Umsetzung der neuen BVV-2-Anlagevorschriften

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Umsetzung der neuen BVV-2-Anlagevorschriften
R E C H N U N G SW E S E N
ERICH MEIER
S I LV A N L O S E R
UMSETZUNG DER NEUEN
BVV-2-ANLAGEVORSCHRIFTEN
Alles klar – oder doch nicht ?
Mit Wirkung auf das Rechnungsjahr 2015 sind am 1. Juli 2014 revidierte Bestimmungen in der Verordnung über die berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVV 2) zur Vermögensanlage in Kraft getreten. Die zentrale Änderung betrifft
die Abgrenzung zwischen traditionellen Forderungen und alternativen Anlagen.
1. EINLEITUNG
Mit der Änderung der BVV 2 zieht der Bundesrat die Konse­
quenzen aus der Finanzkrise von 2008. Diese hatte aus Sicht
der Investoren und damit auch der Vorsorgeeinrichtungen
unter anderem in folgenden zwei Bereichen Mängel offen­
gelegt:
Überraschende Verluste aus nichttraditionellen Forderungen: Die Fi­
nanzkrise hat gezeigt, dass diverse als Forderungen klassifi­
zierte Finanzinstrumente nicht dem Risikoprofil entsprochen
haben, das mit dieser Kategorie gemeinhin in Verbindung
gebracht wird. So wurden unter anderem mit verbrieften
Forderungen, wie zum Beispiel Asset Backed Securities (ABS),
Verluste erzielt, die auf diese Art und Weise nicht erwartet
wurden.
Ausfall Gegenpartei bei Wertschriftenleihe: In der Finanzkrise
sind bei Securities Lending (und teilweise auch bei den ver­
wandten Repo-Geschäften) unerwartet Gegenparteien aus­
gefallen. Es musste in Einzelfällen festgestellt werden, dass
keine genügenden Sicherheiten vorhanden oder diese illi­
quid geworden waren, was zu Verlusten geführt hat.
Entsprechend beziehen sich die wesentlichsten Punkte der
Revision auf strengere Voraussetzungen für eine Klassifizie­
rung von Finanzinstrumenten als Forderungen sowie auf
die Festlegung von Mindestanforderungen für die Wert­
schriftenleihe. Neu wurde auch das Hebelverbot explizit
verankert.
2. KERNELEMENTE DER NEUEN
BVV-2-ANLAGEVORSCHRIFTEN
2.1 Klassifizierung von Finanzinstrumenten als Forderungen
2.1.1 Grundprinzip. Den Kernpunkt der Revision bilden Art. 53
Abs. 1 lit. b und Art. 53 Abs. 3 BVV 2. Der erste Artikel enthält
neu eine abschliessende Liste von Anlagen, die als Forderun­
gen im Sinne der BVV 2 zu betrachten sind. Im zweiten Arti­
kel wird festgelegt, dass sämtliche Forderungen, die nicht in
Art. 53 Abs. 1 lit. b BVV 2 aufgelistet sind, automatisch als al­
ternative Anlagen klassifiziert werden (vgl. dazu Abbildung 1).
Zudem werden folgende Forderungen explizit als alterna­
tive Anlagen eingestuft:
 Forderungen, die nicht auf einen festen Geldbetrag lauten
oder deren ganze oder teilweise Rückzahlung von Bedingun­
gen abhängig ist. Dazu gehören unter anderem Pflichtwan­
delanleihen (Cotingent Convertible Bonds), Perpetuals (For­
derungen ohne fixiertes Fälligkeitsdatum) und gewisse
Arten von strukturierten Produkten.  Verbriefte Forderun­
gen wie Asset Backed Securities oder andere Forderungen,
die aufgrund eines Risikotransfers zustande gekommen sind,
wie Forderungen gegenüber einer Zweckgesellschaft oder
Forderungen auf Basis von Kreditderivaten. Dazu zählen z. B.
Collateralized Debt Obligations oder Credit Default Swaps [1].
