wäre eine
Monarchie auch nicht mehr in Frage gekommen.1165
Wie Peters war auch sein Freund Lukaschek Mitglied in der Zentrumspartei.1166. Dem
Reichskanzler Brüning, seinem Parteifreund, galt er als eine zuverlässige Stütze. Man
müsse, plädierte er im Januar 1931, „die Regierung mit allem Nachdruck unterstützen
und entschlossen hinter Reichskanzler Brüning stehen.“1167
Auch Husen war bis zu dessen Selbstauflösung Anfang Juli 1933 Mitglied des Zentrums. Während seiner Tätigkeit in Polnisch-Oberschlesien bekannte er sich offen zur
Deutschen Katholischen Volkspartei, die unter der Führung des Abgeordneten Pant1168
scharf antinationalsozialistisch eingestellt war.1169 Die Grundlage seiner rechtsphilosophischen Überzeugung von Recht und Unrecht bezog Husen aus seinem katholischen
Glauben. Nach dem Krieg bezeichnete er sich selbst als Anhänger der scholastischen
Naturrechtslehre.1170 Auch in seinem Buch über das Minderheitenrecht in Oberschlesien
von 1930 scheint eindeutig das Bekenntnis zur katholischen Naturrechtslehre auf:
Der Staat kann also über das Volkstum des Menschen nicht nach Gutdünken verfügen, sondern umgekehrt ist das Volkstum die primäre unantastbare Unterlage, welche erst den Staat
existent macht. Der Staat ist nicht Quelle des Rechts, sondern der Staat ist an das natürliche
und göttliche Recht gebunden, und noch so gut formuliertes und von einer noch so erdrü-
1164
MB (11.01.1945; Fortsetzung) S. 623.
Peters, Verwaltungsreformbestrebungen 1959, S. 15 f.
1166
Ullrich, Kreis 2008, S. 51.
1167
Lukaschek, Oberschlesische Volksstimme 1931, S. 1.
1168
Eduard Pant (geb. 29. 01.1887 in Witkowitz bei Mährisch Ostrau; gest. 20.10.1938 in Kattowitz) war
ein Journalist und führender Politiker der deutschen Katholiken Polens in den 1920er- und 1930er-Jahren
und Vorsitzender der Christlichen Deutschen Volkspartei.
1169
Schindler, Husen 1996, S. 21 f.
1170
Husen, Paulus van: Neufassung der Auskünfte an Roon, 02.01.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4. Zur katholischen, scholastischen Naturrechtsauffassung vgl. Demmer/Hollerbach, Naturrecht in StL 1987, Sp.
1308-1315; Böckle, Naturrecht in LThK 1962, Sp. 821-872.
1165
205
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
ckenden Parlamentsmehrheit beschlossenes positives Recht, welches gegen Naturrecht und
Gottes Gebot verstößt, ist Unrecht.1171
Den drei Zentrumsmitgliedern war gemeinsam, dass sie fest auf dem Boden der Weimarer Republik standen, Lukaschek und Husen bekleideten als Oberpräsidenten von Oberschlesien hohe staatliche Ämter, alle drei bekannten sich zur katholischen Staatsrechtslehre, die sich an der Naturrechtslehre orientiert, und kamen so schnell in Gegensatz
zum Nationalsozialismus. Zumindest bei Peters kann man eindeutig feststellen, dass er,
ebenso wie die übrigen Kreisauer, kein Monarchist war. Aus diesen Gründen kann man
auch hier nicht Vernunftsrepublikanismus, sondern engagierten Republikanismus unterstellen.
Es lässt sich vermuten, dass die drei Jesuiten entweder Zentrum oder die Bayerische
Volkspartei wählten. Mitglieder einer der Parteien waren sie in der Weimarer Zeit nicht.
Die reichhaltigen Aussagen und Stellungnahmen Delps zu gesellschaftspolitischen Problemen wie Volk1172, Nation, Reich und Staat erfolgten alle nach der Weimarer Republik. Delp dürfte sich wohl wie die anderen Jesuiten in Übereinstimmung mit der katholischen Staatsphilosophie befunden haben. Nach katholischer Tradition1173 und in deutlicher Abgrenzung zu den Vertragstheorien der Neuzeit, die auch die Staatsgewalt auf
willkürliche menschliche Vereinbarungen zurückführten, gründete sich für Delp nicht
nur der Staat selbst, sondern auch die Staatsgewalt letztlich in Gott und erfuhr so „ihre
Würde und zugleich ihre Bindung“1174. „Rückzug in das Ghetto der Kulturkampfszeit
oder auch nur die vorsichtige Distanz dem Staat gegenüber, wie sie manche Katholiken
der aus der Revolution geborenen Weimarer Zeit entgegenbrachten, waren Delps Sache
nicht“1175, so sein Mitbruder Tattenbach. Den neuen Staat aus christlicher Verantwortung mitgestalten, diese Parole sollte in späteren Jahren für Delp sogar schicksalsentscheidend werden.
Die Anerkennung des Staates entsprechend der katholischen Staatslehre lässt vermuten,
dass die Jesuiten sich grundsätzlich zur Weimarer Republik bekannten. Pope weist allerdings darauf hin, dass Delp von demokratiekritischen Ansätzen teilweise affiziert
1171
Warderholt, Das Minderheitenrecht 1930, S. 12.
Siehe dazu insgesamt die 1939 bzw. 1940 in den „Stimmen der Zeit“ erschienenen Arbeiten „Heimat“, Delp II S. 249 ff., und „Das Volk als Ordnungswirklichkeit“, Delp II, S. 271 ff.
1173
Mörsdorf, „Staat“; in: LThK 1964, Sp. 994.
1174
Mörsdorf, „Staat“; in: LThK 1964, Sp. 994.
1175
Tattenbach, Delp, Schwaiger 1984, S. 214.
1172
206
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
war.1176 Diese bezogen sich auf die durchgängige und totale Verurteilung des Liberalismus,1177 allerdings aus genuin katholischen Quellen gespeist. 1178
3.2.5
Linksliberale und konservative Kreisauer
Gablentz, durch das nationalliberale Erbe seiner mütterlichen Berliner Hugenottenfamilie geprägt1179, gehörte nach eigenen Angaben keiner Partei an und fühlte „sich vom
konservativen Sozialismus“ des Wichard von Moellendorf angezogen, der nach seiner
Überzeugung Aktualität besäße. Er stand voll zur Weimarer Republik und bekannte in
seiner autobiographischen Skizze nach dem Krieg: „In der politischen Krise seit 1930
sah ich die Notwendigkeit, mit einer moralischen und juristischen Autorität, wie sie
Brüning für uns verkörperte, einen neuen Anfang vorzubereiten, bei dem das 1919 Versäumte nachgeholt werden konnte.“ Er schloss sich weder der SPD an, an der ihn „die
marxistische Tradition, von der sie sich damals nicht lösen konnte“, störte, und die ihm
„sehr sympathischen Volkskonservativen“ sah er „von vorneherein als Offiziere ohne
Truppe, also ohne Aussicht auf politischen Einfluss.“1180
Die abwehrende Haltung Steltzers zur Weimarer Republik wurde in der schon erwähnten Denkschrift von 1947 deutlich. Nach seiner Einschätzung hatte das Volk kein mitverantwortliches Verhältnis zum Staat, der seine Interessen freiwillig zentralistischen
Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften, Interessenverbänden, Kampfbünden
überließ, gewonnen. Dies habe den Staat immer mehr von innen ausgehöhlt.1181
Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Steltzer eine für seine politische Entwicklung wichtige Begegnung mit Friedrich Naumann, den er bereits während seines Studiums in München kennengelernt hatte. Ihm vertraute er an, wie sehr ihn der „politische Betrieb anödete, in dem jede größere Linie und eine würdige, gemeinsame nationale Haltung fehlte.“1182. In seiner ersten politischen Rede im Jahr 1919 beklagte er, dass kein Führer da
sei, dem man innerlich folgen könne, man müsse sich auf sich selbst besinnen:
Wir wissen jetzt, daß es vergeblich ist, auf eine Hilfe zu warten, die außer uns liegt, und
daß es uns, den Jungen, und allen denen, die den festen Glauben an eine bessere Zukunft
1176
Pope, Delp 1994, S. 16.
Sontheimer, Antidemokratisches Denken I 1962, S. 180-188.
1178
Siehe u. a. Delp II S. 47; Delp III S. 431 ff; Delp IV S. 299.
1179
Winterhager, Gablentz 2004, S. 197-204.
1180
Gablentz, Otto Heinrich von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 3.
1181
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 107.
1182
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 68.
1177
207
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
bewahren, nicht erspart bleibt, aus uns selbst heraus den Anschluß an neue, richtungsweisende Ideen zu suchen.1183
Föderalismus und eine neue Verfassung seien keine Zaubermittel, meinte er damals, sie
blieben „leere Formen“, wenn
… wir sie nicht mit einer neuen Gesinnung erfüllen und über sie ein großes geistiges Ziel
stellen, eine neue Volks- und Völkergemeinschaft, […] durchsetzt von ethischen Ideen –
eine Gemeinschaft, in der Gewalt nicht mehr als oberstes Prinzip gilt, die keine Klassenunterschiede kennt, sondern allen Mitgliedern unseres Volkes Anschluß an die höchsten
Lebenswerte zu vermitteln sucht.1184
Diesem Ziel könne nur „durch planmäßige schöpferische Tätigkeit“ der Weg bereitet
werden, nicht auf dem Weg „natürlicher“ Entwicklung. „Nur durch den Menschen kann
ihr Richtung gegeben werden.“ Diese Einstellung erinnert an die Hoffnung, die Moltke
unter dem Nationalsozialisten hegte, „das Bild des Menschen“ neu aufzurichten. Diese
Selbstaufforderung zum politischen Handeln steht allerdings im Gegensatz zu Steltzers
Aussage, er sähe „keine Möglichkeit […] an einer Neugestaltung unserer politischen
Verhältnisse mitzuwirken.“1185 Deshalb schlösse er sich auch keiner Partei an. Als
Grund gab er an, die Verhandlungen der Nationalversammlung hätten gezeigt, dass man
sich gar nicht um eine wirkliche Neuordnung gemeinsam bemühte, „sondern nur nach
veralteten Gesichtspunkten um den Machteinfluss in der Verfassung stritt“1186. Auch
nach dem Kriege begründete der Landrat Steltzer vor dem Kreistag, warum er keiner
Partei angehörte: Die Kommunalpolitik biete „keinen Raum für kommunalpolitische
Gesichtspunkte“1187. An anderer Stelle beklagte er, dass die Abgeordneten „in dem abgegrenzten Bereich ihrer Partei, ihrer Ideologie oder ihrer Interessen“1188 lebten. In den
ersten Jahren der Weimarer Republik habe er „noch an die Möglichkeiten von Reformmaßnahmen innerhalb des Deutschen Reiches“ geglaubt. „Einer neuen Konzeption
standen aber überholte [sic!] Vorstellungen einer formalen Demokratie und eines Nationalstaates im Wege.“1189 In einer Rede am Verfassungstag 19321190 mahnte er bei der
Führung der Staatsgewalt eine „persönliche Spitze mit einer von der Volksvertretung
unabhängigen Regierung“ in vollem Gegensatz zur Weimarer Verfassung an. Die Verfassung von Weimar habe diese Regelung der Bismarck‘schen Verfassung beseitigt und
„die Staatsautorität auf die allein ausschlaggebende Macht des Parlaments“ gründen
1183
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 69.
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 69.
1185
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 75.
1186
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 75.
1187
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 83.
1188
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 107.
1189
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 107.
1190
Steltzer, Neuformung unserer staatlichen Verhältnisse 1932.
1184
208
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
wollen.“ Dies sei aber nicht gelungen, denn tatsächlich kehre die Regierungsgewalt
immer stärker zum Reichspräsidenten zurück. Eine Erbmonarchie schloss er nicht aus,
dann müsste man aber „neue Wege der Kürung durch einen geformten Volkswillen“
beschreiten. Weiterhin bedauerte er, dass die Unabhängigkeit der Regierung und des
Bundesrats vom Reichstag, worin die Autorität der Regierungsgewalt bei der Bismarck‘schen Verfassung in erster Linie begründet war, nicht mehr gegeben war. Er fuhr
dann fort: „Aber auch hier scheint die Entwicklung zu der Rückbildung einer unabhängigen Regierungsgewalt zu führen, die wir nach unseren geschichtlichen Erfahrungen
bejahen müssten.“1191 Steltzer schien die Entwicklung zu den Präsidialkabinetten gutzuheißen.
In dieser Haltung war Steltzer ein wahrer Naumann-Jünger, denn die „funktionale Bestimmung von Demokratie und Kaisertum“ des 1919 verstorbenen Naumann gab „kaum
Anhaltspunkte für eine normative Begründung der Politik“1192. Steltzer war skeptisch
gegenüber der Parteienarbeit, der formalen Demokratie, und wollte durch „volkspädagogische Arbeit“1193 neue geistige Kräfte wecken. Die pädagogischen Ziele sah Steltzer
in der
… Erziehung des einzelnen zu ethischer Grundhaltung, Erweckung eines geistig orientierten Volkstums und Achtung vor anderem Volkstum, Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit
mit anderen sozialen Gruppen innerhalb des Volkes und mit anderen Völker, Erziehung zu
selbständigem Urteil und verantwortlicher Mitarbeit im öffentlichen Leben.1194
Diese Worte erinnern stark an das Moltke‘sche Memorandum „Die kleinen Gemeinschaften“. Steltzer war weder Vernunftsrepublikaner noch Herzensrepublikaner, er hatte
die Vorstellung eines „organischen Aufbaus von Staat und Gesellschaft“1195 und war
dadurch vielen Planungsgedanken des Kreisauer Kreises anschlussfähig.
Gerstenmaier hatte, aus einem pietistischen Elternhaus abstammend, wie seine Eltern
Albertine und Albrecht Gerstenmaier und die Majorität der Pietisten eine politische
Heimat im konservativen Lager.1196 Eugen Gerstenmaier berichtete, dass er als erstmals
Wahlberechtigter bei den Reichstagswahlen 1925 den Volkskonservativen seine Stimme gab.1197 In seinen jungen Jahren gaben jedoch Bücher des Maurergesellen August
1191
Steltzer, Neuformung unserer staatlichen Verhältnisse 1932.
Hertfelder, Meteor 2008, S. 33.
1193
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 107.
1194
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 81.
1195
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 81.
1196
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 27.
1197
Gaus, Gerstenmaier 1964, S. 123.
1192
209
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Winnig1198 ihm tief beeindruckende Einsichten in die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung.
Die Welt, aus der ich kam, stand ihr [der Welt des Sozialismus; A. d. V.] feindlich gegenüber. Nun entdeckte ich Züge, die mich tief ergriffen. Eine Kampfbewegung der Gerechtigkeit, eine Freiheitsbewegung pochender Herzen. Ich konnte mich über viele Unterschiede
hinweg mit dem jungen sozialistischen Maurergesellen August Winnig spontan solidarisieren.1199
Daraus erwuchs jedoch keine politische Betätigung Gerstenmaiers, er warnte sogar
1931 in einem Artikel des „Teckboten“ vor zu „frühen parteipolitischen Bindungen der
Jugend als voreilige Festlegung in einem Zeitabschnitt, der, wie wir glauben, […] der
geschlossenen Persönlichkeitsbildung vorbehalten ist“1200. In seinen Lebenserinnerungen bekannte Gerstenmaier, dass er mit den Volkskonservativen Brüning „zugefallen“
sei.1201 Den dramatischen politischen Ereignissen nach Brünings Rücktritt stand Gerstenmaier eher gleichgültig gegenüber, „der politische Betrieb“1202 verdross ihn. Zur Reaktion in der Öffentlichkeit und in der Kirche auf den 30. Januar 1933 berichtete er in
seinen Erinnerungen, dass diese nicht ohne Reserve und Vorsicht waren, „im ganzen
aber doch so positiv, daß man sich im kleinen Kreis etwas befremdet selber fragte, warum man denn zu dem ganzen Unternehmen Hitler kein oder wenigstens kein rechtes
Vertrauen fassen könne.“1203 Man kann feststellen, dass der Volkskonservative Gerstenmaier politischer Betätigung doch eher fernstand, sodass seine Haltung zur Weimarer
Republik schwer einzuschätzen ist. Auch seine Reaktionen zum Nationalsozialismus
nach Brünings Abgang zeigten noch nicht die Ablehnung späterer Jahre.
Von Poelchaus politischer Haltung wissen wir wenig. In seinen Erinnerungen bezeichnete er sich als Kriegsgegner.1204 Genauso wie für Delp, Reichwein, Rösch und Gerstenmaier nahm er für sich in Anspruch, nicht aus politischen Gründen zum Kreisauer
Kreis gestoßen zu sein. „Wir waren von kulturellen oder religiösen Anliegen bewegt
und entwickelten uns zur Politik. Wir waren überzeugt, dass die Männer des ‚Kreisauer
Kreises’, verschiedenartige Männer, Vertreter einer Generation der aufstrebenden Kräfte, Deutschland erneuern würden …“1205
1198
Winnig, Frührot 1924; Winnig, Vom Proletariat 1930.
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 26.
1200
Gerstenmaier, Jugendbewegung 1931.
1201
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 21.
1202
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 37.
1203
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 26.
1204
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 34.
1205
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 119.
1199
210
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Zusammenfassend lässt sich zur Haltung der betrachteten Personen, die später den Kern
des Kreisauer Kreises ausmachten, sagen, dass die meisten auf dem Boden der Weimarer Verfassung standen und auch die Monarchie ablehnten. Der Grad des Eintretens für
Weimar war wohl bei den drei militanten Sozialdemokraten am höchsten1206, für
Reichwein war Weimar die ungeliebte Republik, Trott sah ihr Scheitern voraus, für
Moltke und Yorck, die die Schwächen der Weimarer Republik klar erkannten, kam eine
Rückkehr zu Weimar nicht infrage. Auch Haeften standen die Schwächen von Weimar
klar vor Augen, er sah die Lösung eher in einem autoritären Rechtsstaat. Einsiedel und
Trotha waren zwar Republikaner, liebäugelten jedoch mit einer starken Planwirtschaft
sowjetischer Prägung. Einzig Steltzer hatte wohl den Boden der Weimarer Verfassung
verlassen und jegliches Vertrauen in den Staat verloren.1207 Gemeinsam war allen jedoch eine eindeutige Ablehnung des Nationalsozialismus. Im Ausgangspunkt ihrer politischen Planungsarbeit waren die Kreisauer trotz weitgehender Übereinstimmung in
ihrer republikanischen Haltung doch sehr verschieden, sodass das Vergemeinschaftungspotenzial der politischen Ausgangshaltung eher als gering eingestuft werden muss.
Das kommt auch in dem langen Ringen in ihrer Planungsarbeit zum Ausdruck.
3.3
Religiöse Einstellungen
Wie schon mehrfach betont, bilden die Arbeiterschaft und die christlichen Kirchen die
beiden Säulen für das Kreisauer Grundsatzprogramm. Nachdem die gesellschaftspolitische Stellung der Kreisauer vor ihrer Vergemeinschaftung aufgezeigt wurde, soll nun
auch der Stellung der späteren Kreisauer zu den Kirchen bzw. dem Grad ihrer Verwurzelung im religiösen Glauben nachgegangen werden. Dieser Blick trägt im Rahmen der
Genese des Kreisauer Kreises dazu bei, neben den Quellen der Vergemeinschaftung
auch Voraussetzungen für ihre Planungsarbeit freizulegen. Weiterhin erlaubt dieser
Blick, die bei allen Kreisauern feststellbaren Veränderungen im religiösen Bereich am
Ende des Kreisauer Kreises, der für die Hälfte den gewaltsamen Tod bedeutete, darzustellen.
Gablentz stellt im Rückblick fest, dass die religiöse Grundhaltung der meisten Kreisauer
aus einem Verständnis des Christentums stammte, das aus den konfessionellen Schran-
1206
Wirsching, Vernunftrepublikanismus, Analysen 2008, S. 132. Im Allgemeinen galt: „Die Mehrheitssozialdemokratie stand grundsätzlich fest auf dem Boden der Weimarer Republik, an deren Ausgestaltung
sie in der Nationalversammlung wesentlich beteiligt gewesen war.“
1207
Siehe auch: Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 215.
211
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
ken ausgebrochen war.1208 Dies trifft zumindest für viele der protestantischen Kreisauer
zu, aber es gab neben den Geistlichen auch Kreisauer beider Konfessionen, die fest in
ihrer Kirche verankert waren. Der katholisch getaufte Leber hingegen ist wohl in der zu
betrachtenden Zeit als Freisinniger ohne einen Kirchenbezug zu kennzeichnen. Bei der
Aussage von Gablentz ist jedoch der Geltungszeitraum zu beachten. Wenn auch alle
Kreisauer 1944/45 zu einer religiösen Grundhaltung gefunden hatten, so war diese doch
am Beginn des Zusammentreffens ebenso heterogen wie ihre gesellschaftliche Positionierung.
Husen schrieb nach dem Krieg in einer Gedenkschrift für Moltke und Yorck:
Moltke und York hatten eines insbesondere gemein, die ganz fest und tief im Herzen gegründete christliche Tradition in ihrer protestantischen Prägung. Beide Familien waren in
Schlesien die Repräsentanten christlicher Bildung sowie kirchlicher Frömmigkeit und Liebestätigkeit. Der häufige Kirchgang und das Tischgebet um das tägliche Brot waren Selbstverständlichkeiten. Das Prunkstück der Yorkschen Bibliothek in Berlin – eifrig benutzt –
war eine sehr alte Gesamtausgabe von Luthers Werken. Das Haus York pflegte besonders
den guten echten christlichen Humanismus.1209
Bezogen auf Moltke dürfte dies allerdings etwas übertrieben sein. Seine Journalistenfreundin Dorothy Thompson erinnerte sich anders: „When I first knew him; I did not
think of him as being particularly religious in any case, but he was very ethically sensitive, especially on social questions.”1210 Seine Eltern waren Christian Scientists und sie
machten ihre Kinder, so Moltkes Bruder Viggo, mit den Lehren der christlichen Wissenschaft bekannt, ohne auf ihre Anschauungen – außer durch ihr Vorbild – Einfluss zu
nehmen. „Die Kinder haben diese Anschauung im großen und ganzen nicht übernommen, wenn sie sie auch haben voll gelten lassen. Die Bindung zwischen Eltern und Kindern war sehr eng.“1211
Yorck entstammte aus einem streng konservativen Elternhaus. In dieser Atmosphäre
wuchs Peter Yorck mit seinen drei Brüdern und sechs Schwestern auf. „Ein Christentum
lutherischer Prägung, die griechische Antike und die Krone Preußens“1212, um „diese
Trias kreiste nach dem Zeugnis des älteren Bruders Paul die elterliche Erziehung“1213.
1208
Gablentz Würdigung 1968, S. 593.
Husen, Paulus van: In memoriam Moltke und Yorck. 20. Juli 1944. IfZ, ED 88-1, S. 3.
1210
Thompson, Dorothy: Brief an Mother Mary Alice Gallin OSU, Washington, 23.12.1953. IfZ, ZS/A18, Bd. 8. Thompson traf Moltke zum ersten Mal, als er 16 oder 17 Jahre alt war, bei ihrer österreichischen Freundin Schwarzenbach. Aus ihrer Sicht war Moltke von der religiösen Haltung seiner Eltern als
„Christian Scientists“ nicht angezogen. Zu Dorothy Thompson siehe: Zuckmayer, Die Geschichte von
Dorothy Thompson 1995. Darin bezeichnete Zuckmayer Dorothy Thompson als „bekannteste Auslandsreporterin der amerikanischen Presse“; S. 24.
1211
Moltke, Carl Viggo von: Brief an Roon, 04.04.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5.
1212
Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 23.
1213
Ullrich, Kreis 2008, S. 29.
1209
212
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Yorcks Freund Fritz von Engelberg beschrieb einfühlsam Yorcks Religiosität mit aufrichtiger Haltung und Demut vor Gott:
Er fühlte sich ja nur Wenigem verpflichtet. Es war in erster Linie und in ganz besonderem
Maße Gott. Es ist für einen katholisch süddeutschen Menschen so schwer, dieses Verhältnis
eines evangelischen Menschen nord- und ostdeutscher Prägung zu verstehen. Peter Yorck
half einem, dies zu verstehen. Diese eigenartige Mischung zwischen aufrichtiger Haltung
und Demut vor Gott kannte er in so ausgeprägtem Maße, daß sie einem fast selbstverständlich wurde.1214
Dieses Haltung Yorcks wird später auch in seinen Abschiedsbriefen an seine Frau1215
anklingen.
Bei Reichwein ist eine religiös-sozialistische Einstellung festzustellen. Der Sozialismus, der dem Wandervogel Reichwein nicht nur eine politische, staatliche Organisationsform von Wirtschaft und Gesellschaft, sondern auch eine kulturelle Lebensform
des Volkes bedeutete, sollte nach diesem Verständnis zugleich irrationale, gefühlsmäßige Elemente umfassen, „letztlich auch ethische und religiöse Schichten des Menschen
ansprechen und miteinbeziehen“1216. Er unterschied jedoch Wissenschaft und Religion.
In einem Brief an seinen Vater schrieb er 1922: „[…] ich glaube nicht, daß Wissen Religion ersetzen kann, vielmehr scheint mir Religion die ursprünglichste und vollkommenste Form menschlicher Erlebnismöglichkeit zu sein.“1217 Seine grundsätzliche religiöse Einstellung wird auch deutlich, wenn er in seinem Aufsatz „Die junge Generation
von heute und die Weisheit des Ostens“ schreibt:
Jugend ist immer in ihrer blütenhaften – bluthaften – Aufgeschlossenheit empfindsamer
gewesen für das, was in der Luft liegt, und muß deshalb diese Empfindsamkeit auch nach
außen schärfer und entschiedener bekunden, als reife Sachlichkeit öfters rechtfertigen kann.
Darum sollte man auch nicht allzu eilfertig sein, ihre östliche Neigung zu belächeln, sondern vielmehr sich bemühen, auf jene religiöse Wurzeln zu achten, die sie zu solcher Haltung veranlasst.1218
Aus Anlass der 150. Wiederkehr des dänischen Volkserziehers Grundtvig veröffentlichte Reichwein unter dem Pseudonym Peter Rosbach 1933 einen Artikel, in dem er herausstellte, dass „gesundes Leben an Volk und Glaube und Freiheit gebunden“ ist.1219
Gablentz war vom Vater her geprägt durch die Traditionen des pommerschen Pietismus.1220 Seine pietistisch-christlichen Ursprünge hatten sich jedoch gewandelt und er
1214
Engelberg, Fritz von: Brief an Roon. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 136 ff.
1216
Amlung, Adolf Reichwein1999, S. 114 f.
1217
LBDI S. 46.
1218
Reichwein, Die junge Generation und die Weisheit des Ostens 1922, S. 715.; auch abgedruckt in:
Reichwein, Ausgewählte Pädagogische Schriften 1978, S. 46.
1219
Rosbach, Grundtvig 1933, S. 22.
1220
Winterhager, Gablentz 2004, S. 1.
1215
213
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
öffnete sich für andere konfessionelle Denkweisen. Dies hatte bereits in der Weimarer
Zeit eine dezidierte ökumenische Orientierung des evangelischen Christen Gablentz zur
Folge, der zunächst auch ganz offen war für den religiösen Sozialismus.1221 Der Biblizismus von Barth allerdings war ihm, wie schon erwähnt, zu engherzig und zu unrealistisch.1222 Nach einer „Phase kirchlichen Desinteresses“ hatte er über die Jugendbewegung, beeindruckt durch den Nürnberger Pfarrer Wilhelm Stählin, erneut zur Kirche
gefunden. Dieser hatte ihn 1931 in die Michaelsbruderschaft eingeführt, die ihm sein
„stärkster Halt in den kommenden Jahren“ war.1223 Dort begegnete er auch Theodor
Steltzer. Gablentz‘ tiefe religiöse Überzeugung wird in seiner Reflexion über „Christus
und die Geschichte der Menschheit“ deutlich. Dort schreibt er:
Die Geschichte der Menschheit hat ein Ziel. […] Die Geschichte der Menschheit hat eine
Mitte. Aber das Ziel liegt außer ihr. Und die Mitte ist etwas ganz anderes als die natürliche
Reife der Pflanze oder des Tieres. Die Mitte der menschlichen Geschichte ist Jesus Christus
[…]. Aber indem alle diese Kräfte [der verschiedenen Kulturen; A. d. V.] in der Gegenwart
aufeinanderstoßen, wird erst deutlich, in welchem Sinne Jesus Christus im Mittelpunkt der
Geschichte steht.1224
Die kirchlichen Kontakte, die er noch in der Weimarer Zeit aufgebaut hatte, nutzte er,
um sich nach der Machtergreifung verstärkt in der ökumenischen Bewegung zu engagieren. So beteiligte er sich wie Gerstenmaier an den Vorarbeiten zur Weltkirchenkonferenz in Oxford im Jahre 1937.1225
Etwas später als Gablentz trat 1931 auch Steltzer der Michaelsbruderschaft bei, die in
großer Nähe zur liturgischen Bewegung in der katholischen Kirche, getragen von Odo
Casel und Romano Guardini, stand, und übernahm 1936 das Sekretariat der Bruderschaft.1226 Steltzer mag auch den von Lessing beschriebenen Eindruck gehabt haben,
„daß die kirchliche Arbeit in einer mehr oder weniger verbeamteten Kirche den Aufgaben nicht genügt, die Kirche im ganzen immer mehr an Glaubwürdigkeit verliert“1227. In
seiner Volkshochschularbeit in den 1920er-Jahren hatte Steltzer bemerkt, dass in der
Frage der religiösen Erziehung bei den Schülern eine labile Situation ohne lebendiges
Verhältnis zur Kirche bestand. Er kam zur Einsicht, dass die Schwierigkeiten auch im
Zustand der Kirche lagen. „Ihre Lehren waren für den modernen Menschen unverbind-
1221
Steinbach, Gablentz 1999, S. 63.
Gablentz, Otto Heinrich von der: Brief an Roon, 24.11.1970. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13.
1223
Gablentz, Otto Heinrich von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 3: „Die evangelische Michaelsbruderschaft war ein Kreis von Männern, der versuchte, christliches Leben in Kirche und
Welt zugleich zu führen und die Vereinzelung zu überwinden.“
1224
Gablentz, Christus und die Geschichte der Menschheit 1934, S. 114.
1225
Gablentz, Otto Heinrich von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 4.
1226
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 119.
1227
Lessing, Geschichte der evangelischen Theologie 2004, S. 358.
1222
214
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
lich geworden. Man kam nicht weiter, wenn man einfach die Rückkehr zu den christlichen Prinzipien als die Lösung ausgab.“1228 Die Kirche müsse sich, so Steltzer, mit der
inneren Situation des modernen Menschen befassen.1229 Eine konzeptionelle Neugestaltung der praktischen Theologie, die sich „in einer Welt, die teils eigene religiöse Wege
geht (Jugendbewegung, Anthroposophie), teils atheistisch geworden ist, in der aber
auch die alten humanistischen und idealistischen Ideale noch lebendig sind“1230 bewähren soll, war gefordert. „Neben der Dialektischen Theologie, einer neuen lutherischen
Theologie“ war hier besonders die „Berneusche Bewegung“, die sich 1931 in die Michaelsbruderschaft zusammenschloss, von Bedeutung.1231 Auch Haeften stand der Michaelsbruderschaft nahe, ohne jedoch Mitglied gewesen zu sein. Diese enge Beziehung
zur Kirche war bei Steltzer nicht immer vorhanden. Über seine Jugendzeit berichtete
Steltzer, dass er, aus einer evangelisch-lutherischen Familie stammend, von seinem Vater zwar regelmäßig zur Kirche geschickt wurde, eine klare Haltung gegenüber der Religion habe es aber in seinem Elternhause nicht gegeben. Sein Vater habe gelegentlich
die Enge der orthodoxen Theologie kritisiert, man habe ihn aber nicht als liberal bezeichnen können. Die liberale Bibelkritik, die Steltzer in der Schule erfuhr, zerstörte alle
Transzendenz. „Gott hörte auf, eine Realität zu sein, der gegenüber man sich verantwortlich fühlte. Er war ein nichtssagender, ethischer Begriff geworden, vor dem auch
die Fähigkeit zum Gebet verloren ging.“1232 Die Beziehungen zur Religion lösten sich,
so Steltzer, auf.1233 Seine gefestigte Haltung zur Religion wird in folgender Passage in
seiner Denkschrift an den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg 1933 deutlich,
wenn er schreibt:
Mit dem Abfall von den unmittelbaren Glaubenskräften geht aber den Menschen die Möglichkeit eines unmittelbaren Erlebens der entscheidenden Kräfte verloren. Sie werden ein
Spielball wechselnder Einflüsse und verlieren die Fähigkeit zur schöpferischen Gestaltung,
die nur im Anschluß an objektive Kräfte, d. h. an Gott, vorhanden sind.1234
Das vollkommenste Verständnis der Persönlichkeit Haeftens erschließt sich nach Böhm
durch dessen christlichen Glauben. Dieser gab ihm die Erkenntnisse, an denen er sein
Handeln ausrichtete. „Die christliche Sittlichkeit bestimmte seine Lebensführung ohne
Bruch und bis in den Alltag hinein. Es war ein ernstgenommenes Christentum, unbe-
1228
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 82.
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 82.
1230
Lessing, Geschichte der evangelischen Theologie 2004, S. 358.
1231
Lessing, Geschichte der evangelischen Theologie 2004, S. 386. S. 386. Moltke besuchte im Oktober
1943 in Oslo zusammen mit Steltzer eine Berneuchener Messe; MB (05.10.1943) S. 553.
1232
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 13.
1233
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 13.
1234
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 271.
1229
215
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
dingt und ohne Kompromisse mit wachstem Gewissen gelebt im Bewusstsein der ständigen Gegenwart Gottes.“1235 Sein Freund aus dem Auswärtigen Amt, Gogo von Nostitz, bescheinigte ihm Klarheit des Denkens, Reinheit des Herzens; ein unbestechlicher
Blick für Gut und Böse, Recht und Unrecht waren seine bestimmenden Züge. „Er war
ein tiefgläubiger Christ, in straffer Selbstzucht und im Gebet gebunden. Sein Konfirmationsspruch ‚Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und stark‘ wurde zum Leitsatz
seines Lebens“.1236 Das Erbe protestantisch kirchlicher Frömmigkeit bestimmte nicht
nur den sonntäglichen Kirchgang, sondern auch sein Alltagsleben, und war für den
Aufwachsenden verpflichtend. „Am meisten von seinen Freunden, die den Geisterkampf alle viel zerspaltender in sich selbst empfanden, schien er noch aus solcher sicheren Bindung heraus zu leben.“1237 In seiner Wiener Zeit (1935-1937) nahm seine religiöse Entwicklung eine bedeutsame Wendung durch die Bekanntschaft mit dem Pastor
Secundarius der evangelischen Gemeinde AB (Augsburger Bekenntnis) in Wien, Herbert Krimm, der ihn auf die Michaelsbruderschaft aufmerksam machte, und mit dem
oben erwähnten Anton Böhm, einem Mitglied des Kreises um die katholische Zeitschrift „Hochland“. „Die beiden Bekanntschaften verweisen auf Motive, die schon früher für Haeftens Glaubensverständnis kennzeichnend waren, auf ökumenische Offenheit
und Suche nach Gestaltung des Glaubens im Leben.“1238 Bei solchem Glaubensernst
nimmt es nicht Wunder, dass Haeften der Bekennenden Kirche angehörte und sich mit
einem ihrer wichtigsten Sprecher, Pastor Martin Niemöller, anfreundete. Von Beginn
des Dritten Reiches an engagierte sich Haeften intensiv im „Kirchenkampf“ und war
voller Abscheu gegen die nationalsozialistische Kirchenpolitik und die NS-hörigen
„Deutschen Christen“.1239
Trott stand in seiner Jugend in großer Distanz zur Kirche, trotz der starken religiösen
Bindung seiner Mutter. Bei seiner ersten Begegnung mit Visser’t Hooft 1928 hatte Trott
von einer Phase religiöser Übersättigung in seiner Familie gesprochen und dass er durch
die Lektüre der Romane Dostojewskis wieder zur Religion gefunden habe.1240 „In Trotts
Denken kam es zu einer Synthese zwischen Dostojewski und lange gehegten sozialistischen Neigungen.“1241 1929 nahm er am Rande Berlins an einer studentischen Wochen-
1235
Böhm, Skizze 1946, S. 10 f.
Nostitz, In memoriam Haeften 1948, S. 220
1237
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 145
1238
Ringshausen, Evangelische Kirche und Widerstand 1992, S. 87
1239
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 37
1240
Visser’t Hooft, Autobiographie 1972, S. 189.
1241
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 246.
1236
216
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
endkonferenz des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen teil,
wo namhafte Ökumeniker u. a. über die Welt des Islam und über Christentum als übernationale Religion vortrugen.1242 Diese Konferenz mag sein Interesse an der Bibel geweckt haben, seine Mutter schickte ihm eine Bibel in moderner Übersetzung. 1933 begann Trott nach der Machtergreifung, „Christentum und Kirche, ob nun protestantisch
oder katholisch, als eine mögliche Gegenkraft gegen die herrschende Ideologie wahrzunehmen“1243. Suchend las er Karl Barths Schrift „Theologische Existenz heute!“ gegen
die Deutschen Christen, die von seiner Mutter ihm zugesandten Hefte der Jungen Kirche, eine Zeitschrift der Bekennenden Kirche und die Adventspredigten von Kardinal
Faulhaber von 1933, die ihm Ingrid Warburg zuschickte.1244 Er las auch mit Begeisterung den katholischen Essayisten Theodor Haecker1245, der sich mit entschiedener Radikalität gegen den Nationalsozialismus wandte. In einem Brief an seine Oxforder
Freundin Diana Hubback gelangte er zur Überzeugung, dass die christliche Ethik für die
Wiederaufrichtung der zerstörten Würde des Individuums von entscheidender Bedeutung sei1246. Als Gewinn seiner Nahostreise mag auch seine Auseinandersetzung mit
Konfuzius gewertet werden. Er schrieb an seine Mutter Ende 1938 am Ende seines Chinaaufenthaltes einen Brief, worin er das Christentum mit der Gnadengabe mit dem reformschwächeren Konfuzianismus verglich:
An der Gestalt von Konfuzius und allem, was ihn umgibt, fehlt einem immer etwas, wenn
es auch schwerfällt zu sagen, was. Vielleicht ist es, wie viele behauptet haben, die eigentliche persönliche Größe – oder das Religiöse in unserem christlichen Sinn. Es ist eine breite
und mächtige Wirkung von ihm ausgegangen, und er muß doch eine geheimnisvoll resignierte und vielleicht deshalb zugleich gewaltige und nicht restlos befriedigende Persönlichkeit gewesen sein. In seinem Denken fehlt die Vorwegnahme eines gnädigen Gottes,
wie sie unser abendländisches Denken zum Teil kennzeichnet.1247
In einem weiteren Brief an seine Freundin Hubback im November 1938, ebenfalls kurz
vor seiner Abreise aus China und unter dem Eindruck der „tieferen psychischen Kräfte“,
die vom Osten ausgehen, äußerte er, er glaube, dass das Heil in dem Gehorsam gegen1242
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 132 f.
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 244.
1244
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 244.
1245
Theodor Haecker (1879-1945) zählt zu den sprachmächtigsten Vertretern des katholischen Existenzialismus und zu den radikalsten Kulturkritikern in der Weimarer Republik und im Dritten Reich; das
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon rechnet ihn „zu den bedeutendsten katholischen Schriftstellern zwischen den beiden Weltkriegen“. Theodor Haecker war eine prophetische Stimme des Widerstandes gegen den Ungeist der deutschen „Herrgottreligion“. Er war ein Mentor von Hans und Sophie
Scholl vom Widerstandskreis Weiße Rose und hatte Kontakt zu Pater Delp; Haecker, Biographischbibliographisches Kirchenlexikon 1990, Sp 433-434.
1246
Trott, Adam von: Brief an Diana Hubback, 26.06.1936; BC, The papers of Adam von Trott zu Solz,
S. 3: “I come to the conclusion more and more that only a material renaissance of Christian law and ethics
[…] can stem this tide which threatens to devour all we care for. It alone on the other side would give
back the emphasis to the individual subject and its dignity which is now being ground into atoms […].”
1247
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 116.
1243
217
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
über einer höheren Ordnung liege, nach dem christlichen Gedanken ein persönlicher
Gott, der immer einen tiefen Einfluss auf seine Denkprozesse ausübte, obwohl er kein
Gläubiger im alten christlichen Sinn sei. Trott fragte Diana in diesem Brief, ob sie das
schöne mittelalterliche Gebetbuch und die Meditationen „Imitatio Christi“ von Thomas
A. Kempis kenne. Er verglich sie mit Prosagedichten von Changste und erhoffte sich
daraus Anstöße, um über „enttäuschende Ansätze“ hinauszuwachsen.1248 Trotz einer
zweifellos stattgefundenen Verinnerlichung des Glaubens verspürte Trott zu jener Zeit
eine Heimatlosigkeit in seiner evangelisch-reformierten Kirche.1249 Er blieb trotz seines
gewonnenen Glaubens seiner Kirche fern, aber er nahm die christlichen Kirchen als eine
mögliche Gegenkraft gegen die herrschende Ideologie des neuen Regimes in Deutschland wahr.
Die beiden Freunde Mierendorff und Haubach sind in Bezug auf ihre religiöse Sozialisation und ihre Haltung zur Kirche vor dem Hinzutreten in den Freundeskreis schwer
einzuschätzen. Beide waren wohl keine Atheisten, aber bestimmt Kirchenferne, die, wie
später darzustellen sein wird, beide eine beachtliche christliche Karriere zurücklegten.
Anhaltspunkte für Mierendorffs religiöse Haltung sind der Trauerrede, die sein Freund
Haubach im Januar 1944 in Darmstadt auf ihn hielt, zu entnehmen:
Pracht und Zauber des Barock – das war seine Sache! […] In der Asam Kirche zu München
sagte er einmal: „Wer nicht beten kann, hier muß ers lernen!“ Das Göttlich-Irdische in Eins
zu schauen – so wie es das Barock auf seine Weise tat – das war seine Sache. Er konnte und
wollte nicht trennen. Seine „Weltanschauung“ – wenn einer nach ihr fragte – hier war sie.
Welche Erfüllung fand er in der noblen Melancholie der Schlösser, Parks und der kunstvoll
verzauberten Gärten. Wie hier die planende Vernunft sich dem freundlichen und listenreichen Naturdämon verband, Schein und Wirklichkeit vertauschend, Ewiges im Zeitlichen
spiegelnd, um Zeitliches vom Ewigen umgriffen und bedingt zu zeigen – das war eine
Welt, das war seine Welt. […] Die göttliche Ordnung der irdischen Dinge – sie in liebendem Glauben einst freudig zu betreten – darnach war er sein Leben lang unterwegs.1250
Diese Aussage bezog sich bestimmt auf die Zeit, bevor er nach 1933 ins KZ geworfen
wurde; danach wird Mierendorff, der im KZ schwer leiden musste, nicht mehr so geredet haben.
Haubach hatte eine jüdische Mutter, die er mit großer Liebe umsorgte und bis zu ihrem
Tode 1939 im Alter von 73 Jahren vor antisemitischen Verfolgungen schützte. Sie hatte
keine ausgeprägte religiös-jüdische Prägung und ermöglichte ihrem Sohn eine liberalbürgerliche Erziehung. Als Protestant hatte Haubach in seinem Ringen um Gottes-
1248
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 117.
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 118.
1250
Haubach, Theo: Trauerrede für Carlo Mierendorff Januar 1944 in Darmstadt. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S.
5 f.
1249
218
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
erkenntnis nur lockeren, kritischen Bezug zur Kirche, jedoch großes Interesse an religionsphilosophischen Fragen.1251 Haubachs Begegnung mit Alma de l’Aigle im Hofgeismarer Kreis der Jungsozialisten bringt einige Hinweise auf seine religiöse Entwicklung zutage. Am 08. Januar 1939, zwei Monate nach dem Reichspogrom und ein halbes
Jahr vor Kriegsbeginn, schrieb er an Alma de l’Aigle seinen Traum von den Luftgeistern.1252 Diese Luftgeister seien in eine mittelgroße Stadt eingefallen und hätten große
Schäden angerichtet; damit war wohl das zerstörerische Wirken der Nazis gemeint. Das
seien aber nur materielle Schäden. „Schlimm ist nur“, so Haubach, seinen Traum erzählend, „daß die Bande über einen Teil von euch unwiderruflich Macht bekommen hat. Ihr
glaubt an sie und darum seid ihr ihnen verfallen.“ Haubach riet: „Ihr müsst Euch auf die
Seite Gottes stellen“, aber er wusste, „Gott ist ohne den Menschen ohnmächtig.“1253
Ringshausen hält es für denkbar, dass der Traum durch die Lektüre des Epheser-Briefes,
der vom „Fürsten, der in der Luft herrscht“, und seinen „bösen Geistern“ spricht (Eph
2,2; 6,12) ausgelöst wurde oder durch die Zeile „Der Fürst des Geziefers verbreitet sein
Reich“ des Gedichts „Der Widerstreit“ von Stefan George, das er einmal einem Brief an
Alma beilegte.1254 Ringshausen beurteilt diesen Traum nicht als Ausdruck eines kirchlich gebundenen Christentums, sondern eher als humanistische Religiosität.1255 Der Tod
seiner Mutter im September 1939 löste in Haubach große Schuldgefühle aus, da er
glaubte, er habe nur ihre Liebe genommen, sie aber zu wenig an seinem Leben teilnehmen lassen.1256 Haubach fühlte sich dadurch in eine schwere Krise versetzt und schrieb
seiner Freundin am 07. Dezember 1939: „Mein Glaube an mich selbst ist dünn und dürr
geworden. Und Gott schweigt, wenn ich bete. Keine Stimme antwortet mehr, wenn ich
bete. Darum bete ich nicht mehr.“1257 Nach dem Tod seiner Mutter fand er in der „systematischen Lektüre philosophischer und religiös wissenschaftlicher Studien“1258 einen
für seine Entwicklung wichtigen Neuansatz, als er sich „von den antiken Philosophen
und Hegel ausgehend – mit der scholastischen Philosophie – vorab und besonders mit
Thomas von Aquin“1259 beschäftigte. Er studierte Thomas von Aquin nicht nur aus persönlichem Interesse, sondern auch für die Aufgaben nach Hitler, wie er seinem Doktor1251
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 301 f.
L’Aigle, Briefe 1947, S. 29-34.
1253
L’Aigle, Briefe 1947, S. 32 f.
1254
L’Aigle, Briefe 1947, 14.02.1943. S. 62. Dieses Gedicht ist im Kapitel „Motivation zum Widerstand“
im Zusammenhang mit Haubach wiedergegeben.
1255
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 318.
1256
L’Aigle, Briefe 1947, S. 36.
1257
L’Aigle, Briefe 1947, S. 38.
1258
L’Aigle, Briefe 1947, S. 53.
1259
L’Aigle, Briefe 1947, 21.07.1938. S. 27.
1252
219
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
vater Jaspers anvertraute.1260 Bei diesen Studien stieß er auch auf den „ganz ausgezeichnete[n] Urs von Balthasar“, der ihm die „ungewöhnlichsten Hinweise und eine
Fülle von Stoff“1261 vermittelte. Er schätzte diesen „offene[n], durchaus selbständigen
Kopf, der bei strikter Katholizität“ die Bedeutung der frühen Konzilsentscheidungen
„für die Würde und Größe des abendländischen Denkens“ herausstellte.1262 Hier zeigt
sich auch bei Haubach eine konfessionelle Offenheit, die viele der Freunde auszeichnete.
Poelchau, im schlesischen Pietismus aufgewachsen, sagte später, er habe den Glauben
in seine Jugendzeit „nur als ‚depressive Reflexion’ erlebt – nicht als Befreiung“1263.
Poelchau stieß bei seinen theologischen Studien in Marburg, Hort der „liberalen Theologie“1264, vor der sein Vater gewarnt hatte, auf Paul Tillich – eine Begegnung, die ihn
prägen sollte. Tillich war einer der geistigen Väter des „religiösen Sozialismus“, einer
Bewegung, die eine Verbindung von Christentum und Sozialismus herstellen und dadurch die trennende Distanz zur Arbeiterschaft überwinden wollte.1265 Die theologische
Haltung Poelchaus tritt in seinem im Dezember 1932 in den „Neuen Blättern für den
Sozialismus“, und nicht in einer theologischen Zeitschrift, erschienenen Artikel „Politische Theologie?“ klar zutage. Ausgehend von seiner damaligen Erkenntnis, dass die
evangelische Kirche „kein lebendiger, als notwendig empfundener, wirksamer Faktor
im Leben der einzelnen“1266 mehr ist, rezensierte er eine Reihe zeitgenössischer Arbeiten zur theologischen Ethik, u. a. Gogarten, de Quervain, und beklagte, dass keine Antworten auf brennende politische Fragen gefunden wurden. Poelchau fragte deshalb:
„Muß er [der Gesetzgeber; A. d. V.] nicht auch […] für das Recht einer unterdrückten
Klasse, wenn er kein anderes Mittel hat, mit Staatsgesetzen kämpfen, nur damit überhaupt ihr Anspruch gehört wird?“1267 Poelchau forderte, dass Ethik politische Ethik,
„d. h. verantwortliche Entscheidung vor dem Worte Gottes aus dem Zusammenhang der
1260
Jaspers, Doktor der Philosophie 1955, S. 17: „Wenn der Mensch ohne Gott wohl leben, aber nicht
ernst werden könne […] so werde Gott den Massen am ehesten auf den Wegen des Denkens wieder erreichbar. ‚Da hilft mir Thomas […] Thomas denkt. Seine Gottesbeweise sind noch heute großartig’.“
1261
L’Aigle, Briefe 1947, S. 54.
1262
L’Aigle, Briefe 1947, S. 55.
1263
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 33
1264
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 48
1265
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 68
1266
Poelchau, Politische Theologie? 1932, S. 650 Fn. 1: In einem nördlichen Berliner Vorort gab es 1931
1.000 Kirchenaustritte, in denen in keinem einzigen Fall dogmatische Bedenken angegeben wurden.
1267
Poelchau, Politische Theologie? 1932, S. 652.
220
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Polis heraus“1268 sein müsse. Diese politische Ethik sah Poelchau, der religiöse Sozialist, bei seinem Mentor Paul Tillich verwirklicht, den er in seinem Aufsatz zitierte:
Die proletarische Situation […] ist der Ort, von dem aus die Geschichte selbst den Protestantismus vor die Frage gestellt hat, ob er sein Prinzip mit bestimmten Formen seiner Verwirklichung gleichsetzen oder ob er mit seinem Prinzip sich unter die Forderung stellen
will, die von der proletarischen Situation an ihn ergeht, und die einen großen, ja den größten Teil seiner gegenwärtigen Verwirklichung in Frage stellt.1269
In dieser Rezension behandelt er auch kritisch Werke, die „eine Art Theologie des Dritten Reichs“ darzustellen scheinen, und fordert, dass der Protestantismus sich „mit aller
Macht gegen dieses ‚positive’ Christentum, das uns jetzt von allen Seiten aufgedrängt
wird, d. h. gegen die Metaphysizierung der Religion und des Staates wehren [muss],
wenn er gegenüber dem Katholizismus seine Daseinsberechtigung behalten will“1270.
Wenn er den Katholizismus erwähnt, gegen den es sich zu behaupten gilt, dann meint er
bestimmt nicht die theologische, sondern die politische Dimension, denn zu diesem
Zeitpunkt galt noch die dem Nationalsozialismus gegenüber kritische Haltung der katholischen Bischöfe. Vom 17. bis 19. August 1932 tagte in Fulda die gesamtdeutsche
Bischofskonferenz und sprach sich gegen die NSDAP aus. Sie verbot die Zugehörigkeit
zur Partei und ihre Unterstützung. Poelchau, der später als Gefängnisgeistlicher vielen
gefangenen Kreisauern Hilfe und geistlichen Halt geben sollte, stand fest in seinem protestantischem Glauben und zeigte noch kurz vor der Machtergreifung offen seine ablehnende Haltung gegen den Nationalsozialismus.
Neben Poelchau war Gerstenmaier der zweite evangelische Theologe im Kreisauer
Kreis. Prägend war sein im Elternhaus gelebter Pietismus. „Bereits von Kindesbeinen
an wurde ihm und seinen Geschwistern die pietistische Frömmigkeit vorgelebt, die den
Kern seines Glaubens und Gottvertrauens bilden sollte.“1271 Trotz der Dankbarkeit, die
Gerstenmaier zeitlebens für den traditionellen schwäbischen Altpietismus verspürte,
bewahrte ihn dies nicht vor einschneidenden Auseinandersetzungen mit diesem. Stark
wurde er von der Wandlung in der evangelischen Theologie der Nachkriegsjahre beeinflusst. Es war dies die sich „mächtig entfaltende dialektische Theologie“, die das Ende
der Epoche der „historisierenden liberalen Theologie unter dem Patronat Adolf von
Harnacks“1272 einläutete. Gerstenmaier studierte Theologie in Tübingen, Zürich und
Rostock und das in bewegter politischer Zeit, anfangs der 1930er-Jahre. In Rostock
1268
Poelchau, Politische Theologie? 1932, S. 653.
Poelchau, Politische Theologie? 1932, S. 655; Tillich, Protestantisches Prinzip 1931.
1270
Poelchau, Politische Theologie? 1932, S. 656.
1271
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 27.
1272
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 24.
1269
221
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
wurde er im Wintersemester 1932/33 zum Fachschaftsleiter der evangelischen Theologie gewählt.1273 Obwohl Gerstenmaier politisch eher uninteressiert war, er wurde nach
seinen eigenen Worten von der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar
1933 „völlig überrascht“1274, wurde er durch die Auseinandersetzungen um die Einsetzung des Reichsbischofs Ludwig Müller „politisiert“, da er um die kirchliche Autonomie fürchtete.1275 Gerstenmaier erklärte vor der Rostocker Studentenvollversammlung
vom 16. Juni 1933:
Unser Anliegen ist klar und einfach: Wir deutschen evangelischen Studenten bekennen uns
zu der Freiheit einer Kirche, die auf dem im Bekenntnis der Väter verfassten Verständnis
des Evangeliums steht. Wir wehren uns gegen jeden Schein von Gewaltanwendungen bei
Entscheidungen der Fragen, die diese Kirche betreffen. Wir wollen, dass diese Kirche in
der Liebe zu Volk und Reich das Evangelium verkündet unbeugsam vor jedweder Gewalt.1276
Aus dieser Erklärung kann geschlossen werden, dass es dem Theologiestudenten Gerstenmaier zu diesem Zeitpunkt weniger um eine Widerständigkeit gegen den heraufziehenden Nationalsozialismus, sondern um die Autonomie seiner Kirche ging.
Neben den protestantischen späteren Kreisauern sollen nun auch die katholischen betrachtet werden. Im Gegensatz zu den protestantischen Freunden kann den katholischen
bis auf Leber eine tiefe Verwurzelung in ihrem Glauben und Kirchennähe auch zur katholischen Hierarchie bescheinigt werden; das gilt sowohl für die Laien als auch natürlich für die drei Jesuiten. Eine Ausnahme bildet lediglich Leber, der zwar in seiner elsässischen Heimat katholisch getauft wurde, aber seinen Glauben nicht praktizierte und
der Kirche eher ablehnend gegenüberstand, wie es bei vielen der Sozialdemokraten in
der damaligen Zeit war.1277 Auch er wird, wie die kirchenfernen Protestanten im Widerstand, seine eigene Religiosität entwickeln.
Peters wurde, wie bereits erwähnt, 1933 Mitglied der Görresgesellschaft, einer in der
Zeit des Kulturkampfes im Jahre 1876 gegründeten Organisation zur Förderung der
Wissenschaften aus katholischer Sicht.1278 1940 übernahm er, wie schon gesagt, den
1273
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 40.
Gerstenmaier, wie vom Teufel behütet; Teckbote 1983, S. 22.
1275
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 41.
1276
Erklärung Eugen Gerstenmaiers vor der Rostocker Studentenvollversammlung, 16.06.1933. ACDP;
I–210-004/1, S. 2.
1277
Beachte jedoch: „Für Leber war charakteristisch, dass er wiederholt mit einigem Stolz darauf hinwies,
dass er der einzige SPD-Abgeordnete gewesen sei, der nicht aus der Kirche ausgetreten sei, obwohl man
ihm dies nahegelegt habe. Er liesse sich nicht zu etwas zwingen, bemerkte er hierzu. Obwohl im Grunde
religiösen Fragen gegenüber indifferent stehend, vertrat er ebenso wie die anderen Sozialisten […] die
Notwendigkeit der christlichen Schule mit allem Nachdruck, […]“; in: Husen, Paulus van: Interview mit
v. z. Mühlen o. D. BA NL 166-151, S. 2.
1278
Trott, Levin, Peters und der Kreisauer Kreis 1997, S. 23.
1274
222
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Vorsitz der Gesellschaft, die jedoch von den Nationalsozialisten kurze Zeit später verboten wurde. Peters hatte beste Verbindungen zum Bischof Preysing in Berlin, bei dem
er Moltke einführte. Enge Verbindungen hatte er auch zu der katholischen Arbeiterbewegung mit Bernhard Letterhaus, Jacob Kaiser, Hermann Josef Schmitt und Josef Wirmer,1279 zu denen auch Pater Delp engen Kontakt hielt. Seinen katholischen Glauben hat
Peters nicht verheimlicht und „als Luftwaffenoffizier hat er sich nie gescheut, an den
Gottesdiensten teilzunehmen“1280, und hat seine Katholizität kaum zum Hindernis für
darüber hinausgehende Zusammenarbeit werden lassen.1281
Lukascheks Fundament und Grundmotiv für seinen Weg in den Widerstand gegen den
Nationalsozialismus lag ebenfalls in seinem katholischen Glauben.1282 Seine Verbundenheit mit ihm und mit dem Christentum zeigt sich besonders in seiner Bindung an den
katholischen Naturrechtsgedanken und seine von der katholischen Soziallehre geprägten
Auffassungen.1283 Sein Freund und Weggefährte Husen sprach von „einer Religiosität“
und „Katholizität in seinem Wesen [von] Gottesliebe und Nächstenliebe“, die das
„Formprinzip für sein politisches Handeln und für sein ganzes Leben“ bildeten.1284 Seine Sozialisation im streng katholischen Elternhaus dürfte auch politische Züge getragen
haben, da man ihm, wie er selbst in einem Vortrag1285 berichtete, „schon in der Wiege“
die Fahne des katholischen Zentrums in die Hand gedrückt habe. Im gleichen Nachkriegsvortrag betonte Lukaschek, dass die Richtlinien seines Handelns die Heilige
Schrift und die päpstlichen Enzykliken seien, auf die er immer zurückgegriffen habe.1286
Der praktizierende Katholik Lukaschek war jedoch durchaus religionskritisch und hatte
sich schon in seiner Studentenzeit mit dem römischen „Syllabus“ auseinandergesetzt. Er
fühlte sich von den darin enthaltenen antiliberalen Sätzen „wie vor den Kopf geschlagen“1287. Auch vertrat Lukaschek keinen engen konfessionellen Standpunkt und seine
Freunde bescheinigten ihm eine ausgesprochene Toleranz.1288
1279
Roon, Neuordnung 1967, S. 114.
Roon, Neuordnung 1967, S. 113.
1281
Peters, Katholische Staatsauffassung 1948. S. 301-312.
1282
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 37.
1283
Ellmann, Lukaschek 2000. S. 48.
