Piet van Breemen Leistung und Fruchtbarkeit

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Piet van Breemen Leistung und Fruchtbarkeit
EINÜBUNG UND WEISUNG
Leistung und Fruchtbarkeit
•Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt,
daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt" (Joh 15,16).
Das ist unsere Sendung: Frucht zu bringen - nicht irgendeine Frucht, sondern
Frucht, die bleibt. Schon im Alten Testament spielt die Fruchtbarkeit eine große
Rolle. Auch Jesus beschreibt das Reich Gottes immer wieder in Bildern der
Fruchtbarkeit: das Senfkorn, das kleinste von allen Samenkörnern, das hochgewachsen größer ist als die anderen Gewächse; das Unkraut unter dem Weizen;
der Sämann, dessen Saat auf vier verschiedene Arten von Boden fällt; und andere
mehr. Das ausführlichste und eindruckvollste Gleichnis vom Weinstock und den
Reben zeigt sehr klar, wie die Fruchtbarkeit wesentlich von der Verbindung der
Rebzweige mit dem Stamm abhängt.
Wir meinen, das zu verstehen. Es leuchtet ja ein. Fruchtbarkeit bedeutet: etwas
werden lassen, produktiv sein, Nutzen bringen. Die andere Seite der Münze ist
uns auch klar: eine Rebe, die keine Frucht trägt, ist unproduktiv und nutzlos, muß
also beseitigt werden. Ohne es zu merken, deuten wir dann aber die biblische Botschaft im Sinne der Leistungsgesellschaft, und damit verfehlen wir gerade den
Kern der Frohbotschaft. Es ist für uns tatsächlich sehr schwer, richtig und ehrlich
zu verstehen, was die Bibel uns in dieser Hinsicht zu sagen hat.
Die Leistungsgesellschaft
Die Welt, in der wir leben, ist beherrscht von einem Leistungsdruck. Diese
•Droge" nehmen wir in uns auf mit der Luft, die wir atmen. Alle haben wir die Parole interiorisiert: •Ich bin, was ich leiste". Auf vielerlei Weise wird uns beigebracht, daß Leistung lebensnotwendig ist. Von Jugend auf haben wir erfahren,
daß alles verdient werden muß: Geld natürlich und Karriere, aber auch Erfolg,
Anerkennung, Bestätigung, Dankbarkeit, Herzlichkeit, ja sogar Liebe. Unsere
Leistungen sind die einzige Existenzberechtigung. Oft entläßt die •Droge" Leistung uns bis ins hohe Alter hinein nicht aus der Abhängigkeit. Die Leistungen
sind die Norm, nach der wir andere und uns selbst einschätzen. Wir sind dazu erzogen worden, uns immer wieder die Frage zu stellen: •Was leiste ich? Wie funktioniere ich?"
Leider herrscht diese Mentalität in der Kirche und im Ordensleben nicht weniger, sondern eher noch mehr als sonst in der Welt. Freud, und noch besser sein abtrünniger Schüler Adler mit seinem •Willen zur Macht", könnten von ihrer Sicht
aus leicht eine Erklärung bieten. Mit einigen Beispielen möchte ich erst einmal
zeigen, wie eingeschliffen diese Haltung ist.
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Jean Vanier, der Gründer der Arche-Gemeinschaften, sah bei einem Heimatbesuch in Kanada in einem Klassenzimmer ein Poster hängen, worauf stand: •It is a
crime, not to excel" (es ist ein Verbrechen, nicht hervorragend zu sein). Er war
entsetzt, daß Kinder mit solchen Sprüchen überrollt und massiv in eine Leistungsmentalität hinein programmiert werden.
Viele Menschen klagen über die viele Arbeit, die große Zahl der Termine und
Anrufe, die Menge an Post, die sie zu bewältigen haben. Gelegentlich hat man
aber den Eindruck, daß sie es im Grunde gar nicht anders wollen, und daß hinter
ihrer Klage eine getarnte Selbstverherrlichung steckt.
Im Katalog, den die meisten Ordengemeinschaften jährlich herausbringen,
werden die Namen der Mitglieder zusammen mit ihrer Arbeitsaufgabe aufgelistet. Wenn hohes Alter oder lebenslange Krankheit eine aktive Tätigkeit unmöglich machen, bleibt immer noch die inhaltsreiche Sendung: •orat pro ecclesia et
communitate" (er oder sie betet für die Kirche und die Gemeinschaft). Ein Oberer
erzählte mir einmal, wie ein mehr als neunzigjähriger Pater diesen Auftrag angefochten hat. Er wollte etwas Aktiveres hinter seinem Namen.