Bei solchen Instrumenten besteht oft das Problem, dass die
in die Konstruktion des Instruments involvierten Parteien
asymmetrische Interessen am finanziellen Erfolg des Pro­
dukts haben und dies zu einem ungünstigen Chancen-Ri­
siko-Profil für den Investor führen kann.  Senior Secured
ERICH MEIER,
SILVAN LOSER,
DIPL. WIRTSCHAFTSPRÜFER,
DR. OEC. HSG,
DIRECTOR, MITGLIED
DIPL. WIRTSCHAFTSPRÜFER,
SUBKOMMISSION BVG VON
PARTNER,
EXPERTSUISSE,
DEPARTMENT OF
MITGLIED AUSSCHUSS
PROFESSIONAL
ANLAGEFRAGEN
PRACTICE (DPP), KPMG AG,
DER BVG-KOMMISSION,
ZÜRICH
KPMG AG, ZÜRICH
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Abbildung 1: KLASSIFIZIERUNG VON FORDERUNGEN IM SINNE DER BVV 2
Anlagekategorie Forderungen
Anlagekategorie alternative Anlagen
 Postcheck- und Bankguthaben, Geldmarktanlagen
(≤ 12 Monate), Kassenobligationen
 Anleihensobligationen [3] (inkl. traditionelle Wandel- und
Optionsanleihen, Floating Rate Bonds)
 Besicherte Anleihen (Haftung durch Emittenten sowie zusätz­
liche Sicherheiten, z. B. schweizerische Pfandbriefe)
 Schweizerische Grundpfandtitel (z. B. Hypotheken)
 Schuldanerkennungen (z. B. Darlehen) von schweizerischen
öffentlich-rechtlichen Körperschaften
 Rückkaufswerte aus Kollektivversicherungsverträgen
 Bond-Index-Anlagen
 Forderungen ohne definierten Rückzahlungsbetrag bzw. mit
Bedingungen für Rückzahlung wie:
  Pflichtwandelanleihen (Contingent Convertible Bonds)
  Perpetuals (Forderungen ohne fixiertes Fälligkeitsdatum)
  Gewisse Arten von strukturierten Produkten
 Verbriefte Forderungen und Forderungen gegenüber Zweck­
gesellschaften wie:
  A sset Backed Securities
  Collateralized Debt Obligations
  Synthetische Forderungen (auf Basis von Kreditderivaten)
 Senior Secured Loans
 Ausländische Grundpfandtitel (z. B. ausländische Hypo­
theken)
 Schuldanerkennungen (ohne hypothekarisch gedeckte Dar­
lehen) von anderen Schuldnern als schweizerischen öffentlichrechtlichen Körperschaften (z. B. Darlehen an Arbeitgeber) [4]
 usw.
Grundprinzip:
In der Anlagekategorie Forderungen sind Bonitäts- und Zins­
änderungsrisiken dominant und nicht Risiken aufgrund der
Strukturierung.
Grundprinzip:
Alle Forderungsinstrumente, die nicht explizit in die Anlage­
kategorie Forderungen fallen, werden als alternative Anlage
bilanziert.
Loans, die oft von einem Bankenkonsortium vergeben und
anschliessend an Investoren weitergereicht werden. Dies
kann zu vergleichbaren Problemen wie bei den verbrieften
Forderungen führen.
rung der Anlage in alternative Anlageklassen. Die Erweite­
rungsmöglichkeit gemäss Art. 50 Abs. 4 BVV 2 wird in Zu­
kunft bei unverändertem Anlageverhalten häufiger in An­
spruch genommen werden müssen.
Gemäss den Erläuterungen zur Änderung der BVV 2 [2] soll
mit dieser Regelung erreicht werden, dass in der Anlageka­
tegorie Forderungen nur noch Anlagen zu finden sind, deren
Hauptrisiken die Bonitäts- und Zinsänderungsrisiken dar­
stellen. Weitere Forderungen, die zusätzlich Risiken aus der
Strukturierung beinhalten, gelten als alternative Anlagen.
Dies kann durchaus als Grundprinzip für die Klassifizierung
von Forderungen verstanden werden.
