Das Band, das die Welt zusammenhält

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Das Band, das die Welt zusammenhält
umwelt
Ton Kaptein
Das Band, das die
Welt zusammenhält
Der «Ocean Conveyor Belt» befördert Wassermassen in 1000 Jahren einmal um den Globus. Das
­gigantische Förderband nimmt seinen Anfang in Grönland – und verbindet alle Weltmeere miteinander.
text:
stefanie pfändler
Jeden Augenblick werden tonnenweise
­Wassermassen durch die Ozeane transportiert,
von hier nach dort bewegt, vom Äquator zu
den Polen gespült und wieder zurück. Der
Wind fegt über die Wasseroberfläche, riesige
Wellen brechen an den Küsten übereinander
zusammen – das Meer steht niemals still.
­Hinter dieser Dynamik steckt ein weltumspan­
nendes Naturspektakel: Der Ocean Conveyor
Belt ist ein riesiges Förderband, das den ganzen
Planeten umspannt. Er verbindet sämtliche
Weltmeere und Kontinente miteinander, er ist
immer da und er beeinflusst uns alle.
Das Offensichtliche zuerst: Die Oberflä­
chenströmungen der Weltmeere werden im
­Wesentlichen durch den Wind angetrieben.
Nicht umsonst tragen fast alle Strömungen
Namen von Windsystemen. Besonderer
60
­ erühmtheit erfreuen sich die Passatwinde,
B
die das Wasser am Äquator westwärts
­treiben. Die Corioliskraft lenkt diese Was­
sermassen auf der Nordhalbkugel nach
rechts, auf der Südhalbkugel nach links ab.
In ­höheren Breiten werden sie vom West­
winddrift ­Richtung Osten zurückgetrieben,
worauf sie sich – durch die Corioliskraft ab­
gelenkt – von Norden und Süden wieder
dem Äquator ­annähern.
In jeder Ecke der Weltmeere finden sich
Windsysteme, welche die Ozeane nach
­solchen Mustern in Bewegung halten. ­Manche
sind das ganze Jahr über konstant, andere
sind in ihrer Richtung und Kraft von den
­Jahreszeiten abhängig. Was aber haben diese
einzelnen Meeresströmungen miteinander zu
tun? Ihr verbindendes Element ist eine ­weitere
Kraft, die auf die ozeanischen Wassermassen
einwirkt: «Thermohaline Strömung» ist die
e­ twas unromantische Bezeichnung für den
Motor, der das Meerwasser nicht nur
­horizontal, sondern auch vertikal zirkulieren
lässt. Was dabei entsteht, ist ein Kräfte­messen
mit fast unvorstellbarem Ausmass.
Meeresströme sind für das
Klima in Grönland (oben) und
an der Küste Nordnorwegens
(nächste Seite) verantwortlich.
Wie ein unterseeischer Wasserfall
Richten wir unsere Aufmerksamkeit kurz
auf den Nordatlantik. Genauer: die Küste
­Grönlands. Was es hier zu finden gibt, ist
­Motor und Saugnapf zugleich, hier wird der
Golfstrom sozusagen angezogen. Und hier
rauscht eiskaltes Wasser Richtung Ozean­
boden, durchquert den ganzen Atlantik und
verschwindet in den fernen Osten.
Jede Wassermasse hat ihre spezifischen
­Eigenschaften, die vor allem durch die
­Temperatur und den Salzgehalt bestimmt
sind. Je kälter und salziger das Meerwasser,
umso dichter ist es – und damit auch umso
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Ton Kaptein
umwelt
schwerer. Schweres Wasser sinkt ab, bis es
auf eine Schicht mit der gleichen Dichte trifft.
Dieser Mechanismus erklärt jenen Vorgang,
der auch an der Küste Grönlands zu beobach­
ten ist. Grönland, dessen kontinentaler
­Eisschild an den dicksten Stellen immerhin
drei Kilometer beträgt, versorgt das Meer mit
ständigem Kältenachschub.
Der warme Nordatlantikstrom – die Fortset­
zung des Golfstroms – wird im Europäischen
Nordmeer und an der Südküste Grönlands
durch das kalte Klima rasch abgekühlt und
dadurch schwerer. Zusätzlich wird durch die
Eis­bildung Salz ausgefroren. Das Wasser wird
salziger und noch schwerer. Was nun ­entsteht,
ist ein gewaltiger Sog, der das kalte Salzwas­
ser mit grosser Geschwindigkeit in die Tiefen
des Ozeans zieht. Um aus dem ­Europäischen
Nordmeer zurück in den ­offenen Atlantik zu
gelangen, muss das ­Tiefenwasser den
­Grönland-Schottland-Rücken überwinden.
Dabei fällt es – man kann sagen einem un­
terseeischen ­Wasserfall gleichend – nochmals
mehrere hundert bis tausend Meter in die
Tiefe. Der Conveyor Belt nimmt seinen Lauf.
Als Tiefseestrom fliesst das Wasser der Ost­
62
küste Amerikas entlang in den Süden, wo es
schliesslich auf die antarktische Eisströmung
trifft. Die Wassermassen ziehen nach Osten
und teilen sich auf: Ein Teil gelangt in den
­Indischen Ozean, wo das Klima bedeutend
wärmer ist. Die Wassermassen erwärmen
sich, die Dichte nimmt ab und so gelangt das
Wasser erstmals wieder an die Oberfläche.
Die restlichen Wassermassen umrundeten
derweil Australien und kommen im West­
pazifik an, wo sie Ähnliches erwartet: Vor der
Küste Japans wärmt sich das Wasser auf und
steigt ebenfalls zur Oberfläche auf.
Erwärmung kann Eiszeit bringen
Nun setzt der Wind ein: Im tropischen
­Atlantik treiben die Passatwinde die warmen
­Wassermassen zurück Richtung Westen. Sie
durchqueren den Südatlantik und treffen auf
die Küste Nordamerikas, die wie eine Stau­
mauer das Wasser Richtung Norden
­abfliessen lässt. Dort wird es – der Coriolis­
kraft sei Dank – Richtung Europa abgelenkt:
Der Golfstrom ist da. Er wird von den vor
Grönland ­absinkenden Wassermassen
­geradezu ­angezogen – und bringt dadurch
dem ­Conveyor Belt neuen Nachschub. Etwa
1000 Jahre dauert eine solche Reise, bis die
Wasser­massen wieder von neuem vor der
Küste Grönlands eintreffen und das Spiel von
vorne beginnt.
Das System des Ocean Conveyor Belts
­beeinflusst wegen seiner Grossräumigkeit
das Klima auf dem ganzen Planeten. Im Zuge
des Klimawandels ergibt sich in dieser
­Hinsicht ein fatales Szenario: Durch die
­Erwärmung des Klimas wird der Grönlän­
dische Eisschild voraussichtlich an Masse
verlieren. Das leichte, süsse Schmelzwasser
wird den kräftigen Motor der grönländischen
Tiefenwasserbildung abschwächen und
­vielleicht ganz ausser Betrieb setzen. Das
globale Förderband würde unweigerlich
­erlahmen. Für Europäer würde dies nicht
­zuletzt bedeuten, vom Golfstrom Abschied
nehmen zu müssen. Was dies heissen könnte,
hat die Forschung erst in den letzten Jahren
erkannt: Die Ver- und Enteisung Europas
hing stets wesentlich von der Intensität des
Golfstroms ab. Sein Versiegen legt damit iro­
nischerweise ein düsteres Zukunftsszenario
nahe: den Beginn der nächsten Eiszeit.
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