Wie oft habe ich gehört, daß betagte Ordensleute sagen: •Pater, ich möchte
noch gerne ein bißchen dienstbar sein", und wie oft war das heimlich vermischt
mit dem unausgesprochenen Wunsch: •Ich möchte noch gerne ein bißchen mitzählen".
Viele Menschen haben die Neigung, ein Arbeits- oder auch ein Gebetspensum
auf sich zu nehmen, das ihre Kräfte übersteigt. Manchmal könnte dieselbe Aufgabe auch einfacher und schneller erledigt werden. In dieser Weise bringen sie
sich selbst unnötig in eine Streßsituation, die ihnen das wohltuende Gefühl
schenkt, unentbehrlich zu sein. Ordensgemeinschaften sind keineswegs gefeit gegen diese Versuchungen, obwohl sie dem kontemplativen Kern ihres Lebens eindeutig zuwider laufen.
Das subtilste Beispiel fand ich in einem Buch von einem Mönch1, der berichtet,
wie ein alter Trappistenbruder seinem Abt anvertraut: •Die Welt würde staunen,
wenn sie je erfahren würde, wieviel Holz ich in meinem Leben gespalten habe".
Alles im Konjunktiv! Er hat sich schon damit abgefunden, daß die Welt es nie erfahren wird. Aber doch bleibt ihm der heimliche Trost, daß sie staunen würde,
wenn sie es je erführe. Sie schleicht sich überall ein, diese Leistungsmentalität, sogar in die Betagtenabteilung eines Trappistenklosters.
Leistung ist keineswegs immer nur ein Suchen nach Profit, Anerkennung oder
Macht. Sie kann auch sehr wohl die Reaktion eines aufrichtigen Verantwortungsbewußtseins sein. Vor allem Menschen, die ein offenes Auge für die Nöte von anderen haben, fühlen sich oft ausdrücklich oder stillschweigend berufen, zu helfen.
Es gibt etwas sehr Schönes in dieser Haltung. Doch muß man auch in solchen Fällen diese Neigung sorgfältig unterscheiden. Die eigene Familie oder Kommunität
wie auch die Muße sollen nicht zu kurz kommen; eine gesunde Distanz soll gewährleistet bleiben; die eigenen Grenzen sollen beachtet und die Motivationen
durchschaut werden. Und dennoch ist es mir ein Herzensbedürfnis, die ehrliche
Bernardin Schellenberger, Nacht leuchtet wie der Tag. Freiburg-Basel-Wien 19822, 12.
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Hoffnung auszusprechen, daß diese vielen Bedingungen unsere Hilfsbereitschaft
und Großzügigkeit nicht ersticken.
Übereinstimmungen und Unterschiede
Die Grenzlinie zwischen Fruchtbarkeit und Leistung ist nur sehr dünn; die beiden überlappen sich sogar. Es wäre unrealistisch, einen vollständigen Gegensatz
zwischen den beiden zu konstruieren. Zum Beispiel erfordern sowohl die Fruchtbarkeit wie die Leistung Einsatz, Anstrengung, Disziplin und Geduld. Beide kosten etwas. Es braucht viel Arbeit, um das Land zu pflügen und zu düngen, zu eggen und zu besäen, um die Ernte zu schützen und einzuholen. Sorgfalt und aus
Erfahrung gewachsene Klugheit spielen eine wichtige Rolle bei der Fruchtbarkeit
wie bei der Leistung. Doch scheinen mir die Unterschiede interessanter und wichtiger als die Übereinstimmungen. Inzwischen habe ich wohl ein Dutzend davon
gefunden.
In der Fruchtbarkeit bleibt Raum für das Geheimnis, das wir nicht durchschauen, sondern dem wir uns anvertrauen. Wir lassen es sich entfalten, wir lassen es geschehen. Wir sind aufmerksam und engagiert, aber auch entspannt und
voller Zuversicht. Jesus schildert diese Haltung im schönen Gleichnis vom Landmann, der schläft und wieder aufsteht, während inzwischen der Same keimt und
wächst, •und der Mann weiß nicht, wie" (Mk 4,26-29). Bei der Leistung hingegen
will man alle Fäden in der Hand und alles im Griff haben! Das Geheimnis wird
so weit als möglich ausgeklammert. Es ist wichtig, alles zu beherrschen. Das
bringt Spannung und Streß. •Ich kann mir keinen schwachen Augenblick erlauben", sagte eine Frau, •sonst geht etwas schief. Offensichtlich hatte sie noch
nicht entdeckt, daß schon etwas ganz Lebenswichtiges schiefgegangen war in dieser verkrampften Haltung.