Damit wird das Universum der alternativen Anlagen aus­
gedehnt, was tendenziell zu einer Zunahme ihres Anteils am
Gesamtvermögen führen wird. Gleichzeitig wird aber in der
BVV 2 die Kategorienlimite für alternative Anlagen von 15%
nicht angepasst. Die Folge davon ist eine indirekte Limitie­
2.1.2 Spezialfall: Klassifizierung als Bond-Portfolio. Grundsätzlich
müssen Portfolios zum Zweck der Kontrolle der Einhaltung
der BVV 2 in traditionelle und alternative Teile aufgesplittet
werden. Gemäss Art. 53 Abs. 1 lit. b Ziff. 9 BVV 2 können je­
doch unter gewissen Voraussetzungen ganze Bond-Portfo­
lios als eine traditionelle Forderung klassifiziert werden,
selbst wenn darin alternative Anlagen vorhanden sind. Eine
Aufteilung des Portfolios in traditionelle und alternative Ele­
mente entfällt damit. Das Abstellen auf Ziff. 9 kann entspre­
chend erhebliche Erleichterungen bringen, die Beurteilung
der möglichen Anwendung ist jedoch höchst herausfordernd.
Zunächst muss sich das Bond-Portfolio auf einen gebräuch­
lichen, breit diversifizierten und weit verbreiteten Bond-In­
Abbildung 2: FALLBEISPIEL – ANLEIHEN IM JUNK-BOND-STATUS
Fragestellung
Lösung
Handelt es sich bei nachfolgendem Bond um eine traditionelle
Forderung oder um eine alternative Anlage?
 Emittent: Hard Mining Ltd
 Kurs: 57%
 Restlaufzeit: 3 Jahre 10 Monate
 Coupon: 7,25%
 Rückzahlung: zum Nominalwert, keine Besicherung
 Währung: Liberia Dollar
 R ating: CC S&P
(highly vulnerable to nonpayment)
Traditionelle Forderung
 Art. 53 Abs. 1 lit. b Ziff. 4 BVV [2] ( traditionell sind Anleihens­
obligationen, einschliesslich solcher mit Wandel- oder
Optionsrechten)
 Das Rating des Investments hat keinen Einfluss auf die
Klassifizierung.
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Abbildung 3: FALLBEISPIEL – DARLEHEN AN DIE ARBEITGEBERFIRMA
Fragestellung
Lösung
Ist folgendes Darlehen als traditionelle Forderung oder als
alternative Anlage zu bilanzieren?
 Blanko-Darlehen von CHF 10 Mio. an Arbeitgeber
(Fredy Hinz Motoren AG)
 Konditionen ( at arm’s length gegeben):
5 Jahre, 3,5% Zins, Rückzahlung zu 100%, keine Sicherheiten
 Bilanz Vorsorgeeinrichtung: CHF 500 Mio. verfügbares
Vermögen (= Bilanzsumme minus Verbindlichkeiten minus
Passive Rechnungsabgrenzung), CHF 20 Mio. Freie Mittel
 Keine Vorbehalte zur Gewährung dieses Darlehens/Bestim­
mungen in BVV 2 und Anlagereglement eingehalten
Alternative Anlage
 Art. 53 Abs. 1 lit. b Ziff. 7 BVV 2
( traditionell sind Schuldanerkennungen von schweizeri­
schen öffentlich-rechtlichen Körperschaften) i. V. m. Art. 53
Abs. 3 BVV 2 ( alles, was nicht explizit traditionell ist, ist
alternativ)
 Dieses Darlehen wäre nur traditionell, wenn der Arbeitgeber
eine öffentlich-rechtliche Körperschaft wäre.
Hinweise:
 Anlagen beim Arbeitgeber sind in der Bilanz mit allen Bestand­
teilen (Forderungen, Beteiligungen, alternative Anlagen usw.)