1284
Husen, Nachruf auf Lukaschek 1955. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
1285
Lukaschek, Mainau 1951; S. 9.
1286
Lukaschek, Mainau 1951, S. 9.
1287
Lukaschek, Mainau 1951. S.13.
1288
Schäffer, Hans: Meine Erinnerungen an Hans Lukaschek, Oktober 1963. IfZ, ZS-A/18, Bd. 7, S. 1 f:
„[…] für Lukaschek galt in erster Reihe der Mensch in seiner Eigenart, erst weiter dahinter kam seine
Glaubens- und Parteizugehörigkeit und noch viel weiter dahinter, wenn überhaupt, die Frage, was eine
bestimmte Haltung für die Ansichten und die Stellung der eigenen Person bedeuten könnte.“
1280
223
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Moltke schrieb am 28. Juni 1943 an seine Frau über die Religiosität Husens: „Gestern
abend war ich bei Husen […]. Er ist ein charmanter Mann und das ganze Haus ist so
bezeichnend für ihn und so tief katholisch. Nun war Fronleichnam gefeiert worden und
die Blumen auf dem Tisch hatten am Morgen auf dem Altar die Kirche geziert.“1289 Wie
bei Lukaschek lag auch bei Husen seine Widerständigkeit in seinem Glauben begründet,
der ihm in einem streng katholischen Elternhaus vermittelt worden war. Husen bekannte
sich auch öffentlich zu seinem Glauben. So stellte er im Jahre 1930 in seinem bereits
erwähnten Buch über das Minderheitenrecht in Oberschlesien die Maßgeblichkeit der
Gebote Gottes heraus.1290 Husens Gegnerschaft zur totalitären Ideologie der Nationalsozialisten zeigt sich auch in seinem Beitrag von 1930 über Oberschlesien, in dem er
Front machte gegen den „Kulturkampf“ und die Unterdrückung der katholischen Kirche
in Polnisch-Oberschlesien.1291
Die für die vorliegende Arbeit notwendige religiöse Verortung der drei Jesuiten steht
eigentlich außer Frage und soll im Detail nur im Falle Delps gestreift werden. Rösch
war als Provinzial der Oberdeutschen Provinz der Gesellschaft Jesu (1935-1944) eine
wichtige Figur des Kirchenkampfes und des Widerstandes gegen den NS, über den
Gerstenmaier im April 1943 aus Rom die schon erwähnte Aussage mitbrachte, „er sei
der stärkste Mann des Katholizismus in Deutschland“1292. König, 1939 von Kardinal
Faulhaber zum Priester geweiht, war zunächst Studienassessor für Geographie, dann ab
1939 Professor für Kosmologie an der philosophischen Ordenshochschule, dem Berchmanskolleg. Nach seinem Mitbruder Tattenbach verwendete er seine hervorragende
Begabung ganz im Kampf für die Kirche.1293
Zur Veranschaulichung der religiösen Ausgangssituation des damals knapp 14 Jahre
alten Delp zählt sein Biograph und Mitbruder Bleistein folgende religiöse Ereignisse
des Jahres 1921 auf: 28. März Konfirmation, 19. Juni Erste Hl. Kommunion, 28. Juni
Firmung.
Diese Daten sprechen zusammengenommen gewiß erst von einer schwierigen konfessionellen Situation, von einer mäßigen Ökumene zwischen den Kirchen, wie sie eben um 1920
noch gang und gäbe war. Sie verraten auch, ohne dass man sich auf allzu große Interpretationskünste einlässt, etwas vom Stolz und vom Eigenwillen des Alfred Delp.1294
1289
MB S. 498
Warderholt, Minderheitenrecht 1930, S. 12: „Positives Recht, welches gegen Naturrecht und Gottes
Gebot verstößt, ist Unrecht.“
1291
Warderholt, Oberschlesien 1930, S. 192, S. 210.
1292
Bleistein, Rösch 1998, S. 11.
1293
Tattenbach SJ, Franz Graf von: „Pater Lothar König S.J. ist am …“. IfZ, ZS/A-18, Bd. 8.
1294
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 25.
1290
224
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
Kurz nach dem Abitur, am 22. April 1926, trat Delp in den Jesuitenorden ein und wurde
am 24. Juni 1937 in München durch Kardinal Faulhaber zum Priester geweiht. Delp
erlebte die Folgen der Machtergreifung in dem vom Nationalsozialismus erzwungenen
Umzug des in Österreich liegenden Kollegs Stella Matutina, wo Delp als Jugenderzieher wirkte, nach St. Blasien im Schwarzwald. Delp legte bei seiner Tätigkeit mit den
Schülern „in Diskussion und Information größten Wert darauf, daß seine Jugendlichen
für die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus vorbereitet würden“1295. 1935
plante Delp zusammen mit einigen Mitbrüdern eine Publikation, „die sich kritisch mit
dem neuen Aufbruch im Deutschen Reich auseinandersetzen sollte“1296. Dabei sollte
nicht nur „gegen eine sich totalitär erweisende nationalsozialistische Ideologie“ argumentiert werden, sondern „aus der Unterscheidung heraus eine Alternative“ gefunden
„und die Kraft zu einem besseren Aufbau“1297 gesammelt werden. Nach Bleistein spiegelt dieser Plan, der aus mangelhafter Tatkraft seiner Mitbrüder nicht zustande kam,
eine „Denkungsart, die das Positive im völkischen Aufbruch dieser Jahre aufgreifen und
auch auf das Fundament eines katholischen Menschenbild[s] gründen will“1298. Eine
zweite Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, und zwar mit der germanisch
orientierten „Deutschen Glaubensbewegung“ unter Jakob Wilhelm Hauer und Ernst
Graf zu Reventlow1299, unternahm Delp 1936 mit einer Predigtreihe in der Predigtzeitschrift „Chrysologus“1300. Er wollte in dieser theologischen Auseinandersetzung einer
dritten Konfession wehren.1301 Delp setzte in dieser Predigtreihe „gegen Rassenideologie, Gottgläubigkeit, Pantheismus, evolutionäre Religiosität, Rassenfrömmigkeit, moderner ‚Mythus’ […] die Lehre der Kirche, vor allem die Schöpfungstheologie und eine
christozentrische Erlösungslehre“1302. Hatte Delp in dem ersten Auseinandersetzungsversuch noch eine „Umarmungsstrategie“ im Sinn, so bezog er mit seiner Predigtreihe
eindeutig Stellung gegen die Absichten der Nationalsozialisten.
Der Aussage Gablentz, dass alle Kreisauer ein gleiches christliches Grundverständnis
hatten, ist nach dieser angestellten Betrachtung nicht zuzustimmen. Es gab Kulturprotestanten, Nicht-Gläubige wie Leber, grundsätzliche, aber kirchenferne Christen sowie
religiöse und kirchennahe Christen. Die Kirchennahen, religiös Praktizierenden schei1295
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 78.
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 80.
1297
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 92.
1298
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 92.
1299
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 99.
1300
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 96.
1301
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 115.
1302
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 114.
1296
225
Verortung des gesellschaftspolitischen und religiösen Standpunktes
der Kreisauer am Beginn ihres Ringens um eine Neuordnung
nen aber überwogen zu haben und insofern war in Gruppen in der ausgeübten Religion
doch ein vergemeinschaftendes Element festzustellen. Auf dieser Basis konnte Moltke
als Säulen seiner Planungsarbeit neben der Arbeiterschaft auch die Kirchen in Anspruch
nehmen. Dies war allerdings mit vielfältigen Diskussionen verbunden.
226
Vergemeinschaftende Quellen
4
Vergemeinschaftende Quellen
Die Vergemeinschaftung geschieht, wie in dem Exkurs dargestellt, über gemeinsame
Werte, Überzeugungen oder Einstellungen und über Exklusionsgestalten, aber auch
durch bereits erfahrene Sozialisation und Prädispositionen, Erfahrungen, gemeinsames
Bekenntnis und gleiche politische Ansicht.
Bei der Vergemeinschaftung des Kreisauer Kreises muss auch berücksichtigt werden,
dass es bereits bestehende Teilgruppen gab, die schon vor der Bildung des Kreisauer
Kreises einen Weg des Vergemeinschaftungsprozesses zurückgelegt hatten. Dies gilt
neben Moltke für die acht Freunde1303, die bereits bei der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft mitgewirkt hatten, mit Einschränkung für die sogenannten militanten Sozialisten1304, für die fünf religiösen Sozialisten1305, für die Anhänger der Michaelsbruderschaft1306, für die drei Jesuiten, das Freundespaar Haubach und Mierendorff, für die
Weggefährten Lukaschek und Husen. Die 20 Freunde, die zum engeren Kreis der Kreisauer gezählt werden, waren sich trotz aller Heterogenität also nicht insgesamt gegenseitig fremd. Es bestand bereits eine Kohäsion in den Teilgruppen und „Kitt“, der die Vergemeinschaftung beförderte.
Es gibt viele Quellen, aus denen sich diese Vergemeinschaftung speiste; nur einige können exemplarisch näher behandelt werden. Zu diesen Quellen zählen die Sozialisation
und die erworbene Prädisposition während der Jugend- und Studentenzeit, z. T. auch in
England, die gemeinsame Volksbildungsarbeit in Schlesien, die Kriegserlebnisse und
der sich bei den im Felde gestandenen Freunden nach dem Krieg zeigende Veränderungs- und Gestaltungswille, die Auslandserfahrungen einiger Kreisauer, die generationelle Vergemeinschaftung, die bei den Freunden feststellbare Motivation zum Widerstand und ihre Weigerung, zu emigrieren. Die Prädisposition durch die Jugendbewegungen, die Erfahrungen in der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft und die Motivationslage zum Widerstand sollen näher betrachtet, die übrigen Quellen aber zunächst kurz
gestreift werden, um der Vielfalt der Vergemeinschaftungsquellen besser gerecht zu
werden.
1303
Gablentz, Yorck, Trotha, Einsiedel, Reichwein, Peters, Lukaschek (als Gast), Steltzer (nicht direkt
beteiligt, aber mit der Löwenberger Arbeitslagerarbeit bestand eine lose Verbindung )
1304
Mierendorff, Haubach, Leber
1305
Gablentz, Poelchau, Haubach, Mierendorff, Reichwein
1306
Gablentz, Steltzer, Haeften (Sympathisant)
227
Vergemeinschaftende Quellen
Für die älteren Kreisauer war mit Sicherheit auch das Erlebnis des Ersten Weltkriegs ein
vergemeinschaftender Faktor.1307 Reichwein, Peters, Mierendorff, Haubach, Leber,
Rösch, Husen, Gablentz waren Kriegsfreiwillige und Steltzer Berufssoldat. Alle kriegsfreiwilligen späteren Kreisauer kehrten als Offiziere mit Tapferkeitsauszeichnungen aus
dem Krieg zurück. Die Vergemeinschaftung zeigte sich nicht etwa in einer Unterfraktion des Kreisauer Kreises, sondern in Mentalitätseinflüssen durch das Kriegserlebnis.
Das eigentliche „Kriegserlebnis“ dieser jungen Generation im Felde habe, so der Erziehungswissenschaftler Erich Weniger (1894-1961), der 1914 als 20-Jähriger wegen des
Krieges sein Studium abgebrochen hatte, neben der Erweiterung der Lebenserfahrung,
darin bestanden,
… daß der durchschnittliche Mensch in der Gemeinschaft und in der Kameradschaft hineinwuchs und dass er dabei dem Tode immer wieder unmittelbar gegenüberstand, wie
sonst nur außergewöhnliche Menschen unter außergewöhnlichen Schicksalen.1308
Das Grabenleben und die alltäglich erfahrene Präsenz des Todes ließen die Soldaten
ungeachtet ihres sozialen Herkunftsmilieus näher zusammenrücken, schweißten sie zu
der viel beschworenen Schützengrabengemeinschaft zusammen. Man kann annehmen,
dass diese Erfahrung die älteren Kreisauer in besonderem Maße gemeinschaftsfähig
machte. Kühne postuliert zwei Modelle, bezogen auf die nach dem Krieg zurückkehrenden jungen Offiziere. Das sogenannte rechte Modell ist gekennzeichnet durch einen
Kameradschaftsmythos, der Offiziere und Mannschaften als Kampfgemeinschaft begreift, an einer nationalen Volksgemeinschaft partizipierend, durch Hass auf den militärischen Gegner zusammengehalten. Bei dem linken Modell, dem spiegelverkehrten
Gegenstück, steht Kameradschaft der Mannschaftssoldaten nicht mit ihren Offizieren,
sondern mit ihren militärischen Gegnern im Blickfeld. „Diese Leidensgemeinschaft
antizipierte nicht die nationale Volks-, sondern die internationale Völkergemeinschaft.“1309 Es wäre zu untersuchen, ob die Annahme berechtigt ist, dass die heimkehrenden kriegsfreiwilligen Kreisauer dem zweiten Modell zuzurechnen sind. Verschiedene europäische Visionen der Kreisauer sprechen für diese Annahme. Insgesamt wäre
auch zu untersuchen, inwieweit die Verarbeitung der Fronterfahrung im Ersten Weltkrieg für den Durchbruch zu politischer Bewusstseinsbildung1310 der späteren Kreisauer
wirksam war und welche Quellen der Vergemeinschaftung sich daraus ergeben.
1307
Von den älteren Kreisauern war lediglich Lukaschek wegen eines Lungenleidens in der Jugend nicht
Soldat im Ersten Weltkrieg; siehe Husen, Lukaschek, in: Hupka 1985. S. 297.
1308
Weniger, Kriegserinnerungen 1937. S. 244.
1309
Kühne, Kameradschaft 2006. S. 62.
1310
Klafki, Reichwein 2000. S. 26.
228
Vergemeinschaftende Quellen
Eine weitere Quelle der Vergemeinschaftung stellt ohne Zweifel die Weltoffenheit der
Kreisauer, gewonnen durch Auslandsstudien und weit ausholende Auslandsaufenthalte,
dar.
Auffällig viele Kreisauer konnten auf mehr oder weniger lange Auslandserfahrung und
Aufenthalte an ausländischen Universitäten zurückblicken. Lukaschek besuchte mehrere
Jahre die Auslandsschule Fridericianum im schweizerischen Davos zum Auskurieren
eines Lungenleidens und bezeichnete diese Jahre in der Schweiz als wesentlichen Gewinn für seine geistige Entwicklung.1311 Trotha konnte sich bei einem Studienaufenthalt
in England besonders mit der Settlement-Bewegung und den Einrichtungen der Arbeiterbildung in Yorkshire, Lancashire und London näher vertraut machen.1312 Trott studierte in Oxford in den Jahren 1931-1933 nach einem vorherigen Kurzsemester im Jahre
1929 und war von der traditionsreichen Universitätsstadt fasziniert; hier knüpfte er viele
Verbindungen zu englischen Freunden, die ihm später von Nutzen sein sollten.1313 Haeften war 1928/29 Austauschstudent am Trinity College in Cambridge.1314 Husen studierte nach dem Abitur 1909 Rechts- und Staatswissenschaften sowohl an den Universitäten
München und Münster als auch in Oxford und Genf.1315 Einsiedel absolvierte nach dem
juristischen Staatsexamen und dem Studium der Soziologie und der Wirtschaftswissenschaften einen Studienaufenthalt in den USA zur Promotion zum Dr. rer. pol.1316 Moltke
erhielt aufgrund seiner 1935 begonnenen Ausbildung zum Barrister in London in den
folgenden Jahren ausgiebig Gelegenheit, „sowohl Deutschland von außen betrachten zu
können, als auch die englische Politik ohne die Zensur der deutschen Propaganda zu
verfolgen“1317.
Trott1318 und Reichwein1319 unternahmen spektakuläre Weltreisen; Peters reiste zu Vorträgen über Selbstverwaltung nach Brasilien1320; Gablentz wurde als Angehöriger des
Statistischen Reichsamtes 1931 mit zu den Reparationsverhandlungen nach Basel ge-
1311
Schäffer, Hans: Meine Erinnerungen an Hans Lukaschek. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 2.
Trotha, Carl Dietrich, Lebenslauf. IfZ, ZS/A-18, Bd. 8.
1313
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 54 ff.
1314
Ullrich, Kreis 2008, S. 56.
1315
Ullrich, Kreis 2008, S. 52.
1316
Einsiedel, Horst von: Lebenslauf, 12.07.1945. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
1317
Schwerin, Moltke 1999, S. 33.
1318
Krusenstjern, Trott Biographie 2009. S. 331 ff.
1319
Von seiner USA-Reise schreibt Reichwein: „Ich kann und will auf diesen wenigen Blättern nicht
mehr geben als eine Resonanz des Atems, den ich in Amerika gespürt habe: des Landes und des Volkes,
das dort wohnt. Ich glaube, daß etwas von dem echten Geist dieses Kontinents jenem begegnet, der frei
von den üblichen Fesseln des Reisenden […] gereist ist“; Reichwein, Blitzlicht 1930, S. 3.
1320
Entwicklung der kommunalen Selbstverwaltung in Deutschland, Vortrag gehalten im Jahre 1935 in
Brasilien. BA NL Peters, N 1220-19.
1312
229
Vergemeinschaftende Quellen
schickt, später auch nach Lausanne und London1321; Haeften, der von vornherein eine
Karriere im auswärtigen Dienst anstrebte, überbrückte die Wartezeit bis zur Aufnahme
mit einer Tätigkeit als Sekretär der Stresemann-Stiftung und mit Auslandsreisen. Unter
anderem nahm er im Januar 1931 an einer internationalen Abrüstungskonferenz in Oxford teil, wo er zum ersten Mal mit Trott zusammentraf. Seine Stationen im diplomatischen Dienst waren Kopenhagen, Wien, Bukarest.1322 Einsiedel listet in seinem Lebenslauf folgende wirtschaftlichen Studienreisen auf: Polen (1930), Vereinigte Staaten von
Amerika (1930-1932), Norwegen (1936), England (1937) und Türkei (Frühjahr
1939).1323 Moltke unternahm neben den Reisen zu seinen Großeltern nach Südafrika
und den studentischen Auslandsaufenthalten im Frühjahr 1935 eine Studienreise ins
Ausland, um seine beruflichen Betätigungsmöglichkeiten zu erkunden. Er fuhr nach
Basel zur Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, in Bern führte er Gespräche mit
dem deutschen Gesandten Ernst von Weizsäcker, er besuchte in Genf den Völkerbund
und fuhr schließlich nach Den Haag zum Ständigen Gerichtshof, wo ihm Ake Hammerskjöld, der Geschäftsführer des Haager Ständigen Gerichtshofs, als Thema einer
juristischen Dissertation die völkerrechtliche Bedeutung des britischen Privy Council
vorschlug.1324. Die Auslandsstudien und Reisen scheinen den Horizont dieser späteren
Kreisauer erweitert und sie weniger anfällig für nationalistische Parolen gemacht zu
haben. Ihnen war klar, dass es neben dem deutschen Gedankengut reiche und weite andere Zusammenhänge in der Welt gab, die in das deutsche Geschehen einzugliedern
waren. Spuren dieses Einflusses auf die spätere Kreisauer Gedankenwelt könnten nachgewiesen werden.
Eine weitere Quelle der Vergemeinschaftung, die nur gestreift werden soll, könnte mit
dem Generationenansatz freigelegt werden. In der neueren soziologischen Forschung
wird dem Aspekt der Generationenforschung ein breiterer Raum eingeräumt. Der wissenschaftliche Gewinn, den dieser Forschungsansatz in diesem Zusammenhang bringt,
wird hauptsächlich in dem Phänomen die Vergemeinschaftung gesehen, da die Kohorten sich ja nicht selbst inszenierten. Das parallele Erleben von Geschichte, die vergleichbar empfundene Erfahrungsschichtung sowie die Phantasie, einen gemeinsamen
Ursprung zu haben, sind für das Verstehen generationeller Vergemeinschaftungen nach
1321
Gablentz, Otto Heinrich von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 2.
Ullrich, Kreis 2008, S. 56.
1323
Einsiedel, Horst von: Lebenslauf vom 12.07.1945. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
1324
Schwerin, Moltke 1999, S. 22; MBF S. 69 f.
1322
230
Vergemeinschaftende Quellen
Jureit von grundlegender Bedeutung.1325 Bei den Kreisauern kann man wegen der geringen Zahl kaum von einer Generation sprechen, jedoch von einer Generationseinheit.
Unter Generationseinheiten wollte er [Mannheim; A. d. V.] zunächst einmal konkrete Verbindungen verstanden wissen, die auch ein gewisses Maß an Nahkontakten benötigen, um
sich entfalten zu können. Sie kommen am ehesten dem soziologischen Verständnis einer
sozialen Gruppe nahe, die sich durch bestimmte Inhalte oder Prägungen formiert.1326
Dies scheint auf den Kreisauer Kreis zuzutreffen. Es könnte versucht werden, herauszufinden, welche vergemeinschaftende Kraft von diesem Phänomen für den Kreisauer
Kreis ausging. Dabei müsste aber auch der große Altersunterschied beachtet werden.
Zehn von den 20 dem engeren Kreis der Widerstandsgruppe zugehörigen Männern waren zum Zeitpunkt des 1. Kreisauer Treffens 1942 jünger als 40 Jahre: Poelchau
(*1903), Yorck (*1904), Einsiedel (*1905), Haeften (*1905), Gerstenmaier (*1906),
König (*1906), Moltke (*1907), Trotha (*1907), Delp (*1907), Trott (*1909). Leber
(*1891), Rösch (*1893), Haubach (*1896), Peters (*1896), Mierendorff (*1897),
Reichwein (*1898) und von der Gablentz (*1898) waren zwischen 40 und 50 Jahren;
lediglich Lukaschek (*1885), Steltzer (*1885) und Husen (*1891) hatten die fünfzig
bereits überschritten.
4.1
Jugendbewegungen
Ein Großteil der Kreisauer, vor allem diejenigen, die ihre Sozialisation nach dem Ersten. Weltkrieg erfuhren, waren Mitglieder in den verschiedenen Jugendbewegungen.
Die dort erfahrene Prägung wirkte im Kreisauer Kreis weiter. Es soll dargestellt werden,
inwiefern die z. T. sehr tief gehenden Erfahrungen und Erlebnisse in der Jugendbewegung eine Prädisposition für die Kreisauer Planung bedeuten und vor allem, welche
vergemeinschaftende Kraft von ihnen für den Freundeskreis ausging. Immerhin konnte
bei zwölf der Kreisauer1327 eine Zugehörigkeit zu den einzelnen Jugendbewegungen
festgestellt werden. Bei den älteren Kreisauern, die noch im 19. Jahrhundert geboren
waren, wie Steltzer, Lukaschek, van Husen, Leber, Rösch und Peters, und die den Zusammenbruch der alten Ordnung, „die Insolvenz bürgerlicher Gesellschaft, den politischen und wirtschaftlichen Zerfall eines Systems, das sie nicht als das ihre ansahen“1328
als heimkehrende Kriegsteilnehmer erlebt hatten, lag diese Phase der Sozialisation in
1325
Jureit, Generationenforschung 2006, S. 7 ff.
Jureit, Generationenforschung 2006, S. 22.
1327
Im Gegensatz zu Roon, Neuordnung 1967, S. 20, Fn. 2 werden in diesem Zusammenhang die Berneuchener Bewegung (Haeften und Steltzer) und die akademische Freischar (Einsiedel) nicht zur Jugendbewegung gezählt.
1328
Jureit, Generationenforschung 2006, S. 44.
1326
231
Vergemeinschaftende Quellen
einer Jugendbewegung nicht vor. Auch wenn die meisten der jüngeren Kreisauer in
einer Jugendbewegung engagiert waren, bildeten der 1907 geborene Moltke und der
1905 geborene Einsiedel eine Ausnahme. Moltke gehörte keiner Jugendbewegung an,
wie er in seiner Schrift „Youth looks in, and out” bemerkte: „At the outset I wish to be
clear that I personally belong to no group or union.”1329 Für Einsiedel heißt es: „Als
Schüler keine Berührung mit der Jugendbewegung.“1330
Am Beginn der Weimarer Republik, das ist die Zeit, die wir hier betrachten wollen, war
die Jugendbewegung zahlenmäßig dezimiert, da viele Jugendführer und Mitglieder der
verschiedenen Jugendgruppen im Krieg gefallen waren. Der Erste Weltkrieg wurde hinsichtlich des Wandels der Lebensformen und Lebensauffassungen als Epochenschwelle
veranschlagt.1331 Heuss sagte über die Jugendbewegung in einer akademischen Festrede
19501332, dass die Lösung der ständischen Ordnung, die Abkehr in der akademischen
Sonderung, das Streben nach einem freien, neuen Lebensgefühl im ersten Weltkrieg
gefährdet und dann zerbrochen worden sei. Die jugendlichen Kriegsteilnehmer waren
geprägt durch die schweren Erlebnisse, die schwärmerische Begeisterung fürs Vaterland
und für das große Abenteuer Krieg war einer völligen Ernüchterung gewichen. „Nach
der Auflösung des alten politischen Systems sah die Jugend die Zeit eines Neubeginns
zur grundlegenden Veränderung von Staat und Gesellschaft. Sie betrachtete es als ihre
Aufgabe, Verantwortung und Führung bei der politisch-gesellschaftlichen Erneuerung
zu übernehmen.“1333 In den ersten wirren Jahren der Weimarer Republik spaltete sich
die Jugendbewegung aufgrund unterschiedlicher politischer Ausrichtung in Gruppierungen von „links“ nach „rechts“ und leiteten eine starke Neuorientierung der Nachkriegsbünde in sozial wie politisch heterogenen Bünden ein.1334 Krumwiede macht auf
das Wort Bonhoeffers aufmerksam, dass mit der Nachkriegsjugendbewegung auch der
Führergedanke in seiner neuen Gestalt zum ersten Mal durch ganz Deutschland getragen worden sei1335, um nach dem verlorenen Krieg durch eine neue Autorität die elementaren politischen und gesellschaftlichen Probleme wie Aussichts- und Sinnlosigkeit
der Lebenszukunft der Jugend, besonders durch Arbeitslosigkeit, lösen zu können.1336
1329
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 69; Rosenstock-Huessy, Brief an Hammer, 08.02.1954. IfZ, ED 106-96.
Notiz von Bauch, Botho: (Horst von Einsiedel: geb. 1905 in Dresden …); Rosenstock-Huessy, Brief
an Hammer, 08.02.1954. IfZ, ED 106-96.
1331
Hermann, Jugendbewegung 1991, S. 33.
1332
Heuss, Theodor: Akademische Festrede. BA NL Peters, N 1220-45, S. 9.
1333
Baumann, Die Jugendbewegung 2003, S. 414.
1334
Jureit, Generationenforschung 2006, S. 26
1335
Krumwiede, Bonhoeffers Kampf 2000, S. 60; Bonhoeffer, Der Führer 1932-1933, S. 249.
1336
Krumwiede, Bonhoeffers Kampf 2000, S. 60; Bonhoeffer, Der Führer 1932-1933, S. 246 f.
1330
232
Vergemeinschaftende Quellen
Allerdings ist bemerkenswerterweise mit Ausnahme von Steltzer, Haeften und Trott bei
keinem der Kreisauer ein Hinweis auf solch einen Führergedanken festzustellen. Wie
wir bereits gesehen haben, mag Haeften Hahns Vorstellung eines autoritären Rechtsstaats zur Bewältigung der Krisen geteilt haben, Steltzer beklagte in seiner ersten politischen Rede im Jahr 1919, dass kein Führer da sei, dem man innerlich folgen könne und
Trott glaubt, dass eine Veränderung des Weimarer Parteiensystems am besten durch
„strong men in mind“ 1337 bewirkt werden könnte.
Interessant ist auch der Hinweis von Baumann, dass die Jugendbewegung immer stärker
ein Lebensbund wurde, der den Einzelnen in die Pflicht nahm. Dabei habe sich die individuelle Orientierung hin zu einer kollektiven Ausrichtung verschoben, in der die persönlichen Belange dem übergeordneten Ziel der gesellschaftlichen und politischen Neuordnung von Staat und Volk untergeordnet wurden.1338 Letztere Aussage trifft auf die
Mitglieder des Kreisauer Kreises bei ihrer Planung zur Neuordnung Deutschlands zu
und war ein signifikanter vergemeinschaftender Faktor bei all ihrer Heterogenität.
Diese Heterogenität zeigte sich auch in dem breiten Spektrum von Jugendbünden, in
denen die Kreisauer Mitglieder waren, die nachgerade ein Sinnbild für die „Zerklüftung
Deutschlands nach 1918“1339 waren: Wandervögel (Reichwein), Pfadfinder (Trotha),
Köngener (Poelchau), Junge Evangelische Bewegung (Gerstenmaier) Jungsozialisten
(Mierendorff und Haubach), Neudeutschland (König und Delp), Nibelungen (Trott) und
Jungdeutscher Bund (Gablentz).
Wir hatten schon festgestellt, dass Moltke in keinem Jugendbund war, das Gleiche gilt
für Yorck. Ein Grund könnte ihre starke Integration in ihrer jeweiligen Großfamilie
gewesen sein. Yorcks Bruder Paul bemerkte:
Mein Bruder hatte mit der Jugendbewegung nie etwas zu tun. Ich glaube nicht einmal, dass
die Fragestellung dieser Generation der seinen entsprochen hätte. […].Wiewohl er sich aus
Überzeugung zur Gemeinschaft zwang, also etwa freiwillig ein Referendarlager mitmachte
oder sich zur Ausbildung als Reserveoffizier meldete, hatte er zu Männerbünden, Organisationen, zu Bewegungen nicht den geringsten Zugang. Er blieb allen diesen Erscheinungsformen gegenüber stets kritisch und hatte wohl große Hemmungen zu überwinden, wenn er
sich mit dem Menschen in der Masse abgeben musste.1340
Carl Dietrich von Trotha berichtete in seinem Lebenslauf von seiner Zeit in der Jugendbewegung:
1337
Brief von Trott an Rowse, St. Andreasberg 10.02.1931. ULE, MS 113; Rowse Collection.
Baumann, Die Jugendbewegung 2003, S. 17 f.
1339
Trefz, Jugendbewegung 1999. S. 27.
1340
Yorck, Paul von: Brief an Roon, 01.10.1963, IfZ, ZS-A/18, Bd. 9.
1338
233
Vergemeinschaftende Quellen
Als Schüler habe ich mich frühzeitig der Jugendbewegung angeschlossen und in Schweidnitz eine Gruppe des Pfadfinderbundes1341 ins Leben gerufen, die sich bis zu meinem Weggang im Jahre 1925 führte. Auf ausgedehnten Wanderfahrten in den Süd-Ostländern lernte
ich früh etwas von der Welt ausserhalb Deutschlands kennen und brachte manche, erst
durch den Krieg unterbrochene Freundschaft in Tschechien, Bulgarien und anderen Angehörigen der Südost-Staaten nach Hause.1342
Trotha wird wohl durch die Pfadfinderkultur angezogen worden sein, von der es heißt:
[…] den rechten Pfad durch das Leben zu suchen […].Unser Grundsatz der stets hilfsbereiten Nächstenliebe lässt uns erkennen, dass schrankenlose Ungebundenheit in der Freiheit
zur Selbstsucht führt und deshalb völlig dem sozialen Gedanken widerspricht. Die Pfadfinder, die stets den sozialen Gedanken […] gepflegt haben, wollen eine Gebundenheit in der
Freiheit […]1343
Die Gebundenheit in der Freiheit erinnert an die spätere Staatsdiskussion zwischen
Moltke und Yorck, wo dieser von Hypotheken für die Freiheit spricht.1344
Adolf Reichwein kam früh mit der Bewegung der Wandervögel in Berührung, die um
die Jahrhundertwende von Berlin ausgegangen war, die Ketten starrer gesellschaftlicher
Konventionen zu sprengen.1345 Von den Wandervögeln empfing er wesentliche Lebensimpulse.1346 In seinem Aufsatz „Vom Gemeinschaftssinn der deutschen Jugendbewegung“1347 schrieb Reichwein, dass die Jugend in der wilhelminischen Zeit in den sozialökonomischen Entwicklungsprozess willenlos eingespannt gewesen sei, die Jugendlichen sollten sich, beklagte er, als Durchgangsstadium zum Erwachsensein benutzen
lassen, d. h. zu normierter Mittelmäßigkeit, zu treuer Pflichterfüllung. Das hätte man
Erziehung genannt, es bedeute aber Sterilität, geistigen Tod, für die Jugend sei es Stickluft. Er sah weiterhin in der Jugendbewegung den Keim für morgen: neue Jugend, die
neue Welt der Kameradschaft, die Arbeitsgemeinschaft der freien, starken, selbstständigen Menschen. Die Jugend schuf nach Reichwein das Bild einer neuen Menschengemeinschaft. Die von ihm geschätzte Arbeitsgemeinschaft sollte später die Form der Zusammenarbeit des Freundeskreises, die Schaffung des Bildes einer neuen Menschengemeinschaft eines der Hauptanliegen Moltkes werden: „Wie kann das Bild des Menschen
in den Herzen unserer Mitbürger wiederhergestellt werden.“1348 In seinen Bemerkungen
1341
Zu dem bekannten Admiral von Trotha, dem Begründer des Deutschen Pfadfinderbundes, der nach
dem Muster von Baden-Powell ins Leben gerufenen Bewegung, bestand seitens der schlesischen Familie
Trotha keinerlei persönliche Beziehung.
1342
Trotha, Carl Dietrich von: Lebenslauf. IfZ, ZS/A-18, Bd. 8.
1343
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 357.
1344
Moltke, Brief an Yorck, 17.06.1940, in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 118: „… dieser freien
Entfaltungsmöglichkeit eines jeden wollten Sie eine schwere Hypothek aufladen […].“
1345
Ullrich, Kreis 2008, S. 39.
1346
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 7.
1347
Reichwein, Vom Gemeinschaftssinn, in: LBDI S. 146.
1348
MBF S. 185.
234
Vergemeinschaftende Quellen
zu einer Selbstdarstellung von 19331349, der wohl einzigen von ihm erhaltenen gebliebenen autobiographischen Quelle, nennt Reichwein, auf seine Jugend zurückblickend,
die Jugendbewegung als eine von drei Wurzeln seines persönlichen wie beruflichen
Wirkens neben dörflichem Leben und Frontkameradschaft. Für Reichwein dürfte das
von Seidelmann genannte Zentralerlebnis der Jugendbewegung gelten: Erweckung zur
Gemeinschaft.1350 Die Befreiung der Jugendbewegung galt nicht „der Emanzipation des
Individuums“, schrieb Reichwein deshalb 1923 in seinem Aufsatz über die Jugendbewegung, „sondern sie galt dem neuen Leben in Gemeinschaft. Es war eine neue Daseinsform gegenseitigen Dienstes geschaffen.“1351 Neben der Arbeitsgemeinschaft und
dem Bild eines neuen Menschen ist damit ein dritter wichtiger Begriff des Freundeskreises gefallen, der der Gemeinschaft. 1939/40 wird Moltke die schon mehrfach genannte erste Denkschrift schreiben, „Die kleinen Gemeinschaften“, in der er wichtige
Bausteine für die Kreisauer Neuordnung vorformulieren wird.
Otto Heinrich von der Gablentz bemerkte in seiner Rezension über Ger van Roons
Werk über den Kreisauer Kreis: „Gut ist der Einfluß der Jugendbewegung erfasst. Aus
ihm folgte jene grundsätzliche Kritik an der in Weimar fortlebenden Wilhelminischen
Gesellschaft, die eine Verständigung mit dem Goerdeler Kreis so schwer machte.“1352
Auch für Gablentz war die Erfahrung in der Jugendbewegung formend. Während seines
Studiums engagierte sich Gablentz in der Jugendbewegung, und zwar im „Jungdeutschen Bund“, er war geprägt durch die Idee des „konservativen Sozialismus“ von Wichard von Moellendorff. Der Jungdeutsche Bund charakterisierte sich selbst so:
Was uns […] im Jungdeutschen Bund zusammenführte, war ein gemeinsames Wissen um
unsere unmittelbare Verbundenheit mit dem Leben der völkischen Gesamtheit und in ihrem
Staat, unser gemeinsamer Gegensatz gegen alles, was dieses Leben zu bedrohen schien und
unser instinktives Drängen […], so schnell wie möglich heran an den Tatbestand zu kommen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, und die Ideen am Material der Wirklichkeit
zu erproben.1353
Die Begegnung mit der Jugendbewegung war für Gablentz nach eigenem Bekunden
sogar wichtiger als das Studium, sie bestärkte ihn in der Auffassung, dass die Gesellschaft eine Reform von Grund auf brauchte.1354 Neben der Jugendbewegung war Gablentz geistig geprägt durch die Arbeitslagerbewegung sowie, wie einige andere spätere
Kreisauer auch, durch den Kreis der Religiösen Sozialisten um Paul Tillich und die
1349
Reichwein, Adolf: Bemerkungen zu einer Selbstdarstellung, 10.06.1933, in: LBDII S. 253-262.
Seidelmann, Bund und Gruppe 1955, S. 40.
1351
Reichwein, Vom Gemeinschaftssinn, in: LBDI S.146.
1352
Gablentz, Würdigung 1968, S. 593.
1353
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 331.
1354
Gablentz, Otto Heinrich von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 1 f.
1350
235
Vergemeinschaftende Quellen
„Neuen Blätter für den Sozialismus“.1355 Im kirchlichen Bereich schloss sich Gablentz
der in Marburg gegründeten Michaelsbruderschaft an, über die er auch Steltzer kennenlernte. Darüber wird später noch näher zu berichten sein. Festzuhalten ist, dass Gablentz
von einer Gesellschaftsreform von Grund auf, dem Hauptanliegen des Freundeskreises,
zutiefst überzeugt und ohne Zweifel ein gemeinschaftsbildendes Element im späteren
Kreisauer Kreis war.
Steinbach sagte am 100. Geburtstag über die bündischen Einflüsse auf Carlo Mierendorff:
Mierendorff stand zunächst mittendrin, mitten in der frühen Aufbruchstimmung des Kaiserreiches am Rande des Krieges und seines Untergangs, also nicht draußen vor der Tür. Er
gehörte 1914 keineswegs zu den Zeitgenossen, die sich von ihrer Zeit und ihren Sogströmungen distanzierten. So lassen sich bündische Einflüsse finden, so lassen sich die zeitspezifischen Ausbruchsgefühle nachweisen. Mierendorff ließ sich ganz auf die Zeitläufte ein.
Die Konsequenz dieser Stimmung war der Wunsch, an den großen Herausforderungen, die
schließlich die Weltkriegsgeneration prägten, beteiligt zu sein. Der Wunsch, ein neues Leben zu wagen, endete gleichsam im Schützengraben.1356
Mierendorff und Haubach zählten neben Reichwein zu den Kreisauern, die noch vor
dem Ersten Weltkrieg eine Sozialisation in den Jugendbewegungen erfuhren. In dieser
frühen Jugend dürfte Mierendorff über seinen engsten Freund und Mitschüler Haubach,
der, ebenso wie Trotha, Mitglied des Deutschen Pfadfinderbundes war, mit der bürgerlichen Jugend- und Wandervogelbewegung in Kontakt gekommen sein, auch wenn Mierendorff selbst nicht an dem Treffen auf dem Hohen Meißner teilnahm. Es war eine
Bewegung von Schülern und Studenten, „die gegen die starren Normen und zum Teil
hohlen Konventionen der wilhelminischen Ära protestierten und selbst einen eigenen,
jugendgemäßen Lebensstil und neue Wege mitmenschlichen Verhaltens zu entwickeln
versuchten“1357. Im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen scheint Mierendorff
durch das offene und liberale Klima in seinem großbürgerlichen Elternhaus aber nicht
zum rigorosen Ausbruch aus der Familie gezwungen worden zu sein.1358
Theodor Haubach war unabhängig von Mierendorff in den Jahren vor Ausbruch des
Weltkrieges in einer Wandervogel-Gruppe in Darmstadt aktiv und 1913 auf dem Hohen
Meißner mit dabei.1359
Mit stupendem Selbstbewusstsein machte er Front gegen wilhelminische Ordnung, gegen
spießige Besitzbürger und lethargische Kleinbürger, doch vorerst wurde dem nicht politi-
1355
Moltke, Albrecht, Die wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen 1989, S. 59.
Steinbach, sozialistische Aktion 1997, S. 11.
1357
Amlung, Carlo Mierendorff 1997, S. 14.
1358
Amlung, Carlo Mierendorff 1997, S. 14.
1359
Zimmermann, Haubach 2004, S. 28.
1356
236
Vergemeinschaftende Quellen
sches Handeln, sondern die schwärmerisch-visionäre Idee von der „Menschengemeinschaft“ bzw. „Volksgemeinschaft“ entgegengestellt.1360
Das politische Handeln blieb der Zeit nach dem Krieg während seiner Mitgliedschaft
bei den Jungsozialisten und im Hofgeismarer Kreis vorbehalten. Insofern mag es stimmen, wenn Alma de l’Aigle, seine Freundin aus Hamburg, in dem Gedenkbuch für
Haubach schreibt: „Man kann nicht sagen, Haubach sei aus der Jugendbewegung hervorgegangen. Die Entwicklung der Jugendbewegung war nicht seine Entwicklung. Er
war ein politisches Phänomen, er hatte das Zeug, Massen zu entflammen und zu führen.“1361 In der Tat machte sich Haubach in späteren Jahren gern über die Jugendbewegung, ihre pädagogischen Bemühungen und ihre Ethik lustig.1362 Betrachtet man aber
die damalige Pfadfinderkultur, so scheint Haubach wie auch Trotha von dem für die
Kreisauer Diskussion relevanten Diktum, dass schrankenlose Ungebundenheit in der
Freiheit zur Selbstsucht führt und die Gebundenheit in der Freiheit der hemmungslosen
Ungebundenheit vorzuziehen sei, angezogen worden zu sein.1363
Das erinnert ebenfalls an die Hypothek, die Yorck in seiner Diskussion mit Moltke über
die Staatsauffassung der freien Entfaltungsmöglichkeit eines jeden aufladen möchte.1364
Adam von Trott zu Solz stand in seiner Kasseler Schulzeit dem Nibelungenbund nahe,
war aber aus schulischen Gründen nie Mitglied. Dieser Bund war von jungen Männern
patriotischer Gesinnung, die nach dem Zusammenbruch Deutschlands eine geistigpolitische Erneuerung des Vaterlandes anstrebten, gegründet und geleitet worden. Das
Abzeichen war eine weiße Rose. Sein Gründer war Gustav (Gösta) Ecke, ein junger
Weltkriegsteilnehmer. In ihm verkörperten sich die besten Impulse der Jugendbewegung in so mitreißender Weise, daß die „Gösta‘sche Idee“ noch Jahre nach seiner Auswanderung einen Geheimbegriff von magischer Bedeutung für die Jungen darstellte.1365
Die in diesem Bund verbreitete Ostasiensehnsucht hatte auf Trott ihre Wirkung, und
später sollte er auch den alten Führer Gustav Ecke in Peking wiedersehen.1366 Trott
nahm am Bundestag 1924 teil, entfremdete sich aber 1925 vom Nibelungenbund, die
Irrealität des Ganzen erkennend. Der Bund wurde auch 1928 aufgelöst.
1360
Zimmermann, Haubach 2004, S. 30.
Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 72.
1362
Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 72.
1363
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 357.
1364
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 118.
1365
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 160 ff.
1366
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 100.
1361
237
Vergemeinschaftende Quellen
Aber das Gedankengut der Nibelungen, besonders die Betonung des Deutschtums, mag
ihn angezogen und bei ihm Resonanz ausgelöst haben. In einem Flugblatt von Anfang
1922, das u. a. Thomas Mann als Protektor unterschrieben hatte, war zu lesen:
In Kameradschaft sind sie [die Nibelungen; A. d. V.] zu einem Bunde zusammengeschlossen, der […] alle an das Geschick eines innerlichen Deutschtums bindet in Nibelungentreue
bis in Niedergang und Tod. Die Nibelungen stehen in einer Front, […], [um] für die innere
Wiedergeburt des Vaterlandes […] zu arbeiten […]. Das bloße naturnahe Wandervogeltum
um seiner selbst willen konnte nicht mehr genügen, aber es blieb die Vorbedingung des
Wollens, das nun nötig wurde: des Wollens deutsch zu sein, immer mehr zu werden, nicht
nur im Sinne der Landesfarben, sondern wie es eine innere Stimme gebietet. Deutsch wie
man es in seltenen Augenblicken erlebt, wie es ein oft verspottetes, wenig verstandenes
Dichterwort als wesentlich, heilend und heilig preist. Deutsch wie die lebendigen erhabenen
Vorbilder, wie Konradin und Maximilian, Dürer, Bach und Beethoven, wie Hölderlin,
Kleist und Goethe, deutsch wie Friedrich der Große.1367
Trott war in der Tat zeitlebens national gesinnt und von Liebe zu Deutschland durchdrungen, ganz im Gegensatz zu Moltke, wie dessen Frau Freya betonte. Boveri stellte
Trotts Weltläufigkeit und die Liebe zur deutschen Nation der Moltkes gegenüber:
Größere Ähnlichkeit mit Moltke [als mit Yorck; A. d. V.], wenigstens in seiner Art, die
große Welt zu sehen, hatte Adam von Trott zu Solz. Auch in seinen Adern floß von der
mütterlichen Seite angelsächsisches Blut; auch er hatte, und zwar als Rhodes Scholar, englisches Leben mitgelebt. Aber in ihm spielte das Deutsch-Sein, das Wurzeln in der waldreichen hessischen Heimat, der Wille, für Deutschland zu arbeiten, eine viel stärkere Rolle.
Schon seine frühen englischen Freunde empfanden stark, daß er das Oxforder Leben zwar
ganz und gar miterlebte, aber doch immer erkennbar Deutscher blieb.1368
Harald Poelchau gehörte einem Schülerbibelkreis an.1369 Aus diesem ging 1920 der
Köngener Bund hervor. Die Gründe für seine Mitgliedschaft lagen einerseits in der Berührung mit der deutschen Jugendbewegung, andererseits in einem neuen Verständnis
der Bibel, das sie von den pietistisch eingestellten Leitern befreite. Die christliche
Gruppe Poelchaus, die Köngener Gruppe1370, übernahm ihr inneres Leitbild von der
Hohe-Meißner-Gemeinschaft. Die neue Vereinigung unterstellte sich den Prinzipien der
Selbsterziehung, der Selbstbestimmung, der Selbstverantwortung und der wahrhaftigen
Lebensführung.1371 „Die Freundschaft dieser Gruppe hat alle Verschiedenheit der Entwicklung überdauert, selbst die politischen Gegensätze. Das gemeinsame Leben auf
Fahrt, Musik, Laienspiel und das gemeinsame geistige Erarbeiten der Lebensgrundlagen
bedeuteten weit mehr als die Schule […]“, sagte Poelchau nach dem Kriege.1372
1367
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 168 f.
Boveri, Verrat 1956, S. 71.
1369
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 35.
1370
Roon, Neuordnung 1967, S. 20, Fn. 2.
1371
Poelchau, Ordnung 1963, S. 16 f.
1372
Poelchau, Ordnung 1963, S. 17.
1368
238
Vergemeinschaftende Quellen
Lothar König und Alfred Delp1373 gehörten beide dem Bund Neudeutschland (ND) an.
König besuchte von 1915 bis 1924 in Stuttgart die Friedrich-Eugen-Oberrealschule. In
diesen Jahren wurde er begeisterter Anhänger des Jugendbundes Neudeutschland, dessen Gau Württemberg er von 1922 bis 1924 als Gaugraf leitete:1374
Ich war mehrere Jahre mit Lothar König in sehr lebendiger Verbindung – er war in Württemberg, ich in Bayern verantwortlich für je einen Gau im Bunde Neudeutschland […] Lothar war einer unserer kraftvollsten, charaktervollsten und eigenständigsten Führer im Bund
ND – aber er war überaus verschwiegen, verhalten, diszipliniert und liebte es nicht, von
sich u. seinen Angelegenheiten zu sprechen,1375
bezeugte später ein Freund aus dem ND aus jenen Tagen.
Von Delp hieß es: „Dieser ‚Strick’ (er war also kein Heiliger während der Schulzeit)
war aber von Jugend auf eine geborene Führernatur, geistig überragend begabt, vital
und begeisterungsfähig. So verwundert es nicht, daß er dem Bund Neudeutschland in
der katholischen Jugendbewegung angehörte.“1376 Sowohl König als auch Delp traten
unter Einfluss des jugendbewegten katholischen Bundes Neudeutschland dem Jesuitenorden bei.
Der deutsche Katholizismus erlebte in der Nachkriegszeit eine Epoche volksnaher Bewegungen. Die liturgische und die monastische Bewegung fanden großen Zulauf.1377
Das galt auch für katholische Jugendbewegungen wie Quickborn oder für den Bund
Neudeutschland. Dieser war ein Verband katholischer Schüler höherer Lehranstalten
und wurde 1919 von dem Jesuitenpater Ludwig Esch gegründet. Kindt charakterisiert
diesen Bund so:
Der Name „Neudeutschland“ war nicht nur eine Umschreibung, es war ein echter Name, ja
ein Programm. Damit reihte sich der junge Verband ein in die damals entstehende bündische Jugend mit ihrem gleichen Generationsgefühl. Der Name bewahrte den Verband vor
der – naheliegenden – Gefahr einer nur innerkirchlichen Einseitigkeit; mit Walter Flex verstanden sich die Neudeutschen als „Wanderer zwischen zwei Welten“, als Bürger des Reiches Gottes wie auch des weltlichen Reiches, des Deutschen Reiches. Der Name „Neudeutschland“ wirkte wie ein Weckruf an die Jugend, mit ihren Kräften mitzuwirken an
einem neuen, besseren, christlichen Deutschland.1378
Der Jesuit Koch postulierte jedoch 1933, dass Deutschlands katholische bündische Jugend sich auch an das geliebte Vaterland nie triebhaft verlieren werde, da eine absolute
Bindung an Gott bestehe. Außerdem betonte er interessanterweise die Überlegenheit der
Bünde gegenüber den Arbeitslagern und gibt folgende Gründe an:
1373
Delp V S. 190.
Bleistein, König. Ein Jesuit im Widerstand 1986, S. 313 f.
1375
Beyerle, Karl: Brief an Roon, 28.08.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1.
1376
Tattenbach, Delp, Schwaiger 1984, S. 211.
1377
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 2003, S. 447.
1378
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 697.
1374
239
Vergemeinschaftende Quellen
Die Bünde unterscheiden sich wegen ihrer Freiwilligkeit des Zusammenschlusses zu einer
vorgegebenen und geformten Gesinnungsgemeinschaft, weiterhin durch die viel tiefere
Einwirkung auf den einzelnen, wie sie durch das Individuelle der Zielsetzung und Durchbildung gegeben ist, endlich und vor allem durch die ungleich längere und intensivere Beeinflussung, die die jugendlich ungestaltete Seele in jahrelanger, systematischer, mühsamer
Bildungsarbeit zu klarer, beständiger Lebensform verfestigt.1379
Grundlegend für den Bund ND war sein Programm1380, das auf dem 5. Bundestag auf
Schloss Hirschberg 1923 beschlossen wurde und als „Hirschbergprogramm“1381 eines
der großen Dokumente der christlichen. Jugendbewegung darstellt. Davon war Delp
innerlich bestimmt. Das Hirschbergprogramm – und damit die Spiritualität des Bundes
– war geprägt von einer auch bei Delp erkennbaren starken Christozentrik.1382 Christus
ist dabei Mitte, Ziel, Vorbild und Führer und gibt einen neuen Akzent bei der Bestimmung des theologischen Verhältnisses von Natur und Übernatur. Die Natur, Pflege des
Volkstums, Verwurzeltsein in deutscher Heimat, Liebe zum deutschen Vaterland werden zwar hoch geschätzt, aber ihre eigentliche Vollendung schenkt erst Christus in seinem neuen Leben.1383 In den Leitsätzen des Neudeutschen Bundes finden sich Gedanken, die auf den Kreisauer Kreis ausgerichtet zu sein scheinen. Da wird von Menschen
gesprochen, die auf den Ruf des Vaterlandes hin helfen wollen und dies in einer Gemeinschaft mit treuer Gefolgschaft. Aber es ist auch von dem Willen zur Tat die Rede,
einer Haltung, die nur einem Teil der Kreisauer eigen war:
Wille zur Tat. ND braucht schöpferische und schaffende Menschen. Der Drang zum Leben
muss sich äußern in der praktischen, zielbewussten Arbeit in der Gruppe. […]. Unser Vaterland ruft nach Menschen, die helfen wollen. Wille zur Gemeinschaft. Das große Ziel und
unsere geringe Kraft verlangen einen festen Bund und feste Gruppen. Die nur auf Sympathie gebaute Gruppe ist eine Scheingemeinschaft und entnervt. Wir wollen Bruderliebe und
Bruderarbeit auch da, wo persönliche innere Bande nicht vorhanden sind, und wir wollen
treue Gefolgschaft dem Führer. Nur so gewinnt unsere Gemeinschaft Stoßkraft. Diese
Stoßkraft stellen wir in den Dienst der noch höheren Gemeinschaft unseres Volkes.1384
1379
Koch, katholische bündische Jugend 1933, S. 168-172.
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 30.
1381
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 698 f: „Auf diesen natürlichen Grundlagen der gesunden Jugendbewegung baut sich in organischer Einheit und Vollendung das Reich der Übernatur auf, die
Lebensgestaltung in Christus, wobei Christus in den Mittelpunkt der religiösen Erneuerung gestellt wurde: Christus als Persönlichkeit, als Führer und Haupt der Kirche. Dieser induktive Weg von der vorgegebenen Natur zur Übernatur blieb theologisch nicht unangefochten, obwohl gerade er sich, besonders pädagogisch, als fruchtbar erwiesen hatte. Daß sich Menschsein und Christsein nicht in einem bloßen Neben- oder Nacheinander verwirklichen ließe, erschien selbstverständlich. Solche Einwände konnten allmählich zum Verstummen gebracht werden durch den Hinweis auf eine Grundlehre der katholischen
Theologie (Bonaventura): gratia praesupponit naturam et elevat et perficit.“
1382
Die Enzyklika „Ubi arcano dei” von Papst Pius XI. vom 23.12.1922 beeinflusste das Hirschbergprogramm stark. Dieses Rundschreiben stand am Anfang dieses Pontifikates. Hier stellte der Papst sein Programm vor: „Pax Christi in regno Christi”. Zu diesem Programm gehörte auch die Einführung des
Christkönigsfests am letzten Sonntag des Oktobers mit der Enzyklika „Quas primas” vom 11.12.1925.
Diese Thematik wird mitbestimmt durch den Untergang der Monarchien und die politischen Umwälzungen.
1383
Hirschbergprogramm, in: Bokler, Manifeste der Jugend 1958, S. 27 f.
1384
Kindt, Die deutsche Jugendbewegung 1974, S. 709.
1380
240
Vergemeinschaftende Quellen
Nach Bleistein sprachen Bilder und Ideale dieser katholischen Jugendbewegung, Sicherheit im Glauben, Freude an der Natur, Geborgenheit in der Gemeinschaft, Delp sehr
an. Dies sei programmatischer Inhalt für das Empfinden aufgeweckter junger Menschen
aus den 1920er- und frühen 1930er-Jahren gewesen, in denen der deutsche Katholizismus durch große Bewegungen geprägt wurde.1385 Aber später hinterfragte Delp diese im
ND erfahrene Aufbruchstimmung, als er 1936 in seinem Predigtzyklus „Kirche in der
Zeitenwende“ schrieb: „Vielleicht war unser Aufbruch, unser Siegesglaube doch nicht
ganz richtig?“1386 Ihm schien der katholische Aufbruch der jungen Generation versunken. Aber Delp setzte das „Gesetz der Herrschaft Christi“1387 dagegen.
Bleistein sieht in dieser Erfahrung der Jugendbewegung Delps Imperative für sein Engagement und seine Entscheidungen im Dritten Reich vorgezeichnet.
Zwei Gesetze hält er in ihrer Gültigkeit fest. Das eine: Alles Nur-Menschliche, das in
übermenschlicher Überheblichkeit auf Christus verzichten möchte, sinkt zum Untermenschentum ab. Das andere: Alle, die in Christus stehen, werden bestehen, niemand wird sie
aus seiner Hand reißen. Dies aber nur deshalb, weil sie seinem Gesetz folgen.1388
Nach eigenem Bekunden konnte Eugen Gerstenmaier den Berufsalltag, den er als
Lehrling als dürr und verloren empfand, nur ertragen durch die Jugendbewegung, die
seinem „Stiftsleben […] Glanz und Fülle, Schwung und Richtung“1389 gab. Die im Elternhaus gelebte „traditionelle Kirchlichkeit“1390 und die gepflegten Kontakte zu protestantischen Kreisen, die in enger Verbindung mit dem CVJM standen, führten den 14Jährigen fast selbstverständlich in den dort pietistisch geprägten CVJM, der den evangelischen Jugendbünden angehörte. Ebenso engagierte sich Gerstenmaier in der christlichen Pfadfinderschaft (CP), deren Kirchheimer Sektion im Sommer 1925 als selbstständige Gruppe innerhalb des CVJM gegründet worden war. Dort widmeten sich die Jugendlichen dem Bibelstudium ebenso wie pfadfinderischen Tätigkeiten. Es kam allerdings zu Brüchen, hervorgerufen durch den Gegensatz pietistischer Jugendpflege zu der
dem Zeitgeist angepassten Öffnung. Gerstenmaier fühlte sich zunehmend eingeengt,
brach mit der pietistisch ausgerichteten Gruppe und schloss sich1391 innerhalb der bündischen Jugend dem Christdeutschen Bund von Cordier1392 an. Dieser Bund war auch
evangelisch orientiert, reichte allerdings über die pietistische Lebensvorstellung hinaus.
1385
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 28.
Delp I S. 188.
1387
Delp I S. 190.
1388
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 29 f.
1389
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 22.
1390
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 20.
1391
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 30.
1392
Cordier, Evangelische Jugend 1927.
1386
241
Vergemeinschaftende Quellen
Die Vermittlung des Gemeinschaftserlebnisses der bündischen Jugend und die in diesem Zirkel gepflegte Zivilisationskritik, welche mit dem Streben nach Erneuerung der
abendländischen Kultur verknüpft war, bewirkten bei dem jungen Gerstenmaier eine
Faszination. „Das große Gemeinschaftserlebnis der bündischen Jugend jener Jahre wurde auch uns zuteil. Die Welt hatte sich für uns geweitet, das Leben im Bund war frisch,
sprühend lebendig und nahm uns mit“, schrieb er in seinen Lebenserinnerungen.1393
Weiter führte Gerstenmaier später aus, dass die Jugendbewegung ein intensives Naturerlebnis kultivierte, nach einer Urerfahrung des Wesenhaften verlangte und einem neuen Lebensstil huldigte, der sich mit Äußerlichkeiten nicht zufriedengab. Ihre hochgradige Zivilisationskritik begehrte eine Erneuerung der abendländischen Kultur.1394 Auch
die Hohe-Meißner-Formel der Freideutschen war präsent, die „nach eigener Bestimmung
vor
eigener
Verantwortung
mit
innerer
Wahrhaftigkeit
ihr
Leben
ten“1395wollten. Für die spätere Zukunft Gerstenmaiers war entscheidend, dass sich in
ihm der heiße Wunsch zu regen begann, mit dem bisherigen Entwurf seines Lebens
überhaupt zu brechen, dem Stumpfsinn seines Kontors Ade zu sagen und sein Leben
durch die Tore der Universität hindurch unter einen anderen Horizont zu bringen.1396
Wenn wir die Sozialisation des jungen Gerstenmaier betrachten, so können wir feststellen, dass auch er durch die Hohe-Meißner-Formel in sich den Wunsch spürte, an der
Neugestaltung Deutschlands mitzuwirken, und dass das erfahrene Gemeinschaftserlebnis auch bei ihm den Kitt für die Vergemeinschaftung im Kreisauer Kreis lieferte. Für
seine religiöse Entwicklung waren seine Abwendungsschritte vom strengen schwäbischen Pietismus prägend.
