PS Phraseologie Sitzung 6: Sprichwörter früher

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PS Phraseologie Sitzung 6: Sprichwörter früher
PS Phraseologie
Sitzung 6:
Sprichwörter früher und heute
Sitzung 6
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Sprichwörter allgemein
Syntaktisches Kriterium für Sprichwörter: vollständige Sätze
ohne Leerstelle, "geschlossene Form"
●
Es gibt einen speziellen wissenschaftlichen Zweig, der sich nur
mit Sprichwörtern beschäftigt: Parömiologie.
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Untersucht wird: Herkunft des Sprichwortes, kulturelle, soziale
Zusammenhänge → Röhrich 1991: Lexikon der sprichwörtlichen
Redensarten.
●
Semantisch: Sprichwörter als selbständige "Mikrotexte" (Burger,
106) → kontextfreies Verständnis!?
●
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Sprichwörter allgemein
Sprichwörter sind meist 'entindexikalisiert', d.h. nicht auf
konkrete Situationen mit Zeit oder Ort bezogen, sondern sind eher
'All-Sätze': Alle die A sagen, müssen auch B sagen, Alle Lügen haben
kurze Beine. (→ "Kontextunabhängigkeit")
●
Auch wenn sie je nach Sprache in ihren lexikalischen Details
variieren, haben sie doch oft die gleiche Aussage:
●
a. Schmiede das Eisen, solange es heiß ist.
b. Forme den Lehm, solange er feucht ist.
c. Bereite den Kürbis zu, solange das Feuer nicht erloschen ist.
Aussage: Man soll eine Sache tun, solange es noch nicht zu spät ist
(Permjakov 1984, 305)
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Funktionen von Sprichwörtern
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Generalisieren (Alle...)
Anweisungen zum/Deutungen des Handeln(s), Formulierung
von Überzeugungen, Werten, Normen, Regeln; Warnung,
Überredung, Bestätigung, Zurechtweisung etc.
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●
Kontextuelle Funktion: Stütze einer Argumentation
Meist sind alle drei Funktionsebenen betroffen: um ein
Sprichwort zur Stütze einer Argumentation zu machen, muss es
verallgemeinern und eine allgemein bekannte
Regel/Norm/Überzeugung formulieren.
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Sprichwörter als Phraseologismen
Sprichwörter werden als phraseologische Einheiten betrachtet,
weil sie: polylexikalisch, fest in ihren Komponenten und
(unterschiedlich) idiomatisch sind.
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Syntaktisch zeigen Sprichwörter oft veraltete Formen:
a. Wes' Brot ich ess', des Lied ich sing.
(Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.)
b. Gut Ding will Weile haben.
(Ein gutes Ding braucht eine Weile).
c. Eigener Herd ist Goldes Wert.
(Ein eigener Herd ist Gold Wert.)
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Bedeutungen von Sprichwörtern
Es gibt Sprichwörter, die im wörtlichen (konkreten) und im
übertragenen (allgemeinen, bildlichen) Sinn angewendet werden
können:
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a. Wie der Vater, so der Sohn.
b. Auf Regen folgt Sonnenschein.
Andere wiederum haben nur eine Lesart und haben keine
bildliche Ebene:
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c. Aus Schaden wird man klug.
d. Geld macht nicht glücklich.
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Rhetorische Merkmale von "Sprichwörtern"
Sprichwörter haben oft Reimform oder parallele
Konstruktionen:
a. Sich regen bringt Segen.
b. Kommt Zeit, kommt Rat.
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Sie sind oft tautologisch (Gemeinplätze):
c. Was sein muss, muss sein.
d. Was man hat, das hat man.
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Oder drücken sogenannte "Truismen" aus (eigentlich auch eher
Gemeinplätze):
e. So jung kommen wir nicht mehr zusammen.
f. Man lebt nur ein mal.
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Funktionen des Sprichworts im Wandel
Burger: Deutsche Sprichwörter haben im Gegensatz zu anderen
Phraseologismen eine deutlichen Funktionswandel im Laufe der
Geschichte durchgemacht.
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Spätmittelalter: Verwendung von Sprichwörtern als Zeichen
großer Dichtkunst, ornative Funktion.
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Aufklärung: Sparsamkeit mit Sprichwörtern in der Literatur &
alltäglichen Konversationen, "platte Gemeinsprüche", "Solche
Sprichwörter sind sehr langweilig und nicht selten sinnlos und
unwahr." (Knigge)
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19.Jh: Boom der Geflügelten Worte; Zitieren von Autoritäten wie
Goethe oder Schiller anstatt vonSitzung
Sprichwörtern
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Heute
Sprichwörter sind in keiner Weise vom Aussterben bedroht:
Baur/Chlosta 1996 und Mieder 1992 geben lange Listen der
poulärsten deutschen Sprichwörter, die einer großen Zahl von
Sprechern bekannt sind (in Bauer, 120ff).