Fruchtbarkeit ist gesund und natürlich. Sie entspricht den Gesetzen der Natur
und achtet auf die Würde eines jeden Geschöpfs. Leistung, im Vergleich dazu,
geht oft auf Kosten der Natur. In den letzten Jahren haben wir die peinliche Entdeckung gemacht, wie sehr die Leistungsgesellschaft die Erde vergewaltigt und
Mutter Natur über ihre Grenzen hinaus ausgebeutet hat. Wir haben die Umwelt,
auf die das gesunde Menschenleben sich stützt, geschädigt; Wasser, Luft, Boden,
Ozonschicht sind teilweise zerstört. Auch auf der persönlichen Ebene haben
Menschen sich zu sehr verausgabt; einige sind •ausgebrannt". Es war manchmal
zu wenig Zeit und Interesse für diejenigen vorhanden, mit denen man in Familie
oder Gemeinschaft zusammenlebt. Das geistliche Leben kann ebenfalls sehr unter der Überaktivität leiden.
Die Natur hat ihre Höhen und Tiefen. Nicht jede Frucht ist vollkommen gestaltet; gelegentlich ist mal eine teilweise mißlungen. Im Weizenfeld wächst auch Unkraut. Die Leistungsgesellschaft möchte das alles beseitigen. Sie klammert das
Schwache aus und vergöttert den Erfolg und die Effizienz. Sie ist oft zu zielstrebig
und verdrängt dabei gewisse Werte, manchmal in rücksichtsloser Weise. Da wird
viel unverdientes Leid zugefügt, in flagrantem Gegensatz zum Evangelium.
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Die Leistungsmentalität würgt das kontemplative Element in unserem Leben
ab. Ergebnis und Erfolg beherrschen einen Menschen so sehr, daß Gott nicht
mehr in der Mitte steht. In der Fruchtbarkeit, auf der anderen Seite, kann unsere
Aktivität ein heiliger Ort sein, wo wir nicht unsere eigene Ehre, Erfüllung und Bestätigung in die Mitte rücken, sondern wo wir Gott präsent und wirksam sein lassen. Unsere Tätigkeit wird dann echter Dienst, selbstlos und transparent. Hier
liegt m. E. der springende Punkt für das In-actione-kontemplativ-sein, das zutiefst mit dem •Omnia ad maiorem Dei gloriam" zusammenhängt.
Fruchtbarkeit geschieht in einer Haltung der Unentgeltlichkeit. •Umsonst habt
ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben" (Mt 10,8). Nicht nur unsere Begabung
und Talente, sondern unser ganzes Leben ist eine freie Gabe Gottes. Wir müssen
unsere Existenzberechtigung gar nicht durch unsere Leistungen verdienen. Wir
müssen auch nicht um jeden Preis bedeutsam sein. Unentgeltlichkeit ist eine lebensnahe Art, zu zeigen, daß unser Leben ein reines Geschenk ohne Berechnung
ist. Dem entspricht das Urverlangen in jedem Menschen, zweckfrei bejaht und geliebt zu werden. Wenn wir nur wegen unserer Leistung geschätzt werden, dann
verletzt das im Tiefsten. Zwar suchen wir auf der einen Seite Anerkennung durch
Leistung, auf der anderen Seite tut es uns aber weh, wenn die anderen uns nur
brauchen, weil wir gut •schuften" können. Wir spüren, wie wir dann reduziert
werden. Wir sind mehr als die Leistung, die wir bringen können. Wer selber seinen Selbstwert zu stark aus der Leistung schöpft, kommt früher oder später in
eine schreckliche Krise. Wenn die erfolgreiche Tätigkeit zu Ende geht, ist es meistens zu spät, die Grundeinstellung zu korrigieren.
Fruchtbarkeit geschieht immer in der Weise des Weizenkorns, das in die Erde
fällt und stirbt und nur so Frucht bringen kann (Joh 12,24). Sicher, auch die Leistung fordert Opfer, aber für die unzeitgemäße Botschaft, sich selbst zu verlieren
und zu verleugnen, wirbt nicht die Leistungsgesellschaft; im Gegenteil, diese
Wahrheit ist ihr zu tiefst zuwider. Das Evangelium demgegenüber lehrt uns unverblümt, daß wir unser Leben um Christi willen verlieren müssen, um es zu gewinnen.
Fruchtbarkeit setzt jedesmal eine Beziehung voraus, die immer Aufnahmefähigkeit und Empfänglichkeit beinhaltet. Pflanzen müssen befruchtet werden, um
Frucht zu tragen. Bei Tieren und Menschen ist es noch evidenter, daß die Frucht
nur aus der Beziehung hervorkommt. Und im Reich Gottes geht es vor allem um
Beziehungen, intime und bleibende, wie z. B. der Vergleich mit Weinstock und
Reben zeigt. Leistung kann ein Ersatz für einen Mangel an Beziehung sein. Es
kann sein, daß die Beziehung zu Menschen schwach oder kaum da ist, und daß
wir eben darum ungeheuer viel schließlich als Ersatzhandlung leisten. Es kann
sein, daß die Beziehung zu Gott zu schwach ist und wir darum in die Leistung
flüchten.