Leber gehörte zu den Kreisauern, die keine Sozialisation in einer Jugendbewegung erfuhren. Jugendbewegung und Volksbildungsarbeit, durch die führende Kreisauer in
ihrer sozialen Einstellung entscheidend geprägt wurden, lagen außerhalb des persönlichen Erfahrungsbereichs des völlig unbürgerlichen Leber.1397 Nach Beck wird Leber
den Kreisauern soziale Gesinnung kaum abgesprochen haben, doch dürfte er gespürt
haben, daß diese Gesinnung, wie bereits bei der Beschreibung der Konflikte zwischen
Moltke und Leber angemerkt wurde, stärker aus patriarchalischem Verantwortungsgefühl kam, als es ihnen möglicherweise selbst bewusst war. Auch die von der sozialisti1393
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 25.
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 24.
1395
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 24.
1396
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 25.
1397
Leber, Brief an seine Frau Annedore, 07.09.1933, in: LBDII S. 281.
1394
242
Vergemeinschaftende Quellen
schen Jugend übernommenen Komponenten dieser Bewegung erlebte Leber nicht, sodass ihm dieser Denkansatz fremd blieb, wohingegen er für die Sozialisten Mierendorff,
Haubach und Reichwein „auf Grund ihrer Erfahrungen eine tragfähige gemeinsame
Basis mit den Kreisauern war“1398.
Auch die anderen Freunde erfuhren durch die verschiedenen Zweige der Jugendbewegung wesentliche Impulse. Rothfels hält ausdrücklich fest, dass gerade der Kreisauer
Kreis erfüllt war vom Geist und Willen der alten deutschen Jugendbewegung, aus der
beinahe alle namhaften Gestalten dieses seines Erachtens wichtigsten Widerstandskreises hervorgegangen seien.1399 Wenn man den Gehalt der Jugendbewegung zusammengefasst darstellen will, so stößt man auf aktive Gegenbewegungen, die, ausgehend von
breit gestreuter Zivilisationskritik, auf die Herausforderungen des Industriezeitalters, der
Massengesellschaft, antworteten. Das Bildungsbürgertum unterstützte reformpädagogische Bewegungen. So stellt Amelung fest:
Diese kulturreformerischen Initiativen aus dem Bildungsbürgertum sahen in der Bildung
neuer Sozialformen Möglichkeiten eines „dritten Wegs“ jenseits von Kapitalismus und Sozialismus/Kommunismus, einer unpolitischen Form der Gesellschaftsveränderung, sie
glaubten, durch Bewusstseins- und Verhaltensänderung einzelner oder kleiner Gemeinschaften von innen her allmählich die Gesellschaft in ihrem Sinne reformieren zu können.1400
Es wird aber auch auf die mangelnde politische Gestaltungskraft1401 der Jugendbewegung hingewiesen, man spricht sogar von „Flucht aus der Welt statt Erkenntnis ihrer
Zusammenhänge“1402. Stattdessen wollten sie
… den „neuen Menschen“ schaffen, der, durch die Gemeinschaftserziehung der Jugendbewegung zu einer harmonischen Persönlichkeit gebildet, dann von selbst, gewissermaßen als
„Ferment“ in die Gesellschaft hineinwirken und dort seine Kreise ziehen sollte.1403
Bei dieser Charakterisierung kommt sofort der Kreisauer Kreis in den Blick. Die schon
mehrfach genannte Denkschrift über „Die kleinen Gemeinschaften“ und das Ziel, das
Bild des neuen Menschen zu schaffen, beides Aktivitäten Moltkes und Diskussionspunkte im Kreisauer Kreis, scheinen von dem Geist der Jugendbewegung gespeist.
1398
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 177.
Rothfels, Hans: Der Kreisauer Kreis. IfZ, ED 106-96, S. 1.
1400
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 45.
1401
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 56 f. Der Vorsitzende der Historischen Kommission zu Berlin,
Wolfgang Treue, im Mai 1985 anlässlich der Tagung zum 40. Jahrestags des 20. Juli: „Die meisten von
uns kamen aus einer Jugendbewegung, die den Stolz pflegte, unpolitisch zu sein, und die zur Verachtung
der Politik und des politischen Denkens erzogen hatte“; in: Schmädeke/Steinbach, Widerstand gegen den
Nationalsozialismus 1985, S. XVIII.
1402
Fritzsche, Politische Romantik und Gegenrevolution 1976, S. 40.
1403
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 57.
1399
243
Vergemeinschaftende Quellen
Neben der Zivilisationskritik der 20er-Jahre mit ihrer Frontstellung gegen die Verflachung der bürgerlichen Gesellschaft hatte die Jugendbewegung auch eine religiöse
Komponente, die „das Handeln aus der Einheit des Wesens forderte“1404, mit der Konsequenz der damalig Jugendbewegten, dass Politik in Zukunft nicht notwendig „eine
Kategorie außerhalb religiös-ethischer Bestimmtheit“1405 sein musste. Wegen der vielen
Mitglieder des Kreisauer Kreises aus der Jugendbewegung nimmt es deshalb nicht
wunder, dass die Herrschaft des Nationalsozialismus als Symptom eines säkularen ethischen und politischen Auflösungsprozesses1406 betrachtet wurde, der seine entscheidende Ursache im „Verlust der religiösen Gebundenheit des Menschen hatte“1407. In dieser
Erkenntnis wird die Bedeutung der Rechristianisierung des Menschen als ein Pfeiler des
Kreisauer Programms verständlich.
4.2
Volksbildungsarbeit in Schlesien
Eine maßgebliche Quelle der Vergemeinschaftung ist in dem gemeinsamen Erlebnis der
von Moltke mit initiierten1408 Löwenberger Arbeitsgemeinschaft in den 1920er-Jahren
zu sehen, an dem sowohl jüngere als auch ältere spätere Kreisauer teilnahmen. Die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, in der sich Moltke als 20-jähriger Breslauer Student
engagierte, veranstaltete drei Arbeitslager zur Lösung der besonderen sozialen Probleme
in Waldenburg, etwa 40 Kilometer südwestlich von Kreisau.1409 Ziel war „die Überwin-
1404
L’Aigle, Briefe 1947, 10.
L’Aigle, Briefe 1947, 11.
1406
Mommsen, Kreisauer Vorstellungen 1990, S. 389: „Für Moltke war der Nationalsozialismus weniger
durch eine spezifische Ideologie als durch ethische Ungebundenheit und zynische Menschenfeindlichkeit
seines Handelns gekennzeichnet. Namentlich seit dem Ausbruch des Krieges stellte Moltke eine zunehmende Auflösung der moralischen Bindung und der gesellschaftlichen Grundlagen fest“; siehe auch sein
Brief an Lionel Curtis, 18.04.1942. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99: „[…] the greatest part of the
population has been uprooted, […] untying all bonds of nature and surrounding and thereby loosening the
beast in man, which is reigning.
1407
Pope, Delp 1994, S. 165.
1408
Die Initiative Moltkes wird von Eugen Rosenstock-Huessy bestritten; siehe dazu weiter unten.
1409
„Während eines Praktikums im Landratsamt Waldenburg in den Osterferien 1927 lernte Moltke das
Elend der Arbeiter im niederschlesischen Kohlerevier kennen. Durch den Kreis um Eugenie Schwarzwald
für soziale Probleme sensibilisiert, rief er eine Hilfsaktion ins Leben, für die er unter anderem auch Gerhart Hauptmann mit dem Argument zu gewinnen suchte, dass es sich bei den Bergarbeitern um Nachkommen der niederschlesischen Weber handele [siehe auch Brief Moltkes an Gerhart Hauptmann vom
13.08.1927, in: Moltke, Völkerrecht 1986, S. 47; A. d. V.]. Über seinen Vetter Carl Dietrich von Trotha
kam er in Kontakt mit der Schlesischen Jungmannschaft, die 1926 das Boberhaus in Löwenberg unweit
von Waldenburg übernommen hatte. Daraus entwickelte sich, unterstützt unter anderem vom Breslauer
Professor für Rechtsgeschichte Eugen Rosenstock-Huessy, Ende 1927 die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft. Ihr Ziel war es, in sog. Arbeitslagern Menschen unterschiedlicher sozialer, politischer und konfessioneller Herkunft – Arbeiter, Bauern, Studenten – zum Dialog zusammenzuführen“; in: Ullrich, Kreis
2008, S. 18 f.
1405
244
Vergemeinschaftende Quellen
dung der bürgerlich-kapitalistischen und feudal-aristokratischen Dominanz auch in der
Republik“1410. Roon beschreibt die dortige desolate wirtschaftliche und soziale Lage:
Der Ausgang des Ersten Weltkrieges hatte auch Schlesien schwer getroffen. Mitten durch
das dicht besiedelte Industriegebiet waren Grenzen gezogen worden, durch die viele Städte
ihr Hinterland verloren hatten. Neue Industrien mussten aufgebaut werden. Arbeitslosigkeit
und Flüchtlingsnot vermehrten die Schwierigkeiten. Die Verzweiflung über die Wirtschaftslage schlug sich innenpolitisch in wachsendem Radikalismus nieder.1411
Die Arbeitslager fanden im Boberhaus1412 in Löwenberg statt vom 24. März bis
01. April 1928, vom 07. bis 27. März 1929, vom 01. bis 20. März 1930 mit folgenden
Themen statt: Industriepädagogik als Frage des Verhältnisses von Mensch und Arbeit;
Die Entvölkerung Schlesiens; Die Gefährdung der jungen Generation durch die Umschichtung der Berufe.1413
Es nahmen jeweils 80 bis 100 Arbeiter, Studenten und Bauern daran teil. In dem Aufruf
zum ersten Arbeitslager hieß es:
Neben Kameraden der Schlesischen Jungmannschaft werden christliche und sozialistische
Arbeiterjugend, Jungbauern, Kooperations- und Freistudenten teilnehmen. Dieses Lager
wird ein für unsere Altersstufe angemessener Weg sein, wie wir als Glieder des Bundes soziale Wirklichkeit sehen lernen können. Drei Jahre Arbeitslager1414 brachten die Erfahrung,
dass wir in dieser Zweiheit1415 geistbeschwingter körperlicher Arbeit und arbeitsgebundener
Aussprache den Fragen und Anforderungen unseres Lebens am besten begegnen können. In
diesem Lager werden wir im Zusammenleben mit Arbeiterjugend und Jungbauern über Lebensformen in der heutigen Wirtschaftsform sprechen. Das Ergebnis unserer Gespräche
wird Richtlinie sein für die Versuche im Landeshuter, Waldenburger, Neuroder Revier „Industrievolk“ zu gestalten. Von unserem Einsatz im Lager wird es abhängen, ob wir das Bild
des Bundes in die Gestaltung dieser neuen Wirklichkeit umsetzen können.1416
Die in der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft und Arbeitslagern vermutete Quelle der
Vergemeinschaftung trifft auf acht der späteren Kreisauer zu.
In der Literatur wird immer wieder teils festgestellt, dass, teils infrage gestellt, ob das
spätere Kreisauer Grundsatzprogramm bereits in nuce im Löwenberger Programm angelegt sei, ohne dass dies im Einzelnen stichhaltig ausgeführt wird. Steltzer meinte nach
dem Krieg, dass es nicht möglich sei, die „Löwenberger Arbeitsgemeinschaft als Keim-
1410
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 186 f.
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 12.
1412
Haus der Schlesischen Jungmannschaft.
1413
Rosenstock, Trotha, Das Arbeitslager 1931, S. 35, 56, 87; Rosenstock-Huessy, Eugen: Bericht über
das dritte schlesische Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten, Juli 1930; ERH Archiv, Bestand
5.3.8, Nr. 5.
1414
Damit sind vorherige rein studentische Arbeitslager gemeint.
1415
Wittig schreibt dazu: „Es wurden ihnen ziemlich schwere und saure Arbeit zugewiesen: Mauerbau,
Erdarbeiten, Holzhacken und dergleichen. Sie ahnten ja auch, was der heutigen Welt noch verborgen ist,
daß lebendiger Geist nur auf dem Oel körperlicher Arbeit und körperlichen Leidens und Geschehens
aufflammen kann und dass aller Geist, der losgelöst von körperlicher Mühsal betrieben wird, nur geistige
Ware und Technik, lebensferne Geistigkeit ist“; in: Wittig, Es werde Volk 1928, S. 16.
1416
Rosenstock, Trotha, Das Arbeitslager 1931, S. 32.
1411
245
Vergemeinschaftende Quellen
zelle des Kreisauer Kreises zu bezeichnen.“ „Natürlich wäre es interessant“, fuhr er fort,
„einmal festzustellen, welche Impulse Moltke und Yorck von dort bekommen haben.“1417 Für Gerstenmaier war die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft in Schlesien zwar
biographisch interessant, aber für die Geschichte der Kreisauer selbst und „für ihre Programmatik und ihr politisches Handeln“1418 nur von begrenztem Wert. Die „BoberhausEpoche des jungen Jurastudenten Helmuth von Moltke“ hielt er lediglich für „unzweifelhaft biographisch reizvoll und interessant.“1419 Für den Kreisauer Kreis, „für seine
politische Gestalt und Aktion aber“ sei sie nur von ähnlicher Bedeutung wie etwa die
literarischen und philosophischen Versuche der Primaner Carlo Mierendorff und Theo
Haubach in ihrer stürmischen Darmstädter Zeit, Adam von Trotts Hegelstudium oder
seine eigene studentische und jugendbewegte Vergangenheit. „Gewiß war das alles
wichtig für unser persönliches geistiges Werden, für die Geschichte des Kreisauer Kreises und sein politisches Handeln aber ist es ohne unmittelbare Bedeutung.“1420
Auch Eugen Rosenstock-Huessy, der Mentor der jungen Breslauer Studenten Moltke,
Trotha und Einsiedel im Arbeitslager, stellte 1963 in einem Brief an Roon eine Vorläuferschaft der Löwenberger Arbeitslager für die Gedanken des Kreisauer Kreises in Abrede:
In Moltkes Bewusstsein hat kein Zusammenhang zwischen Arbeitslager und Kreisauer
Kreis bestanden. Sein individuelles intellektuelles Erwachen setzte erst später am Grundlsee mit dem heftigen Sozialismus des Schwarzwald Kreises ein. Bedenken Sie, dass er 19
Jahre alt war, als sein Vetter Trotha ihn mir zuführte.1421
Dies steht im scheinbaren Widerspruch zu einer Aussage Rosenstocks zehn Jahre früher
gegenüber Hammer, als er über die Löwenberger Arbeitslager schrieb: „In jenen ja auf
geistigen Kampf bei friedlichem Zusammenleben, statt auf Ideologie, aufgebauten Gegnerschaftslagern [sic!], ruht das dann in dem Creisauer Kreis hervortretende Grunderlebnis.“1422
Allerdings sah Rosenstock 1958 in den Arbeitslagern einen „Keim des Kreisauer Kreises“1423 und konzedierte später einen gewissen Einfluss der Arbeitslagererfahrungen auf
das weitere Werden Moltkes.
1417
Steltzer, Theodor: Brief an Hammer, 11.10.54. IfZ, ED 106-96.
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 225.
1419
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 225.
1420
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 225.
1421
Rosenstock-Huessy, Eugen: Brief an Roon, 23.02.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 6.
1422
Rosenstock-Huessy, Eugen: Brief an Hammer, 23.12.1953. IfZ, ED 106-96.
1423
Rosenstock-Huessy, Eugen: Brief an Hammer, 26.05.1958. IfZ, ED 106-96.
1418
246
Vergemeinschaftende Quellen
Sie [Roon; A. d. V.] können den Gesamtschauplatz der Lager als einen notwendigen
Wachstumsgrad des Kreisauer Kreises betrachten, wenn Sie sich vor dem Rationalismus
hüten, zu meinen, Moltke habe an die Lager gedacht, als er den Kreis bildete. Das hat er
nicht getan. Auf der anderen Seite hat Walter Hammer recht, wenn er („Hohes Haus in
Henkers Hand“1424) schreibt, Rosenstock ist der Erzvater des Kreisauer Kreises.1425
Wenn Rosenstock auf der einen Seite jede Vorläuferschaft des Programms in Löwenberg für den Kreisauer Kreis ablehnt, sich aber auf der anderen Seite gern als den Erzvater desselben bezeichnen lässt, könnte man darin zumindest einen gewissen Widerspruch sehen. Eine Erklärung für diesen Widerspruch könnte in der Tatsache begründet
sein, dass Rosenstock für sich keine Nähe zum Widerstand beanspruchte1426 und auch
Wert auf die Feststellung legte, er sei nicht als Flüchtling emigriert, sondern aus freien
Stücken 1933 nach Amerika ausgewandert, da er das Unheil mit Hitler vorgesehen habe.1427
Neben Stimmen, die die oben formulierte These ablehnen, gibt es aber auch solche, die
sie bejahen, ohne dies allerdings näher zu begründen. Schon 1946 führte Lionel Curtis,
der väterliche Freund Moltkes, dessen Einstellungen im Widerstand auf seine Erfahrungen in den Arbeitslagern zurück.1428 Hammer bezeichnete in einem Brief an Paul Yorck
im Jahre 1955 die „Boberhaus-Arbeitsgemeinschaft als Keimzelle des Kreisauer Krei-
1424
In Hammers Werk „Hohes Haus in Henkers Hand 1955“ konnte allerdings die Benennung Rosenstocks als Erzvater des Kreisauer Kreises nicht lokalisiert werden. In dem Bericht von Radio Bremen über
die Sendereihe „Auszug des Geistes“, Bremen 1962, S. 109 wiederholt Rosenstock diese Benennung:
„Man hat mir zu meinem siebzigsten Geburtstag kein schöneres Kompliment machen können, als daß
mich Walter Hammer den ‚Erzvater des Kreisauer Kreises’ genannt hat.“ Dazu auch: Müller, RosenstockHuessy 1968, S. 130; siehe auch Ursula Schulz, die in ihrer Erläuterung zu Rosenstock schreibt: „Als
Ordinarius in Breslau (1923-1933) begründete Rosenstock die beispielgebenden Arbeitslager für Arbeiter,
Bauern und Studenten, deren Folgewirkungen ihm den Ehrentitel ‚Großvater des Kreisauer Widerstandskreises’ eingebracht haben“; in: LBDIa S. 44.
1425
Rosenstock-Huessy, Eugen: Brief an Roon, 23.02.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 6.
1426
Siehe Auskunft von Raymond Huessy vom 23.04.2010: ERH habe sich diesen Ausdruck [Erzvater
des Kreisauer Kreises; A. d. V.] gefallen lassen, aber sich von ihm distanziert, da er nicht die Grundlage
für den Widerstand gelegt habe. Er ließ sich es gefallen, „weil es eine Verbindung anerkannte, ohne Ursache und Wirkung zuzugeben.“
1427
Müller, Rosenstock-Huessy 1968, S. 130. Wilhelm Zilius nennt Rosenstock-Huessy einen „homo
politicus von hohem Grade“. „Er hat Hitler heraufkommen sehen. Er hat früh erkannt, daß jenseits von
Hitler erst die eigentlichen Ergebnisse des Ersten Weltkrieges anerkannt werden müssten. Die labile politische Situation der 20er Jahre war ihm stets gegenwärtig. 1929 publizierte ERH ‚Politische Reden‘, in
denen er sich mit dem ‚Vierklang’ Volk, Gesellschaft, Staat und Kirche befasste. Im Gegensatz zu den
konservativen Kräften – auch zur Mehrheit der Jugendbewegung – bedeuten ihm ‚Volk’ und ‚Gesellschaft’ keine Gegensätze. Er sah in jeder dieser ‚überindividuellen Gesellschaftsformen’ natürliche Verpflichtungen, die jeder Mensch einzugehen habe, ohne sich an eine von ihnen allein zu binden. Mit Widerstandsgruppen gegen Hitler hielt er frühen Kontakt“; in: Zilius, Die Macht der Sprache 1988, S. 251.
1428
Cumberledge, A German of the resistance 1946, S. 214 (Dieser Artikel wird 1947 durch RosenstockHuessy Lionel Curtis zugeschrieben): „Here [in organizing work camps; A. d. V.] for the first time a
conception found expression which was throughout to hold a dominating place in Helmuth’s thought,
namely the need to build up in Germany a body of people with a common and disinterested purpose,
which would make possible concerted rational action in the face of difficulties”; siehe auch RosenstockHuessy, Eugen: Brief an Roon, 15.01.1947. (Dieser Brief befindet im Konvolut „Trotha“.) IfZ, ZS/A-18,
Bd. 8.
247
Vergemeinschaftende Quellen
ses“1429. Auch Boveri stellt fest. dass die Lebensform des Kreisauer Kreises aus dem
Arbeiter- und Studentenlager Löwenberg in Schlesien hervorgegangen sei, ohne es näher zu belegen.1430 Roon begründet seine Feststellung, dass „die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft als eine Art ‚Vorphase’ der späteren Kreisauer Arbeit“ zu bezeichnen sei,
mit dem Hinweis, dass außer Moltke mindestens acht Personen an dieser „Gemeinschaftsarbeit“ beteiligt waren, „die später dem Kreisauer Kreis des deutschen Widerstands angehörten: von Trotha, von Einsiedel, Reichwein, Peters, von der Gablentz,
Christiansen-Weniger1431, Peter Graf Yorck von Wartenburg sowie Steltzer“1432. Man
kann in diesem Zusammenhang auch Lukaschek hinzuzählen, der in seiner Eigenschaft
als Oberpräsident von Oberschlesien als Gast teilnahm.1433
Im Weiteren soll nun versucht werden, der These, dass das Kreisauer Grundsatzprogramm sehr wohl im Löwenberger Programm in nuce angelegt oder zumindest von diesem stark beeinflusst wurde, nachzugehen.
Zunächst soll die Initiativrolle des erst 20-jährigen Studenten Moltke herausgestellt
werden, der trotz der immensen Aufgabe den Versuch zur Lösung der sozialen Lage
anging. Er glaubte an die Veränderbarkeit dieser schwierigen Verhältnisse und mobilisierte die Öffentlichkeit. Diese Rolle erinnert an das Bilden des Kreisauer Kreises, wo
die Initiative ebenfalls bei ihm lag. Moltkes Freundin, die bekannte amerikanische Journalistin und politische Publizistin Dorothy Thompson, sagte dazu: „He became immensely interested in the problems of unemployed youth and was one of the founders of
the original Work Service for Youth, which Hitler afterwards took over and politicized,
Nazified, and militarized.”1434 Joseph Wittig, ein Kollege Rosenstocks an der Universität Breslau, beschrieb ebenfalls die Rolle Moltkes beim Zustandekommen des ersten
Arbeitslagers, nachdem Rosenstock von der „Deutschen Schule für Volksforschung und
Erwachsenenbildung“ auf ihrer ersten Akademie in Comburg 1927 den Auftrag bekommen hatte, einen Plan auszuarbeiten, der zeigt,
1429
Hammer, Walter: Brief an Paul Yorck, 21.06.1955. IfZ, ED 106-43.
Boveri, Verrat 1956, S. 63.
1431
Christiansen-Weniger arbeitete in Agrarfragen mit dem Kreisauer Kreis zusammen, wird aber nicht
zu dem engeren Kreis der Zwanzig gezählt.
1432
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 14 f.; Steltzer, Theodor: Brief an Roon, 07.12.1961. IfZ, ZS/A-18, Bd.
7: „Mit der Löwenberger Arbeitslagerarbeit bestand eine lose Verbindung, da wir in Schleswig Holstein
auch ähnliche Arbeitslager veranstalteten.“ Rosenstock gründete mit Steltzer den Hohenrodter Bund für
Erwachsenenbildung; in: Rosenstock-Huessy: Brief an Hammer, 23.12.1953. IfZ, ED 106-96.
1433
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 187.
1434
Thompson, Dorothy: Brief an Mother Mary Alice Gallin OSU, Washington, 23.12.1953. IfZ, ZS/A18, Bd. 8.
1430
248
Vergemeinschaftende Quellen
… daß die Deutschen mehr vermögen als Parteienfehde, Klassenkampf und Standeseigennutz; daß wenigstens kleine Gruppen Volkes [sic!] werden können, in denen sich Angehörige aller Parteien, Klassen und Stände in friedlichem Zusammenleben und ruhiger Rede
und Gegenrede, Hilfe und Gegenhilfe vereinigen.1435
Dieser Auftrag Rosenstocks und seiner Freunde hätte sonst lange einer Ausführung geharrt,
… wenn sie nicht einer mit der Nase auf die dringendste, gen Himmel schreiende Volksnot
dicht vor den Toren Breslaus und Löwenbergs gestoßen hätte. Dieser eine war der junge
von Moltke. Mit eigenen Augen hatte er die große Not des Volkes in den benachbarten
Kreise Landeshut, Waldenburg und Neurode gesehen. Und was er gesehen, ließ ihm keine
Ruhe mehr. Er wollte und musste Alarm schlagen.1436
Ein weiteres Indiz für die aufgeworfene These findet sich in der Einladungsprozedur,
die Moltke am 14. September 1927 in Kreisau mit einigen Mitgliedern der Schlesischen
Jungmannschaft und Rosenstock entwarf. Angesichts der Not wandte sich Moltke, wie
später bei der Zusammenstellung des Kreisauer Kreises, nicht an eine Gesellschaftsschicht, schon gar nicht nur an die eigene, sondern für eine Begegnung vom 27. bis
30. Oktober 1927 wurden eingeladen: „Unternehmer, Landadel, Gewerkschaftssekretäre, Verwaltungsbeamte, Universitätsprofessoren, katholische und evangelische Geistliche, Pädagogen und Jugend.“1437 Aber es sollten nicht nur Angehörige verschiedener
Schichten angesprochen werden, um die ganze Breite der Hilfsmöglichkeiten zu erfassen, sondern man wollte ausgesprochene gegnerische1438 Kräfte heranziehen, um die
Diskussion zu beleben. So schrieb Moltkes Freund Einsiedel, um Teilnehmer zu gewinnen:
I. Wir brauchen die Zusammenarbeit auch gegnerisch eingestellter Kräfte: kirchliche, kulturelle, völkische und wirtschaftliche Gegensätze trennen unser Volk. Parteigruppen regieren
heute in Staat, Stadt und Dorf. […] II. [Es] fehlen Menschen, die die einzelnen zusammenführen. Diese können aus dem Bereich der Jugendbewegung hervorgehen. Durch die Jugendbewegung sind die natürlichen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens wieder
1435
Wittig, Es werde Volk 1928, S. 14.
Wittig, Es werde Volk 1928, S. 14. Diese Initiativrolle Moltkes wird allerdings von Rosenstock in
dem bereits erwähnten Brief an Roon, 23.02.1963, IfZ, ZS/A-18, Bd. 6, etwas herabgestuft, wenn er über
ihn schreibt: „Er hat dann als Glied [Unterstreichung übernommen; A. d. V.] des Ganzen Ausgezeichnetes geleistet, z. B. von Hindenburg durch den späteren Kanzler Brüning 6000 Mark für das erste Lager
bekommen. […]. Aber zu Brüning hingeschickt habe ich ihn, auch die verschiedenen Verbände haben wir
Alten angegeben. Das Geheimnis der Lager war: Verfrühung der Verantwortung. Mir wäre es z. B. zu
Gute gekommen, hätte ich mit Brüning verhandelt. Aber es war der Sinn der Unterredung, die Jungen mit
Verantwortung zu beladen statt sie zu bevormunden.“ Prof. Dr. Andreas Möckel, Universität Würzburg,
äußerte gegenüber dem Verfasser zu dem von Rosenstock aufgeworfenen Konkurrenzverhältnis die Meinung: „Rosenstock-Huessy fand sie [die Schrift von Joseph Wittig „Es werde Volk“; A. d. V.] zu übertrieben und, so nehme ich an, er fand auch die Rolle des damals jungen Helmuth James von Moltke in
ihrer Bedeutung für die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft überzeichnet.“
1437
Wittig, Es werde Volk 1928, S. 15.
1438
Rosenstock, Trotha, Das Arbeitslager 1931, S. 29: „Einsiedel: ‚Ich fragte den Katholiken, wer denn
auf evangelischer Seite, oder den Gewerkschaftssekretär, wer etwa von den Industriellen für eine tatkräftige Arbeit in Frage käme und umgekehrt. Wurde uns jemand von mehr als einer gegnerischen Seite genannt, gingen wir zu ihm und luden ihn zu dieser Begegnung ein.‘“
1436
249
Vergemeinschaftende Quellen
aufgedeckt worden. Man fragt hier zuerst nach dem menschlichen Werte des einzelnen,
dann erst nach seiner politischen und konfessionellen Einstellung.1439
Diese Zusammensetzung wurde als notwendig erachtet, um die Lösung sachlicher Aufgaben voranzutreiben, die aus der Sicht Einsiedels für das Volk lebenswichtig waren.
Von 90 Eingeladenen kamen 68, aber man verstand sich trotz der verschiedenen Herkunft nach kürzester Zeit:
Freilich war es eine bunt gewürfelte Schar: Sozialistische Arbeiterjugend, katholische und
evangelische Pfarrer, Landadel, Unternehmer aus Bergbau und Textilindustrie, Studenten
und Hausfrauen, vor allem aber zwei durch ein Lebensalter getrennte Generationen. Da war
die Skepsis allerdings gerechtfertigt, ob so verschiedene Menschen etwas miteinander würden anfangen können. […] Beide Befürchtungen waren schon nach 24 Stunden als nichtig
erwiesen […].Und gerade durch die starken Gegensätze, die durch die Aussprache zu Worte kamen, erwies sich erst, daß es hier keine Verschiedenheit der Partei und der Herkunft
gab.1440
Alle waren bereit, Hilfe zu leisten, so „verbanden sie sich zu einem Bunde, den sie
‚Löwenberger Arbeitsgemeinschaft’ nannten“1441. Der Begriff Arbeitsgemeinschaft war
nicht zufällig gewählt. Wir haben bereits gesehen, dass man in der damaligen Zeit von
einer Arbeitsgemeinschaft sprach, „wenn sich die Gegenparteien einer dauernden,
gegenseitigen Berührung, Reibung und Beeinflussung aussetzen, so unbequem das auch
sein mag“1442. Diese Methode hatte Reichwein, wie dargestellt, schon beim Seminar in
Bodenrod/Taunus 19211443 angewandt. Bei der Begegnung im Oktober 1927 wurden
von der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft auch gleich acht Arbeitsausschüsse1444 gegründet. Wir sehen hier den gleichen Arbeits- und Planungsstil, wie er bereits für den
Kreisauer Kreis beschrieben wurde. Die Kreisauer knüpften in ihren internen Diskussionen somit an die in den schlesischen Arbeitslagern Ende der 1920er-Jahre erprobten
Kommunikationsformen an. Das Ergebnis war dabei nicht von vornherein festgelegt,
aufgrund der Meinungsvielfalt herrschten offener Dialog und Kompromissbereitschaft.
Eben die Einübung dieser Bereitschaft wurde als Teil eines Lernprozesses gesehen, der
vorbildlich sein sollte für das politische Zusammenleben nach dem Sturz der Naziherrschaft. „Wichtiger als die inhaltlichen Details der Pläne war der Einigungsprozess
selbst.“1445 Als Resultat der Löwenberger Freizeit, die zur Gründung der Löwenberger
Arbeitsgemeinschaft geführt hatte, ergab sich, dass „eine Zusammenarbeit […] zwi-
1439
Rosenstock, Trotha, Das Arbeitslager 1931, S. 30.
Trotha, Carl Dietrich: Bericht über die vorbereitende Begegnung in Löwenberg 27.-30.10.1927, IfZ,
ED 423-16, S. 2.
1441
Wittig, Es werde Volk 1928, S. 15.
1442
Rosenstock, Die Hochzeit des Kriegs 1920, S. 257 ff.
1443
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 54.
1444
Wittig, Es werde Volk 1928, S. 15.
1445
MBF S. 234.
1440
250
Vergemeinschaftende Quellen
schen den äußersten politischen Extremen sowie den verschiedenen Konfessionen und
zwischen Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft erreichbar“1446 war.
Nach Abhaltung der Arbeitslager sollte eine Begegnung der Jugendlichen aus dem
Arbeitslager mit führenden Männern aus Landwirtschaft, Industrie und Arbeiterschaft
stattfinden, eine sogenannte Führerbegegnung. Dieses Zusammenwirken einer älteren
und einer jüngeren Generation, im Gegensatz zur Einaltrigkeit der Jugendbewegung1447,
sehen wir auch im Kreisauer Kreis verwirklicht, wo die Hälfte der Kreisauer, die vor
dem Krieg geboren war, mit den Nachkriegsgeborenen ohne Generationsschranken zusammenarbeitete.
Ein wichtiges Resultat des ersten Arbeitslagers war die Schaffung einer Vertrauensbasis
innerhalb dieser Gemeinschaft von Arbeitern, Bauern und Studenten. Eine Voraussetzung dafür war die Festlegung: „In Bekenntnisse und Parteianschauungen der einzelnen
Gruppen wird nicht eingegriffen.“1448 Dieser Grundsatz wurde auch in der Phase der
Bildung des Kreisauer Kreises beachtet; während der Planungsarbeit allerdings setzte
man sich zur Erreichung der notwendigen Kompromisse intensiv mit Bekenntnissen
und Parteianschauungen auseinander. Die Erkenntnis, dass bei solch einer heterogenen
Zusammensetzung der Arbeitslager das Schaffen gegenseitigen Vertrauens möglich ist,
mag für die zukünftigen Kreisauer eine wertvolle, hoffnungsvolle Erfahrung gewesen
sein. Reichwein, der mit jungen Arbeitern aus Thüringen als Lehrer am ersten Arbeitslager teilnahm, kam es auf die Verdeutlichung des gesellschaftlichen Schicksals jedes
einzelnen Lagerteilnehmers an. Es wollte aufzuzeigen, „daß alle, ob sie nun schlesische
Bergarbeiter oder Studenten oder Landwirte waren, irgendwie in ein gemeinsames
Schicksal verflochten sind“1449, und warf dabei die Frage auf, ob die großen Gegensätzlichkeiten von Klassen- und Wirtschaftsformen heute überhaupt noch einen Sinn haben.1450 Reichwein konnte feststellen, dass durch die Erfahrung im Arbeitslager eine
Vertrauensbasis aller geschaffen wurde, eine Basis,
… die unzertrennlich ist, und zu der sowohl die vierzig sozialistischen Arbeiter wie das
Dutzend christlicher Arbeiter wie die dreißig Studenten der schlesischen Jungmannschaft,
die mit dem Herzen schlechthin bei der gerechten Sache und der notwendigen Aufgabe
1446
Trotha, Carl Dietrich, Bericht über die vorbereitende Begegnung in Löwenberg 27.-30.10.1927, IfZ,
ED 423-16, S. 16.
1447
Boveri, Verrat 1956, S. 63
1448
Rosenstock, Das Arbeitslager für Jungarbeiter 1928, S. 222, 224.
1449
Reichwein, Arbeitslager 1928, S.17.
1450
Reichwein, Arbeitslager 1928, S. 18. Reichwein sprach über die Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft von der Weltwirtschaft, in: O. Verf.: Das Arbeitslager der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft
1928, S. 31.
251
Vergemeinschaftende Quellen
sind, wie auch die kleine Schar katholischer (Verbindungs-)Studenten1451 und nicht zuletzt
auch die zwanzig jungen Bauern und Landarbeiter gehören.1452
Wie beim Kreisauer Kreis, der den Versuch unternahm, die für eine geistige Überwindung des Nationalsozialismus und eine politische Neuordnung wesentlichen Gruppen,
Kräfte und Standpunkte insbesondere aus der freien Arbeiterschaft und den beiden großen Kirchen zusammenzuführen, verließ man sich schon damals auf die Kirchen und
die Arbeiter, um ein funktionierendes „Industrievolk“ aufzubauen.
Beachtenswert ist auch die geistige Aufgabe, die man sich u. a. für das erste Arbeitslager gestellt hatte, das Herausfinden der „Zersetzungs- und Neubildungsvorgänge im
Aufbau unseres Volkes“1453. Man wollte also nicht kurzfristig wirtschaftliche oder soziale Nöte beheben, sondern tiefer und langfristiger schürfen. Dieser geistigen Aufgabe
nahm sich auch der Kreisauer Kreis an. Moltke formulierte diese Aufgabe am Anfang
der Kreisauer Diskussion in seiner Denkschrift „Ausgangslage, Ziele und Aufgaben“
vom 24. April 1941. Zunächst ging er dort auf die „Zersetzungsvorgänge“ ein, wenn er
schrieb: „Der Einzelne ist ungebunden, aber unfrei“, „die Verantwortung des Einzelnen
ist in der Auflösung begriffen“ und „die Ausdrucksformen sind zerstört“. Für die „Neubildungsvorgänge im Aufbau unseres Volkes“ gab er eindeutige Ziele vor:
In dem Einzelnen muss das Gefühl der inneren Gebundenheit an Werte, die nicht von dieser
Welt sind, wieder erweckt werden, welches alleine ermöglicht, ihm die Freiheit wiederzugeben; dadurch wird der Einzelne ein Gefühl der Verantwortung wiederbekommen, welches zu einem Aufblühen wahrer Gemeinschaft führen wird.1454
Wenn hier eine direkte Linie von dem ersten Arbeitslager 1928 zu einem Memorandum
von 1941 gezogen scheint, dann soll damit nur gezeigt werden, dass Fragestellungen
und Programmpunkte des Kreisauer Kreises die damaligen Freunde schon in der Löwenberger Zeit bewegten und beschäftigten. Dies gilt auch für diesen Fall der Suche
1451
In der Academia vom 15.06.1930 wurde unter dem Beitrag „Student und Arbeit“ wohl auf das 3.
Schlesisches Arbeitslager 1930 bezogen berichtet: „[…] rund 30 Jungakademiker und junge Leute aus
dem Arbeiterlager trafen sich Ende März dieses Jahres im Volkshochschulheim ‚Boberhaus‘ […]. Die
Zusammensetzung des Tagungskreises war mit Absicht denkbar vielseitig gestaltet: Auf der Arbeiterseite
waren vom christlichen Gewerkschaftler bis zum Syndikalisten alle organisierten Richtungen vertreten,
parteipolitisch ging die Linie von der Bayerischen Volkspartei bis zur Rotfront. Ebenso unausgeglichen
erschienen die studentischen Vertreter in Überzeugung und politischer Einstellung: neben katholischen
Verbindungs- (CV) und Freistudenten, ferner auch Waffenstudenten (DB, SC) ohne parteipolitische Bindung nahmen auch jugendbewegte bündische Studenten sozialdemokratischer Prägung und Arbeiterstudenten teil, deren Bildungsgang nicht über die Mittelschule, sondern über den Fabrikbetrieb führte. […].
[Die soziale Arbeit der Studenten; A. d. V.] wurde als empfehlenswerte Methode, die geeignet erscheint,
das gegenseitige Kennenlernen und Zusammenfinden der kopf- und handarbeitenden Schicht zu erleichtern, befunden“; in: Illig, Student und Arbeit 1930, S. 35. Wie beim späteren Kreisauer Kreis wurde die
Heterogenität der Teilnehmer als Methode eingesetzt.
1452
Reichwein, Arbeitslager 1928, S. 18.
1453
Einladung zum Arbeitslager, 14.03.-01.04.1928, Pkt. IV. IfZ, ED 423-16.
1454
„Ausgangslage, Ziele und Aufgaben“, 24.04.1941; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 150 ff.
252
Vergemeinschaftende Quellen
nach den Zersetzungsvorgängen und der Diskussion der Neubildungsvorgänge im Aufbau des Volkes.
Eine ähnliche Parallele ergibt sich bei der Suche nach einem neuen Menschenbild, das
Moltke, wie bereits mehrfach gesehen, in einem Brief an Curtis im April 1942 thematisierte. Er stellte dort fest, dass das Bild vom Menschen in den Herzen der Mitbürger bei
rechter Beantwortung der „Frage der Religion, der Erziehung, der Bindungen an Arbeit
und Familie, des richtigen Verhältnisses von Verantwortung und Rechten“1455 wiederhergestellt werden könne. Die beiden Studenten und Teilnehmer am Arbeitslager Carl
Dietrich Trotha, der Vetter Moltkes, und Hermann Gundert stellten nun als Ergebnis des
Arbeitslagers fest, dass das, was sich als Frucht der Lagerordnung, einer Lagerordnung
der Arbeiter, Bauern und Studenten, ergab, nämlich dass Führung an die überging, die
durch ihre menschlichen Gesamtqualitäten dazu berufen, die „gebildet“ im eigenen
Wortsinn waren, Ansätze zu einem neuen Menschenbild berge, einem Menschenbild,
„das allen zugänglich ist und verbindlich für Gruppen, deren Vertreter mit daran gebaut
haben.“1456 Fehlleistungen der Studenten und der späteren Akademiker können vermieden werden, wenn man sich dieses Menschenbild verinnerliche. Der Student
… erlebt, wo und wie jeder am Ganzen Verantwortung trägt […], wo im Zusammenleben
mit dem schaffenden Arbeiter und dem tragenden Bauern die Aufgaben des denkenden und
leitenden Menschen liegen, […] daß er eine persönliche Haltung findet, in der er [der Student; A. d. V.] mit den Vertretern anderer Gruppen zusammen arbeiten kann […], er muß
sich hier in einem ungesicherten, zunächst noch ungestalteten Raume ohne anerkannte Sitte
und ohne einheitliche Sprache in wechselvollen menschlichen Gruppierungen und Vorgängen und gegenüber neuen gesellschaftlichen Gestaltungsaufgaben einmal aus sich heraus
behaupten.1457
Wenn auch die Brisanz der Suche nach einem neuen Menschenbild angesichts der widerständigen Erfahrung im Jahre 1942 eine andere war als 1928, so ergeben sich doch
gleichgerichtete Aspekte: Orientierung an Verantwortung „am Ganzen“, Zusammenarbeit über Klassen hinweg, sichere Behauptung auch in neuen gesellschaftlichen Gestaltungsaufgaben.
Zu Beginn des Krieges 1939 erkannte Moltke, „wie wichtig die Bereitschaft einer
Gruppe war, gegebenenfalls mit klaren Plänen die Regierung zu übernehmen“1458. In
der Tat gibt es vier Denkschriften von Moltke mit der Jahresangabe 1939: „Bemerkungen zur Theorie der Selbstverwaltung – 8 Thesen“, „Bemerkungen zur Hochschulbil-
1455
MBF S. 185.
Trotha/Gundert, Arbeitslager 1931, S. 20.
1457
Trotha/Gundert, Arbeitslager 1931, S. 20 f.
1458
MBF S. 90.
1456
253
Vergemeinschaftende Quellen
dung“, „Arbeitsplan über Raum und Grenzen der Selbstverwaltung“1459 und die bereits
mehrfach erwähnte Aufzeichnung „Die kleinen Gemeinschaften“1460. Im ersten Absatz
dieser Denkschrift treten Vorstellungen zutage, denen offensichtlich Erfahrungen der
Löwenberger Arbeitslager zugrunde lagen:
Ich gehe davon aus, daß es für eine europäische Ordnung unerträglich ist, wenn der einzelne Mensch isoliert und nur auf eine große Gemeinschaft, den Staat, ausgerichtet wird. Der
Vereinzelung entspricht die Masse. Gegenüber der großen Gemeinschaft, dem Staat, oder
etwaigen noch größeren Gemeinschaften, wird nur der das rechte Verantwortungsgefühl
haben, der in kleineren Gemeinschaften in irgendeiner Form an der Verantwortung mitträgt,
anderenfalls entwickelt sich bei denen, die nur regieren, das Gefühl, daß sie niemanden
Verantwortung schuldig sind als der Klasse der Regierenden. – Eine solche Entwicklung
mag Russland oder asiatischen Ländern angemessen sein; eine europäische Ordnung wird
nicht aus ihr erwachsen.1461
Das Arbeitslager war solch eine kleine Gemeinschaft, in der es galt, Verantwortung zu
übernehmen und auch in rechter Zusammenarbeit mit anderen zu führen, wie wir oben
gesehen haben. Die Parallele der Erfahrung der Arbeitslager zur genannten Denkschrift
wird noch offensichtlicher, wenn wir die Moltke‘sche Definition der kleinen Gemeinschaften in den Blick nehmen:
Das Wesen einer kleinen Gemeinschaft besteht darin, eine Anzahl von Menschen zu einem
ihnen gemeinsamen Zweck in einer solchen Weise zusammenzufassen, dass sie die Verfolgung ihres besonderen Zwecks als in den Rahmen der großen Gesamtheit gestellt begreifen
und sich für die Entwicklung ihres besonderen Interesses als für einen Teil des Lebens der
Gesamtheit verantwortlich fühlen. Die zwei wesentlichen Bestandteile sind daher der gemeinsame Zweck, der die Mitglieder einer kleinen Gemeinschaft zusammenführt, und das
Gefühl der Verantwortung allen anderen gegenüber.1462
Diese Parallele hebt auch Schwerin hervor, wenn er das Konzept der kleinen Gemeinschaft, nämlich die zur Verantwortung erziehende Vereinigung, auch in dem idealistischen Ansatz der Löwenberger Arbeitslager realisiert sah,
… einer Zwischenlösung für eine nicht zu erreichenden Utopie einer klassen- und schichtenlosen Gesellschaft, in der die Menschen im Bewusstsein der Verantwortung eines jeden
für die Allgemeinheit zur Erreichung des Allgemeinwohls gleichberechtigt und unter Hintanstellung überzogener Eigeninteressen zusammenarbeiten …1463,
einem Ziel, dem Moltke zeitlebens verpflichtet gewesen sei.
Während dieser Arbeitslager ergab sich für die vortragenden Professoren, für die
„Bauernbildner“ und Arbeiterführer die wertvolle Erfahrung einer integrativen Aufgabe
im Bildungswesen:
1459
MBF S. 90.
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 111-116.
1461
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 111.
1462
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 115.
1463
Schwerin, Moltke 1999, S. 87.
1460
254
Vergemeinschaftende Quellen
Sie werden inne, daß es Stückwerk ist, was sie tun und sie erringen sich dadurch, wie es auf
dem letzten Arbeitslager vom Grafen Yorck von Wartenburg formuliert wurde, eine „gesellschaftliche Haltung“, die ihnen Kraft gibt, ihr Stückwerk fortan als Teilwerk zu tun.1464
Dies erinnert an die von den Kreisauern erarbeitete Erziehungsvorstellung, dass alle
Kräfte und Schulen, gleich auf welcher Ebene, zusammenarbeiten müssen: „Fachschulen und Höhere Schulen, die auf der Volksschule […] aufbauen, schaffen in lebendiger
Fortführung der Volksschularbeit bei wachsender Mitverantwortung des Schülers ein
organisch gefügtes Wissen und Können.“1465
Moltkes Haltung zum Gemeinwesen wird deutlich in einem Beitrag, den er kurz nach
dem ersten Arbeitslager anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Weimarer Republik
für die schon erwähnte Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift „The Survey“ vom Februar 1929 verfasste. Darin forderte der erst 22-Jährige als Vertreter der jungen Generation in Deutschland, der nicht im Namen einer Partei oder anderer Organisationen
sprach, u. a. einen Ausbau der Selbstverwaltung, um die Bürger zur aktiven Mitverantwortung für das Gemeinwesen zu erziehen. „Every citizen must feel his responsibility.“1466 Zugleich trat er dafür ein, dass junge Menschen aus den unterschiedlichen Rassen nicht nur die gleichen Bildungschancen erhalten, sondern sich auch gegenseitig besser kennenlernen sollten. Das war das Konzept der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft:
„We want to help young people of all classes to come to know each other. We feel that
it is the duty of university students to take the lead in this development. We want every
boy and girl to learn something about the conditions of existence in other classes.”1467
Zum ersten Mal skizzierte der 22-Jährige hier ein politisches Programm, an dessen Eckpunkten wie Chancengleichheit, Stärkung der Eigenverantwortung der Bürger er auch
später im Widerstand gegen den Nationalsozialismus festhalten sollte.
Eine weitere Spur, die von Löwenberg zu Moltke und zu dem Denken der Kreisauer
führt, bezieht sich auf den mit der Selbstverwaltung einhergehenden Aspekt der Subsidiarität, der in vielen der Schriften Moltkes wie in „Ausgangslage, Ziele und Aufgaben“1468 oder „Die kleinen Gemeinschaften“ aufscheint. Man könnte zunächst annehmen, dass hier eine Beeinflussung durch die Enzyklika „Quadragesimo anno“ des Papstes Pius XI. vom 15. Mai 1931 vorläge, in der das Subsidiaritätsprinzip erläutert
1464
Rosenstock, Die Arbeitslager innerhalb der Erwachsenenbildung 1939, S. 37.
Grundsätze für die Neuordnung vom 09.08.1943; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 312.
1466
Moltke, Youth looks in 1929, S. 70.
1467
Moltke, Youth looks in 1929, S. 72.
1468
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 150-164.
1465
255
Vergemeinschaftende Quellen
wird.1469 Aber dieser Gedanke taucht schon vor der Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche in Moltkes oben genannter Schrift „Youth Looks In, an Out“ von 1929
auf:
These wishes [wishes for the welfare of all Germany of the youth; A. d. V.] conceding to
the Reich as distinguished from the separate states, the administration of justice, defense
and foreign affairs; while demanding decentralization of the new administration and independence for the self-administrative bodies, especially as regards taxation, and imbuing
even the smallest self-administrative bodies with a sense of responsibility to the whole.
That the whole nation, as a whole, should be trained politically, to govern and administer itself is our chief demand.1470
Dieser Aspekt der Subsidiarität wird im Zusammenhang mit der Selbstverwaltung,
einem ständigen Anliegen der Kreisauer, gebracht. Wenn Moltke diese Gedanken im
Februar 1929, also weniger als ein Jahr nach dem ersten Arbeitslager, niederschrieb, so
ist eine Beeinflussung durch die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft anzunehmen, für
deren Gründung der Gedanke der Selbstverwaltung konstitutiv war.
Es konnte dargelegt werden, dass allein schon wegen der hohen personellen Deckung
und des Arbeits- und Planungsstils die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft erheblichen
Einfluss auf den späteren Kreisauer Kreis hatte und dass das Kreisauer Programm auch
zum Teil in nuce damals schon im Arbeitsprogramm und in den Ergebnissen der
Arbeitslager vorhanden war. Dies konnte an der Initiativrolle des erst 20-jährigen Studenten Moltke, der Einladungsprozedur an alle Gesellschaftsschichten, auch an gegnerische, dem spezifischen Einsatz des Gedankens der Arbeitsgemeinschaft und der
Arbeitsausschüsse, dem Nichtvorhandensein von Generationsschranken, der Schaffung
einer Vertrauensbasis bei unterschiedlichsten Teilnehmern, dem Nachspüren der Zersetzungs- und Neubildungsvorgänge sowie der Suche nach einem neuen Menschenbild
festgemacht werden. Die Gedanken der späteren Moltke‘schen Denkschrift, „Die kleinen Gemeinschaften“ schienen schon angelegt, denn es galt, in der kleinen Gemeinschaft des Arbeitslagers Verantwortung zu übernehmen und auch in rechter Zusammenarbeit mit anderen zu führen. Der Ausbau der Selbstverwaltung und der damit einhergehende Aspekt der Subsidiarität waren ebenfalls in den Arbeitslagern thematisiert.
1469
„Es muß allzeit unverrückbar jener oberste sozialphilosophische Grundsatz festgehalten werden, an
dem nicht zu rütteln noch zu deuteln ist: wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und
mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen
werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in
Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung.
Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des
Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen“; in: Isensee, Subsidiarität
und Verfassungsrecht 1968, S. 19, Fn. 2.
1470
Moltke, Youth looks in 1929, S. 70.
256
Vergemeinschaftende Quellen
Bei der untersuchten These könnte bei denjenigen, die eher zu einem negativen Ergebnis kommen, möglicherweise die Tatsache eine Rolle gespielt haben, dass Moltke zwar
der Initiator war, sich für das Waldenburger Notstandsgebiet tatkräftig einsetzte und
auch dank seines Namens manche Tür für die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft öffnete, jedoch an keinem der Arbeitslager tatsächlich teilnahm. Ein Teilnehmer berichtete
über das erste Löwenberger Arbeitslager im März 1928: „Moltke und Trotha erschienen
nur kometenhaft; d. h. sie schwebten für uns in höheren Regionen, waren nur kurz – wie
mir scheint – anwesend.“1471 Es entspricht den Tatsachen, dass sich Moltke zurückzog,
als er das Gefühl hatte, die Organisation funktioniere; er hatte Angst, dass man sich zu
sehr auf ihn verließ und nicht selbst arbeitete. Er selbst schrieb am 06. September 1928
darüber an seine Großeltern:
I decided to withdraw from the work I had begun in Silesia. The reason was, that the influence of the young people like Carl Dietrich Trotha and me became more and more predominant, while I personally never wanted to be more than one who helps working out the
ideas of others so that I myself could believe in these ideas; in time it happened, that, because I had been the real founder of the organisation, people trusted on me and my young
companions and did not think it necessary to work themselves. So we made it a principle,
that the leaders for the work, those who are really responsible, could only be people, who
had their own profession and really filled it out. The consequence was, that we had to withdraw, and I made the beginning – leaving our place for the bureaucratic work to the other
young boys, whose influence could never take responsibility away from the grownups. The
result is, that only two months later new people have come to take over new work for us,
and that the whole work is going on wonderfully. I am really very glad about this now; but
in July that really has been a hard decision for me, because it was like getting out of a rolling car.1472
Aber die Teilnahme Moltkes bei der Initiativbesprechung in Creisau1473, bei der Löwenberger Freizeit, wo er in das Kuratorium gewählt wurde, und bei der 1. Führerbegegnung1474 sprechen wohl für sich. Der Vorwurf, dass er bei dem Arbeitslager nicht
anwesend war, geht daher ins Leere. Die einzelnen Kreisauer waren an verschiedenen
Stellen präsent, auch als Lehrer bei den Arbeitslagern.1475 Die Arbeitslager spielten in
Moltkes Leben eine so signifikante Rolle, dass er sie in mehreren autobiographischen
Zeugnissen herausstellte, wie Möckel anmerkt.1476 In dem Brief vom 28. Januar bis
05. Februar 1944 über seine Kindheit an seine beiden Söhnen Caspar und Conrad heißt
es: „Dann kam meine Studienzeit, die ich hauptsächlich den ersten Arbeitslagern und
1471
Klose, Kurt: Bericht an Hans Dehmel, 17.12.1964. IfZ, ED 423-74, Umschlag 36.
Moltke, Helmuth an seinen Großvater, 06.09.1928. DLA, Nachlass A:Moltke, S 1.
1473
Damalige Schreibweise von Kreisau.
1474
Über die erste Führerbegegnung schrieb die Mutter voller „Enthousiasmus“ an ihre Eltern am
30.03.1928: „Ihr hättet Euren Enkel sehen sollen, wie er in der Küche Karotten für das Essen schabte. 180
Leute waren da, alte, junge, mittleren Alters“; in: Moltke, Dorothy, Leben 1999, S. 140.
1475
Trotha, Carl Dietrich von: Bericht über die vorbereitende Begegnung in Löwenberg, 27.-30.10.1927.
IfZ, ED 423-16, S. 18.
1476
Möckel, Freiwilligendienste 2006, S. 1.
1472
257
Vergemeinschaftende Quellen
den Schwierigkeiten von Waldenburg gewidmet habe.“1477 Auch in seinem letzten, bewegenden Abschiedsbrief an seine Frau vom 11. Januar1945 schließt er die Erfahrungen
in Löwenberg mit ein, wenn er wie im Zeitraffer einen Bogen seines Lebens schlägt:
Alles bekommt nachträglich einen Sinn, der verborgen war. Mami und Papi, die Geschwister, die Söhnchen, Kreisau und seine Nöte, die Arbeitslager und das Nichtflaggen und nicht
der Partei oder ihren Gliederungen angehören, Curtis und die englischen Reisen, Adam und
Peter und Carlo, das alles ist endlich verständlich geworden durch eine einzige Stunde. Für
diese eine Stunde hat der Herr sich alle diese Mühe gegeben.1478
Es kann Möckel beigepflichtet werden, wenn er die Moltke‘sche basisdemokratische
Initiative der Arbeitslager als „gesellschaftliches Instrument in einem sozial-politischen
Integrationsprozess, der über Parteigrenzen und über konfessionelle Schranken hinweg
im Dienste an einer übergeordneten Aufgabe stand“1479, interpretiert.
4.3
Motivation und Entscheidung zum Widerstand sowie Leben in
Widerständigkeit
Bei der theoretischen Betrachtung der Vergemeinschaftung haben wir gesehen, dass
neben der Innendimension einer Gemeinschaft, die durch gemeinsame Werte und Überzeugungen oder Einstellungen gewonnen wird, auch die Außendimension für die Vergemeinschaftung konstitutiv sein kann. Nach Rosa verläuft die Erzeugung eines gemeinschaftlichen Innenraums meist parallel mit „der Bestimmung einer Grenze, die ein
Innen von einem Außen trennt“1480, und das Zustandekommen einer gemeinschaftlichen
Ordnung kann überhaupt nur durch den strukturellen Ausschluss anderer vollzogen
werden.1481 Der oder das andere, im Sinne von Girard die „Eklusionsgestalt“, ist im Fall
des Kreisauer Kreises der Nationalsozialismus, der Totalitarismus, der Rassenwahn, die
erlebte Rechtlosigkeit. Diese Tatbestände werden von der Gemeinschaft der Kreisauer
abgelehnt, bekämpft und „ausgeschlossen“. Durch diesen „Ausschluss“ wird die Gemeinschaft zugleich zusammengehalten und gestiftet. „Er übernimmt daher eine zentrale Funktion nicht nur für die Konstitution, sondern auch für die Aufrechterhaltung der
1477
MBF S. 28.
MB S. 624. Auch in seinen Abschiedsbriefen aus Tegel bezog sich Moltke immer wieder auf die
Arbeitslager, wenn er auf die Bewältigung von „aussichtlosen Sachen“, S. 329, „auf Spannungen und
Zwiespalte“, wie „bei Verhandlungen mit all den Ministerien in Berlin über die Arbeitslager“, S. 445 f.,
hinwies oder wenn er auf die „hoffnungslosen“ aber bewältigten „Lagen“, wie die Arbeit für Waldenburg
und die Arbeitslager zu sprechen kam, S. 381, HFM. All diese Situationen verglich er mit seiner Lage in
Tegel und hegte die Hoffnung, sie auch dieses Mal zu bewältigen.
1479
Möckel, Freiwilligendienste 2006, S. 2.
1480
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 76.
1481
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 76.
1478
258
Vergemeinschaftende Quellen
Gemeinschaft.“1482 Nur so kann letzten Endes die Vergemeinschaftung dieser so heterogenen Einzelgruppen begründet werden.
Die Anforderungen an die Vergemeinschaftung durch die angesprochene Exklusionsgestalt werden noch dadurch erhöht, dass das Widerständigwerden bei jedem Kreisauer in
ganz unterschiedlichen Prozessen1483 verlief, die Motivationen ungleich waren, erschwert durch die unterschiedliche Differenzierung zwischen Anpassung, Abgrenzung
und Verweigerung, durch die Erfahrung der Dilemmata im erzwungenen Doppelleben
des Widerstandes im eigenen Land und der schmerzvollen gespaltenen Existenz, durch
das unterschiedliche Begreifen des Widerstandes und des Tyrannenmordes. All diese
Unterschiede erschwerten die Vergemeinschaftung, aber sie wurden bei Weitem aufgehoben durch fest empfundene Einheitlichkeiten. Diese waren die bedingungslose Ablehnung des Nationalsozialismus und des Unrechtsstaates, die Verweigerung der Emigration und stattdessen die gefahrvolle Arbeit im „Innern“, der Einsatz des eigenen Lebens, die eingenommene Perspektive für die Zeit „danach“, für die Wiederherstellung
der Majestät des Rechts.