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Solche Listen heißen "Sprichwort-Minima". Sie sollen aufzeigen,
auf welche Art und Weise wir heute die Welt sehen. (Was sind
wichtige Werte/Normen?)
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Sie fassen die wichitgsten und häufigsten Situationen unseres
Alltags zusammen. → Extra-Blatt
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Heute
Die Funktion von Sprichwörtern ist heutzutage allerdings
meist eine spielerische, v.a. in Presse- und Werbetexten.
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Hierbei wird sich meist die Festigkeit der Struktur zunutze
gemacht und mit anderem lexikalischem Material
angereichert.
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Auch die Methaphorizität ist bei so einer spielerischen
Anwendung wichtig.
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QUIZ
Mieder 1982: "Anti-Sprichwörter". Setzen Sie die Vokabeln unten in die
Lücken ein! Was sind die neuen Bedeutungen der Sprichwörter? Wofür
könnte man sie benutzen?
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a. ______________stinkt.
b. _____________hat _____________ im Mund.
c. Wer ___________ sät, soll_____________ ernten.
d. Kommt Zeit, kommt___________!
e. Ein ____________ sagt mehr als 1000 Worte.
f. Stille Wasser sind _________.
g. Ein _____________ kommt selten allein.
h. Der ___________ heiligt die Mittel.
Teuer, Geld (2x), Überstund, Scheck, Tritt, Rad, Eigentor, Schweißfuß,
Kapital
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AUFGABE
Mieder 1982: Sammlung von "Anti-Sprichwörtern" aus Werbung,
Comics, Witzkalendern mit Modifikationen von bekannten
Sprichwörtern.
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a. Eigentor stinkt. (Hörzu)
b. Überstund hat Geld im Mund (Spiegel)
c. Wer Geld sät, soll Kapital ernten. (Werbung)
d.Kommt Zeit, kommt Rad! (Werbung)
e. Ein Tritt sagt mehr als 1000 Worte.
f. Stille Wasser sind teuer.
g. Ein Schweißfuß kommt selten allein.
h. Der Scheck heiligt die Mittel.
(Die letzten 4 gefunden auf www.kidsnet.aut)
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"Verbürgung von Wahrheit" Burger 2010
Speziell drei Funktionen von Sprichwörtern haben laut Burger
eine große Wandlung durchlaufen: (1) die Verbürgung von
Wahrheit, (2) die Belehrung und (3) die kontextuelle Funktion.
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Sprichwörter in ihrer wahrheitsverbürgenden Funktion dienten
oft als Kommentare von Verhalten, wobei diese natürlich nicht
immer auf alle Situationen gleich gut passten:
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"Es ist ein altes, aber sehr wahres Sprichwort: "So wie der Herr, also der
Knecht!" Es versteht sich, dass dies nur von Domestiken gilt, die lange
genug in einem Hause gedient haben, um darin einen herrschenden Ton
anzunehmen; aber bei diesen trifft es dann auch unfehlbar ein." (Knigge,
226)
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"Verbürgung von Wahrheit" Burger 2010
Sailer 1810 widmet sich der Frage, inwieweit Sprichwörter als
Lebensregeln gelten können und kommt zu dem Schluss, dass sie
eher zum "Sittengemälde" geeignet sind.
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Sprichwörter charakterisieren oftmals nur Menschen, ohne, dass
sie zur Nachahmung aufrufen: Kein Müller hat Wasser, kein Schäfer
Weide genug.
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Allerdings können Sprichwörter auch als Warnungen verstanden
werden (also eher etwas NICHT zu tun bzw sich vorzusehen): Es
tröpfelt eh, 'vors regnet.
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"Verbürgung von Wahrheit" Burger 2010
Wichtig ist es nach Sailer auch, Sprichwörter nicht zu wörtlich zu
nehmen, sondern sie immer auf die aktuelle Situation
anzuwenden.
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Johann Peter Hebel zum Wahrheitsanspruch: Sprichwörter
können manchmal auch schlicht falsch sein!
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"Einmal ist keinmal. Dies ist das erlogenste und schlimmste unter allen
Sprichwörtern, und wer es gemacht hat, der war ein schlechter
Rechnungsmeister oder ein boshafter. Einmal ist wenigstens einmal, und
daran läßt sich nichts abmarkten. Wer einmal gestohlen hat, der kann
sein Leben lang nimmer mit Wahrheit und frohem Herzen
sagen:"Gottlob, ich hab mich nie an fremdem Gut vergriffen..."
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"Verbürgung von Wahrheit" Burger 2010
Es gibt ja auch tatsächlich Sprichwörter, die sich widersprechen:
A. Wo nichts ist, kommt nichts hin.
A'. Was nicht ist, kann noch werden.
B. Bier auf Wein, das ist fein!
B'. Bier auf Wein, das lass sein!
B''. Wein auf Bier, das rat ich dir!
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Offenbar haben manche Sprichwörter also doch keine zeitlose
Gültigkeit, sondern derjenige, der sich danach richtet, macht es
wahr, d.h. bezieht es auf seine konkrete Situation.
