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Predigt zu Hebräer 12,1-3 Palmsonntag 2014 Wetzlar, Dom
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Ihr Lieben,
wer kennt sie nicht, die Fabel vom Hasen und dem Igel:
Da gerieten die zwei einmal in einen Streit darüber, wer von beiden der
schnellere sei.
Um das heraus zu bekommen, verabredeten sie ein Wettrennen.
Natürlich legte der Hase einen Blitzstart hin.
In kürzester Zeit hatte er seinen Gegner weit hinter sich gelassen.
Aber siehe da – als er ans Ziel kam, da saß der Igel seelenruhig schon dort.
„Dann eben noch einmal!“ sagte der Hase verwirrt und verdoppelte seine
Anstrengung. Trotzdem, als er ankam, da scholl es ihm wieder frech entgegen:
„Ich bin schon da!“
Um jetzt noch groß nachzudenken, wie das möglich sein könne, war der Hase zu
erschöpft. „Also noch mal! Das muss doch zu schaffen sein!“
Aber wie sehr er sich auch anstrengte – der Igel war schneller und zeigte
trotzdem keine Spur von Anstrengung.
Wie er das hinbekam? Klar, er hatte einen zweiten Igel am Ziel postiert.
Etwas unfair, aber immerhin pfiffig.
Sieger der Herzen ist der Igel allemal.
Eine nette Kindergeschichte? Oder mehr?
Paulus vergleicht das Leben mit einem Wettlauf.
Wenn man sich entschieden hat, ein Ziel zu erreichen, muss man was tun.
Die Entscheidung für ein Ziel ist die Entscheidung zum Trainieren.
Also: nachfolge ist kein Spaziergang – sie kostet was.
Und der Einsatz lohnt sich, wenn das Ziel verlockend genug ist.
Aber die Geschichte vom Hasen und Igel – die passt doch dann nicht.
In Bilderbüchern ist der Igel mit seinen kurzen Beinen und rundem Bauch nicht
gerade der Läufertyp.
Und auch der echt gelebte Glaube ist nicht nur für Sportlertypen was.
Für Leute mit Ehrgeiz, denen Gradlinigkeit und Konsequenz leicht fallen.
Predigt zu Hebräer 12,1-3 Palmsonntag 2014 Wetzlar, Dom
Das ist immer ja auch eine Typfrage.
Was ist mit den Anderen? Mit den Vielen, die ganz normal sind?
Die schon bei kleinen Schritten der Veränderung echt zu kämpfen haben?
Auch im Hebräerbrief geht es um das Bild vom Wettlauf – aber etwas anders:
Ich lese aus Hebräerbrief Kapitel 12.
Darum auch wir:
lasst uns ablegen alles, was uns beschwert,
und die Sünde, die uns ständig umstrickt,
und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens,
der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete
und die Schande gering achtete
und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern
erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.
Wettlauf ja! Trainingsprogramm auch.
Ablegen, laufen… wie bei Paulus.
Aber dann ist es doch etwas anders:
Diese Zeilen richten sich an Christen, die müde geworden sind.
Die etwas erlebt haben, was ihnen den Mut zum Weitermachen geraubt hat.
Hier spricht ein Seelsorger.
Der weiß, dass seine Hörer wirklich ernst machen wollen mit ihrem Glauben.
Und die doch einen Ruf zu noch mehr Leistung gerade nicht brauchen.
Es gibt Christen, die sind genauso dran wie der Hase:
matt geworden über die Rennerei; über kurz oder lang gar Schach - matt.
Der Igel bei dem Wettlauf wirkt dagegen so beneidenswert entspannt.
Er strahlt trotz übermächtigem Gegner eine fröhliche Gelassenheit aus.
Da fragt man sich: Wie geht das?
Schon zu Zeiten der ersten Christen gab es nicht nur Glaubenshelden.
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Predigt zu Hebräer 12,1-3 Palmsonntag 2014 Wetzlar, Dom
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Das höre ich erst einmal. Der Brief antwortet ja auf konkrete Erfahrungen.
Gott hat durch alle Zeiten hindurch seine Gemeinde gebaut mit Menschen, die
nicht besser waren als wir auch
Manchmal ist es zum Verzweifeln:
- Je mehr man beten möchte, desto mehr Ablenkungen drängen sich auf.
- Wie mühsam ist es, für sich allein in der Bibel zu lesen!
- Keine Lust, zum Gottesdienst zu gehen
- Je großzügiger man teilen möchte, desto stärker werden die inneren
Einsprüche und Bedenken, dass man dabei zu kurz kommen könnte.
Was ist das? Was uns so die Kraft raubt?
: ...beschwert und von Sünden umstrickt;
matt geworden und kurz davor, den Mut sinken zu lassen.“ – heißt es hier.
Ihr Lieben, in der Bibel wird das Wort Sünde meistens in der Einzahl benutzt.
Denn Sünde ist nicht so sehr ein Tun von uns, sondern eine Macht.