Diese Haltung spiegelte sich am stärksten in der Grundsatzerklärung der Kreisauer. Die
Präambel bezeichnete die völlige Abkehr von der totalitären und menschenverachtenden
NS-Ideologie als Ziel. Gefordert wurden die Wiedereinführung des Rechts, die Garantie
von Glaubens- und Gewissensfreiheit und die Unverletzlichkeit der Menschenwürde.
Das Recht auf Arbeit und Eigentum sollte ohne Ansehen der Rassen-, Volks- und Glaubenszugehörigkeit ebenso wie die Familie unter öffentlichem Schutz stehen. Dem bisherigen Zentralstaat wurde das Prinzip der Selbstverwaltung in kleinen und überschaubaren Gemeinschaften entgegengestellt. Gemeinde, Kreis, Land und Reich waren als
Gliederungsebenen des Staates vorgesehen. Allgemeine und direkte Wahlen sollte es
nur für die Gemeinde- und Kreisparlamente geben, während Landtage und Reichstag
indirekt gewählt werden sollten. Als Reaktion auf das gescheiterte Parteiensystem der
Weimarer Republik sah dieses Modell von politischen Parteien ab. In der Frage der
Wirtschaftsordnung strebte man mit Leistungswettbewerb unter staatlicher Aufsicht
einen Mittelweg zwischen Marktwirtschaft und kontrollierter Wirtschaft an. Grundstoffindustrien sollten verstaatlicht und basisorientierte Betriebsgewerkschaften eingerichtet
werden. Absolute einzelstaatliche Souveränität sollte zugunsten der Schaffung einer
1482
1483
Rosa, Gemeinschaft 2010, S. 76.
Broszat, Zur Sozialgeschichte des deutschen Widerstands 1986, S. 295.
259
Vergemeinschaftende Quellen
umfassenden Ordnung bei freier Zustimmung aller beteiligten Völker geopfert werden.1484
Der Grundgedanke dieser Grundsatzerklärung entsprach der Absicht, die Ordnung Gottes in den Herzen der Menschen und in ihrem gesellschaftlichen Zusammenleben wieder aufzurichten1485 und die Beziehungen zwischen den Nationen auf christliche Werte
zu gründen. Die Absicht der Kreisauer war, mit diesem Programmentwurf gegenseitiges
Vertrauen und Achtung des anderen, welche im Nationalsozialismus oftmals durch politische Demagogie so zynisch missbraucht und mit Füßen getreten worden waren, wiederherzustellen. „Erst wenn die Ordnung Gottes überall wieder anerkannt wäre, könne
man auch hoffen, die Krise, welche mit der Entchristlichung und einer von moralischen
Verpflichtungen befreiten Machtausübung begann, endlich zu überwinden.“1486 Gleichwohl plädierten die Kreisauer nicht für einen christlichen Staat, da es „keine theologische Lehre vom Staat [gebe], sondern nur eine solche vom Menschen im Staat“1487.
Aber der Glaube sei von Bedeutung in dem Augenblick, in dem der Einzelne, sei es als
Staatsmann, sei es als Staatsbürger, in eine Beziehung zum Staat trete. Die Staatsmaschine sei amoralisch, deshalb seien die ethischen Anforderungen an die Staatsmänner
ungeheuer groß, die dazugehörige Kraft könne man in der Regel nur aus dem Glauben
schöpfen. Daher sei der „rechte Staatsmann“ in der Regel der christliche Staatsmann,
der den christlichen Glauben als den Quell benutze, „aus dem er die Kraft schöpft, die
Gebote der Morallehre in seinen Handlungen als Organ des Staates zu befolgen“1488.
Die starke religiöse Ausrichtung des Kreisauer Kreises setzte nach Mommsen
… ein allgemeines christliches Erwachen, das dem nationalen Erwachen der europäischen
Völker zu Beginn des 19. Jahrhunderts an die Seite gestellt werden konnte, voraus, und verlangte einen Menschen, der sich transzendentaler Bindung wieder bewusst wurde, bedeutet
also die Rückkehr zu einem Menschenbild, das nach Ansicht des Kreises in Europa vor der
Auflösung der abendländischen Gemeinschaft durch Säkularisation, Individualismus, modernen Staatsgedanken und Aushöhlung der alteuropäischen Ökonomik durch Liberalismus
und Kapitalismus bestanden hatte.1489
Diese Haltung der Kreisauer erinnert stark an das auf Veranlassung des Zaren Alexander I. zwischen Russland, Österreich und Preußen am 26.09.1815 in Paris geschlossene
1484
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 307-318.
MBF S. 185.
1486
Koehn, Widerstand gegen Hitler 2007, S. 327.
1487
„Über die Grundlage der Staatslehre“ vom 20. Oktober 1940, Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a,
S. 146.
1488
„Über die Grundlage der Staatslehre“ vom 20. Oktober 1940, Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a,
S. 144.
1489
Mommsen, Gesellschaftsbild 1966, S. 118.
1485
260
Vergemeinschaftende Quellen
Bündnis der Heiligen Allianz1490, um die Staaten nach den Grundsätzen des Christentums, der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens zu leiten. Die Unterzeichner des
Bündnisses bezeichneten die christliche Religion als Fundament der herrschenden politischen Ordnung. Es lassen sich in der Tat eine Reihe von Parallelen aufzeigen, die es
wert wären, näher untersucht zu werden. Das nie bekannte Ausmaß der Gewalt der Revolutionskriege nach 1792 als Auslöser bei Zar Alexander gleicht dem tief empfundenen Schmerz Moltkes über die Kriegsgräuel im Osten, die Legung eines „normativen
Fundaments“1491 im Politikstil in der „morale Chrétienne“1492 durch den Zaren entspricht den christlichen Grundlagen des Kreisauer Programmentwurfs; dem Zweck der
Heiligen Allianz, alle europäischen Staaten zu sammeln, um sie in „ein freundschaftliches Verhältnis“1493 zu bringen, kommt die Absicht der Kreisauer gleich, durch einen
europäischen Staatenbund den Nationalismus zu bannen.
4.3.1
Einige Grundtatbestände des Widerstands und der Widerstandsdiskussion
Bevor das Widerständigwerden und das Leben im Widerstand der Kreisauer dargestellt
und diskutiert werden, soll auf einige Grundtatbestände eingegangen werden. Es kann
hier allerdings nicht der Ort sein, die Geschichte der Widerstandsforschung nach 1945
darzulegen,1494 es sollen jedoch verschiedene Konzepte von Stufungen des Widerstandes zitiert und auf ihre Anwendbarkeit auf den Widerstand der Kreisauer überprüft werden.
1490
Gründungserklärung der Heiligen Allianz vom 26. September 1815: „Au nom de la très-sainte et
indivisible Trinité. LL.MM. l’empereur d’Autriche, le roi de Prusse et l’empereur de toutes les Russies,
par suite des grands évènements qui ont signalé en Europe le cours des trois dernières années et principalement des bienfaits qu’il a plus à la divine providence de répandre sur les états, dont les gouvernements
ont placé leur confiance et leur espoir en elle seule, ayant acquis la conviction intime qu’il es nécessaire
d’asseoir la marche à adopter par les puissances dans leurs rapports mutuels sur les vérités sublime que
nous enseigne l’éternelle religion du Dieu Sauveur, déclarent solennellement que le présent acte n’a pour
objet que de manifester à la face de l’univers leur détermination inébranlable de ne prendre pour règle de
leur conduite, soit dans l’administration de leurs états respectifs, soit dans leurs relations politiques avec
tout autre gouvernement, que les préceptes de cette religion sainte, précepte de justice, de charité et de
paix qui, loin d’être uniquement applicables à la vie privée, doivent au contraire influer directement sur
les résolutions des princes et guider toutes leurs démarches, comme étant le seul moyen de consolider les
institutions humaines et de remédier à leurs imperfections. in: Näf, Europapolitik, 1968, S. 5 f.
1491
Pyta, Kulturgeschichtliche Annäherung 2009, S. 19.
1492
Menger, Die Heilige Allianz 2009, S. 220.
1493
Menger, Die Heilige Allianz 2009, S. 214.
1494
Siehe dazu Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 2-19; Ringshausen, Die Deutung des Widerstandes 2001, S. 1-42; Kunze, Widerstandsforschung, 2004; Steinbach, Widerstand im
Widerstreit 2001, S. 11-20.
261
Vergemeinschaftende Quellen
Bethge teilte anlässlich eines Vortrages über Adam von Trott den Widerstand in fünf
Stufen ein, in „den einfachen passiven Widerstand“, der ganze Bevölkerungsgruppen
erfassen kann, „den ideologischen offenen Widerstand“, den Faulhaber, Niemöller und
Wurm ausübten, „die Mitwisserschaft von Umsturzvorbereitungen“, die bereits todeswürdig war, „das aktive Vorbereiten eines Danach“, das in Moltke seinen bekanntesten
Vertreter fand, und „schließlich die aktive politische Konspiration“.1495 Jeder Schritt
von einer Stufe zur anderen, so Bethge, sei ein neuer, immer mühsamer zu vollziehender Sprung. Obwohl auf alle Kreisauer die letzte Stufe der aktiven Konspiration zutrifft,
wie noch klar werden wird, erkannte der VGH bei den Urteilen ganz unterschiedliche
Stufen an. Gerstenmaier kam mit einer Zuchthausstrafe davon, Moltke wurde das aktive
Vorbereiten des „Danach“ zum Verhängnis, während die Beteiligten bzw. Mitwisser des
20. Juli der aktiven politischen Konspiration für schuldig befunden wurden.
Gotto, Hockerts und Repgen definierten 1980 ein vierfach abgestuftes Begriffsfeld von
Widerstand – mit zwei defensiven Varianten: punktueller Unzufriedenheit bzw. Resistenz und Nicht-Anpassung, und zwei offensiven Formen: Protest und aktiver politischer
Widerstand.1496 Diese Abstufung wurde mehr dazu entwickelt, das Verhalten der Kirche
denn Einzelschicksale in den Blick zu nehmen.
Broszat reagierte auf den ausgeweiteten Widerstandsbegriffes von Peter Hüttenberger1497, dessen funktionale, sozial- und strukturgeschichtliche Betrachtungsweise
nicht ethischen Konzepten und Deutungen galt, sondern empirisch nachweisbaren Bedingungen und Handlungen. Broszat schlug deshalb vor, zwischen „Widerstand“ und
„Resistenz“ zu unterscheiden.1498 Gegenüber der Verbindung des Widerstands mit subjektiven Motiven in einem moralisch-ethischen Handlungsrahmen soll „Resistenz“
strukturell und wertneutral jede Verhaltensweise mit tatsächlich die NS-Herrschaft und
NS-Ideologie einschränkender Wirkung bezeichnen, „gleichgültig von welchen Motiven, Gründen und Kräften her“1499. Dieser sozialgeschichtliche Ansatz werde zwar einer
1495
Bethge, Trott und der deutsche Widerstand 1963, S. 221.
Gotto, Nationalsozialistische Herausforderung und kirchliche Antwort 1980, S. 101-118.
1497
Kunze, Widerstandsforschung 2004, S. 13-14; Hüttenberger, „Widerstandsbegriff“ 1977, S. 122: „Die
Erforschung des Widerstandes muß […] die sozialen Beziehungen umgreifen und die wechselseitigen
Mechanismen von Herrschaft und gesellschaftlicher Reaktion einbeziehen.“
1498
Broszat, Resistenz 1986, S. 68-91; Broszat, Zur Sozialgeschichte des deutschen Widerstands 1986,
S. 300: Er versteht unter Resistenz „all jene Formen der Verweigerung, des individuellen oder kollektiven
Protests bzw. der Dissidenz oder Nonkonformität, die sich gegen bestimmte, zwanghafte weltanschauliche, disziplinäre oder organisatorische Maßnahmen und Zumutungen des NS-Regimes richteten.“ richteten.“ Mallmann erachtet den Resistenzbegriff als untauglich, weil er die Totalitarismusvorstellung animiere; siehe Mallmann, Resistenz oder loyale Widerwilligkeit 1993, S. 99-116.
1499
Broszat, Resistenz 1986, S. 76.
1496
262
Vergemeinschaftende Quellen
Vielzahl von Widerstandshaltungen und -formen gerecht, so Ringshausen, habe aber
den Mangel, dass er als „Wertmaßstab nur die messbare Differenz zum Regime und die
faktische Wirkung gelten lasse und deshalb die Resistenz mit ihrem geringeren Risiko
als die der totalitären Herrschaft gemäße Form der Opposition betrachte,1500 während
„der aktive, fundamentale Widerstand gegen das NS-Regime fast überall vergeblich
geblieben“1501 sei.
Im Gegensatz zu dem sozialgeschichtlichen Ansatz stellte Klemperer auf der Tagung
zum 40. Jahrestag des 20. Juli eindrucksvoll die Frage nach Glaube, Religion und Widerstand, also nach den tragenden und bestimmenden Motiven, da jeder im Widerstand
seinen eigenen Weg gehen musste.1502 Nicht sozialwissenschaftliche Erkenntnisse lassen den Widerstand verstehen, sondern das Gewissen des Einzelnen, der zum letzten
Opfer bereit ist – ein Ansatz, der bei den individuellen Entscheidungsprozessen, bei der
„Grenzsituation der sittlichen Entscheidungen“1503 der Kreisauer fruchtbar angewendet
werden kann.
Für den Kreisauer Kreis ist wohl die vielstufige Widerstandsdefinition von Bethge geeignet, da sie auch den Prozesscharakter des Widerständigwerdens der Kreisauer umfasst, die nicht wie Moltke oder die Sozialisten schon vor 1933 eingeschworene Gegner
des Nationalsozialismus waren.
Neben der Frage der Widerständigkeit ist die des Widerstandsrechts unmittelbar signifikant. Diese Frage stellten sich auch die Kreisauer. In einem Manuskript nach dem Jahr
1936 von Peters über den Staat geht dieser dezidiert auf das Widerstandsrecht ein, wenn
er schreibt:
Nur wenn Befehle des Staats gegen höhere sittliche Normen, insbesondere gegen göttliches
Recht verstossen, sind der Einzelne oder die betreffende Gruppe zum Gehorsam gegen die
höhere Norm und zum Ungehorsam gegen den staatlichen Befehl verpflichtet. Der ethische
Grund hierfür entspringt dem allgemeinen Prinzip, dass bei Pflichtenkollision die höhere
Pflicht den Vorrang hat. […] In all diesen Fällen wird aber regelmäßig nur das sog. passive
Widerstandsrecht, nicht auch ein aktives Widerstandsrecht zugebilligt. […] Das bedeutet,
dass […] die Revolution und der gewaltsame Umsturz […] stets verboten bleiben, da dadurch wieder dem Allgemeinwohl der größere Schaden zugefügt würde. […] Es ist zu betonen, dass der Mord auch an einem noch so tyrannischen und gottlosen Herrscher stets unerlaubt ist.1504
1500
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 15.
Broszat, Resistenz 1986, S. 77.
1502
Klemperer, Motivation 1985, S. 1097-1106.
1503
Heuss, Gedenkrede zum 20. Juli 1944 von 1954, S. 36
1504
Peters, Hans: „Staat“. BA NL Peters, N 1220-147, S. 26 f. Der Titel des 33-seitigen Manuskriptes ist
mit „Staat“ angenommen, die Titelseite fehlt; der erste Absatz auf der 2. Seite beginnt mit den Worten:
„Der Staat gehört zu den natürlichen Einheiten …[Unterstreichung übernommen; A. d. V.]“ Die folgenden Kapitel sind überschrieben: II. Aufgaben und Zweck des Staates, III. Staatsform und Staatsverfas1501
263
Vergemeinschaftende Quellen
Es wird also bei Peters das Widerstandsrecht begründet, aber nur das passive, und der
Tyrannenmord ausgeschlossen.
Rothfels thematisiert die Frage, ob man gegenüber einem Regime mit Unrechtscharakter Unrecht tun könne, und bezieht sich dabei auf Adam von Trott, der dem Volksgerichtshof vorhielt, es sei darauf angekommen, weitere Verbrechen zu verhüten.1505 Dieses Widerstandsrecht stand nach der Quellenlage nicht im Vordergrund der Diskussionen im Kreisauer Kreis; im Vordergrund stand die Entscheidung des Gewissens, gegen
ein System Widerstand zu leisten, „das der Menschen Gewissen zu vergewaltigen und
ein ganzes Volk in den Untergang zu führen unternahm“1506. Rothfels spricht von einem
Durchbruch des Anspruchs des Unbedingten durch alle gewohnten Maßstäbe, der der
tiefste Grund für die Vergemeinschaftung gerade des Kreisauer Kreises war, wo „radikale Sozialisten […] mit Konservativen, die auch radikal waren“, bereit waren, „an die
Wurzeln zu gehen, und mit bekennenden Christen beider Konfessionen“ sich zusammenfanden.1507
Ein weiterer Aspekt des Widerstands ist in den Blick zu nehmen, der des Verrats. Dieser spielte im Kreisauer Kreis durchaus eine Rolle. Nach Klemperer, der Verrat als patriotische Pflicht herausstellt, grenzt jeder Widerstand an Verrat. Verrat könne jedoch
im Rahmen des Widerstandes an Würde gewinnen und dadurch legitimiert werden.
Politischer Widerstand stellt ein extremes Handeln in einer extremen Situation dar, in der
die Bürger keine Möglichkeit haben, den Rechtsweg zu beschreiten oder offene politische
Opposition zu betreiben. In einem solchen Rahmen wird Verrat zu einer äußersten Manifestation des Widerstandes.1508
Klemperer weist jedoch auch auf das Spannungsverhältnis zwischen Widerstand und
Verrat hin, das im Krieg dadurch verschärft werde, dass der Widerstand mit den nationalen Interessen, wie sie gemeinhin verstanden werden, in Konflikt geraten müsse, denn
der Widerstand müsse sich gegen einen etwaigen Sieg richten.1509 Damit gerate man in
das Spannungsfeld von Hoch- und Landesverrat.
Im deutschen Strafrecht wurde auch damals ein Unterschied zwischen Hochverrat und
Landesverrat gemacht. Während Hochverrat, der sich gegen die inneren Grundlagen des
sung, IV. Staatsbürger, V. Staat und Kirche, VI. Staat und Recht. Bei den Literaturangaben dieses Manusskriptes stammt die jüngste, zitierte Veröffentlichung aus dem Jahre 1936: Peters, Der totale Staat
1936, S. 303-334.
1505
Rothfels, Aufstand und Widerstand 1962, S. 53.
1506
Rothfels, Aufstand und Widerstand 1962, S. 54.
1507
Rothfels, Aufstand und Widerstand 1962, S. 54.
1508
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 181.
1509
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 181.
264
Vergemeinschaftende Quellen
Staates, seine Verfassung und sein Territorium richtete, weithin als Kavaliersdelikt
galt1510, war der Landesverrat demgegenüber das schlimmere Verbrechen; er richtete
sich gegen die Sicherheit des Staates nach außen und insbesondere gegen seine Verteidigungsanstrengungen.1511 Interessant in diesem Zusammenhang ist die wohl zumindest
den Juristen im Kreisauer Kreis bekannte Definition des Reichsgerichts vom Jahre
1931, welche den Vorsatz als entscheidendes Kriterium für Landesverrat nennt: „[…]
das Bewusstsein und der Wille, der deutschen Kriegsmacht Nachteile zuzufügen.“1512
Dies sei wiederum nur im Zusammenhang des „Gesamtverhaltens“ zu bewerten. Daraus
folgerte das Gericht: Wenn das Gesamtverhalten durch den Vorsatz bestimmt sei, größeren Schaden vom Kriegspotenzial des Reichs abzuwenden, als durch den Akt des
Verrats verursacht wurde, dann liege kein Landesverrat vor.1513 Unter diesem Blickwinkel kann bei den Kreisauern nicht von Landesverrat gesprochen werden, obwohl dies
neben Feindbegünstigung, Hochverrat und Nichtanzeige eines hochverräterischen
Unternehmens der gängige Anklagepunkt bei den meisten Kreisauern vor dem VGH
war.1514 Im Gegensatz zu anderen Widerstandsgruppen, die Landesverrat als legitimiert
ansahen und diesen auch gezielt begingen, achteten die Kreisauer stets darauf, keinen zu
begehen. „Landesverrat war keine Frage für den Kreis“1515, bemerkte Gablentz nach
dem Kriege. Auch wenn Moltke 1942 von Stockholm aus an seinen englischen Freund
Curtis von der Absicht schrieb, „we are ready to help you to win war and peace“1516,
achtete er stets darauf, keine militärischen Geheimnisse zu verraten. Bezogen auf die
letzte Türkeireise Moltkes im Dezember 1943, sagte Freya: „Die Amerikaner wollten
immer militärische Geheimnisse erfahren. Dazu war mein Mann nicht bereit. Der Verrat
militärischer Geheimnisse ist Landesverrat. Und wenn man Hochverrat begeht, darf
man keinen Landesverrat treiben.“1517 Auch Steltzer, an exponierter Stelle in Norwegen
1510
Kleist/Schlabrendorff, Landesverrat 1958, S. 927.
Siehe Kohlrausch, Strafgesetzbuch 1932, § 80-98. Eine systematische Erörterung von Hochverrat und
Landesverrat und der Modifizierung der Gesetzgebung seit 1933 bietet Wagner, Der Volksgerichtshof
1974, S. 50-58.
1512
Urteil vom 20.10.1931, veröffentlicht in Band 65, Seite 433 der Entscheidungen des Reichsgerichts in
Strafsachen über den gegen den Reichspräsidenten Friedrich Ebert erhobenen Vorwurf des Landesverrats,
in: Kleist/Schlabrendorff, Landesverrat 1958, S. 927.
1513
Die Reichsgerichtsentscheidung vom 20.10.1931 entschied endgültig einen Rechtsstreit um den Vorwurf eines rechtsradikalen Journalisten gegen den früheren Reichspräsidenten Friedrich Ebert, der angeblich durch Unterstützung des Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918 Landesverrat begangen haben
sollte; Kleist/Schlabrendorff, Landesverrat 1958, S. 927.
1514
So das Urteil im „Mordregister“ von Leber und Reichwein; LBDII S. 364.
1515
Gablentz, Würdigung 1968. S. 594.
1516
Moltke: Brief an Curtis, geschrieben in Stockholm, 18.02.1942. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99,
S. 2.
1517
Zit. nach Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 157. Diese Bemerkung bezog sich auf die zweite Türkeireise am 11.12.1943.
1511
265
Vergemeinschaftende Quellen
mit vielfältigen Kontakten zum dortigen Widerstand, gab niemals irgendwelche militärischen Geheimnisse preis, war jedoch imstande, seine norwegischen Freunde bei bevorstehenden Gewaltmaßnahmen zu warnen, so bei der für den 30. November 1943
geplanten Judenrazzia in der Universität Oslo.1518 In seinen persönlichen Leitlinien, die
für Steltzer während des Krieges Richtschnur waren, heißt es: „Persönliche politische
Entscheidungen dürfen nicht zu Lasten unbeteiligter und unschuldiger Menschen erfolgen.“1519 Daraus ergab sich für Steltzer die Entscheidung „der Ablehnung der Sabotage,
der Desertion und der Übermittlung militärischer Nachrichten an den Gegner, Ablehnung aller Maßnahmen, die zur Zersetzung der Wehrmacht führen könnten, in der unsere Söhne in einer wahrhaft tragischen Situation ihre Pflicht taten […]“1520. In der Gedenkrede auf Haubach hieß es 1965 über dessen Widerstand: „Es war Landesrettung
nicht Landesverrat.“1521
4.3.2
Motivationen zum Widerstand
Für die Genese des Kreisauer Kreises ist die Frage nach der Motivation überaus kennzeichnend. Nach Hoffmann reichen die Motive zum Widerstand von „moralisch minderbewerteten zu den höchstbewerteten. Das Spektrum durchzieht die gegensächlichsten sozialen und politischen Gruppierungen.“1522 Die Einordnung der Motive der Kreisauer zur Widerständigkeit ergibt sich aus deren Analyse. Diese Motive lassen sich einteilen in ästhetische, politisch-rechtliche, ethisch-humanistisch-sittliche und christlichreligiöse. Dabei lässt sich eine eindeutige Trennung in diese Kategorien natürlich nicht
vornehmen und es liegt bei allen Kreisauern eine Multikausalität vor. Auch hatten die
dargestellten Motive nicht bei allen das gleiche Gewicht. Bei dem kirchenfernen Leber
z. B. überwogen zumindest am Anfang die ethisch-humanistischen Motiven die christlich-religiösen. Die Benennung der Motive bei den einzelnen Kreisauern kann auch nur
beispielhaft sein und soll deren Weite darstellen.
Moltke empörte sich gegenüber seiner Frau Freya über das Gehabe der Nationalsozialisten und seine ästhetische Einschätzung ist eindeutig, wenn er am 27. Juni 1936 an
seine Frau schreibt: „[…] Berlin ist fürchterlich. Unter den Linden schiebt sich eine
Gablentz sagte: „Landesverrat war keine Frage für den Kreis; wir kämpften mit unseren Freunden gemeinsam von innen oder außen gegen den schlimmsten Feind des deutschen Volkes, als den wir Hitler
längst erkannt hatten“; in: Gablentz, Würdigung 1968, S. 594.
1518
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 312.
1519
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 11.
1520
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 11.
1521
Schmedemann, Walter. Gedenkrede auf Haubach. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
1522
Hoffmann, Motive 1985, S. 1089.
266
Vergemeinschaftende Quellen
geschlossene Masse Menschen vorbei, um die Fahnen zu besehen. Und was für Menschen. Ich habe nie gewusst, daß es so etwas gibt. Wahrscheinlich sind das die Nationalsozialisten, die ich ja auch nicht kenne.“1523 Am 31. Januar 1938, noch immer auf
eine Beschäftigung in London als Barrister hoffend, vertraute er seiner Frau an:
Die Stadt ist widerlich, und jeder Tag festigt in mir die Überzeugung, daß es richtig ist, die
Arbeit hier auf ein Mindestmaß zu beschränken, sobald es finanziell erträglich erscheint.
Wenn es in drei oder vier Jahren in London nicht geht, dann werde ich mich doch noch
ganz nach Kreisau zurückziehen und verbauern.1524
Curtis stellte 1943 als Moltkes Motivation die Prinzipienlosigkeit des Nationalsozialismus und besonders die Geringschätzung Moltkes gegenüber dem ungebildeten Emporkömmling Hitler heraus:
From the outset it was plain that he was inspired by a fanatical hatred of Hitler, for the
principles, or rather absence of principle for which Nazism stood. One also felt that this
feeling was enhanced by the contempt of a highly educated aristocrat for the uneducated
upstart from the lower-middle class of Germanic life.1525
In dieser Beurteilung korrigierte ihn jedoch Curtis, der in Hitler geniale Züge erkennen
konnte, „as events have shown Hitler has“1526.
Bezogen auf Yorcks ästhetische Bewertung des Nationalsozialismus schrieb Gerstenmaier in seinem Lebensbericht:
Am Nationalsozialismus hat ihn nicht nur dessen Ideologie, die er kaum zur Kenntnis
nahm, abgestoßen. Mehr noch verabscheute er die distanzlose, hautnahe Präsenz des Vulgären, seinen teils aufgeblasenen, teils schnöden Sprachstil und die mörderische Brutalität, die
dahinter hauste. Das alles stand in einem unüberbrückbaren, tödlichen Gegensatz zu der
Tradition und Geistigkeit, die in seinem Elternhaus gepflegt wurden.1527
Bei Moltke und Yorck könnte man mit Malinowski als Erklärung für die ästhetische
Ablehnung des Nationalsozialismus den „unzerstörten Herrschaftshabitus“1528 sehen.
Diese „herrschaftliche“ Distanz zum nationalsozialistischen Massensystem mit seinem
SA-Pöbel und dem kleinbürgerlichen Führer, gepaart mit dem militärischen Ideal adliger Todesverachtung, dürften den geistigen Raum zur Entwicklung ihrer Haltungen mit
geschaffen haben. Für Haubach war der Nationalsozialismus eine eklektische Ansammlung von Topoi, die vorgab, umfassend zu sein, jedoch aus einem vulgarisierenden Grundmuster zusammengefügt war, „das mit aggressiv-nationalistisch und rassistischer Stoßrichtung auf den ‚Führer’ verpflichtet und für ein Menschen verachtendes
1523
Moltke an Freya, 27.06.1936, DLA, Nachlass A:Moltke.
Moltke an Freya, 31.08.1938, DLA, Nachlass A:Moltke.
1525
Siehe Brief von Lionel Curtis an Beckett, All Souls College, Oxford, 26.06.1943, BLO, Lionel Curtis
Papers, Box 99, S. 2.
1526
Siehe Brief von Lionel Curtis an Beckett, All Souls College, Oxford, 26.06.1943, BLO, Lionel Curtis
Papers, Box 99, S. 2.
1527
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 186.
1528
Malinowski, Vom König zum Führer 2003, S. 588.
1524
267
Vergemeinschaftende Quellen
Blut-und-Boden-Ideal instrumentalisiert wurde“1529. Den Faschismus etikettierte er mit
„barbarische Scheußlichkeiten“1530. Friedrich Stampfer, bis 1933 Chefredakteur des
„Vorwärts“ in Berlin, schrieb nach dem Krieg über das ästhetische Empfinden Trotts
angesichts der Pöbeleien der Nazis: „Alles, was in den Brüdern Trott lebte, musste sich
gegen diese neue Tyrannei empören: der Aristokrat gegen den Pöbelmenschen,
[…].“1531 In Oxford verfasste Trott einen 8-seitigen Vortrag über „Politics and Aesthetics“ als Reaktion auf die Situation in Deutschland, die er offensichtlich als „guerilla
warfare“ begriff. Diesen Vortrag hielt er am 24. November im Oxforder Synoptic Club;
er versuchte darin, diese „two spheres of experience“1532 philosophisch zu deuten. Er
beabsichtigte damit offensichtlich englische Zeitungsberichte über die politischen Zustände in Deutschland, die seine Aesthetik verletzten, vor seinen Oxforder Freunden
aufzuarbeiten.
Solche Motive allein führen natürlich noch nicht in die Widerständigkeit. Breiten Raum
nehmen bei den Kreisauern die stärker wiegenden politisch-rechtlichen Motive ein, die
zur Ablehnung des Nationalsozialismus führten. In dem Brief an seinen Großvater vom
12. September 1938 beklagte Moltke die Zerstörung des Rechts, die ihm auch keine
Möglichkeit gebe, in Berlin als Anwalt zu arbeiten: „From my professional point of
view the destruction of law is of course worse than anything as it must in a measurable
time destroy the possibility of earning a living as a lawyer in Berlin, […] the harsher
methods of concentration camp and the secret police.”1533
Yorcks politisches und rechtliches Empfinden wurde durch die Eroberung des Sudetenlands schwer beeinträchtigt. Für ihn zeigten sich darin imperialistische Tendenzen der
Partei, die er für eine „schwere Gefahr für den Frieden“1534 hielt. Ehrensberger berichtete 1962:
Stärker wurde die Yorck’sche Stellung gegenüber der NSDAP, als er 1938 – nach „München“ [Münchner Abkommen; A. d. V.] – für den Reichspreiskommissar in das Sudetenland geschickt wurde, wo er in einer zentralen Stelle sass, die es ihm ermöglichte, sich die
besten Informationen zu verschaffen. Er kam im November 1938 von dort zurück und sagte: „Das treibt absolut in das imperialistische Denken. Dem muss baldigst entgegengetreten
werden.“1535
1529
Zimmermann, Haubach 2004, S. 428.
Haubach, Die militante Partei 1931, S. 208.
1531
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 225.
1532
Politics and Aesthetics, BA NL Trott, N 1416-1.
1533
Moltke, Helmuth, an seinen Großvater; 12.09.1938. DLA, Nachlass A:Moltke, S. 1.
1534
Ehrensberger, Otto: Meine Zusammenarbeit mit der Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944. IfZ,
ZS/A-18, Bd. 3.
1535
Ehrensberger, Otto: Bericht vom 14.07.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
1530
268
Vergemeinschaftende Quellen
Dort traf Yorck auch mit einer Schlüsselfigur des militärischen Widerstandes, Major
Groscurth, zusammen.1536 Dieses Gespräch hinterließ auf Yorck einen starken Eindruck,
man nimmt an, dass Groscurth ihn für den Widerstand gewann.1537 In seiner Vernehmung vor dem VGH hob er bei den Gründen für seine Gegnerschaft zum NS-Staat besonders die Entwertung des Rechts hervor, wie sie in den Ausrottungsmaßnahmen
gegen das Judentum und in dem Vorgehen in den besetzten Gebieten bewiesen worden
war.1538
Auch für Lukaschek war die rücksichtslose Aggressions- und Expansionspolitik Hitlers, deren erste Opfer Österreich und die Tschechoslowakei wurden, ein Motivationsbaustein für seinen aktiven Widerstand. Als Lukaschek den ehemaligen Staatssekretär
im Reichsfinanzministerium Hans Schäffer in dessen Exil in Schweden besuchte und
sich mit ihm „eingehend“1539 über die politische Lage in Deutschland aussprach, ging er
als Folge der Hitler‘schen Expansionspolitik von einem Krieg im Jahr 1939 aus, der nur
mit einer deutschen Niederlage enden könnte.1540
Trott drückte seine Ablehnung der Hitler‘schen Despotie öffentlich in der Einleitung zu
Heinrich von Kleists „Politischen und Journalistischen Schriften“1541, die er nach
Schwierigkeiten 1935 herausgeben konnte, aus, indem er für jeden, der zu lesen verstand, zum Ausdruck brachte, wie Kleists Kampf gegen die Napoleonische Despotie in
Parallele zu dem Kampf gegen Hitler zu setzen sei. 1937 beklagte sich Trott während
seiner Amerikareise gegenüber dem früheren Rhodesscholar Felix Morley, Herausgeber
der „Washington Post“, bei dem er am 29. März 1937 zum Abendessen war, über die
Repressionen des Naziregimes: „He [Trott; A. d. V.] spoke with exceeding frankness of
1536
Groscurth, Tagebücher eines Abwehroffiziers 1970, S. 346: Major Groscurth an Oberstleutnant Oster,
Reichenberg, 26.10.1938: „Ich habe am gestrigen Abend zusammen mit dem Grafen Yorck von Wartenburg gegessen und mich eingehend mit ihm ausgesprochen.“
1537
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 160, Fn. 1.
1538
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 157 f.
1539
Schäffer, Hans: Tagebuchnotiz 20.-22.08.1938. IfZ, ED 93-25, Bl. 79: „Mit Hans Lukaschek eingehende Gespräche. Er glaubt bestimmt an einen bevorstehenden Krieg. Aber nicht mehr in diesem Jahr.“
1540
Schäffer, Hans: Meine Erinnerungen an Hans Lukaschek. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 6: „Den Inhalt unserer Unterhaltung bei dem Besuch im Sommer habe ich in meinen Tagebüchern vermerkt. Wir waren uns
beide darüber klar, dass ein Krieg nur allzu wahrscheinlich sei und dass er zu einem Weltkrieg auswachsen müsste. Wir glaubten auch, dass er nach anfänglichen Siegen mit einer Niederlage enden würde. Mit
einer Möglichkeit, dass die Naziherrschaft von Innen heraus, etwa durch die Machtergreifung des Militärs, beseitigt werden könnte, rechneten wir damals nach der Haltung der Reichswehr während der JuniMorde und der Fritsch-Krise nicht mehr.“
1541
Kleist, Politische und journalistische Schriften 1935, S. 12: Trott schrieb in der Einleitung: „Für
Kleist […] ist Freiheit mit einem Bereich eigenständiger Verantwortung, in der sie sich auswirken kann,
unmittelbar verbunden. Er kämpfte nicht für die abstrakte Formel, sondern für die tatsächliche Wiederherstellung dieser durch den Despotismus zerstörten Lebensverhältnisse seines Volkes. Dies Menschenrecht freimütiger, eigenständiger Lebensgestaltung verfocht der politische Kleist gegen den fremden Kaiser. Er drängte zur tatsächlichen Befreiung des Landes und nicht zur liberalen Formel.“
269
Vergemeinschaftende Quellen
the repressions of the Nazi regime and regards a popular uprising as by no means impossible. It will be ghastly business if it comes.“1542
Die rechtsstaatliche Überzeugung Haeftens wurde durch die Freilassung der „Beuthener Mordgesellen“, die an dem Mord von Potempa beteiligt waren, schwer erschüttert.
Er schrieb dazu am 17. März 1933 an seine Frau:
… all diejenigen, die aus „patriotischen Motiven“ ein bisschen gemordet haben, werden
begnadigt: also die nationalsozialistischen Mörder lässt man laufen, die anderen lässt man
weiter brummen. Die Beuthener Mordgesellen sind schon auf freien Fuß gesetzt. Als ob
Mord an Volksgenossen – und das sind nun einmal auch die politisch Andersdenkenden –
jemals patriotisch sein könnte.1543
Haeften sieht darin nicht nur eine grobe Rechtsverletzung, sondern auch eine nationale
Schande, „denn jede Rechtsbeugung und jeder Willkür- und Terrorakt verletzt die Ehre
und Würde der Nation […]“1544. In einem Anti-Hitler-Brief im Jahre 1933 an Günther
Hell in Italien drückte er seiner Empörung gegen „diesen Hitler mit seiner Räuberhauptmanns-Moral“1545 aus.
Rösch befand sich schon seit seiner Ernennung 1935 zum Provinzial der oberdeutschen
Jesuiten in einem ständigen Kleinkrieg mit den NS-Behörden.1546 1941 rief er mit seinem Mitbruder Lothar König und anderen Mitstreitern, wie an anderer Stelle bereits
beschrieben, den „Ordensausschuß“ der Fuldaer Bischofskonferenz1547 ins Leben, der
die Kirche zu einem härteren Vorgehen gegen das Regime bewegen sollte.
Auch Pater Delp erkannte nach dem Zeugnis von Heinrich Gellings, der Delp aus der
Männerfürsorge in Fulda kannte, „klar das wirkliche Wollen des Nationalsozialismus
und sah die sich darauf für Kirche und Volk ergebenden großen Gefahren. Er stand deshalb dem NS kompromisslos ablehnend gegenüber und hatte zielklare Vorstellungen
über das, was von den katholischen Männern in dieser Zeit getan werden musste“1548.
Trotha war im Rahmen seiner wissenschaftlichen Ausbildung mit seinem Lehrer, dem
Kieler Professor Adolf Löwe, einem Juden, nach Frankfurt a. M. gegangen, wo er mit
der Roten Studentengruppe zusammenarbeitete und die Mitgliedschaft im Institut für
1542
Zit. nach Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 89.
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 14.
1544
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 14.
1545
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 14.
1546
Bleistein, Rösch 1998, S. 61 ff.
1547
Bleistein, Rösch 1998, S. 107 ff., S. 109: „Die erste Absicht […] war es, eine gemeinsame Handlungsweise der Ordensleute im Umgang mit der Gestapo und bei der Planung der Zukunft zu gewinnen.
Die zweite Intention bestand darin, die deutschen Bischöfe zu einer kritischeren Einstellung dem Dritten
Reich gegenüber zu bewegen, also sie auf einen Konfrontationskurs zu bringen, der dann auch in etwas
schärfer formulierten Hirtenbriefen zum Ausdruck kommen soll.“
1548
Gellings, Heinrich, 21.02.1964, IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
1543
270
Vergemeinschaftende Quellen
Sozialforschung (Horkheimer) erwarb, das 1933 von den Nationalsozialisten als marxistisch und staatsfeindlich aufgelöst wurde. Die Lehrer wurden verjagt und ein Teil seiner
Freunde ins KZ geworfen.1549 Diese einschneidenden Maßnahmen gaben wohl die entscheidenden Anstöße für Trothas Widerständigkeit im Kreisauer Kreis; sein enger Kontakt zu seinem Vetter Moltke und zu seinem Freund Einsiedel mögen ein Übriges getan
haben.
Steltzer, der Anfang 1933 nach 13 Jahren wegen seiner radikalen Ablehnung des Nationalsozialismus aus seinem Amt als Landrat entlassen worden war1550, verfasste für
den österreichischen Kanzler Schuschnigg eine Denkschrift1551 über die Lage in
Deutschland im Jahre 1933, „Grundsätzliche Gedanken über die deutsche Führung“1552,
in der er untersuchte, ob man „der Führung des Nationalsozialismus die Fähigkeit und
die Aussicht zuerkennen könne, zu einer schöpferischen Neugestaltung der deutschen
Verhältnisse zu kommen.“ Steltzer kam in seiner Analyse zu einem „besorgniserregenden Ergebnis“1553. Er sah keine Ansätze zu einer neuen Rechtsordnung, er sah den Versuch, „Recht lediglich auf Macht und Rasse zu gründen“, der in „weitere Zerstörung
einer geistigen Wertordnung“ münden würde, und konstatierte, dass die eigentliche
Führungsaufgabe nicht wahrgenommen würde, was die „Verflachung und Vermassung
der Menschen fördern“1554 müsse. Er konnte auch keine Führerpersönlichkeit sehen, die
im Falle des „Abwirtschaftens der revolutionären Führerschicht“, damit meinte er den
Nationalsozialismus, die eigentliche Führungsaufgabe übernehmen könnte. „Deshalb“,
so Steltzer, „muß die Entwicklung zwangsläufig zur weiteren Auflösung führen.“ Unter
dem „Druck der außenpolitischen Lage“ sah Steltzer „die Gefahr einer Katastrophe
[sich] entwickeln, deren Lokalisierung sehr schwer wäre.“1555 Steltzer wurde aufgrund
dieser Denkschrift verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt und konnte nur mit Mü1549
Trotha, Carl Dietrich: Lebenslauf. IfZ, ZS/A-18, Bd. 8, S. 2.
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 105.
1551
Siehe die weiter oben bereits geschilderte Anklage wegen Hochverrats und die Hilfe, die er durch van
Husen dabei erfuhr, im Kapitel „Charakterisierung der Akteure“
1552
Steltzer, Schuschnigg 1933. Steltzer schrieb diese Denkschrift, da er glaubte, dass für Österreich die
praktische Chance bestand, als Wortführer des wahren Deutschtums im kulturellen Sinn zu wirken. Es
schien ihm für Österreich der Anspruch, Sammelpunkt aller Nicht-Nationalsozialisten zu sein, klar begründet, und die Denkschrift war für ihn nicht nur als naheliegendes politisches Kampfargument gegen
Hitler aufzufassen. Es konnten drei im Wortlaut und im Umfang leicht unterschiedliche Versionen dieser
Denkschrift lokalisiert werden, die jedoch im Tenor sich nicht unterscheiden: 1. Schleswig-Holsteinisches
Landesarchiv Abt. 399.55, Nr. 212 (diese orientiert sich an der Anklageschrift gegen Steltzer wegen
Hochverrats, sie wurde von Steltzer 1945 so niedergelegt, da sich die Denkschrift nicht in seinem Besitz
befand); 2. 11-seitiger Auszug aus einer 26-seitigen Broschüre von Steltzer an Roon. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7;
3. abgedruckt in: Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 270-284. Nach dieser Version wird zitiert.
1553
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 281.
1554
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 281.
1555
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 281.
1550
271
Vergemeinschaftende Quellen
he in zweiter Instanz freigesprochen werden. Daraufhin schloss sich ein Disziplinarverfahren an, in dem er verurteilt wurde. In zweiter Instanz beim Oberverwaltungsgericht,
wo Husen Berichterstatter war, wurde das Disziplinarurteil aufgehoben und das Verfahren aufgrund eines Amnestiegesetzes eingestellt.1556
Der Staatsrechtslehrer Peters vertrat eine ausgesprochen kategorische Haltung der katholischen Kirche zum NS-Staat und kam mit seiner schon geschilderten Staatsauffassung1557, die den „totalen Staat“ als politisches Prinzip ablehnen musste, „weil damit in
wesentlichen Punkten in den auf göttlichem Auftrag beruhenden Herrschaftsanspruch
der Kirche eingegriffen wird“1558, in Gegensatz zum Regime. Das begründete seine Widerständigkeit.
Mierendorff und Haubach kämpften in unzähligen Versammlungen und Artikeln
gegen die heraufziehende Gefahr des Nationalsozialismus; beide bezahlten dies mit
langjähriger Verfolgung und KZ-Haft. Besonders sind die frühen, tief greifenden wählersoziologischen Analysen des Nationalsozialismus Mierendorffs hervorzuheben1559, in
der die Instrumentalisierung der Krise existenzbedrohter Sozialklientel zur Entwicklung
einer Massenbewegung und die Topographie des Faschismus in Deutschland herausgestellt wurden.
Wie Mierendorff und Haubach hatte sich der Sozialdemokrat Leber in der politischen
Diskussion der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre mit den Nationalsozialisten auseinandergesetzt und wurde zu ihrem erbitterten Gegner. Diese prophezeiten ihm: „Zwei
Stunden nach unserem Sieg hängt Dr. Leber auf dem Marktplatz [in Lübeck;
A. d. V.].“1560 In der Tat wurde Leber am 23. März 1933 vor dem Betreten des provisorischen Reichstagsgebäudes, der Kroll-Oper, verhaftet und in Ketten abgeführt. Die
Debatte über das Ermächtigungsgesetz fand ohne ihn statt. Noch im November 1932
hatte Leber geglaubt, das Charisma Hitlers würde durch die Übernahme der Regierungsverantwortung leiden und eine innerlich gewandelte Sozialdemokratie hätte die
Chance, endlich „aus Deutschland eine soziale und freie Republik zu schmieden.“ Leber
1556
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 117.
Siehe Kapitel „Die Kreisauer der Zentrumspartei“.
1558
Peters, Der totale Staat 1936, S. 333.
1559
Mierendorff, Gesicht und Charakter 1930b, S. 489-504; Mierendorff, Was ist der Nationalsozialismus? 1931, S. 149-154.
1560
Siehe Hinweis im LV vom 09.03.1932.
1557
272
Vergemeinschaftende Quellen
führte aus, dass Hitler, wenn er Reichskanzler würde, er nicht mehr „im Blut waten,
sondern […] in den spanischen Stiefeln der Verfassung marschieren“ müsse.1561
Die Anschlussmaßnahmen Österreichs mit der Ermordung von Dollfuß und besonders
die Besetzung des Sudetenlandes durch die deutschen Truppen im Oktober 1938 und
die Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 ließen für Gerstenmaier klar
den Unrechtscharakter des Nationalsozialismus erkennen und lösten nach seinen eigenen Worten seine Widerständigkeit aus. Seine innere Distanz schlug in Widerstand um,
zunächst jedoch in Form innerer Emigration. Als Gerstenmaier in Berlin im Rundfunk
die Meldung über das Münchner Abkommen vernahm, sei es ihm zu Gewissheit geworden: „Der Mann [Hitler; A. d. V.] riskiert den Krieg. Er will ihn. Der Mann muß
weg.“1562 Gerstenmaier weiter:
Bis zum Abend des 29. Sept. 1938 hielt ich es für möglich, dem Regime zwar innerlich mit
angemessener kritischer Distanz gegenüberzustehen, aber dennoch ein loyaler Deutscher
und ein Christ zu sein, der sich nicht mit der Frage auseinanderzusetzen braucht, ob er
selbst mit seiner eigenen Person eine Tat befürworten, mitermöglichen und mitduchführen
müsse, gegen die sich sein eignes Innere, sein Gefühl und sein Gewordensein sträubten. Ich
habe miterlebt, wie sich enge, vertraute Freunde nur unter Qualen in einem monatelangen,
zuweilen jahrelangen Prozess dazu durchrangen. Bei mir geschah es in einigen Nachtstunden vom 29. zum 30. September 1938 […]1563
Eine große Bedeutung hatten die ethisch-humanistisch-sittlichen Beweggründe für den
Widerstand der Kreisauer. Die Judenverfolgung und die Gräuel des Krieges bewegten
Moltke bis ins Innerste1564. Am 02. Juni 1940 schrieb er an seine „Granny” aus Berlin:
I have not been well at all since I returned to Berlin. I suffered rather a psychological shock
which somehow affected my whole organism and everything seemed to go wrong. Realising that it was my immortal soul that was rebelling I battled for myself for ten days, but
than finally decided to go and see our doctor, and now it seems to blow over and I am getting my body slowly again under control. It was not at all pleasant but I am glad that apparently it is over, that is to say the organic symptoms are over.1565
Mowrer beschrieb Moltkes Erleben der Judenverfolgung vom Anfang an und seine Loyalität zu seinen jüdischen Bekannten, denen er als Anwalt bei der Auswanderung half.
1561
Rede Lebers vor der Lübecker SPD am 22.11.1932. LV, 23.11.1932.
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 107 f.
1563
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 108.
1564
Siehe Moltke: Brief an Curtis, geschrieben in Stockholm, 23.03.1943; der Brief ist in einer memorierten Fassung als Anhang beigefügt an: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 286. Ein von fünf
auf zwei Seiten geschrumpftes Gedächtnisprotokoll dieses Briefes wurde nach dem Krieg von einem
George Cicester an Lionel Curtis übergeben; siehe Brief von George Cicester an Lionel Curtis,
14.09.1945. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99. Dieses Memorandum ist allerdings so verstümmelt, dass
die ursprüngliche Intention Moltkes, durch Glaubhaftmachung der inneren „Opposition“ einen britischen
Verbindungsmann mit politischen Vollmachten als Kontakt zum deutschen Widerstand in Stockholm zu
Verfügung zu bekommen, auch nicht erreicht worden wäre, wäre er auf diesem Weg rechtzeitig angekommen. Aber der Brief wurde gemäß MBF S. 220 damals von Tracy Strong, dem amerikanischen Generalsekretär des YMCA, über Bischof Bell an Lionel Curtis weitergegeben.
1565
Moltke, Helmuth an seine Großmutter, 02.06.1940. DLA, Nachlass A:Moltke, S. 1 f.
1562
273
Vergemeinschaftende Quellen
Before 1933 Helmuth’s attitude, like that of many intelligent politically interested Germans, was one of alarm. He deplored the rising storm of street violence, the wildly shrill
political meetings and demonstrations, the oblique attacks on Jews. Owing to his long association with the Schwarzwalds he had many Jewish friends and his innate loyalty kept him
from “hedging” on his relationships.., as some more wary Germans were beginning to do
during the Nazi years.1566
Am 08. September 1938 schrieb Moltke aus London, dass Schwarzwalds Vermögen
konfisziert wurde, er Vermögensteile zu verkaufen half und es ihm gelang, Dr.
Schwarzwald einen Pass zu besorgen, damit er zu seiner Frau in die Schweiz ausreisen
konnte.1567
Nachdem er in England sein Barrister-Examen abgelegt hatte, beschwor er Ende 1938
in einem Brief an Curtis in London die Gefahr für Europa, wenn es unter die Herrschaft
des Nationalsozialismus fiele:
I went back to Germany with the gravest apprehensions for the future of Europe as a whole.
If this continent came under the domination of the Nazis for any length of time the sort of
civilisation which had been built in centuries, and which is founded in its last resort on
Christianity and the Classics would go and we do not know, what would merge instead. But
whatever would emerge it would be different from that to which we had been educated and
for which we had to stand. From the first day when I was back in Germany I noticed that
the radical group in the party had gained the upper hand and that terrible developments
were to be expected. So I had an enormously busy time getting prepared for the worst, and
especially getting jews out of the country.1568
Moltke wusste schon 1939 über die an den Polen begangenen Gräueltaten und die Verstrickung der Wehrmacht: „Moltke sagt nicht viel, aber denkt, weiß viel, – auch über
Polengreuel […] Wehrmacht hat Verantwortung“1569. In seinen z. T. verzweifelt anmutenden Briefen an seine Frau berichtet Moltke von Gräueln und Schrecken des Krieges,
die sein ethisches und sittliches Empfinden erschütterten. Moltke bezeugte bereits am
17. Juni 1940 in einem Brief an Yorck den Kern seiner Motivation, wenn er nach der
Aufzählung der Grundsätze für einen Staat sagte, dass er „drei Ansichten des heutigen
Staates beseitigen will: Furcht, Macht und Glaube, soweit sie nicht von den einzelnen
Staatsbürgern abgeleitet sind“1570. Diese Motivation Moltkes verfestigte sich seit dem
Briefwechsel mit Yorck und wurde bis zur Stunde seines Todes nicht erschüttert.1571
Auch in den Briefen an seine Frau kann man erkennen, wie entsetzt er über die Verbrechen der Nazis war. Seine Motivation zum Handeln wird sichtbar, wenn er schreibt:
„Darf ich denn das erfahren und trotzdem in meiner geheizten Wohnung am Tisch sitzen und Tee trinken? Mach’ ich mich dadurch nicht mitschuldig? Was sage ich, wenn
1566
Mowrer, Lilian T.: Brief vom 31.07.64. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5, S. 1.
Moltke, Helmuth an seine Großmutter, 08.09.1938, DLA, Nachlass A:Moltke, S. 1.
1568
Moltke an Lionel Curtis, 20.11.1938. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99, S. 2 f.
1569
Moltke, Völkerrecht 1986, S. 214, Fn. 3.
1570
Moltke: Brief an Yorck, 17.06.1940; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 119.
1571
Steinbach, Widerstand im Widerstreit 2001, S. 30.
1567
274
Vergemeinschaftende Quellen
man mich fragt: und was hast Du während dieser Zeit getan?“1572 In verschiedenen
Briefen im Oktober und November 1941 schrieb Moltke dann über „grauenhafte Nachrichten“ von Geiselerschießungen in Serbien und Griechenland1573, über das Schicksal
russischer Gefangener, Judenverfolgung1574, über nach Litzmannstadt abtransportierte
Juden1575, über den Kirchensturm1576. Am 10. Oktober 1942 erfuhr er von den Gaskammern der SS in Polen:
Ich habe es bisher nicht geglaubt, aber er [ein Besucher aus dem Generalgouvernement
Polen; A. d. V.] hat mir versichert, daß es stimmte, in diesem Hochofen werden täglich
6000 Menschen „verarbeitet“. Er war in einem Gefangenenlager etwa 6 km entfernt, und
die Offiziere dieses Lagers haben es ihm also absolut sicher berichtet.1577
Seine Haltung drückte er auch in dem Brief aus der Haft am 11. Oktober 1944 an seine
„Söhnchen“ aus:
Ich habe mein ganzes Leben lang, schon in der Schule, gegen einen Geist der Enge und
Gewalt, der Überheblichkeit, der Intoleranz und des Absoluten, erbarmgungslos Konsequenten angekämpft, der in den Deutschen steckt und der seinen Ausdruck in dem nationalsozialistischen Staat gefunden hat. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, daß dieser Geist
mit seinen schlimmen Folgeerscheinungen wie Nationalismus im Exzess, Rassenverfolgung, Glaubenslosigkeit, Materialismus überwunden werde. Insofern werde ich vom nationalsozialistischen Standpunkt zu Recht umgebracht.1578
Auch bei Yorck fielen die ethisch-sittlichen Motive für seine Widerständigkeit stark ins
Gewicht. Sein ehemaliger Kollege beim Preiskommissar Botho Bauch bezeugte nach
dem Kriege:
Den Nationalsozialismus lehnte Yorck mit Entschiedenheit ab. Die Ablehnung beruhte
nicht nur auf einer anderen politischen Auffassung, sondern war für ihn wohl in erster Linie
eine moralische Gewissenspflicht. Die Rechtlosigkeit in dem nationalsozialistischen Staat,
die Verbrechen und Gewaltpolitik des nationalsozialistischen Systems waren […] für ihn
die Hauptmotive für seine so entschieden ablehnende Haltung gegenüber diesem System.
Die Liebe zu seinem Vaterland, dessen Ehre und Ansehen durch die Verbrechen des nationalsozialistischen Staates so schwer verletzt wurden, war es, die ihn zu seinem Kampf
gegen das nationalsozialistische Regime veranlaßte.1579
Ende 1942/Anfang 1943, so Bauch weiter, seien die ersten Nachrichten über die Ermordung von Juden in den Ostgebieten bekannt geworden. „Graf York brachte seine Empörung und seine tiefe sittliche Entrüstung über dieses Verbrechen zum Ausdruck“, dabei
habe er Hitler den „deutschen Dschingischan [sic!]“1580 genannt.
1572
MB S. 308.
MB (21.10.1941) S. 307 f.
1574
MB (13.11.1941) S. 318.
1575
MB (14.11.1941) S. 322.
1576
MB (18.11.1941) S. 326.
1577
MB (10.10.1942) S. 420.
1578
HFM S. 64.
1579
Bauch, Botho: Erinnerungen an Graf Peter York von Wartenburg, 29.11.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1.
1580
Bauch, Botho: Erinnerungen an Graf Peter York von Wartenburg, 29.11.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1.
1573
275
Vergemeinschaftende Quellen
Die Auflehnung gegen den großen Mord, der sich in Polen, in der Ukraine, in Russland,
in den baltischen Regionen, in Rumänien und später in Ungarn vollzog, war eines der
brennenden Motive des Widerstandes, auch bei Yorck. Im Protokoll des Prozesses
gegen Peter von Yorck vor dem VGH steht der gespenstische Dialog verzeichnet:
Yorck: „Herr Präsident, ich habe bereits bei meiner Vernehmung angegeben, dass ich mit
der Entwicklung, die die nationalsozialistische Weltanschauung genommen hatte …“,
Freisler: „… nicht einverstanden war! Sie haben, um es konkret zu sagen, erklärt, in der Judenfrage passe Ihnen die Judenausrottung nicht, die nationalistische Auffassung von Recht
hätte Ihnen nicht gepasst.“1581
Für dieses offene Bekenntnis büßte Graf Yorck noch am Abend des gleichen Tages, am
08. August 1944, mit dem Leben.
Trott stellte den Wert der freien Gewissensentscheidung in der bereits erwähnten
Kleist-Einleitung heraus, wenn er schrieb:
Die Möglichkeit der freien Gewissensentscheidung, Kern aller politischen Existenz, gewinnt in der Tat aus dieser Frage eine schicksalhafte Bedeutung. Die Freiheit ist nicht nur
ein inneres, sondern ein politisches Postulat, insofern die äußere Macht und ihr Eingriff jenen allein Recht schaffenden Ursprung echter menschlicher Ordnung zu gefährden vermag.
Je unsicherer es mit der Welt überhaupt bestellt ist, desto sicherer ist es notwendig für dieses Recht zu kämpfen.1582
Diese Worte Trotts hatten keinen unmittelbaren Bezug zu den herausgegebenen Texten
Kleists, die erschlossen werden sollten, sondern waren offensichtlich „das Ergebnis
einer radikalen Zeitdiagnose und spiegelten eine individuelle Herausforderung angesichts der politischen Verwüstungen, die sich 1935 – im Jahr der Nürnberger Rassengesetze – abzeichneten“1583, wie Steinbach bemerkte. Die Judenverschleppung musste er
als verdammenswerten „Eingriff einer äußeren Macht“ in die Freiheit verstehen; sie
stellte eine Begründung seiner Widerständigkeit dar, die ihn veranlasste, kein Interesse
mehr „für die ängstliche Integrität eines totalen sauberen Lebensbereiches aufzubringen“1584.
Die Judenverfolgung hatte bei Haeftens Motivation zur Widerständigkeit ebenfalls eine
große Wirkung. Sein Freund Günther Hell musste als Jude schon 1933 seine UniLaufbahn als Altphilologe aufgeben. Auch Kurt Hahn, Freund und Mitarbeiter von Vater Haeften in der Kriegs- und Revolutionszeit, war Jude. Er wurde schon im März 1933
in Salem verhaftet und musste auswandern. Dies trug nach Ansicht von Haeftens Frau
1581
Budde, Die Wahrheit über den 20. Juli 1952, S. 85.