separat auszuweisen (Swiss GAAP FER 26/7, Ziff. A). In der im
Anhang der Jahresrechnung verlangten Darstellung der Ver­
mögensanlagen nach Anlagekategorien (Swiss GAAP FER 26/9,
Ziff. VI) sowie für die Beurteilung der Einhaltung der BVV2-Kategorienbegrenzungen sind Anlagen beim Arbeitgeber je­
doch nicht als eigenständige Anlagekategorie zu betrachten,
dex beziehen, was einen grossen Auslegungsspielraum zu­
lässt. Indizes, die von international etablierten Fondsanbie­
tern (z. B. Barclays) publiziert werden sowie länderspezifische
Bondindizes (z. B. Swiss-Bond-Index) dürften diese Kriterien
erfüllen. Des Weiteren muss das Portfolio tatsächlich auf
den deklarierten Index ausgerichtet sein. Bei einem passi­
ven Anlagestil wird dies in der Regel einfach nachzuweisen
sein. Bei einem aktiven Management ist das Ganze nicht
mehr so eindeutig. Gemäss Bundesamt für Sozialversicherungen
(BSV) muss bei aktiv verwalteten Portfolios das Rendite- und
Risikoverhalten ähnlich zum Index sein, und der Anteil an
­alternativen Forderungen im Portfolio darf nicht um mehr
als fünf Prozentpunkte höher sein als im Referenzindex [5].
Das aktiv verwaltete Portfolio darf ergänzende traditionelle
Forderungen enthalten, die nicht im Index sind, nicht je­
doch zusätzliche alternative Forderungen.
sondern müssen unter die entsprechenden Anlagekategorien
gemäss Art. 53 BVV 2 subsummiert werden.
 Nicht zu den Anlagen beim Arbeitgeber und damit nicht zu den
alternativen Forderungen zählen Beitrags- und Kontokor­rent­
forderungen, solange diese aufgrund ihrer Höhe bzw. Zah­
lungsfrist keinen Finanzierungscharakter aufweisen. Solche
Forderungen sind Teil des operativen Vermögens und nicht der
Vermögensanlagen.
In der praktischen Anwendung bedeutet dies, dass ein aktiv
verwaltetes Portfolio nach verschiedenen Kriterien analy­
siert werden muss. Zunächst muss jede darin enthaltene Po­
sition im Sinne der BVV 2 als traditionell oder alternativ klas­
sifiziert werden. Dies stellt den eigentlichen Knackpunkt
dar, weil die entsprechende Information in den üblichen Fi­
nanzportalen nicht verfügbar ist. Das Gleiche muss für die
im Index enthaltenen Forderungen gemacht werden. Auf­
grund dessen kann dann beurteilt werden, ob der Anteil al­
ternativer Instrumente im Portfolio nicht um mehr als fünf
Prozentpunkte höher ist als im Index und ob es alternative
Positionen im Portfolio gibt, die nicht im Index enthalten
sind.
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Beurteilung
der Klassifizierung eines Portfolios anspruchsvoll und auf­
wendig ist, wenn die notwendigen Angaben und Bestätigun­
Abbildung 4: FALLBEISPIEL – HYPOTHEKARDARLEHEN FÜR AUSLÄNDISCHE LIEGENSCHAFTEN
Fragestellung
Lösung
Ist folgendes Hypothekardarlehen als traditionelle Forderung
oder als alternative Anlage zu bilanzieren?
 Hypothekardarlehen von CHF 0,4 Mio. an Wolfbert Krüger
für dessen Liegenschaft in Baden-Württemberg/D
 Besicherung: Grundpfandrecht über EUR 0,6 Mio.
 Verkehrswert Liegenschaft: CHF 1 Mio.
Alternative Anlage
 Art. 53 Abs. 1 lit. b Ziff. 6 BVV 2
( traditionell sind «schweizerische Grundpfandtitel» und
nicht ausländische) i. V. m. Art. 53 Abs. 3 BVV 2 ( alles was
nicht explizit traditionell ist, ist alternativ)
 Ausländische Hypotheken gelten immer als alternative
Anlagen.
Hinweis:
Ausländische Pfandbriefe gelten gemäss BSV als klassische Forde­
rungen, wenn sie sich als besicherte Anleihen gemäss Art. 53
Abs. 1 lit. b Ziff. 5 BVV 2 qualifizieren. Der Emittent/Schuldner/
Kreditgeber und das Pfand müssen gemeinsam für die Erfüllung
der Schuld haften, was bei Schweizerischen Pfandbriefen gegeben
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ist. Es dürfen insbesondere keine Forderungen sein, die den
Charakter von Asset Backed Securities haben oder im Rahmen
eines Risikotransfers an eine Zweckgesellschaft ausgelagert
­w urden [7].
