Eingeladen zur Begegnung - evangelische kirche im hr

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Eingeladen zur Begegnung - evangelische kirche im hr
Manuskriptservice
Verkündigungssendungen der
Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Hessischer Rundfunk: Sonntagsgedanken
Pastor Carl Hecker
Gründau
hr1 - 8:40 Uhr
19. September 2004
15. Sonntag nach Trinitatis
Eingeladen zur Begegnung
„Behüte mich, Gott, ich vertrauen dir.“ Dieses Lied war mir neu. Aber es hat einen kurzen Text und nach der dritten Wiederholung kann ich schon gut mitsingen. Außerdem
macht es hier keinen Unterschied, ob ich singe oder nicht. Der Gesang wird getragen von mehr als 3.000 Jugendlichen um mich herum. Ich sitze mit ihnen auf dem
Fußboden der Versöhnungskirche in Taizé beim Abendgebet.
Taizé ist ein winziger Ort in der Landschaft Burgund in Frankreich. Dieser Ort mit seinen
wenigen Häusern wäre nicht der Erwähnung wert, gäbe es hier nicht die Kommunität
von Taizé, eine klösterliche Gemeinschaft von etwa 100 Männern. Gegründet in der
Zeit nach dem zweiten Weltkrieg von dem reformierten Schweizer Pfarrer Roger
Schutz, ist ihr von Anfang an das Thema „Versöhnung“ besonders wichtig gewesen.
Versöhnung wird in der Gemeinschaft dadurch sichtbar, daß zu ihr Männer aus verschiedenen christlichen Traditionen gehören können: Katholiken, Baptisten, Orthodoxe
und Protestanten. Versöhnung wird in der Gemeinschaft dadurch sichtbar, daß zu ihr
Männer aus verschiedenen ethnischen Gruppen und unterschiedlichen Ländern aus
verschiedenen Kontinenten gehören können. Und dieser Aufgabe der Versöhnung
widmet sich die Gemeinschaft von Taizé seit vielen Jahren, indem sie Jugendliche
aus verschiedenen Kirchen und Ländern zur Begegnung einlädt. Sie sollen sich kennenlernen, Vorurteile abbauen, den christlichen Glauben als verbindendes Element
entdecken. So sind die Lied- und Bibeltexte während der täglichen Gebetszeiten auf
russisch und englisch, französisch und spanisch, polnisch, ungarisch, portugiesisch,
italienisch, norwegisch. Einzelne Lieder gibt es auch auf hindi, japanisch und verschiedenen anderen Sprachen.
Die Verständigung in diesem Völkergemisch von Taizé ist vor allem geprägt von geduldigem Zuhören und von dem ernsthaften Willen, etwas vom Glauben der anderen
zu erfahren.
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15. Sonntag nach Trinitatis
Taizé ist eine klösterliche Gemeinschaft und lädt in der Regel Jugendliche ein, für eine
Woche das Leben der Gemeinschaft zu teilen. Dazu gehört das Leben in einfachen
Unterkünften auf dem Gelände des Klosters. Dazu gehören einfache Mahlzeiten.
Dazu gehören tägliche Bibelgespräche und drei Gebetszeiten am Tag.
Vor allem die Gebetszeiten sind es, die Jugendliche ansprechen. Woran liegt das?
Musik
Die Gebetszeiten in Taizé finden gemeinsam in der Versöhnungskirche statt. Die Kirche
ist gedämpft beleuchtet, der Altarraum mit Tüchern und Kerzen in warmes Orange
getaucht. Mit dem Schritt in die Kirche beginnt das Gebet. Am Eingang erinnert ein
Schild zur Stille. Und trotz der vielen Jugendlichen herrscht eine gesammelte, ruhige
Atmosphäre im Raum. Alle sitzen auf dem Fußboden oder niedrigen Hockern. Niemand
agiert von vorn. Die Brüder der Kommunität in ihren weißen Gewändern haben in der
Kirche ihren eigenen Platz. Aus ihrer Mitte heraus werden die Lieder angestimmt.