Eine Macht, die nach uns greift, ja die uns in den Klauen hält, die uns umstrickt,
wie es hier heißt. Wie ein lähmendes Gift kann Sünde sein.
Das können Dinge in der Vergangenheit sein, die wir wie einen nassen
Wollpullover tragen:
- Da hat einer seinem Vater nie wirklich verziehen, was der ihm angetan
oder versäumt hat.
- Jemand kennt Menschen, denen er nicht mehr begegnen möchte – weil
man ein dunkles Geheimnis miteinander teilt, an das man nur mit
Schmerz zurückdenken kann.
- Andere schleppen ein Suchtverhalten mit sich rum.
- oder, oder, oder.
Es sind Dinge, die gehören zu uns, die passen scheinbar auch.
Aber zugleich behindern sie uns darin, so zu sein, wie Gott uns gedacht hat.
Wir spüren die Belastung und wissen gleichzeitig:
Das tut mir selber nicht gut, und es stört meine Beziehungen.
Predigt zu Hebräer 12,1-3 Palmsonntag 2014 Wetzlar, Dom
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Diese Liste ließe sich fortsetzen. „Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert“,
sagt der Hebräerbrief. Niemand wundere sich, wenn sein Glaube kraftlos und
leicht zu erschüttern ist, oder wenn er oder sie immer nur neidvoll auf die
schaut, die scheinbar so unbeschwert durchs Leben gehen.
Lasten der Vergangenheit heute bremsen uns ständig aus.
Die Versuchung, heute etwas zu tun, was uns oder anderen schadet – auch.
Nur: wie soll das gehen – ablegen? Loslassen und dann auch lassen?
Ein Blickwechsel legt uns der Hebräerbrief ans Herz:
Schau nicht auf Dich und deine kleine Kraft. Schau auf Jesus!
Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens!
Von der Macht der Sünde wird man frei, wenn man ihr die Macht abspricht.
Die christliche Tradition nennt das Beichte.
Praktisch geht das so: auf Jesus schauen und aussprechen, was belastet.
Dazu hilft es, an einen guten Ort zu gehen – vielleicht die Johanneskapelle.
Da haben wir vor Augen, was Jesus auf sich genommen hat.
Es hilft, wenn man dabei einen anderen Christen als Zeugen mitnimmt.
Der einem dann zusprechen kann: Jesus vergibt dir.
„Der Christus im Mund des Bruders ist oft lauter als der Christus im eigenen
Herzen.“ (Bonhoeffer)
Ablegen, was uns belastet - das kann befreien.
Das hilft dazu, den Weg weiter zu gehen.
Und wenn man dann weiter geht, dann braucht man – wie bei einer Wanderung,
noch mal den Blick auf die Karte:
„Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich erduldet hat…“
Gedenken ist eines der zentralen Worte des praktischen Glaubens.
Biblischer Glaube ohne Gedenken, das geht gar nicht.
Gedenken, das meint: sich vor Augen halten, was Jesus getan hat.
Er ist aus freien Stücken als Mensch auf die Welt gekommen.
Er hätte das nicht tun müssen. „... obwohl er hätte Freude haben können...“
Predigt zu Hebräer 12,1-3 Palmsonntag 2014 Wetzlar, Dom
Jesus ist den Weg ans Kreuz gegangen.
Er nahm den Weg an, den Gott ihm bestimmt hatte.
Leicht fiel ihm das genauso wenig wie jedem Menschen –
Er ging den schweren Weg trotzdem.
Wenn Er das tat – dann sollen auch wir annehmen, was uns auferlegt wird.
Das passt nun nicht gerade in unsere Zeit und unser Lebensgefühl.
Gegen jeden Trend sagt der Hebräerbrief:
Lasst gerade auch in der Krise den Glauben nicht los. Denn ihr seid getragen!
Jesus, der selber den Tod erlitten hat, er trägt Euch durch.
Weil – und das ist die tiefste Begründung dieser Hoffnung:
Jesus ist nicht in der Todeskrise zerbrochen und untergegangen.
Er hat sich gesetzt zur Rechten Gottes des Vaters.
Das bekennen wir in unserem Glaubensbekenntnis. Er sitzt zur Rechten Gottes.
Das heißt nicht weniger als dies: Jesus ist ganz und gar wahrhaftig Gott!
Durch die Auferweckung hat Gott ihn wieder sich selber gleichgestellt.
Deshalb ist und bleibt Ostern das wichtigste Fest des christlichen Glaubens.
Deshalb ist der Igel das bessere Vorbild für einen Christen.
Er lässt sich den Sieg schenken.
Und er nimmt den Sieg an, für den er nicht selber rennen musste.
Für unser Ankommen bei Gott müssen wir uns nicht abstrampeln –
denn Jesus ist Anfänger und Vollender des Glaubens.
Das kann uns Gelassenheit schenken.
Und neuen Mut - alles abzulegen, was unseren Lauf behindert.
Damit wir fröhlich unseren Weg gehen.
Amen!
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