Kleist, Politische und journalistische Schriften 1935, S. 11.
1583
Steinbach, Peter: Einleitung zu: Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I1994, S. 19.
1584
Bethge, Trott und der deutsche Widerstand 1963, S. 216.
1582
276
Vergemeinschaftende Quellen
gewiss zu seiner politischen Wachheit und frühem Widerstand gegen Hitler bei.1585 Von
seinem Bruder Werner erhielt er erschütternde Briefe aus Russland, die ihn wohl über
die dort vorgefallenen Gräueltaten unterrichteten.1586 Nach Böhm zeichnete Haeften
eine große Fähigkeit zum Mitleiden aus. Dieses Mitleiden
… wurde zu einer schweren seelischen Belastung, als die Greuel des Regimes bekannt
wurden. Dass dies Wahrheit sein sollte, wollte er zuerst nicht fassen; die authentisch berichtete Wirklichkeit erschütterte ihn dann aufs tiefste. Dies ist wörtlich zu verstehen: er litt mit
den Opfern. Es war eine tägliche, stündliche, nicht mehr ertragbare Qual für ihn, um solche
Missetaten gegen den Menschen zu wissen, und der unwiderstehliche Imperativ, dem unsäglich Grauenhaften ein Ende zu machen, hat ihn auf den einzigen Weg gebracht, der ihn
dazu führen konnte: den Sturz des Regimes.1587
Ein Übriges bewirkten die Berichte über den Kommissarbefehl1588 und über Geiselerschießungen. Als Haeften 1941 nach seinen Auslandsposten zurück nach Berlin versetzt wurde, hörte er, der immer Kontakte zu alten Freunden hielt, von allen Seiten die
schrecklichsten Geschehnisse durch Hitlers wahnsinnige, mörderische Kriegsführung
im Osten.1589 Gegen Ende 1941 plagten Haeften große Zweifel, ob er im Auswärtigen
Amt bleiben könne. Der Auslöser der Zweifel waren Judenvertreibungen. Er hatte
Kenntnis, dass Juden über Nacht in Synagogen eingesperrt wurden, „um sie in der Frühe nach Polen abzutransportieren und sie dort zu ermorden“1590. Haeften stand auch
ständig unter Gestapo-Aufsicht, nachdem er 1935 in Wien einen Parteibonzen entlarvt
hatte. Davon berichtete sein Freund Gogo von Nostitz:
Von seinem Platze als Beamter und Diplomat aus hat er mit rücksichtsloser Zivilcourage
vielen Opfern des Nationalsozialismus geholfen. 1935 in Wien ließ er in monatelangem
Ringen nicht ab, bis er ein „goldenes Parteimitglied“ mit Mitgliedsnummer unter 10 und
unmittelbarem Zutritt zu Hitler als Betrüger entlarvt hatte. Haeften blieb Sieger, wurde aber
nach Bukarest versetzt, wo er sich mit gleicher Standhaftigkeit gegen die SS und vor die
wahre Kirche stellte.1591
Harpprecht vermutet, dass es nicht der Reichskristallnacht im November 1938 bedurft
hätte, um den menschen- und menschheitsfeindlichen Charakter der Diktatur kennenzulernen und so die Widerständigkeit Poelchaus auszulösen, sondern dass der Alltag im
Gefängnis genügte. Er erlebte dort die Opfer der staatlich sanktionierten Kriminalität
des Regimes und seiner Schergen.1592 Dies bezeugt auch eine Aussage Poelchaus, der in
drei Septembernächten 1943 den Tod von 360 Menschen, die er monatelang betreut
hatte, durch den Strang erleben musste:
1585
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 10.
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 43.
1587
Böhm, Skizze 1946. S. 4.
1588
Mann, Moltke 1995, S. 214.
1589
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 54.
1590
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997. S. 60.
1591
Nostitz, In memoriam Haeften 1948, S. 220.
1592
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 97.
1586
277
Vergemeinschaftende Quellen
Neben dem Hinrichtungsschuppen lag noch tagelang ein Berg von nackten Leichen. Sie
konnten nicht fortgeschafft werden, weil die heftigen Fliegerangriffe jeden Transport verhinderten. Auch das gehört zu den grauenhaften Eindrücken, die ich nie vergessen kann: die
entstellten, bleichen Körper von Menschen, aufeinander geworfen wie Lumpen.1593
Delps ethischer Kompass wird in dem Beitrag „Weltgeschichte und Heilsgeschichte“
vom Mai 1941, im vorletzten Heft der „Stimmen der Zeit“ vor dem endgültigen Verbot
durch die damaligen Machthaber, deutlich, wenn er schreibt:
Die ethische Entscheidung ist vom Menschen immer gefordert und ihm auch immer möglich. Die ethische Fehlentscheidung bedeutet den Zusammenstoß mit dem Absoluten, mit
dem Herrn, und bedeutet für den entscheidenden Menschen Schuld und Sünde und innerste
Unordnung seiner Wirklichkeit.1594
Angesichts der Verbrechen des Nationalsozialisten war klar, was mit der ethischen Entscheidung gemeint war. Delp betonte im gleichen Beitrag auch die zweifache innergeschichtliche Bindung des Menschen „als formales Gesetz im Naturgesetz und im Dekalog und als inhaltliche Seinsordnung, an die der Mensch gehalten ist, wenn er die Wirklichkeit nicht vergewaltigen will“1595. Es nimmt nicht Wunder, dass Mitte 1941 die
Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ wegen Papierknappheit eingestellt wurde. Wenn Delp
bei den Beiträgen für die „Stimmen der Zeit“ noch vorsichtig auftrat, um die Zeitschrift
und deren Mitarbeiter nicht zu gefährden, legte er in seinen Vorträgen, die erst 1955 in
einem Bändchen des Alsatia-Verlages veröffentlicht wurden, diese Vorsicht bei seiner
Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Menschenbild ab. Todernst sei ihm
die vor dem damaligen Hintergrund unmissverständliche Aussage, so Bleistein1596:
[…] der Mensch, der sich ans Gewissen gehen lässt, der sich Urteile (Befunde über die
Wirklichkeit, die er selbst ist!) von seinsfremden und unlegitimierten Instanzen vorgeben
lässt, für die er nicht mit dem letzten Blutstropfen einstehen kann, und sei es um den Preis
der Ruhe und der Sicherheit und der innerweltlichen Wohlgeborgenheit, der ist ein Verräter
seiner selbst im Letzten seiner Wirklichkeit überhaupt.1597
Hier brachte Delp seine kompromisslose Haltung gegen das von nationalsozialistischer
Seite propagierte und praktizierte Menschenbild zum Ausdruck.
Haubach, der im Mai 1936 aus dem KZ entlassen wurde, musste über seine Haftbedingungen unter Androhung schwerer Strafen schweigen. Zimmermann mutmaßt, dass
zusätzlich der Schock und die tiefe Verbitterung Haubach den Mund verschlossen,
… weil er nach den Erfahrungen, die er hatte machen müssen, die weder durch Rechtsnormen noch traditionelle moralisch-ethische Wertvorstellungen aufzuhaltende, allein dem
1593
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 50.
Delp II S. 335.
1595
Delp II S. 334.
1596
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 187.
1597
Delp II S. 522.
1594
278
Vergemeinschaftende Quellen
eigenen totalen Machterwerb untergeordnete, absolut rücksichtslose Zielstrebigkeit der
neuen Machthaber kennen gelernt hatte.1598
Dieses Schweigegebot mag auch seinen bei der religiösen Verortung schon erwähnten
Traum von den Luftgeistern1599 vom 08. Januar 1939, zwei Monate nach dem Reichspogrom und ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn, befördert haben. Diese Luftgeister seien,
wie wir gesehen haben, in eine mittelgroße Stadt eingefallen und richteten große Schäden an, womit wohl das zerstörerische Wirken der Nazis gemeint war. Aus dem gleichen Grund könnte Haubach auch in einem Brief an seine Freundin Alma das bereits
zitierte Gedicht „Der Widerstreit“1600 von Stefan George sprechen lassen haben, das die
Wirkung der dunklen Mächte – „der Fürst des Ungeziefers“ – beschwor. Dies scheint
den Wunsch und später den Willen zu bekunden, das Regime müsse abgelöst werden.
Bei vielen Kreisauern war jedoch für ihre Widerstandsentscheidung die christlichreligiöse Motivation dominant. Moltke bezeichnete zustimmend in seinem letzten Brief
an seine Frau als entscheidenden Satz der Verhandlung vor dem VGH den Ausspruch
Freislers: „Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: wir verlangen den ganzen Menschen.“1601 Damit hob er mit
Nachdruck die christlichen Motive für seine Opposition gegen den Nationalsozialismus
hervor. Dies war ein Zeugnis, dass sich Moltke wie andere Kreisauer von höchsten moralischen und religiösen Maßstäben leiten ließ.
Auch Yorck bezeugte vor dem VGH seine christlich-religiöse Motivation zum Widerstand, wenn er auf Freislers Feststellung, ihm, Yorck, passe in der Judenfrage die Judenausrottung und die nationalistische Auffassung vom Recht nicht, wie häufig zitiert,
1598
Zimmermann, Haubach 2004, S. 369.
L’Aigle, Briefe 1947, S. 29-34.
1600
George, Stefan: „Der Widerstreit“ wie in L’Aigle, Briefe 1947, auf S. 62 abgedruckt:
1599
Kein Werk ist des Himmels das ich Euch nicht tu,
Ein Haarbreit nur fehlt und Ihr merkt nicht den Trug
Mit Euren geschlagenen Sinnen
Ich schaff Euch für alles was selten und schwer
Dass Leichte; ein Ding das wie Gold ist aus Lehm
Wie Duft ist und Saft ist und Würze –
Und was sich der große Prophet nicht getraut:
Die Kunst ohne Roden und Säen und Baun
Zu saugen gespeicherte Kräfte.
Der Fürst des Geziefers verbreitet sein Reich
Kein Schatz ihm mangelt, kein Glück, das ihm weicht
Zu Grund mit dem Rest der Empörer
Ihr jauchzet entzückt von dem teuflischen Schein
Verprasset was blieb von dem früheren Sein
Und fühlt erst die Not vor dem Ende …
1601
MB (11.01.1945) S. 623.
279
Vergemeinschaftende Quellen
entgegnete: „Das Wesentliche ist, was alle Fragen verbindet, der Totalitätsanspruch des
Staates gegenüber dem Staatsbürger unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen
Verpflichtungen vor Gott.“1602
Einsiedel, dessen Mutter Halbjüdin war und dessen Bruder nach England emigrieren
musste, führte die große Katastrophe des Nationalsozialismus auf den Hass zwischen
den Menschen, die Bewertung des Menschen nach seiner Rasse und die Vernachlässigung des christlichen Liebesgebots zurück – Motive, die wohl auch seine Widerständigkeit begründeten. In seinem Lebenslauf gab Einsiedel diese Motivation wieder:
Die Entdeckung, wieviel [sic!] Hass zwischen den Menschen besteht, war ein trauriges,
fortwährendes Erlebnis der letzten zwanzig Jahre. Hass zwischen den Völkern und Rassen,
Hass zwischen den politischen Parteien und Hass zwischen den wirtschaftlichen Klassen
haben das Bild des Menschen immer erneut entstellt. Die Bewertung des Mitmenschen erfolgte nicht auf Grund seiner Handlungen und seines Charakters, sondern auf Grund seiner
Zugehörigkeit zu einer wirtschaftlichen, politischen oder völkischen Gruppe. Dadurch trat
eine Verzerrung der überlieferten christlichen Wertmaßstäbe ein. Die Liebe zum Nächsten,
die wichtigste christliche Forderung, wurde immer weniger zur Norm menschlichen Verhaltens. Ich glaube, dass die grossen Katastrophen des letzten Menschenalters hier ihre
Hauptwurzel haben. Das wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass das christliche Liebesgebot ja nicht nur für individuelles ethisches Verhalten massgebend sein soll, es
muss auch als Norm für die Lösung politischer Aufgaben dienen.1603
Die moralische Sicherheit, zwischen gut und böse zu unterscheiden, ist nach Einsiedels
Einschätzung in der Hitlerzeit verloren gegangen.1604
Haeften war unter den Nichttheologen im Kreisauer Kreis wohl am stärksten durch
seine christlich-religiöse Motivation zum Widerstand getrieben. Das soll an zwei Briefstellen gezeigt werden. 1941 antwortete Haeften auf Glaubensfragen eines jungen Mannes, Hannes Brockhaus, der von der Abwehr in die rumänische Wirtschaft kriegsdienstverpflichtet war und in Bukarest in der Gesandtschaft unter seiner Obhut stand.1605 Haeften schrieb, dass das Christentum die antike Weltsicht, die wohl um Göttliches und
Menschliches wusste, um zwei entscheidende religiöse Einsichten erweitert habe, um
„die Erkenntnis des Teuflischen, des großen Drachen, der dem Menschen auflauert, um
ihn von jedem Gipfel, den er mühsam erstiegen, in ungeahnte Abgründe zu stürzen, ja
um ihn in seinem Innersten selbst zu überwältigen und zu besitzen.“ Damit meinte Haeften zweifellos die damals herrschende Situation des Nationalsozialismus, der nur mithilfe des Glaubens widerständig begegnet werden könne. Er fuhr fort:
[…] und die radikal neue Vorstellung von Gott als dem Gott der erbarmenden Liebe, der in
Christi Gestalt selbst in die zutiefst verdorbene Welt eingegangen, den hoffnungslosen
1602
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 157.
Einsiedel, Horst von: Lebenslauf vom 12.07.1945. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3, S. 3.
1604
Einsiedel, Horst von: Lebenslauf vom 12.07.1945. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3, S. 3.
1605
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 45.
1603
280
Vergemeinschaftende Quellen
Kreis ihrer Verfallsgesetzlichkeit durchbrochen hat und dem Menschen, indem er ihn zur
Nachfolge aufruft, seine übermächtige göttliche Hilfe anbietet, damit auch er, der Mensch,
die Umklammerung der satanischen Mächte durchbreche.1606
In seinem Brief von 1941 an den mit ihm befreundeten Pfarrer an der Wiener Dorotheenkirche und späteren Wehrmachtspfarrer Herbert Krimm, der in Norwegen neben
Theodor Steltzer beim Heerestransportwesen eingesetzt war, beklagte Haeften „die
geistliche Ohnmacht der Kirche gegenüber den Dämonien der Welt“, wenn er bemerkte,
dass „das Bischofsamt es verbiete zu schweigen wie ein stummer Hund“ und dass der
Krieg als Volksausrottung eine schauerliche Sünde sei. Weiter schrieb er:
Da wäre es Sache der Kirche (Kirchen), die „christlichen“ Kämpfer aufzurufen und mit
großem Ernst davor zu warnen, das Fundament jeglicher Ordnung zu zerschlagen, indem
sie die unantastbaren Gebote Gottes missachtend, das Corpus christianum in ein corpus
diabolicum verkehren, wo alle Frevel der Vernichtung, alle Greuel der Verwüstung sich
maß- und hemmungslos austoben.1607
Auch Haeften offenbarte vor Freisler am VGH die religiöse Dimension und das grundlegende Motiv für seine Teilnahme am Widerstand, als er sagte, er halte Hitler für einen
„großen Vollstrecker des Bösen“ in der Geschichte.1608
Für Delp galt wie für Moltke die Wahl: Christ oder Nationalsozialist.1609 Die Entscheidung Delps mündete in das Urteil, das den Widerstand als Hoch- und Landesverrat qualifizierte. Bleistein sieht noch einen weiteren Grund für seinen Widerstand, nämlich den
Widerspruch, der zwischen personalem Sozialismus Delp‘scher Prägung1610 und „nationalem Sozialismus“ gegeben war:
Dort, wo die „Verhältnisse“ geändert werden müssen, damit eine humane Existenz gelingt,
„daß Menschen beten und denken können“1611, werden die Fundamente eines Systems angegriffen, das sich als Volksbeglückung verstand und diese noch in machtstabilisierender,
verschleiernder Absicht als die Verwirklichung eines „positiven Christentums“1612 deklarierte.1613
Für die Motivation von Gablentz, widerständig zu werden, kann man die Worte heranziehen, die er posthum für seine Freunde im Kreisauer Kreis fand: „Sie waren fast alle
Hitler-Gegner der ersten Stunde, hatten sich niemals Illusionen über den Nationalsozia-
1606
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 113.
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 119. Hier fordert Haeften, „dass das Wächteramt der Kirche nicht auf
den kirchlichen Raum beschränkt [wird], sondern überall verwirklicht werden muss, wo das Menschenrecht verletzt wird“; Norden, Zwischen Kooperation und Teilwiderstand 1985, S. 236.
1608
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 86.
1609
MB (11.01.1945) S. 609.
1610
Pope, Delp 1994, S. 121-158.
1611
Hier wird Bezug genommen auf Delps Gefängnisreflexion „Die Erziehung des Menschen zu Gott“;
Delp IV S. 313.
1612
Clemens August von Galen in seiner Predigt am 10.06.1934 in Xanten; in: Löffler, Bischof Galen
1933-1946, S. 91 ff.
1613
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 429.
1607
281
Vergemeinschaftende Quellen
lismus gemacht. Sie hielten ihn für verwerflich aus religiösen und moralischen Gründen
und für falsch aus soziologischer und historischer Erkenntnis.“1614
Für Lukaschek und Husen begründete sich der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in ihrem katholischen Glauben, wie aus ihren bereits geschilderten religiösen
Einstellungen hervorgeht. Für beide galten, wie bereits dargelegt wurde, die Sozialenzykliken als Richtlinien für die Entscheidungsfindung und sie waren Anhänger der katholischen Naturrechtslehre. Lukaschek griff auf das Subsidiaritätsgesetz1615 der Sozialenzykliken, also das hilfsweise Eingreifen der größeren Sozialgebilde zugunsten der
kleineren Lebenskreise, zurück, als er sich mit der Neugliederungsfrage Deutschlands
auseinandersetzte.1616 Die Anerkennung der naturrechtlichen Grundsätze drückte sich
für Lukaschek u. a. durch seine Haltung zum Attentat auf Hitler aus. Lukaschek berichtete von einem Gespräch in der Wohnung Husens mit Yorck und Stauffenberg, in dem
dieser angesichts der aussichtslosen Lage sagte: „Mir bleibt nur noch der Mord – aus
christlicher Verantwortung.“1617 Lukaschek habe dabei nicht erwogen, Anzeige nach
§ 139 des StGB zu erstatten, er habe Stauffenbergs Vorhaben vielmehr als christlich
und das Attentat als eine christliche Pflicht1618 nach seiner Interpretation des Naturrechts angesehen, da aus christlichen Grundsätzen eine Pflicht zum Widerstand gegen
das Böse bestehe.1619 Auch Husen stand auf dem Boden der katholischen Auffassung
des Naturrechts und bezeichnete sich selbst als Anhänger der scholastischen Naturrechtslehre.1620 Sein Buch über das Minderheitenrecht in Oberschlesien1621 von 1930
lässt dies eindeutig erkennen. Auch nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wurde in einem Report für die Amerikaner deutlich, dass er dieser
Grundauffassung treu geblieben war. Dort betonte er, es sei ein Bestreben der Widerständler gewesen, die Würde der Person mit ihren natürlichen Rechten wiederherzustel-
1614
Gablentz, Würdigung 1968, S. 592.
Zum Subsidiaritätsprinzip siehe: Nell-Breuning, Gerechtigkeit und Freiheit 1980, S. 48.
1616
Lukaschek, Mainau 1951, S. 14; Lukaschek, Antrittsrede als Oberpräsident von Oberschlesien aus
dem Jahre 1929. PA, R 82843, Bl. 160.
1617
Lukaschek, Hans: „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“, 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 10.
1618
Lukaschek, Mainau 1951, S. 17.
1619
Lukaschek, Mainau 1951, S. 15.
1620
Husen, Paulus van: Brief an Roon, 30.4.62. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
1621
Warderholt, Minderheitenrecht 1930, S. 12: „Das Naturrecht verlangt, dass das Minderheitenvolk in
einem Nationalstaat in Bezug auf sein Volkstum nicht nur nicht unterdrückt wird, sondern dasselbe möglichst frei gestalten kann, soweit das nach den Grundsätzen der ausgleichenden Gerechtigkeit irgendwie
mit den Interessen des Mehrheitsvolkes und des Staates vereinbar ist. […] Der Staat ist nicht Quelle des
Rechts, sondern der Staat ist an das natürliche und göttliche Recht gebunden, und noch so gut formuliertes und von einer noch so erdrückenden Parlamentsmehrheit beschlossenes positives Recht, welches
gegen Naturrecht und Gottes Gebot verstößt, ist Unrecht“; siehe Warderholt, Oberschlesien 1930, S. 216.
(Warderholt ist ein Pseudonym von Paulus van Husen).
1615
282
Vergemeinschaftende Quellen
len, und die Verpflichtung des Menschen in der Gesellschaft beruhe auf Gottes eigenem
Willen, der die menschliche Gesellschaft als den sinnbildlichen Körper Christi (corpus
christi mysticum) errichtet habe.1622 Dass diese Haltung im Gegensatz zur Auffassung
des damaligen Regimes stand, ist offensichtlich.
Die dargestellten Motivationen der 20 Freunde des Kreisauer Kreises können nur beispielhaft sein. Es soll keine Gewichtung der Einzelmotivationen vorgenommen werden,
bei jedem war mit Sicherheit eine andere Mischung von Beweggründen für den Widerstand gegeben. Aber in einer Motivation waren sie sich einig: Sie wollten „über den
Krieg und das Ende der Diktatur hinaus denken“1623. Moltke schrieb 1943 an Curtis:
„You can only get rid of one government if you can offer another government, and that
means, that the mere process of destroying the third realm [Drittes Reich; A. d. V.] can
only get under way if you at least are able to propound an alternative“1624, und dies bedeutete Planungsarbeit für die Zeit „danach”. Angesichts der Zerstörung des alten Lübecks im Jahre 1942 stellte sich Yorck die Frage, ob es nicht Aufgabe sei, „aus dem
Verlust Gewinn zu ziehen“1625 und die Möglichkeit einer Wandlung, der Erneuerung
und Neuordnung zu ergreifen.1626 Die Frucht dieser Erneuerung, der Arbeit einer Reihe
deutscher Männer, die den Wiederaufbau Deutschlands nach dem mit Sicherheit erwarteten Zusammenbruch des Nationalsozialismus planten, ist in den Entwürfen vom
09. August 1943 niedergelegt, in deren Präambel steht: „Die innere Neuordnung des
Reiches ist die Grundlage zur Durchsetzung eines gerechten und dauerhaften Friedens.“1627
Ein vergemeinschaftendes Moment neben der oft gleichen Motivation zur Widerständigkeit stellt die Tatsache dar, dass die jüngeren Kreisauer ihre angestrebten Berufe
nicht ergreifen konnten, die älteren aus ihren angestammten Berufen herausgerissen
oder in ihrem Fortkommen gehindert wurden. Keiner änderte aus Rücksicht auf das
Berufsleben seine Meinung. Moltke konnte die angestrebte Richterlaufbahn nicht einschlagen, da er einem nationalsozialistischen Staat so nicht dienen wollte1628; Yorck
1622
Husen, Paulus van: Report on my participation in the enterprise of the 20. July 1944, 18.10.1945. IfZ,
ZS/A-18, Bd. 12, S. 6.
1623
Harpprecht, Poelchau 2004, S. 114.
1624
Moltke: Brief an Curtis, 23.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 283.
1625
Brief Yorcks an Heinrich Graf Luckner, Frühjahr 1942; in: Roon, Neuordnung 1967, S. 86.
1626
Roon, Neuordnung 1967, S. 86.
1627
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 307.
1628
Siehe Brief von Lionel Curtis an Beckett, All Souls College, Oxford, 26.6.1943. BLO, Lionel Curtis
Papers, Box 99, S. 1: „Helmuth was trained to become a judge under the Weimar Republic, but just before he was eligible for appointment the Republic fell and the Nazis at once side-tracked him.“
283
Vergemeinschaftende Quellen
wurde, als der Reichspreiskommissar Josef Wagner aus Partei und Ämter ausgestoßen
wurde, von dessen Nachfolger Staatssekretär Fischböck fallen gelassen1629; Gerstenmaier wurde die venia legendi verweigert1630; Reichwein wurde als Akademieprofessor
entlassen1631; die „militanten Sozialdemokraten“ Leber, Haubach1632 und Mierendorff
wurden nach der Machtergreifung ins KZ geworfen und erlitten Berufsverbot; Pater
Delp konnte das geplante Soziologiestudium an der Universität München nicht antreten
und erhielt quasi Schreibverbot mangels Genehmigung der Reichsschrifttumskammer;
Trott wurde mehrfach als Referendar abgelehnt1633; Lukaschek wurde als Oberpräsident
in Oberschlesien abgelöst; Husen wurde bei der deutschen Verbindungsmission bei der
Gemischten Interalliierten Kommission für Oberschlesien wegen Unzuverlässigkeit
entlassen1634; Gablentz musste nach der Machtergreifung 1934 aus dem Reichswirtschaftsministerium auf Druck der NSDAP ausscheiden und „überwinterte“ bis 1945 in
der Wirtschaftsgruppe Chemische Industrie, in der bald auch Einsiedel und andere Regimekritiker tätig waren1635; Steltzer wurde als Landrat abgelöst; Trotha konnte 1935/36
nicht länger bei der nationalsozialistisch durchsetzten Justiz arbeiten und musste ins
Reichswirtschaftsministerium wechseln1636; Peters „pfuschten […] die Nazis in sein
Fach“, so war er hinfort „eifrig bestrebt, sich nicht so sehr im Dienst seiner Wissenschaft wie im Dienst der Menschlichkeit zu bestätigen“1637.
Ein weiterer, allerdings existenzieller Aspekt war mit der Motivation zum Widerstand
verbunden: das Bewusstsein, das eigene Leben einzusetzen. Moltke sagte zu Carlo
Schmid1638, den er am 08. Juni 1943 in Paris traf: „Sie können sicher sein, die werden
1629
Ehrensberger, Otto: Meine Zusammenarbeit mit der Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944, IfZ,
ZS/A-18, Bd. 3, S. 4.
1630
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 91.
1631
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 273.
1632
Die angespannte politische Situation wird auch dadurch deutlich, dass die sozialdemokratischen
Kreisauer nicht nur Angriffen von rechts, sondern auch von den Kommunisten ausgesetzt waren. In der
„Roten Fahne“ vom 05.01.1930 wurde Haubach als Pressereferent von Innenminister Severing der Fälschung eins kommunistischen Rundschreibens (Obuch-Dokument: Richtlinien zur Förderung der revolutionären Bewegung, veröffentlicht am 28.12.1929 im Hamburger Anzeiger, von den Kommunisten als
Lumpen- und Fälscherblatt bezeichnet), das zum Verbot der KPD führen sollte, verunglimpft. Es werden
ihm noch andere „einbringliche Beschäftigungen“ unterstellt; siehe Aufruf in der „Deutschen Illustrierten“: Haubach unter dem Schönheitsrichterkollegium, er soll in Rio de Janeiro eine deutsche Schönheitskönigin präsentieren, „deren Echtheit der seiner Dokumente entspricht: Fälscher, Spitzel, Provokateur,
Dokumentenfälscher und Reichspressechef“ GSPK Rep 84a Nr. 58728.
1633
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 63.
1634
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 507.
1635
Winterhager, Gablentz 2004, S. 199.
1636
Trotha, Carl Dietrich: Lebenslauf. IfZ, ZS/A-18, Bd. 8, S. 3.
1637
Andreas-Friedrich, Schauplatz Berlin 1964, S. 37.
1638
Schmid, Erinnerungen 1973, S. 201.
284
Vergemeinschaftende Quellen
uns kriegen. Und dann werden sie uns hängen.“1639 Gegenüber Curtis bekannte Moltke,
dass der Widerstand1640 mit Verlust von Menschenleben verbunden sei, „as we will not
be able to get out of the quandery into which we have been led without considerable
sacrifices in men“1641; damit meinte er wohl auch sein eigenes Leben. Er fügte an: „[…]
the worst is that this death is ignominous“, womit er den schmählichen Charakter eines
solchen Todes herausstellte im Gegensatz zu dem gewöhnlichen Verbrecher in den von
Hitler tyrannisierten Ländern, der die Aussicht hatte, als Märtyrer angesehen zu werden.
„With us it is different: even the martyr is certain to be classed as an ordinary criminal.“1642 Steltzer hatte bereits beim Kennenlernen Moltkes das Gefühl, dass Moltke die
Lage als hoffnungslos ansah und nicht an einen Erfolg ihres Einsatzes glaubte. „Er war
lange vor dem 20. Juli der Ansicht, dass wir alle einmal hingerichtet würden.“1643
Auch Trott war sich bewusst, welchen Preis er für die Widerständigkeit möglicherweise zahlen musste. In einem Merkbüchlein legte Trott seine Lebensmaxime fest:
Erst dadurch, dass wir die sittliche Idee aus uns selbst im Leben entwickeln, wird dieselbe
existent für uns; sobald wir stark genug sind, dürfen wir getrost ihre tönerne Form außer
uns zerschlagen. Je weiter man diese zu realisieren vermag, desto getrösteter wird man sein,
und desto mehr wird man aufhören, sich selbst im Schatten zu stehen.1644
Der 26-jährige Trott schien bereit zu sein, dafür sein Leben zu riskieren, wenn er 1935
in diesem Merkbüchlein seine Todesahnung ausdrückte: „Wenn wir uns schon mit einer
Epoche abfinden müssen, in der die größere Wahrscheinlichkeit für ein vorzeitiges Lebensende steht, sollten wir doch wenigstens dafür sorgen, daß es einen Sinn hat zu sterben – gelebt zu haben.“1645 Bei der Rückkehr aus China nach Deutschland Ende 1938
betonte Trott gegenüber Astor, dass er nicht das Emigrantenschicksal wähle und nach
Deutschland im Wissen der Lebensgefahr zurückkehren wolle: „[…] apart from definite
indications of presumable liquidation, my place during this coming time is at home.“1646
Diese Haltung, unter Einsatz des Lebens die Emigration abzulehnen, bestätigte sich, als
Trott sich am Ende seiner zweiten USA-Reise im Januar 1940 von dem Assistenten
Brünings in Harvard, dem ihm aus der gemeinsamen Zeit als Rhodesstipendiaten in
1639
MB (8.6.43) S. 489; Schmid, Carlo: Brief an v. z. Mühlen, 31.12.1948. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5, S. 2.
Im Original wird der englische Ausdruck „opposition“ verwendet, die Kreisauer bezeichneten sich
selbst nie als Widerstand; Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 286
1641
Moltke: Brief an Curtis 23.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 286.
1642
Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 286.
1643
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 149
1644
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 63.
1645
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 63.
1646
Brief Trotts an seinen Freund David Astor. BA NL Trott, N 1416-2, S. 1.
1640
285
Vergemeinschaftende Quellen
Oxford bekannten Alexander Böker1647 verabschiedete; da soll er mit unsicherer Stimme
gesagt haben: „‚Wenn alles gut geht, in ein oder zwei Jahren, können wir uns glücklich
zusammensetzen, glücklich über ein freies Deutschland, oder aber – wenn nicht – dann
für mich …’ wobei er mit einer waagrechten Hand an seinem Hals entlang gefahren
ist.“1648
Auch Gerstenmaier schreckte vor dem Einsatz seines Lebens nicht zurück. Als er
durch eine Nachricht von Yorck über den Termin des geplanten Staatsstreichs informiert wurde, fuhr er am 19. Juli, aus dem Urlaub in Kärnten kommend, nach Berlin und
hielt sich in Bereitschaft, so seine eigene Darstellung, und löste damit sein Peter Yorck
und Fritzi Schulenburg gegebenes Wort ein, er sei bereit, „in jeder Funktion, die sie für
richtig hielten, an dem Staatsstreich teilzunehmen“1649. Gerstenmaier wartete nicht aus
sicherer Entfernung den Ausgang des Staatsstreichs ab, sondern begab sich nach einem
Anruf Yorcks unerschrocken „mit Bibel und Pistole“1650 in die Bendlerstraße, als es sich
sogar schon abzeichnete, dass das Attentat missglückt war.
Delp stellte sich in den schon erwähnten Reflexionen „Der Mensch vor sich selbst“1651,
die als Vortragsunterlagen erhalten sind, nicht nur kompromisslos gegen das von nationalsozialistischer Seite propagierte und praktizierte Menschenbild, sondern bekundete
auch seine Überzeugung, welche Konsequenzen das strikte Engagement für die Wahrung bzw. die Wiederherstellung seines Menschenbildes erforderte, nämlich den Einsatz
des eigenen Lebens:
Die Idee des Opfers ist eine natürliche Idee, von der Natur getragen, gefordert, begründet.
Im äußersten Fall, in dem infolge einer Rebellion der Werte oder der für ihre Realisierung
Verantwortlichen die letzte Würde des Menschen zu Gott und zum Gewissen in Frage steht,
muß sogar das primitivste und grundlegendste Naturgesetz, der Wille zum Leben und zur
Erhaltung geopfert werden […]1652
Für diese Überzeugung stand Delp dann auch mit seinem Leben ein.
1647
Alexander Böker gehörte dem Corpus Christi College in Oxford an. In den USA suchte er Zuflucht
vor dem Nationalsozialismus, ohne jedoch die Absicht zu haben, zu immigrieren und Bürger der Vereinigten Staaten zu werden. Er betrachtete sich als zeitweilig politisch Exilierten. Nach dem Krieg kehrte
er nach Deutschland zurück und trat in den auswärtigen Dienst der Bundesrepublik ein. Er beendete seine
Diplomatenlaufbahn als Botschafter im Vatikan.
1648
Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 103.
1649
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 190.
1650
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 189 ff. Allerdings schreibt Gerstenmaier selbst im Rahmen
des Ramcke-Prozesses, er bleibe dabei, „daß ich mich in der Bendlerstrasse lediglich hatte erkundigen
wollen, was es denn mit den Gerüchten über einen Anschlag auf sich habe“, deshalb sei er auch am 05.08.
„aus der ersten Gruppe der vor den Volksgerichtshof zu Stellenden wieder ausgeschieden worden“; in:
Schreiben Eugen Gerstenmaiers an Fabian von Schlabrendorff, 05.07.1963. ACDP, I-210-004/I, S. 2.
1651
Delp II S. 475-556; insbesondere „Durch die Welt“, S. 533 ff.
1652
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 187.
286
Vergemeinschaftende Quellen
Poelchau, der als evangelischer Gefängnispfarrer in Tegel während der Haft Moltkes
fast täglich die Briefe zwischen Moltke und seiner Frau vermittelte, riskierte mit dem
Transport eines jeden Briefes sein Leben. Dies war Moltke durchaus bewusst, als er
Freya schrieb: „Ich kann […] nicht einen normalen [damit meinte er einen nicht unbedingt notwendigen; A. d. V.] Brief jetzt schreiben und über diesen Weg laufen lassen,
bei dem P. sein Leben riskiert.“1653
Auch Leber war bereit, sein Leben für den Widerstand zu wagen. Leber hatte gesagt,
dass er nur einen Kopf habe und ihn „für keine bessere Sache einsetzen“ könne als die
des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.1654
Diese Bereitschaft, das Leben für ihre Überzeugung einzusetzen, war wohl die größte
existenzielle Gemeinsamkeit zwischen den Kreisauern. „[Jeder] wusste zu jeder Zeit,
dass die Aufdeckung ihrer Aktivitäten den Tod bedeutete. Jeder einzelne musste […]
seine Gedanken und Vorstellungen gewissermaßen unter dem Aspekt des Galgens, des
Erschießungs-Pelotons oder des Genickschützen überprüft haben.“1655
4.3.3
Leben im Widerstand
4.3.3.1 Beschreibung des widerständigen Lebens
Das Leben der einzelnen Kreisauer im Widerstand war natürlich trotz der gemeinsamen
Grundeinstellung überaus unterschiedlich. Die Widerständigkeit wurde in verschiedenen Berufs- oder Beschäftigungsverhältnissen und an verschiedenen Orten gelebt. Eine
personenunabhängige Schilderung der Situation des Widerstands liefert jedoch Moltke
in dem bereits erwähnten Brief an Lionel Curtis vom 25. März 19431656, den er von
Stockholm aus schrieb, um eine englische Kontaktperson für den Widerstand benannt
zu bekommen, der jedoch aus Geheimhaltungsgründen nie in vollem Umfang, sondern
nur als stark verkürztes Gedächtnisprotokoll seinen Adressaten erreichte. Auch ungekürzt hätte dieser Brief wegen des „absolute silence“-Gebots1657 von Churchill seine
1653
HFM S. 367.
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S, 200.
1655
Steltzer, Werner: Deutscher Widerstand als Beitrag für ein Europa der Gleichberechtigten. Das Aktuelle am Kreisauer Kreis gegen Hitler. IfZ, MS 264, S 13.
1656
Moltke: Brief an Curtis, geschrieben in Stockholm, 25.03.1943. Der Brief ist aus Sicherheitsgründen
nicht unterzeichnet, der schwedische Mittelsmann Johannson gab als Absender nur den Buchstaben „M“
weiter; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden, 1970.
1657
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 15: „Die Politik der ‚absolute silence‘ gegenüber allen Annäherungsversuchen der anderen Seite, wie sie für die britische Regierung im Januar 1941 von Winston Churchill angeordnet wurde, der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Dezember 1941, das Bündnis mit
der SU und die Forderung Franklin Delano Roosevelts von Januar 1943 in Casablanca nach ‚unconditional surrender‘ Deutschlands ließen keinen Raum für die Beschäftigung mit den deutschen Emissären und
1654
287
Vergemeinschaftende Quellen
Wirkung nicht entfalten können. Aber er zeichnet uns ein umfassendes Bild der damaligen Situation, „an analysis of conditions in my country“1658, was wohl auch als Sicht
der Gemeinschaft als Spiegel der Diskussionen der Freunde angesehen werden kann,
denn es klingen in diesem Brief einige Aspekte an, die in dem Grundsatzpapier vom
09. August 1943 fixiert sind.
Zunächst analysierte Moltke die Lage Deutschlands, im Unterschied zu den besetzten
Ländern, und Mängel, mit denen die Kreisauer zu kämpfen hatten: „lack of unity, lack
of men, lack of communication.“1659 Bezogen auf den Mangel an Einigkeit im deutschen Volk machte Moltke auf drei Gruppen der deutschen Bevölkerung und deren Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus aufmerksam, denen sich die Freunde gegenübersahen. Er nannte zuerst die Profiteure des Dritten Reiches, dabei handle es sich
nicht um einige Hundert Menschen, „no it runs into hundreds of thousands and in order
to swell their numbers and to create new posts of profit everything is corrupted“1660. Ein
zweite Kategorie stelle die Gruppe dar, die die Nazis nur als Gegengewicht zu dem vom
Ausland ausgeübten Druck unterstützt habe „and who cannot now easily find their way
out of the tangle“1661. Eine dritte Gruppe, beeindruckt durch Propaganda von Goebbels
und den Briten, glaube, „if we losse [sic!] this war we will be eaten up alive by our enemies and therefore we have to stand this through with Hitler and have to put him right,
i.e. get rid of him thereafter: it is impossible to change horses in midstream”1662. Dann
wies Moltke darauf hin, dass praktisch keine jungen Männer, „which make revolutions,
or are at least its spearhead“1663 in der Heimat vorhanden seien und dass durch äußerst
beschränkte Kommunikationsmittel die Verbreitung von Nachrichten fast unmöglich
sei, „there is only one reliable way of communicating news, and that is the London
wireless, as that is listened in by many people who belong to the opposition proper and
by many disaffected party-members“1664. Ein weiteres Anliegen Moltkes bestand darin,
ihren Plänen.“ Dies war aus Sicht der Briten nach dem „Venlo-Fall” verständlich: „There is good reason
to believe that many of these overtures, perhaps the majority, have been inspired by the German secret
service which seems to have made a special study of the strategy and tactics of the peace feelers. The
purpose is obvious – to try and sow dissension between the Allies and to slow up the tempo of their war
efforts.“ Foreign Office, July 1, 1942; zit. nach Lamb, The Ghost of Peace 1987, S. 261.
1658
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 283.
1659
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 283.
1660
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 284.
1661
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 284.
1662
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 284.
1663
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 284.
1664
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 284.
288
Vergemeinschaftende Quellen
seinen englischen Adressaten die „devilish machinery”1665 der Nazi-KZs vor Augen zu
führen.
Für die Situation des Widerstandes ist der 4. Abschnitt des Briefes erhellend; dieser
bildet auch in fünf Argumentationspunkten den Hauptteil der Ausführungen. Er sollte
England überzeugen, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten. Zunächst
wies Moltke auf den Verlust von Widerständlern hin, ein Opfer, das gebracht werden
müsse. Das Schlimmste sei, wie schon erwähnt, dass dieser Tod schmählich sei. Dann
stellte Moltke die Hindernisse heraus, die der Widerstand der Tötungsmaschinerie in
den Weg stellte und somit Leben rettete, etwa durch Warnungen in besetzten Ländern,
ohne allerdings Massenmorde verhindern zu können. Moltke gestand auch die Fehler
des Widerstandes ein: „The main error of judgement has been the reliance placed on an
act by the generals. This hope was forlorn [sic!] from the outset, but most people could
never be brought to realise this fact in time.”1666 Den Grund dafür sah Moltke in der
Tatsache, dass man eine Revolution und nicht einen Staatsstreich brauche, „and no
revolution of the kind we need will give generals the same scope and position as the
Nazis have given them, and give them today”1667. Moltke nannte aber auch die Schritte,
die der Widerstand bereits mit langfristiger Wirkung eingeleitet habe, „the mobilisation
of the churches and the clearing of the road to a completely decentralised Germany”1668.
Er hob, bezogen auf die Kirche, besonders zwei Predigten von Bischof Preysing1669
hervor und nannte ausdrücklich die Wegbereitung zur Dezentralisierung Deutschlands1670, da dies eine ihm bekannte Forderung der Alliierten war, denen besonders die
Zerschlagung Preußens, des vermuteten Hortes des deutschen Militarismus, ein Ziel
1665
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 285.
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
1667
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
1668
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
1669
Moltke zitiert hier Predigten von Preysing „of May 16th (?) 1942 and December 20th. 1942.“. Das
richtige Datum ist der 28.06. und nicht der 16.05.1942. Preysing hielt am 28.06.1942 in der Hedwigskathedrale zum Silbernen Bischofsjubiläum von Papst Pius XII. eine Predigt über Recht und Gerechtigkeit,
die auch in der „Times” zitiert wurde. Auch Goebbels erwähnte in einem Tagebucheintrag vom
13.07.1942 diese Predigt. Mit der „Predigt” vom 20.12. ist der „Hirtenbrief” zum gleichen Thema gemeint, der von Preysing verfasst worden war und im Bistum Berlin am 4. Adventssonntag 1942 verlesen
wurde (auch in den Bistümern Köln, Limburg und Mainz) und ein breites Echo in der Öffentlichkeit fand.
1670
Die Kreisauer beschäftigten sich 1943 mit der territorialen Gliederung eines neuen Deutschlands. Vor
allem Pater König als Geograph und Lukaschek als Verwaltungsfachmann waren an den Planungen beteiligt; vgl. Winterhager, Der Kreisauer Kreis 1985, S. 114. Paulus van Husen erinnerte sich, dass Pater
König aufgrund von Besprechungen im engeren Kreis mit Yorck eine Karte mit der Neugliederung anfertigte, die allerdings nicht in Kreisau besprochen wurde; siehe Husen, Paul van: In memoriam Moltke und
Yorck, 20. Juli 1944. IfZ, ED 88-1, S. 9. Im Zusammenhang mit der Anweisung an die Landesverweser
erwähnte Yorck in einem Brief vom 09.08.1943 eine korrigierte Deutschlandkarte, die Pater König mitbringen solle; vgl. Bleistein, Dossier 1987, S. 340. Sie verzeichnete 23 Länder und 7 Reichsstädte; vgl.
Bleistein, Dossier 1987, S. 214 f.
1666
289
Vergemeinschaftende Quellen
war. Moltke weist jedoch auch auf die neben den Kirchen zweite Säule des späteren
Kreisauer Programms vom August 1943, die Arbeiter, hin, und zwar auf diejenigen, die
jetzt keine Nazis seien; das träfe auf die Mehrheit der älteren und der Facharbeiter zu,
sie hätten jedes totalitäres Regime satt. „These are the workers on which we must build
not on those who can escape with a simple change of colour without change of
heart.”1671 Moltke legte noch dar, dass der Nationalsozialismus in allen Klassen Anhänger habe, wolle man aber pauschalieren, dann gelte, dass die Mittelklasse nationalsozialistisch oder zumindest von irgendeiner Form des Totalitarismus in hohem Maße infiziert sei, wohingegen der niedrige preußische, landbesitzende Adel am wenigstens anfällig bzw. immun gegen Totalitarismus sei.1672 Ein weiteres Anliegen des Grundsatzprogramms wurde thematisiert: die Bestrafung der Rechtsschänder, die dann auf der
3. Kreisauer Tagung unter maßgeblicher Beteiligung Husens formuliert wurde.1673 „The
punishment of political criminals once the third realm has come to an end will this time
be very popular with the German people.“1674
Vor diesem Hintergrund bat Moltke um einen Kontaktmann für den Widerstand in
Stockholm. Diese eindrückliche Schilderung kann aus den dargelegten Gründen als Ergebnis der bis dahin stattgefundenen Diskussionen gelten und ist ein Zeugnis der Vergemeinschaftung.
4.3.3.2 Emigrationsfrage
Auch wenn oben gesagt wurde, dass das widerständige Leben der 20 Kreisauer in diesem Rahmen nicht behandelt werden kann, mögen zwei Aspekte doch näher beleuchtet
werden: die Emigrationsfrage und die Haltung zum Tyrannenmord.
Welcher Grad der Überschneidung von Widerstand und notwendiger Anpassung, welche Last der „gespaltenen Existenz“ musste ertragen werden, denn „vielfach wurde ein
Verbleib in den Diensten des NS-Staates als gerechtfertigt betrachtet“, stellt Klemperer
mit Recht fest, „weil nur von dort aus eine Verhinderung der schlimmsten Exzesse des
Regimes möglich zu sein schien; in zahlreichen Fällen diente der Verbleib im Amt mit-
1671
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 288.
Diese Beurteilung steht im Gegensatz zur Untersuchung von Malinowski (Vom König zum Führer
2003). Malinowski weist ideologische Haltungen des Adels nach, die gerade zu einem Arrangement mit
dem Nationalsozialismus führten, u. a. Ressentiment gegen das Bürgertum, das Konzept der Wiedererfindung des Adels als Träger eines zeitgemäßen „Führertums“, die Überzeugung von der eigenen Höherwertigkeit (S. 595), die anti-bürgerliche Ausrichtung, ein antidemokratischer Grundkonsens im Adel (S. 600).
1673
Bestrafung der Rechtsschänder; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 286.
1674
Moltke: Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
1672
290
Vergemeinschaftende Quellen
hin als notwendige Tarnung.“1675 In der Tat waren viele Widerständler gezwungen, von
Positionen innerhalb des alten Establishments aus zu handeln.
Doch zunächst war die Frage der Emigration zu beantworten, und diese fiel bei den
Kreisauern, denen sie sich stellte, bemerkenswert eindeutig aus, sodass hier geradezu
von einem konstitutiven Element der Vergemeinschaftung gesprochen werden kann.
Die Behandlung der existenziellen Frage, ob man angesichts des sich abzeichnenden
totalitären Regimes, dem mit den von Moltkes Großvater gedachten Mitteln wie „airplanes and bombs and machine gun, organised mental and physical resistance“1676 nicht
beizukommen war, emigrieren solle, ist dank der guten Quellenlage bei Moltke und
Trott besonders gut nachvollziehbar. Da hier wohl von Parallelen zu den anderen Kreisauern, bei denen sich die Emigrationsfrage auch stellte, ausgegangen werden kann, soll
der Weg Moltkes und Trotts in dieser Frage etwas ausführlicher dargestellt werden.
Nach bestandenem juristischem Assessor-Examen besuchte Moltke 1934 seine Großeltern in Südafrika. Auf der Rückreise drückte Moltke in einem Brief an die Journalistin
Karin Michaelis seine Ratlosigkeit über seine einzunehmende Haltung gegenüber dem
Nationalsozialismus aus. Fest stand für ihn allerdings, dass er diesem Staat wegen der
Zerstörung des Rechts1677 als Rechtsanwalt nicht dienen könne, so bliebe als Alternative
ein Gutsbesitzerleben auf Kreisau mit der Gefahr, zu „versumpfen“ oder im „Irrenhaus“
zu enden.
Mit irgendwelchen öffentlichen Angelegenheiten innerhalb Deutschlands kann ich mich
nicht befassen, weil ich mit der Regierung nicht übereinstimme, und für eine Opposition
der falschen Klasse angehöre, und das bequeme Mittelding der intellektuellen Opposition
gibt es nicht mehr. Ich weiß also wirklich nicht, was ich tun soll.1678
Moltke beabsichtigte dann 1935, in den folgenden drei Jahren, von Curtis unterstützt, in
England eine Barrister-Ausbildung zu absolvieren, da diese ihm die Möglichkeit eröffnete, seinen Lebensunterhalt auch außerhalb Deutschlands zu verdienen.1679 1937 war er
mit Freya ein zweites Mal in Südafrika und wie schon bei der ersten Reise 1934 verwarfen sie eine Auswanderung in das Land der Großeltern.1680 Mit der Kriegsgefahr rückte
dann Moltke von seiner Absicht, nach England zu gehen, jedoch langsam ab. Mögli-
1675
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 12.
Moltke, Dorothy: Brief an ihre Eltern, 25.06.1934; in: Moltke, Völkerrecht 1986, S. 86.
1677
Moltke, Helmuth an seinen Großvater, 12.09.1938, DLA, Nachlass A:Moltke
1678
Moltke, Helmuth an Karin Michaelis, 22.09.1934; in: Moltke, Völkerrecht 1986, S. 86.
1679
MBF S. 69.
1680
MBF S. 79.
1676
291
Vergemeinschaftende Quellen
cherweise auf der Heimreise über London traf er wieder seine Journalistin-Bekannte
Thompson, die von Moltke schreibt:
When I first met him in London in 1937 or 1938, I begged him not to return to Germany,
greatly fearing that he would not survive the Nazi regime. He replied that in the event of
war he would feel compelled, if he accepted the hospitality of England, to offer his services
to the British government, and that he did not feel that he could fight against his own people. He argued further that eventually the Nazi regime would go, and there would be a new
democratic order in Germany, and the only people that would deserve to have anything to
say about the post-Hitler regime would be those who took the risk of fighting Hitler inside
Germany.1681
Als Moltke von seinem Anwaltspartner Lewinski den Rat erhielt: „Gehen Sie fort aus
diesem komischen Land, es wird Ihnen hier nie gut gehen“1682, traf dies genau seine
Sorge um die Zukunft und er schrieb dann Freya am 02. August 1938 unschlüssig: „Ich
habe das Gefühl, daß ich lieber in einem freien Land hungere als daß ich hier dazu beitrage, den respektablen Schein zu wahren.“1683 Diese Haltung brachte er auch einige
Wochen später gegenüber seinem Großvater in dem schon erwähnten Brief vom
12. September 1938 zum Ausdruck, in dem er die Zerstörung des Rechts und damit den
Entzug der Lebensgrundlage eines Rechtsanwaltes in einem Klima von KZ-Methoden
der Gestapo beklagte. Nachdem er mit abgelegtem Barrister-Examen Ende 1938 nach
Deutschland zurückgekehrt war, schien er unter dem Eindruck der sich verschärfenden
Situation langsam von seinem Plan „that he and his wife might not return to Germany,
but might establish themselves abroad for the duration of the war“1684 abzurücken. Anfang 1939 kam in einem Brief Moltkes an Curtis, in dem er wiederum seine Berufschancen in Deutschland als Gutsbesitzer und in England als Barrister abwägte, seine bei
ihm stärker in den Vordergrund rückende Überlegung, doch in Deutschland zu bleiben,
zum Ausdruck: Es sei seine „Pflicht und Schuldigkeit“, schrieb Moltke, wie schon erwähnt, am 15. Februar 1939 an Lionel Curtis, den Versuch zu unternehmen, auf der
richtigen Seite zu sein, was immer es für Unannehmlichkeiten, Schwierigkeiten und
Opfer mit sich bringen mag:
it is my bounden duty to try to be on the right side whatever difficulties, unplesantnesses
and sacrifices this might entail. I cannot simply say, that as the chances of an immediate or
near change in Germany have vanished, I can retire.1685
Man könnte mit Mommsen sagen, dass diese Überlegungen den Ursprung des Kreisauer
Programms bildeten, gerade weil Moltke dem Entschluss zuneigte, nicht nach England
1681
Thompson, Dorothy: Brief an Mother Mary Alice Gallin OSU, Washington, 23.12.1953. IfZ, ZS/A18, Bd. 8.
1682
MBF S. 80.
1683
MBF S. 80.
1684
Astor, David: Brief an Roon, 05.03.1963. ZS/A-18, Bd. 1, S. 2.
1685
Moltke: Brief an Curtis, 15.02.1939. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99, S. 2.
292
Vergemeinschaftende Quellen
zu gehen. Die ersten Neuordnungspläne, die sich vor allem in der im Sommer 1939 abgefassten Denkschrift „Die kleinen Gemeinschaften“ niederschlugen, gehören in diese
Phase.1686 Aber der Entschluss für das Verbleiben in Deutschland war noch nicht klar
gefasst, denn Ende April 1939, nach dem Einmarsch in die ČSR, schrieb er an seine
„Granny“: „All business is slackening besides the matters which are intimately connected with the preparations for war. So I am amply justified that it is not worthwhile carrying on in Berlin.”1687 Zur Mitte des Jahres 1939 hielt er, wie aus einem Brief an seinen
Großvater hervorgeht, immer noch an Plänen fest, parallel in Deutschland und England
zu arbeiten.1688 Diese werden dann mit Ausbruch des Krieges endgültig begraben.
Deutschland endgültig zu verlassen kam ihm aber nicht in den Sinn, sein Verantwortungsgefühl gegenüber seiner gesamten Familie und Kreisau war hierfür zu groß. Er
wurde dann bei Kriegsbeginn als Kriegsverwaltungsrat im Amt Ausland/Abwehr des
OKW als Sachverständiger des Völkerrechts dienstverpflichtet.
1943 bemerkte Curtis gegenüber einem Fellow des All Souls College in Oxford: „When
I saw Helmuth on the eve of war he told me that he would put his whole family on a
ship and take them to South Africa if he had only himself to think of. But he would
rather not leave in the lurch those with whom he was working in Germany to oppose the
Nazi Regime.”1689
Während seines ganzen Widerstandes spielte die Emigrationsfrage für Moltke keine
Rolle mehr; das galt auch für eine innere Emigration, die sich während seiner Schutzhaft 1944 in Ravensbrück angeboten hätte. So kann Brakelmann zugestimmt werden,
wenn er von dieser Zeit sagt:
Die Beschäftigung und Lektüren waren […] keine inneren oder erbaulichen Fluchten vor
der Wirklichkeit, sondern eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen – und darüber
hinaus mit der politischen Lage. So wie Moltke vor der Haft nicht die Emigration nach
England gewählt hatte, so ging er in der Haft nicht in die innere Emigration. Er blieb der
mutige und nachdenkliche Widerstandskämpfer.1690
Auch bei Trott ist die Emigrationsfrage quellenmäßig gut belegt. „Trott, der viele Gelegenheiten hatte, ins Ausland zu gehen, oder sogar leicht hätte im Ausland bleiben
1686
Mommsen, Die künftige Neuordnung Deutschlands und Europas 1993, S. 5.
Moltke, Helmuth an seine Großmutter, 23.04.1939. DLA, Nachlass A:Moltke
1688
Moltke, Helmuth an seine Großvater, 25.06.1939. DLA, Nachlass A:Moltke: „My authorities have
given me a sufficiently wide permit to allow me to keep a good proportion of the money made in London
here and therefore I hope to be able to make a living here, which will enable me to divide my time between London and Kreisau.”
1689
Siehe Brief von Lionel Curtis an Beckett, All Souls College, Oxford, 26.06.1943. BOL, Lionel Curtis
Papers, Box 99, S. 4.
1690
Moltke, Land der Gottlosen 2009, S. 12.
1687
293
Vergemeinschaftende Quellen
können, der unter den deutschen Regimegegnern den ‚Weltbürger’ verkörperte und im
Ausland eine glänzende Karriere hätte machen können“, so Steinbach, „schlug geradezu
diese Möglichkeit aus.“1691
Schon mit der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 sah Trott klar die persönliche
Gefährdung vieler Freunde und Bekannter und die Erschwerung seiner eigenen Berufslaufbahn, wie ein englischer Freund berichtete.1692 Aber Trott schrieb an seine Studienfreundin Shiela Grant Duff schon in den ersten Tagen des NS-Herrschaft: „It is humilating to be an emigrant – and this I think I least want to be.”1693 Er suchte nämlich nach
dem Abschluss der ersten zwei Jahre des Rhodesstipendiums, ein Anschlussstipendium
zu erreichen. Die Erfolgsaussichten dafür waren damals gering, und er wollte nicht mit
dem Mitleidsargument eines Emigranten seine Chancen verbessern. Als er dann trotz im
Vergleich zu England verminderter Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten nach Deutschland zurückkehrte, war er sich des großen Wagnisses bewusst. Er schrieb seiner
Freundin Diana Hubback aus Oxford im August 1933: „I am viewing this return as perhaps the greatest venture in my whole life and though I know it will be half as externally dramatic as people suggest – I am extremely diffident as to the ultimate success.“1694 Der Grund für seine Entscheidung gegen ein Emigrantenleben lag auch an der
Bindung an seine Heimat, die er schon im Februar gegenüber Diana zum Ausdruck
brachte: „One must not allow oneself to be wasted on small things. I shan’t. Germany is
a beautiful country and perhaps even my generation will be rewarded for a time of great
effort and pain preceding the attainment of a right political order.”1695 Später erhielt
Trott doch noch das ersehnte Studienjahr in China von der Rhodesstiftung genehmigt.
Kurz vor der Heimreise stellte sich für Trott im Oktober 1938 erneut die Emigrationsfrage; diese wägte er in einem Brief an Shiela Grant-Duff ab:
I am strongly tempted to go via America (this entirely between you and myself) to look for
a place to work if our continent is really going to be what we both feel threatening now a
conflict has been spared. It is a damn hard choice, but I’d rather be a beggar than a slave
and I am not too old to start all over again and I have good friends in America.
Aber noch im gleichen Brief entschloss er sich zur Heimkehr nach Deutschland und
begründete dies so:
The East as a permanent place to live is out of question – the European problem is the only
one that really concerns one. But one feels overwhelmingly at times that it can no longer be
1691
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung I 1994, S. 13.
Trott, Hegel 1967. S. IX.
1693
Trott: Brief an Shiela Grant Duff, 22.07.1933, in: Klemperer, A noble combat 1988, S. 18.
1694
Trott: Brief an Diana Hubback, Februar 1933; Adam von Trotts Papers, BC Oxford, T 36.
1695
Trott: Brief an Diana Hubback, 04.08.1933; Adam von Trotts Papers, BC Oxford, T 80.