Wer kann, stimmt mit ein. Es wird gesungen, ruhig und in vielen Wiederholungen,
zehn oder auch fünfzehnmal: Behüte mich, Gott, ich vertraue dir – Bei Gott bin ich
geborgen, still wie ein Kind – Laudate omnes gentes/Lobsingt, ihr Völker alle. Die kurzen Texte vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit, sie bitten um Gottes Gegenwart,
preisen Gottes Liebe und die Auferstehung Jesu Christi. Die Gesänge thematisieren
aber auch das Gefühl von Unsicherheit und der Suche nach Orientierung und Sinn:
In dunkler Nacht woll‘n wir ziehen, lebendiges Wasser zu finden – Im Dunkel unsrer
Nacht, entzünde das Feuer, das nie mehr erlöscht.
Die Lieder werden so gesungen, daß sie selbst zum Gebet werden, die eigenen
Anliegen aufnehmen und so vor Gott bringen. Die Gesänge von Taizé haben ihre eigene Dynamik. Sie bleiben nicht in der Kirche. Sie gehen mit zum Küchendienst. Sie
sind im Waschhaus zu hören und in der Warteschlange bei der Essensausgabe. Einer
summt ein paar Töne vor sich hin und schon stimmen andere mit ein.
Doch zurück zur Gebetszeit in der Kirche: Ein Bibeltext leitet eine Zeit der Stille von etwa zehn Minuten ein. Niemand erklärt die Bibelworte. Niemand gibt eine Anweisung,
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wie die Zeit der Stille zu füllen ist. Und doch es ist gerade diese lange ungefüllte Zeit,
die den Jugendlichen besonders wichtig ist. Hier können sie ihre Gedanken sortieren,
ihre eigenen Anliegen vor Gott ausbreiten, sich auch einmal ganz leer fühlen und von
Gott füllen lassen.
Die Versöhnungskirche in Taizé und die Form der Gebetszeiten ist für viele der Rahmen
für spirituelle Erfahrungen. Spirituelles Leben beruht grundsätzlich auf Beziehung: Es
geht dabei um Gottes Art, mit uns in Beziehung zu treten, und zugleich um unsere Art,
uns auf diese Beziehung zu Gott einzulassen.
Muß man dafür nach Taizé fahren? Muß man bei Kerzenschein auf dem Fußboden
sitzen, um richtig beten und Gott begegnen zu können?
Musik
Was ist der richtige Ort für spirituelle Erfahrungen? Jeden Vormittag gibt es in Taizé
eine Einführung zu einem Bibeltext. Eine biblische Geschichte in dieser Woche handelt von Zachäus (Lukas 19, 1-10). Er wird in der Bibel als Zollpächter genannt. Damit
gehört er zu denen mit gehobener Stellung und entsprechendem Einkommen. Doch
an diesem Tag, den uns die Bibel berichtet, sitzt er nicht mit spitzem Bleistift in der
Zollstation, sondern bemüht sich, Jesus zu sehen. Was den Zachäus bewegt, erfahren wir nicht. Seine Sehnsucht nach Begegnung mit Jesus bleibt unbestimmt. Im
Gedränge am Straßenrand bekommt Zachäus zu spüren, daß er unbeliebt ist. Man
läßt ihn nicht durch. Er ist zu klein, um über die Köpfe hinweg Jesus sehen zu können. So klettert er wie ein Straßenjunge auf einen Baum. Dort wird er von Jesus
entdeckt und in seiner Suche gefunden. Der Baum wird für Zachäus zum Ort der
Gottesbegegnung.
Eine unbestimmte Sehnsucht leitet Zachäus. In der Begegnung mit Jesus wird die
Sehnsucht gestillt. Seine Suche kommt zum Ziel. Zeit und Raum der Begegnung verlieren ihre Bedeutung. Die Begegnung mit Jesus ist entscheidend.
