Dienen Evaluationen der schulischen Qualitätsentwicklung?

Commentaren

Transcriptie

Dienen Evaluationen der schulischen Qualitätsentwicklung?
SCHULQUALITÄT
12
Zu einem Aufsatz von Prof. Dr. Wolfgang Böttcher
Foto: Felix Jason / imago
Dienen Evaluationen der
schulischen Qualitätsentwicklung?
Wie verbessert man die „Qualität“ von Schule – und welche Instrumente setzt man dafür
ein?
as Niedersächsische Kultusministerium
setzt bei der Steuerung der Eigenverantwortlichen Schule auf die innere und
äußere Evaluation. Inwieweit diese Evaluationen durch Schulinspektion und die Nutzung
von Beobachtungs- und Befragungsinstrumenten aber wirklich das erhoffte qualitätsentwickelnde Potenzial enthalten und die
schulische Qualitätsentwicklung entsprechend befördern, ist bisher nicht durch vergleichende Untersuchungen belegt. Können
Evaluationen der Schule also die mit ihnen
verbundenen Ansprüche überhaupt erfüllen?
Erste Erfahrungen jedenfalls geben Anlass zu
der Vermutung, dass die aktuell forcierten
Instrumente sogar eher negative Effekte für
die Schule und ihre Qualität haben könnten.
Prof. Dr. Wolfgang Böttcher von der Universität Münster hat zu diesem Themenkomplex
den lesenswerten Aufsatz „Was leisten Evaluationen für die Qualitätsentwicklung?“ verfasst, veröffentlicht in: Thorsten Bohl/Hanna
Kiper (Hrsg.): Lernen aus Evaluationsergeb-
D
nissen. Verbesserungen planen und implementieren. Heilbrunn 2009.
In einem ersten Abschnitt beschreibt der
Autor die vielfältigen Instrumente der Schulpolitik, die als Evaluationsmaßnahmen deklariert sind, und unterzieht diese einer kritischen
Bewertung. Diese mündet in der These, „dass
die unter ‚Evaluation’ firmierenden Maßnahmen auf Kontrolle der Schule zielen und viel
zu wenig die Maßnahmen der Verbesserung
ansprechen, die in den Mittelpunkt gehörten.“
Der zweite Teil des Textes befasst sich mit
der Frage, was Evaluation eigentlich ist und
welchen Gütekriterien sie verpflichtet ist. Vorgestellt werden fünf Typen der Programmevaluation mit ihren Einsatzmöglichkeiten und ihrer Dienlichkeit im pädagogischen Bereich.
Des Weiteren werden die Standards der Evaluation beschrieben, die Evaluierten und Auftraggebern von Evaluationen Orientierung
und Sicherheit geben sollen: Nützlichkeits-,
Durchführbarkeits-, Korrektheits- und Genauigkeitsstandards sind Leitprinzipien, die bei
25 Jahre in der GEW
Zum „Silbernen“ GEW-Jubiläum gratulieren wir im September folgenden Kolleginnen und Kollegen
und danken für ihre langjährige Mitgliedschaft:
Ferdinand Behschnitt (Adenbüttel), Elvira Gercke
(Cloppenburg), Silke Grelle (Braunschweig), Lutz
Habermann (Göttingen), Bernd Hammer-Kindel
(Hannover), Monika Harms (Hannover), MariaLuise Hauschild (Edewecht), Dagmar Katscher
(Wilhelmshaven), Gerlinde Ley-Schwitters (Ol-
9/2009
NIEDERSACHSEN
denburg), Elisabeth Menkhaus (Osnabrück), Barbara Merholz (Jork), Günter Jochen Mundzeck
(Visselhövede), Annette Rummenhohl (Adelebsen), Ulrike Schleier (Edewecht), Ute Scholz
(Wiefelstede), Cornelia Stührenberg (Westoverledingen).
jeder Evaluation Berücksichtigung finden sollten.
Abschließend geht Wolfgang Böttcher auf
die Gefahren ein, die inzwischen bei der
Analyse der Umsetzung erkennbar werden.
Da „Evaluation (...) eher in ein „Kontrollparadigma“ als in ein kohärentes Konzept der
Qualitätsentwicklung platziert“ werde, besteht die Gefahr, dass Beobachtungen der
Schulinspektion beispielsweise, ohne Beweise für die Validität und Reliabilität der
von ihren ermittelten Daten liefern zu können, auf der Beschreibungsebene bleiben.
Fragen nach dem Zustandekommen der Ergebnisse, notwendigen Maßnahmen, um die
Ergebnisse zu verbessern, oder der Rolle
der Ressourcenausstattung bleiben offen:
„Es fehlen sowohl Erklärungen als auch effektive Maßnahmen.“
Auffällig – so der Autor – sei auch, dass die
Ebenen der Systemsteuerung, insbesondere
die der politischen Steuerung, konsequent
herausgehalten werden. Auch die mit der Dezentralisierung der Schulen einhergehende
erforderliche Umgestaltung der Schulaufsicht
werde nicht in Evaluationsverfahren einbezogen, obwohl sie in einem solch umfassenden
Prozess des Change-Managements ein
durchaus wichtiges Instrument sein könnte.