1692
294
Vergemeinschaftende Quellen
solved in Europe – unless there has been in the last years a change for the better in my
country that I cannot perceive from here. This is another reason why I must get back and
make a last try.1696
Als er im Oktober 1938 dann die Heimreise nach Deutschland antrat, sagte Trott zu den
Versuchen ausländischer Freunde, ihn festzuhalten, nach Aufzeichnungen von David
Astor, deutsche Emigranten gäbe es schon genug, die unter Umständen von außen nützen könnten. Es fehlten aber Deutsche, die willens seien, in Deutschland zu bleiben und
eine Gegenfront gegen die anderen aufzubauen, sobald es die Umstände erlaubten.
Wenn Deutschland einmal wieder in die Gemeinschaft der anderen Völker zurückgeführt werde, so einzig durch Deutsche, die im Lande geblieben seien und dort alle Demütigungen und zuletzt die Niederlage mit erduldet hätten, die Hitler über dies Land
bringe. Auf den Einwand, dass er der Staatspolizei zum Opfer fallen könne, entgegnete
er, er könne solchen Risiken nicht ausweichen.1697
Den eigentlichen Grund für die Verwerfung der Emigration, trotz der Warnung seiner
Freunde aus England, vertraute Trott 1939, am Ende seiner erfolglosen USA-Reise im
Auftrag des Auswärtigen Amtes, seinem Freund aus dem Balliol College, David Astor,
an:
Though I shall listen carefully to the advice you may still send me […], not to return, I have
definitely made up my mind that apart from definite indications of presumable liquidation
my place during this coming time is at home. […] the urgent need for every single individual with any scope and insight seems to me overwhelmingly on the side of inside work.
[…]. I have some confidence that I can get listened to in quarters where such a picture is
urgently required but not attainable under present conditions. […] We are […] fighting for
the formation of a constitution […] for the life of Europe as a whole, if our individual countries and what we consider worth preserving in them is to survive. […]. It is ultimately always the same thing – the longing in all essential classes for a „Christian” and progressive
European order, conceivable to me still in terms of a „conservative socialism”.1698
Im Mai 1944, kurz vor dem Attentat, stellte sich noch einmal die Emigrationsfrage auf
einer Dienstreise zu seinem Freund Albrecht von Kessel nach Venedig.1699 Er hätte sich
leicht in das eben fallende Rom auf die andere Seite begeben können. Doch er strebte
zurück nach Berlin, zu Stauffenberg, dem er ein kraftvoller und leidenschaftlicher Helfer geworden war und wo er die Freunde in arger Bedrängnis wusste.1700 Trott hatte
schon im April auf seiner letzten konspirativen Reise in die Schweiz, wo er über Gaevernitz Allen Dulles vom OSS signalisieren wollte, dass die deutsche sozialistische
Arbeiterbewegung mit den fortschrittlichen Kräften im Westen zusammenarbeiten wol-
1696
Trott: Brief an Shiela Grant-Duff, Tsingtao, 01.10.1938; in: Klemperer, A noble combat 1988, S. 327.
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 507, Fn. 31.
1698
Trott: Brief an seinen Freund David Astor, BA NL Trott, N 1416-2.
1699
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 293; Wuermeling, Doppelspiel 2004, S. 180 ff.
1700
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 151.
1697
295
Vergemeinschaftende Quellen
le1701, eine Emigrationsaufforderung seiner Freundin aus Oxforder Zeiten, Elisabeth
Wiskemann, abgelehnt.1702 Auch nach dem fehlgeschlagenen Attentatsversuch am
20. Juli, als er jeden Tag seine Verhaftung erwartete, lehnte Trott mit dem Hinweis auf
seine Familie eine Flucht in die Schweiz, zu der ihm Furtwängler über seinem Heimatort Stühlingen nahe an der Schweizer Grenze verhelfen wollte, ab.1703 Die endgültige
Antwort gab Trott in seinem Abschiedsbrief an seine Frau Clarita vom 15. August
1944:
Es war alles ein aus der Besinnung und Kraft unserer Heimat, deren tiefe Liebe ich meinem
Vater verdanke, aufsteigender Versuch, ihr in allen modernen Wandlungen und Erschwerungen unwandelbar bleibendes Recht und ihren tiefen, unentbehrlichen Beitrag gegen den
Übergriff fremder Mächte und Gesinnungen zu erhalten und zu vertreten. Darum bin ich
aus der Fremde mit all ihren Verlockungen und Möglichkeiten immer mit Unruhe und begierig dorthin zurückgeeilt, wo ich mich zu dienen berufen fühlte.1704
Die Emigration war für Trott auch dann keine Lösung, als sein mehrmaliger freier Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren, bei seinen englischen Freunden, die seine
Gesinnung kannten, großes Misstrauen auslöste. Dieses Misstrauen wurde durch seinen
Eintritt in Ribbentrops Auswärtiges Amt noch erhöht. Trott aber wusste, dass nur „von
innen“ eine Gegenfront aufzubauen war, ein Weg, die „innere Unabhängigkeit sich zu
bewahren“ und mit „Entschiedenheit am Widerstand“1705 teilzuhaben.
Auch die „militanten“ Sozialisten, Leber, Haubach und Mierendorff hatten eine eindeutige Haltung zur Emigration. Sie lehnten sie ab, nicht nur weil sie „zumindest noch
teilweise Handlungsmöglichkeiten für Sozialdemokraten sahen, sondern insbesondere
aus dem Gefühl der Verantwortung des politischen Führers gegenüber der Arbeiterschaft“1706. In der Tat lehnte Leber mehrfach die Emigration ab. Er wurde im Februar
1933 bei seinem Urlaub am Kochelsee vor der Verhaftung gewarnt. Er lehnte ab, er
hatte Angst, dass einen Emigranten auch nach einer möglichen Rückkehr das „Odium“
des „Draußen“ belasten würde, und „wollte vor den 30.000 ‚Lübecker Menschen’, die
ihm ‚über alle Schwierigkeit, alle Not und alle Hetze hinweg ihr Vertrauen’ schenkten,
1701
Dulles, Germany’s Underground 1947, S. 137 f : „Socialist leaders in Germany emphasize the importance of filling this vacuum […] the democratic countries offer nothing concerning the future of Central
Europe [hier wird mit den Anstrengungen Moskaus über das Nationalkomitee Freies Deutschland verglichen; A. d. V.], as quickly as possible if the ever increasing Communist influence is to be counteracted.”
1702
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 293. Elisabeth Wiskemann war eine in Oxford ausgebildete Historikerin und Journalistin, die als Mitarbeiterin der britischen Gesandtschaft in Bern arbeitete.
1703
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 228.
1704
Trott, Clarita, Lebensbeschreibung II 2009. S. 321.
1705
Rothfels, Die deutsche Opposition 1958, S. 34.
1706
Beck, Zum Selbstverständnis der „militanten Sozialisten“ 1986, S. 120.
296
Vergemeinschaftende Quellen
nicht als Feigling dastehen“1707. Emigranten bezeichnete er später aus der Gefängniszelle heraus verächtlich als Landflüchtige.1708 Schon am 27. Juli 1933 notierte er im Untersuchungsgefängnis in Lübeck: „Was haben diejenigen jetzt davon, die ausgewandert
sind? Sie können abends mal zusammensitzen und über alte Zeiten weinen. Das ist alles. Daß ich darauf keinen Wert lege, brauche ich Dir nicht zu versichern“1709, und am
01. August 1933 schrieb er:
[…] vielleicht irrte ich auch, um einer Verhaftung zu entgehen, irgendwo in Berlin oder
sonst wo in Deutschland umher. Und was wäre das für ein Leben! Denn so schnell gibt es
ja keine Änderung, und ob ich nachträglich noch den genügenden Willen gefunden hätte,
mich freiwillig zu stellen unter verlagerten Umständen, ist doch sehr fraglich. Und vielleicht sogar wäre ich zu meiner Mutter gefahren? Und was wäre da? Eine neue Existenz
unter ganz neuen Bedingungen? So weit bin ich noch nicht, das wäre auch Fahnenflucht
gewesen vor meiner Gesinnung und meiner vielen Freunde wegen.1710
Auch die Haltung von Haubach und Mierendorff war eindeutig. Ende März hielten sie
sich bei ihrem Freund aus Heidelberger und Berliner Tagen, Joseph Halperin1711, Korrespondent der NZZ, auf. Sie kehrten trotz Warnung mit dem von Zuckmayer Mierendorff zugeschriebenem Ausruf nach Deutschland zurück: „Was sollen denn unsere
Arbeiter denken, wenn wir sie allein lassen? Sie können doch nicht alle an die Riviera
ziehn!“1712
Haubach schrieb seinem Dichterfreund Gerhardt Pohl in das Gästebuch des Ferienhäuschens in Wolfshau im Riesengebirge 1942 launige Verse, die mit dem Satz begannen:
„Selig wer nie am eigenen Leib erkannte Emigrant zu sein im eigenen Vaterlande
…“1713 Damit meinte Haubach mit Sicherheit nicht eine innere Emigration, sondern die
Tatsache, dass man aus der totalitären Situation des Vaterlandes „ausziehen“ müsse.
Am 20. Juli 1944 war Haubach zufällig in Oberstdorf, wo ein Freund ein Haus besaß.
Er ergriff nicht die Flucht, sondern das „Pflichtbewusstsein trieb ihn nach Berlin zurück“1714. Dort wurde er verhaftet.
1707
Beck, Leber Sozialdemokrat 1983, S. 132 f.
Leber, Todesursachen 1976, S. 241.
1709
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 268.
1710
Leber, Schriften, Reden, Briefe 1976, S. 269 f.
1711
Der Schweizer Sozialist traf sich zum ersten Mal mit Haubach, Mierendorff und Moltke im Sommer
1927 in der Wiesmühl, nahe Henndorf, bei Dr. Eugenie Schwarzwald.
1712
Zuckmayer, Mierendorff 1944, S. 59. Halperin schildert dies selbst so: „Wir sahen Carlo nur noch
einmal wieder [nachdem die Halperins zurück in die Schweiz gezogen waren; A. d. V.]. Nach dem
Machtantritt Hitlers besuchte er uns in Zürich und wohnte einige Wochen bei uns. Mein Vater riet ihm, ja
flehte ihn an, in der Schweiz zu bleiben. Aber dann kam eines Tages Carlos alter Kampfgefährte Theo
Haubach, und in Theos kleinem Ford fuhren die beiden nach Deutschland zurück. Wenig später wurde
Carlo in Darmstadt verhaftet, von der SA im Triumphzug durch die Strassen geschleppt, und dann ab –
ins KZ“; in: Halperin, Ernst: Carlo Mierendorff. AdsD, Signatur 270, S. 10.
1713
Pohl, Freund Theo 1955, S. 25.
1714
Pohl, Freund Theo 1955, S. 26.
1708
297
Vergemeinschaftende Quellen
Einsiedel fragte im Jahre 1938 aus der Türkei seinen alten Lehrer Rosenstock-Huessy
aus Breslauer Zeit, ob er ihn „heiße, auszuwandern“1715. Dazu schrieb Rosenstock 1953:
„Eine Ordre konnte ich mich nicht entschließen zu geben, und ohne Befehl wollte er
nicht [nach Amerika; A. d. V.] kommen.“1716
Als Reichwein im April 1933 nach Maßgabe des kurz vorher verabschiedeten „Berufsbeamtengesetzes“ bis zur endgültigen Entscheidung mit sofortiger Wirkung beurlaubt
wurde, was einem Berufsverbot gleichkam, stellte sich dem 34-jährigen Akademieprofessor und seiner jungen Frau die existenzielle Frage der Emigration.1717 Über die in der
Schweiz agierende „Beratungsstelle für deutsche Wissenschaftler“ interessierte sich
Reichwein für einen Lehrstuhl an der Universität Istanbul. Nach Hohmann soll Reichwein am 24. Juli 1933 die türkische Gesandtschaft aufgesucht, aber keine Antwort erhalten haben. Nachdem Reichwein erfahren habe, dass „die Istanbuler Universität
hauptsächlich aus französischen Mitteln finanziert werde, soll Reichwein mit dem Entschluss reagiert haben, die Professur abzulehnen“1718. Parallel zu seiner Auswanderungsalternative hatte Reichwein im Juni beim preußischen Kultusministerium eine
Versetzung auf eine Landlehrerstelle beantragt. Diesen Antrag ergänzte Reichwein auf
Anraten aus dem Umfeld seines Schwiegervaters Ludwig Pallant, der als Leiter des
Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht enge Beziehungen zum preußischen Kultusministerium unterhielt1719, durch eine „Selbstdarstellung“1720, die „mit den Augen
eines Nazis lesbar“1721 und dennoch wahrheitsgemäß verfasst sein sollte. Ende September 1933 wurde Reichwein die einklassige Landschule in Tiefensee zum 01. Oktober
des Jahres zur Bewährung übertragen.1722 Über die für ihn glückliche Wendung berichtete Reichwein am 01. Oktober seinem Freund Hans Bohnenkamp:
Ich habe die Entscheidung ganz anders getroffen, und bleibe in Deutschland. Glücklicherweise haben die Verhandlungen sich so lange hingezogen, daß die Stimmung fürs Hierbleiben sich immer mehr festigen konnte. Entschieden habe ich mich vor einer Woche und –
als ob es klappen sollte, vor drei Tagen teilte mir die Regierung in Potsdam mit, daß ich ab
1. Oktober auftragsweise (im Auftrag des Ministers) Lehrer in Tiefensee bin.1723
1715
Rosenstock-Huessy: Brief an Hammer, 23.12.1953. IfZ, ED 106-96. Zwischen Rosenstock-Huessy
und seinem Schüler Einsiedel bestand ein enges Verhältnis.
1716
Rosenstock-Huessy: Brief an Hammer, 23.12.1953. IfZ, ED 106-96, S. 1.
1717
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 288 f.
1718
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 94.
1719
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 91.
1720
Reichwein, Adolf: Bemerkungen zu einer Selbstdarstellung, 10.06.1933; in LBDII S. 253-262.
1721
Zierold, Kurt: „Erinnerungen an Adolf Reichwein“, Anlage des Briefes vom 31.12.1958.
BBF/DIPF/Archiv, Reich 385, S. 2.
1722
Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 288 f.
1723
Reichwein: Brief an Hannes Bohnkamp, 01.10.1933; in: LBDII S. 122 (partielle Kursivschrift wurde
übernommen; A. d. V.).
298
Vergemeinschaftende Quellen
In der Reichweinforschung wird dessen Entschluss, in Deutschland zu bleiben, als eine
Entscheidung gegen die Emigration gedeutet, da er „sich nicht vom Schicksal seines
Volkes trennen“1724 wollte. Voraussetzung für eine solche Entscheidung ist allerdings,
dass die Emigrationsmöglichkeit real war. Dies scheint jedoch nicht der Fall gewesen zu
sein, denn der Lehrstuhl „Géographie humaine et écnomique“, der Reichwein von der
Beratungsstelle zugedacht war, wurde auf Betreiben von Röpke dessen Freund Rüstow
zugesprochen.1725 Die Frage ist nun, ob Reichwein definitiv wusste, dass dieser Lehrstuhl für ihn nicht mehr zu Verfügung stand. Noch aus einem anderen Grund ist die von
der Reichweinforschung stilisierte Ablehnung der Emigration mit Hohmann1726 anzuzweifeln. Reichwein galt zu der Zeit nicht als Verfolgter des Naziregimes, er war beurlaubt worden, weil er SPD-Mitglied war. Am 18. Oktober 1933 schrieb er an eine
ehemalige Studentin: „Mit der Grundidee der Nationalsozialistischen Bewegung befand
und befinde ich mich […] nicht in Konflikt.“1727 Vor diesem Hintergrund kann man in
diesem Fall bei Reichwein kaum von einer Ablehnung der Emigration aus Sorge um
Deutschland sprechen. Es waren beruflich-existenzielle Gründe, die Reichwein veranlassten, die Emigration in Betracht zu ziehen. Diese Emigrationspläne ließen sich eben
nicht verwirklichen und er nahm die angebotene Stelle in Tiefensee an. Dies war für ein
frisch verheiratetes Ehepaar eine ganz verständliche Haltung.
Haeften stellte sich die Emigrationsfrage nicht unmittelbar. Seine Frau berichtete allerdings, dass ihr Mann zunehmend darunter litt, dem Nazireich als Beamter zu dienen.
Oft hätte er mit ihr darüber gesprochen und bedauert, nicht wie z. B. ein Sohn des
Reichsgerichtspräsidenten Simons, eines Freundes seines Vaters, gleich 1933 als Sozialdemokrat ausgewandert zu sein „Andererseits sah er doch seinen Platz in Deutschland – wenn auch möglichst nicht im KZ.“1728
1724
So heißt es bei Amlung, Adolf Reichwein 1999, S. 295: „Reichwein wollte sich nicht vom Schicksal
seines Volkes trennen, er wollte die Nazi-Zeit miterleben und dann präsent sein und an der politischen
Neuordnung beteiligt sein, wenn das barbarische System in hoffentlich nicht allzu ferner Zeit abgewirtschaftet haben würde, wie viele politisch Andersdenkende damals noch glaubten.“ Amlung hat wohl die
Feststellung von Huber übernommen; siehe Huber/Krebs, Reichwein 1981, S. 309: „Die schleppende
Behandlung seines Falles gab ihm Zeit. So verzichtete er auf eine Professur in Ankara und nahm die Stelle eines Landschullehrers in Tiefensee bei Berlin an. Er wollte sich nicht vom Schicksal seines Volkes
trennen …“; bei Klafki, Reichwein 2000, S. 41 heißt es: „Reichwein entschließt sich nach reiflicher Überlegung, die Übernahme einer von der türkischen Regierung ausgeschriebenen Professur […] dankend
abzulehnen und in Deutschland“ zu bleiben. Ob es dabei um ein verlässliches Angebot handelte, lässt
Klafki allerdings infolge der unvollständigen Quellen offen.
1725
LBDIa S. 85.
1726
Hohmann, Dienstbares Begleiten 2007, S. 95 ff.
1727
LBDII S. 376.
1728
Haeften, Barbara „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 40.
299
Vergemeinschaftende Quellen
Gerstenmaier, der, nachdem ihm die venia legendi verweigert worden war, nach einer
neuen Berufsausrichtung suchte, stellte sich die Emigrationsfrage mehrfach. Bereits
1937 hatte Schoenfeld Gerstenmaier einen Arbeitsplatz in der Forschungsabteilung des
Ökumenischen Rates in Aussicht gestellt.1729 Die Emigration und damit eine ausfüllende Tätigkeit im Ausland wäre Gerstenmaier bei den vielen Kontakten bestimmt verhältnismäßig leicht gefallen, kam aber für ihn damals nicht infrage. Zum einen fühlte er sich
als Ältester von acht Geschwister für diese verantwortlich, zumal als 1938 seine Mutter
mit nur 61 Jahren gestorben war, und zum anderen standen die Verbundenheit mit seiner Heimat und die Einsicht, dass der „Kampf im Innern entsagungsreicher, schwieriger, aber noch notwendiger sei als der von außen“1730, einer Emigration im Wege. Seine
grundsätzliche Haltung zur Emigration wird auch an einer Begebenheit aus dem Jahr
1939 am Rande einer Studienkonferenz des Ökumenischen Rates in London klar. Gerstenmaier begegnete damals einem halbjüdischen Emigranten aus Schlesien. Dessen im
„Leid gehärteter Gleichmut“ und Einsamkeit reichten Gerstenmaier nach seinen eigenen
Worten aus, ihn „ein für allemal von dem Gedanken an Emigration abzubringen“1731.
Die Emigrationsfrage stellte sich für ihn aber später trotz seiner grundsätzlichen Ablehnung. 1943 konnte Gerstenmaier unter dem Deckmantel des OKW für den Kreisauer
Kreis neben Trott, Moltke und Steltzer öfter nach Schweden reisen, um Konzepte für
ein postnationalsozialistisches Deutschland zu entwickeln. „Die gute Aufnahme in
Schweden“, so Gniss, „der wachsende Unmut über die nationalsozialistische Gewaltherrschaft und sicherlich auch die Furcht vor Repressionen ließen Gerstenmaier […]
eine Übersiedlung in Erwägung ziehen.“1732 Es handelte sich um eine vakante Pfarrstelle der deutschen protestantischen Gemeinde in Stockholm, auf die sich Gerstenmaier
bewarb.1733 Die Unterstützung von Canaris war vorhanden und die Ankunft der Familie
Gerstenmaier für den 19. November 1943 geplant.1734 Aber dann stellte der SD die Bedingung, dass Gerstenmaier für sie als Informant in Schweden tätig werden sollte. Als
Gerstenmaier dies verweigerte, wurden dem Ehepaar die Pässe entzogen und so die
Übersiedlungspläne zunichtegemacht.1735
1729
1730
Schreiben Eugen Gerstenmaiers an Wilhelm Bachmann, 02.10.1937. ACDP, I-210-004/I.
Schreiben Eugen Gerstenmaiers an Fabian von Schlabrendorff, 05.07.1963. ACDP, I-210-004/I, S. 7.
1731
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 91.
Gniss, Gerstenmaier 2005, S. 119
1733
Gerstenmaier, Brigitte und Eugen, Zwei können widerstehen 1992, S. 55.
1734
Schreiben des Sekretariats von Eugen Gerstenmaier an Amanuens Henrik Lindgren, 04.06.1969.
ACDP, I-210-038/I.
1735
Gerstenmaier, Brigitte und Eugen, Zwei können widerstehen 1992, S. 55 f.
1732
300
Vergemeinschaftende Quellen
Zur Emigrationsfrage nahm Steltzer in den bereits erwähnten „grundlegenden Gesichtspunkten“, die für ihn während des Krieges leitend waren, wie folgt Stellung: „Der
politische Kampf gegen eine verbrecherische eigene Regierung gestattet dem Einzelnen
nicht, sich außerhalb seiner nationalen Mitverantwortung oder gar gegen die nationale
Gemeinschaft zu stellen.“1736 Dieser Leitlinie folgte Steltzer auch; Emigration kam für
ihn letzten Endes nicht in Betracht, obwohl er solche Gedanken abwägte1737 und für die
Emigration grundsätzlich Verständnis hatte. So sagte er 1946:
Ich respektiere auch andere Haltungen zumal ich lange geschwankt habe, ob ich durch
Emigration den Versuch machen sollte, dem an sich unlösbaren Konflikt (was ist das kleinere Unrecht) auszuweichen. Aber ich habe mich bewusst entschieden, den Leidensweg
unseres Volkes mit zu Ende zu gehen, wie ihn zwangsläufig und im guten Glauben auch
unsere Jugend gehen musste, die wir Älteren nicht vor diesem Schicksal bewahren konnten.1738
Auch wenn nicht bei jedem der Kreisauer Emigrationsüberlegungen, die aus Sorge um
Deutschland abgelehnt wurden, quellenmäßig nachgewiesen werden können, so ist doch
festzustellen, dass kein Kreisauer emigrierte. Das gilt auch für Reichwein, der zu einem
Zeitpunkt, als er stärker im Visier der Gestapo war, diese Überlegungen ja noch hätte
anstellen können.1739 Dass keiner von ihnen emigrierte, war ohne Zweifel ein Movens,
das die Kreisauer vergemeinschaftete.
4.3.3.3 Stellung der Kreisauer zum Attentat
Nach dem Tod Mierendorffs im Dezember 1943 und der Verhaftung Moltkes im Januar
1944 hatte der aktiv gebliebene Teil der Kreisauer unter Peter Graf Yorck von Wartenburg, Adam von Trott zu Solz und Julius Leber einen engen Schulterschluss mit Claus
Schenk von Stauffenberg vollzogen. Mitglieder verschiedenster Widerstandskreise wa-
1736
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 10 f.
„Mir waren eindeutig völkerrechtswidrige und unmenschliche Maßnahmen bekannt geworden, die
sich gegen Kriegsgefangene sowie gegen die Frauen und Kinder sogenannter Geiseln richteten. Auch
bestand die Absicht, die Wehrmacht in diese Verbrechen hineinzuziehen. Damals habe ich ernstlich erwogen, in das neutrale Ausland zu gehen. […] Mir scheint aber, der Entschluß des Fortgehens keine Lösung zu sein. Denn auch die äußere Scheidung würde nicht von der inneren Mitverantwortung für diese
Dinge entbinden“; in: Steltzer, Theodor: Die Arbeit des Kreisauer Kreises. Vortrag in der AdolfReichwein-Hochschule in Celle am 09.11.1949. IfZ, MS 629, S. 6.
1738
Steltzer, Reden, Ansprachen, Gedanken 1986, S. 89.
1739
Siegel äußerte sich nach dem Krieg zur Emigrationsfrage bei Reichwein: „Äußere Emigration kam für
ihn nicht in Frage, so wenig er diejenigen verurteilte, die aus Zwang oder innerem Trieb diesen Weg
gingen. Ihm kam es darauf an, bei den Menschen seines Landes und Volkes auszuharren, sie nicht im
Stich zu lassen. Auch die sogenannte innere Emigration, der Rückzug auf ein politisch neutrales Gebiet,
schien ihm untunlich. Er konnte nicht die Verantwortung für sein Volk einfach abwerfen und in eine
‚saubere Privatexistenz’ fliehen“; Siegel, Harro: Brief an Roon, 31.07.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7, S. 4.
1737
301
Vergemeinschaftende Quellen
ren zu einer engen Zusammenarbeit bereit, um den Staatsstreich mit der Tötung Hitlers
durchzuführen.1740
„Das Wesentliche“, so der bereits erwähnte Ausspruch Graf Yorcks vor dem Volksgerichtshof, sei der „Totalitätsanspruch des Staates gegenüber dem Bürger unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen Verpflichtungen.“1741 Die ethischen Differenzen
mit einem solchen Staat zeigten sich bei seinen Angriffskriegen, der Verfolgung und
Vernichtung des Andersdenkenden und dem todbringenden Rassenwahn. Moltke war
über die Mordindustrie entsetzt und fragte seine Frau: „Wie kann jemand so etwas wissen und dennoch frei herumlaufen.“1742 Diese Situation brachte wieder die Frage des
Umsturzes, des Attentats ins Spiel, gegen die sich Moltke vor der Grundsatzerklärung
im August 1943 so lange gestemmt hatte. Diese Erklärung wurde in Tag- und Nachtarbeit aus den bisher erarbeiteten Memoranden und Ergebnissen der Kreisauer Tagungen erstellt, in Erwartung eines unmittelbar bevorstehenden Umsturzes. Als die Staatsstreichpläne am 20.08.1943 scheiterten1743, war Moltke allerdings froh, „die schwere
Krise unserer Freunde ohne eine einzige Enttäuschung“1744 überstanden zu haben.
Wie ist die Umsturzfrage mit dem Geist des Kreisauer Kreises in Einklang zu bringen?
Es ist offensichtlich, dass Moltke bei der sorgfältigen Zusammenstellung der Mitglieder
des Kreisauer Kreises nicht den Umsturz oder Attentatspläne im Blick hatte, sonst hätte
er versucht, in Kontakt mit der Militärelite, die über die notwendigen Machtmittel verfügten, zu treten. Moltke rechnete 1942 mit dem totalen Zusammenbruch Deutschlands,
wenn er im Brief an Curtis schrieb: „We know that the success of our fight will probably mean a total collapse as a national unit, but we are ready for this.“1745 Dieser Brief
setzt somit voraus, dass der Krieg zu Ende geführt werden müsse. Dies legt nahe, dass
es ein festes Anliegen der Kreisauer war, für die Blutschuld der Gräueltaten zu sühnen.1746 Sie sahen auch die Bestrafung der NS-Verbrecher als unabdingbare Voraussetzung für den Wiederaufbau eines rechtsstaatlichen Deutschlands. Frank Schindler fasst
1740
Brakelmann, Der Kreisauer Kreis, in: Steinbach 2004c, S. 372.
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 157.
1742
MB (21.10.41) S. 308.
1743
Schwerin, „Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt“ 1991, S. 319 ff.
1744
MB (20.08.43) S. 526.
1745
Moltke, Brief an Curtis, geschrieben in Stockholm, 18.02.1942. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99,
S. 2; auch Haubach war der Überzeugung, dass sich der Dreck auslaufen müsse, Brandt H. J. an Roon,
24.07.1962, über Haubach. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1; Moltke hoffte im Herbst 1942 auf eine militärische Niederlage der Deutschen; MB (08. und 10.11.1942) S. 432 f., 434.
1746
MB (26.08.41) S. 278: „Was wird passieren, wenn das ganze Volk sich klar ist, dass dieser Krieg
verloren ist […]? Dazu mit einer Blutschuld, die zu unseren Lebzeiten nicht gesühnt und nie vergessen
werden kann, […]. Werden die Männer aufstehen, die imstande sind, aus dieser Strafe die Busse und
Reue und damit allmählich die neuen Lebenskräfte zu destillieren? Oder wird alles im Chaos versinken?“
1741
302
Vergemeinschaftende Quellen
die Absicht der Kreisauer so zusammen: „Sie wollten damit hauptsächlich Elemente
eines materiellen Rechtsstaatsverständnisses verwirklichen, nämlich die Wiederherstellung von Gerechtigkeit durch Sühne der begangenen Taten, und damit das Rechtsbewusstsein im deutschen Volk wiedererwecken.“1747 Vor diesem Hintergrund sah Moltke
im Grunde ein Attentat als kontraproduktiv an. Moltke erteilte dem Drängen in den
eigenen Reihen nach einer Lösung durch ein Attentat zunächst eine schroffe Absage
und beharrte darauf, ein Unrechtsregime dürfe nicht durch Unrecht beseitigt werden,
weil damit der Neubeginn ethisch belastet würde.1748 Der Ausgangspunkt ihrer gesellschaftspolitischen Überlegungen war vielmehr die Frage, wie ein demokratisches
Staatssystem im Bewusstsein der Bevölkerung fest und dauerhaft verankert werden
könnte.
Es kann also festgestellt werden, dass der Ansatz der Kreisauer der Programmentwurf
für die Zeit „danach“ war und die Frage eines Umsturzes oder gar eines Attentates nicht
in ihrem Denken und Planen angelegt war. Aber es wird noch zu zeigen sein, wie sich
die Haltung der meisten Kreisauer und auch Moltkes in der Zeit nach Stalingrad angesichts der Gräueltaten im Osten dynamisch wandelte und dass einige Kreisauer am
20. Juli 1944 fest an der Seite Stauffenbergs standen.
Die vorbereitete Regierungserklärung vom August 1943 zielte darauf ab, die Verfolgung der Juden und die Verbrechen in den besetzten Gebieten zu sühnen.1749 Die zunächst uneinheitliche Haltung der Kreisauer zum Attentat, das sich als einzige Umsturzmöglichkeit herauskristallisierte, ließ sich angesichts der dramatischen militärischen Lage1750 im Jahre 1944 nicht länger durchhalten. Der aktiv gebliebene Teil des
1747
Schindler, Husen im Kreisauer Kreis 1996, S. 92.
Stauffenberg, Christoph von, 02.08.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
1749
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 17.
1750
Die militärische Lage spitzte sich im Laufe des Jahres 1944 dramatisch zu. „Mitte Januar begann eine
Offensive der Roten Armee gegen die Heeresgruppe Nord, die zwei Wochen später zur Zerschlagung des
Blockaderings um Leningrad führte und Ende März in der Region Pskov/Pleskau fortgesetzt wurde. Im
mittleren Frontabschnitt erreichten die Sowjets ebenfalls im Januar die frühere polnische Ostgrenze“, so
Roth, der fortfährt: „Ende Februar 1944 begann ein einwöchiger Angriff der U.S. Air Force auf die deutsche Flugzeugindustrie. Anfang April folgte die systematische Bombardierung der rumänischen Erdölfelder und Raffinerieanlagen, und seit Mai/Juni wurden die Produktionszentren der synthetischen Treibstoffund Kautschuk-Produktion ausgeschaltet“; in: Roth, Von der Offiziersopposition 2004, S. 157. Am 6.
Juni landeten die Invasionstruppen der Westalliierten in der Normandie, „zermürbten aufgrund der Überlegenheit ihrer Panzer-, Artillerie- und Luftkampfverbände die deutsche Verteidigung“ bei einem täglichen Verlust von 2500 bis 3000 Soldaten und standen nach der Einnahme von Cherbourg bald vor dem
Durchbruch in die Weite des französischen Raums. „Zur selben Zeit stießen die alliierten Truppen nach
Einnahme Roms in Richtung Livorno, Florenz und Ancona vor“. Die Rote Armee hatte „am 22. Juni am
Mittelabschnitt der deutsch-sowjetischen Front eine Offensive begonnen, die innerhalb von drei Wochen
den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte“ zur Folge hatte. Minsk war am 4. Juli befreit und die Angriffsoperation der 1. Belorussischen Armee in Richtung Lublin und Warschau begann am 18. Juli. Dem
1748
303
Vergemeinschaftende Quellen
Kreisauer Kreises wurde nach der Verhaftung Moltkes Teil der Verschwörung unter der
Führung Stauffenbergs, die am 20. Juli das Attentat wagte. „Das ethische, in einer heute
im allgemeinen kaum noch nachvollziehbaren Weise christlich begründete Motiv macht
den 20. Juli zum Aufstand des Gewissens. Es rechtfertigt letztlich auch das Attentat.“1751 Dies brachte auch am 10. Jahrestag des 20. Juli der damalige Bundespräsident
Theodor Heuss in seiner Gedenkrede in Berlin zum Ausdruck.1752
Widerstandsrecht und Tyrannenmord sind zentrale Themen in dem Bemühen, eine
Rechtfertigung in dieser Frage zu finden.1753 Bei diesem Bemühen darf nicht außer Acht
gelassen werden, „dass der Siegeszug des Rechtspositivismus der nahe liegenden naturrechtlichen Begründung den Boden entzogen hatte“1754. Erst die Rückkehr zum Naturrecht, „die Wiederverankerung überpositiver und vorstaatlicher Rechtsprinzipien im
staatlichen Denken“1755, wie sie Pater Delp im Kreisauer Kreis leistete, machte eine
befriedigende Antwort möglich. Aus den Sozialethiken der Kirchen war Rechtfertigung
zu erzielen. Hier ist auf die scholastische Tradition zu verweisen, die, voll ausgebildet
unter Thomas von Aquin, zwei Tyrannentypen unterscheidet: „Der Usurpator, der Tyrann ist von Beginn seiner Herrschaft an, und der an sich rechtmäßige Herrscher, der
sich jedoch im Lauf seiner Herrschaft zum Tyrannen entwickelt.“1756 Auf Hitler angewandt, bedeutet dies im Fall einer Bejahung einer legalen Machtergreifung, dass er folglich nicht als tyrannus usurpationis, so doch als tyrannus regiminis1757 einzustufen ist,
„als Herrscher, der legal verliehene Macht zur Aufhebung der Legalordnung missbrauchte. Wer für die Wiederherstellung dieser Ordnung kämpfte, konnte also Thomas
von Aquins Satz für sich in Anspruch nehmen: ‚Illi … qui bonum commune defendunt
… non sunt dicendi seditiosi.’“1758 Auch die lutherische Tradition gab in der Widerstands- und Attentatsfrage Orientierung. Zumindest für Amtsträger war nach Luther im
Zustand grundsätzlicher Gesetzlosigkeit das Recht auf Widerstand gegeben: „Anomia –
ein Zustand, in dem ‚ein gesetzloser Mensch in seiner eigenen Potenz sich zum Gesetz
Widerstand war klar, wenn er sich nicht in kürzester Zeit zum Handeln aufraffen würde, dann könne er
nur noch die „von der Anti-Hitler-Koalition“ im Januar 1943 in Casablanca weitgehend „festgelegten
Unterwerfungsbedingungen“ ratifizieren und „würde als ‚Konkursverwalter des Reichs‘ in die Geschichte
eingehen“ ; in: Roth, Der 20. Juli 1944 2004, S. 17.
1751
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 17.
1752
Heuss, Gedenkrede zum 20. Juli 1944 von 1954.
1753
Maier, Recht auf Widerstand 1994, S. 111.
1754
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 17.
1755
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 18.
1756
Maier, Recht auf Widerstand 1994, S. 112.
1757
Siehe auch Husen, Der 20. Juli und die deutschen Katholiken 1946, S. 330.
1758
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 18.
304
Vergemeinschaftende Quellen
aller Dinge des Staatslebens’ (H. J. Iwand) aufschwingt.“1759 Nach Lill stand aber diese
reformatorische Widerstandslehre nicht mehr zur Verfügung, da sie durch politischen
Absolutismus und kirchlichen Pietismus in Verfall geraten sei.1760
Die Haltung zum Attentat war im Kreisauer Kreis uneinheitlich und mit dem Lauf der
Ereignisse Änderungen unterworfen. Besonders Moltke und Yorck lehnten ein Attentat
zunächst ab. Selbstquälerische Zweifel plagten jahrelang einen Teil der Kreisauer, theoretische Rechtfertigungen wurden nicht einfach übernommen. Eine einheitliche Linie
zum Attentat im Kreisauer Kreis konnte es schon deshalb nicht geben, da die Anrufung
des Gewissens in einer derartigen Grenzsituation geradezu „die individuelle Suche nach
dem sittlichen verantwortbaren Weg“1761 erforderte. Durch diese unterschiedliche Haltung war aber die Vergemeinschaftung im Kreis niemals ernstlich bedroht, da Moltke
seine persönliche Ablehnung des Attentats und zeitweilig auch des Staatsstreichs überhaupt für den Kreis als solchen nie hatte verbindlich machen wollen.1762 Neben der noch
im Einzelnen zu betrachtenden Haltung von Moltke, Yorck und Delp in der Attentatsfrage, war die anderer Mitglieder von vornherein klar auf eine Zustimmung zum Attentat festgelegt oder änderte sich bei der sich zuspitzenden Lage nach anfänglicher Ablehnung zu einer Zustimmung trotz Bedenken, mit Ausnahme von Steltzer, Rösch und
Haubach, die das Attentat immer ablehnten. Bei einigen der Mitglieder ist allerdings
deren Haltung zum Attentat quellenmäßig nicht belegt.
Steltzer war eindeutig gegen ein Attentat1763, er vertiefte Moltkes moralische Motive
ins Religiöse und verband die Ablehnung des Attentats außerdem noch mit der politisch
einleuchtenden Gefahr einer neuen Dolchstoßlegende.1764 In den schon mehrfach zitierten Grundsätzen Steltzers während des Krieges sprach er sich in der Konsequenz für
„die Ablehnung jeder gewaltsamen Revolution und des Attentates als politisches
Kampfmittel“1765 aus. Gablentz, der 1944 bereits etwas außerhalb des Kreisauer Kreises stand, schrieb in seiner autobiographischen Skizze nach dem Krieg: „Zu den Vorbe-
1759
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 18 f.
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 19.
1761
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 17.
1762
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 232.
1763
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 78.
1764
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 233. Gerstenmaier weist noch darauf hin, dass Theodor
Steltzer sich nach dem Krieg von dieser Beurteilung selbst distanzierte und den Staatsstreich samt Attentat bejahte; siehe S. 233, Fn. 26.
1765
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 10 f.
1760
305
Vergemeinschaftende Quellen
reitungen des Attentats vom 20. Juli bin ich nicht hinzugezogen worden, weil Yorck
wusste, dass sich meine Einstellung mit derjenigen Moltkes deckte.“1766
Auch Einsiedel war wie Moltke gegen ein Attentat, wie sich Christiansen-Weniger aus
einem Treffen mit beiden im Jahre 1940 erinnerte.1767 Wie die Haltung Einsiedels 1944
war, ist quellenmäßig allerdings nicht belegt.
Rösch lehnte den Tyrannenmord eindeutig ab.1768 Das zeigt sich auch in dem 1941 von
Baron Karl Ludwig von Guttenberg vermittelten Gespräch Röschs mit Moltke, der sagte, dass Hitler wegen des sich abzeichnenden Zweifrontenkriegs die Führung aus der
Hand genommen werden müsse: „Wie ist das gemeint mit der Übernahme der Führung?
Ist an eine Beseitigung, an einen Mord gedacht? Da möchte und könnte ich nicht mittun“, stellte Rösch fest, worauf Moltke antwortete: „Nein, das will ich auch nicht; wir
dürften uns nicht beklagen über den tausendfältigen täglichen Mord im KZ und wer
weiß wo, wenn wir auch morden wollten. Aber es gibt andere Wege.“1769 Im Hochsommer 1943 war nach einer Besprechung mit P. Delp, P. König vom P. Provinzial
Rösch einheitlich festgestellt worden:
Unsere Arbeit für die Kirche, die Klöster usw. geht weiter; die Arbeit für den geplanten
Neuaufbau des Staates nach dem Zusammenbruch des NS-Systems wird eingestellt, weil
die einzig fähigen Leute für eine Änderung – ohne ein Attentat – die Militärs versagen. Irgendein, auch nur das leiseste Mitwissen, noch weniger Mitplanen, schon gar nicht ein
Mitwirken bei einer gewaltsamen Lösung (Attentat und ähnliches) kommt für uns niemals
in Frage.1770
Das war eine strikte Weisung, auch für Delp; inwieweit er sich daran hielt, wird noch zu
besprechen sein.
Auch Haubach stand Attentatsplänen ablehnend gegenüber, weil er eine Renaissance
der „Dolchstoß-Legende“1771 befürchtete. In diese Richtung weist eine Bemerkung von
1766
1767
Gablentz, Otto Heinrich von der: Autobiographische Skizze. IfZ, ZS/A-18, Bd. 13, S. 4.
Christiansen-Weniger, Fritz: Meine Mitarbeit im Kreisauer Kreis, 19.08.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 2, S.
2.
1768
Bleistein, Jesuiten im Kreisauer Kreis 1982, S. 601.
Bleistein, Rösch 1998, S. 307.
1770
Rösch: Bemerkungen zu einem Buch über P. Delp. 22. April 1956. in: Bleistein, Rösch 1998, S. 310;
siehe auch Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus, 1985. S. 289; dort sagt er von sich selbst: „P.
R(ösch) hatte von einer Attentatsvorbereitung (20. Juli) keine Ahnung. M(oltke) hatte er zum letzten Mal
im Herbst 1943 gesehen. Als sich in den tagelangen Verhören nicht die geringste Beziehung zum 20. Juli,
zu dessen Vorbereitungen usw. nachweisen ließ, aber umgekehrt gezeigt werden konnte, daß es ausgeschlossen war, davon etwas zu wissen, ferner daß P. R.(ösch) Goerdeler usw. nie gesehen und gesprochen
hatte, war und blieb die einzige Anklage der Einsatz für die Kirche und das Christentum und Wiederverchristlichungsbestrebungen in Deutschland.“
1771
Frommels, Wolfgang an Roon. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3. Frommels wird im Kontext der Heidelberger
Studentenzeit Haubachs erwähnt.
1769
306
Vergemeinschaftende Quellen
ihm, die er mit Blick auf die nationalsozialistischen Machthaber einem Bekannten aus
Amsterdam gegenüber machte: „Der Dreck muß sich auslaufen.“1772
Neben den Kreisauern, die strikt gegen ein Attentat waren, lehnten einige der Freunde
das Attentat zwar anfänglich ab, änderten jedoch ihre Haltung aufgrund der sich dramatisch zuspitzenden Lage 1944, wenn auch mit Gewissenszweifeln.
Reichwein lehnte zunächst, wie die Mehrheit der Kreisauer, das Attentat aus ethischen
und religiösen Gründen und unter Hinweis auf eine neue „Dolchstoßlegende“ ab. Zudem verhindere ein Attentat die allgemeine Einsicht in die Notwendigkeit des nationalen Neuanfangs. Darüber führte Reichwein viele politische Gespräche mit Harro Siegel,
der später bezeugte:
In all diesen Gesprächen […] wurde immer deutlicher, daß eine „Gewaltlösung“ keine echte Lösung sein könne, weder aus politischen Gründen, da die Gefahr der Bildung einer
„Dolchstoßlegende“ noch aus der Zeit von Ende des ersten Weltkrieges als Warnung vor
uns stand. Es durfte keinesfalls sein, daß nach dem mit Sicherheit zu erwartenden Verlust
des Krieges und Untergang des Regimes sich Stimmen erheben konnten, die eine Gewaltlösung hierfür schuldig sprachen. Vor allem aber aus weltanschaulichen Gründen. Reichwein,
Graf Moltke und wohl die Mehrzahl der Mitglieder des Kreisauer Kreises weigerten sich,
sich der Mittel des Gegners zu bedienen. Vernichtung von Leben und Mord, sei es auch Tyrannenmord, konnte ihnen nicht als echte Lösung gelten.1773
Doch im Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten und in der Erkenntnis, dass
unter den gegebenen politischen Bedingungen ein Staatsstreich nur nach Tötung Hitlers
möglich sei, stimmte Reichwein dem Attentatsplan zu.1774 Dass er seine Meinung geändert hatte, wird aus seinem Brief an den lettischen Wirtschafts- und Finanzminister Alfred Valdmanis deutlich, in dem er sagte, man sei gezwungen, „tragisch zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne“1775. Die
Stimmung Reichweins vor dem Attentat wird auch in einem Brief an seinen Schwiegervater Ludwig Pallat deutlich, wenn er schreibt: „Aber in der Entsagung stärkt mich die
Überzeugung, daß Zeitalter erst erfüllt werden können, wenn die Schwelle erkämpft ist.
Und je seltener die Kämpfer sind, umso mehr Verantwortung liegt auf den Wenigen.“1776
Peters berichtet in seinen Erinnerungen, wie bereits erwähnt, dass das Aufbauprogramm der Kreisauer wichtiger war als die Frage des Umsturzes:
1772
Brandt, H. J. an Roon, 24.07.1962, über Haubach („Der Dreck muß sich auslaufen.“). IfZ, ZS/A-18,
Bd. 1.
1773
Siegel, Harro: Brief an Roon, 31.07.1962. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
1774
Heidötting-Shah, Reichweins Widerstand 2000, S. 168.
1775
Valdmanis, Alfred: Erinnerungen an Adolf Reichwein. BBF/DIPF/Archiv, Reich 382.
1776
LBDII S. 232.
307
Vergemeinschaftende Quellen
Wie das nationalsozialistische Regime falle, wurde eigentlich immer als überflüssige Spekulation offen gelassen. Man unterstellte zunächst, ein angesehener aktiver General werde
die Wehrmacht, die ihren Untergang unter Hitlers Führung immer klarer erkennen werde,
zum Handeln veranlassen und vielleicht Hitler und seine Komplicen festsetzen.1777
Peters hatte vor dem Krieg, wie bereits dargelegt, zur Frage des Widerstands in einem
Manuskript allerdings bereits Stellung bezogen und dabei bei Pflichtenkollision jedoch
lediglich ein passives Widerstandsrecht zugestanden. 1944 hielt aber auch Peters angesichts der allgemeinen Lage „ein Attentat für eine rechtmäßige Widerstandsmaßnahme“.
Er verhehlte sich allerdings nicht, „daß damit Hitler leicht heroisiert werden und eine
neue Dolchstoßlegende entstehen könne“1778.
Auch bei Husen fand ein Meinungsumschwung statt, nachdem er das Attentat zunächst
abgelehnt hatte. Die anfängliche Ablehnung ergibt sich aus einem Gespräch, das Husen
mit Yorck, Schulenburg und Moltke auf dessen Einladung bereits im Sommer 1940
hatte. Besprechungspunkt war die Frage der gewaltsamen Beseitigung des Hitlerregimes. Während Schulenburg entschieden für einen Gewaltakt eintrat, waren Moltke,
Yorck und Husen gegen ein Attentat.1779 Dafür wurden folgende Gründe angegeben:
Ein Umsturz durch das Militär sei angesichts des siegreichen Frankreichfeldzuges nicht
gegeben, das deutsche Volk sei auf einen Systemwechsel noch nicht vorbereitet, die
Gefahr einer Dolchstoßlegende bestehe, und schließlich hatten sie schwerwiegende sittliche und religiöse Bedenken. Angesichts des sinnlosen Mordens und der Erkenntnis,
„dass der Krieg absolut verloren war und dass jede Stunde der Verlängerung weiteren
Ruin und Blutverlust sowie Vermehrung des Hasses auf der Gegenseite bedeutete“1780,
änderte Husen seine Haltung zum Attentat auch unter Inkaufnahme einer neuen Dolchstoßlegende. Husen anerkannte nach dem Krieg mit höchster Achtung, dass Stauffenberg und die anderen Beteiligten am 20. Juli, „als Männer von Mut und Ehre und Verantwortung nach ihrem Gewissen im Einvernehmen mit der politischen Führung den
entscheidenden Entschluss in Bekundung der Ehre des Soldatenstandes und des Willens
des deutschen Volkes zur Selbstreinigung“ gefasst hatten. „Alle Beteiligten“, so Husen
weiter, „haben nach ernster Gewissensprüfung die sittliche Erlaubtheit des Handelns
gegen Hitler als Akt der Notwehr für das deutsche Volk bejaht.“1781 Dass es dem tiefreligiösen Husen nicht leicht fiel, seine sittlich-religiösen Bedenken gegen ein Attentat
1777
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96. S. 3 (Unterstreichung übernommen).
1778
Peters, Hans: Erinnerungen an den Kreisauer Kreis, 26.11.1952, IfZ, ED 106-96. S. 6.
1779
Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen o. D. BA NL 166-151, S. 1.
1780
Husen, Paulus van: In memoriam Moltke und Yorck. 20. Juli 1944. IfZ, ED 88-1, S. 11.
1781
Husen, Paulus van: In memoriam Moltke und Yorck. 20. Juli 1944. IfZ, ED 88-1, S. 11.
308
Vergemeinschaftende Quellen
beiseitezuschieben, zeigen seine Ausführungen „Der 20. Juli 1944 und die deutschen
Katholiken“1782 nach dem Krieg, in denen er sich mit den verschiedenen katholischen
Lehrmeinungen zur Frage des aktiven Widerstandsrechts auseinandersetzte und zu dem
Ergebnis kam, dass eine ausdrückliche Lehrmeinung fehle und es damit für die Gewissensentscheidung des Einzelnen keine Weisung gebe. Er zog den Schluss, dass das Attentat damals als Notwehrrecht gedeckt war, und bereute es auch nicht, am Attentatsversuch beteiligt gewesen zu sein. In seinem Brief an Eugen Gerstenmaier vom
08. Oktober 1967 meinte Husen, dass es „versponnener Idealismus gewesen wäre zu
glauben, man könne Hitler anders als durch Gewalt beseitigen“1783.
Auch Lukaschek änderte seine Haltung zum Attentat. Sein Engagement wurde umso
größer, je kritischer die Situation war. Nachdem Moltke im Januar 1944 verhaftet worden war, beteiligte sich Lukaschek im Sommer an den Besprechungen mit Stauffenberg,
Yorck und Trott zur Vorbereitung des Staatsstreiches.1784 Bei der Betrachtung der Motivation des Widerstands wurde bereits dargelegt, dass Lukaschek aus naturrechtlichen
Gründen das Attentat selbst als christliche Pflicht ansah. Somit stellte auch Lukaschek
seine ursprünglichen Vorbehalte in dieser Gewissensfrage zurück.1785
Haeften, der mit Trott und anderen Freunden am Tag des Attentats im Auswärtigen
Amt die Nachricht von der Beseitigung Hitlers erwartete, hat den Plan des Tyrannenmordes nie unterstützt, und im Abschiedsbrief an seine Frau bezeichnete er seine Zustimmung zum Attentat als Sünde. „Ich habe das fünfte Gebot nicht heilig gehalten
(obwohl ich einmal Werner damit zurückgerissen habe) […]“1786 In der Tat hatte Haeften seinen Bruder Werner von einem Attentat Ende Januar 1944 abgehalten.1787 Die
ethischen Probleme Haeftens bestätigt auch sein Freund Krimm: „Er weihte mich in die
Attentatspläne ein. Er war auch durch sie aufs Tiefste beunruhigt. Sein christliches Gewissen bescheinigte ihm, dass dies reiner Mord sei, auch dann, wenn durch diesen einen
Mord ein millionenfacher weiterer Mord verhindert würde.“1788 Haeften stimmte aber
1782
Husen, Der 20. Juli und die deutschen Katholiken 1946, S. 315-317; 329-331.
Husen, Paulus van: Brief an Eugen Gerstenmaier, 08.10.1967. ACDP, I-210-037.
1784
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 69.
1785
Ellmann, Lukaschek 2000, S. 70.
1786
Für Haeften konnte nur das eigene Gewissen entscheiden, darauf zielte auch seine Bemerkung in
seinem Brief an Krimm, 04.04.1941; in: Haeften, Briefe 1931-1944: „Der Protestantismus muß endlich
inne werden, daß er in der Lage sein müsste, Antwort zu geben, wenn die Laien die Theologen um ihren
christlichen Rat in weltlichen Dingen bitten.“
1787
Haeften, Barbara „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 81: „Als er [Werner von Haeften; A. d. V.] sich bei
Hans seine Pistole aus dem Koffer holen wollte, rief dieser ihn zur Verantwortung: ‚Ist es wirklich Deine
Aufgabe vor Gott und den Vätern?’ Werner kapitulierte.“
1788
Krimm, Herbert: Brief an Roon, 05.09.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4.
1783
309
Vergemeinschaftende Quellen
schließlich dem Attentat zu; ursprünglich dachte er eher an ein Gerichtsverfahren, da er
einsah, dass gehandelt werden müsse, „bevor die Freunde des Widerstandes alle einzeln
lautlos in Gefängnissen und KZs verschwanden“1789.
Neben den Kreisauern, die das Attentat ablehnten oder ihre ablehnende Haltung angesichts der Ereignisse im Jahre 1944 änderten, gab es auch solche, deren zustimmende
Haltung zum Attentat von vornherein bestand. Trott, Mierendorff1790, Leber, und erstaunlicherweise die Theologen Gerstenmaier und Bonhoeffer1791 waren eindeutig für
das Attentat.1792
Gerstenmaier befürwortete im Kreisauer Kreis wohl am eindeutigsten ein Attentat. Er
sagte von sich selbst:
Als mich Fritz von der Schulenburg im Sommer 1942 fragte, ob ich bereit sein würde, zusammen mit einer Gruppe von Offizieren an einem Attentat auf Hitler teilzunehmen, sagte
ich […] auch ohne Zaudern, Ja. Aus dem gleichen Grund hätte ich es mir auch nicht vergeben, nicht zur Stelle zu sein, als ich am Nachmittag des 20. Juli 1944 von Peter von Yorck
– wie verabredet – zu Klaus von Stauffenberg in die Bendlerstraße gerufen wurde.1793
Schlabrendorff trug in seiner Dokumentation anlässlich des Verleumdungsprozesses
1964 gegen Gerstenmaier eine Reihe von Zeugenaussagen zusammen, die Gerstenmaiers Haltung für ein Attentat deutlich belegen. Husen erklärte 1960, dass Gerstenmaier, „entgegen der ursprünglichen Theorie des ‚Kreisauer Kreises’, ein Vertreter,
derjenigen [war], die auf aktives Handeln drangen“1794. Der Oberkirchenrat a. D. Wilhelm Wessel, Stuttgart, sagte aus:
Ich erfuhr durch Dr. Gerstenmaier von den mehrfach versuchten gescheiterten Attentaten
und glaube mich zu erinnern, daß er spätestens vom Jahre 1943 an, ebenso wie Dietrich
Bonhoeffer, die die Widerstandsbewegung beunruhigende und teilweise lähmende Frage
nach dem Recht und der Pflicht zur aktivem Beseitigung eines Tyrannen positiv beantworten zu müssen glaubte.1795
Der Militärbischof D. Herrmann Kunst, Bonn, erinnerte sich, Gerstenmaier habe ihm im
Gespräch anvertraut, „daß er bereit sein würde, auf Hitler zu schießen. Wir erörterten
1789
Haeften, Barbara „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 83.
Hoffmann, Widerstand – Staatsstreich – Attentat 1985, S. 456.
1791
Bonhoeffer war zwar kein Kreisauer, aber mit Moltke bekannt. Beide wurden im April 1942 als
Emissäre der Abwehr in Fragen des norwegischen Kirchenkampfes nach Oslo geschickt: Darüber schrieb
Bethge: „Ich erinnere mich jedoch an die Bemerkung Bonhoeffers, wie anregend das gemeinsame Reisen
gewesen sei, ‚aber wir sind nicht einer Meinung’. Natürlich waren Moltke und Bonhoeffer eins in der
Tiefe ihrer christlichen Überzeugung, sie waren ebenso eins in der Beurteilung des verzweifelten Zustandes der deutschen Angelegenheiten […].Aber Moltke hat eben damals ‚für seine Person die gewaltsame
Beseitigung Hitlers … abgelehnt’. Und Bonhoeffer, der auch etwas davon wusste, daß man dem Gericht
Gottes nicht in den Arm fallen kann, plädierte bereits für die Notwendigkeit des Attentats“; in: Bethge,
Dietrich Bonhoeffer 1989, S. 848.
1792
Roon, Neuordnung 1967, S. 285, Fn. 44.
1793
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 233
1794
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 32.
1795
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 32.
1790
310
Vergemeinschaftende Quellen
dabei die kirchliche Rechtfertigung einer solchen Maßnahme“1796. In seiner Lebensbeschreibung führte Gerstenmaier aus:
In unserem kleinen Kreis kamen wir zu dem Ergebnis, daß ein Militärputsch mit dem Ziel,
die ganze etablierte Führungs- und Regierungsschicht zu beseitigen, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht durchführbar sei. Dazu war der Nationalsozialismus auch in der Armee
inzwischen zu verbreitet.1797
Für Gerstenmaier gab es nur die Alternative Martyrium oder Hochverrat. Da er den
Weg des ihm nutzlos erscheinenden Martyriums nicht in Erwägung ziehen wollte, sah
er nur den anderen: „Hitler mit seinen Mitteln zu begegnen – mit Gewalt.“1798
Mierendorff, der, kaum der Hölle des Konzentrationslagers entronnen, den Kampf
gegen Hitler wieder aufnahm, soll nach Gisevius in der entscheidenden Sitzung, in der
die Verschwörer den Beschluss zum Attentat fassten, dies mit der Antwort begrüßt haben: „Von heut ab kann es nur noch aufwärts gehen: an die Macht, oder an den Galgen.“1799 Dies kommentierte Halperin: „Das war echt Carlo – Galgenhumor im wahrsten Sinne des Wortes.“1800
Lebers Haltung zum Tyrannenmord und seine Verwicklung in das Attentat vom 20. Juli
sind in den sog. Kaltenbrunner Berichten1801 ausführlich vermerkt. Durch Geständnisse
seiner Mitverschworenen wurden seine enge Zusammenarbeit mit Stauffenberg, seine
Kritik an dem Regierungsprogramm Goerdelers, die aus seiner Sicht notwendige Zusammenarbeit mit den Kommunisten und seine Gegnerschaft zur geplanten Kanzlerschaft Goerdelers in vielen Einzelheiten offengelegt. Leber verstand wie Stauffenberg
„unter Handeln in der damaligen Situation die zielstrebige Planung des Attentats auf
Hitler und die Beseitigung seines Regimes“1802. Leber, der als Innenminister1803 in der
Übergangsperiode vorgesehen war, wurde am 05. Juli 1944, nach dem Kontakt mit der
kommunistischen Saefkow-Jacob-Gruppe im Juni, festgenommen. Ihn verband eine
tiefe menschliche und politische Freundschaft mit Stauffenberg; dieser soll kurz vor
dem 20. Juli in einer erregten Auseinandersetzung mit Trott diesem zugerufen haben.
„Wir brauchen Leber, ich hol ihn raus und ich hole ihn raus!“1804 Leber, der überzeugt
war, dass eine völlige Kapitulation sich nicht mehr vermeiden lassen werde, sah in dem
1796
Schlabrendorff, Gerstenmaier im Dritten Reich 1965, S. 32 f.
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 116.
1798
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 150.
1799
Gisevius, Bis zum bittern Ende 1946. S. 210 ff.
1800
Halperin, Ernst: Carlo Mierendorff. AdsD, Signatur 270, S. 2.
