Bernard Pichon - VCS Verkehrs

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Bernard Pichon - VCS Verkehrs
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Porträt
Bernard Pichon
«Auf Reisen fühle ich mich lebendig»
Nach seiner Pensionierung hat der Westschweizer Journalist und Produzent eine
neue Leidenschaft gefunden: die Welt bereisen und sie uns entdecken lassen.
«E
s ist wahr, ich bin seit vier
Jahren pensioniert. Doch
ich liebe meine Arbeit als Journalist, die immer mehr eine Berufung als bloss ein Beruf war. Also
bin ich Reisejournalist geworden.
Wenn ich für meine Auftraggeber – verschiedene Zeitungen
und Zeitschriften – unterwegs
bin, stelle ich ein kurzes Video in
meinen Blog ‹Pichon voyageur›.
Darin schildere ich den Ort, wo
ich mich aufhalte, und was ich
sehe. Um die 250 Leute schauen
meine Kurzfilme auf Facebook
an und klicken auf ‹Gefällt mir›.
Das gefällt wiederum mir, wenn
die Leute meine Beiträge mögen.
Ich habe mehr als 30 Jahre
lang fürs Westschweizer Fernsehen gearbeitet. In den Siebzigerund Achtzigerjahren war ich für
die Sparte Schauspiel tätig. Ich
interviewte Michel Sardou und
all die anderen, Jacques Brel, Jane
Birkin oder Charles Aznavour.
Serge Gainsbourg habe ich mehrere Male getroffen. Als ich zum
ersten Mal zu ihm nach Hause
fuhr, stellte ich mir vor, dass seine Wohnung sicher sehr unordentlich ist. Doch das Gegenteil
war der Fall! Gainsbourg war ein
Ästhet, und nach dem Gespräch
stellte er die Sachen wieder genau
so auf den Tisch, wie sie vorher
gewesen waren. Auch Alain Delon habe ich getroffen. Schade,
dass er politisch in die rechtsextreme Ecke abgedriftet ist. Dass
er Le Pen unterstützt, finde ich
schrecklich.
Zu jener Zeit reiste ich nicht
viel herum. Die Stars kamen
ins Fernsehstudio nach Genf.
VCS MAGAZIN / NOVEMBER 2014
Anders wäre es nicht gegangen,
denn ich kümmerte mich damals fast allein um meine drei
Kinder. Es kam vor, dass ich
mit der linken Hand einen
Artikel schrieb und mit der
rechten im Kochtopf rührte. Ich bin davon überzeugt,
dass alles im Leben seine Zeit
hat. Heute bin ich zwei
bis drei Mal pro Monat
auf Reisen; mit den Kindern wäre das unmöglich
gewesen. Als Journalist
habe ich aussergewöhnliche Geschichten miterleben dürfen. Einmal
machte ich eine Reportage
über die Cajuns, eine frankophone Bevölkerungsgruppe
am Mississippi. Doch das
Französisch ihrer Nachfahren war schwierig zu verstehen.
So schickte man
mich zu einem
alten Mann, Richard. Der Amerikaner
hatte
nach der Landung
in der Normandie eine Zeitlang in
Frankreich bei einer Familie gelebt und sich dort
unsterblich in die Tochter
des Hauses verliebt. Doch
dann musste er in die USA
zurückkehren. Ihm fehlte das
Geld, um auch seiner Freundin
ein Ticket zu kaufen, und bleiben konnte er nicht. Richard hat
seine Michelle niemals verges-
© RTS/Jay Louvion
Bernard Pichon: «Wenn ich ein paar Wochen nicht unterwegs
bin, werde ich ungeduldig.»
sen und nie geheiratet. In seinen
Siebzigern fuhr er nach Frankreich zurück. Im Dorf erzählte
ihm eine Frau, Michelle sei im
Osten des Landes verheiratet und
habe vier Enkelkinder. ‹Wenn Sie
sie sehen›, sagte Richard zu der
ihm völlig Unbekannten, ‹sagen
Sie ihr bitte, dass mein erster Gedanke morgens und mein letzter
Gedanke abends ihr gelten.› Solche Lebensgeschichten berühren
mich.
Vier Jahre lang habe ich die
Sendung ‹La ligne du cœur›
am Westschweizer Radio
moderiert. Ab zehn Uhr
abends konnten die
Leute anrufen und
von ihren Sorgen
erzählen. Ich bin
kein Therapeut,
deshalb war es
mir wichtig, vor
allem sprachlich
Ordnung ins Gefühlschaos der
Leute zu bringen.
Manchmal konnte
ich so zu einer Klärung
beitragen. Mit dieser
Sendung habe ich die
Landkarte der Menschen studiert, bevor
ich dann jene der
Welt kennenlernte.
Ich brauche neue Impulse, damit ich mich
lebendig fühle. Ich
möchte Gleichaltrigen
Mut machen. Das Leben
geht auch nach der Pensionierung weiter! Man
muss nicht dasitzen und
sich langweilen. Man hat
Zeit, das zu tun, was einem
Spass macht. Das Leben beginnt noch einmal neu.»
Stefanie Stäuble
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