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Heutzutage spielt die Wahrheitsfunktion von Sprichwörtern
keine große Rolle mehr.
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Belehrung
Früher kamen Sprichwörter oft in "pädagogischen" Werken vor, die
"lehrhafte Tendenzen" oder regulative Funktionen hatten. Auszug aus
"Erziehung nach dem Sprichwort" des Jesuiten Anton David 1889:
"Wie die Zucht, so die Frucht. Also wenn die Zucht schlecht ist, so wird auch
die Frucht, der Erfolg gering sein. Wie aber kommt in die Kinder die Zucht
hinein? [Natürlich durch die Strafe bei Ungehorsam, Übertretung, usw.] Die
Übertretung ging entweder aus Leichtsinn oder Unbedachtsamkeit oder aus
Scheu vor dem Überwinden oder Versagen hervor: in jedem Falle ist Strafe die
beste Arznei. Strafe lehrt daran denken. Das kann nicht anders sein: Kinder
denken lange, daher denken sie auch lange an die Strafe, die ihnen den Schmerz
verursacht hat. Gebrannte Kinder fürchten das Feuer." (Mehr zu diesem
interessanten pädagogischen Ansatz in Burger, S. 117)
HEUTE: Oft "leicht" überholte Ansichten zu Erziehung und Belehrung.
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Kontextuelle Funktion
Da Sprichwörter oft All-Sätze sind, eigenen sie sich gut für
argumentative Zwecke als eine Art Schlussfolgerung oder
Zusammenfassung und können so die Argumentation
unterstützen.
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Heutzutage steht dieser argumentative Gebrauch nicht mehr im
Vordergrund, früher jedoch war dies eine zentrale Funktion:
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Bräker 1789 über sein Dissertieren aus dem Heer: "Was meine Desertion
betrifft, so machte mir mein Gewissen darüber nie die mindesten
Vorwürfe. Gezwungener Eyd, ist Gott leid! Dacht ich."
Hier wird eine allgemeingültige Weisheit als Begründung und
Rechtfertigung für das persönliche
Handeln herangezogen.
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Kontextuelle Funktion
Durch Sprichwörter im Text, lassen sich vorhergegangene längere
Passagen zusammenfassen und auf den Punkt bringen.
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Außerdem können Sie die Denkweisen einer bestimmten Zeit durch
ihre "Volksweisheit"-Funktion charakterisieren, die auch in zweifelhaften
Situationen ein gutes Gewissen verschaffen. Euphemistischer Charakter:
Kempowski 1981, narrativer Text über Nazi-Zeit:
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"Karl und Grete genießen immer noch den Abendfrieden. Wie schön, dass der
"Consul" wieder flott ist. Das andere werden wir dann schon noch kriegen.
Kommt Zeit, kommt Rat. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht
wird. Man kann direkt sehen, wie's wieder aufwärts geht. Die Nazis mögen
sein, wie sie wollen, aber organisieren können sie." (S. 341)
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Ursachen für Funktion & Nutzung
Es gibt unterschiedliche Gründe dafür, dass Sprichwörter (oder
allgemein Phraseme) ihre Funktion und/oder ihre Produktivität im
Laufe der Zeit ändern:
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Kulturelle Außeneinflüsse: Lateinische Einflüsse im
Humanismus
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Kulturinterne Prozesse: Industrialisierung und ihre
Erfindungen, die sich als Metapher verarbeiten ließen, Entstehung
moderner Sportarten (Burger weist auf Fußball als
Metaphernspender hin → siehe nächste Folie).
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Sozialgeschichtliche Ursachen: Rolle der aus der Klassik
stammenden Geflügelten WorteSitzung
für 6das Bürgertum im 19.Jh.
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Fußballmetaphern
Auf Phrasenebene:
- den Ball flach halten
- jmdn ins Abseits stellen/im Abseits stehen
- jmdm einen Platzverweis erteilen
- jmdn vom Platz fegen
- sich die Bälle zuspielen/zuschieben
- ein Eigentor schießen
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Auf Satzebene:
- Das Runde muss in das Eckige.
- Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
- Am Ende gewinnt immer Deutschland.
- Der Ball ist rund.
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Zusammenfassung
Früher wurden Sprichwörter hauptsächlich volkskundlich untersucht.
Heutzutage sind sie auch Thema der Sprachwissenschaft.
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Ihre Besonderheit ist ihre Losgelöstheit vom Kontext (Mikrotexte).
Sprichwörter sind oft sehr schwierig zu klassifizieren, aufgrund ihrer
breiten Spanne an Idiomatizität. Strukturell & funktional unterscheiden
sie sich jedoch deutlich von anderen Phrasemen.
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Die ursprünglich belehrende, pädagogische Funktion der Sprichwörter
ist heute nicht mehr festzustellen, sondern eine spielerische
Verwendung tritt in den Vordergrund (manchmal unabsichtlich).
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