Work-Shadowing in England (D)

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Work-Shadowing in England (D)
PZM Pflege
Work-Shadowing in England
Schnupperpraktikum bei einer Pflegeexpertin APN, der stationären Psychiatrie in England, wo diese Rolle
etabliert und Standard ist.
Helmut Weninger
dipl. Pflegefachmann ReAl
Zur praktischen Erfahrung der vorgestellten Rolle Advanced Practice
Nurse (APN) im Studiengang Pflegewissenschaft an der Medizinischen
Fakultät der Universität Basel wurde
mir ein dreitägiges Praktikum in England ermöglicht. (Montpellier Unit,
Wotton Lawn Hospital, Gloucester,
England.) Zusammen mit Beatrice
Gehri, einer Studienkollegin, welche
in den Universitären Psychiatrischen
Kliniken Basel arbeitet, reiste ich im
Januar 2013 nach Gloucester England
an die Montpellier Low Secure Unit,
das ist eine geschlossene Station mit
12 Einbettzimmern.
In England wird zwischen straffällig und nicht straffällig gewordenen
psychisch kranken Patienten unterschieden. Für Straffällige gibt es drei
verschiedene geschlossene psychiatrische Einrichtungen (low, middle,
high secure). Für die Nichtstraffälligen werden die Stationen offen
geführt. Ihre Zuteilung bestimmt
nicht das Krankheitsbild, sondern der
Wohnort.
Behandlung in der Montpellier Unit
In der Montpellier Unit erlaubt der
hohe Personalbestand aus verschiedenen Berufsgruppen den Patienten
ein tägliches Programm von morgens
früh bis abends spät auf der Station
und auch ausserhalb anzubieten.
Genutzt werden oft öffentliche Angebote, da dies die Resozialisation
fördert. Dank dem hohen Personalschlüssel und dem Recovery-Ansatz*
(*siehe nächste Seite) reduzieren sich
die Aufenthaltsdauer und die Gesamtkosten verglichen mit dem nationalen Durchschnitt auf etwa die
Hälfte. Dies wird auf der Homepage
www.montpellier.glos.nhs.uk unter
2
Was heisst APN?
Diplomierte Pflegefachpersonen
werden international als Advanced Practice Nurse (APN) bezeichnet, wenn sie eine vertiefte pflegerische Expertise besitzen, in
komplexe Entscheidungsprozesse
involviert sind und ihre Kompetenzen in erweiterter Verantwortung in der klinischen Praxis
ausüben (International Council of
Nurses, 2005).
«Download the new brochure» mit
Grafiken dargestellt.
Den Patienten soll es nicht langweilig
werden. Das Ziel ist die Reintegration
in die Gesellschaft. Die Drehtür-Psychiatrie sei bei ihnen praktisch kein
Thema mehr.
Eine Besonderheit in der Montpellier
Unit ist ein separat abschliessbarer
Bereich, der aus drei Räumen besteht:
WC/Dusche, Raum mit Matratze und
Aufenthaltsraum. Dieser Bereich ist
für einen Patienten vorgesehen, der
spezielle Hilfe braucht und nicht
mehr auf der Station tragbar ist. Es
ist immer jemand 1:1 beim Patienten.
Es wird niemand fixiert.
Die Spezialgebiete unserer APN sind:
Recovery, Motivation Interviewing,
psychosoziale Interventionen und
Security. Linda Moore, die wir begleiten durften, machte ihren Master in
Psychosocial Interventions. Linda hat
ein Büro neben dem Stationszimmer
dadurch ist sie auf der Station oft
präsent und betreut Patienten, berät
Pflegende, andere Berufsgruppen
und Familienangehörige. Jedoch ist
sie nicht direkt für Management-Aufgaben zuständig. Sie kontrolliert die
verschiedenen Assessments (Einschätzungen), den Patientenverlauf und
berät das Team. Dadurch wird ein
hoher Standard der verschiedenen
Assessment-Tools gewährleistet.