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Abbildung 5: FALLBEISPIEL – PASSIVE BOND-INDEX-ANLAGEN
Fragestellung
Lösung
Ist folgender Anlagefonds als traditionelle Forderung oder als
alternative Anlage zu bilanzieren?
 Bank XY CH-CHF Bonds Tracker-Z
 Benchmark: Swiss-Bond-Index (SBI), Tracking Error: 0,07%
(Dezember 2015)
 Anlageziel: Durch Replikation eine vergleichbare Performance
wie der SBI erzielen. Dazu Anwendung eines Sampling-An­
satzes, um die Abweichungen (Tracking Error) zu minimieren.
 Auszug Fondsvertrag/§ 13. Aufnahme und Gewährung von
Krediten/Ziff. 2 (Februar 2015): «Die Fondsleitung darf
für höchstens 25% des Nettovermögens eines Teilvermögens
vorübergehend Kredite aufnehmen.»
Grundsätzlich handelt es sich bei diesem Fonds als Folge von
Art. 53 Abs. 5 BVV 2 um eine alternative Anlage, da die Möglich­
keit zur Kreditaufnahme (= Hebel) besteht.
gen nicht vom Asset Manager geliefert werden. Gerade aus­
ländische Anbieter bekunden hier grosse Mühe, den Sinn
der Schweizer Vorschriften zu verstehen.
2.1.3 Erweiterung Anlagemöglichkeiten gemäss Art. 50 Abs. 4 BVV 2.
Sobald eine einzelne Forderung als alternative Anlage ein­
gestuft wird, müssen die Erweiterungsmöglichkeiten von
Art. 50 Abs. 4 BVV 2 in Anspruch genommen werden. Alter­
native Anlagen dürfen gemäss Art. 53 Abs. 4 BVV 2 nur mit­
tels diversifizierter kollektiver Anlagen, diversifizierter Zer­
tifikate oder diversifizierter strukturierter Produkte vor­
genommen werden. Einzelne Forderungen erfüllen dieses
Diversifikationserfordernis nicht. Die Vorsorgeeinrichtung
ist folglich gezwungen, auf den Erweiterungsartikel zurück­
zugreifen und im Anhang der Jahresrechnung schlüssig
darzulegen, dass auch die nicht diversifizierte alternative
Anlage den Anforderungen an Sicherheit und Risikovertei­
lung (Art. 50 Abs. 1–3 BVV 2) genügt. Die Erweiterungsmög­
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Allerdings gilt es festzustellen, dass solche Klauseln für eine
temporäre Fremdverschuldung in schweizerischen und ausländi­
schen Anlagefonds üblich sind. Entsprechend wären alle diese
Fonds infolge des Hebelverbots als alternative Anlagen zu
betrachten. Diese enge Auslegung steht u.E. im Widerspruch zu
Art. 53 Abs. 1 lit. b Ziff. 9 BVV 2. Daher erscheint die Klassifizie­
rung als traditionelle Anlage als vertretbar.
lichkeiten müssen im Anlagereglement explizit vorgesehen
sein.
2.1.4 Darstellung in der Jahresrechnung. Die BVV 2 beinhaltet
keine Gliederungsvorschriften für die Jahresrechnung, son­
dern verweist diesbezüglich in Art. 47 Abs. 2 BVV 2 auf den
Standard Swiss GAAP FER 26. Gemäss Swiss GAAP FER 26
sind für die Darstellung der Vermögensanlagen in der Bilanz
individuelle Ordnungskriterien, Gliederungen und Bezeich­
nungen zu bestimmen und stetig anzuwenden (Swiss GAAP
FER 26/7, Ziff. A).
Bei der von Swiss GAAP FER 26 im Anhang der Jahresrech­
nung verlangten «Darstellung der Vermögensanlage nach
Anlagekategorien» (Swiss GAAP FER 26/9, Ziff. VI) erfolgt
die Gliederung des Vermögens üblicherweise nach den An­
lagekategorien, die durch das Anlagereglement vorgegeben
werden. Die Tabelle dient entsprechend dem Nachweis der
Einhaltung der Anlagebandbreiten gemäss Anlagereglement.
