Poetindes Designs Rückkehr derfeinen Brillen

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Poetindes Designs Rückkehr derfeinen Brillen
NZZ am Sonntag
28. August 2011 Das Magazin für Lebensart
Rückkehr
derfeinen
Brillen
Poetindes
Designs
12
Hier klingt der
Sommer aus:
Die schönsten
Indian-SummerDestinationen
28
IWC greift mit
ihrem neuen
Zeitmesser
«Sidérale»nach
den Sternen
35
Bunt, süss,
prickelnd,
frisch. Zehn
Limonaden
im Test
22
Stilradar
Gestrickte
Organeund
gesunde
Granaten
Sarah Illenbergers Illustrationen zieren
die renommiertesten Magazine. Nun
erscheint eine Monografie ihrer Arbeiten
W
er hat sich nicht schon
ins Gras gelegt und
furchterregende Gestalten in die Wolken projiziert. Oder ganz zur Freude der
eigenen Eltern aus Kartoffelstock
und Bratensauce aktive Vulkane
und ausufernde Flusslandschaften
geformt? Die Welt hat mehr zu
bieten, wenn man sie einer fantasievollen Betrachtung unterzieht
und auch einmal ein Kleid sieht, wo
eigentlich Salat hängt, oder in einem
Haufen Wolle ein menschliches
Hirn zu erkennen vermag.
Eine, die sich professionell mit
der Ambivalenz und Vielschichtigkeit alltäglicher Gegenstände und
Erscheinungsformen auseinandersetzt, ist Sarah Illenberger. Für
Zeitschriften, Werbeproduktionen
und freie Arbeiten arrangiert die
Illustratorin schon einmal Pillen und
Tabletten zu einem Porträt mit dem
Titel «Alltagsdoping», drapiert eine
aufgeschnittene Artischocke kunstvoll zu einen breiten Malerpinsel
oder verwandelt einen Granatapfel
in eine Handgranate. Sie schaut sehr
genau hin, übersetzt Farben, Formen
und Texturen eines Gegenstands
in einen völlig anderen und schafft
damit überraschende Analogien und
Kontraste.
Entgegen einer konventionellen
Vorstellung der Illustration als
zweidimensionale Zeichnung oder
Collage bedeutet Illustrieren für
Sarah Illenberger «Themen und
Inhalte in Bilder zu fassen», völlig
unabhängig von Technik, Material,
Dimension. Als es beispielsweise darum ging, ein aufwendiges
Chili-con-Carne-Rezept für das
«Enroute»-Magazin zu illustrieren,
scheute sie keinen Aufwand und
Oben: Auf Tuchfühlung,
«SZ-Magazin» (2010).
Links: Die Salatlüge,
«SZ» (2006), und
Modegemüse,
«Neon» (2009).
anzeige
schön:
das bett gioia
von interio.
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799.–
«Bilder sollten organisiert
sein, damit man sie
auch lesen kann»: Chili
con Carne, «Enroute»Magazin (2008).
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28. August 2011 | NZZ am Sonntag | 15
Stilradar
Die Monografie «Sarah
Illenberger» ist ab
September im GestaltenVerlag erhältlich;
www.gestalten.com.
elterlichen Estrich lagern. Während
ihres Grafikdesignstudiums an der
renommierten Londoner Kunstschule Central Saint Martins musste
Sarah Illenberger dann schnell einmal feststellen, dass ihr die Handarbeit mehr lag als die Gestaltung mit
Cursor und Tastatur. Entgegen kam
ihr jedoch, dass auch die Engländer
der Entwicklung von Ideen und
Konzepten sowie einer Umsetzung
von Projekten mit einfachen, originellen Mitteln grosse Beachtung
schenkten.
Heute wird Sarah Illenberger
denn auch überwiegend für ihre
Ideen und nicht einfach als ausführende Grafikerin gebucht. Am liebsten arbeitet sie für Magazine, die ihr
einen grossen Freiraum gewähren
und mit komplexen Themen an sie
herantreten. Das Gestalten hat für
sie nie nur eine dekorative, sondern
immer auch eine inhaltliche Komponente. Offene Fragestellungen geht
sie an wie ein Rätsel. «Wenn ich das
Rätsel gelöst habe und mir meine
Arbeit ein Grinsen entlockt, weiss
ich jeweils, dass daraus etwas werden könnte», sagt Illenberger. Meist
sind in diesem Fall auch die Auftraggeber, wie die «Süddeutsche Zeitung», das Magazin der «New York
Sarah
Illenberger
nach ihrem Studium
an der Londoner Kunstund Designschule
Central Saint Martins
gründete Sarah illenberger (*1976) ein
Schmucklabel und
arbeitete bald darauf
als illustratorin und
Set-Designerin für das
deutsche Heft «neon».
Seit 2007 führt die
Münchnerin ein eigenes
Studio in Berlin-Mitte
(www.sarahillenberger.
com). (das.)