Aufgrund der Länge des Aufsatzes musste
auf einen Nachdruck in der EuW verzichtet
werden. Interessierte finden den zur Lektüre
empfohlenen Gesamttext jedoch auf der Homepage der GEW-Niedersachsen unter
www.gew-nds.de
CORDULA MIELKE
40 Jahre
in der GEW
Zum 40-jährigen GEW-Jubiläum gratulieren wir
im September folgenden Kolleginnen und Kollegen und danken für ihre langjährige Mitgliedschaft:
Karl-Heinz Held (Hann Münden), Klaus Bonacker (Sibbesse), Gunda Bordtheiser (Buxtehude), Rainer Dittrich (Gerdau), Klaus Edelhoff
(Vechelde), Angelika Gonzalez (Boltersen),
Günter Gross (Upgant-Schott), Gerhard Knake
(Oldenburg), Ulrike Köhler (Hannover), Karin
Korkow (Lüneburg), Hans Lehnert (Laatzen),
Anne-Dore Liebezeit (Oldenburg), Christa Neifeind (Göttingen), Birgit Oelze (Garbsen), Ute
Olfe (Beierstedt), Walter Schrader (Stuhr), Marianne Steuber (Bovenden), Willi vom Baur (Emlichheim), Christian Wilms (Steyerberg), Barbara Wessels (Ganderkesee), Peter Wendeborn
(Liebenburg),
Unser Dank gilt außerdemallen Kolleginnen und
Kollegen, deren Mitgliedschaft sich in diesem
Monat zu einem weiteren Jahr rundet.
BILDUNG UND INFRASTRUKTUR
13
Öffentliche Investitionen
Deutschland riskiert
seine Substanz
Bei Investitionen in Infrastruktur und Bildung droht Deutschland im internationalen Vergleich den Anschluss zu verlieren,
zeigt eine Analyse.* Damit riskiert es seine
wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit.
ffentliche Investitionen steigern langfristig die Produktivität und sind damit von zentraler Bedeutung für
Wachstum und Beschäftigung: In einem
Land mit einer funktionierenden Infrastruktur
und gut ausgebildeten Beschäftigten siedeln
sich Unternehmen gern an, produzieren Güter und schaffen Arbeitsplätze. Trotzdem gehen seit Anfang der 1970er-Jahre die
(west)deutschen Investitionen in Straßen
und Schulgebäude stark zurück: von 4,7
Prozent des Bruttoinlandsprodukts 1970 auf
1,5 Prozent im Jahr 2007. Das ist gerade
einmal die Hälfte der Investitionsquoten anderer Industrienationen: In Frankreich,
Schweden und Japan liegen die Ausgaben
jeweils über 3 Prozent.
Aufgrund der geringen öffentlichen Investitionen über mehrere Jahrzehnte hat sich
inzwischen eine erhebliche Lücke aufgetan,
so Achim Truger, Finanzexperte im IMK. Allein für Straßen, Brücken und Gebäude – also die Investitionen im engeren Sinne –
schätzt er die jährlich nötigen Mehrausgaben auf 33 Milliarden Euro. Dabei sind Ausgaben für Bildung und Forschung noch gar
nicht eingerechnet. Denn diese sind nach
den engen Regeln der Volkswirtschaftlichen
Gesamtrechnung keine investiven, sondern
konsumtive Ausgaben. Dabei sind sie mindestens ebenso wichtig für Wachstum und
Beschäftigung wie Investitionen in Beton,
schreibt Truger. Für Bildung, Forschung und
Entwicklung – zum Beispiel mehr Lehrer an
Schulen und Universitäten – beziffert der
Ökonom den jährlichen Investitionsbedarf
auf 25 bis 60 Milliarden Euro.
Ö
Der Bedarf ist da. Doch wie sollten die
Mehrausgaben finanziert werden? In der
deutschen wirtschaftspolitischen Debatte
gelten eine verstärkte Kreditaufnahme, besonders aber höhere Steuern und Abgaben
grundsätzlich als wachstumsschädlich. Empirisch ist dies jedoch nicht eindeutig nachzuweisen, zeigt Truger: Unterschiedliche Analysen ergeben einen positiven, einen negativen
oder auch gar keinen Zusammenhang zwischen Wohlfahrtsstaat und Wirtschaftswachstum.
An anderer Stelle sparen: In keinem Land
Europas haben sich die Staatsausgaben in
den vergangenen zehn Jahren so schwach
entwickelt wie in Deutschland. Auf preisbereinigt zwischen 1 und 5 Prozent kommen die
westlichen Industrienationen beim Vergleich
der Wachstumsraten der gesamten Staatsausgaben im Durchschnitt der Jahre 1998 bis
2007.