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Die im Anlagereglement vorgegebenen Ordnungskriterien
können allerdings von den Vorgaben der BVV 2 abweichen,
etwa wenn das Anlagereglement eine andere Definition von
« Schwierigkeiten in der
Umsetzung bietet in erster Linie
die Abgrenzung zwischen
traditionellen Forderungen und
alternativen Anlagen.»
traditionellen und alternativen Forderungsinstrumenten
beinhaltet. Zum Zweck des Nachweises der Einhaltung der
BVV-2-Anlagevorschriften wird daher sinnvollerweise eine
separate Aufstellung erstellt. Im Sinne einer weitergehenden
Information kann eine pauschale Aussage zur Einhaltung
der BVV-2-Anlagevorschriften (gegebenenfalls mit Verweis
auf die Inanspruchnahme der Erweiterungsmöglichkeiten
gemäss Art. 50 Abs. 4 BVV 2) in den Anhang aufgenommen
werden. Für die Nachvollziehbarkeit einer solchen Aussage
ist es unter Umständen angezeigt, zusätzliche Angaben
oder Aufstellungen einzufügen.
2.2 Mindestanforderungen für die Wertschriftenleihe.
In Art. 53 Abs. 6 BVV 2 wird auf das Kollektivanlagengesetz
(KAG) verwiesen, wo bereits seit Längerem Mindeststan­
dards zur Wertschriftenleihe bestehen. Detaillierte Vorgaben
finden sich jedoch erst auf der darauf basierenden Kollektivanlagenverordnung-Finma (KKV-Finma). Die KKV-Finma ent­
hält unter anderem Vorgaben zum Mindestinhalt des Ver­
trags, zur Sicherstellung und Qualität der Sicherstellung, zu
Pflichten der Depotbank sowie zu weiteren Punkten. Damit
fliesst in die BVV 2 ein, was die Aufsichtsbehörden seit eini­
gen Jahren von den Vorsorgeeinrichtungen verlangen.
2.3 Explizite Verankerung des Hebelverbots. Mit Art. 53
Abs. 5 BVV 2 wird das für die Sicherheit der Anlagen zent­
rale Hebelverbot explizit aufgeführt und – mit wenigen Aus­
nahmen – auch auf Stufe der einzelnen Anlageprodukte ver­
ankert. Das Hebelverbot konnte bereits bisher aus Art. 56a
Abs. 4 BVV 2 abgeleitet werden (Verbot der Erzeugung einer
Hebelwirkung durch Einsatz von derivativen Finanzinstru­
menten), jedoch wurde der Geltungsbereich in der Auslegung
teilweise als beschränkt auf das Gesamtvermögen angesehen.
Zusammen mit dem neu stipulierten Hebelverbot werden
in Art. 50 Abs. 4 BVV 2 Anlagen mit Nachschusspflichten ex­
plizit verboten. Nicht als Nachschusspflicht gilt eine im Vor­
Anmerkungen: 1) Der Einsatz von Credit Default
Swaps im Zusammenhang mit klassischen Anlei­
hen führt dann zur Klassifizierung als alternative
Anlage, wenn mittels dieser Kreditderivate engage­
ment-erhöhend (risikoreichere) synthetische For­
derungen konstruiert werden. Hingegen bleiben
klassische Anleihen traditionelle Forderungen,
wenn Kreditderivate engagement-reduzierend zur
Absicherung eingesetzt werden (vgl. Mitteilungen
über die berufliche Vorsorge Nr. 138, Ziff. 915, S. 8,
Frage 5). In dieser Differenzierung kann durchaus
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aus festgelegte Investitionssumme, die über eine definierte
Frist abgerufen werden kann (sog. offene Kapitalzusage). Das
Verbot der Nachschusspflicht bedeutet, dass das Verlustpoten­
zial einer Anlage zwingend auf das ins jeweilige Vehikel in­
vestierte Kapital beschränkt sein muss. Eine Ausnahme be­
steht lediglich für den Fall, wenn im Rahmen einer temporä­
ren Fremdfinanzierung mittels Belehnung einzelner Immo­
bilien der Verkehrswert der Immobilie um mehr als 70%
sinkt [6]. Die Möglichkeit zur temporären Fremdfinanzie­
rung bleibt auf maximal 30% des Verkehrswerts der Immo­
bilie beschränkt, neu allerdings ohne Möglichkeit zur Erwei­
terung der Belehnungsgrenze unter Inanspruchnahme von
Art. 50 BVV 2.