Im Alten wie im Neuen Testament beruht die große Würde des Menschen zum
Teil darauf, daß er Mitarbeiter Gottes ist. Wir sind berufen, an der schöpferischen
Aktivität Gottes teilzuhaben. Die Schöpfung ist uns anvertraut. In der Leistungshaltung verschiebt sich der Schwerpunkt weg von der Mitarbeit mit Gott auf die
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Ichzentriertheit hin. Damit schneiden wir uns von der von Gott gewirkten Fruchtbarkeit ab und verurteilen uns selbst zum Fluch der kompletten Eigenleistung.
Den Gegensatz zwischen Gesetz und Gnade, der bei Paulus eine so ausgeprägte Rolle spielt, kann man in unserer Zeit und Sprache übersetzen mit dem
Wortpaar Leistung und Fruchtbarkeit. Gesetz ist, was der Mensch selber zustande bringt, das Heil, das er selber bewirkt; es ist die Leistung im geistlichen Bereich. Der fruchtbare Mensch demgegenüber lebt aus Gnade und weiß sehr wohl,
daß das Eigentliche ihm geschenkt wird. Nicht die Aktivität rechtfertigt uns, sondern die Rechtfertigung aktiviert uns (Wilfried Jöst).
Unser himmlischer Vater weiß, daß wir Nahrung und Kleidung brauchen; und
nicht nur das, sondern auch Geborgenheit, Gemeinschaft, Bestätigung, Erfolg,
Erfüllung, Herzlichkeit und Liebe. Wir müssen uns um •das alles" kümmern und
dafür planen und wirken. Aber wir sollen es nicht ängstlich suchen. Der Kern des
Bundes war immer, daß wir Gott suchen mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele
und mit allen Kräften; und daß Gott für uns sorgt. Es ist ein Austausch der
Schwerpunkte. Wir machen Gott zu unserer Priorität: und Er macht unser Wohlergehen zu seinem göttlichen Anliegen. Jeder sorgt mehr für den anderen als für
sich. Es gibt sicher nicht weniger Sorge und Einsatz als vorher, aber jetzt ist es
eine Sorge um den anderen; der Stachel der Selbstsucht ist überwunden. Das
macht einen riesigen Unterschied im konkreten Erleben.
Die Fruchtbarkeit im Reich Gottes ist oft nicht meßbar und läßt sich meistens
nicht vorzeigen. Sie bleibt im Grunde verborgen, nur zugänglich für den Vater,
•der auch das Verborgene sieht". Sie gibt dem die Ehre, •der wachsen läßt" (1
Kor 3,6). Leistung, im Vergleich dazu, kann vorgezeigt werden und unsere eigene
Ehre fördern. Sie zeigt unseren Wert. Sie ist stark am Messen und Vergleichen orientiert.
Die Leistung nimmt auf die Dauer ab. Ein Profi-Athlet merkt das schon ziemlich früh, aber wenn wir lange genug leben, erfahren wir es alle. Der Körper und
der Geist bauen ab. Die Fruchtbarkeit demgegenüber bleibt und nimmt vielleicht
sogar noch zu. Mehrere Psalmen besingen das voll Freude. •Der Gerechte gedeiht wie die Palme, er wächst wie die Zedern des Libanon. Gepflanzt im Hause
des Herrn, gedeihen sie in den Vorhöfen unseres Gottes. Sie tragen Frucht noch
im Alterund bleiben voll Saft und Frische" (Ps 92,13-15). Der Hang, jung zu bleiben, ist gesund und normal, wird aber gelegentlich in ungesunde Extreme getrieben. Die Spiritualität der Fruchtbarkeit kann uns von diesem Druck befreien und
unser Verständnis von dem, was wirklich bedeutsam ist, erweitern.
Es gibt in der Kirche und im Orden Menschen, die viel leisten, aber wenig
Frucht bringen; und umgekehrt gibt es auch Menschen, die wenig leisten, aber
sehr fruchtbar sind. Die Unterschiede zwischen Fruchtbarkeit und Leistung können die biblische Botschaft erläutern, unserem Leben eine tiefere Erfüllung und
Freude bringen, und uns helfen, die richtigen Prioritäten zu setzen und Aktivitäten zu wählen.
Piet van Breemen, Aachen