In Deutschland dagegen sanken die Ausgaben im Schnitt um 0,2 Prozent. Massive
Ausgabenkürzungen zur Finanzierung der zusätzlichen öffentlichen Investitionen scheiden
vor dem Hintergrund dieser Entwicklung aus,
so der IMK-Forscher.
Mehr Schulden: Einiges spräche für eine
höhere Nettoneuverschuldung. So würden
künftige Generationen an den Kosten der jetzt
erneuerten Infrastruktur beteiligt. Durchaus
zu recht, so Truger. Denn sie werden den Nutzen aus dieser Investition in die Zukunft des
Landes haben. Außerdem könnten sich aufgrund der verbesserten Produktivität viele Investitionen zu einem guten Teil selbst finanzieren. Das Problem: Dieser Finanzierungsmethode stehen die Regeln des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes
und neuerdings auch die so genannte Schuldenbremse entgegen.
Höhere Steuern: Daher müssten die notwendigen Investitionen weitestgehend über
höhere Steuern finanziert werden, schreibt
der IMK-Experte. Das wäre eine sinnvolle
Lösung, auch wenn viele Vertreter des deutschen ökonomischen Mainstreams anderer
Ansicht seien. Wirtschaftlich bedeutende
Entscheidungen der privaten Haushalte –
wie viel sie arbeiten oder sparen – werden
nur mäßig von höheren Steuern beeinflusst,
zeigt die Empirie. Auch Unternehmen reagieren weitaus weniger auf Änderungen in
der Besteuerung als gemeinhin angenommen. Im internationalen Vergleich ist das
deutsche Aufkommen gerade bei vermögensbezogenen Steuern unterdurchschnittlich – zum Beispiel bei der Erbschaftsteuer.
Hier sieht Truger noch große Aufkommenspotenziale. Doch auch diese Möglichkeit
drohe an politischen Widerständen zu scheitern. Bereits die Kohl-Regierung hatte mit
einem systematischen Rückbau des Staates
begonnen, den die rot-grüne Bundesregierung fortsetzte: Steuersenkungen, überdurchschnittlich zugunsten der Reichen und
Unternehmen, führten zu Steuerausfällen
und Ausgabenkürzungen. Die Agenda 2010
stutzte den Sozialstaat zurecht. Auch die Finanzmarktkrise und die globale Rezession
scheinen die deutsche Politik nicht dauerhaft auf einen expansiveren Kurs einschwenken zu lassen, befürchtet der Ökonom.
*Quelle: Achim Truger: Die makroökonomische
Bedeutung öffentlicher Investitionen und ihre
Finanzierbarkeit, in: WSI-Mitteilungen 5/2009.
Download unter www.boecklerimpuls.de
NIEDERSACHSEN
Herausgeber:
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Niedersachsen, Berliner Allee 16,
30175 Hannover, Telefon 0511 33804-0,
Fax 0511 33804-46, [email protected]
Vorsitzender: Eberhard Brandt, Hannover
Verantwortl. Redakteur: Joachim Tiemer
Redaktion: Sabine Kiel, Andreas Klepp,
Richard Lauenstein, Hans Lehnert,
Cordula Mielke, Brunhild Ostermann, Horst Vogel
Postanschrift der Redaktion:
Berliner Allee 16, 30175 Hannover,
Fax 0511 33804-21
E-Mail: [email protected]
Erziehung und Wissenschaft Niedersachsen (EuW)
erscheint 10x jährlich (Doppelausgabe im Juni und
September). Für Mitglieder ist der Bezugspreis im
Mitgliedsbeitrag enthalten. Für Nichtmitglieder beträgt der Bezugspreis jährlich 7,20 € zzgl. 11,30 €
Zustellgebühr (einschl. MwSt.).
Redaktionsschluss ist der 20. des Vormonats. Später
eingehende Manuskripte können nur ausnahmsweise berücksichtigt werden. Grundsätzlich behält sich
die Redaktion bei allen Beiträgen Kürzungen vor. Für
unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder wird
keine Verantwortung übernommen. Die mit dem Namen oder den Initialen des Verfassers gekennzeichneten Beiträge stellen nicht unbedingt die Meinung
des Herausgebers oder der Redaktion dar.
Verlag mit Anzeigenabteilung:
STAMM Verlag GmbH, Goldammerweg 16
45134 Essen, Tel. 0201 84300-0
Fax 0201 472590
E-Mail: [email protected]
Internet: www.erziehungundwissenschaft.de
Verantw. für Anzeigen: Mathias Müller
Gültige Preisliste Nr. 30 vom 1. Januar 2009
Anzeigenschluss siehe Terminplan
Herstellung: Kornelia Schick, Adlerstraße 8
31228 Peine, Tel. 05171 929295
Fax 05171 929397
Druck: Druckhaus A. Schlaeger GmbH
Woltorfer Straße 116, 31224 Peine
Tel. 05171 400-20
ISSN
Fax 05171 16424
0170-0723
NIEDERSACHSEN
9/2009