Linda leitet interne und externe Weiterbildungen. Sie ist engagiert und
überzeugt von ihrer Arbeit, die sie
mit Freude macht.
Die Pflegenden haben einen hohen
Stellenwert. Sie können sich vielfältig
weiterbilden und dadurch ihre Kompetenzen erweitern (Recht, Sozialarbeit, Medikation usw.). Linda wird
unterstützt von ihrem Vorgesetzten
Anthony Lake, Clinical Nurse Practitioner, der auch ihr Mentor ist.
Besonders aufgefallen sind mir die
vielen verschiedenen AssessmentTools und das klar strukturierte, organisierte und kontrollierte Setting
des Teams.
Mich beeindruckten die vielen Kompetenzen der APN‘s. Auf meine Frage: «Ist dies wegen eines Ärztemangels?» Entgegneten sie: «Nein, die
Pflegenden erleben die Patienten
rund um die Uhr und kennen sie am
besten. Deshalb haben wir uns selber
für mehr Verantwortung und Kompetenzen eingesetzt».
Wir hatten die Möglichkeit an einem
multidisziplinären Rapport teilzunehmen. Der Verlauf jedes Patienten wurde mit einem Beamer an die
Wand projiziert. Der Arzt las den Verlauf laut vor. Alle wichtigen Punkte
waren strukturiert aufgelistet: Empfehlungen des Care-Teams, Aussergewöhnliches, riskantes Verhalten,
somatische Gesundheit, Medikation,
Ausgang, andere Punkte, Wünsche
des Patienten, positiver Prozess, mentaler Status, Engagement in Aktivitäten und Ergänzungen der anwesenden Personen.
Strukturiert in Sachlage, Diskussion
und Aktion wurden alle Ergänzungen und Abmachungen von der Sekretärin laufend aufgeschrieben.
Auffallend waren die vielen Assessments, Guidelines und Standards für
alle Berufsgruppen, was Struktur
gab. Sie hatten auch keine Fallführung oder Bezugsperson, sondern
ein Care Team das aus verschiedenen
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PZM Pflege
(v.l.n.r.) Linda Moore, Anthony Lake, Helmut Weninger, Beatrice Gehri
Berufsgruppen besteht und jeweils
einem Patienten zugeordnet ist.
Leitlinie: Montpellier*
Unser Ziel ist die Wiederherstellung
oder das Maximieren der persönlichen Handlungsfähigkeit, um das
Alltagsleben zu managen und die
Patienten auszurüsten mit Selbstbestimmung und Verständnis ihrer
Situation, um weitere Rückfälle und
Hospitalisation zu verhindern, was
wir den «Montpellier kooperativen
Ansatz» nennen.
Was ist Recovery*. . .
«Recovery ist ein zutiefst persönlicher, einzigartiger Prozess, seine
Einstellungen, Werte, Gefühle, Ziele,
Fertigkeiten und Rollen zu wechseln.
Es stellt eine Lebensweise dar, ein
befriedigendes, hoffnungsvolles und
beitragendes Leben, trotz der von
Krankheit verursachten Beschränkungen, zu haben. Recovery schliesst
die Entwicklung einer neuen Bedeutung über Sinn und Zweck des eigenen Lebens ein, wie man über die katastrophale Wirkung der psychischen
Erkrankung hinaus wächst.»
(Anthony 1993)
Am letzten Tag lernten wir Roland
Dix, Consultant Nurse, kennen, der
uns die Philosophie der Montpellier
* (aus dem Englischen übersetzt)
Unit erklärte. Er verglich das Isolieren (Seclusion) der Patienten mit
dem Film, einer flog übers Kuckucks
Nest, womit er seine persönliche
Abneigung gegenüber dieser Intervention unterstich. Er hat eine Präsentation mit beeindruckenden Bildern ins Internet gestellt. Googlesuche:
Roland Dix seclusion presentation debate.ppt
Psychiatric intensive care unit
Roland Dix organisierte für uns einen
Besuch in einer Nurse-led Psychiatric
intensive care unit (PICU). Eine von
der Pflege geführten Intensivstation
in der Psychiatrie!