Times», «Vanity Fair» oder «Wallpaper», zufrieden mit ihrer Arbeit,
und der Art Directors Club zeichnet
sie regelmässig mit Preisen aus.
Der Berliner Verlag Gestalten hat
ihr nun gar eine Monografie gewidmet, die neben einer grossen Auswahl an Auftragsarbeiten auch einen
Überblick über ihre freien Projekte
zeigt. Alt fühlt sich die 35-Jährige
deswegen aber nicht. «Dazu hätte
das Buch schon doppelt so gross
und in Leinen eingefasst sein müssen», meint sie. Vielmehr biete ihr
das Buch eine gute Möglichkeit, ein
Kapitel zu beenden und ein neues
aufzuschlagen.
Die Gefahr, dass die Kunden
Sarah Illenberger auf ihre preisgekrönten Arbeiten behaften und
ein Abbild jener Produktionen
erwarten, ist gross. Sie versuche
deshalb immer, zu verhindern, in
eine Schublade gesteckt zu werden,
und sich einfach eine Auszeit zu
gönnen, um danach wieder etwas
Neues zu schaffen. Dazu müsse sie
manchmal allerdings ihr kreatives
Umfeld in Berlin verlassen und an
einen Ort reisen, «wo es ganz normale Menschen gibt und alles ein bisschen ‹ungehypter› zu und her geht».
David Streiff Corti
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Fotos: aus dem Buch «sarah illenBerger», verlag gestalten, anna rosa krau
Oben: «The Dunk», Nike
(2009). Mitte: Völlig
weichgekocht, «SZ»
(2009). Unten: House
Proud, «Wallpaper» (2011).
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bildete sämtliche Ingredienzien
detailgetreu in Papier nach. «Ein
fehlender Realismus, vor allem
in Bezug auf die Umsetzung von
Projekten, führt bei mir oft zu span­
nenden Lösungen», sagt Illenberger
und erzählt von ihrer momentanen
Idee, ein Schaufenster für Hermès
mit 10 000 Seidenpapierkügelchen
zu dekorieren. Ihre Praktikantinnen
seien nun seit drei Wochen mit der
Produktion der Kügelchen beschäf­
tigt. Sie gibt unumwunden zu, dass
sie wohl viele Aufträge ganz anders
konzipiert hätte, wenn ihr bewusst
gewesen wäre, wie aufwendig diese
würden. Wichtig sei ihr aber das
Authentische an ihren Handarbei­
ten, die Poesie des Fehlerhaften, die
durch kein Grafikprogramm ersetzt
werden könne.
Damit steht Sarah Illenberger
allerdings nicht alleine da. Die oft als
dreidimensionale Illustration oder
Grafik bezeichnete Arbeitsweise, die
sich aus Grafikdesign, konventio­
neller Illustration, Interior Design
und viel Handarbeit zusammensetzt,
erfreut sich seit einiger Zeit grosser
Beliebtheit. Den meisten Illustra­
toren geht es um eine Abkehr von
der hoch ästhetisierten, sauberen
und oft emotionsfreien Grafik, die
seit den neunziger Jahren immer
ausgeprägter wurde und stilistische
Standards setzte. 3­D­Illustrationen
wirken hingegen oft viel lebendiger,
zugänglicher und transportieren
ein authentischeres Lebensgefühl.
Sarah Illenberger sieht sich aber
keineswegs als Vertreterin und trotz
ihren stilbildenden Arbeiten für das
Magazin «Neon» schon gar nicht als
Ursprung eines Trends. Für sie liegt
die Stärke dieser Arbeitsweise in
der Vermischung einer inhaltlichen
Auseinandersetzung mit einer for­
malen Umsetzung, die die Leute auf
verschiedenen Ebenen anspreche
und deshalb auch bei einem brei­
ten Publikum auf Interesse stosse.
Allerdings habe sie schon immer so
gearbeitet, nicht zuletzt, weil sie nie
eine grosse Freundin des Computers
gewesen sei. «Momentan treffe ich
wohl einfach den Zeitgeist», sagt
Illenberger, «aber das kann sich
auch wieder ändern.»
Das Basteln hat bei ihr vielmehr
eine genetische Komponente. Sie
ist zwischen der Werkstatt ihrer
Mutter, die Schmuck hergestellt und
in München ein Juweliergeschäft
geführt hat, und dem Restaurant
ihres Vaters, einem Treffpunkt
für Künstler und Kreative, aufge­
wachsen. «Obwohl es noch kein
Baby­Yoga gab, wie es den Kindern
der Kreativszene im Prenzlauer
Berg angeboten wird, habe ich mich
nie gelangweilt», sagt Illenberger.
Sie habe sich einfach eine eigene
Welt gebaut und unzählige Dinge
kreiert, die noch heute auf dem
noch schöner:
weiterblättern
im neuen buch
von interio.
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28. August 2011 | NZZ am Sonntag | 17

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