3. UMSETZUNGSFRAGEN: FALLBEISPIELE
Die Abgrenzung zwischen traditionellen Forderungen und
alternativen Anlagen ist nicht immer eindeutig. Als Hilfs­
mittel bei Auslegungsfragen stehen namentlich die folgen­
den Dokumente zur Verfügung:
 Mitteilungen über die berufliche Vorsorge Nr. 138, Ziff. 915
(BSV, 16. März 2015);  Leitfaden zu den neuen BVV-2-Anla­
gevorschriften (Schweizerischer Verband der Anlageexper­
ten und Investment-Consultants in der Beruflichen Vorsorge
[SWIC], Januar 2016).
In den Abbildungen 2 bis 5 sind Fallbeispiele zu Abgrenzungs­
fällen dargestellt, die in der Praxis häufig anzutreffen sind.
Neben der konkreten Fragestellung finden sich entspre­
chende Lösungsvorschläge.
4. FAZIT
Die neuen BVV-2-Anlagevorschriften sind eine Reaktion des
Gesetzgebers auf die im Rahmen der Finanzkrise 2008 fest­
gestellten Problembereiche und bringen in verschiedenen
Bereichen Verschärfungen mit sich. Schwierigkeiten in der
Umsetzung bietet in erster Linie die Abgrenzung zwischen
traditionellen Forderungen und alternativen Anlagen. Die
Grenzziehung ist hier in verschiedenen Fällen nicht eindeu­
tig. Dies akzentuiert sich dadurch, dass die in der BVV 2 sti­
pulierten Abgrenzungskriterien sonst nirgends auf der Welt
zur Anwendung gelangen und die internationale Finanz­
industrie daher nicht darauf vorbereitet ist. Aufgrund der
unterschiedlichen Auslegungs- und Interpretationsmög­
lichkeiten ergibt sich für die Vorsorgeeinrichtungen ein ge­
wisser Spielraum in der Anwendung. Dem Prüfer kommt
hierbei mitunter die Funktion eines Schiedsrichters zu, der
beurteilen muss, ob mit der Ausnützung des Spielraums die
gesetzlichen Vorgaben noch eingehalten sind oder nicht. n
eine gewisse Inkonsistenz gesehen werden. 2) Vgl.
Mitteilungen über die berufliche Vorsorge Nr. 138,
Ziff. 915, S. 12–21. 3) Unter Anleihensobligationen
im Sinne der BVV 2 werden Wertpapiere verstan­
den, die an einer Börse kotiert sind oder an einem
anderen geregelten, dem Publikum offenstehen­
den Markt gehandelt werden. 4) Vgl. dazu Fallbei­
spiel in Abbildung 3. 5) Vgl. Mitteilungen über die
berufliche Vorsorge Nr. 138, Ziff. 915, S. 7, Frage 1.
Weiter gilt gemäss BSV ein aktiv verwaltetes Port­
folio auch dann als nicht alternativ, wenn dieses
auf einen breit diversifizierten Index ausgerichtet
ist, «welcher grösstenteils aus nichtalternativen
Forderungen gemäss Art. 53 Abs. 1 lit. b Ziff. 1–8
BVV 2 besteht». Aus dem diesbezüglichen Verweis
auf den Swiss-Bond-Index kann geschlossen wer­
den, dass der Anteil alternativer Forderungen im
Index vernachlässigbar klein (wenige Prozent) sein
muss. 6) Vgl. Mitteilungen über die berufliche Vor­
sorge Nr. 138, Ziff. 915, S. 16. 7) Vgl. Mitteilungen
über die berufliche Vorsorge Nr. 138, Ziff. 915, S. 8,
Frage 8.
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