1801
KB S. 118, 179, 211, 234, 536 f.
1802
Bohrmann, Julius Leber 1974, S. 251.
1803
KB S. 210. Die ihm angetragene Reichskanzlerschaft lehnte er ab, da er sich nicht in Gegensatz zu
Leuschner begeben wollte; siehe Leber, Weg 1952, S. 291.
1804
Leber, Weg 1952, S. 292.
1797
311
Vergemeinschaftende Quellen
Attentat noch eine geringe politische Chance für Deutschland, wenn es gelänge, das
Hitlerregime von innen zu überwinden und mit unbelasteten Leuten den Siegermächten
gegenüberzutreten.1805
Keiner habe, außer dem Grafen Stauffenberg, so energisch auf die Aktion hingedrängt
und so geschickt Jahr und Tag auf die Militärs eingewirkt wie Adam, sagte Trotts Kollege im Auswärtigen Amt, Franz Josef Furtwängler.1806 Trott übernahm als enger
außenpolitischer Berater Stauffenbergs unter den Kreisauern bezüglich des Attentats die
Führung.1807 Diese Haltung zum Attentat, „zur aktivistischen Linie“1808, dass auf alle
Fälle gehandelt werden müsse, ist aus mehreren Selbstzeugnissen Trotts erkennbar. In
dem Memorandum, das Trott 1942 in Genf Visser t’Hooft für England übergab und das
zunächst das Unheil ungehemmter Kriegsentwicklung, die Massenvernichtung von Leben und Gütern, die Zunahme totalitärer Tendenzen und Einrichtungen und die Gefahr
anarchistischer Auflösung eindringlich beschrieb, kam Trott zur Konsequenz:
The most urgent and immediate task to stave off catastrophe in Europe is he earliest possible overthrow of the Regime in Germany. The change can take place either by way of anarchical dissolution or by the establishment of a Government which would return to the standards of civilized Europe.1809
Bei seinem Besuch des Chefredakteurs Ivar Anderson vom „Svenska Dagbladet“ am
30. Oktober 1943 beschwor Trott erneut die Notwendigkeit eines Umsturzes:
Actually, there are two lines for action us to choose between. One is to wait and see; to
watch the course of events and to try to make the best out of the inevitable when the collapse and the defeat are a fact. The other one is to try to cause a change of regime as soon
as possible. The prospects for a change of regime may seem small, but we venture to
reckon upon certain parts of the army and certain groups of the police – not in the HQs but
among the local leaders.1810
Im Mai 1944, also nach der Kontaktaufnahme mit Stauffenberg, sagte Trott zu Christabel Bielenberg in Berlin: „From now on this is a German affair. We must rid ourselves
of this régime by ourselves, and believe me […] it will be done. It will and must be
done, before the Allies have to do it for us.“1811
Betghe weist darauf hin, Trott habe es vermocht, beiden Akten, der Beseitigung und
dem Danach, die volle Aufmerksamkeit zuzuwenden, und er habe gesehen, dass hier die
Praxis ohne die Theorie, d. h. die Aktion ohne die Zukunftsplanung, ein anarchisches
1805
Leber, Weg 1952, S. 285.
Furtwängler, Männer, die ich sah 1951, S. 224.
1807
Winterhager, Zukunftsplanung 2009, S. 20 ff.
1808
Winterhager, Zukunftsplanung 2009, S. 23.
1809
Trott, „Strictly private and confidential“ 1942, S. 393.
1810
Anderson, Ivar. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1.
1811
Bielenberg, The Past is Myself 1968, S. 145.
1806
312
Vergemeinschaftende Quellen
Verbrechen, aber auch, dass die Theorie ohne die Aktion zuvor ein luxuriöses Spiel zu
werden drohte.1812 Diese Sicht veranlasste auch Winterhager zu dem Urteil, dass „von
der unmittelbaren politisch-historischen Wirkung her der Beitrag Trotts zum aktiven
Anti-Hitler-Kampf“ im Kreisauer Kreis überragend gewesen wäre, da Trott und andere
wie Gerstenmaier, Yorck und Haeften auch gegen Moltkes Rat und Willen den Mut zur
Tat gefunden hätten. „Wäre dieser Schritt nicht erfolgt“, argumentiert Winterhager weiter, „hätte die Widerstandsbewegung der Katastrophe untätig bis zum bitteren Ende
ihren Lauf gelassen, […] wie hätten sie alle, einschließlich der Kreisauer, am Kriegsende dagestanden! Wie unglaubwürdig hätte all das Debattieren, das fruchtlose ‚Selbstgespräch’ der Widerstandszirkel dem eigenen Volk erscheinen müssen!“1813
Die Haltung Delps zur Attentatsfrage ist nicht eindeutig. Boveri1814 war aufgrund der
damaligen Quellenlage noch von der unumschränkten Zustimmung Delps zum Attentat
ausgegangen. Auch Gerstenmaier schrieb, dass Delp bezüglich des Attentats stets seiner
Meinung war.1815 Delp beteuerte jedoch in seinen Kassibern an seinen Mitbruder Tattenbach immer wieder, von konkreten Attentatsplänen zum 20. Juli nichts gewusst zu
haben. Durch eine irrtümliche Aussage Sperrs war Delp in dieser Hinsicht belastet worden.1816 Dies bedeutet aber nicht, dass Delp von den allgemeinen Attentatsplänen nichts
wusste, und gibt auch keinen Aufschluss darüber, ob er ein Attentat gebilligt hätte. Bleistein weist in diesem Zusammenhang auf Gespräche mit den beiden Mariannen1817 hin,
aus denen man schließen könne, dass Delp das Attentat für geboten hielt, denn er sagte,
dass „alle Tyrannen bisher eines unnatürlichen Todes gestorben seien“1818. Bleistein
1812
Bethge, Trott und der deutsche Widerstand 1963, S. 214.
Winterhager, Zukunftsplanung 2009, S. 25.
1814
Boveri zählte Delp wie Trott, Gerstenmaier, Yorck, Haeften, Leber zu den mit Stauffenberg liierten
Aktivisten unter den Kreisauern; als Beweis zieht sie die „ausführliche Unterredung“ Delps mit Stauffenberg in Bamberg [am 06.06.1944; A. d. V.], die es in der angenommenen Form so nicht gegeben hat,
heran. Sie sagt weiter: „Er, [Delp; A. d. V.] war – obwohl Geistlicher – bereit, den Weg des Attentats
innerlich mitzugehen“; in: Boveri, Verrat 1956, S. 76. Auch Freya von Moltke geht von einer Zustimmung Delps zum Attentat aus; siehe MBF S. 289.
1815
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 232.
1816
Delp IV S. 35, Fn. 44; S. 57 f.
1817
Marianne Hapig, Sozialarbeiterin, und Dr. Marianne Pünder, Direktorin der katholischen Frauenfachschule in Berlin. Sie berieten und begleiteten die nach Berlin angereisten Ehefrauen von Widerständlern
und standen ihnen in den Tagen der Prozesse vor dem VGH und der Hinrichtung in Plötzensee zur Seite.
Inhaftierte ohne Angehörige versorgten sie mit Wäsche und Lebensmitteln. So betreuten sie auch Alfred
Delp während seiner Inhaftierung in Tegel und über sie sind viele Kassiber in die Freiheit gelangt; siehe
u. a. den Kassiber Delps an die beiden Mariannen vom 01.12.1944, in dem Delp bat, bei Sperr wegen
dessen für ihn belastenden Aussage zu intervenieren; in: Delp IV S. 34 f.
1818
Prégardier, Hapig 2007, S. 40.
1813
313
Vergemeinschaftende Quellen
zitiert noch ein anderes Gespräch mit einem Bekannten von Delp, Ernst Keßler1819, in
dem es um das Attentat ging. Ihm gegenüber habe Delp betont, „daß im Falle Hitlers,
‚die rechtlichen und moralischen Voraussetzungen für die Erlaubtheit des Tyrannenmordes im Sinne der Lehre der Kirche einwandfrei gegeben’ seien“1820. Knauft vermutet dabei die beiden spanischen Jesuitenkollegen Suarez (1548-1617) und Juan de Mariana1821 (1536-1624) als Befürworter des Tyrannenmordes an der Seite Delps.1822 Die
Aussage Kesslers steht allerdings im Gegensatz zur Argumentation Delps während seiner Haft gegen den sogenannten „Sperr-Haken“1823. Delp bat hier in einem Kassiber
seinen Mitbruder Tattenbach, sich von Ernst Kessler bestätigen zu lassen, dass er „von
der Sache nichts gewusst hätte und mit ihr nichts zu tun hätte“1824. Aber auch aus dieser
Aussage kann man nicht auf die grundsätzliche Haltung Delps zum Attentat schließen,
da es ja durchaus der Wahrheit entsprechen kann, dass Delp von den konkreten Attentatsplänen nichts wusste, diese aber im Grundsatz billigte. Bei der Vorbereitung seiner
Verteidigungslinie sprach Delp vom 20. Juli als von einer Wahnsinnstat, die er grundsätzlich ablehne. Dazu führte Delp drei Gründe an: Aus grundsätzlichen ethischen Haltungen gemäß der christlichen Lehre, aus geistigen Einsichten als Geschichtsphilosoph
und „aus der Einsicht, daß es im gegenwärtigen Krieg und in diesem Stadium des Krieges um die Substanz der Nation und nicht um Führungs- und ähnliche Fragen geht“1825.
Bei der Beurteilung dieser Sicht muss allerdings in Rechnung gestellt werden, dass sich
Delp hier vor dem sicheren Todesurteil retten wollte. Es muss somit offenbleiben, wie
die Haltung Delps zum Attentat wirklich war. Moltke rechnete Delp und König allerdings in seinem Brief an Freya vom 04. März 1943 wohl zu den Attentatsbefürwor-
1819
Rechtsanwalt Dr. Ernst Kessler besprach immer wieder mit Delp die politische Situation. Da Kessler
in der Ismaninger Straße in München wohnte, wurde er in den Kassibern von Delp der „Ismaninger“
genannt.
1820
Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 288; zum Widerstandsrecht aus katholischer Sicht: Volk,
Opposition gegen Hitler 1967. S. 55-59; Kaufmann, Widerstandsrecht 1972, S. 196 ff, 211 ff; Schatz,
Zwischen Säkularisation 1986, S. 263 ff.
1821
P. Juan de Mariana SJ rechtfertigte in seiner Schrift De rege et regis institutione (Toledo 1599) unter
gewissen Umständen die Tötung eines Tyrannen. Diese Zustimmung zum Tyrannenmord war Freisler
präsent und er verwendete es gegen Delp: „[…] es hagelte Pflaumen gegen die katholischen Geistlichen
[während der Verhandlung am VGH am 10.01.1945; A. d. V.] und gegen die Jesuiten: Zustimmung zum
Tyrannenmord – Mariana; uneheliche Kinder; Deutschfeindlichkeit“; so Moltke in seinem Brief vom
10.01.1945 an Freya; in: MB S. 612.
1822
Knauft, Delp 2009/2010, S. 34.
1823
Damit ist die Belastung durch Sperr gemeint, der aussagte, dass Delp von dem Attentat gewusst habe;
in: Delp IV S. 59.
1824
Delp IV S. 58 f.
1825
Delp IV S. 353; vgl auch Kapitel „Konflikte und Dekonstruktion des Kreises“.
314
Vergemeinschaftende Quellen
tern.1826 Keinesfalls kann die bloße Tatsache, dass Delp Stauffenberg in Bamberg besucht hatte1827, seine Verwicklung in das Attentat beweisen.1828 Dies unterstellte Freisler
jedoch, obwohl es im Urteil vom 11. Januar 1945 nicht eigens erwähnt wurde.1829
Moltke und Yorck wünschten in den Jahren 1942 und 1943 den totalen Zusammenbruch
des bestehenden politischen Systems, für sie war dies aus der für sie charakteristischen
geschichtsphilosophischen Gesamtsicht notwendige Bedingung eines säkularen gesellschaftlichen und ethischen Neuanfangs. Deshalb beschränkten sie sich zunächst auf die
Neuordnung für den erwarteten Tag X.1830 Wie das oben zitierte Abrücken von einem
Staatsstreich durch Verhaftung Hitlers zeigt, schien es besonders Yorck – Moltke war
ja durch seine Verhaftung im Januar 1944 aus den aktiven Putschvorbereitungen „rausgenommen“1831 – klar geworden zu sein, dass sich auch in innenpolitischer Beziehung
die Voraussetzungen oppositionellen Handelns fundamental geändert hatten. Durch eine
bloße Regierungsumbildung und die Ausschaltung einiger Machtzentren des Nationalsozialismus war eine innenpolitische Machtverlagerung nicht zu erreichen. Zu viele
Änderungen waren eingetreten:
[…] die fortschreitende Aushöhlung der Zuständigkeiten der klassischen Ministerien, die
sich gleichzeitig vollziehende Informalisierung der Herrschaftsausübung durch einander
bekämpfende führerimmediate Apparate und die von Hitler bewusst vorangetriebene Auflösung der inneren Homogenität des Offizierskorps sowie die Autonomie der Wehrmachtsführung.1832
Es musste in Rechnung gestellt werden, dass es „durch den von Goebbels planmäßig
errichteten Hitlermythos neben dem Diktator keine Institution mehr gab, die der Legitimation für die Umsturzregierung, wie im Falle Italiens die Monarchie, dienen konnte“1833. Es blieb nur die Ermordung des Diktators.1834 Am Abend des Tages, an dem
Moltke verhaftet wurde, berichtete Freya von Moltke, kam Stauffenberg zu Peter Yorck,
sprach von der Notwendigkeit einer Ermordung Hitlers und wies auf die täglichen
1826
MB S. 458: „Selbst König und Delp, die doch kraft ihrer Disziplin das Warten gelernt haben müssten,
können es nicht, und wenn auf eine Aktion der unvermeidliche Rückschlag kommt, so werden sie unruhig
[…].“
1827
Über die Absichten Delps für dieses Gespräch siehe Delp IV S. 350 f.
1828
Tattenbach, Das entscheidende Gespräch 1954/55, S. 321-329.
1829
Delp IV S. 411.
1830
Mommsen, Widerstand und die deutsche Gesellschaft 1985, S. 11.
1831
In seinem Abschiedsbrief an seine Frau Freya vom 11.01. betrachtete er es als Fügung Gottes, nicht in
den aktiven Putsch verwickelt gewesen zu sein: „In dem Augenblick, in dem die Gefahr bestand, daß ich
in aktive Putschvorbereitungen hineingezogen wurde – Stauffenberg kam am Abend des 19. zu Peter –,
wurde ich rausgenommen, damit ich frei von jedem Zusammenhang mit der Gewaltanwendung bin und
bleibe“; in: MB S. 623.
1832
Mommsen, Widerstand und die deutsche Gesellschaft 1985, S. 7.
1833
Mommsen, Widerstand und die deutsche Gesellschaft 1985, S. 7.
1834
Mommsen, Widerstand und die deutsche Gesellschaft 1985, S. 7.
315
Vergemeinschaftende Quellen
Gräueltaten hin.1835 Doch Yorck war lange nicht zu überzeugen. Poelchau sah in der
Festnahme Adolf Reichweins und Julius Lebers, die Verbindungen zu kommunistischen
Widerstandsgruppen gesucht hatten, den wahrscheinlich letzten Anstoß für Yorck, das
Attentat gutzuheißen.1836 Yorck stand in enger Verbindung mit seinem Vetter Stauffenberg. Unter diesem Druck wollten sie nicht länger warten und drängten zur Tat.1837 Peter Yorck versuchte dann, die übrigen Mitglieder des Kreisauer Kreises von der Notwendigkeit des Attentats zu überzeugen.1838 Die ethisch-religiösen Bedenken wirkten
jedoch in Yorck weiter. Er besprach dies auch mit seiner Schwester Davy1839 und äußerte seine grundsätzliche Ablehnung des Attentats. Dieser war es rätselhaft, „wie er in das
Attentat einbezogen wurde“1840. Gerstenmaier berichtete von einer Unterhaltung mit
Yorck über ein mögliches Attentat.
Mit gequälter Miene, mir voll in das Gesicht sehend, sagte er: „Aber Meuchelmord ist es
doch!“ Sein Gewissen, sein kultiviertes, lutherisch erzogenes, preußisches Gewissen rebellierte. Der ganze Sonntagabend – wir waren allein – war ausgefüllt mit einem langen seelsorgerlichen Gespräch. An seinem Ende stand: „Es muß sein. Wir können nicht anders.
Gott sei uns gnädig.“1841
Gerstenmaier, der nach seinem Bericht Moltke in der Gefängniszelle kurz vor dessen
Hinrichtung von der Notwendigkeit des Attentats überzeugen konnte1842, nannte drei
Gründe für die anfänglich negative Haltung Moltkes zum Attentat:
1. Der Staatsstreich komme doch nicht zustande, die Generale ‚täten nichts’. 2. Komme das
Attentat, so könne es keinen deutschen Sieg mehr bringen. 3. Für den verlorenen Krieg
werde das Attentat verantwortlich gemacht. Eine überdimensionale Dolchstoßlegende1843
würde produziert.1844
Hoffmann bezeichnet Moltkes Haltung vor allem als Antithese zum herrschenden Regime, „also als Abwehr jeglicher Gewalt und Brutalität, konsequenterweise auch für
Gegenmaßnahmen“1845. Zu Hans Christoph von Stauffenberg, einem Vetter Claus von
Stauffenbergs, sagte Moltke: „Man darf etwas Neues, eine Erneuerung nicht mit einem
1835
MBF S. 289.
Dies bestätigt auch Theodor Steltzer, Brief an Roon, 07.12.1961. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
1837
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 105.
1838
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 112.
1839
Davida von Moltke, geb. Yorck von Wartenburg, Ehefrau des Botschafters Hans-Adolf von Moltke.
1840
Steltzer, Theodor: Brief an Roon, 31.08.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
1841
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 180.
1842
Gerstenmaier, Zu dem Buch Roons 1967, S. 234.
1843
Gaevernitz, Gero von (Mitarbeiter von Allen W. Dulles in Genf), 01.04.1964: „Eine solche Dolchstoßlegende hätte aber eine möglichst vollständige Ausmerzung der nationalsozialistischen Ideologie in
Deutschland stark behindert, wenn nicht sogar unmöglich gemacht“; in: IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
1844
Gerstenmaier, Helmuth James Graf Moltke 1994, S. 290.
1845
Hoffmann, Widerstand – Staatsstreich – Attentat 1985, S. 457.
1836
316
Vergemeinschaftende Quellen
neuen Unrecht anfangen.“1846 Trotz dieser Haltung zum Attentat arbeitete Moltke, besonders nach Stalingrad, stets auf einen Umsturz hin.
In der Literatur wird Moltke fast einheitlich als Gegner eines Attentats aus ethischreligiösen Gründen dargestellt, jedoch nicht notwendigerweise als ein Gegner eines
Umsturzes. Moltkes Grundhaltung brachten kurz nach dem Krieg als Erste seine englischen Freunde 1948 zum Ausdruck:
In their view the most important task connected with the downfall must be to clarify the issues involved, even at the risk of delaying the event. But if the war were to be lost by an internal German revolt, the issues would be obscured and not clarified, since there would then
be no convincing answer to subsequent apologists who argued – like those maintaining the
„Dolchstoss” theory after 1918 – that, but for the failure of the German people to hold together, the war would have ended in victory and not defeat.1847
Die Kämpfe, die Moltke mit einem Teil seiner Freunde hatte und die im Kapitel über
die Dekonstruktion des Kreisauer Kreises beschrieben wurden, bezogen sich auf die von
Moltke abgelehnte „aktivistische Linie“ des Goerdeler-Kreises, die das Attentat zum
Ziel hatte.
Moltke wird man in dieser Frage am ehesten gerecht, wenn man seine Haltung zum
Attentat dynamisch betrachtet. Sein absolutes Nein schien nach Stalingrad und den Berichten von Gräueltaten aus dem Osten nicht mehr in dieser Form bestanden zu haben.
Seine Behauptung im letzten Brief1848, er sei Gott dankbar, dass er nicht in das Attentat
verwickelt sei, kann natürlich auch aus Vorsichtsgründen geäußert worden sein. Auch in
der Vorbereitungsphase seiner Verteidigung im Herbst 1944 trat Moltke immer wieder
den belastenden Aussagen von Sperr, er habe von den Attentatsplänen Goerdelers gewusst1849, entgegen. So schrieb er am 30. September 1944 seiner Frau, dass er die Goerdeler-Pläne immer bekämpft habe und enttäuscht sei, dass Yorck von dieser Linie abgegangen sei und er nicht für Peters Schuld haften wolle1850, und bat seine Frau, in Kreisau klarzulegen, dass er „in keinem direkten Zusammenhang mit dem 20. Juli stehe und
nur durch Freunde da hineingerissen worden“1851 sei. Am 18. Oktober 1944 formulierte
Moltke in einem Brief an SS-General Heinrich Müller1852: „Wäre ich frei gewesen, so
hätte ich auch nicht nur für meine Person verhütet, dass diese Arbeiten [„Kärung von
1846
Roon, Neuordnung 1967, S. 285.
Cumberledge, A German of the resistance 1946, S. 18.
1848
MB S. 623.
1849
HFM S. 141: „Sperr habe mit mir [Moltke; A. d. V.] über Umsturz generell gesprochen und nicht nur
über Nachkriegspläne.“
1850
HFM S. 40.
1851
HFM S. 43.
1852
Chef der Gestapo im Reichssicherheitshauptamt.
1847
317
Vergemeinschaftende Quellen
Grundsätzen“1853; A. d. Verf.] in das Schlepptau der alten Politiker genommen wurden.“1854
In der bereits bei der Beschreibung des Werdens des Kreisauer Kreises erwähnten Begegnung Lukascheks mit Moltke im Jahre 1938 vor der Münchener Konferenz wusste
Moltke von den Kriegsvorbereitungen Hitlers, dem geplanten Angriff auf die ČSR, aber
auch von dem geplanten Staatsstreich, als dessen führende Köpfe er Beck, Halder und
Goerdeler nannte. Im Frühjahr 1940, so berichtet Christiansen-Weniger von einem anderen Treffen, wurde zwischen Moltke, Yorck, Einsiedel und ihm eingehend die Ablehnung eines Attentates durch den Kreis erörtert. Die Überzeugung war, „daß durch ein
Attentat die Krankheit des Nationalsozialismus keineswegs überwunden werden könne“. Es bestünde im Gegenteil die Gefahr, daß ein Märtyrer-Mythos geschaffen werde,
der gefährliche Folgen haben könne, da er eine spätere geistige Neuorientierung erschweren würde.1855
Ein Jahr später fand das bereits erwähnte Gespräch zwischen Moltke und Rösch statt,
wo beide einen „Mord“ ausschlossen. Hier bemerkte Moltke jedoch: „Aber es gibt andere Wege.“1856 Im gleichen Jahr 1941, als man allmählich ein Attentat als unausweichlich ansah, antwortete Moltke auf die bereits angeführte Frage an Christoph von Stauffenberg, den Moltke 1938 in London kennengelernt hatte, ob es denn „nicht endlich
einen [gibt], der diesen Hitler über den Haufen schießt“1857: „Wir sind keine Verschwörer, wir dürfen es gar nicht erst versuchen; es würde schiefgehen, wir würden es dilettantisch machen“, und Moltke schloss an: „Wir sollten uns aber mit der Frage befassen,
was geschehen soll, wenn jemand doch Hitler zu Fall bringen sollte oder wenn er ein
Unglück hat. Ein solches Ereignis darf uns nicht unvorbereitet finden.“1858 Moltke rech-
1853
HFM S. 87.
HFM S. 87. Damit waren die Attentatspläne der Goerdeler-Gruppe gemeint.
1855
Christiansen-Weniger, Fritz: Meine Mitarbeit im Kreisauer Kreis, 19.08.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 2, S.
2; siehe auch Blessing, Karl: Brief an Roon, 24.01.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 1: „Die dem Kreis zugehörenden Männer waren erschüttert über das, was in diesen Jahren im deutschen Namen geschehen ist, sie
beklagten den Verlust jeder Rechtsbasis und litten sehr unter dem moralischen Niedergang. Die Gespräche drehten sich um das, was zu geschehen hätte, wenn Hitler ausgeschaltet sei. Graf Moltke war sehr
religiös eingestellt und […] dachte […] nicht an Tyrannenmord, sondern hoffte auf andere Möglichkeiten
zur Ausschaltung Hitlers und seiner Leute“; siehe auch Bonnesen, Merete: Brief an Roon, 28.06.1962. IfZ
ZS/A-18, Bd. 1: „Das wichtigste für ihn war doch ohne Zweifel, dass er meinte, dass das deutsche Volk
die Niederlage ganz erleben musste, dass das Volk sehen und erkennen musste, was in seinem Namen
geschah und dass nur durch diese Niederlage eine Dolchstoßlegende zu vermeiden war. Ohne eine solche
Erkenntnis hatte, meinte er, das deutsche Volk keine Zukunft, nur durch das Erkennen könnte es sich ein
moralisches Recht für eine weitere Existenz erkämpfen.“
1856
Bleistein, Rösch 1998, S. 307.
1857
Roon, Neuordnung 1967, S. 285.
1858
MBF S. 156.
1854
318
Vergemeinschaftende Quellen
nete also mit einem Attentat und wollte das „Danach“ vorbereiten. Moltke soll auch
Christoph von Stauffenberg nach dessen Vetter Claus gefragt haben: „Wäre mit dem
nichts zu machen?“ Darauf soll Moltke über den Bruder von Claus, Berthold, die Antwort bekommen haben: „Wir müssen zuerst den Krieg gewinnen. Während des Krieges
darf man so was nicht machen, vor allem nicht während eines Krieges gegen die Bolschewisten.“1859 Mit „so was“ war nach Roon ein Staatsstreich und kein Attentat gemeint.1860 Viel später soll Moltke zu Christoph von Stauffenberg gesagt haben: „Na, mit
ihrem Vetter Claus ist inzwischen ja doch einiges zu machen.“1861
Am 16. November 1941 traf Moltke General Föhrenbach1862, dem er einen „Vorschlag“
unterbreitete, worauf sich dieser „Bedenkzeit“ erbat, nachdem er gesagt hatte: „Die Sache ist sehr gut. Ich weiß keinen besseren Weg, aber ich bin dafür nicht gut genug.“1863
Für Freya war dieser Vorschlag Moltkes an General Föhrenbach der Antrag zur Führung eines Staatsstreichs gegen Hitler.1864 Freya sagte 1993 zu den StaatsstreichÜberlegungen:
Mein Mann hat ununterbrochen unter diesem Konflikt gelitten. Ist es besser, Hitler zu beseitigen oder auf das Kriegsende zu warten? Er war nicht gegen den Umsturz per se, aber er
fürchtete, dass er mit schrecklichen Folgen misslingen könnte; und wenn er gelänge, die
Verantwortung für die Niederlage von Hitler wegnehmen könnte, um sie dann wieder
Gruppen in die Schuhe zu schieben, die damit gar nichts zu tun haben.1865
Wenn Moltke einen Staatsstreich anfänglich für notwendig erachtete, so begann er
1942, seine Meinung zu ändern. Moltke hoffte im Herbst 1942 auf eine militärische
Niederlage der Deutschen.1866 Er erteilte dem Drängen in den eigenen Reihen nach einer
Lösung durch ein Attentat eine schroffe Absage: „Wenn Generale putschen, dann geht
es fast immer haarscharf daneben.“1867 Noch im Frühjahr 1942 hatte er an den Erfolg
eines Umsturzes geglaubt, als er an Curtis schrieb:
1859
Stauffenberg, Christoph von, 02.08.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
Roon, Neuordnung 1967, S. 286.
1861
Stauffenberg, Christoph von, 02.08.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
1862
MB S. 323 f.
1863
MB S. 324.
1864
MBF S. 166.
1865
Evangelische Akademie Berlin-Brandenburg, Widerstand 1993, S. 19.
1866
MB (08.11.1942/10.11.1942) S. 432 ff.
1867
Briefliche Äußerung Moltkes gegenüber Hans Heinrich von Portatius, 1943. IfZ, ZS/A-18, Bd. 6;
siehe auch: Schmid, Carlo: Brief an v. z. Mühlen, 31.12.1948. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5 (Moltke und Carlo
Schmid trafen sich auf einer Völkerrechtstagung in Berlin und Moltke besuchte Carlo Schmid öfter in
Lille oder hatte mit ihm Kontakt über OLT von Haeften, der als Kurier fungierte): „Eines Tages kam Herr
von Portatius mit einem Brief Moltke’s zu mir, der in äußerster Depression geschrieben zu sein schien
und dessen Inhalt etwa war: Es sei nunmehr sicher, dass mit Generalen nichts anzufangen sei; man werde
bis zum bitteren Ende warten müssen.[hier folgt dann die Aussage Moltkes, dass er wohl gehenkt würde;
A. d. V.] Aus den Gesprächen mit H. M. [Herr Moltke; A. d. V.] ging deutlich hervor, dass er bis zu
einem bestimmten Zeitpunkt daran geglaubt hat, dass das Naziregime durch einen Gewaltstreich von
1860
319
Vergemeinschaftende Quellen
Wir haben nur dann Aussicht, unser Volk dazuzubringen, diese Schreckensherrschaft
schließlich zu stürzen, wenn wir ihm ein Bild jenseits der schrecklichen, hoffnungslosen
nächsten Zukunft zeigen können. Ein Bild, wonach zu streben, wofür zu arbeiten, woran zu
glauben, wofür neu zu beginnen sich für das enttäuschte Volk lohnt. […]. Wie kann das
Bild des Menschen in den Herzen unserer Mitbürger wiederhergestellt werden? Das ist eine
Frage der Religion, der Erziehung, der Bindungen an Arbeit und Familie, des richtigen
Verhältnisses von Verantwortung und Rechten.1868
Das Jahr 1943, das letzte Jahr für Moltke in Freiheit, war geprägt durch einen ständigen
Kampf mit einigen Freunden in der Attentatsfrage und, angesichts der aussichtslosen
militärischen Lage und der Gräueltaten, durch eine ständige Herausforderung zu Attentats- und Umsturzplanungen sowie der Klärung seiner eigenen Stellung dazu. In diesem
Jahr ist von zwei Staatsstreichplänen im März und im August die Rede. Moltke, der
Attentatsgegner aus ethisch-religiösen Gründen, vergewisserte sich in Verlauf des Jahres über die Frage, ob ein Attentat christlich verantwortbar sei. Er beteiligte sich an weiteren Umsturzplänen, obwohl er andererseits überzeugt war, dass man keinen Staatsstreich, sondern eine Revolution brauche, befürwortete eine gewaltsame Entfernung
Hitlers, sprach sich dann dafür aus, Hitler leben zu lassen, damit dieser und seine Partei
die Verantwortung für das verhängnisvolle Schicksal des deutschen Volkes trage.
Zu Beginn des Jahres 1943 zeigte sich Moltke wiederum gegenüber seiner Frau ungehalten über eine fehlgeschlagene Aktion und spielte damit vermutlich auf einen misslungenen Umsturzversuch einiger Militärs an.1869
Am 19. März 1943 besuchte Moltke den internierten Bischof Eivind Berggrav in Oslo
und besprach mit ihm die Problematik des Attentats. Nach Berggrav war Moltkes erste
Frage: „Können Sie als Christ eine Rechtfertigung für den Tyrannenmord finden?“
Berggrav hatte diese Frage bereits durchdacht und antwortete „prinzipiell ja“, der Tyrannenmord, eine in der christlichen Geschichte umstrittene Frage, könne in gewissen
innen, den gewisse militärische Befehlshaber zu führen haben würden, gestürzt werden könne (gelegentlich sprachen wir von Falkenhausen in diesem Zusammenhang; Graf Moltke hatte keine große Meinung
von seiner Entschlußfreudigkeit). Ebenso sicher ist aber, dass er später an diese Möglichkeit nicht mehr
geglaubt hat und dass ihn mehr als der Gedanke eines gewaltsamen Umsturzes des Regimes der andere
Gedanke beschäftigt hat, in welcher Weise sich eine geistige und moralische Elite vorbereiten müsse, um
den Aufgaben gewachsen zu sein, die ‚nachher’ zu bewältigen sein würden. Ebenso klar ging aus allen
seinen Gesprächen hervor, dass für ihn der ‚Widerstand’ gegen das Böse in der Macht schlechthin meinte,
wo immer dieses Böse sich zeigen mochte, und dass er tief davon durchdrungen war, dass alle Menschen,
ohne Rücksicht auf ihre Nationalität, die Pflicht hätten, sich gegen die böse Macht überall dort zu wenden, wo sie sich befand. Insoweit trug sein Widerstandswillen durchaus gesamteuropäischen Pathos.“
1868
MBF S. 185.
1869
MB (04.03.1943) S. 458. Es handelte sich um das geplante Attentat auf Hitler am 13.03.1943 bei
dessen Besuch bei der Heeresgruppe Mitte in Smolensk; siehe: Schlabrendorff, Offiziere gegen Hitler
1946, S. 64.
320
Vergemeinschaftende Quellen
Fällen gerechtfertigt werden.1870 Berggrav wies Moltke jedoch im Falle der Beseitigung
Hitlers auf die schwierigere Aufgabe hin „eine neue Regierung zu schaffen, die in der
Lage sein würde, Frieden herbeizuführen“1871. Berggrav hielt es Anfang 1943 allerdings
für zu spät, Hitler zu beseitigen. Aus seiner Sicht müssten Moltke und seine Gruppe
helfen, eine zivile Regierung vorzubereiten und insoweit mit der Attentatsgruppe quasi
als deren Sicherung nach dem Attentat zusammenarbeiten. In der weiteren Diskussion
war Berggrav von Moltkes gezeigter Verantwortung für das deutsche Volk tief beeindruckt.1872
Noch auf der gleichen Reise schrieb Moltke am 25. März von Oslo aus an seinen
Freund Curtis, „we need a revolution not a coup d’état“1873 und dass man sich auf die
Generale nicht verlassen könne.
Im Juni 1943 gab es ein für unseren Zusammenhang bemerkenswertes Treffen Moltkes
mit General von Falkenhausen.1874 Dieser erinnert sich:
Aus dieser Zeit ist mir noch ein Zusammentreffen mit Graf Moltke in Erinnerung, den ich
bei gemeinsamen Freunden traf. Er war dienstlich nach Paris gekommen, um nach Mitteln
zu suchen, das von Hitler eingeführte verhängnisvolle und unmenschliche System der Geiselerschießungen abzuschaffen. Auf dem gemeinsamen Heimweg präzisierte ich meine Ansicht dahin, dass man um jeden Preis Hitler gewaltsam beseitigen müsse. Er widersprach
und sagte: „Lassen Sie ihn leben, er und seine Partei müssen bis zum Ende die Verantwortung für das verhängnisvolle Schicksal tragen, das sie dem deutschen Volk bereitet haben,
nur so lässt sich die nationalsozialistische Ideologie ausrotten.“1875
1870
Berggrav, Attentat 1943, S. 2; Heling, Die Theologie Eivind Berggravs 1992, S. 254: „Wenn der
Kutscher trunken ist“ – Über die Pflicht zum Widerstand.
1871
Berggrav, Attentat 1943, S. 234.
1872
Berggrav, Attentat 1943, S. 234.
1873
MBF S. 217: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
Dass nicht ein Staatsstreich, sondern eine Wiederaufrichtung des deutschen Volkes nur nach einer „Reinigung“ notwendig sei, fasste Lilian T. Mowrer nach dem Krieg so zusammen: „Helmuth considered
Nazism a perversion of the human spirit and its pernicious effects would not necessarily be extinguished
by mere military defeat. His resistance movement, therefore differed radically from the conventional coup
d’état. More than anything else he sought to provide for Christian humanistic government which would
be able to pick up the pieces after Hitler’s downfall and bring Germany back into the realm of Western
civilization.[…] He was much more interested in founding a new Germany than in the immediate destruction of the Nazis. This attitude was not fully grasped abroad. When Dorothy Thompson made her broadcasts ‚LISTEN HANS!’ which friends knew she was addressing to Helmuth Moltke she seemed not to
understand that these scruples concerning the taking of violent action were due to no lack of initiative and
physical courage. He knew the end of Nazism was inevitable – and she refused to identify himself with
Gördeler’s murder plot because he was convinced that the sudden collapse of Hitler, before the issues
were clarified, before in fact Germany was purified would be indefinitely more disastrous for Germany
and the whole world than a few more months of Hitler rule. This was the core of his thinking, and it was
the very essence of his being”; in: Mowrer, Lilian T: Brief, 01.03.1964. IfZ, ZS/A-18, Bd. 5, S. 6 (Unterstreichungen übernommen; A. d. V.).
1874
MB (8.6.1943) S. 488 ff. Nach Husen war auch Zweck der Reise, „Leber, einen unbedingten Anhänger eines Systemwechsels auf gewaltsamen Wegen, mit Generaloberst v. Falken hausen in persönliche
Verbindung zu bringen. Dieser Plan zerschlug sich jedoch, weil Falkenhausen erkrankte und den Kampf
absagen musste“, in: Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen o. D. BA NL 166-151, S. 2.
1875
Falkenhausen, Gotthard von: an Roon, 23.04.1963. IfZ, ZS/A-18, Bd. 3.
321
Vergemeinschaftende Quellen
Bei seiner ersten Türkei-Reise im Juli 1943 in der Begegnung mit Rüstow erklärte
Moltke jedoch, er sei gegen ein Attentat auf Hitler, nicht aber gegen seine gewaltsame
Entfernung.1876
Von solchen Umsturzversuchen wusste Moltke und war möglicherweise auch darin
verwickelt. Die Planung eines Umsturzversuchs, der allerdings wieder erfolglos war,
schilderte er am 10. August 1943 seinem Freund Lukaschek, den Moltke gebeten hatte,
nach Berlin zu kommen.
Er berichtete, so Lukaschek, dass Hitler mit Göring und Himmler am 13.8. nach Wolfsschanze, dem Hauptquartier in Ostpreußen, kommen würde. Die Panzerdivision, die die
Bewachung dort führte, sei fest in der Hand von zur Tat entschlossenen Männern. Hitler
und Genossen würden dort gefangen gesetzt und anschließend vor ein Gericht gestellt werden. Beck werde eine Proklamation verkünden, deren Wortlaut er mir vorlas, Goerdeler
werde die Regierung bilden usw.1877
Dass Moltke in diesen Umsturz verwickelt war, lässt sich an zwei Tatsachen festmachen. Zum einen überreichte Moltke Lukaschek eine „Urkunde“, in der dieser zum
Reichskommissar für die Ostprovinzen ernannt und ihm als besondere Aufgabe der
Schutz der deutschen Grenze anvertraut wurde1878, und zum anderen hatte Moltke mit
einem kleinen Kreis der Freunde unter großem Zeitdruck die sogenannten „Grundsatzerklärungen des Kreises“ noch vorher verabschiedet. In Erwartung des Staatsstreichs
der oppositionellen Militärs am 13. August 1943 entwarfen sie1879 in der Nacht vom 08.
auf den 09. August in konzentrierter Arbeit die bereits dargelegten „Grundsätze für die
Neuordnung“, in denen in komprimierter Form die Kreisauer Vorschläge zusammengefasst sind. Das Einleitungskapitel der „Grundsätze“, die im Stil einer Regierungserklärung bzw. eines Regierungsprogrammes abgefasst sind, ist die allumfassende Deklaration der Kreisauer:
Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft. Der
Ausgangspunkt liegt in der verpflichtenden Besinnung des Menschen auf die göttliche
Ordnung, die sein inneres und äußeres Dasein trägt. Erst wenn es gelingt, diese Ordnung
zum Maßstab der Beziehungen zwischen Menschen und Völkern zu machen, kann die Zerrüttung unserer Zeit überwunden und ein echter Friedenszustand geschaffen werden. Die
innere Neuordnung des Reiches ist die Grundlage zur Durchsetzung eines gerechten und
dauerhaften Friedens. Im Zusammenbruch bindungslos gewordener, ausschließlich auf die
Herrschaft der Technik gegründeter Machtgestaltung steht vor allem die europäische
1876
MBF S. 261.
Lukaschek, Hans: „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“, 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 8.
1878
Lukaschek, Hans: „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“, 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 8.
1879
Neben Moltke und Yorck waren beteiligt: Trott, Steltzer, Mierendorff, Haubach und van Husen. Sie
fertigten und verabschiedeten dieses Dokument bis Montagmorgen um 4.30 Uhr; vgl. den Brief Moltkes
an seine Frau Freya vom 10.08.1943; MB S. 523 f. sowie den Brief Yorcks vom 09.08.1943 nach München, in dem er schrieb, dass die mitgeschickten Anlagen erst Montagmorgen um 4.30 Uhr fertiggestellt
und verabschiedet worden seien; in: Bleistein, Dossier 1987, S. 340; MBF S. 232 f.
1877
322
Vergemeinschaftende Quellen
Menschheit vor dieser Aufgabe. Der Weg zu ihrer Lösung liegt offen in der entschlossenen
und tatkräftigen Verwirklichung christlichen Lebensgutes.1880
Es fällt außerdem auf, dass Moltke am 10. August 1943 seiner Frau ein neues Testament schickte und sie bat, das „Anerben“ des Sohnes Caspar nach dem Reichserbhofgesetz in die Wege zu leiten.1881 Dies waren außergewöhnliche Maßnahmen, die man
unternimmt, wenn man eine Lebenszäsur, positiv oder negativ, erwartet.
Reisert1882 berichtet von einem weiteren Umsturzversuch unter Beteiligung Moltkes.
Einige Generäle sollen auf Vermittlung Moltkes mit dem Vorschlag an Sperr herangetreten sein, Bayern solle mit einem bewaffneten Aufstand Hitler auf dem Obersalzberg
festnehmen, sie würden dann auch losschlagen.1883 Die Existenz dieses Planes wurde
von Steltzer bestätigt.1884 In dem Brief an Freya vom 20./21. September 19431885 scheint
Moltke auf diese Unterredungen mit Sperr in München hingewiesen zu haben.
Der Widerspruch zwischen dem Abschiedsbrief, in dem Moltke herausstrich, „er habe
nur gedacht“, und den Umsturzversuchen, in die er verwickelt war, löst sich nach Lukaschek insoweit auf, als Moltke durch diese Betonung der Gewaltfreiheit denen beistehen
wollte, die nach ihm abgeurteilt wurden.1886 Husen kam zu einem anderen Ergebnis. Er
sprach Moltke eine durchaus aktive Rolle bei der Umsturzplanung zu. Zur Zeit seiner
Verhaftung habe Moltke ganz und gar auf dem Standpunkt gestanden, dass versucht
werden müsste, „das Hitler-System mit Gewalt zu beseitigen, wenngleich er den Ausgang eines solchen Versuches nicht optimistisch beurteilte, im tiefsten Inneren doch
vom schicksalhaften Ablauf der Katastrophe überzeugt war“1887. Als Hinweis für seine
These diente Husen zum einen die Ankara-Reise mit der nicht verwirklichten Absicht,
unter Umständen in einer amerikanischen Uniform nach Kairo zu fliegen, um dort mit
den Amerikanern in Kontakt zu treten, zum anderen der geplante Besuch bei General
von Falkenhausen. Hinsichtlich des in der Attentatsfrage anderslautenden Abschiedsbriefs Moltkes erklärte Husen, dass dessen Kernpunkt der „sichtbare werdende Stolz
[sei], dass ihm nichts anderes als das Denken nachgewiesen worden sei. Es spricht aus
1880
Grundsätze für die Neuordnung; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 307.
MB (10.8.1943) S. 524.
1882
Reisert, Franz, 1889-1965, Rechtsanwalt in Augsburg, Kontakt zum Kreis um Sperr und über Augustin Rösch und Alfred Delp zu Helmuth James von Moltke, verurteilt zu fünf Jahren Zuchthaus.
1883
Roon, Neuordnung 1967, S. 284.
1884
Steltzer, Theodor: Brief an Roon, 31.08.1964, IfZ, ZS/A-18, Bd. 7.
1885
MB S. 544: Morgens frühstückte Moltke mit Reisert und von einer Nachmittagssitzung in München
schrieb er: „Gestern Nachmittag sind wir ganz nett weitergekommen.“
1886
Lukaschek, Hans: „Was war und wollte der Kreisauer Kreis“, 20.02.1958. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4, S. 8.
1887
Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen o. D. BA NL 166-151, S. 2.
1881
323
Vergemeinschaftende Quellen
diesen Zeilen der Stolz auf das Funktionieren des von ihm als Verschwörer aufgezogenen Apparates, der einen anderen Nachweis zu führen unmöglich gemacht hat.“1888
Betrachtet man die Quellenlage, so kann man feststellen, dass Moltke aufgrund der sich
verschärfenden innenpolitischen und militärischen Situation von der ursprünglichen
gewaltfreien Position1889 abwich, einen Umsturz zwar guthieß, aber ein Attentat auf
Hitler ablehnte. Dies muss allerdings insoweit eingeschränkt werden, als Moltke nicht
ausschließen konnte, dass bei einem Umsturz mit dem Ziel einer Festnahme Hitlers, um
ihn vor Gericht stellen zu können, dieser aufgrund einer unerwarteten Situation nicht
doch ermordet werden würde. Außerdem mag der Ratschlag Berggravs, trotz Ablehnung eines Attentats mit den Attentätern zusammenzuarbeiten, um das „Danach“ abzusichern, bei Moltke wirksam gewesen sein. Denn Moltke war klar, dass mit einem Attentat das geistige Grundübel nicht beseitigt sei und ohne eine langfristige Änderung der
geistigen Grundhaltung gegenüber dem Staat und der Demokratie die Deutschen keine
politische Zukunft hätten. „Es ging ihm um die geistige Überwindung des Nationalsozialismus, ohne die ein politischer Neuaufbau nicht möglich war.“1890
Zu seinen vorherrschenden ethisch-religiösen Gründen für eine Attentatsablehnung kamen mit Sicherheit auch noch pragmatische Gründe hinzu, zumindest bis zum August
1943. Im Frühjahr 1943, als sich zum ersten Mal aufgrund der militärischen Lage die
Frage des Umsturzes drängend stellte, vorher waren solche Überlegungen für die Kreisauer tabu, erblickte Moltke noch keine Gelegenheit zum Handeln.1891 Die Kreisauer
Planungen waren noch nicht ausgereift, der Ausgleich mit den Sozialisten war noch
nicht geschaffen, das Zusammentreffen mit Beck und Goerdeler am 08. Januar 1943
deckte schwerwiegende Meinungsverschiedenheiten auf.1892 Moltke hoffte auf eine „gesunde, organische Lösung“, die er durch einen überstürzten Umsturz oder ein Attentat in
Gefahr sah. „Tatsächlich muss eben noch viel mehr in Schutt und Asche liegen, ehe die
Zeit reif ist.“1893 Die verstärkte Arbeit, um die Kreisauer Grundsatz- oder „Regierungs“Erklärung bis zum 09. August1943 fertigzustellen, zeigt jedoch, dass sich Moltke nicht
mehr gegen den Lauf der Dinge stemmte.
1888
Husen, Paulus van: Interview mit v. z. Mühlen o. D. BA NL 166-151, S. 2 (Unterstreichung übernommen).
1889
Ursprünglich war für die Kreisauer die Überlegung eines Umsturzes tabu, weil sie davon ausgingen,
dass der Zusammenbruch durch einen selbsttätigen Prozess herbeigeführt werde.
1890
Maier, Der Kreisauer Kreis im deutschen Widerstand 2007a, S. 4.
1891
Mommsen, Die künftige Neuordnung Deutschlands und Europas 1993. S. 8 f.
1892
MB (9.1.1943) S. 450 f.
1893
MB (4.8.1943) S. 519.
324
Vergemeinschaftende Quellen
Nach Poelchau, der Moltke fast täglich in der Tegeler Haft besuchte, habe Moltke
selbstverständlich zu seinen Freunden gehalten und nicht vor der Gestapo versucht, sich
von ihnen zu distanzieren, obwohl er noch in der Haft ihm gegenüber seinem Bedauern
über die Teilnahme der Kreisauer am 20. Juli Ausdruck gab.
Er hielt die Verbindung von so heterogenen Gruppen, wie die Gruppe der deutschnationalen Wirtschaftsführer um Dr. Goerdeler, die immer den Sozialismus bekämpft hatte, den
aristokratischen Offiziersgruppen und den Vertretern des Sozialismus, für widernatürlich.
Er glaubte nicht, daß daraus ein konstruktives Werk entstehen könne. Er sah – im Gegenteil
– den frühzeitigen Abbruch einer politischen Bewegung, die nicht zum Ausreifen kommen
konnte und nur ein Chaos hinterlassen musste.1894
Dies kann man als einen späten Beweis der Vergemeinschaftung werten.
Wenn man sich fragt, was aus dieser Attentatsfrage als „Neuordnung“ in das Nachkriegsdeutschland hinüberreichte, so kann man Lill beipflichten:
Die Rückkehr der Hitlergegner zum Naturrecht, die Wiederverankerung überpositiver und
vorstaatlicher Rechtsprinzipien im staatsrechtlichen Denken, die ihr Opfer überdauert hat,
ist daher ihr bleibendes Verdienst: Bei der Begründung der Verfassung der Bundesrepublik
als einer wertgebundenen Ordnung hat dieser Ansatz strukturierend gewirkt.1895
Aber es gilt auch, dass der Kreisauer Kreis erst durch die Tat von Trott und Stauffenberg, die den engsten Kontakt zwischen den Freunden und den Verschwörern des
20. Juli bildeten, seine Strahlkraft erhielt.1896
1894
Poelchau, Die letzten Stunden 1987, S. 105.
Lill, Widerstand: Resonanz 1994, S. 18.
1896
Winterhager, Zukunftsplanung 2009. S. 25
1895
325
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
5
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer
Widerstand
Nachdem die Stellung des christlichen Glaubens bei der Betrachtung des Widerstandes
und insbesondere bei der Frage des Tyrannenmordes schon teilweise behandelt wurde,
soll in Anlehnung an Klemperer1897 noch gefragt werden, inwieweit der christliche
Glaube half, die Widerständigkeit zu bewältigen, oder ob der Widerstand der Kreisauer
ohne die Kategorie des christlichen Glaubens überhaupt erklärbar ist. Dies gilt insbesondere für die existenzielle Auseinandersetzung „im Angesicht des Todes“1898 derjenigen Kreisauer, die kurz vor oder nach dem Attentatsversuch 1944 in Haft genommen
und dann teilweise hingerichtet wurden. Da die Kreisauer beiden christlichen Konfessionen angehörten, konnten sie nur in ökumenischer Haltung agieren. Deshalb soll auch
nach den besonderen ökumenischen Anstrengungen der Einzelnen gefragt werden. Dieser Fragestellung sollen die allgemeine Situation der Ökumene in der Zwischenkriegszeit, die vom Kreisauer Kreis den Kirchen zugedachten Aufgaben, ihre Erwartungen an
die konfessionelle Zusammenarbeit und Hinweise zu der von den Kreisauern aktuell
gelebten praktischen Ökumene vorangestellt werden.
In der Zwischenkriegszeit trat, parallel zu einer erneuten Sicht der Kirche, die nun stärker als Gemeinschaft und Mysterium verstanden wurde, die konfessionelle Apologetik
und Kontroverse zurück. Die höchste Ausdrucksform der Kirche, die Liturgie, rückte in
den Mittelpunkt des Interesses und wurde den Gläubigen durch unzählige Schriften erschlossen.1899 Dies galt für die Mitglieder beider Kirchen; so bildete sich auch die bereits genannte hochkirchliche Bewegung der Michaelsbruderschaft in der evangelischen
Kirche heraus. Das Bestreben setzte sich durch, die getrennten Gemeinschaften besser
kennenzulernen, der Unterschiede in Dogma und Frömmigkeit gewahr zu werden, Vorurteile abzubauen und „durch besseres Verstehen eine theologische Verständigung vorzubereiten“1900. Nach 1933 sollte als entscheidender Katalysator für katholischevangelische Dialoge der Druck des totalitären Regimes auf beide Konfessionen hinzukommen.1901 Paradoxerweise ließ die weitgehende Behinderung der Kontakte zur offiziellen, protestantisch dominierten ökumenischen Bewegung durch die Politik – Gers-
1897
Klemperer, Glaube, Religion, Kirche 1980.
So lautet der Titel eines Buches mit Schriften von Delp aus Tegel; siehe Delp, Im Angesicht des Todes 1947.
1899
Ernesti, Ökumene im Dritten Reich 2007, S. 12.
1900
Wiedenhofer, Ökumenische Theologie 1980, S. 231.
1901
Scholder, Die Kirchen und das Dritte Reich 1977, S. 560-626.
1898
326
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
tenmaier als Vertreter des Kirchlichen Außenamtes wurde die Teilnahme an der ökumenischen Weltkonferenz in Oxford im Jahre 1937 untersagt – neue Begegnungsformen und einen echten Dialog zwischen Protestanten und Katholiken, wie er auch im
Kreisauer Kreis anzutreffen war, entstehen.1902 Dieser neue Dialog zwischen den beiden
Kirchen blieb dem SD allerdings nicht verborgen, wie sein 56-seitiger Lagebericht von
1940 zeigt.1903
Wie in der Arbeit schon dargelegt, hatten die Planungen des Kreisauer Kreises nicht den
gewaltsamen Umsturz, sondern vielmehr das Programm einer Nachkriegsordnung zum
Ziel. Die geistigen Grundlagen des zukünftigen Gemeinwesens waren zu bedenken, „da
die politische Katastrophe als Folge einer umfassenden moralischen Katastrophe gedeutet wurde“1904. Schon auf der 1. Kreisauer Tagung wurde den Kirchen die Aufgabe zugedacht, an der religiös-sittlichen Erneuerung mitzuarbeiten. Dabei waren die Kreisauer
natürlich an einer engen Zusammenarbeit der beiden christlichen Kirchen interessiert
und ausdrücklich wurde die Ökumene der vorhergehenden Jahre begrüßt1905, wie sich
aus dem bereits zitierten Text „Erwartungen der Menschen an die Kirche“1906 ergibt, wo
die Blindheit des Konfessionalismus gegeißelt und das Handeln beider Kirchen, die
Ökumene voraussetzend, sowie die Zusammenarbeit zwischen Kirchen und Arbeiterschaft/Gewerkschaften als möglich erachtet wird. Auch Poelchau arbeitete, wie schon
erwähnt, als evangelischer Theologe an dem Gedanken der „Deutschen Christenschaft“1907 zur Vertretung der gemeinsamen kirchlichen Anliegen bei kommunalen und
staatlichen Stellen1908 mit, wobei dieser Vorstoß dann wieder fallen gelassen wurde. Als
wesentliche Aufgaben der Kirchen betrachteten die Kreisauer u. a. die „Wiederverchristlichung der Arbeiterschaft“1909 und die Vermeidung eines religiös-kulturellen
Chaos in einem unter Umständen besetzten Deutschland.1910 Für die Neuordnung
Deutschlands und Europas sollte das Wertefundament des Christentums als Basis dienen.
1902
Siehe auch Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 84.
Lagebericht des SD „Wiedervereinigungsbestrebungen zwischen Katholizismus und Protestantismus“, BA-BER, R 58-5714, fol. 665r-692v.
1904
Ernesti, Ökumene im Dritten Reich 2007 S. 312.
1905
Bleistein, Kirche und Politik 1987b, S. 148 ff.
1906
Bleistein, Dossier 1987a, S. 184 ff.
1907
Bleistein, Dossier 1987a, S. 359; dort von Moltke aufgegriffen.
1908
Huber, Museumspädagogik und Widerstand 1981, S. 357.
1909
Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus 1985, S. 281, 264 f, 297; Delp I, S. 30; Bleistein, Geschichte eines Zeugen 1989, S. 258 f.
1910
Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus 1985, S. 265.
1903
327
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
Da die Kreisauer offensichtlich ein hohes Interesse an der Überwindung der Differenzen
der beiden christlichen Kirchen hatten, ergibt sich die Frage nach dem Gehalt ihres
Ökumeneverständnisses. Eine Antwort kann sich aus der Betrachtung der Haltung
Delps1911 zur Ökumene erschließen, da er die Kreisauer Texte in dieser Hinsicht wohl
am meisten prägte. Er war zwar katholisch getauft, aber evangelisch erzogen worden,
wandte sich jedoch kurz vor der Konfirmation wieder der katholischen Kirche zu und
war im Grunde ein Konvertit. Es lässt sich eigentlich kein nennenswertes ökumenisches
Engagement Delps feststellen, sondern vielmehr ein Abfinden mit der geschichtlichen
Spaltung1912, wie es auch im Silvestergruß an Gerstenmaier 1944 zum Ausdruck
kommt, wo er davon spricht, die Last der Trennung weiterzutragen. Diese Spaltung sei
durch Liebestätigkeit und Diakonie zu überwinden.1913 Somit blieb Delp hinter dem
aktuellen Diskussionsstand zurück, den er von seinem StdZ-Kollegen Max Pribilla kennen musste.1914 Im Gegensatz zu Delp war Pribilla ein Ökumeniker.1915 Es wäre allerdings zu prüfen, inwieweit der in der sogenannten „Dritten Idee“ Delps dargelegte personale Sozialismus Berührungspunkte mit dem religiösen Sozialismus der Schüler Tillichs hatte und somit ökumenisches Gedankengut enthielt.1916 Auch bei Gerstenmaier
und Poelchau gibt es quellenmäßig keine Belege für eine ökumenische Arbeit im
eigentlichen Sinn, d. h. die theologische Überwindung der konfessionellen Spaltung.
Gerstenmaier bereitete zwar die Oxforder Weltkirchenkonferenz 1937 im Auftrag des
Kirchlichen Außenamtes, das auch für die Vertretung der Deutschen Evangelischen
Kirche in der ökumenischen Bewegung zuständig war, wissenschaftlich vor, aber keiner
der Beiträge ist der für den Kreisauer Kreis interessanten Frage der Annäherung der
beiden christlichen Kirchen gewidmet.1917
1911
Bleistein, Alfred Delp SJ und die Ökumene, 1994, S. 16-19.
Delp IV S. 319; „Und wenn wir wieder draußen sind, wollen wir zeigen, dass mehr damit gemeint
war und ist als eine persönliche Beziehung. Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir
als Last und Erbe weiter tragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden.
An die Eintopfutopien glaube ich so wenig wie Du, aber der Eine Christus ist doch ungeteilt und wo die
ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird es uns besser gelingen als es unseren streitbaren Vorfahren und
Zeitgenossen gelang. – Ich habe auch außer der Messe das Sakrament immer in der Zelle und rede mit
dem Herrn oft über Dich. Er weiht uns hier zu einer neuen Sendung. Alles Gute und seinen gnädigen
Schutz“; Kassiber von Alfred Delp an Eugen Gerstenmaier am 31. Dezember 1944, in: Delp IV, S. 76 f.
1913
Delp IV S. 319.
1914
Ernesti, Ökumene im Dritten Reich 2007, S. 23.
1915
Pribilla, Die Una-Sancta-Bewegung 1942.
1916
Müller, Delp – Ansätze einer ökumenischen Theologie 2010. S. 23.
1917
Gerstenmaier, Die Kirche und die Kirchen 1937. Hier postuliert Gerstenmaier „bestenfalls das Mitund Nebeneinander der einzelnen Kirchen in einer zwischenkirchlichen […] Einheitsorganisation, nicht
aber die allein in der Einheit des verkündigten Christus beschlossene, wahrnehmbar gegenwärtige Einheit
der Una Sancta“; S. 125.