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Das ist ein wichtiges Anliegen der Brüder von Taizé. Sie sagen: Wir können uns einen
Raum mit guter Atmosphäre einrichten. Wir können diesen Raum mit Licht und Farbe,
mit Ruhe und Musik füllen. Aber wesentlich ist die innere Offenheit für die Begegnung
mit Gott. Die bewußt gestaltete Atmosphäre ist eine Hilfe, aber das alleine macht den
spirituellen Ort nicht aus. Jeder Ort im Alltag kann zu einem spirituellen Ort, zu einem
Ort der Gottesbegegnung werden, wenn sich jemand von seiner Sehnsucht nach der
Quelle des Lebens leiten läßt.
Die Bilder in Taizé wollen diese Sehnsucht nach einem Leben wecken, das getragen
ist von einer Kraft, die wir Menschen nicht aus uns selbst heraus aufbringen müssen.
An verschiedenen Stellen sind Ikonen aufgehängt. Diese besonderen Bilder wollen in
die Begegnung mit Jesus Christus einladen, indem sie Christus selbst darstellen oder
Personen, die in inniger Gemeinschaft mit Christus gelebt haben. Die Schönheit der
Ikone führt zur inneren Ruhe und öffnet für die Heilsbotschaft Christi.
Eine Ikone hat mich besonders angesprochen. Christus ist dargestellt wie er liebevoll
seinen Arm um einen Mann legt. „Christus und sein Freund“ heißt diese Ikone in Taizé
und sie strahlt die gleiche Ruhe und Gelassenheit aus wie das Lied: Bei Gott bin ich
geborgen, still wie ein Kind.
Doch das ist nur der eine Blick. Bei der stillen Betrachtung der Ikone entdecke ich,
daß Christi Ohren verdeckt und seine Hände bereits gefüllt sind. In der einen Hand
hält er ein Buch, vielleicht das Buch des Lebens (Offenbarung 3, 5). Die andere Hand
ruht auf der Schulter des Freundes. Der Freund aber, hat Ohren, offene Augen und die
zum segnen erhobene Hand. Das ist der andere Blick und die andere Seite von Taizé.
Niemand soll in sich versunken in der Kirche von Taizé Wurzeln schlagen. Der Blick
von Taizé geht in die ganze Welt und erfaßt auch die Situation in den Slums indischer
oder brasilianischer Großstädte. Der Blick von Taizé geht hin zu den Spannungen
zwischen Nachbarvölkern und ungerechten Welthandelsstrukturen.
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Das ist das doppelte Anliegen des christlichen Glaubens, wie er in Taizé gelebt wird.
Die Gemeinschaft von Taizé will ihre Gäste zu der Quelle des christlichen Glaubens
führen, zu der Liebe Gottes, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist. Neu gestärkt
soll es dann von hier zurück in den Schul- oder in den Arbeitsalltag gehen. Wer sich
selbst als Freund Gottes erkannt hat, wer selbst die Liebe Christi für sein Leben erfahren hat, wird anderen mit der Menschenfreundlichkeit Gottes begegnen wollen.
Dieses doppelte Anliegen des christlichen Glaubens habe ich als Aufgabe für mich aus
Taizé mitgenommen: Offen sein für die immer neue Begegnung mit Jesus Christus
und Offenheit für die Begegnung mit meinen Mitmenschen.
Spirituelles Leben erschöpft sich nicht in einer ungewöhnlichen Erfahrung. Es ist Leben
und damit lebenslang und will alle Lebensbereiche durchdringen. „Behüte mich, Gott,
ich vertraue dir“, haben wir gesungen, „du zeigst mir den Weg zum Leben. Bei dir ist
Freude, Freude die Fülle.“
Ich wünsche ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche in der Gegenwart
Gottes.
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