Rotschalk 07 / RCE / Begleittext

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Rotschalk 07 / RCE / Begleittext
Rotschalk 2007 (Vorstellung von drei Frühwerken von Thomas Hürlimann)
Als nach langem Warten in Einsiedeln immer noch kein Welttheatertext vorlag, wollte der RC
Einsiedeln in die Lücke springen. Ich bin mit Thomas Hürlimann im Kloster Einsiedeln zur
Schule gegangen: er dichtete damals schon, und ich habe vom ihm drei Gedichte aus jener
Zeit hinüberretten können: nachpubertäre, holprige Verse, aber heute von gewissem Wert
als Frühwerke unseres Innerschweizer Sprachgenies. Diese wollten wir der Welttheatergesellschaft als Nottext zur Verfügung stellen. Das war aber dann doch nicht mehr nötig. Ich
möchte die drei Werke nicht einfach wieder in der Versenkung verschwinden lassen, sondern sie heute exklusiv und erstmalig zum besten geben. Den Autor habe ich nicht gefragt.
Er wird ohnehin bestreiten, diese Gedichte selber gemacht zu haben, da sie wirklich nicht
besonders gut sind.
1. Schulzucht: H. schrieb das recht aggressive und doch nachdenkliche Gedicht unter dem
unmittelbaren Eindruck seiner Schulzeit. Wie in allen seinen Werken schwebt viel Autobiografisches mit. Die Wiedergabe seiner traumatischen Erfahrungen klingt in einen überraschend versöhnlichen Schluss aus.
2. Ballade (nach Erlkönig): Die Verwendung der klassischen Vorlage von Goethe zeigt einerseits den Einfluss der humanistischen Bildung (von der bei H. heute noch ab und zu Spuren erkennbar sind) auf das Frühwerk von H., anderseits scheint bereits die problematische
Sohn-Vater-Beziehung auf, die sich wie ein roter Faden durch sein Werk zieht (vgl. Der
Grosse Kater).
3. Das Lied vom Schnaps und der ehelichen Liebe: Dass H. keine unmittelbare Abneigung
gegen alkoholische Getränke hat, ist bekannt. Schon zu einer Zeit, als er noch unverheiratet
war, verstieg er sich zu einem kurzen Gedicht, wo er vorwegnahm, wie es ihm in einer späteren Ehe ergehen könnte. Es ist klar, dass er damals noch nicht aus einer reifen Lebenserfahrung schöpfen konnte; die recht kunstvolle Form des Gedichts ist deshalb eindeutig anspruchvoller als der Inhalt. Ich vermute auch, dass der Dichter beim Verfassen nicht ganz
nüchtern war.
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WZ/25.4.07 - RC Einsiedeln