Roland verglich die PICU mit dem somatischen Spital. Da gibt es das normale Spital und Intensivstationen,
wo Patienten vermehrt betreut und
überwacht werden. Eine PICU sei das
gleiche Modell für eine Intensivstation in der Psychiatrie.
Diese geschlossene PICU hat zehn
Betten mit einem hohen Personalschlüssel: 6,6,4 also 6 Frühdienste,
6 Spätdienste und 4 Nachtwachen.
Dies wird aber mit der kürzeren Aufenthaltsdauer mehr als wettgemacht
und zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Es gibt auch einen separaten
Bereich. Drei Räume mit Garten. Nur
im Garten ist das Rauchen erlaubt. Im
separaten Bereich sind zwei Pflegende rund um die Uhr beim Patienten
anwesend.
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Leitsatz:
«The PICU deals with clinical nursing
problems rather than medical problems.»
Sinngemäss: «Der Schwerpunkt wird
auf die Betreuung und Beziehung
gesetzt weniger auf die medikamentöse Therapie.»
Ein virtueller Rundgang durch die
PICU ‹Greyfriars› ist auf der Homepage möglich: http://www.2gether.
nhs.uk/greyfriars-picu
Meine Impressionen der APN Arbeit
in England:
Ihre messbaren, evidenten Erfolge
der Reintegration der Patienten in
die Gesellschaft. Der hohe Personalschlüssel zur Umsetzung des Recovery Ansatzes. Die beinahe fehlende
Drehtür-Psychiatrie, die kurze Aufenthaltsdauer und die geringen Gesamtkosten. Das Selbstverständnis
der Pflege und ihr zentraler Stellenwert im Behandlungsprozess. Erweiterte Kompetenzen und Verantwortung. Eine von der Pflege geführte
Intensivstation in der Psychiatrie.
Meine Impressionen der APN Arbeit
in der Schweiz:
Der Begriff Advanced Practice Nurse (APN) begegnete mir erst während des Pflegestudiums in Basel. Da
lernte ich die Rolle im Detail kennen.
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PZM Pflege
Fortsetzung von Seite 3
Die Aufgaben dieser APN Rolle, die
einer Pflegeexperten-Rolle (vereinfacht zusammengefasst) entspricht
sind sehr vielseitig, jedoch sollte der
direkte Patientenkontakt zentral sein
und einen möglichst grossen Anteil
ausfüllen. Die Höfa I kann als Schweizer Ansatz in Richtung APN angesehen werden. Höfa II eher nicht, da
der direkte Kontakt zu den Patienten
oft fehlt.
In den APN Kurs wurden verschiedene APN`s eingeladen die z.B.
von ihrem Delir Management am
Unispital Basel, der Nephrologie des
Unispitals Zürich, Walk in Klinik im
Hauptbahnhof Bern oder dem Medizentrum Schüpfen berichteten. Dies
waren alles sehr interessante Beispiele aus dem somatischen Bereich
der Pflege. Es ist eindrücklich was in
der somatischen Pflege alles möglich
ist!
Und in der Psychiatrie?
Es wurde kein einziges Beispiel vorgestellt auch nicht schriftlich!
Erstaunlich, da ich dachte, dass in
der Psychiatrie die Hierarchie flacher
ist als in der Somatik und die Berufsgruppen enger zusammenarbeiten?
Auch nach dem Studium der Homepage der Montpellier Unit, England
konnte ich mir kein Bild machen was
mich beim Work-Shadowing einer
APN in der Psychiatrie erwartet.
Ich dachte, falls ich zusammen mit
den Patienten koche und einkaufe,
dann gehe ich wieder heim, das kann
ich zu Hause auch. Doch es kam anders … Fazit: Eine Vision ist geboren.
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