1912
328
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
Gleichwohl herrschte bei den Kreisauern ein ökumenischer Geist insofern, als sie die
Überwindung der konfessionellen Spaltung zu ihren Zielen zählten. Ernesti bezeichnet
den Kreisauer Kreis nicht nur als gemischt- oder überkonfessionell, sondern als intrakonfessionell.1918
Wichtig für die Kreisauer war die praktische Zusammenarbeit der Kirchen; sie wollten
keine „Eintopfutopien“1919, sondern „versöhnte Verschiedenheit“1920. Kontroverse dogmatisch-theologische Fragen rückten eher in den Hintergrund, die Einheit in Christus,
sein Dienst am Menschen sollte zum Grundkonzept eines neuen Deutschlands in einem
befriedeten Europa werden.1921 So beginnt auch die Präambel der Grundsätze: „Die Regierung des Deutschen Reiches sieht im Christentum die Grundlage für die Überwindung von Haß und Lüge, für den Neuaufbau der europäischen Völkergemeinschaft.“1922
„Für einen bestimmten Bereich wurde dezidiert die Einheit als Einigkeit im Handeln
postuliert und in den Debatten des Kreises vorweggenommen“, stellt Ernesti fest.1923
Die Wichtigkeit der Kirchen für die Kreisauer wird auch in den Briefen Moltkes an Curtis deutlich. In seinem Brief aus dem Jahre 1942 spricht er ein allmähliches geistiges
Erwachen der deutschen Bevölkerung an, wobei das Rückgrat dieser Bewegung die
beiden christlichen Konfessionen bildeten.1924 Ein Jahr später schreibt er von der Mobilisierung der Kirchen, die „in dieser Zeit Großartiges geleistet hätten“1925, durch die
Opposition, somit von einem Baustein im Neuordnungskonzept. Die Kirchen waren für
die Kreisauer zu einer „zur Rettung noch fähigen Macht“1926 geworden, mit dem Ziel,
entfremdete Kreise wiederzugewinnen und den Menschen eine „innere Führung“1927
zurückzugeben. Die praktische Ökumene der Kreisauer führte nicht nur über Klassengegensätze und Konfessionen hinweg, sondern zentrierte die großen Themen für die
Zukunft der Gesellschaft: „Menschenwürde, soziale Freiheit und ein befriedetes, versöhntes Europa.“1928 Die Kreisauer bezogen bei ihren Planungen die jeweiligen Kirchenleitungen ein und achteten im Gesprächsprozess auf eine Rückbindung an katholi-
1918
Ernesti, Ökumene im Dritten Reich 2007. S. 317.
Delp IV, S. 76.
1920
Müller, Delp – Ansätze einer ökumenischen Theologie 2010, S. 53.
1921
Müller, Delp – Ansätze einer ökumenischen Theologie 2010, S. 55.
1922
Grundsätze für die Neuordnung, in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 307.
1923
Ernesti, Ökumene im Dritten Reich 2007, S. 318.
1924
Brief Moltkes an Lionel Curtis, 18.04.1942. BLO, Lionel Curtis Papers, Box 99.
1925
Moltke, Brief an Curtis, 25.03.1943; in: Lindgren, Trotts Reisen nach Schweden 1970, S. 287.
1926
Bleistein, Dossier 1987a, S. 196.
1927
Bleistein, Dossier 1987a, S. 196.
1928
Müller, Delp – Ansätze einer ökumenischen Theologie 2010, S. 49; Bleistein, Dossier 1987a, S. 196200.
1919
329
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
sche und evangelische Bischöfe.1929 Es bestanden Kontakte zu den Bischöfen Konrad
von Preysing (Berlin), Kard. Michael von Faulhaber (München), Johannes B. Dietz
(Fulda), Kard. Adolf Bertram (Breslau), Andreas Rohracher (Salzburg) und auf evangelischer Seite zu Landesbischof Theophil Wurm (Stuttgart). So entwickelte sich im
Kreisauer Kreis eine lebendige ökumenische Gesprächskultur, „während die offiziellen
Kirchenrepräsentanten trotz der Bedrängung ihrer Kirchen durch Staat und Partei über
gelegentliche Kontakte nicht hinauskamen.“1930
Die religiöse Ausgangsposition der Kreisauer war, wie im Kapitel 3.3 „Religiöse Einstellungen“ beschrieben, sehr unterschiedlich; deshalb ist es auch verständlich, dass die
oben gestellte Frage individuell verschieden ausfällt. Da ist zunächst die Gruppe der
kirchennahen Kreisauer, der Theologen der beiden Kirchen und der im kirchlichen Leben fest Verwurzelten wie Haeften, Steltzer, Gablentz und Yorck auf der evangelischen
und Husen, Lukaschek sowie Peters auf der katholischen Seite. Eine zweite Gruppe war
zwar eher kirchenfern, aber einige entwickelten in der Widerstandszeit in wachsendem
Maß eine tiefe Gläubigkeit; dazu gehören die Sozialisten und Trott.1931 Diese Gruppe,
allerdings ohne Leber, stellte zugleich die Mitglieder der sogenannten religiösen Sozialisten1932 unter den Kreisauern, zu denen auch die kirchennahen Gablentz und Poelchau
gehörten. Es handelte sich bei den religiösen Sozialisten um eine Gruppe, die „die Unbedingtheitsforderung für den Menschen auch in seiner Ordnung der modernen Industriegesellschaft zur Erfüllung bringen wollte“1933. Der Begriff „religiöser Sozialismus“
ist leicht missverständlich, das Wort „religiös“ darf nicht konfessionell-kirchlich verstanden werden.1934 Die Gruppe des „Bundes religiöser Sozialisten“ war allerdings um
ein Heimatrecht der Sozialdemokraten in der evangelischen Kirche bemüht. „Sie wollte
die geschichtlich bedingte Spannung zwischen Kirche und Sozialismus überwinden.“1935 Dies beobachtete auch Trott1936 in seiner Analyse im September gegenüber
W. A. Visser’t Hooft, die dieser in seinen „Notes on the Situation“ für die englische
Kirche verwendete. Dort hieß es: „The socialists have been weakened by the fact that
1929
Dies wurde auch im sog. Kaltenbrunner Bericht an Martin Bormann vermerkt; KB S. 390 f.
Brakelmann, Widerstand im Glauben 2007, S. 58.
1931
Krusenstjern, Trott Biographie 2009, S. 418.
1932
Tillich, Religiöser Sozialismus 1956, S. 508: Religiöser Sozialismus „suchte zu den religiösen Wurzeln des Sozialismus vorzudringen und ihn auch in seiner säkularsten antireligiösen Form als Ausdruck
eines letzten Selbstverständnisses menschlicher Existenz zu begreifen.“
1933
Poelchau, Ordnung 1963, S. 26.
1934
Tillich, Religiöser Sozialismus 1956, S. 507.
1935
Poelchau, Ordnung 1963, S. 27.
1936
Trott war nicht Mitglied im Bund der religiösen Sozialisten, aber hatte in seinem Berliner Semester
1929 engen Kontakt mit ihnen; siehe Schott, Adam von Trott 2001, S. 82 f.
1930
330
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
certain points of their programme have been carried out by the nazis rather than by
themselves“, womit wohl die Beseitigung der Arbeitslosigkeit gemeint war. Es heißt
dann weiter:
The only kind of socialism which can continue to resist is that which is based on faith in the
freedom and dignity of man. This is at the moment only to be found among a small élite. It
is important to note, that these socialists turn increasingly to Christianity, since they have
discovered that socialism needs a Christian basis in order to find sufficiently deep and indestructible roots.1937
Die religiöse Situation von Moltke, Gerstenmaier und Delp, die die „una sancta1938 in
vinculis“1939 im Tegeler Gefängnis, im Totenhaus bildeten, soll gesondert betrachtet
werden.
5.1
5.1.1
Kreisauer, fest in Glauben und Kirche verankert
Haeften
Die religiöse Ausrichtung und die christlich-religiösen Motive Haeftens zum Widerstand wurden bereits beschrieben. Böhm fasst diese Haltung zusammen in Haeftens
fester Abneigung gegenüber dem Bösen1940 und in seinem christlichen Glauben1941.
„Ein solcher Mann konnte nur ein kompromissloser Gegner des Nationalsozialismus
sein. Zwischen ihm und dem System Hitlers herrschte […] Wesenshass. Jedes Element
seines Charakters widersprach charakteristischen Merkmalen des Regimes“1942, führt
Böhm in seiner Skizze aus. Auch seine Liebe zu Deutschland ließ ihn widerständig
werden, er wollte Deutschland wieder christlich machen. „Denn im Abfall vom Christentum sahen Haeften und sein Kreis den eigentlichen geschichtsmetaphysischen Grund
der drohenden Katastrophe.“1943 Haeften forderte auch, dass der „homo publicus“ vom
Theologen Hinweise für „konkrete Anwendungen christlicher Einsichten auf die Aufgaben menschlicher Lebensordnung“1944 erhalte, „sub specie fidei christianae“1945, wie
er hinzufügte. In diesem Punkt machte Haeften einen Unterschied zwischen der evangelischen und katholischen Kirche aus:
1937
Boyens, Kirchenkampf und Ökumene 1973, S. 325.
Es wird auf die „Una-Sancta-Bewegung“ angespielt. Diese wurde von Dr. Max Josef Metzger (18871944) mit dem Ziel begonnen, die großen christlichen Konfessionen von der Wiedergewinnung der sichtbaren Einheit zu überzeugen. Er wurde mehrfach verhaftet, am 14.10.1943 vom VGH zum Tode verurteilt und am 17.04.1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet; siehe auch: Metzger, Una
Sancta 1941, S. 16-22.
1939
Delp IV S. 60 f.
1940
Böhm, Skizze 1946, S. 2.
1941
Böhm, Skizze 1946, S. 10 f.
1942
Böhm, Skizze 1946, S. 12.
1943
Böhm, Skizze 1946, S. 16.
1944
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 120.
1945
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 120.
1938
331
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
Trotz seiner Meinung, daß die Welt des Teufels sei, wird auch der Protestantismus nicht
behaupten wollen, daß die Kirche zwar Christus, die Welt aber den Teufel zum Herrn habe.
Immerhin ist dem Protestantismus das lebendige Bewusstsein davon verloren gegangen,
daß alle irdischen Dinge […] in einem „ordo“ stehen,1946
den Augustinus die „civitas dei“ benennt. Der Katholizismus habe dies klarer erkannt,
aber qua Kirche die falsche Konsequenz gezogen, ein für alle Mal verbindliche Sozial-,
Staats- und Gesellschaftsdoktrinen zu entwickeln. Der Protestantismus sei hier oft
freier, „aber er muß endlich inne werden, daß er in der Lage sein müsste, Antwort zu
geben“1947. Haeften war bezogen auf die beiden christlichen Kirchen vollkommen unverkrampft und lebte die Ökumene. Es ist bezeichnend für Haeften, dass er sich bei seiner Arbeit in Rumänien, um Deutschland für die Orthodoxie auf dem Balkan zu öffnen1948, eng an die römische Kirche anschloss und dabei den Vorwurf eines Klerikalen
nicht scheute.1949 Schon während seiner Zeit als Kulturattaché in Wien verfolgte Haeften seine ökumenischen Interessen und stellte Verbindungen zu katholischen und protestantischen Gruppen her; dazu zählten der katholische Jugendbund Neudeutschland
und die evangelische Michaelsbruderschaft.1950 Böhm beschreibt das Christentum Haeftens als bewusst evangelisch-kirchlich „ohne jedes konfessionelle Ressentiment“1951. So
habe er der katholischen Kirche mit christlicher Anteilnahme und großem Respekt und
dem damaligen Oberhaupt, in dem er einen großen Christen und unerschrockenen Verkünder des Wortes in einer apokalyptischen Zeit sah, mit persönlicher Verehrung
gegenübergestanden.
Diese christliche Brüderlichkeit entsprang aber nicht erst der Überlegung, dass Hitlers frontaler Angriff auf das Christentum die Christen dazu nötigte, ebenfalls eine gemeinsame
Front zu beziehen, sondern einer unabgeleiteten, ursprünglichen religiösen Gesinnung, die
das Friedens- und Einheitsvermächtnis Christi ernstnahm.1952
Die Bewältigung des Widerstands war auch in der letzten existenziellen Frage bei Haeften nur durch seinen christlichen Glauben möglich. Dies zeigt sich in seinem Abschiedsbrief vom 15. August 1944. Darin beschuldigte er sich, das fünfte Gebot nicht
„heilig“ gehalten und in all den Zweifeln nicht still und geduldig genug gewartet zu
haben, bis Gott seinen Willen kundgetan habe. Aber er starb „in der Gewißheit göttlicher Vergebung, Gnade und ewigen Heils; und in der gläubigen Zuversicht, daß Gott all
das Unheil, Schmerz, Kummer und Not und Verlassenheit […] aus Seinem unermessli-
1946
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 121.
Haeften, Briefe 1931-1944, S. 121.
1948
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 78 f.
1949
Zeller, Geist der Freiheit 1965, S. 146
1950
Klemperer, Verschwörer 1994, S. 37.
1951
Böhm, Skizze 1946, S. 12.
1952
Böhm, Skizze 1946, S. 12.
1947
332
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
chen Erbarmen in Segen wandeln kann“1953. Er fuhr dann fort: „Mein letzter Gedanke
[…] wird sein, daß ich Euch meine Lieben des Heilands Gnade und meinen Geist in
seine Hände befehle. So will ich glaubensfroh sterben.“1954
5.1.2
Yorck
Die religiöse Einschätzung Yorcks durch den SD vom 04. Oktober 1944 ist eindeutig.
So wurde festgestellt, dass Graf Yorck sonntäglich den evangelischen Gottesdienst besucht und eine streng kirchliche, fast pietistische Linie vertreten habe. Es habe eine größere kirchliche Bindung als etwa bei Schulenburg, Schwerin oder Stauffenberg vorgelegen.1955 Der Bericht an Bormann vom 07. August stellte auch fest, dass Stauffenberg,
Yorck, Schwerin und Schulenburg „etwa 3 bis 4 Wochen vor dem Anschlag lang und
breit darüber gesprochen“ haben, „daß das Christentum wieder die tragende seelische
Kraft der Zukunft sein solle.“1956 In der Verhandlung im August 1944 benannte Yorck
Freisler gegenüber den Grund seiner Widerständigkeit. Judenausrottung und die nationalsozialistische Auffassung vom Recht vermutete Freisler, aber in Wahrheit gebot
Yorcks christlicher Glaube dessen Widerstand; dies wird in Yorcks viel zitierter Aussage vor dem VGH überdeutlich: „Das Wesentliche ist, […], der Totalitätsanspruch des
Staates gegenüber dem Staatsbürger unter Ausschaltung seiner religiösen und sittlichen
Verpflichtungen Gott gegenüber.“1957 In der Vernehmung vom 31. Juli 1944 wurden
vom SD als Motiv des „stark dekadente[n], in bürgerlich-christlichen Vorstellungen
lebenden“ Yorck dessen Worte zitiert: „Ich bin der Überzeugung, daß eine europäische
Einigung […] sich nur verwirklichen lässt auf dem gemeinsamen Boden der abendländischen Vergangenheit, die im wesentlichen geprägt ist durch Hellenismus, Christentum
und die Schöpfung des deutschen Geistes.“1958 Auch hier scheint wieder der Bezug zum
Christentum als Grund für die Widerständigkeit Yorcks auf.
Die Frage, inwieweit der christliche Glaube half, seine Widerständigkeit zu bewältigen,
lässt sich aus Yorcks Briefen an seine Frau erkennen. Im Sommer 1943, also zur Zeit
des für August geplanten Attentats, muss sich Yorck stark mit existenziellen Überlegungen befasst haben. Er schrieb an seine Frau, dass die ihm nachgesagte philosophische Gelassenheit „vielmehr die demutsvolle Erkenntnis der eigenen Ohnmacht und der
1953
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 90.
Haeften, Barbara, „Nichts Schriftliches“ 1997, S. 91.
1955
KB S. 436.
1956
KB S. 167.
1957
Budde, Die Wahrheit über den 20. Juli 1952, S. 56.
1958
KB S. 110.
1954
333
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
gelebte Wunsch, alles in Gottes Hand in zuversichtliche Ruhe legen zu können“1959, sei,
und er zitierte den in der Sonntagspredigt von Pfarrer Lilje gehörten 17. Vers des 118.
Psalms: „Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werk verkünden.“1960
Nach einer Abendmahlfeier im Mai 1944, zu einem Zeitpunkt der Aussichtslosigkeit
der Kriegsereignisse, „fühlt“ er: „[…] alle Einzelgeschehnisse und Einzeleindrücke verdichten sich zu dem Verspüren des waltenden Schicksals, und die Allmacht Gottes wird
sozusagen handgreiflich und übermächtig in die Welt einwirkend.“1961 Die daraus erwachsende „vertrauende Hoffnung“ empfand er als „besonderes Geschenk“, das ihm
„gnadenvolle Kraft“1962 vermittelte. Vor seinem Prozess im VGH am 07./08. August
1944 teilte er seiner Frau die Gottergebenheit am gefühlten „Ende unseres schönen und
reichen Lebens“1963 mit:
Daß Gott es so gefügt hat, wie es gekommen ist, gehört zu der Unerforschlichkeit seiner
Ratschlüsse, die ich demutsvoll annehme. Ich glaube mich durch das Gefühl der alle niederbeugenden Schuld getrieben und reinen Herzens. Ich hoffe deshalb auch zuversichtlich,
in Gott, einen gnädigen Richter zu finden.1964
Auch er wusste, wie später Moltke, dass er seine Frau „nicht mehr wurzellos“ zurückließ, als er sagte: „Heute hast Du eine Heimat, in der Du mit tausend Fäden der Liebe
verankert bist.“1965 Schon 1942 hatte er, den Tod zweier seiner Brüder beklagend, seinem Freund Katte geschrieben:
Die Werte, die sie zu lieben trachteten und für die sie starben, liegen in tieferem Grunde
und auf höherer Ebene. Sie sind bedroht, das fühlen manche der Kämpfer hüben und drüben und dieses Fühlen zeigt ihnen die Gefahr, von welcher das Bild des Menschen heute
bedroht ist. Ein Zwiespalt öffnet sich in mancher Seele, die begreift, dass es darum geht,
vor allem erst Mensch zu sein, das Wesen das Gott im Bilde schuf. Zum neuen Mahnruf
wurde mir des zweiten Bruders Tod, und prüfend suche ich den Weg, den zu gehen die uns
zugemessene Aufgabe ist.1966
Sein ökumenisches Anliegen wurde in den Berichten des SD „anerkannt“, dort heißt es
am 16. August 1944: „Eines der Lieblingsthemen des Grafen Yorck waren Fragen der
Reform der Liturgie und der möglichen Vereinigung von Protestanten und Katholiken.“1967 Fragen der Verbesserung der Liturgie in der evangelischen Kirche hatte er
auch mit Haeften besprochen und es war ihm ein Anliegen, die Abendmahlfeier stärker
1959
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 131.
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 131. Dieser Spruch ist exakt der, den Gerstenmaier für sich
als Lebensverheißung wertete; siehe Kapitel 5.3.
1961
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 134.
1962
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 135.
1963
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 137.
1964
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 138.
1965
Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 138.
1966
Yorck, Peter von, Brief an Martin von Katte, 22.05.1942. IfZ, ZS/A-18, Bd. 4. Abschrift von Martin
von Katte.
1967
KB S. 233 f.
1960
334
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
in den Mittelpunkt des Gottesdienstes zu stellen, um so den „mystischen Teil des religiösen Empfindens“1968 anzusprechen, eine Erfahrung, die er bei den katholischen
Kreisauern gemacht haben mag und die auch auf die Bestrebungen der Michaelsbruderschaft zurückging.
Es kann bei diesem Zeugnis bejaht werden, dass Yorck seinen Widerstand im christlichen Glauben begründete und dass dieser ihm half, die Unbilden des Widerstandes bis
zu seinem Tod zu ertragen. Dabei hatte Yorck das ökumenische Anliegen im Auge.
5.1.3
Gablentz
Obwohl der Einfluss Gablentz‘ auf die Kreisauer Diskussionen, wie beschrieben, im
Laufe der Zeit nachließ, 1942 die Zusammenarbeit mit Moltke zerbrach, und er dadurch
der Verfolgung durch die Gestapo entging, ist sein grundsätzliches Gewicht in Kirchenund Glaubensfragen bei den Kreisauern bedeutsam. Bei der Diskussion um Staat und
Glaube im Sommer 1940 mit Moltke und Yorck konnte Gablentz seine Gedanken als
Sachverständiger für Kirchenfragen einbringen. Zur Debatte stand u. a. das Verhältnis
von Staat und Kirche. Gablentz bestätigte die These Moltkes, dass Handlungen, die an
sich ethisch nicht zu verantworten sind, nicht mit Staatsinteresse entschuldigt werden
können. Er war aber „im Gegensatz“ zu Moltke der Meinung, dass „Staatslehre überhaupt nur von der Theologie her zu begründen ist“1969. Zur Begründung musste Gablentz weiter ausholen:
Ohne solch eine Begründung kommt man rettungslos in das Dilemma zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik, wie es Max Weber in seinem Vortrag „Politik als Beruf“
aufgezeichnet hat. Entweder ist das Ziel der Ethik das eigene Seelenheil, weltlich ausgedrückt die Selbstachtung. Dann bleibe ich stecken in der abstrakten Freiheit der Gesinnungsethik, die zwar autonom ist, aber nie zur Gestaltung kommt, sondern sich vorher aufreibt; oder das Ziel der Ethik ist eine objektive Gestalt, ein Werk oder eine Gemeinschaft.
Dann drängt sich als dauerhafte Gestalt der Gemeinschaft sehr bald der Staat als Selbstzweck auf. Dann endet man in der konkreten Notwendigkeit der Verantwortungsethik, die
zwar gestaltet, aber heteronom bleibt und damit der eigentlichen Menschenwürde entbehrt.1970
Die Lösung aus diesem Dilemma, beide Ethiken seien auf Selbstbehauptung und nicht
auf Hingabe ausgerichtet, sah Gablentz in einer „theonomen“ Ethik nach dem religiösen
Sozialisten Paul Tillich. Für die Staatslehre bedeute dies, so Gablentz: „Der Staat hat
einen Sinn, soweit er sich ausrichtet nach dem Maßstab des Reiches Gottes, nämlich
1968
Brief Yorcks an seine Frau Marion, Sommer 1943; in Yorck, Marion, Stärke der Stille 1998, S. 131 f.
Gablentz: Brief an Moltke, 09.08.1940; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 128.
1970
Gablentz: Brief an Moltke, 09.08.1940; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 128.
1969
335
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
durch den freien Menschen die richtige Ordnung der Dinge zu verwirklichen.“1971 Dieser Auffassung stimmte Moltke in seinem Brief an Gablentz vom 31. August 1940 zu,
wenn er antwortete: „Der Sinn des Staates besteht darin, Menschen die Freiheit zu verschaffen, die es ihnen ermöglicht, die natürliche Ordnung zu erkennen und zu ihrer
Verwirklichung beizutragen.“1972 Im weiteren Verlauf beteiligte sich Gablentz, ohne auf
seine einzelnen Beiträge hier eingehen zu können, an den Diskussionen um den Inhalt
des Staates im Verhältnis zum Einzelnen, im Verhältnis zur Wirtschaft und um das
Verhältnis des Staates zum Glauben,1973 wobei es allerdings zu hier nicht näher erläuterbaren Meinungsverschiedenheiten1974 zwischen Moltke und Gablentz kam. Mit diesen Hinweisen sollte gezeigt werden, wie stark Gablentz durch seinen christlichen
Glauben in seinem Widerstand gegen den Nationalsozialismus bestärkt wurde. Da bei
Gablentz wegen seines frühen „Ausscheidens“ aus dem Kreisauer Kreis keine Verfolgung eintrat, steht die Bewältigungsfrage der widerständigen Nöte durch den christlichen Glauben hier nicht im Vordergrund.
Aber auch die ökumenische Gesinnung von Gablentz war für den Kreisauer Kreis prägend. Die konfessionelle Spaltung war für ihn ein zentrales Thema. Dies wurde im
zweiten Teil des für die Kreisauer Pfingsttagung 1942 vorbereiteten Papiers zur „Fragestellung für das Gespräch über Staat und Kirche“1975, das Gablentz zugeschrieben werden kann, thematisiert. Gablentz vertrat da die Meinung, dass der Staat als Zensor für
die Staatsführung die geistige Macht der Kirche benötige. Dieser Rolle der Kirche stehe
aber ihre Spaltung in Konfessionen entgegen. Aber da diese sich „augenblicklich“ angenähert haben, sei ein „sinnvolles Zusammenarbeiten durchaus möglich“1976. Der Staat
könne zwar nicht eine „einheitliche Reichskirche bilden, wohl aber die im Keim vorhandene Einheit der Christenheit anerkennen und stärken“1977. Dieser ökumenische Gedanke kommt auch in dem Beitrag von Gablentz in der Una-Sancta-Zeitschrift „Um die
Einheit der Kirche. Gespräche und Stimmen getrennter christlicher Brüder“ von 1940
zum Ausdruck. Dort setzt er sich dafür ein, nicht über Konfessionen, sondern über die
Christenheit zu sprechen. Zuerst solle man sich in der Sache und in der Haltung gegenüber dem Menschen finden und „im Glauben an den Herrn“ bestätigen, dann könne man
1971
Gablentz: Brief an Moltke, 09.08.1940; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 129.
Gablentz: Brief an Moltke, 09.08.1940; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 130.
1973
Denkschrift von Moltke: „Über die Grundlagen der Staatslehre“, 20.10.1940; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 136.
1974
MB S. 270.
1975
Bleistein, Dossier1987, S. 88-94.
1976
Bleistein, Dossier1987, S. 89 f.
1977
Bleistein, Dossier1987, S. 90.
1972
336
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
auch auf die Konfessionen zu sprechen kommen. „Da erlebten wir erst das Gemeinsame
des Dienstes, danach die gemeinsame Grundlage, zuletzt erst das Besondere, aber nicht
als trennend, sondern als ergänzend.“1978 Nach dem Krieg schrieb er in dem Band „Geschichtliche Verantwortung“, den er dem Andenken Hans Bernd von Haeftens widmete:
Und da erscheint es verheißungsvoll, daß sich auch in der Christenheit schon der Begriff
herausgebildet hat, der die Erde als Wohnraum und Gestaltungsraum der Menschheit begreift: die ökumenische Bewegung ist ein entscheidender Ansatz, zu jener Einheit nun auch
praktisch zu kommen, von der die Griechen gewusst und geahnt haben, die Erde zur Ökumene, zur wahren Menschen-Einheit zu machen.1979
5.1.4
Steltzer
Steltzer sah in der Kirche einen bedeutenden Faktor für den Staat. Er postulierte in seinem Aufsatz „Geistige Grundlagen der politischen Neuordnung“, dass Christus die revolutionäre Botschaft von der Freiheit und dem unvergänglichen Wert der menschlichen
Persönlichkeit in die Welt gebracht habe. Er fuhr fort: „Der Mensch sollte aus seiner
Verlorenheit erlöst und dadurch auch die Welt gerettet werden. Die Rettung des Menschen stand als die eigentliche Aufgabe am Anfang des Christentums. Sie musste daher
auch die eigentliche Aufgabe der Kirche werden.“1980 Steltzer beklagte die „Zerreißung
der Kirche in mehrere Konfessionen“ und die Verleugnung jeder inneren Beziehung
nach der Trennung von Staat und Kirche. Als Folge stehe der Staat allein und selbstherrlich in der Welt, seelenlos und ohne Würde und die Kirche befände sich entmachtet
neben dem politischen Raum, gescheitert an der Aufgabe der geistigen Durchdringung,
der Christianisierung der Welt.1981
Aufgabe der Kirche sei es, Wächter zu sein über den Menschen, über sein Menschsein
und seine Freiheit, gegenüber allen politischen Gewalten, die seine Freiheit gefährden.1982 Aus diesem Grund bedürfe der Staat der Mitarbeit der Kirche, „weil ihm sonst
[…] das Wesentlichste fehlt, die Bindung an ein Höheres, dem er auch verpflichtet
ist“1983. Diesen christlichen Glauben, der ihn auch in Zeiten der Verfolgung „geistig und
1978
Gablentz, Christliche Begegnung 1940, S 269.
Gablentz, Geschichtliche Verantwortung 1952, S. 30.
1980
Diese Gedanken stammen zwar aus der Denkschrift Steltzers „Geistige Grundlagen der politischen
Neuordnung“; in: Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 41, aus dem Jahre 1947/48, aber Steltzers
Gedanken dürften sich in dieser Hinsicht nach dem Krieg nicht grundlegend gewandelt haben, zudem
stimmen sie mit den Kreisauer Grundsätzen (Grundsätze für die Neuordnung vom 09.08.1943; in: Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 312 ff.) überein.
1981
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 42.
1982
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 43.
1983
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 43.
1979
337
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
seelisch am Leben erhalten“1984 hat, konnte Steltzer in der Zeit des Nationalsozialismus
nicht realisieren, was einen wesentlichen Punkt seines Widerstandes ausmachte.
Steltzer wurde mit Moltke, Haubach, Gerstenmaier und Delp am 09./10. Januar 1945
vor dem VGH der Prozess gemacht. Vorher durchlebte er wie seine Freunde zum Teil
gefesselt schreckliche Monate in einem verwanzten Gefängnis, unterbrochen durch
Verhöre, auf den sicher geglaubten Tod hin. Steltzer beschrieb dies in seinen Lebenserinnerungen. Ihm gelang es, das Erbauungsbüchlein „Geistliche Waffenrüstung“ von
Pfarrer Lotz-Marburg mit Losungen, geistlichen Liedern, Psalmen und Gebeten in die
Zelle zu schmuggeln. Diese memorierte Steltzer in langen Stunden und betete sie nach
dem Rat des mitgefangenen Pater Rösch immer wieder, auch wenn dies rein mechanisch geschah. Durch die häufigen Wiederholungen hätte sich ihm der Gehalt der Texte
und Lieder immer mehr erschlossen. Dazu kam die Lektüre der Bibel, die ihm allerdings von einem Wärter abgenommen wurde. An Abendmahlsfeiern, die sein Mitgefangener Pastor Bethge, ein Freund Bonhoeffers, mit Hostien von seinem katholischen
Freund Pater Rösch gestaltete, konnte er teilnehmen und führte, so er selbst, ein „fast
liturgisch geordnetes Leben“1985. Dem Tod habe er ruhig und gelassen entgegengesehen,
da er sich keiner Schuld bewusst gewesen sei, schrieb er an seine Frau.1986 Als weiteren
Grund für seine Todesgelassenheit gab er an, dass er eine Lebensverheißung gehabt
habe. „Allerdings wollte ich ihr nicht verschweigen, daß ich eine innere Stimme höre,
die mir sage, daß ich wider alle Vernunft die Gefahren überstehen würde.“1987 Das Wort
„sperare contra spem“ habe ihn immer bewegt. Im Gegensatz zu den zuweilen verzweifelten Berichten der existenziellen Kämpfe seiner Mitangeklagten erscheinen die
Berichte Steltzers aus dem Moabiter Gefängnis jedoch seltsam undramatisch. Dies mag
daran liegen, dass der Lebensbericht Steltzers 15 Jahre nach dem Geschehen mit einem
gewissen Abstand verfasst wurde oder dass die Schilderung unbewusst vom nachträglichen Wissen beeinflusst wurde, dass durch den Einfluss seiner norwegischen Freunde
über den finnischen Masseur von Himmler am 05. Februar 1945 die Vollstreckung seines Todesurteils ausgesetzt worden war.1988 Gleichwohl muss davon ausgegangen werden, dass sein christlicher Glaube ihm half, die Monate in Moabit zu überstehen. Er
1984
Alberts, Steltzer Biographie 2009, S. 211.
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 169.
1986
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 168.
1987
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 168 f.
1988
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 172 f.
1985
338
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
hatte gelobt, im Fall seiner Rettung täglich den Psalm 116 zu lesen; dieses Versprechen
habe er gehalten.1989
Auch er sah aufgrund seiner Kreisauer Erfahrungen die Ökumene als Ziel an. Wie erwähnt, beklagte er den Streit der Konfessionen, „statt in friedlichem Nebeneinander die
Probleme zu meistern“. Er sprach von einer „geistigen Katholizität“, aus der heraus die
„großartigen geistigen Leistungen des Mittelalters“ weitergeführt und „die tragenden
Fundamente“, für die die Kirche „durch das Naturrecht die Grundlage gelegt hatte“1990,
verfestigt werden müssen. Der ökumenische Gedanke kam auch bei der Gründung der
Berliner CDU, u. a. zusammen mit den Kreisauern Gablentz, Lukaschek, Husen, und
bei der Gründung in Hamburg durch Peters zum Ausdruck, als ein gemeinsames politisches Handeln mit den ehemaligen Zentrumsleuten erfolgte.
5.1.5
Rösch/König
Der Widerstand von Rösch und König, der sich in ihrer Tätigkeit im sogenannten Ordensausschuss manifestierte, war zu einem guten Teil auch der Widerstand des Kreisauer Kreises. Rösch und König ging es letzten Endes darum, die Kirche, in diesem Fall die
katholische Kirche, vor dem Vorwurf zu bewahren, nichts gegen die Übergriffe der Nationalsozialisten auf Freiheit sowie Leib und Leben getan zu haben. Das lag durchaus
auch im Interesse der Mitarbeiter des Kreisauer Kreises, die ja ihr Zukunftskonzept
neben der deutschen Arbeiterschaft auch auf die Kirchen stützten. Dies wird auch durch
die vielen Unterredungen deutlich, die Moltke mit „Conrad“, dem Bischof von Preysing
in Berlin, hatte, in denen Moltke1991 den Bischof immer wieder zu einer schärferen
Gangart gegen die Nationalsozialisten drängte. Preysing galt als einer der regimekritischen Vertreter des deutschen Episkopats, der aber immer wieder von dem damaligen
Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Bertram aus Breslau, in seinen kritischen Aktivitäten behindert wurde.
Die Initiative für den Ordensausschuss der Fuldaer Bischofskonferenz ging von dem
Jesuitenprovinzial Rösch aus, der den Ende 1940 neu einsetzenden Kampf der Nationalsozialisten gegen die katholische Kirche, „der vor allem die katholischen Orden treffen
1989
Steltzer, Sechzig Jahre 1966, S. 167 f.
Steltzer, Von Deutscher Politik 1949, S. 41.
1991
Am 05.09.1941 traf Moltke auf Vermittlung von Peters zum ersten Mal Bischof Preysing (MB S.
280), den er nach einer „befriedigenden Unterhaltung“ in Zukunft in „regelmäßigen Abständen von etwa
3 Wochen“ besuchen wollte (MB S. 281). In der Tat erwähnte Moltke Preysing in seinen Briefen an
Freya etwa 50-mal; MB (06.09.1941) S. 280.
1990
339
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
wollte“1992, nicht tatenlos hinnehmen wollte. Mit König besuchte er einige deutsche
Bischöfe, um diese nicht nur über den „Klosterkampf“ im Einzelnen zu informieren,
sondern sie „zu einer härteren kirchenpolitischen Linie zu bewegen“1993. Mit zwei weiteren Vertretern anderer Orden1994 und einem Laien1995, dem Justitiar der Diözese
Würzburg, der auch Entwürfe für den Kreisauer Kreis lieferte, gründeten die beiden
Jesuiten diesen Ordensausschuss. Ihre widerständige Tätigkeit kam in der Initiierung,
Mitwirkung und Durchsetzung von drei Hirtenbriefen und in der konspirativen Verhinderung von Klosterschließungen, besonders der von Elsass-Lothringen im Jahre 1943,
zum Ausdruck. Bei den Hirtenbriefen handelte es sich zunächst um den später nicht
publizierten „Menschenrechtshirtenbrief“1996 vom November 1941, den der Ordensausschuss mit entwarf und bei den deutschen Bischöfen durchsetzte. Seine Verlesung von
den Kanzeln scheiterte am Veto Bertrams. Eine darauf von Preysing verfasste Protestnote ging in ökumenischer Aktion mit einem Protest der evangelischen Kirche gegen
„die Verletzung des Rechts auf persönliche Freiheit, auf das Leben, auf den Schutz der
Ehre“1997, an die Reichskanzlei und blieb ohne Reaktion. Wegen des Schweigens der
Reichskanzlei fühlte sich die Deutsche Bischofskonferenz durch den Ordensausschuss
zur Aktion verpflichtet. Daraufhin wurde dann der Hirtenbrief für den Passionssonntag1998 1942 erstellt und verlesen. „Er enthielt wiederum die Klagen über die Verletzung
des Rechts auf persönliche Freiheit, auf das Leben, auf den Schutz der Ehre.“1999
Außerdem
bereitete
der
Ordensausschuss
dem
Dekaloghirtenbrief2000
vom
12. September 1943 den Weg.2001 Dabei war auch Delp beteiligt.2002 Bei all diesen Aktivitäten spielte, wie bereits dargestellt wurde, Pater König eine entscheidende Rolle.2003
Dieser Dekaloghirtenbrief war aber durch Bertram in seiner ursprünglichen Schärfe
1992
Bleistein, Rösch 1998, S. 107.
Höllen, Heinrich Wienken 1981, S. 101.
1994
Laurentius Siemer OP, Provinzial der Dominikaner-Provinz Teutonia-Köln, und Odilo Braun OP,
1940 Generalsekretär der Superiorenvereinigung in Berlin; siehe auch Leugers, Gegen eine Mauer 1996,
S. 441, 444 f.
1995
DDr. Georg Angermaier; siehe auch Leugers, Gegen eine Mauer 1996, S. 447; Leugers, Georg Angermaier 1994.
1996
Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus 1985; S. 120-133.
1997
Bleistein, Rösch 1998, S. 113.
1998
Volk, Akten deutscher Bischöfe Bd. 5 1983, S. 700-704.
1999
Bleistein, Rösch 1998, S. 113.
2000
Volk, Akten Kardinal Michael Faulhabers II 1975, S. 886; Volk, Akten deutscher Bischöfe Bd. 6
1983, S. 197-205.
2001
Bleistein, Dossier 1987, S. 16 f.
2002
Delp V S. 185 f.
2003
Im Laufe des Projekts der drei Hirtenbriefe war P. König mehrere Male allein oder mit P. Odilo bei
Bertram; in: Bleistein, Dossier 1987, S. 17.
1993
340
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
stark herabgesetzt worden. Darüber berichtete Moltke Freya am 25. August 1943, also
kurz nach dem Ausfall des erwarteten Umsturzes:
Conrad war wohlgemut und voller Bosheiten aus Fulda2004 zurückgekommen. Es ist das
Schlimmste verhütet worden und das, was wir wollten, soll Ende September kommen, aber,
sagte C.: es ist chemisch gereinigt: die letzten Flecken sind heraus, aber die Farbe auch.
Traurig, nicht wahr. Sonst gab es da nichts Neues.2005
Vor der Gestapo nach dem Attentat gewarnt, tauchten König und Rösch unter; Rösch
wurde dann am 11. Januar 1945, dem Tage des Todesurteils gegen Moltke und Delp,
verhaftet, nachdem sein Name am 31. August in den Kaltenbrunner Berichten erstmals
aufgetaucht war, wo über den „Münchner Zweig des Kreisauer Kreises“ berichtet wurde.2006 Rösch wurde zunächst in das KZ Dachau verbracht und dann am 12. Januar nach
Berlin in das Gefängnis Moabit, Lehrterstr. 32007, überführt.2008 Ohne Zweifel ertrug
Rösch tagelange strenge Verhöre2009, in denen er auch geschlagen wurde, aufgrund seines festen Glaubens. Selbst gefährliche und riskante Situationen bewältigte der „Offizier“ meisterhaft, so als sein Mitbruder Tattenbach ihm bei einer zufälligen Begegnung
im Gefängnis mittels eines Kassibers von der Verurteilung Delps unterrichtete.2010 Die
Zeit, die er in Moabit verbrachte, war für Rösch eine Zeit unermüdlicher Seelsorge bei
seinen Mitgefangenen, über die Pastor Bethge und der spätere Landesbischof Hanns
Lilje2011 berichteten. Rösch nannte dies selbst die „Katakomben-Seelsorge“. Er nahm,
so Bethge, seinen „Gefängnis-Pfarrkindern“ die Beichte ab, auch über Kassiber, die er
beim Hofgang einsammelte, erkundigte sich, wer das Sakrament begehre, las morgens
unbemerkt die Messe, die geweihte Hostie wurde dann in die angegebene Zelle gebracht.2012 Dies alles war möglich, da preußische Gefängniswärter2013 es duldeten. Es
war für Rösch auch selbstverständlich, Pastor Bethge für dessen evangelische Abendmahlsfeier Hostien abzugeben.
2004
Tagungsort der Deutschen Bischofskonferenz.
MB S. 531.
2006
KB S. 331.
2007
Dieses Gefängnis wird ausführlich beschrieben in: Wassiltschikow, Die Berliner Tagebücher 1987, S.
287.
2008
Dort wurde auch er u. a. durch Marianne Hapig mit Wäsche versorgt; siehe Rösch, Kampf gegen den
Nationalsozialismus 1985, S. 313, Fn. 56.
2009
Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus 1985, S. 271 ff.
2010
Bleistein, Rösch 1998, S. 137 f.
2011
Lilje, Im finsteren Tal 1947, S. 44 f.
2012
Bethge, Zitz 1989, S. 180.
2013
Nach Hapig soll ein preußischer Wachtmeister gesagt haben: „Das sind mir neuartige Insassen hier im
Gefängnis, jetzt auf meine alten Tage! Die halbe Nacht beten sie, am Tage studieren sie und für unsereins
haben sie immer noch ein gutes Wort“; in: Prégardier, Hapig 2007, S. 49; Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus 1985, S. 328.
2005
341
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
Nachdem die sowjetische Front sich Berlin genähert und die Gestapo ihre Sonderabteilung der Justiz übergeben hatte, wurden die Gefangenen auf Intervention der Häftlinge,
des Reichswehrministers Noske, des Ministers Hermes, von Zitzewitz und Röschs beim
Gefängnisdirektor am 25. April freigelassen.2014 Voller Dank feierten zehn Häftlinge
nach dem Auszug aus Moabit am Abend des 25. April mit Pater Rösch in St. Paul, dem
Kloster der Dominikanerpatres, die Messe.2015
Die Kreisauer Peters, Lukaschek, Husen und Poelchau begründeten ihre Widerständigkeit, wie bei der Untersuchung der Motivationslage deutlich wurde, fest von ihrem
christlichen Glauben her, ohne dass eine bedeutende Änderung in ihrem Glaubensverhalten bekannt ist.
5.2
Religiöse Entwicklung der kirchenfernen Kreisauer
Die Repräsentanten der Arbeiterschaft vertraten, wie bereits erwähnt, keine marxistische Religionskritik, sondern gehörten teilweise den religiösen Sozialisten an oder standen doch der Religion aufgeschlossen, „teilweise aber den Kirchen kritisch gegenüber“2016. Dies galt besonders für Leber. Darüber ist in dem Kaltenbrunner Bericht vom
16. August, der von konfessionellen Auseinandersetzungen handelt, eine Aussage Haubachs wiedergegeben:
Leber hat Haubach von einer der bekannten schiefgelaufenen Sitzungen berichtet, in der er
bei dem Versuch, für eine künftige Regierungserklärung eine geeignete Formel für eine
christliche Charakterisierung des Staates zu finden, äußerst heftig mit den Christen aneinander geraten sei. Leber habe betont, daß er „nicht zulassen werde, auf Kosten der gewünschten Einigkeit wichtige Grundsätze der alten Sozialdemokratie einfach über Bord gehen zu lassen“. Einer der christlichen Vertreter […] habe eine Formulierung vorgelegt, in
der von der „göttlichen Mission der christlichen Kirche im weltlichen Staat“ die Rede gewesen sei. Leber habe sich darüber sehr aufgeregt und eine solche Ausdrucksweise mit
starken Worten verworfen.2017
Hier handelte es sich wohl um Diskussionen im Goerdeler-Kreis. Im Kaltenbrunner
Bericht ist auch von einem Entwurf eines Vorspruchs für einen VolksbewegungsAufruf mit christlichem Bezug die Rede, der „den äußersten Widerspruch“ Lebers hervorgerufen habe. Der Vorspruch soll dann in der Kompromissformel gelautet haben:
„Die Volksbewegung bekennt sich zur deutschen Kultur und zur christlichen Vergan-
2014
Bleistein, Rösch 1998, S. 139.
Bleistein, Rösch 1998, S. 139.
2016
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 370.
2017
KB S. 234 f.
2015
342
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
genheit des deutschen Volkes.“2018 Bei der ursprünglichen Diskussion der Kreisauer
über die Bejahung des christlichen Glaubens als Richtlinie der von ihnen angestrebten
ideellen Staatsinhalte im Sommer 1942 begann die Präambel mit den Worten: „Wir sehen im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes,
[…] für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenarbeiten der
Völker.“2019 Dazu gab es auch bei den Freunden mit „unkirchlicher Vergangenheit“
Zustimmung. Gerstenmaier, der aus theologischen und politischen Gründen eigentlich
für eine „zurückhaltendere Bekenntnisformel war“, zeigte sich überrascht, dass sie ihre
„ehemaligen Vorbehalte gegen die Kirchen so gründlich zurückstellten“2020. Es muss
allerdings hinzugefügt werden, dass Leber an diesen Diskussionen noch nicht teilgenommen hatte; er stieß erst Ende 1943 zu den Kreisauern. Wenn die sozialistischen
Kreisauer eine Entwicklung hin zur Religion vollzogen, dann gilt das auch für Leber,
wie noch zu zeigen sein wird.
Von den drei „militanten Sozialisten“ soll zunächst Haubach, der Philosoph, betrachtet,
werden, dessen Entwicklung zum christlichen Glauben, die in den Eintritt in die evangelische Kirche mündete, gut nachvollziehbar ist.
5.2.1
Haubach
Der Widerstand des KZ-Häftlings Haubach hatte wohl zunächst politische und ethische
Gründe. Mit Erstarken seines Glaubens, besonders nach dem Tod seiner Mutter2021,
scheinen stärker christliche Motive in den Vordergrund zu treten. „So sah er ‚in der Abkehr von Gott die letzten Ursachen der Unabwendbarkeit dieses furchtbaren politischen
Geschehens’2022 des NS-Regimes.“2023 In der schon erwähnten Bruegel-Betrachtung sah
er den Menschen zum „boshaften, entarteten Fratzenwesen“2024 verzerrt. In den Menschen sah er „kein Ebenbild Gottes“ mehr, sondern sie waren nach ihm „unteilhaftig
dem göttlichen Bereich, abgekehrt dem numinosen Bereich und in sich selbst verunstal-
2018
KB S. 501. In dem wahrscheinlich gemeinten Aufruf zur „Sozialistischen Aktion“ heißt es unter
Punkt 3: „Achtung vor den Grundlagen unserer Kultur, die ohne das Christentum nicht denkbar ist“; in:
Brakelmann, Kreisauer Kreis 2004a, S. 294.
2019
Ergebnisse der 1. Kreisauer Tagung (22.-25.05.1942) vom 27.05.1942; in: Brakelmann, Kreisauer
Kreis 2004a, S. 209.
2020
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 160.
2021
L’Aigle, Briefe 1947, S. 35, Brief vom 07.10.1939.
2022
Schellhase, Anneliese, Vortragsmanuskript; zit. nach Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 320.
2023
Ringshausen, Widerstand und christlicher Glaube 2007, S. 320.
2024
L’Aigle, Briefe 1947, S. 59, Brief vom 06.12.1942.
343
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
tet“2025. Haubach stellte fest: „Das Göttliche erscheint nicht mehr im Menschen und
eben darum – in der Abwesenheit des Göttlichen – das Satanisch-Vereinzelte.“2026
So wie bei Haubach der christliche Glaube seinen Widerstand bestärkte, so half dieser
immer stärker wachsende Glaube auch, die Lasten des Widerstandes zu ertragen. Im
Februar 1943, angesichts der immer aussichtsloseren Kriegslage, sprach er von der notwendigen Gnade, damit Verborgenes offenbar werde, und „verzagt“ sprach er, ohne
sich zu schämen, die Gethsemane-Bitte aus: „Mein Vater, ist’s möglich, daß dieser
Kelch an mir vorübergehe.“2027 Er beteuerte seiner Freundin Alma, dass er in keiner
Phase des Lebens die Ehrfurcht vor Gott und dem Göttlichen verloren habe, und bat um
ihr Gebet, da nach seinem Ermessen alles, was noch bevorstehe, „jedes Menschen Kräfte übersteige“2028. Vom Dämonischen müsse man sich abwenden und ihm „keine unserer Anliegen mehr anvertrauen“2029. „Wir dürfen“, fuhr er fort, „die Mächte des Abgrundes, die das Schwere leicht machen ‚und ein Ding wie Gold aus Lehm …’2030
(George) nie wieder zu Hilfe rufen, sondern müssen den Weg der Wahrheit gehen.“2031
Zimmermann sieht in seiner Haubach-Biographie hier einen Hinweis auf Haubachs Bestätigung seines Widerstandes, denn Haubach schrieb in seinem Brief an Alma weiter:
„In der Wahrheit aber ist das Schwere schwer, das Steile steil, das Steinige steinig.“2032
Nach dem schmerzlichen Tod seines Freundes Mierendorff und dem Verlust seiner
Wohnung mit der geliebten Bibliothek von über 3000 Büchern durch einen Bombenangriff Ende 1943 schrieb er an Erika Bausch: „Es hat Schläge geregnet und niemand
weiß, ob Gottes unerbittliche Hand einzuhalten gedenkt.“2033 Auf diese „Schläge“ antwortete Haubach demutsvoll: „Herr, so geschehe Dein Wille.“2034 In einem weiteren
Brief bemerkte er, dass der Verlust des Freundes und Gefährten in höchst sonderbarer
Weise mit dem Verlust der Wohnung verschwistert sei. Er beklagte sich nicht und begann zu begreifen, „daß eine jener schmerzhaften Metamorphosen eingesetzt hat, die,
wenn wir Menschen gehorsam sind, uns in eine höhere Ordnung hinaufverwandeln
2025
L’Aigle, Briefe 1947, S. 59 f., Brief vom 06.12.1942.
L’Aigle, Briefe 1947, S. 60, Brief vom 06.12.1942.
2027
L’Aigle, Briefe 1947, S. 61, Brief vom 14.02.1943.
2028
L’Aigle, Briefe 1947, S. 62, Brief vom 06.12.1942.
2029
L’Aigle, Briefe 1947, S. 62, Brief vom 06.12.1942.
2030
Hier zitiert Haubach wieder das Stefan-George-Gedicht „Der Widerstreit“.
2031
L’Aigle, Briefe 1947, S. 62, Brief vom 06.12.1942.
2032
L’Aigle, Briefe 1947, S. 62, Brief vom 06.12.1942.
2033
Haubach: Brief an Erika Bausch, 13.12.1943; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 60.
2034
Haubach: Brief an Erika Bausch, 13.12.1943; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 60.
2026
344
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
können“2035. In der Zeit seiner Haft vom August 1944 bis zu seiner Hinrichtung am
15. Januar 1945 waren ihm der Glaube und die Liebe, die er durch seine Braut Anneliese Schellhase erfuhr, eine Stütze, die ihn aus der Verzweiflung riss. Er bekannte seiner
Braut, dass ihn „in langen Nächten der Widersacher mit Angst, Not, Verzweiflung“
überfalle und dass er ihre Stärke, ja Härte, den Strom ihrer Liebe brauche und Gottes
Hilfe durch sie bedürfe.2036 Die Mittlerrolle seiner Braut zu Gott beschrieb er, wenn er
sagte: „Dich hat der Ruf aus der Höhe erreicht, denn Du hast eine Kraft, Weisheit und
Großmut des Herzens gezeigt, die dem Menschen nur dann möglich ist, wenn ihm die
Gnade und Liebe von Oben her weckt und führt.“2037 Ihre Sendung ihm gegenüber habe
den Zweck, dass er den Sinn der existenziellen Bedrängnis erkenne: „Dich hat mir Gott
gesandt, damit ich erkenne, warum der Mensch zu Zeiten seines Lebens in die Tiefe
fahren muß.“2038 Dafür führte er vier Gründe an: „1. damit er lerne, zu Gott zu rufen und
zu schreien; 2. daß er seine Sünden erkenne; 3. daß er sich bekehre; 4. daß er Gott
fürchte.“2039 Im Advent bedankte sich Haubach, daß Gott ihn „in so dunkler Stunde“ in
diesen Wochen mit „Zeichen seiner Gnade überschüttete“2040. Den Advent in der Haft
erfuhr Haubach als eine „heilige Zeit“, da er „lerne und erfahre, wer ER ist, der über
allen Himmeln thront“2041, und zitierte dabei Jesaja 57,152042. Daraufhin sah Haubach
auch keine „Not“, dass sein Verhandlungstermin vor dem VGH verschoben würde,
„auch aus praktischen Gründen!!!“2043, fügte er an. Er mag wie die anderen Mitgefangenen gehofft haben, von den Russen befreit zu werden. Vor dem Prozess fügte sich Haubach jedoch aufgrund seines gewachsenen Glaubens ganz in sein Schicksal. Er schrieb
in seinem letzten Brief an seine Braut: „Wir wollen doch die Dinge richtig sehen. Entweder lässt Gott in Gnade und Barmherzigkeit zu, daß alles gut geht […] oder er lässt es
nicht zu, dann helfen auch alle Götter nicht …“2044
2035
Haubach: Brief an Erika und Viktor Bausch, 28.12.1943; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis,
1955, S. 61.
2036
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 23.11.1944. GDW, NL Schellhase-Haubach.
2037
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 23.11.1944. GDW, NL Schellhase-Haubach.
2038
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 23.11.1944. GDW, NL Schellhase-Haubach.
2039
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 23.11.1944.GDW, NL Schellhase-Haubach.
2040
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 29.11.1944; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S.
66.
2041
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 07.12.1944; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S.
67.
2042
Denn also spricht der Hohe und Erhabene, der ewiglich wohnt, dessen Name heilig ist: Der ich in der
Höhe und im Heiligtum wohne und bei denen, so zerschlagenen und demütigen Herzens sind, auf daß ich
erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.
2043
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 07.12.1944; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S.
67.
2044
Haubach: Brief an Anneliese Schellhase, 29.11.1944; in: Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S.
68.
345
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
Den Briefverkehr zwischen Haubach und seiner Braut machte wie bei Moltke Poelchau
möglich. Später schrieb er über Haubach: „Dankbar nahm er in den letzten Wochen von
mir nicht nur das freundschaftliche Du, sondern auch die gemeinsame Beugung vor
Gott an, die uns zutiefst verband.“ 2045 Gerstenmaier sagte mit Recht über Haubach: „An
ihm ist mir am unmittelbarsten der Weg eines gereiften Mannes, der aus weiter Ferne
zum christlichen Glauben kommt, vor Augen getreten.“2046
5.2.2
Mierendorff
Bei Mierendorff und vor allem bei Leber muss der Widerstand ohne die Kategorie des
christlichen Glaubens erklärbar sein, da sich ihr christlicher Glaube erst in der Zusammenarbeit mit den Kreisauern oder später in der Haft entwickelte.
Mierendorff, der 1938 aus der KZ-Haft entlassen wurde und sich dabei wieder der Religion angenähert hatte2047, konnte dies in der Kreisauer Arbeit vertiefen. Er bereitete mit
Maaß und Delp die Kreisauer Tagung im Oktober 1942 vor, worauf im Kapitel „Mitwirkung und Treffen“ bereits eingegangen wurde. Dabei kam ein „konspirativer Kontakt zwischen dem demokratischen Sozialismus und der freien Gewerkschaftsbewegung
mit einem Vertreter der katholischen Soziallehre“2048 zustande. Moltke bestätigte in
seinem Brief vom 31. Juli 1942, dass „zwischen diesen Leuten die notwendige Vertrauensbasis geschaffen worden ist“2049. Der Sozialist Mierendorff schien sich auch nicht
daran zu stören, dass Delp und König im Auftrag der drei Bischöfe Faulhaber, Preysing
und Dietz2050 verhandelten. Delp brachte zudem eine Einladung der Bischöfe für Mierendorff und Moltke mit, um über die sozialen Fragen zu beraten. Noch 1942 meinte
Mierendorff zu Delp, nur die deutsche Kapitalistenfreundschaft [wohl mit der Kirche;
A. d. V.] hindere ihn, positiv zur Kirche zu stehen. Dies war anlässlich der Besprechung
in Fulda über die Enzyklika QA und deren Auslegung durch Delp im Sinn des von ihm
entwickelten „personalen Sozialismus“2051. Mierendorff war 1933 aus rein politisch
bedingter Kirchenfeindlichkeit „ganz im Traditionsstrang der deutschen Sozialdemokratie mit einer Polemik gegen die fehlerhafte Haltung der Kirche in Vergangenheit und
2045
Hammer, Haubach zum Gedächtnis 1955, S. 82.
Gerstenmaier, Streit und Friede 1981, S. 182.
2047
Halperin, Ernst: Carlo Mierendorff. AdsD, Signatur 270, S. 10.
2048
Brakelmann, folgenreiche Begegnungen 2004b, S. 349.
2049
MB S. 396.
2050
Johannes Baptista Dietz war Bischof von Fulda und bischöflicher Vorsitzender des Ausschusses für
Ordensangelegenheiten.
2051
Delp V S. 182.
2046
346
Christlicher Glaube und Ökumene im Kreisauer Widerstand
Gegenwart“2052, namentlich der evangelischen und ihres „Gegensatzes zur Arbeiterbewegung“2053 aus der Kirche ausgetreten.
Gleissner, vormals Landeshauptmann von Oberösterreich, nach dem Anschluss im KZ
Dachau inhaftiert, 1940 nach seiner Freilassung dann wie Mierendorff in der Braunkohle-Benzin-AG beschäftigt, sagte über Mierendorffs Verhältnis zu Religion und Sozialismus:
Haubach und Mierendorff waren in diesem Sinne [Sozialreform und Überwindung der
Klassengegensätze; A. d. V.] sehr fortschrittliche Sozialisten, die gegen eine geistig erstarrte dogmengläubige Parteiprogrammatik und Parteibürokratie waren. Beide glaubten an die
Möglichkeit einer allgemeinen Lebenserneuerung durch die Verbindung sozialistischer Reformen in Wirtschaft und Gesellschaft mit vaterländischer Gesinnung. Zum Christentum
suchten sie ein neues Verhältnis.“ Ihre Grundeinstellung sei gewesen, „daß gegen die Dämonie einer völlig gottlos gewordenen Politik am besten der christliche Staat sich behauptet.“2054
Von der Tradition des religiösen Freidenkertums hätten sich die Sozialisten völlig losgelöst.2055 Dies zeigt sich auch bei den Programmpunkten der „Sozialistischen Aktion“
Mierendorffs, in der unter Punkt 3, worauf bereits hingewiesen wurde, die Achtung vor
den Grundlagen unserer Kultur, die ohne das Christentum nicht denkbar sei,2056 eingefordert wird.
Mierendorff sagte im September 1943 noch kurz vor seinem Tode zu Pater Rösch: „Ich
habe lange ohne Religion gelebt. Aber ich bin zur Überzeugung gekommen, daß nur das
Christentum dem Leben Sinn und Halt geben könnte. Und ich gehe jetzt diesen Weg zu
Gott. Ich denke, es macht Ihnen Freude, Pater, dieses von mir zu hören.“2057 Rösch berichtete von dieser Begegnung in Berlin, dass Mierendorff wieder positiv christlicher
Protestant geworden sei, und er nur in einem wirklichen Christentum die Erneuerung
einer gesunden Arbeiterbewegung sehen könne.2058 Auch wenn also das Christentum
nicht die Widerständigkeit Mierendorffs auslöste, so bestärkte es diese im doch späteren
Verlauf.
Seine Wandlung zur Religion, die ihm auch half, seine Widerständigkeit zu leben,
scheint auch in seinen Abschiedsworten 1942 für die ihm seit zwanzig Jahren bek